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Full text of "Die strafgesetzgebung, der gegenwart in rechtsvergleichender darstellung"

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DIE  STRAFGESETZGEBÜNG  DER  GEGENWART. 


DIE 


STRAFGESETZGEBUNG 


DER 


GEGENWART 


IN 


RECHTSVEMLEICHENDER  DARSTELLUNG. 


HERAUSGEGEBEN 


VON  DER 


INTERNATIONALEN  KRIMINALISTISCHEN  VEREINIGUNG. 


II.  BAND: 

DAS  STRAFBECDT  DER  AUSSEREÜROPÄISCHEN  STAATEN. 


BERLIN  1899. 
VERLAG  VON  OTTO  LIEBMANN, 

BUCHHANDLUNG  FÜR  RECHTS-  UND  STAATSWISSENSCHAFTEN. 

W.  LLTZOWSTRASSE  27. 


c 


DAS  STKAFEECHT 


DEB 


AÜ8SEREÜR0PÄISCHEN  STAATEN. 

NEBST  EINEM  ANHANGE: 
NACHTRÄGE  ZUM  ERSTEN  BAND: 

DAS  STRAFKECHT  DER  STAATEN  EUROPAS 

1893—1898. 


IM  AUFTRAGE  DER 

INTERNATIONALEN   KRIMINALISTISCHEN  YEßEINIGUNG 

UNTER   MITWIRKUNG   VON 
B.  Aliicbna,  Nkapkl  —  J.  H.  Bbalb,  Gaiibeudor,  Mass.  —  L.  W.  G.  van  den  Bbrq,   Dblft   —  L.  Borno, 

PORT-AU-PRINCB    —  M.   BüRCHARD,   KömOSBBRG  i.   Pr.  —  G.  BURBSCHy  HiLDBSHBIM    —  F.   ByL,  AMSTERDAM   — 

K.  DicKXL,  Berlin  —  P.  Dorado,  Salamanca  —  E.  Bisbnuann,  Paris  —  L.  Faybr,  Budapest  —  J.  Fors- 
MAN,  Hblsinopors  —  8t.  Gabuzzi  ,  Bellikzona  —  A.  Gautibr,  Genf  —  B.  Getz  ,  Kristiania  —  G.  A. 
VAN  Hambl,  Amsterdam  —  K.  Hiller,  Graz  —  H.  Jaspar,  Brüssel  —  Josefowitsch,  Belgrad  ~  E.  Krebs, 
Peking  —  K.  A.  Kypriades,  Athen  — G.  Lb  Poittbvin,  Paris  —  L.  Loenholh,  Tokio  —  M.  G.  Mabtinez, 
MoNTBViDBO  —  F.  OcHOA ,  Maracaibo  —  E.  Olrik  ,  Kopenhagen  —  H.  A.  D.  Phillips  ,  Monghyr  — 
N.  PiJbBRO,  Santiago  —  A.  Poujol,  Port-au-Princb  —  H.  de  Rolland,  Monaco  —  E.  Rosbnfeld,  Halle  — 
A.  G.  Sara  VIA ,  Guatemala  —  A.  Schiscuilbnxo  ,  St.  Petersburg  —  M.  St.  Schischmanow  ,  Belgrad  — 
E.  Schtjbter,  London  —  H.  von  Sbbfeld,  Berlin  —  B.  Sblya,  Managua  —  H.  I^uffert,  Bonn  — 
K.  Frbibbrrn  von  Stengel,  München  —  J.  Tanoviceano,  Jassy  —  J.  J.  Tavares  de  Medeiros,  Lissabon 
—  A.  Teichmann,  Basel  —  A.  Ucl^,   Tegucigalpa  —  W.  UppstrOm,   Stockholm  —  B.  Vera,   Santiago  — 

J.  Vieira  de  Araujo,  Recifb  —  M.  J.  Wesnitsch,  Belgrad, 

HERAUSGEGEBEN  VON 

Dr.  FRANZ  VON  LISZT,        und  Dr.  GEORG  CRÜSEN, 

O.  Ö.  PROFESSOR  AN  DER  UNIVERSITÄT  HALLK,  QERICItTSASSBBSOR  IM  KÖNIGLICM  PRKDSSISCIIBK 

JV8TIKMINI8TEEIUM  ZU  BERLIN. 


BERLIN  1899. 
VERLAG   VON   OTTO   LIEBMANN, 

BÜCHHANDLUNG  FÜR  RECHTS-  UND  STAATSWISSENSCHAFTEN. 

W.  LÜTZOWSTRASSK  tl. 


l    l. 


Die  Verlagsbuchhandlung  behält  sich  das  Übersetzungsi'echt  und  alle  anderen  Kechte  auf  das 

ganze  Werk,  wie  auf  einzelne  Teile  desselben,  ausdrucklich  vor. 


i  /^.  :^jt^  d,  /9o/. 


VERZEICHNIS  DER  MITARBEITER 

DES  ZWEITEN  BANDES. 


A  LIM  ENA,  Dr.  Bern.,  Professor  an  der  Universität  Neapel. 

Beale,  Joseph  H.,  Professor  an  der  Haryard-Universität  Cambridge,  Mass. 

Bebg,  Dr.  L.  W.  C.  van  den,  Professor  des  mohammedanischen  Rechts,  Delft. 

BoRNO,  Louis,  Professor  an  der  Rechtsschule  zu  Port-au-Prince. 

Burchabd,  Dr.  Max,  Regierungsassessor,  Königsberg  i.  Pr. 

BuRESCH,  Dr.  Gustav,  Gerichtsassessor,  Hildesheim. 

Byl,  Dr.  jur.  P.,  Amsterdam. 

Grusen,  Dr.  GeoRo,  Gerichtsassessor,  Berlin. 

DicKEL,  Dr.  Karl,  Amtsgerichtsrat  und  Lehrer  an  der  Forstakademie  in  Eberswalde,  Berlin. 

DoRADO,  Dr.  Pedro,  Professor  an  der  Universität  Salamanca. 

Eisenmann,  Ernst,  Gerichtsassessor  a.  D.,  Advokat,  Paris. 

Fayer,  Dr.  Ladislaus,  Professor,  Budapest. 

FoRSMAN,  Dr.  Jaakko,  Professor  an  der  Universität  Helsingfors. 

Gabuzzi,  Stefano,  Advokat  und  Notar,  Bellinzona. 

Gautier,  Dr.  Alfred,  o.  Professor  an  der  Universität  Genf. 

Getz,  Dr.  B.,  Oberreichsanwalt,  Kristiania. 

Hamel,  Dr.  G.  A.  van,  o.  ö.  Professor  an  der  Universität  Amsterdam. 

Hill  er,  Dr.  K.,  Regierungsrat,  o.  ö.  Professor  an  der  Universität  Graz. 

Ja  SPAR,  Dr.  Henri,  Advokat,  Brüssel. 

Josefowitsch,  Dr.,  Belgrad. 

Krebs,  Dr.  jur.  Emil,  Peking. 

Kypriades,  Dr.  Konst.  A.,  Advokat,  Athen. 

Le  Poittevin,  Dr.  Gustave,  Untersuchungsrichter  am  Tribunal  de  la  Seine,  Chefredakteur 
des  Journal  des  Parqueta,  Paris. 

LiszT,  Dr.  Franz  von,  Geh.  Justizrat,  o.  ö.  Professor  an  der  Universität  Halle  a.  S. 

LoENHOLM,  Dr.  L.,  Landgerichtsrat,  Professor  an  der  Universität  Tokio. 

Martinez,  Martin  C,  Professor  des  Strafrechts  an  der  Universität  Montevideo. 

OcHOA,  Dr.  Francisco,  Universitätsprofessor  und  Anwalt  in  Maracaibo. 

Olrik,  Eyvind,  Kopenhagen. 

Phillips,  H.  A.  D.,  Bezirksrichter  in  Monghvr  (Bengalen). 

PiNERO,  Dr.  Norberto,  ehem.  Professor  des  Strafrechts  an  der  Universität  Buenos  Aires,  be- 
vollmächtigter Minister  der  Argentinischen  Republik  zu  Santiago. 

PouJOL,  Alexander,  ehem.  Geschäftsträger  in  Port-au-Prince. 

Rolland,  Hector  de,  Staatsrat  und  Generalanwalt  zu  Monaco. 

Rosenfeld,   Dr.   Ernst,    Gerichtsassessor  und  Privatdozent,  Halle  a.  S. 

Sara  via,  Antonio  Gonzalez,  Staatsrat,  Guatemala. 

Schischi LENKO,  Alexander,  Professor  des  Strafrechts  an  der  Universität  St.  Petersburg. 

Sc  HI  sc  HM  A  NO  w,  Dr.  M.  St.,  Erster  Sekretär  der  Fürstlich  Bulgarischen  diplomatischen  Ver- 
tretung zu  Belgrad,  ehem.  (ieneralsekretär  des  Fürstl.  Bulgarischen  Justizministeriums  zu  Sofia. 


VI  Verzeichnis  der  Mitarbeiter  des  zweiten  Bandes. 


Schuster,  Dr.  £bn8t,  Barrister-at-Lawi  London. 

Seefeld,  Dr.  Hermann  von,  Kegierungsaseessor,  Berlin. 

Selva,  Dr.  BuoNAVENTURA,  Präsident  des  Höchsten  Gerichtshofes  zu  Managua. 

Seuffert,  Dr.  H.,  Geh.  Justizrat,  o.  ö.  Professor  an  der  Universität  Bonn. 

Steno  EL,  Dr.  Karl  Freiherr  von,  Professor  der  Rechte  an  der  Universität  München. 

Tanoviceano,  J.,  Professor  des  Straf  rechts  an  der  Universität  Jassy. 

Tavares  de  Medeiros,  J.  J.,  Advokat,  Lissabon. 

Teichmann,  Dr.  A.,  o.  Professor  an  der  Universität  Basel. 

UcL^s,  Dr.  Alberto,  Präsident  des  Höchsten  Gerichtshofes  zu  Tegucigalpa. 

Ufpström,  Dr.  Wilh.,  Häradshöfding,  Stockholm. 

Vera,  Robustiano,  Gerichtsadvokat  und  Staatsanwalt,  Santiago  (Chile). 

Vieira  de  Araujo,  Dr.  Joao,  Professor  des  Strafrechts  an  der  Universität  Recife. 

Wesnitsch,  Dr.  Milenko  J.,  Professor,  Belgrad. 


INHALTSVERZEICHNIS. 

(Die genauen  Inhaltsübersichten  nind  der  Darstellung  der  einzelnen  Länder  vorangestellt.) 


Seite 

I.  ARGENTINIEN.    Von  Dr.  Norberto   Pinero,  bevollmächtigtem  Minister  der 

Argentinischen   Republik  zu   Santiago  (Chile).     (Übersetzung  von  Gerichts- 
assessor Dr.  Georg  Grusen,  Berlin) 1 

I.  Die  Strafgesetzgebung  bis  zum  Jahre  1863  (S.  3).  II.  Das  Strafgesetz 
vom  14.  September  1863  (S.  3).  III.  Das  Strafgesetzbuch  von  1886  (S.  4). 
IV.  Das  Spezialstrafrecht  (S.  9).  V.  Reformbestrebungen  (S.  10).  VI.  litte- 
ratur  (S.  10). 

II.  CHILE.    Von  Gerichtsadvokat  und  Staatsanwalt  Robustiano  Vera,  Santiago. 

(Übersetzung  von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin)    ....       13 

I.  Geschichtliches  (S.  15).  IL  Kodifikationsbestrebungen  (S.  15).  IIL  Der 
Ck')digo  Penal  von  1874  (S.  16).  IV.  Die  Gestaltung  des  chilenischen  Straf- 
prozesses (S.  17).  V.  Die  unbehinderte  Ausübung  der  btlrgerlichen  und 
staatsbtlrgerlichen  Rechte  (S.  18).     VI.  Litteratur  (S.  19). 

III.  ECUADOR.     Von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin 21 

litteraturübersicht  (S.  23).  I.  Geschichtliche  Einleitung  (S.  23).  IL  Das 
Strafgesetzbuch  von  1873  in  der  Fassung  vom  9.  September  1890  (S.  24). 
IIL  Das  Spezialstrafrecht  (S.  43). 

IV.  VENEZUELA.    Nach  Mitteilungen  des  Professors  und  Anwalts  Dr.  Francisco 

OcHOA,    Maracaibo,    von    Gerichtsassessor  und  Privatdozenten  Dr.  Ernst 

Rosenfeld,  Halle  a.  Saale 45 

§  1.  Geschichtlicher  Überblick  (S.  47).  §  2.  Die  Ab&ssung  des  Strafgesetz- 
buches von  1873  (S.  48).  §  3.  Der  allgemeine  Teil:  Das  Verbrechen 
(S.  49).  §  4.  Das  Strafensystem  (S.  50).  §  5.  Die  einzelnen  Verbrechen 
(S.  52).     §  6.  Die  Übertretungen  (S.  54). 

V.  PERU.     Von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin 55 

I.  Geschichtliche  Einleitung  (S.  57).  IL  Das  Strafgesetzbuch  vom  23.  Sep- 
tember 1862  (S.  57).    IIL  Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts  (S.  71). 

VI.  URUGUAY.     Von    Professor   Martin    C.  Martinez,    Montevideo.     (Über- 

setzung von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin) 73 

Litteratur  (S.  75).  §  1.  Einleitung  (S.  75).  §  2.  Der  allgemeine  Teil  des 
Strafgesetzbuches  von  1889  (S.  76).  §  3.  Der  besondere  Teil  des  Straf- 
gesetzbuches von  1889  (S.  78).     §  4.  Das  Spezialstrafrecht  (S.  79). 

VII.  PARAGUAY.    Von  Gerichtsassessor  a.  D.  Ernst  Eisenmann,  Advokat,  Paris      81 
I.  Entstehungsgeschichte  des  Strafgesetzes  (S.  83).    IL  Inhalt  des  Strafgesetz- 
buches (S.  84).    III.  Die  Grundzüge  (S.  84).     IV.  Die  einzelnen  Strafthaten 

(S.  87).    V.  Die  sonstigen  Strafgesetze  (S.  88). 


VIII  Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

YIII.  COLUMBIA.     Von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin     .    ,    .    .      89 
Litteraturtlbersicht   (S.  91).     I.    Geschichtliche    Übersicht   (S.  91).     II.  Das 
Strafgesetzbuch  vom  18.  Oktober  1890   (S.  93).     III.   Die   übrigen  Gesetze 
strafrechtlichen  Inhalts  (S.  112). 

IX.  MEXICO.     Von  Gerichtsassessor  a.  D.  Ernst  Eisenmann,  Advokat^  Paris   .     113 

§  1.  Vor  der  Kodifikation  (S.  115).  §  2.  Kodifikationen  der  Einzelstaaten 
(S.  115).  §  3.  Bundesstrafgesetzbuch  vom  7.  Dezember  1871.  —  Ent- 
stehung (S.  116).  §  4.  Ergänzungen  (S.  116).  §  5.  Geltungsbereich  des 
Bundesstrafrechts  (S.  116).  §  6.  Einteilung  des  Strafgesetzbuches  (S.  117). 
§  7.  System  des  Gesetzes  (S.  119).  §  8.  Straiarten  (S.  120).  §  9.  Straf- 
vollzug (S.  120).  §  10.  Entschädigung  des  Verletzten  (S.  121).  §  11.  Ent- 
schädigung unschuldig  Verhafteter  (S.  121).  §  12.  Amtsvergehen  (S.  122). 
§  13.  Bemerkungen  zum  allgemeinen  Teil  (S.  122).  §  14.  Sonstige  Stiuf- 
gesetze  (S.  123).     §  15.  Litteratur  (S.  124). 

X.  MITTEL- AMERIKA 125 

1.  Einleitung 127 

2.  Nicaragua.     Von  Dr.  Buonaventura    Selva,    Präsidenten    des 
Höchsten  Gerichtshofes,  Managua.     (Übersetzung  von  Gerichtsassessor 

Dr.  Georg  Grusen,  Berlin) 129 

3.  Honduras.     Von  Dr.  Alberto  Ucl^s,   Präsidenten   des  Höchsten 
Gerichtshofes    zu    Tegucigalpa.      (Übersetzung    von    Gerichtsassessor 

Dr.  Georg  Grusen,  Berlin) 133 

4.  Costa  Rica.     Von  Gerichtsassessor  a.  D.  Ernst  Eisenmann,  Ad- 
vokat, Paris 140 

5.  Guatemala.   Von  Staatsrat  Antonio  Gonzalez  Sara  via,  Guatemala 
(Übersetzung  von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin)     .    .     146 

6.  Salvador.   Von  Gerichtsassessor  a.  D.  Ernst  Eisenmann,  Advokat, 
Paris 152 

XI.  BOLIVIA.     Von  Gerichtsassessor  a.  D.  Ernst  Eisenmann,  Advokat,  Paris  .     161 

I.  Einleitung  (S.  163).  IL  Das  Strafgesetzbuch  von  1834  (S.  163).  III.  Lit- 
teratur (S.  167). 

XII.  BRASILIEN.     Unter  Benutzung  von  Mitteilungen  des  Professors  Dr.  Joao 

Vieira  de  Araujo,  Recife  (Pernambuco),  von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg 
Grusen,  Berlin 169 

I.  Bibliographie  (S.  171).  IL  Geschichtliches  (S.  172).  III.  Das  Strafgesetz- 
buch vom  11.  Oktober  1890  (S.  175).  IV.  Die  Strafnebeugesetze  (S.  191). 
V.  Reformbestrebungen  (S.  193). 

XIII.  VEREINIGTE  STAATEN    VON    AMERIKA.     Von    Professor   Joseph  H. 

Beale  in  Cambridge,  Mass.  (Übersetzung  von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg 
Grusen,  Berlin) 195 

I.  Einleitung  (S.  197).  IL  Allgemeine  Grundsätze  (S.  204).  III.  Die  ein- 
zelnen strafbaren  Handlungen  (S.  211). 

XIV.  BRITISCH-OSTINDIEN.    Von  Bezirksrichter  H.  A.  D.  Phillips,  MonghjT 

(Bengalen).    (Übersetzung  von  Gericht^iassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin)     221 

Litteratur  (S.  223).  Abkürzungen  (S.  223).  I.  Die  Entstehungsgeschichte 
des  indischen  Strafgesetzbuches  von  1860  (S.  223).  IL  Das  indische  Straf- 
gesetzbuch von  1860  (S.  226).  III.  Spezial-,  Lokal-  und  andere  Gesetze 
(S.  265). 


InhaltsverzeichniH.  IX 


Seite 

XV.  CANADA.    Unter  Benutzung  von  Mitteilungen  des  Kaiserlich  Deutschen  Aus- 

wärtigen Amtes  von  Gerichtsassessor  Dr.  Gustav  Buresgh,  Hildesheim  .    269 
I.  litteratur  (S.  271).     IL  Geschichte  und  Verfassung  (S.  272).     III.  Ge- 
setzgebung  und   Gerichtsverfassung    (S.  272).     IV.  Das    geltende    Strafrecht 
(Criminal  Code  von  1892)  (S.  27B).    V.  Andere  Gesetze  strafrechtlichen  In- 
halts (S.  276). 

XVI.  AUSTRALIEN.     Von  Gerichtsassessor  Dr.  Gustav  Buresch,  Hildesheim  .    279 

1.  Geschichtliches,    insbesondere   über   die  Entwickelung   der  Depor- 
tation       281 

2.  Neusüdwales 288 

I.  Litteratur  (S.  288).     IL  Gesetzgebung  (S.  288).     III.  Gerichtsverfassung 

und  Verfahren  (S.  288).  IV.  Das  geltende  materielle  Strafrecht  (S.  288). 
V.  Allgemeine  Grundsätze  (S.  289).  VI.  Die  wichtigsten  Gesetze  strafrecht- 
lichen Inhalts  (S.  291). 

3.  Tasmania 292 

I.  Litteratur  (S.  292).     IL  Gesetzgebung   (S.  292).     III.  Gerichtsverfassung 

und  Verfahren  (S.  292).  IV.  Geltendes  Strafrecht  (S.  293.)  V.  Strafneben- 
gesetze (S.  297). 

4.  Neuseeland 298 

I.  Litteratur  (S.  298).  IL  Gerichtsverfassung  und  Verfahren  (S.  298).  III.  Ge- 
setzgebung (S.  298).    IV.  Geltendes  Strafrecht  (Der  Criminal  Code  von  1893 

und  Nebengesetze.)  (S.  299). 

5.  Victoria 308 

I.  Litteratur  (S.  308).     IL  Gesetzgebung  (S.  308).     HL  Gerichtsverfassung 

und  Verfahren  (S.  308).  IV.  Geltendes  Strafrecht  (The  Crimes  Act  von 
1890)  (S.  308). 

6.  Queensland 318 

I.  Litteratur  (8.  318).  IL  Gesetzgebung  (S.  318).  III.  Geltendes  Straf- 
recht (S.  319). 

XVII.  DIE    KLEINEREN    BRITISCHEN    KOLONIEEN,    GOUVERNEMENTS, 

GENERALGOUVERNEMENTS,  SCHUTZGEBIETE  UND  SCHUTZ- 
STAATEN. Von  Gerichtsassessor  Dr.  Gustav  Buresch,  Hildesheim  .  329 
1.  Einleitung  (S.  331).  2.  Kolonieen  in  Asien  (S.  333).  a)  Hongkong 
(S.  333).  b)  Cypern  (S.  339).  c)  Ceylon  mit  Malediven  (S.  340).  d)  Straits 
Settlements  (S.  340).  e)  Britisch  Nordbomeo  und  Labuan  (S.  341).  3.  Ko- 
lonieen in  Amerika  (ausser  Canada)  (S.  342).  a)  Britisch  Guiana 
(Guayana)  (S.  342).  b)  Falklands-Inseln  (S.  345).  c)  Barbados  und  Wind- 
ward-Inseln  (S.  345).  d)  Trinidad  und  Tobago  (8.  346).  4.  Kolonieen 
in  Afrika  (S.  346).  a)  Goldküste  (S.  346).  b)  Kapland  mit  Dependenzen 
(S.  349).  c)  Lagos  (S.  350).  d)  Natal  mit  Sululand  (S.  350).  e)  Ascension 
und  St.  Helena  (S.  351).  f)  SieiTa  Leone  (S.  351).  g)  Gambia  (S.  351). 
h)  Die  britisch -ostafrikanische  Interessensi)hare  (Sansibar  und  Dependenzen) 
(S.  351). 

XVIII.  JAPAN.     Von  Landgerichtsrat  Professor  Dr.  L.  Loenholm,  Tokio   .    .    .     353 
I.  Einleitung   (S.  355).     IL  Der   allgemeine  Teil   des  Strafgesetzbuches  von 
1880    (S.  356).     III.    Der  besondere   Teil   des    Strafgesetzbuches   (S.  362). 

IV.  Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts  (S.  367). 

XIX.  CHINA.  Von  Dr.  jur.  Emil  Krebs,  Peking 369 

I.  Geschichtliches  (S.  371).  IL  Das  geltende  Strafrecht  (S.  372).  III.  Lit- 
teratur (S.  384). 


X  Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

XX.  DIE  DEUTSCHEN  SCHUTZGEBIETE.  Von  Professor  Dr.  Karl  Freiherrn 

VON  Stengel,  München 385 

Vorbemerkung  (S.  387).  §  1.  Die  öffentlich-rechtliche  Stellung  der  deutschen 
Schutzgebiete  (S.  387).  §  2.  Die  Strafgerichtsbarkeit  über  die  Europäer 
(Weissen)  (S.  390).  §  3.  Der  Umfang  der  Geltung  der  deutschen  Strafgesetze 
in  den  Schutzgebieten  (S.  398).  §  4.  Die  Strafrechtspfiege  über  die  Ein- 
geborenen (S.  402). 

XXI.  KONGO-STAAT.    Von  Advokat  Dr.  Henry  Jaspar,  Brüssel.  (Übersetzung 

von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Crusen,  Berlin) 407 

I.  Einleitung  (S.  409).  II.  Das  Strafi-echt  (S.  409).  III.  Bibliographie 
(S.  413). 

XXII.  SULTANAT   MAROKKO.     Nach    Mitteilungen    des    Kaiserlich    Deutschen 

Auswärtigen  Amtes 415 

XXIII.  DIE   SÜDAFRIKANISCHE  REPUBLIK    (TRANSVAAL).     Von   Dr.  jur. 

P.  Byl,  Amsterdam 419 

XXIV.  DER  ORANJE-FREISTAAT.    Von  Dr.  jur.  P.  Byl,  Amsterdam  ....    427 

XXV.  SANTO  DOMINGO  UND  HAITI 431 

1.  Santo    Domingo.     Vom    ehemaligen    Geschäftsträger   Alexander 
PoüJOL  und  Professor  Louib  Borno,  Port-au-Prince.     (Übersetzung 

von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Crusen,  Berlin) 433 

2.  Haiti.     Von  Professor  Louis  Borno,  Port-au-Prince.     (Übersetzung 

von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Crusen,  Berlin) 435 


ANHANG. 
NACHTRÄGE  ZUM  ERSTEN  BAND. 

Das   Strafrecht   der    Staaten   Europas  1893  —  1898. 

L  DEUTSCHES  REICH.   Von  Geh.  Justizrat,  Professor  Dr.  Hermann  Seuffert, 

Bonn 439 

IL  ÖSTERREICH-UNGARN 458 

1.  Österreich.     Von  K.  K.  Regierungsrat,  Professor  Dr.  Hiller,  Graz  458 

2.  Ungarn.    Von  Professor  Dr.  Ladislaus  Fayer,  Budapest  ....  459 

III.  DIE  NIEDERLANDE.  Von  Professor  Dr.  G.  A.  van  Hamel,  Amsterdam  .  462 

IV.  DIE  SKANDINAVISCHEN  LÄNDER 463 

1.  Dänemark.     Von  Eyvixd  Olrik,  Kopenhagen 463 

2.  Norwegen.     Von  Oherreichsanwalt  Dr.  B.  Getz,  Kristiania     .    .    .  468 

3.  Schweden.  Von  Häradshöfding  Dr.  Wilhelm  Uppström,  Stockholm  469 

V.  DER  RUSSISCHE  STAAT      472 

1.  Das  russische  Kaisertu m.    Von  Professor  Alexander  Schischi- 
lenko,  St.  Petersburg 472 

2.  Das    Grossfürstentum   Finnland.     Von    Professor   Dr.   Jaakko 
FoRSMAN,  Ilelsingfors 480 


InhaltsverzeichniB.  XI 


Seite 

VI.  DIE  BALKANSTAATEN 484 

1.  Bulgarien.  Vom  Ersteu  Sekretär  der  Fürstlich  Bulgarischen  diplo- 
matischen Vertretung  Dr.  M.  St.  Schischmanow,  Belgrad    ....    484 

2.  Griechenland.  Von  Advokaten  Dr.  Konstantin  A.  Kypriades, 
Athen 493 

3.  Montenegro.  Von  Aratsgerichtsrat  und  Lehrer  an  der  Forstakadeniie 

in  Eberswalde  Dr.  Karl  Dickel,  Berlin 495 

4.  Rumänien.     Von   Professor   J.  Tanoviceano,   Jassy.  (Übersetzung 

von  Regierungsassessor  Dr.  Max  Bürchard,  Königsberg  i.  Pr.)  .    .    498 

5.  Serbien.  Von  Professor  Dr.  Mtlenko  J.  Wesnitsch  und  Dr.  Jose- 
FOwiTSCH,  Belgrad 500 

VII.  DIE  SCHWEIZ 502 

1.  Die   deutsche    Schweiz    (einschliesslich    der   Bundesgesetzgebung). 

Von  Professor  Dr.  Albert  Teichmann,  Basel 502 

2.  Die  französische  Schweiz  (Kantone  Freiburg,  Waadt,  Wallis,  Neuen- 
burg, Genf).  Von  Professor  Dr.  Alfred  Gautier,  Genf.  (Über- 
setzung von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin) 514 

3.  Kanton  Tessin.  Von  Advokaten  und  Notar  Stefano  Gabuzzi, 
Bellinzona 518 

VIII.  FRANKREICH— BELGIEN— LUXEMBURG— MONACO 519 

1.  Frankreich.  Von  Untersuchungsrichter  am  Tribunal  de  la  Seine 
Dr.  Gustav  Le  Poittevin,  Paris.  (Übersetzung  von  Gerichtsassessor 

Dr.  Georg  Grusen,  Berlin) 519 

2.  Belgien.     Von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin    .    .    .  522 

3.  Luxemburg.     Von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin      .  525 

4.  Monaco.  Von  Staatsrat  und  Generalanwalt  Hector  de  Rolland, 
Monaco 526 

IX.  DIE  IBERISCHE  HALBINSEL .     526 

1.  Spanien.  Von  Professor  Dr.  Pedro  Dorado,  Salamanca.  (Über- 
setzung von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin)     .    .    .    .     526 

2.  Portugal.  Von  Advokat  J.  J.  Tavares  de  Medeiros,  Lissabon. 
(Übersetzung  von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin)     .    .     530 

X.  DIE   ITALIENISCHE   HALBINSEL.     Von  Professor  Dr.  Bernardino  Ali- 

MENA,  Neapel.     (Übersetzung  von  Regierungsassessor  Dr.  Hermann  von 
Seefeld,  Berlin)      533 

XI.  GROSSBRITANNIEN.     Von  Barrister-at-Law  Dr.  Ernst  Schuster,  London    535 

XII.  DIE  TÜRKEI.    Von  Professor  Dr.  L.  W.  C.  van  den  Berg,  Delft.    (Über- 

setzung von  Gerichtsassessor  Dr.  Georg  Grusen,  Berlin) 538 


VORWORT. 

Vier  Jahi'e  sind  seit  dem  Erscheinen  des  ersten  Bandes  unserer 
„Strafgesetzgebung  der  Gegenwart"  verstrichen.  Damals,  im  Sommer  1894, 
konnte  ich  der  Wahrheit  gemäss  versichern,  dass  das  Manuskript  des  zweiten, 
die  Strafgesetzgebung  der  aussereuropäischen  Staaten  umfassenden  Bandes 
zu  drei  Vierteilen  druckfertig  vorliege,  und  zugleich  der  zuversichtlichen 
Hoffiiung  Ausdruck  geben,  dass  die  noch  vorhandenen.  Lücken  binnen  wenigen 
Monaten  ausgefüllt  sein  würden.  Der  raschen  Fortführung  des  Werkes 
haben  sich  jedoch  Schwierigkeiten  entgegengestellt,  deren  Überwindung  erst 
in  letzter  Zeit,  insbesondere  dank  der  unermüdlichen  Thatkraft  meines  als 
Herausgeber  mitunterzeichneten  jungen  Freundes  Dr.  Georg  Grusen,  mög- 
lich war. 

Die  Aufgabe  des  zweiten  Bandes  ist,  von  der  Verschiedenheit  der 
behandelten  Länder  abgesehen,  dieselbe  wie  die  des  ersten:  die  systema- 
tische Einführung  in  die  Strafgesetzgebung  der  einzelnen  Staaten. 
Dabei  haben  wir  den  im  ersten  Bande  bereits  befolgten  und  durch  ihn 
bewährten  Grundsatz  festgehalten,  dass  jedes  Land,  wenn  irgend  möglich, 
durch  einen  seiner  Angehörigen  zu  bearbeiten  und  dass  in  dieser  Bearbeitung 
selbst  die  Eigenart  der  nationalen  Gesetzgebung  zur  anschaulichen  Dar- 
stellung zu  bringen  sei.  Wir  verdanken  diesem  Grundsatze  eine  Reihe 
interessanter  Abhandlungen,  die  gerade  deshalb  den  besonderen  Wert  der 
Ursprünglichkeit  beanspruchen  dürften,  weil  wir  unseren  Mitarbeitern  nicht, 
wie  von  vereinzelten  Beurteilern  des  ersten  Bandes  gewünscht  worden  w^ar, 
eine  gebundene  Marschroute  mit  auf  den  Weg  gegeben  hatten.  Wir  hoffen, 
dass  auch  dieses  Mal  die  weit  überwiegende  Melirheit  der  Leser  den  von  uns 
nur  im  Notfalle  verlassenen  Standpunkt  teilen  wii'd. 

Die  angestrebte  Vollständigkeit,  die  sich  von  vornherein  auf  die  Staaten 
der  Kulturgemeinschaft  beschränken  musste,  ist  im  wesentlichen  erreicht 
worden.  Nur  Persien  und  Slam  fehlen.  Für  Persien  konnten  wir  trotz 
aller  Bemühungen  einen  Mitarbeiter  nicht  finden.  Für  Siam  hatten  wii'  eine 
sehr  geeignete  Kraft  gewonnen;  aber  die  uns  gegebene  Zusage  wurde  nicht 
erfüllt.  Besondere  Schwierigkeiten  boten  die  süd-  und  mittelamerikanischen 
Staaten  einerseits,  die  Kolonieen  der  europäischen  Mächte  anderei-seits.  Für 
das  ausserordentlich  umfangreiche  Gebiet  der  spanischen  und  portugie- 
sischen Tochterrechte  in  Amerika  mit  seiner  hier  völlig  ruhenden,  dort 
sprunghaft  fortschi-eitenden  Gesetzgebung,  die  alle  Stufen  der  strafrechtlichen 
Entwickelung  von  Feuerbach  bis  auf  Lombroso,  vom  französischen  Code 
penal  bis  zum  italienischen  Strafgesetzbuch  von  1889  aufweist  —  für  dieses 
ebenso   grosse   wie   vielgestaltige   Gebiet  waren  vielfach  übei-seeische   Mit- 


XIV  Vorwort. 


arbeiter  gar  nicht,  waren  auch  teilweise  die  Gesetze  selbst  nur  nach  langen 
Bemühungen  zu  gewinnen.  Wenn  es  auch  in  einzelnen  Fällen  infolge  der 
thatkräftigen  Unterstützung  einiger  mittelamerikanischen  Regierungen  sowie 
der  diplomatischen  und  konsularen  Vertreter  mehrerer  südamerikanischen 
Staaten,  deren  ich  an  dieser  Stelle  in  aufrichtiger  Dankbarkeit  gedenken 
möchte,  uns  gelungen  ist,  geeignete  Mitarbeiter  oder  doch  wenigstens  die  not- 
dürftigsten Materialien  zu  erlangen,  so  mussten  doch  vielfach  unsere  deutschen 
Kräfte,  insbesondere  Dr.  Grusen  in  Berlin  und  Dr.  Eisenmann  in  Paris,  ein- 
springen. Diese  aber  sahen  sich  vor  die  schwierige  und  undankbare  Aufgabe 
gestellt,  den  fremdartigen  Stoff  auf  den  wenigen,  durch  geschichtliche  Einleitung 
und  Litteraturangaben  noch  mehr  beschränkten  Seiten,  die  ihnen  nach  dem  ur- 
sprünglichen Plane  des  Werkes  zur  Verfligung  gestellt  werden  konnten ,  zu 
behandeln.  Die  Leser  werden  diesen  Umstand  nicht  vergessen  dürfen, 
wenn  sie  an  die  einzelnen  Abhandlungen  den  kritischen  Massstab  an- 
legen. Für  die  überseeischen  Kolonieen  der  europäischen  Mächte 
aber  lag  die  Schwierigkeit  einmal  darin,  dass  einzelne  Mitarbeiter  des  ersten 
Bandes,  so  van  Hamel  für  die  Niederlande,  Rivifere  flir  Frankreich,  Rosenfeld 
fiir  Spanien,  das  Strafrecht  der  Kolonieen  gleichzeitig  mit  dem  des  Mutter- 
landes erledigt,  andere  dagegen,  so  Schuster  filr  Grossbritannien,  Seuffert  fiii* 
das  Deutsche  Reich,  die  Erörterung  des  kolonialen  Strafrechts  aus  ihrer 
Darstellung  ausgeschieden  hatten.  Diese  verschiedene  Behandlung  mochte 
immerhin  wissenschaftlich  durchaus  gerechtfertigt  sein;  sie  zwang  uns  doch,  den 
deutschen  Schutzgebieten  wie  den  englischen  Kolonieen  in  dem  vorliegenden 
Bande  einen  besonderen  Platz  einzuräumen.  Für  jene  ist  es  uns  gelungen, 
einem  der  besten  Kenner  des  deutschen  Kolonialrechts  die  Bearbeitung 
übertragen  zu  dürfen ;  für  diese  waren  wir  im  wesentlichen  auf  die  uns  gütigst 
gewährte  Unterstützung  des  Deutschen  Auswärtigen  Amtes  angewiesen. 
Für  diese  Unterstützung  sowohl  den  leitenden  Persönlichkeiten  in  Berlin  wie 
den  deutschen  Konsuln  im  Auslande  an  dieser  Stelle  den  aufrichtigsten  Dank 
im  Namen  der  rechtsvergleichenden  Wissenschaft  sagen  zu  können,  ist  mir  eine 
besondere  Freude.  Aber  mit  der  Beschaffung  des  Materials  war  die  Aufgabe 
nicht  erledigt.  Man  denke  sich  den  Rechtszustand,  wie  er  in  den  meisten  eng- 
lischen Kolonieen  heute  noch  besteht:  neben  dem  englischen  Common  law  eine 
kaum  übersehbare  Fülle  von  Statuten,  die  das  gemeine  Recht  abändern  oder 
ergänzen,  da  und  dort  vielleicht  eine  mehr  oder  weniger  lückenhafte  Kodi- 
fikation —  und  man  wird  ermessen  können,  wie  schwer  es  dem  Bearbeiter 
dieses  Teils  unseres  zweiten  Bandes  fallen  musste,  eine  kurze  und  doch 
übei'sichtliche  Dai-stellung  zu  geben. 

Musste  ich  bisher  auf  Lücken  und  Mängel  des  vorliegenden  Bandes 
aufmerksam  machen,  so  darf  icli  anderei'seits  auch  hervorheben,  dass  der  ur- 
sprünglich nur  auf  50  Druckbogen  berechnete  Umfang  der  systematischen  Ein- 
fiihrung  in  das  Strafrecht  der  einzelnen  Staaten  auf  83  Druckbogen  erweitert  ist, 
und  dass  in  dem  auf  Anregung  des  Verlegers  beigefligten  Anhange  unseren 
Lesern  eine  nicht  versprochene  Gabe  dargeboten  werden  konnte.   Schon  in  dem 


Vorwort.  XV 


Vorwort  zu  dem  ersten  Bande  habe  ich  darauf  hingewiesen,  dass  dieser  dui'ch 
Jahresberichte  über  die  in  Gesetzgebung  und  Wissenschaft  der  verschiedenen 
Länder  gemachten  Fortschritte  ergänzt  w^erden  solle.  Derartige  Berichte  sind 
auch  bisher  in  den  „Mitteilungen  der  Internationalen  Kriminalistischen  Ver- 
einigung" regelmässig  veröffentlicht  worden.  Das  freundliche  Entgegenkommen 
unseres  Verlegers  hat  es  ermöglicht,  in  diesem  Bande  diese  Nachträge  zu- 
sammenzufassen und  zu  ven^ollständigen.  Unser  Anhang:  ,/Das  Strafrecht 
der  Staaten  Europas  1893 — 1898"  bringt  den  ersten  Band,  von  dem  in- 
zwischen im  Verlage  der  Revista  de  Medicina  y  Cirugia  präcticas,  D.  Rafael 
Ulecia  y  Cardona  zu  Madrid  eine  spanische  Ausgabe  erschienen  ist,  auf 
die  volle  Höhe  der  Gegenwart. 

Wenn  ich  so  mit  dem  herzlichsten  Dank  an  unsere  Mitarbeiter,  ohne 
deren  opferwillige  Entsagung  auch  der  zweite  Band  unmöglich  zu  stände 
gekommen  wäre,  das  bisher  von  uns  Geleistete  der  Öffentlichkeit  übergebe, 
wendet  unwillkürlich  mein  Blick  sich  in  die  Zukunft.  Wird  es  uns  —  mir 
oder  anderen  —  vergönnt  sein,  das  Unternehmen  zum  Abschluss 
zu  bringen?  Ich  habe  nicht  den  Mut,  die  Frage  zu  bejahen.  Die  Fort- 
fuhrung des  Werkes  ist  nur  möglich,  wenn  eine  bestimmte  Zahl  von  Ab- 
nehmern des  ganzen  Werkes  sich  zusammenfindet.  Diese  Zahl  ist  nicht 
erreicht  worden.  Der  Verleger  hat  sich  trotzdem  entschlossen,  den 
zweiten  Band  der  deutschen  Ausgabe  zu  veröffentlichen.  Für  die  fran- 
zösische Ausgabe  liegen  die  Manuskripte  teilweise  druckfertig  vor;  sie  können 
nicht  gedruckt  werden,  weil  der  Unterschied  zwischen  der  erforderlichen 
und  der  erreichten  Zahl  der  Abnehmer  hier  noch  ungleich  grösser  ist  als  fui* 
die  deutsche  Ausgabe.  Die  Hauptaufgabe  aber:  das  rechtsvergleichende 
System  des  Strafrechts  selbst,  kann  unter  diesen  Umständen  überhaupt 
noch  nicht  in  Angriff  genonmien  werden. 

Ich  habe  es  für  richtig  gehalten,  diese  Sachlage  klar  festzustellen. 
Nur  wenn  es  unseren  Bemühungen  gelingen  sollte,  für  unser  rechtswissen- 
schaftliches Unternehmen  eine  staatliche  Unterstützung  oder  den  Zuschuss 
irgend  einer  gelehrten  Körperschaft  zu  erlangen,  wie  sie  in  reichstem  Masse 
geschichtlichen,  philosophischen,  naturwissenschaftlichen  Arbeiten  zu  teil  zu 
werden  pflegen  —  kann  an  die  Fortsetzung  und  den  Abschluss  des  Werkes 
gedacht  werden.  Es  wäre  verfrüht,  alle  Hoffnung  aufzugeben.  Aber  auch, 
wenn  diese  Hülfe  uns  versagt  bleibt,  ist  unsere  und  unserer  Mitarbeiter  bis- 
herige Arbeit  keine  vergebliche  gewesen.  Die  beiden  ersten  Bände  unserer 
„Strafgesetzgebung  der  Gegenwart"  bilden  ein  in  sich  geschlossenes  Ganzes, 
das  trotz  aller  Fehler  und  Mängel  einen  ehrenvollen  Platz  in  der  Geschichte 
der  Rechtswissenschaft  erringen  und  behaupten  wird.  Und  unter  allen,  die 
an  dem  AVerke  mitgearbeitet  haben,  ist  wohl  keiner,  der  nicht  in  dieser 
Zuversicht  den  voll  befi-iedigenden  Lohn  für  seine  Arbeitsleistung  erblickt. 

Halle  a.  S.,  im  Winter  1898. 

Franz  v.  Liszt 


ARGENTINIEN 


Von 

Dr.  ITorberto  Pinero, 

ehemaligem  Professor  des  Strafiechts  an  der  UniTersität  zu  Buenos  Aires, 
bevollmAchtigtem  Minister  der  Argentinischen  Bepablik  xu  SanUago  (Chile). 

(Übersetzung  aus  dem  Französischen 
von  Dr.  Georg  Grusen,  Gerichtsassessor  im  Königlich  Preussischen  Justizministerium  zu  Berlin.) 


Strafgesetzgebung  der  Gegenwart.    II. 


Übersicht. 


I.  Die  Strafgesetzgebuiig  bis  zum  Jahre  1863. 
II.  Das  Strafgesetz  vom  14.  September  1863. 

III.  Das  Strafgesetzbuch  von  1886.    1.  Entstehung.  2.  Der  allgemeine  Teil,  insbesondere 
das  Verbrechen.     3.  Das  Strafensvstem.    4.  Der  besondere  Teil. 

IV.  Das  Speziais  traf  recht. 
V.  Reformbestrebungen. 

VI.  Litteratur. 


I.  Die  Straf  ^Gesetzgebung  bis  zum  Jahre  1863. 

Solange  die  Gebiete,  aus  denen  die  Republik  Argentinien  besteht,  nur 
eine  spanische  Kolonie  waren,  galten  in  ihnen  die  spanische  Gesetzgebung  und 
die  vom  Mutterlande  für  die  amerikanischen  Besitzungen  erlassenen  Sonder- 
gesetze. ^)  Auf  die  Erlangung  der  Selbständigkeit  (im  Jahre  1813)  folgte  eine 
lange  Übergangsperiode,  welche  der  inneren  Organisation  gewidmet  war; 
während  dieser  Zeit  blieb  die  bestehende  Gesetzgebung  für  eine  Reihe  von 
Gebieten,  auch  für  das  Straf  recht,  in  Kraft.  Die  in  Spanien  zu  verschiedenen 
Zeiten  erlassenen  allgemeinen,  auch  das  Straf  recht  mit  umfassenden  Gesetz- 
bücher —  der  „Fuero  Juzgo",  der  „Fuero  Real",  die  „Partidas"  und  die 
später  mit  Gesetzeskraft  versehenen  „  Recopilaciones "  2)  —  sind  also  für  die 
Länder,  welche  sich  später  zur  Argentinischen  Republik  zusammenschlössen, 
geltendes  Recht  gewesen,  und  zwar  nicht  nui',  solange  diese  als  Kolonie  von 
Spanien  abhingen,  sondern  auch  noch  eine  Zeit  lang  nach  ihrer  Loslösung 
vom  Mutterlande. 

Das  im  Jahre  1853  erlassene,  1860  verbesserte  und  noch  jetzt  geltende 
Staatsgrundgesetz  führte  die  Bundesverfassung  ein  und  schuf  zugleich  die 
Einheit  auf  den  wichtigsten  Rechtsgebieten  (Civilrecht,  Strafrecht,  Handels- 
recht u.  s.  w.).  Das  Strafgesetzbuch  soll  daher  für  die  ganze  Nation  ein-  und 
dasselbe  sein;  da  es  aber  infolge  des  Föderativsystems  neben  dem  National- 
staat Provinzialstaaten,  neben  den  National-  (Bundes-)  Gerichten  noch  Provinzial- 
gerichte  giebt  und  das  Strafgesetzbuch  von  den  einen  wie  von  den  anderen 
anzuwenden  ist,  so  muss  es  nicht  nur  über  die  zur  Zuständigkeit  der  Bundes- 
gerichte, sondern  auch  über  die  zur  Kompetenz  der  Provinzialgerichte  gehörigen 
Delikte  Bestimmungen  treffen  (fuero  nacional  —  provincial). 

IL  Das  Strafgesetz  vom  14.  September  1868. 

Bis  1863  tritt  ein  lebhaftes  Interesse  für  die  Straf gesetzgebung  nicht 
hervor,  von  der  Ausarbeitung  irgend  welcher  Entwürfe  verlautet  nichts.  In- 
dessen erheischten  die  Unzuträglichkeiten,  welche  das  Fehlen  eines  einheitlichen 
Strafgesetzbuches  verursachte,  dringend  Abhülfe,  vor  allem  auf  dem  Gebiete 
der  zur  Zuständigkeit  der  Bundesgerichte  gehörigen  Strafsachen.  Ein  Gesetz 
hierüber  wurde  daher  am  14.  September  1863  erlassen.  Es  beschränkt  sich 
auf  die  Definition  der  von  den  Bundesgerichten  abzuurteilenden  Strafthaten 
und  die  Strafandrohungen  für  diese  und  enthält,  abweichend  von  anderen 
Strafgesetzbüchern ,  keinerlei  allgemeine  Bestimmungen  über  Zurechnung, 
Thäterschaft  und  Teilnahme,  Rückfall,  Zusammentreffen  mehrerer  Delikte  u.  s.  w. 


*)  Die  letzteren  sind  unter  dem  Titel  „Recopilacion  de  Indias"  gesammelt  worden. 
')  Vgl.  die  Darstellung  des  spanischen  Straf  rechts  von  Dr.  Ernst  Rosenfeld  in 
Bd.  1  S.  483—534. 


Argentinien.  —  II.  Das  Strafgesetz  vom  14.  September  1863. 


Da  nach  der  Verfassung  der  gesamte  Stoff  des  Gesetzes  in  dem  zu  erlassen- 
den Strafgesetzbuche  geregelt  werden  muss,  so  hat  das  Gesetz  von  1863  einen 
lediglich  provisorischen  Charakter,  ist  aber  trotzdem  noch  jetzt  in  Kraft. 

Die  darin  mit  Strafe  bedrohten  Delikte  sind:  Landesverrat,  Unternehmungen 
gegen  den  Frieden  und  das  Ansehen  der  Nation,  Seeraub,  Landfriedensbruoh 
und  Aufruhr  —  mit  anderen  Worten:  die  strafbaren  Handlungen  gegen  die 
nationale  Staatsgewalt  und  die  Verfassung;  Ungehorsam  und  andere  Angriffe 
auf  die  Bundesverwaltung,  Gefangenenbefreiung,  Verletzung  des  Briefgeheim- 
nisses und  Unterschlagung  von  Briefen,  Unterschlagung  und  Vernichtung  von 
Urkunden,  die  von  einer  Behörde  aufbewahrt  werden;  Fälschung  im  Amte, 
passive  Bestechung  und  andere  Beamtendelikte;  strafbare  Handlungen  gegen 
den  Staatsschatz. 

Die  von  dem  Gesetze  gegen  diese  Delikte  angedrohten  Strafen  sind: 
Todesstrafe,  Zwangsarbeit  von  einem  Monat  bis  zu  10  Jahren,  Gefängnis  von 
einem  Monat  bis  zu  3  Jahren  i),  Verbannung  auf  die  Dauer  von  einem  bis 
zu  10  Jahren,  Geldstrafe  von  10  bis  6000  Pesos  fuertes  (ursprunglich  50  bis 
30  000,  jetzt  etwa  25  bis  15  000  Francs),  dauernder  oder  zeitweiser  Ausschluss 
von  der  Erlangrmg  öffentlicher  Ämter  oder  Ehrenstellen,  Amtsentsetzung,  Ent- 
hebung von  Amt  und  Gehalt,  öffentlicher  und  sogar  privater  Schadensersatz.*) 
Die  am  häufigsten  vorkommenden  Straf  arten  sind:  Zwangsarbeit  und  Geld- 
strafe; sie  werden  teils  alternativ,  teils  kumulativ  angedroht.  —  Die  einfache 
Aufzählung  der  Straf  arten  ergiebt,  dass  es  dem  Gesetze  von  1863  an  einem 
wohldurchdachten,  zweckentsprechenden  Strafensystem  fehlt;  es  ist  in  dieser 
Beziehung  sehr  lückenhaft  und  giebt  beispielsweise  über  die  Art,  die  Voll- 
ziehung und  die  Wirkung  der  Strafen  (von  der  Todesstrafe  abgesehen)  keinerlei 
Auskunft,  sodass  hierüber  völliges  Dunkel  herrscht.  —  Litteratur  über  dieses 
Gesetz  ist  nicht  vorhanden. 


III.  Das  Strafgesetzbuch  von  1886. 

1.  Entstehung.  Im  Jahre  1863  wurde  Dr.  Carlos  Tejedor  mit  der 
Ausarbeitung  des  Entwurfes  eines  Strafgesetzbuches  beauftragt.  Er  überreichte 
der  Bundesregierung  einen  Teil  seiner  Arbeit  im  Dezember  1865,  den  Rest 
etwas  später.  Nach  seiner  eigenen  Angabe  hat  der  Verfasser  sein  Material 
vorzugsweise  aus  dem  bayerischen  Strafgesetzbuche  von  1813  geschöpft,  vor 
allem  für  den  ersten  allgemeinen  Teil.  Jedoch  sind  daneben,  besonders  im 
speziellen  Teil,  auch  andere  Gesetzgebungen  —  die  Strafgesetzbücher  von 
Frankreich,  Peru,  Spanien,  Brasilien  u.  s.  w.  —  berücksichtigt  worden.  Auf 
Grund  eines  Gesetzes  vom  Jahre  1868  ernannte  die  Regierung  noch  in  dem- 
selben Jahre  einen  aus  Anwälten  bestehenden  Ausschuss  zur  Prüfung  des  Ent- 
wurfes und  zur  Einreichung  etwaiger  Verbesserungsvorschläge.  Dieser  Ausschuss 
erstattete  1881  über  seine  Thätigkeit  Bericht,  nachdem  er  inzwischen  wiederholt 
seine  Mitglieder  völlig  gewechselt  hatte.  Der  von  ihm  an  Stelle  des  Tejedorschen 
vorgelegte  Entwurf  wurde  dem  Kongress  übersandt,  von  diesem  jedoch  nicht 


*)  Ausgenommen  ist  der  Fall  der  ungesetzlichen  Eintreibung  von  Geldern  mit 
Hülfe  der  bewaffneten  Macht,  wenn  der  Thäter  zahlungsunfähig  ist.  Dieser. wird  zu- 
nächst für  den  Zeitraum  von  10  Jahren  zur  Bekleidung  aller  Öffentlichen  Ämter  für 
unfähig  erklärt  und  ausserdem  mit  Gefängnis  bis  zu  4  Jahren  bestraft  (Art.  87). 

*)  Nach  Art.  23  werden  die  wegen  einfachen  Aufruhrs  Verurteilten  entweder 
2  Jahr  lang  im  Militärdienst  an  den  Grenzen  verwendet  oder  mit  einer  Geldstrafe 
von  300  Pesos  fuertes  belegt.  Der  Grenzdienst  gegen  die  Indianer  kann  danach  eine 
Strafe  bilden. 


in.    Das  Strafgesetzbuch  von  1886. 


beachtet.  Die  mit  der  Prüfung  dieser  Vorarbeiten  betraute  Gesetzgebungs- 
kommission  des  Hauses  der  Abgeordneten  arbeitete  einen  neuen  Entwurf  aus, 
der  von  dem  des  Dr.  Tejedor  in  verschiedenen,  und  zwar  wesentlichen,  Punkten 
abwich.  Die  Kommission  hatte  in  erster  Linie  das  spanische  Strafgesetzbuch 
von  1850  zum  Muster  genommen.  Dieser  Kommissionsentwurf,  den  man  als 
den  „abgeänderten  Entwurf  Tejedor"  bezeichnen  kann,  wurde  1886  zum  Ge- 
setz erhoben  und  trat  1887  in  Kraft.  Aus  dem  vorstehend  Erwähnten  ergiebt 
sich,  dass  das  bayerische  Strafgesetzbuch  von  1813  und  das  spanische  von 
1850  auf  die  Gestaltung  des  geltenden  argentinischen  Straf  rechts  den  meisten 
Einfluss  gehabt  haben. 

Die  sämtlichen  Entwürfe  sowohl  wie  das  geltende  Strafgesetzbuch  ent- 
halten keinerlei  Bestimmungen  über  die  zur  Zuständigkeit  der  Bundesgerichte 
gehörigen  strafbaren  Handlungen  (fuero  nacional).  Für  diese  gilt  noch,  trotz 
seiner  Mängel  und  seines  provisorischen  Charakters,  das  Gesetz  von  1863;  das 
von  der  Verfassung  geforderte  allgemeine  Strafgesetzbuch  ist  noch  nicht 
erlassen. 

2.  Der  allgemeine  Teil,  insbesondere  das  Verbrechen.  Das 
Strafgesetzbuch  zerfällt  in  zwei  Bücher.  Das  erste  enthält  die  allgemeinen 
Bestimmungen  über  Zurechnung,  Versuch,  Thäterschaft  und  Teilnahme,  Strafen- 
system, Einteilung,  Wirkung  und  Dauer  der  Strafe,  Straf ausschliessungs-, 
Strafmilderungs-  und  Strafschärfungsgründe,  Verjährung.  Das  zweite  Buch 
behandelt   die   einzelnen  Strafthaten  und  die  für  sie  zu  erkennenden  Strafen. 

Das  Gesetz  betrachtet  jeden  Thäter,  Teilnehmer  oder  Gehülfen  einer  straf- 
baren Handlung  zunächst  als  strafbar  und  ordnet  demgemäss  an:  „bei  der 
Ausführung  einer  nach  dem  Gesetze  strafbaren  Handlung  wird  das  Vorhanden- 
sein der  verbrecherischen  Absicht  vermutet".  Das  Gesetz  präsumiert  also  den 
Dolus,  die  vorsätzliche  Begehung  des  Delikts,  die  überlegte  Ausführung.  An  Stelle 
dieser  gesetzlichen  Vermutung  der  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit  kann 
jedoch  auch,  auf  Grund  vorliegender  besonderer  Umstände,  die  entgegengesetzte 
treten.  Wenn  daher  gegebenen  Falls  die  Thatumstände  in  Verbindung  mit 
den  übrigen  für  die  Beurteilung  der  Handlung  wichtigen  Momente  ergeben, 
dass  das  Delikt  nicht  vorsätzlich  begangen  ist,  so  kann  an  Stelle  der  Prä- 
sumption  der  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit  die  Rechtsvermutung  des  Gegen- 
teils Platz  greifen. 

Andrerseits  setzt  das  Gesetz  unter  der  Rubrik  „Gründe,  welche  die  Strafe 
ausschliessen",  ausführlich  auseinander,  aus  welchen  Gründen  Straflosigkeit  ein- 
tritt. Solche  sind:  Geisteskrankheit,  Somnambulismus,  unwiderstehlicher  phy- 
sischer und  psychischer  Zwang,  Notwehr,  erzwungener  Gehorsam  u.  s.  w.  Ab- 
gesehen von  den  Fällen,  in  welchen  eine  unveränderliche  Strafe  angedroht 
wird,  huldigt  das  Gesetz  dem  System  der  mildernden  und  erschwerenden  Um- 
stände. Je  nachdem  der  eine  oder  andere  Fall  vorliegt,  muss  der  Richter 
innerhalb  des  ihm  vom  Gesetze  gelassenen  Spielraumes  zwischen  Mindest-  und 
Höchstmass  die  Strafe  nach  Art  und  Dauer  bemessen.  Hierbei  hat  er  den 
Durchschnitt  zwischen  der  schwersten  und  der  leichtesten  Strafe  —  welcher 
als  die  Regclstrafe  des  betreffenden  Deliktes  anzusehen  ist  —  zu  berechnen 
und  diese,  je  nach  der  Lage  des  Falles,  bei  dem  Vorliegen  erschwerender 
Umstände  bis  zum  höchsten  zulässigen  Masse  zu  steigern,  bei  mildernden  Um- 
ständen bis  zur  untersten  Grenze  zu  ermässigen.  Liegen  mildernde  und  er- 
schwerende Umstände  gleichzeitig  vor,  so  wird  der  Richter  unter  Berücksichtigung 
beider  Arten  das  Strafmass  innerhalb  der  gesetzlichen  Grenzen  nach  freiem 
Ermessen  bestimmen.  Von  dem  allgemeinen  Prinzip  der  Berücksichtigung  der 
begleitenden  Umstände  einer  That  nach  ihrer  Beschaffenheit  macht  das  Straf- 
gesetzbuch   eine   Ausnahme   bei   gewissen   schweren   Verbrechen,    z.    B.    den 


Argentinien.  —  III.  Das  Strafgesetzbuch  von  1886. 


Tötungen;  hier  wird  nicht  die  Qualität,  sondern  die  Quantität  der  begleiten- 
den Umstände  in  Betracht  gezogen,  sodass  die  Erhöhung  oder  Ermässigung 
der  Strafe  nicht  davon  abhängt,  ob  sehr  erhebliche,  sondern  davon,  ob  sehr 
viele  erschwerende  oder  mildernde  Umstände  vorhanden  sind.  Ein  einziger, 
noch  so  unerheblicher  mildernder  Umstand  kann  so  die  Anwendung  der  Todes- 
strafe selbst  bei  dem  verabscheuenswtirdigsten  und  brutalsten  Eltemmorde 
ausschliessen. 

Bei  der  Regelung  dieser  Materie  folgt  das  Gesetz  dem  Beispiel  des  spa- 
nischen Strafgesetzbuches,  indem  es  die  erschwerenden  und  mildernden  Um- 
stände einzeln,  und  zwar  in  sehr  kasuistischer  Fassung,  aufzählt.  Im  allge- 
meinen darf  daher  der  Richter  nur  die  im  Gesetze  ausdrücklich  vorgesehenen 
Umstände  berücksichtigen,  jedoch  mit  der  Ausnahme,  dass  auch  solchen  Um- 
ständen Rechnung  getragen  werden  darf,  die  gewissen,  einzeln  aufgeführten 
mildernden  Umständen  analog  sind.  Da  der  Gesetzgeber  nicht  in  der  Lage 
ist,  jede  mögliche  Besonderheit,  jeden  denkbaren  Umstand,  die  bei  einem 
Delikt  in  Frage  kommen  können,  vorherzusehen,  so  liegen  die  Nachteile  dieses 
Systems  auf  der  Hand.  Eine  kasuistische  Aufstellung  wird  immer  unvoll- 
kommen sein  und  den  Richter  häufig  in  die  Notwendigkeit  versetzen,  wesent- 
liche, vom  Gesetzgeber  aber  nicht  vorgesehene  Momente  bei  der  Strafzumessung 
unberücksichtigt  zu  lassen. 

3.  Das  Strafensystem  des  Strafgesetzbuches  ist  übersichtlich  und  bietet 
keinerlei  Schwierigkeiten  für  die  praktische  Anwendung.  Die  zugelassenen 
Strafen  sind:  die  Todesstrafe,  Zwangsarbeit,  Zuchthaus,  Gefängnis,  Haft, 
Verbannung,  Ausschluss  von  der  Ausübung  politischer  Rechte  und  Geldstrafe. 

Die  Todesstrafe  ist  nur  für  eine  beschränkte  Anzahl  schwerer  Ver- 
brechen angedroht  und  wird  nicht  öffentlich,  sondern  innerhalb'  des  Gefäng- 
nisses vollstreckt.  Ihre  Verhängung  ist  in  verschiedener  Weise  gesetzlich  er- 
schwert. Besondere  Föimlichkeiten  und  eine  jeden  Zweifel  ausschliessende 
Beweisführung  werden  in  den  Fällen  verlangt,  in  denen  sie  zulässig  ist;  sie  darf 
nicht  vollzogen  werden  an  Frauen,  Minderjährigen  unter  22  und  Greisen  über 
70  Jahren.  Obwohl  gesetzlich  zulässig,  ist  doch  die  Todesstrafe  —  von  dem 
Gebiete  des  Militär-  und  Marinestrafrechts  abgesehen  —  in  der  Argentinischen 
Republik  thatsächlich  abgeschafft  und  eine  Hinrichtung  seit  vielen  Jahren 
nicht  mehr  vorgekommen. 

Die  Strafe  der  Zwangsarbeit  (presidio)  wird  auf  unbestimmte  Zeit  oder 
für  die  Dauer  von  mindestens  3  und  höchstens  15  Jahren  verhängt;  sie  ist 
identisch  mit  der  in  der  Geschichte  als  „Galeerenstrafe"  bekannten  Strafart  und 
besteht  in  dem  Zwange  zu  „harten  und  mühevollen"  Arbeiten  („trabajos  duros 
y  penosos",  wie  das  Gesetz  selbst  sagt)  unter  Ausscliluss  jeglichen  Verkehrs  mit 
der  Aussenwelt.  Der  Arbeitsertrag  fällt  dem  Staate  zu.  Sowohl  die  ausdrück- 
liche Vorschrift,  den  Sträfling  zu  harter  und  peinlich(»r  Arbeit  zu  verwenden, 
wie  die  Einziehung  des  Arbeitsverdienstes  für  den  Staat  ist  zu  missbilligen: 
die  erstere,  weil  sie  eine  unnötige  Grausamkeit  bildet,  ohne  die  menschliche 
Gesellschaft  gegen  das  Verbrechen  zu  schützen,  die  letztere,  weil  sie  dem 
Sträfling  ein  ihm  von  Rechtswegen  zustehendes  Gut,  den  Ertrag  seiner  Arbeit, 
entzieht,  der  besser  in  erster  Linie  zur  Schadloshaltung  der  Opfer  des  Ver- 
brechens (falls  diese  nicht  aus  sonstigem  Vermögen  des  Thäters  erfolgen  kann), 
in  zweiter  Linie  zur  Bestreitung  der  StrafvoUstreckungskosten  zu  verwenden  wäre. 

Die  Zuchthausstrafe  (penitenciaria)  unterscheidet  sich  von  der  in 
anderen  südamerikanischen  Strafgesetzgebungen  (mit  Ausnahme  von  Uruguay) 
unter  dieser  Bezeichnung  vorkommenden  Strafart.  Sie  besteht  in  Freiheitsent- 
ziehung mit  Zwang  zu  bestimmten  Arbeiten  und  wird  in  besonderen  Strafanstalten 
verbüsst.   Der  Arbeitsertrag  ist  in  erster  Linie  zur  Entschädigung  der  durch  die 


in.  Das  Strafgesetzbuch  von  1886. 


That  Verletzten  und  zum  Unterhalt  der  Familie  des  Verurteilten  bestimmt,  wenn 
dieser  nicht  andere  Hülfsquellen  zur  Verfügung  stehen;  in  zweiter  Linie  wird 
er  verwendet  als  Beitrag  zu  den  Unterhaltungskosten  der  Strafanstalt  und  zur 
Bildung  eines  Kapitals,  das  dem  Sträfling  bei  seiner  Entlassung  eingehändigt 
wird.  Für  die  Unterhaltung  der  Anstalt  dürfen  nicht  mehr  als  zwei  Dritteüe 
des  Arbeitsertrages  abgezogen  werden.  Die  Dauer  der  Zuchthausstrafe  ist 
entweder  unbestinmit  oder  bestimmt  zwischen  3  und  15  Jahren. 

Die  Verurteilung  zu  Zwangsarbeit  und  Zuchthaus  hat  als  Nebenstrafen 
stets  zur  Folge:  1.  den  vollständigen  Verlust  der  vom  Verurteilten  bekleideten 
öffentlichen  Ämter  sowie  der  aktiven  und  passiven  Fähigkeit  zur  Ausübung 
politischer  Rechte;  2.  für  die  Dauer  der  Strafvollstreckung  den  Verlust  gewisser 
civilrechtlicher  Befugnisse,  nämlich:  der  väterlichen  Gewalt,  der  Verwaltung 
des  eigenen  Vermögens  und  des  Eechts,  Schenkungen  unter  Lebenden  vorzu- 
nehmen; 3.  die  Stellung  unter  Polizeiaufsicht  nach  Verbüssung  der  Strafe  für  eine 
mit  Rücksicht  auf  die  Besonderheit  des  Falles  zu  bemessende  Dauer.  Die 
Verschiedenheit  der  Straf  arten  äussert  ihre  Wirkung  darin,  dass  die  unter  1. 
und  3.  erwähnten  Nebenstrafen  nach  der  Zwangsarbeit  länger  dauern  als  nach 
der  Zuchthausstrafe. 

Die  gesetzliche  Regelung  der  Zwangsarbeit  und  der  Zuchthausstrafe  ist 
unvollständig;  es  fehlt  an  genauen  Bestimmungen  über  wesentliche  Punkte, 
wie  z.  B.  die  Bedeutung  der  letzteren  und  die  Art  der  Vollstreckung  bei  beiden 
Strafen,  die  man  den  Gefängnisordnungen  überlassen  hat.  Der  Gesetzgeber 
hat  unterscheidende  Merkmale  zwischen  beiden  Strafarten  nicht  aufgestellt; 
die  Gleichheit  der  Zeitdauer  und  die  im  besonderen  Teil  angeordnete  unter- 
schiedlose Anwendung  beider  lassen  erkennen,  dass  die  Verwendung  dieser 
zwei  verschiedenen  Strafarten  auf  einen  klaren  kriminalpolitischen  Gedanken, 
wie  z.  B.  dem  der  verschiedenartigen  Reaktion  gegen  verschiedenartige  Klassen 
von  Verbrechern,  nicht  beruht.  Beide  Strafarten,  und  zwar  vorzugsweise  die 
Zuchthausstrafe,  werden  für  schwere  Verbrechen  angedroht.  Da  es  in  der 
Argentinischen  Republik  Bagnos  nicht  giebt,  so  verbüssen  auch  die  zu  Zwangs- 
arbeit Verurteilten  ihre  Strafen  in  den  Zuchthäusern. 

Die  Gefängnisstrafe  besteht  in  einfacher  Freiheitsentziehung  ohne 
Arbeitszwang,  wird  in  besonderen,  von  den  Zuchthäusern  verschiedenen  An- 
stalten verbüsst,  dauert  mindestens  1  Jahr,  höchstens  3  Jahre  und  bewirkt 
für  den  Verurteilten  den  Ausschluss  von  sämtlichen  politischen  Ämtern  und 
Rechten  für  die  Zeit  der  Strafvollstreckung. 

Die  Haftstrafe  ist  im  wesentlichen  mit  der  Gefängnisstrafe  identisch 
und  unterscheidet  sich  von  ihr,  ausser  durch  die  kürzere  Dauer  (von  einem 
Monat  bis  zu  einem  Jahre)  nur  dadurch,  dass  sie  nicht  nur  in  einem  Gefängnis, 
sondern  auch  im  Polizeigewahrsam,  in  einer  Wachtstube,  ja  sogar,  wenn  es 
sich  um  anständige  Frauen,  altersschwache  oder  kränkliche  Personen  handelt, 
in  der  Wohnung  des  Verurteilten  verbüsst  werden  kann. 

Gefängnis-  und  Haftstrafc  sind  Gegenstand  berechtigter  Angriffe  gewesen. 
Sie  sind  völlig  unproduktiv  und  bilden  eine  drückende  Last  für  den  Staat, 
der  die  Verurteilten  auf  Kosten  der  Steuerzahler  erhalten  muss,  ohne  sie 
zwingen  zu  können,  für  die  Gewährung  des  Unterhaltes  Ersatz,  sei  es  aus 
ihrem  Vermögen,  sei  es  in  Form  von  Arbeitsleistung,  zu  schaffen.  Mit  dem 
Ausschluss  des  Arbeitszwanges  leistet  man  dem  Müssiggange  Vorschub,  ver- 
zichtet auf  die  Verwertung  des  wichtigsten  Besserungsmittels  und  verwandelt 
die  Gefängnisse  in  wahre  Brutstätten  des  Lasters. 

Die  Verbannung  dauert  mindestens  ein,  höchstens  sechs  Jahre  und  findet 
nur  auf  politische  Verbrecher  und  die  Mitschuldigen  eines  ehebrecherischen 
Ehegatten  Anwendung. 


8  Argentinien.  —  III.  Das  Strafgesetzbuch  von  1886. 


Der  Ausschluss  vom  Amte  (interdicciön)  ist  entweder  allgemein 
oder  speziell  und  kann  in  beiden  Fällen  dauernd  oder  auf  Zeit  erfolgten. 
Der  allgemeine  Ausschluss  hat  zur  Folge:  1.  den  Verlust  der  vom  Verurteilten 
im  Augenblicke  der  Bestrafung  bekleideten  öffentlichen  Ämter  und  Stellung^en 
einschliesslich  der  auf  öffentlichen,  allgemeinen  Wahlen  beruhenden;  2.  den  Ver- 
lust aller  aktiven  und  passiven  politischen  Rechte  während  der  im  Urteil  be- 
stimmten Zeit;  3.  die  Unfähigkeit,  während  dieser  Zeit  öffentliche  Ämter  oder 
Stellungen  zu  erlangen.  Der  Ausschluss  von  einem  speziellen  Amte  oder  einer 
speziellen  Stellung  bewirkt  deren  Verlust  sowie  die  Unfähigkeit,  während  der 
im  Urteile  bestimmten  Zeit  ein  Amt  oder  eine  Stellung  derselben  Art  zu  er- 
langen. Bezieht  sich  der  spezielle  Ausschluss  auf  die  Ausübung  politischer 
Rechte,  so  bewirkt  er  das  Verbot  der  Ausübung  der  im  Urteil  aufgeführten 
Rechte.  Diese  Strafe  in  jeder  Art  der  Anwendung  (allgemeine  oder  spezielle, 
dauernde  oder  zeitweilige  Ausschliessung)  ist  in  der  Regel  Nebenstrafe,  und 
zwar  bei  Delikten  gegen  die  Staatsverwaltung. 

Die  Geldstrafe,  selten  als  einzige  Strafe,  kommt  fast  nur  als  Neben- 
strafe neben  anderen  Strafarten  und  zwar  hauptsächlich  bei  Delikten  gegen 
die  Staatsverwaltung  vor.  Abgesehen  von  wenigen  Fällen  wird  sie  nach  dem 
Vermögen,  der  Stellung  und  der  Beschäftigung  der  Abzuurteilenden  bemessen. 
Jedoch  hat  das  GTesetz,  mit  Ausnahme  eines  einzigen  Falles,  stets  ein  Höchst- 
und  ein  Mindestmass  festgesetzt,  in  deren  Grenzen  der  Richter  unter  Berück- 
sichtigung der  mildernden  oder  erschwerenden  Umstände  im  Einzelfalle  die 
Strafe  finden  muss,  sodass  das  Prinzip  der  Berücksichtigung  der  Vermögens- 
lage des  Delinquenten  thatsächlich  zur  Ausnahme  wird,  weil  es  nur  selten 
durchgeführt  werden  kann.  Die  Vorschrift  bildet  daher  im  allgemeinen  nur 
einen  Fingerzeig,  der  den  Richter  darauf  hinweist,  dass  auch  die  Vermögens- 
lage des  Schuldigen  zu  den  zahlreichen  Umständen  gehört,  die  bei  der  Straf- 
zumessung zu  berücksichtigen  sind.  Ist  der  Verurteilte  zahlungsunfähig,  so 
wird  die  Geldstrafe  in  Haft  von  höchstens  9  Monaten  umgewandelt  und  bildet 
dann,  anstatt  eine  Einnahmequelle,  eine  Last  für  den  Staat,  der  den  Ver- 
urteilten eine  Zeit  lang  unterhalten  muss. 

4.  Der  besondere  Teil.  Das  Strafgesetzbuch  teilt  alle  strafbaren 
Handlungen  ein  in  Vergehen  (delitos)  und  Übertretungen  (faltas);  erstere  um- 
fassen die  in  anderen  Gesetzbüchern  als  Vergehen  und  Verbrechen  bezeichneten 
Strafthaten;  letztere  werden  vom  Strafgesetzbuche  zwar  definiert  aber  nicht 
geregelt.  Ohne  es  ausdrücklich  auszusprechen,  behält  das  Gesetz  die  alther- 
gebrachte Einteilung  der  Vergehen  in  solche  gegen  die  Gesamtheit  und  solche 
gegen  Einzelne  bei  und  handelt  demgemäss  in  getrennten  Abschnitten  von 
den  Delikten  gegen  das  Leben,  gegen  die  körperliche  Unversehrtheit,  gegen 
die  Ehre,  gegen  die  Geschlechtsehre,  gegen  den  Personenstand,  gegen  die 
persönliche  Freiheit,  gegen  das  Eigentum  einerseits,  und  andererseits  von  den 
sich  gegen  die  Gesamtheit  wendenden  strafbaren  Handlungen,  wie:  politischen 
Unternehmungen  gegen  die  Einzelstaaten  (Provinzen  —  die  gegen  den  Bund 
gerichteten  fallen,  wie  bereits  bemerkt,  unter  das  Gesetz  von  1863),  Angriffen 
gegen  die  Obrigkeit,  Delikten,  die  nur  von  Beamten  der  Provinzen  oder 
Gemeinden  begangen  werden  können  (Amtsdelikten  im  engeren  Sinne  oder 
Delikten  gegen  die  Staatsverwaltung),  Vergehen  gegen  Treu  und  Glauben  u.  s.  w. 

Das  Strafgesetzbuch  beschäftigt  sich  nur  mit  den  innerhalb  des  argen- 
tinischen Gebietes  begangenen  strafbaren  Handlungen  und  enthält  keinerlei 
Bestimmungen  über  die  Delikte,  welche  sich  gegen  die  Republik  richten,  aber 
ausserhalb  ihres  Gebietes  begangen  werden  oder  deren  Wirkungen  ausser- 
halb desselben  eintreten;  mit  anderen  Worten:  er  regelt  das  internationale 
Strafrecht  nicht. 


IV.  Das  Spezialstrafrecht. 


IV.  Das  Spezialstrafrecht 

Ausser  dem  Strafgesetzbuche  enthalten  eine  Reihe  von  Spezialgesetzen  Straf- 
vorschriften zur  Sicherung  der  darin  getroffenen  Anordnungen.  Die  Strafen- 
systeme dieser  Gesetze  (von  denen  die  wichtigsten  in  der  unten  erwähnten 
„CoUecciön  de  Cödigos  y  Leyes  usuales"  abgedruckt  sind)  stimmen  weder  unter 
einander  noch  mit  dem  des  Strafgesetzbuches  überein  und  sind  ohne  einheitlichen 
Plan  erlassen,  sodass  ihre  Anwendung  in  der  Praxis  zu  erheblichen  Unzuträglich- 
keiten geführt  hat.  Zu  erwähnen  sind  folgende  Gesetze:  1.  Verfassung  von 
1853  mit  Novellen  von  1860  und  1866;  Strafbestimmungen  gegen  Wahldelikte 
Ali;.  54 — 58  (vgl.  Annuaire  de  lögislation  6trang6re  Bd.  3  S.  523).  —  2.  Aus- 
lieferungsgesetz vom  25.  April  1885  (französische  Übersetzung  im  Annuaire 
Bd.  15  S.  724).  Argentinien  hatte  früher  der  Auslieferung  ablehnend  gegen- 
übergestanden und  die  darüber  mit  anderen  Nationen  abgeschlossenen  Ver- 
träge gekündigt  mit  der  Begründung,  dass  die  Auslieferungsbestimmungen 
wegen  der  hohen  Kosten  meistens  illusorisch  blieben  und  nur  die  Einwande- 
rung verhinderten.  Durch  das  Gesetz  von  1885  wird  bei  verbürgter  Gegen- 
seitigkeit die  Auslieferung  solcher  Personen  zugelassen,  die  von  den  Gerichten 
des  ersuchenden  Landes  wegen  eines  in  diesem  Gesetze  bezeichneten  Ver- 
brechens oder  Vergehens  verfolgt  werden  (Art.  1).  Die  Auslieferung  ist  nur 
zulässig  bei  gemeinen  Delikten,  die  mit  körperlicher  Strafe  von  mindestens 
einjähriger  Dauer  bedroht  sind  (Art.  2);  sie  ist  ausgeschlossen,  wenn  der  Ver- 
folgte vor  Begehung  der  That  Argentinier  geworden  war,  wenn  die  That 
einen  politischen  Charakter  hat  oder  mit  einem  politischen  Delikt  in  Verbin- 
dung steht,  wenn  sie  auf  argentinischem  Gebiet  begangen  ist,  wenn  sie 
zwar  im  Auslande  begangen  ist,  aber  schon  zu  einer  Strafverfolgung  oder 
Verurteilung  im  Auslande  Anlass  gegeben  hat,  endlich  wenn  sie  nach  den 
Gesetzen  der  Argentinischen  Republik  oder  des  ersuchenden  Landes  verjährt 
ist  (Art.  3).  Ist  der  Thäter  Sklave,  so  wird  er  nur  ausgeliefert  gegen  die 
Zusicherung,  dass  er  als  Freier  behandelt  und  abgeurteilt  werden  soll  (Art.  4). 
Wird  der  Auslieferungsantrag  abgelehnt,  so  wird  der  Schuldige  in  Argentinien 
abgeurteilt  (Art.  5) ;  wird  er  ausgeliefert,  so  kann  er  nur  wegen  derjenigen  That 
verurteilt  werden,  wegen  welcher  die  Auslieferung  erfolgt  ist  (Art.  6).  Dem  Aus- 
lieferungsantrage muss  eine  Abschrift  der  gesetzlichen  Bestimmungen  beigefügt 
werden,  nach  denen  das  Delikt  zu  beurteilen  ist  (Art.  13  Nr.  3).  Obwohl  somit 
in  Argentinien  die  Voraussetzungen  der  Auslieferung  gesetzlich  normiert  sind, 
hat  die  Republik  doch  seit  1885  eine  Reihe  von  Auslieferungsverträgen  abge- 
schlossen, die  überflüssig  sind  und  lediglich  die  Bedeutung  haben,  dass 
Argentinien  durch  ein  Spezialgesetz  einem  Lande  diejenigen  Vorteile  sichert,  die 
es  durch  ein  allgemeines  Gesetz  allen  Ländern  in  Aussicht  gestellt  hat.  Solche 
Verträge  sind  vorhanden:  mit  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  vom 
11.  Juni  1887,  Belgien  vom  23.  November  1887,  Italien  vom  16.  Juni  1886, 
bestätigt  durch  Gesetz  vom  16.  November  1893,  England,  bestätigt  durch 
Gesetz  vom  7.  Dezember  1893  (Analyse  im  Annuaire  de  16gislation  etrang^re 
Bd.  23  S.  865)  und  Chile  vom  20.  August  1888,  genehmigt  durch  Gesetz 
vom  17.  September  1894  (Analyse  a.  a.  0.  Bd.  24  S.  1068).  —  3.  Gesetz 
über  das  Verbot  gewisser  Lotterien  vom  23.  September  1885;  die  Einführung 
und  der  Vertrieb  der  Lose  verbotener  Lotterien  wird,  erstere  mit  Gefängnis 
von  6  Monaten  bis  zu  1  Jahre  und  400 — 1000  Piaster  Geldstrafe,  letzterer 
mit  Haft  von  3 — 6  Monaten  und  25 — 300  Piaster  Geldstrafe  bedroht.  —  4.  Berg- 
gesetz vom  25.  November  1886.  —  5.  Tierschutzgesetz  vom  31.  Juli  1891  (fran- 
zösische  Übersetzung   im   Annuaire   Bd.    22  S.  1008);   jede  Misshandlung  von 


10  Argentinien.  —  V.  Reformbestrebungen.  —  VI.  Litteratur. 


Tieren  wird  mit  Geldstrafe  von  2 — 5  Pesos,  im  Unvermögensfalle  für  je 
2  Pesos  1  Tag  Haft,  bestraft.  —  6.  Eisenbahngesetz  vom  24.  November  1891 
(Analyse  im  Annuaire  Bd.  22  S.  1017)  hebt  das  frühere  Gesetz  vom  18.  Septem- 
ber 1872  auf;  Strafbestimmungen  Titel  V.  —  7.  Zollgesetz  vom 23. Dezember  1893. 

—  8.  Gesetz  über  den  Weinhandel  vom  31.  Oktober  1893  (Analyse  im  Annuaire 
Bd.  23  S.  867);  Strafbestimmungen  Art.  10  und  11.  —  9.  Gesetz  über  die  Be- 
strafung der  missbräuchlichen  Benutzung  des  Abzeichens  des  Roten  Kreuzes 
vom  12.  September  1893  (Übersetzung  im  Annuaire  Bd.  23.  S.  868);  Strafen: 
Geldstrafe  von  20 — 50  Pesos  oder  3 — 6  Tage  Arrest,  im  Rückfall  das  Dreifache. 

—  10.  Gesetz  vom  28.  September  1895  betr.  die  Abänderung  des  Wahlgesetzes 
vom  26.  Oktober  1877  (Übersetzung  im  Annuaire  Bd.  25  S.  898);  Straf- 
bestimmungen Artt.  67  und  69.  —  11.  Gesetz  vom  19.  Dezember  1895  über 
die  Strafvollstreckung  gegen  Rückfällige  (Übersetzung  im  Annuaire  Bd.  25 
S.  900 j;  wer  sich  im  zweiten  Rückfalle  befindet,  verbüsst  korrektioneile  und 
Gefängnis-Strafen  in  eigens  dazu  bestinunten  Gegenden  im  Süden  des  Staates; 
es  herrscht  Arbeitszwang  und  die  Untersuchungshaft  wird  auf  die  Strafdauer 
nicht  angerechnet. 


V.  Reformbestrebiingeii. 

Für  Heer  und  Marine  gelten  noch  die  von  Karl  III.  von  Spanien  am 
Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  erlassenen  Strafverordnungen  (vgl.  Bd.  1 
S.  531 — 533).  Vor  mehreren  Jahren  überreichte  eine  aus  Juristen  und  Mit- 
gliedern der  Armee  und  der  Marine  bestehende  Kommission  der  Bundesregierung 
den  formell  und  inhaltlich  gleich  vollendeten  Entwurf  einer  Strafgesetzgebung 
für  das  Landheer  und  die  Marine.  Der  Kongress,  dem  der  Entwurf  vorgelegt 
wurde,  hat  (soviel  bislang  bekannt  geworden  ist)  noch  keinen  Beschluss  darüber 
gefasst.  —  Durch  Verordnung  vom  7.  Juni  1890  ernannte  die  Bundesregierung 
eine  aus  drei  Mitgliedern  bestehende  Kommission  zur  Ausarbeitung  eines  neuen 
Strafgesetzbuches.  Die  Konmiission  bestand  aus  den  Dm.  Norberto  Piüero, 
damaligem  Prof.  des  Straf  rechts  an  der  Universität  Buenos  Aires,  Rodolfo 
Rivarola,  Staatsanwalt  bei  dem  Berufungsgericht  (Fiscal  de  las  Camaras  de 
Apelaciön)  der  Provinz  Buenos  Aires,  und  Jose  Nicolas  Matienzo,  Richter 
erster  Instanz  zu  Buenos  Aires.  Der  von  ihnen  ausgearbeitete,  mit  ausführ- 
licher Begründung  versehene  Entwurf  wurde  1891  durch  den  Druck  veröffent- 
licht (vgl.  Bibliographie).  Er  beruht  auf  umfassenden  rechtsvergleichenden 
Studien  nicht  nur  der  geltenden  europäischen,  sondern  auch  der  wichtigsten 
hispano-amerikanischen  Strafgesetzbücher  und  regelt  ausser  dem  gesamten 
Inhalt  des  Gesetzes  von  1863  und  des  zur  Zeit  geltenden  Strafgesetzbuches 
auch  einen  grossen  Teil  der  gegenwärtig  in  den  Straf nebengesetzen  be- 
handelten Materien.  Der  Entwurf  ist  dem  Kongresse  vorgelegt,  aber  bislang 
nicht  zur  Verabschiedung  gelangt. 


VI.  Litteratur. 

Gesetze 8- Ausgaben.  Codigo  penal  de  la  capital  de  la  naciön  Argentina  seguido 
de  la  ley  de  escarcelacion  bayo  fianza.  Nueva  ediciön.  Buenos  Aires,  Felix  Lajouane  1884. 
Cödigo  penal  de  la  Repüblica  Argentina,  Edieiön  oficial.  Buenos  Aires  1887.  Comple- 
mento  €^  los  codigos  de  la  Repüblica  Argentina.  Leyes  usuales.  Leyes  nacionales  y 
leyos  de  la  provincia  de  Buenos  Aires  actualniente  vigentes.  Nueva  ediciön  confornae 
&  los  testos  oficiales.  Buenos  Aires  1884.  Codigos  v  leves  usuales  de  la  repüblica 
Argentina.     2  ed.  Buenos  Aires  1885  (der  II.  Teil  enthalt  das  StGB,  und  die  StPO.). 


VI.  Litteratur.  H 


Entwürfe.  Proyecto  de  cödigo  penal  presentado  al  poder  ejecutivo  nacional 
por  la  comision  nombrada  para  examinar  el  proyecto  redactado  por  C.  Tejedor,  Com- 

?uesta  de  Sisto  Villegas,  And.  Ugarriza  y  J.  Agst.  Garcia.  Buenos  Aires  1881.  — 
royecto  de  cödigo  penal  para  la  Repüblica  Argentina.  Redactado  en  cumplimiento 
del  Decreto  de  7  de  junio  ae  1890  y  precedido  de  una  Exposiciön  de  Motivoa  por  los 
Doctores  Norberto  Pinero,  Rodolfo  Kivarola,  Jose  Nicolas  Matienzo.  Buenos  Aires. 
Taller  Tipografia  de  la  Penitenciaria  Nacional    1891.    (465  Seiten.) 

Systematische  Darstellunsfen,  Mongraphieen  u.  s.  w.  Dr.  Rodolfo  Ri- 
varola:  Exposiciön  y  critica  del  Cödigo  Penal  de  la  Repüblica  Argentina.  3  Bände. 
Buenos  Aires,  Felix  Lajouane,  1890.  B.  Lehmann:  Die  Rechtsverhältnisse  der  Fremden 
in  Argentinien.  Berlin.  Bahr  (K.  Hoffmann)  1889.  Dr.  Lisandro  Segovia,  Honorar- 
professor an  der  Universität  Cordoba,  Fiskal  der  Appellationskammer  des  Kriminal- 
und  Handelsgerichts  zu  Buenos  Aires,  Die  deutschen  Kechtsgelehrten  und  ihr  Einfluss 
auf  die  argentinische  Rechtswissenschaft,  in  dem  Jahrbuch  der  Internationalen  Ver- 
einigung für  vergleichende  Rechtswissenschaft  und  Volkswirtschaftslehre  zu  Berlin, 
2.  Jahrgang  1896,  Berlin  1897,  S.  602—606. 

Mitteilungen  über  die  Gesetzgebung  von  Argentinien,  in  denen  auch  das 
Strafrecht  berücksichtigt  wird,  finden  sich  in  dem  von  der  Soci^t^  de  l^gislation 
comparöe  zu  Paris  herausgegebenen  Annuaire  de  lögislation  etrang^re.  Bd.  3 
S.  523—535  (betrifft  die  Verfassung  von  1853  nebst  den  Novellen  von  1860  und  1866), 
Bd.  13  S.  903—907  (Gesetze  aus  1883) ,  Bd.  14  S.  887—896  (Gesetze  aus  1884),  Bd.  15 
S.  724—730  (Gesetze  aus  1885),  Bd.  16  S.  963—974  (Gesetze  aus  1886),  Bd.  17  S.  990—994 
(Gesetze  aus  1887),  Bd.  18  S.  1042—1048  (Gesetze  aus  1888),  Bd.  22  S.  1005—1020  (Ge- 
setze aus  1891),  Bd.  23  S.  861—869  (Gesetze  aus  1892  und  1893),  Bd.  24  S.  1067—1084 
(Gesetze  aus  1894),  Bd.  25  S.  892—903  (Gesetze  aus  1895).  Verfasser  dieser  Mitteilungen 
sind:  Jules  Cambon,  ancien  auditeur  au  Conseil  d'Etat  (Bd.  3),  Emile  Daireaux, 
avocat  ä  la  Cour  d'appel  de  Paris,  ancien  avocat  au  barreau  de  Buenos  Aires,  und 
Henri  Prudhomme,  Substitut  du  procureur  de  la  Republique  zu  Lille. 


IL 


CHILE 


Von 

Eobustiano  Vera, 

chileniBcbem  GerichtsadTokaten  und  Staatsanwalt  zu  Santiago, 
korrespondierendem  Mitgliede  der  „Real  Academia  de  Jurlspradenda  i  Legisladon"  zu  Siadrid  u.  s.  w. 

(ObersetzuDg  aus  dem  Spanischen 
von  Dr.  Georg  Crnsen,  Gerichtsassessor  im  Königlich  Preussischen  Jugtizministeriam  za  Berlin.) 


Übersicht 


I.  Geschichtliches. 

II.  Eodifikationsbestrebungen. 

III.  Der  Cödigo  Penal  von  1874  und  seine  Ergänzungen, 
rv.  Die  Gestaltung  des  chilenischen  Strafprozesses. 

V.  Die  unbehinderte  Ausübung  der  bürgerlichen  und  staatsbürgerlichen  Rechte. 
VI.  Litteratur. 


I.   Geschichtliches. 

Die  Entwiekelung  des  chilenischen  Rechts  hängt  mit  der  politischen 
Geschichte  des  Landes  auf  das  Engste  zusammen. 

Während  des  langen  Zeitraums,  in  welchem  Chile  eine  spanische  Kolonie 
bildete  —  von  der  Entdeckung  durch  D.  Diego  de  Almagro  im  Anfang  des 
XVI.  Jahrhunderts  bis  zur  Unabhängigkeitserklärung  im  Jahre  1810  —  hatten 
die  Eroberer  hinreichend  Zeit,  ihre  Religion,  ihre  Sitten  und  ihre  Rechtsgrund- 
sätze in  Chile  einzuführen.  So  finden  wir  gegenwärtig  die  bemerkenswerte 
Erscheinung,  dass  in  Chile  gewisse  alte  Gesetze  noch  heute  gelten,  die  in 
Spanien  bereits  abgeschafft  sind.  Der  berühmte  „Cödigo  de  las  Partidas"  des 
weisen  Königs  Alfons  X.,  die  „Novisima  Recopilaciön"  und  die  „Leyes  del 
Estilo"  (vgl.  die  Darstellung  des  spanischen  Strafrechts  von  Dr.  Ernst  Rosen- 
feld in  Bd.  1  S.  483 — 534)  wurden  in  Chile  auf  dem  Gebiete  des  Civil- 
und  Straf  rechts  ausschliesslich  massgebend.  Allerdings  hat  seit  der  Unab- 
hängigkeitserklärung die  Civilgesetzgebung  etwas  grössere  Fortschritte  gemacht 
als  die  Straf gesetzgebung.  Am  14.  Dezember  1855  wurde  das  bürgerliche 
Gesetzbuch  (Cödigo  civil)  mit  Gültigkeit  vom  1.  Januar  1857  erlassen.  Das 
Handelsgesetzbuch  (Cödigo  de  Comercio)  ist  am  23.  November  1865  veröffent- 
licht und  am  1.  Januar  1867  in  Kraft  getreten.  Das  Gesetz  über  die  Ver- 
fassung und  die  Zuständigkeit  der  Gerichte  datiert  vom  15.  Oktober  1875. 
Auf  dem  Gebiete  des  Militärrechts  gilt  die  Allgemeine  Heerordnung  (Ordenanza 
jeneral  del  Ejercito)  vom  25.  April  1839  nebst  zahlreichen  späteren  Er- 
gänzungsgesetzen und  Verordnungen.  Die  für  Mexiko  erlassenen,  in  Chile 
eingeführten  Bergverordnungen  (Ordenanzas  de  Mineria)  wurden  zunächst  durch 
das  Berggesetz  (Cödigo  de  Mineria)  vom  1.  März  1875  ersetzt.  An  Stelle  des 
letzteren  trat  dann  das  jetzt  geltende  Gesetz  vom  20.  Dezember  1888.  Auf 
dem  Gebiete  der  Zollgesetzgebung  existiert  eine  besondere  Verordnung.  Ein 
Feldgesetz  sowie  eine  besondere  Wassergesetzgebung  sind  in  Chile  nicht  vor- 
handen. Ebenso  fehlt  es  an  einer  besonderen  gesetzlichen  Regelung  des 
Civil-  und  Strafverfahrens.  Auf  diesem  Gebiete  gilt  noch  die  spanische  Ge- 
setzgebung mit  den  durch  Spezialgesetze  eingeführten  Änderungen.  Indes 
wird  an  der  Ausarbeitung  einer  Civil-  wie  einer  Strafprozessordnung  eifrig 
gearbeitet.  Für  die  Handelsmarine  gilt  das  Schiffahrtsgesetz  (Ley  de  Nave- 
gaciön)  vom  24.  Juli  1878. 

n.  Kodifikationsbestrebungen. 

Seit  1846  datieren  die  Bestrebungen  auf  Schaffung  eines  natio- 
nalen Strafgesetzbuches  zum  Ersatz  für  die  spanische  Gesetzgebung,  deren 
für  andere  Zeiten  und  andere  Sitten  berechneten  übermässig  strengen  Grund- 
sätze eine  Refonn  dringend  erforderlich  machten.  Allerdings  hatte  sie  mit 
der  Unabhängigkeitserklärung  durch  verschiedene  Spezialgesetze  wichtige  Ab- 


16  Chile.  —  II.  Kodifikationsbestrebungen. 


ändenmgen  erfahren;  aber  diese  waren  ungenügend  und  bezogen  sich  nicht 
auf  das  in  den  „Leyes  de  Partidas"  enthaltene  Strafensystem.  Endlich  wiirde 
am  12.  November  1874  das  Strafgesetzbuch  (Cödigo  penal)  mit  Gültigkeit  vom 
1.  März  1875  erlassen. 

Eine  Strafprozessordnung  ist  aber  auch  heute  noch  nicht  vorhanden. 
Es  war  für  diese  eine  Konkurrenz  ausgeschrieben,  deren  Frist  bereits  am 
1.  Juni  1892  abgelaufen  war.  Für  den  besten  Entwurf  war  ein  Preis  von 
18  000  Pesetas  (=  18  000  Francs  =  14400  Mark)  ausgesetzt  und  zur  Prüfung 
der  eingegangenen  Arbeiten  eine  Kommission  ernannt.  Es  ist  zu  hoffen,  dass 
in  nicht  allzu  ferner  Zeit  auch  die  spanischen  Gesetze  über  den  Instanzenzug 
und  das  Verfahren  in  Strafsachen  ausser  Kraft  treten  werden. 

Die  Schaffung  einer  vollständigen  Gesetzgebung  nimmt  meistens  eine 
Reihe  von  Jahren  in  Anspruch;  deshalb  ist  es  auch  der  Eepublik  Chile  bis- 
lang nicht  gelungen,  alle  Rechtsgebiete  in  einer  ihren  politischen  und  kultu- 
rellen Verhältnissen  völlig  entsprechenden  Weise  zu  regeln. 


m.  Der  „Cödigo  penal  de  Chüe'*  von  1874 

ist  eine  nahezu  wörtliche  Wiederholung  des  spanischen  Strafgesetzbuches  von 
1870.  Bei  seiner  Anwendung  in  der  Praxis  haben  sich  Mängel  herausgestellt, 
deren  baldige  Beseitigung  dringend  zu  wünschen  ist.  Die  angedrohten  Strafen 
sind  bei  vielen  Delikten  ausserordentlich  hart;  bei  anderen,  wie  bei  Diebstahl 
und  Betrug,  kann  im  Falle  des  Zusammentreffens  mehrerer  Handlungen  auf 
eine  sehr  lange  Strafdauer  erkannt  werden,  welche  die  günstigen  Wirkungen 
der  Bestrafung  in  Frage  stellt.  Andererseits  wird  von  der  Todesstrafe  ein  sehr 
beschränkter  Gebrauch  gemacht;  sie  ist  nur  angedroht:  gegen  Verschwörung 
wider  die  äussere  Sicherheit  des  Staates,  Tötung  von  Aszendenten  (parricidio), 
verräterische  und  mit  Überlegung  ausgeführte  Tötung  (homicidio  alevoso  i 
premeditato),  endlich  gegen  die  vorsätzliche  Herbeiführung  der  Entgleisung 
eines  Eisenbahnzuges. 

Das  chilenische  Strafgesetzbuch  zerfällt  in  drei  Bücher.  Das  erste 
beschäftigt  sich  mit  den  strafbaren  Handlungen,  den  strafrechtlich  verant- 
wortlichen Personen  und  den  Strafen,  enthält  mithin  den  allgemeinen  Teil, 
die  wissenschaftliche  Grundlage  des  Strafrechts.  Das  zweite  Buch  handelt 
von  den  einzelnen  Verbrechen  und  Vergehen  (delitos)  und  ihrer  Bestrafung. 
Das  dritte  Buch  regelt  die  Übertretungen  (faltas);  sie  werden  nur  als  voll- 
endete Handlungen  bestraft.  —  Jedes  Buch  ist  in  Titel  eingeteilt,  die  zu- 
sammen 501  Artikel  enthalten. 

Für  die  in  Bezug  auf  Wahlen  verübten  strafbaren  Handlungen  gilt  das 
Gesetz  vom  9.  Januar  1884. 

Für  die  Aburteilung  der  in  der  missbräuchlichen  Benutzung  der  Press- 
freiheit bestehenden  Delikte  hat  ein  Spezialgesetz  vom  17.  Juli  1872  die  Zu- 
ständigkeit der  Geschworenen  begründet;  ein  Schwurgericht  entscheidet  über 
die  Frage,  ob  wegen  einer  Druckschrift  das  Strafverfahren  eröffnet  werden 
soll,  ein  anderes  darüber,  ob  eine  Venirteilung  erfolgen  soll;  die  Strafe  wird 
dann  von  dem  rechtskundigen  Richter  festgestellt. 

Die  vorerwähnten  Materien  liegen  ausserhalb  des  Rahmens  des  Straf- 
gesetzbuches. 

Zur  Ergänzung  des  Strafgesetzbuches  dienen  folgende  Gesetze: 

1.  Gesetz  über  das  litterarische  Eigentum  vom  24.  Juli  1834. 

2.  Gesetz  über  die  inländischen  und  ausländischen  Fabrik-  und  Handels- 
marken vom  12.  November  1874. 


III.  Der  Cödigo  penal  von  1874.    IV.  Gestaltung  des  Strafprozesses.  17 


3.  Gesetz  über  das  Register  der  bei  Rindern  und  Pferden  anzubringen- 
den Zeichen  vom  12.  November  1874. 

4.  Gesetz  über  die  Tötungsdelikte,  Diebstahl,  Raub,  Brandstiftung  und 
Eisenbahnunglücksfälle  vom  3.  August  1876.  Es  bestimmt,  dass  bei  diesen 
Delikten  die  Richter  erster  Instanz,  ebenso  wie  die  Obergerichte  die  Beweis- 
frage nach  völlig  freiem  Ermessen  erwägen  sollen  und  auf  Venirteilung 
oder  Freisprechung  erkennen  können,  je  nachdem  sie  den  Angeklagten  nach 
bestem  Wissen  und  Gewissen  für  schuldig  oder  nichtschuldig  halten.  Dieses 
Gesetz  bricht  also  völlig  mit  dem  Grundsatze,  dass  die  Verurteilung  eines 
Angeklagten  nur  zulässig  ist,  wenn  die  Beweise  „klar,  wie  das  Licht  der 
Mittagssonne"  sind.  Die  Richter  werden  zu  Geschworenen  umgebildet,  was 
sicherlich  gegen  alle  Grundsätze  der  Rechtswissenschaft  verstösst,  und  der 
Angeklagte  wird  dem  Ermessen  überlassen,  das  die  Richter  sich  auf  Grund 
der  Akten  bilden.  Derartige  Meinungen  sind  trügerisch;  verlangte  man  selbst 
in  den  finstersten  Zeiten  der  Barbarei  zur  Veinirteilung  eines  Angeklagten 
das  übereinstinmiende  Zeugnis  zweier  grossjähriger,  einwandsfreier  Zeugen,  so 
sollte  man  heute  umsoweniger  alles  dem  Gutdünken  der  Richter  überlassen, 
als  selbst  der  Zeugenbeweis  unsicher  ist,  zumal  in  Chile,  wo  der  Wahrheit 
durchaus  nicht  immer  die  der  Heiligkeit  des  Eides  geschuldete  Ehre  gegeben 
wird.     Das  Gesetz  ist  ein  wahrer  Schimpf  für  Chile. 

5.  Die  Schuldhaft  im  eigentlichen  Sinne  existiert  in  Chile  nicht.  Nach 
dem  Gesetze  vom  23.  Juni  1868  tritt  die  Verurteilung  zu  Gefängnis  wegen 
Nichterfüllung  vermögensrechtlicher  Verpflichtungen  nur  ein:  bei  einfachem 
und  betrügerischem  Bankerutt,  bei  Verwandlung  der  uneinziehbaren  Geld- 
strafe in  Gefängnis,  gegen  Kassenbeamte  des  Staates,  der  Gemeinden  oder 
der  mit  staatlichen  Mitteln  begründeten  oder  unterhaltenen  Wohlthätigkeits- 
und  Erziehungsanstalten,  sowie  gegen  Vormünder,  Kuratoren  und  Testaments- 
vollstrecker. 

6.  Die  Prügelstrafe  ist  in  Chile  noch  zulässig,  darf  jedoch  nach  dem 
Gesetze  vom  7.  September  1883  nur  bei  Diebstahl,  Raub  und  räuberischer  Er- 
pressung im  Rückfalle,  und  nur  gegen  Männer  zwischen  18  und  50  Jahren 
angewendet  werden.     Bei  weiblichen  Personen  ist  sie  nicht  zulässig. 

7.  Die  Veranstaltung  von  Lotterieen  ohne  besondere  Genehmigung  ist 
in  Art.  276  des  Strafgesetzbuches  unter  Strafe  gestellt.  Da  Zweifel  entstanden 
waren,  ob  auch  der  Vertrieb  von  Losen  ausländischer  Lotterieen  unter  diese 
Bestimmung  fiele,  so  ist  durch  Gesetz  vom  30.  August  1890  diese  Frage  aus- 
drücklich bejaht. 

IV.  Die  Gestaltung  des  chilenischen  Strafprozesses 

steht  noch  völlig  unter  dem  Einflüsse  des  mittelalterlich-klassischen  Inquisitions- 
Verfahrens  mit  all  seinen  starren  Regeln  und  Mängeln.  Die  Strafgerichtsbar- 
keit liegt  in  den  Händen  juristisch  gebildeter  Richter,  die  in  den  grösseren 
Städten  nur  mit  Strafsachen  befasst  werden,  in  kleineren  Orten  aber  auch  für 
alle  anderen  Zweige  der  Justiz  zuständig  sind.  Es  giebt  zwei  Instanzen. 
Die  Einleitung  und  die  Entscheidung  des  Prozesses  liegt  in  der  Hand  eines 
und  desselben  Richters.  Gegenwärtig  wird  die  wichtige  Frage  allgemein  er- 
örtert, ob  für  die  neue  Strafprozessordnung  dem  Inquisitions-  oder  dem  An- 
klageverfahren der  Vorzug  zu  geben  sei.  Sie  ist  schwer  zu  entscheiden; 
jedenfalls  aber  ist  soviel  sicher,  dass  Chile  nienuxls  zur  Einführung  der  Schwur- 
gerichte in  Strafsachen  schreiten  noch  auf  das  Inquisitionsverfahren  völlig  ver- 
zichten wird.  Vielleicht  wird  man  ein  System  ausfindig  machen,  das  der 
menschlichen  Gesellschaft   einen   ausreichenden  Schutz  gegen  das  Verbrecher- 

Strafgeeetzgebung  der  Gegenwart.    II.  2 


18   Chile.  —  V.  Unbehinderte  Ausübung  d.  bürgerlichen  u.  staatsbürgerlichen  Rechte. 


tum  gewährt,  ohne  die  berechtigten  Interessen  des  Angeklagten  zu  gefährden. 
Man  kann  alteingewurzelte  Einrichtungen  eines  Volkes  nicht  beseitigen,  ohne 
allgemeine  Verwirrung  hervorzurufen.  Auch  würden  sich  nach  Einführung 
der  Schwurgerichte  keine  geeigneten  Persönlichkeiten  finden,  die  geneigt 
wären,  die  Leitung  der  Justizvei*waltung  zu  übernehmen  —  eine  Stellung, 
in  welcher  man  dann  vielleicht  gezwungen  werden  könnte,  dabei  mitzuwirken, 
den  Unschuldigen  auf  das  Schaffot  zu  bringen  und  den  Schuldigen  leer  aus- 
gehen zu  lassen.  Das  Schwurgericht  ist  ein  für  Chile  völlig  exotisches  Ge- 
wächs, dessen  Einführung  für  Aburteilung  der  Pressdelikte  durchaus  un- 
günstige Resultate  zu  Tage  gefördert  hat  und  dessen  weitere  Verwendung 
eine  ernste  Gefahr  für  die  Ruhe  und  Sicherheit  der  Gesellschaft  mit  sich 
bringen  würde. 

Man  könnte  uns  entgegenhalten,  dass  ja  auch  das  Gesetz  vom  3.  August 
1876  nichts  anderes  bestimme,  wenn  es  für  die  in  seinen  Geltungsbereich 
fallenden  Vergehen  den  Richter  ermächtigt,  lediglich  nach  bestem  Gewissen 
zu  verurteilen  oder  freizusprechen.  Dies  ist  allerdings  richtig;  aber  die 
Geschworenen  sind  keine  rechtskundigen  Richter,  und  überdies  zeretört  eben 
jenes  Gesetz,  wie  bereits  gesagt,  alle  Rechtssicherheit. 

V.  Die  unbehinderte  Ausflbung  der  bürgerlichen  und 

staatsbfirgerlichen  Rechte 

wird  durch  die  Staatsverfassung  und  durch  die  Gesetze  vom  24.  September  1884 
und  3.  Dezember  1891  gewährleistet.  Allerdings  wird  sie  in  der  Praxis  nicht 
selten  illusorisch  gemacht  —  in  allen  Nationen,  die,  wie  die  amerikanischen, 
erst  seit  kurzem  die  republikanische  Staatsform  angenommen  haben,  giebt  es 
anmassliche  Personen,  die  durch  Übergriffe  und  willkürliche  Nichtachtung  der 
Gesetze  die  in  ihnen  niedergelegten  Grundsätze  diskreditieren.  Die  guten 
Prinzipien  der  Gesetzgebung  könnten  nur  dann  zur  Geltung  kommen,  wenn  das 
Gesetz  nicht  lediglich  auf  dem  Papiere  steht  und  die  thatsächlichen  Vorgänge 
ihm  direkt  zuwiderlaufen,  sondern  eine  strenge  Bestrafung  den  Übelthäter 
träfe.  Leider  hat  Chile  kürzlich  eine  Zeit  der  Prüfung  erlebt,  in  der  die  Ge- 
setze zum  Spott  geworden  und  derjenige  des  grössten  Erfolges  sicher  war, 
der  sie  am  meisten  mit  Füssen  trat.  Jede  Revolution  hinterlässt  blutige  Spuren 
in  dem  heimgesuchten  Lande,  ehe  es  sich  wieder  an  geordnete  und  gesetz- 
liche Zustände  gewöhnt. 

So  sehen  wir  denn,  dass  die  chilenische  Strafgesetzgebung  wohl  auf  dem 
Gebiete  des  materiellen  Rechts  eine  Reihe  von  Gesetzen  aufweist,  aber  einer 
Regelung  des  für  die  Freiheit  des  Einzelnen  wie  für  den  Schutz  der  Gesell- 
schaft eigentlich  noch  weit  wichtigeren  Prozessverfahrens  entbehrt.  Allerdings 
hat  die  Gesellschaft  als  solche  darunter  bisher  kaum  gelitten;  ihr  Interesse 
ist  stets  ausschliesslich  ins  Auge  gefasst  worden,  und  die  Rechte  des  Einzelnen 
wurden  verkürzt  und  übersehen,  sobald  er  unter  dem  Drucke  einer  Anschuldi- 
gung stand.  In  der  That  geht  man  mit  dem  wegen  eines  Vergehens  erst  Be- 
schuldigten in  Chile  viel  grausamer  um,  als  mit  dem  Verurteilten,  der  seine 
gesetzliche  Strafe  verbüsst. 

Auf  dem  Gebiete  des  Gefängniswesens  sind  drei  Arten  von  Anstalten 
zu  unterscheiden:  1.  Gefängnisse  (cärceles),  die  zur  Aufnahme  von  Unter- 
suchungsgefangenen dienen,  2.  Festungsgefängnisse  (presidios)  für  die  zu 
Freiheitsstrafen  von  höchstens  5  Jahren  und  3.  Zuchthäuser  (penitenciarias) 
für  die  zu  solchen  von  mehr  als  5  Jahren  und  1  Tage  Verurteilton. 

Die  chilenischen  Gefängnisse  lassen  viel  zu  wünschen  übrig.  Von  einem 
Bestreben,    den  Gefangenen    zu    bessern,    ist    nicht   die   Rede,    ein   bestimmtes 


VI.  Litteratur.  19 


System  wird  überhaupt  nicht  befolgt;  die  Gefängnisbeamten  haben  für  ihr 
verantwortungsvolles  Amt  weder  genügende  Vorbildung  noch  Verständnis,  und 
das  Amt  wird  dem  ungestümsten  Bewerber  und  nicht  dem  befähigtsten  ver- 
liehen. Durch  eine,  nicht  mit  Gesetzeskraft  versehene,  Verordnung  ist  eine 
Aufsichtsbehörde  über  sämtliche  Gefängnisse  geschaffen,  die  aber  in  Wahrheit 
ihren  Beruf  durchaus  nicht  erfüllt.  Alle  diese  Umstände  machen  eine  gründ- 
liche Reform  dringend  erforderlich.  Man  muss  im  Gefängniswesen  fähige  und 
uneigennützige  Männer  anstellen,  die  in  dem  Gefangenen  nicht  das  wehrlose 
Objekt  grausamer  Quälereien,  sondern  ein  Wesen  sehen,  das  durch  sittliche 
Besserung  der  menschlichen  Gesellschaft  als  nützliches  Glied  wieder  gewonnen 
werden  soll.  Der  Staat  wendet  jährlich  etwa  800  000  Pesos  für  Unterhaltung 
der  Gefängnisse  auf,  ohne  dass  die  Gefangenen  auch  nur  so  viel  aufbrächten, 
dass  ein  Teil  der  Kosten  ihres  Unterhalts  gedeckt  werden  könnte.  So  ist  der 
Gefangene,  freilich  ohne  sein  Verschulden,  eine  Last  für  den  Staat,  während 
doch  bei  geeigneter  Regelung  der  Anstaltsarbeit  noch  der  ganze  durch  die 
strafbare  Handlung  verursachte  Schaden  beglichen  werden  könnte. 

In  wenigen  Ländern  wird  von  der  Gewährung  des  Strafaufschubs  ein 
so  ausgedehnter  Gebrauch  gemacht,  wie  in  Chile.  Wirft  dieser  Umstand  ein 
wenig  günstiges  Licht  auf  die  Qualität  der  Polizeibeamten  und  des  Richter- 
standes, so  beweist  die  grosse  Zahl  der  Rückfälligen,  dass  unser  Straf system 
weit  davon  entfernt  ist,  seinen  eigentlichen  Zweck,  die  Besserung  des  Ver- 
urteilten, zu  erfüllen. 

VI.  Litteratur. 

Amtliche  Ausgabe  des  Cödigo  penal  von  1874,  Santiago,  Imprenta  Nacional 
1889.  —  Ridopatron:  Diccionario  razonado  de  legislaciön  y  juris prudencia  chilenas. 
2  Bde.  Santiago,  Imprenta  „Victoria"  de  H.  Izquierdo  y  Öa.  1883 — 84.  Robustiano 
Vera:  Cödiffo  penal  de  la  Repüblica  de  Chile  comentado,  Santiago  de  Chile,  Cadot  y 
Ca.  1883  (Sw  Seiten,  enthält  eine  geschichtliche  und  systematische  Einleitung  sowie 
in  einem  Anhang  die  zur  Ergänzung  des  StGB,  erlassenen  Gesetze).  Derselbe,  Cödigo 
penal  de  la  Repüblica  de  C^ile.  Santiago,  Rob.  Miranda,  1886.  Mitteilungen  über 
chilenische  Gesetzgebung  seit  1880  von  Manuel  E.  BaUesteros,  ehemaligem  Rate  am 
Höchsten  Gerichtshofe  zu  Santiago,  enthält  das  von  der  Societ6  de  legislation  com- 
par^e  zu  Paris  herausgegebene  Annuaire  de  legislation  etrang(*Te  Bd.  18  S.  985 — 1006 
(über  Gesetze  aus  1888),  Bd.  20  S.  864—883  (über  Gesetze  aus  1890),  Bd.  22  S.  951—974 
mber  Gesetze  aus  1891  und  1892),  Bd.  23  S.  849—860  (über  Gesetze  aus  1893),  Bd.  25 
S.  886 — 891  (über  Gesetze  aus  1895).  —  Von  geschichtlichem  Interesse  ist  Medina: 
Historia  del  tribunal  del  santo  officio  de  la  inquisicion  en  Chile,  2  Bde.  Santiago, 
Imprenta  Ercilia  1890. 


m. 


ECUADOR. 


Von 


Dr.  Georg  Crusen, 

Gerichtsassessor  im  Königlich  Preussischen  Justizministerium  zu  Berlin. 


Übersicht, 


Litteraturübersiclit. 
I.  §  1.     Geschichtliche  Einleitung. 

IL  Das  Strafgesetzbuch  von  1873  in  der  Fassung  vom  9.  September  1890.  a)  §  2.  Ent- 
stehung, Einteilung  und  Grundzüge,  b)  §  3.  Der  allgemeine  Teil,  c)  §  4.  Der 
besondere  Teil. 

III.  §  5.    Das  Spezi  aistraf  recht. 


Litteraturfibersicht. 

Einige  Jahrgänge  des  von  der  „Societe  de  legislation  comparee^  zu  Paris  heraus- 
gegebenen „Annuaire  de  legislation  etrang^re"  (Paris,  Cotillon  &  Cie.  seit  1872,  bis- 
lang 25  Bände)  enthalten  kurze  Berichte  über  die  Gesetzgebung  von  Ecuador,  in  denen 
auch  das  Straf  recht  berücksichtigt  wird.  Vgl.  Bd.  16  S.  908—915.  Jose  Maluquer  y 
Salvador:  Notice  sur  le  mouvement  l^gislatif  des  ann^.es  1884,  1885  et  1886.  Bd.  17 
S.  950—956.  Derselbe:  Notice  surle  mouvement  legislatif  pendant  Tann^e  1887.  Bd.  19 
S.  966 — 976.  Dr.  Henri  Prudhonime:  Analyse  du  Code  penal  et  du  Code  de  la 
proc6dure  en  mati^re  criminelle  de  1890  (die  Analyse  des  Strafgesetzbuches  ist  zu  kurz, 
um  auch  nur  ein  annähernd  anschauliches  Bild  vom  Inhalt  des  Gesetzes  zu  geben). 
Bd.  22  S.  939  und  940.  Theurault:  Notice  sur  le  mouvement  legislatif  pendant 
rannte  1892. 

Textausgabe  des  Cödigo  penal  und  des  Cödigo  de  enjuiciamientos  en  materia 
criminal  de  la  Republica  del  Ecuador  ist  1889  erschienen  (New  York,  Imprenta  de 
„Las  Novedades",  No.  2  Liberty  Street). 


§  1.    Geschichtliche  Einleitung. 

Das  Gebiet  der  Republik  Ecuador  gehörte  seit  1532  zu  den  spanischen 
Kolonieen  und  stand  somit  unter  der  Herrschaft  der  im  Mutterlande  geltenden 
bezw.  von  der  spanischen  Regierung  für  die  Kolonieen  erlassenen  Gesetze^), 
(Leyes  de  las  Indias),  insbesondere  der  „Novisima  Recopilaciön"  von  1805. 
Im  Anfang  dieses  Jahrhunderts  erlangte  es  nach  blutigen  Kämpfen  seine  Un- 
abhängigkeit und  trat  dem  am  19.  Dezember  1819  gegründeten  Freistaate 
Columbia  bei,  der  nunmehr  aus  den  drei  Teilen  Neugranada,  Venezuela  und 
Ecuador  bestand.  Jedoch  bereits  am  12.  Mai  1830  sagte  es  sich  von  diesem 
Bündnisse  los  und  konstituierte  sich  unter  der  Bezeichnung  „Republica  del  Ecua- 
dor" als  selbständiger  Staat.  Seit  der  Erlassung  der  ersten,  später  wiederholt 
abgeänderten  Verfassung  von  1835  war  das  Land  bis  vor  wenigen  Jahren 
der  Schauplatz  unaufhörlicher  Paiteikämpfe  unter  Führung  des  liberahm 
Vicomte  Rocafuerte  einerseits  und  der  Konservativen  Jos6  de  Flores  und 
Garcia  Morena  andererseits,  ohne  dass  jedoch  der  Tod  dieser  drei  Partei- 
häupter den  inneren  Wirren  ein  Ende  bereitet  hätte.  Seit  der  sogenannten 
„Restauration  von  1883",  einem  Aufstande  des  Heeres  gegen  den  General 
Veintimilla,  der  mit  der  Erwählung  Placido  Caamaflos  zum  Präsidenten  endigte, 
hat  sich  eine  sehr  rege  gesetzgeberische  Thätigkeit,  auch  auf  strafrechtlichem 
Gebiete,  entwickelt.  Nach  der  jetzt  geltenden  Verfassung  von  1887  ist  Ecuador 
eine  einheitliche  Republik  mit  zwei  Kammern. 


')  Siehe  die  Abhandlung  von  Dr.  E.  Rosenfeld  über  Spanien  im  I.  Bde.  S.  4Ö3— 534. 


24  Ecuador.  —  ü.  Das  Strafgesetzbuch  von  1873. 


Die  Gerichtsverfassung  ist  durch  Gesetz  vom  8.  März  1884  (in  unwesent- 
lichen Punkten  abgeändert  durch  Gesetz  vom  12.  April  1884)  geregelt.  Die 
Gerichtsbarkeit  in  Strafsachen  wird  ausgeübt:  in  erster  Instanz  durch  „rechts- 
gelehrte Richter"  (Jueces  de  direito  —  je  zwei  in  den  Städten  Quito  und 
Guyaquil,  je  einer  in  jeder  Provinzialhauptstadt) ,  in  zweiter  Instanz  durch 
vier  Landgerichte  (Cortes  Superiores,  Schwurgerichte),  in  letzter  Instanz  durch 
den  Höchsten  Gerichtshof  (Corte  Suprema  de  justicia)  in  Quito. 

IL  Das  Strafgesetzbuch  von  1873  in  der  Fassung  vom  9.  September  1890. 

a)  §  2.  Entstehung,  Einteilung  und  Grundzäge. 

Das  geltende  Strafgesetzbuch  ist  bereits  1873  erlassen,  hat  jedoch  im  Laufe 
der  Jahre  durch  spätere  Gesetze  zahlreiche  Abänderungen  erfahren.  Um  die 
hieraus  entstandenen  Unzuträglichkeiten  zu  beseitigen,  veröffentlichte  der  Präsi- 
dent Florös  durch  Verfügung  vom  9.  September  1890  eine  neue  Ausgabe  des- 
selben sowie  der  Strafprozessordnung  unter  Berücksichtigung  aller  späteren 
abändernden  Bestimmungen,  die  hierdurch  als  besondere  Gesetze  gegenstands- 
los geworden  sind.  In  dieser  Gestalt  gelten  beide  Gesetze^)  vom  1.  Dezember 
1890  ab. 

Das  Strafgesetzbuch  enthält  604  Aitikel  und  ist  in  zwei  Bücher  eingeteilt, 
von  denen  das  erste  (De  las  infracciones  y  penas  en  general,  Artt.  1 — 117)  den 
allgemeinen,  das  zweite  (De  las  infracciones  y  de  su  represiön  en  particular, 
Artt.  118 — 604)  den  besonderen  Teil  des  Straf  rechts  behandelt.  Es  ist  mit 
mehreren  der  vor  ihm  erlasseneu  Strafgesetzbücher  der  spanisch-portugiesischen 
Gruppe,  besonders  mit  dem  penianischen  Strafgesetzbuche  von  1862  und  dem 
portugiesischen  von  1852  nahe  verwandt  (vgl.  die  Definition  der  strafbaren 
Handlung,  die  Abgrenzung  zwischen  Teilnahme  und  Thäterschaft ,  die  Be- 
handlung mehrerer  wegen  ein  und  derselben  That  zum  Tode  Verurteilter). 
In  einzelnen  Punkten  scheint  das  deutsche  Reichs-Strafgesetzbuch  vom  15.  Mai 
1871  nicht  ohne  Einfluss  gewesen  zu  sein  (vgl.  die  Begi'iffsbestimmung  und 
Bestrafung    des  Versuchs;  siehe  imteu  S.  26). 

Das  Gesetz  leidet  an  dem  gemeinsamen  Fehler  aller  spanisch-portugie- 
sischen Strafgesetzbücher,  der  viel  zu  kasuLstischen  Fassung.  Zwar  ist  das 
Strafensystem  nicht  so  kompliziert,  wie  in  Spanien  und  Peru;  einzelne  Begriffs- 
bestinmiungen  von  Delikten  (z.  B.  Diebstalil;  zeichnen  sich  sogar  durch  präzise 
Fassung  aus.  Aber  die  Systematik  des  Gesetzes  ist  nicht  zu  billigen:  ein  grosser 
Teil  von  Grundsätzen,  die  allgemeine  Bedeutung  beanspruchen,  werden  im 
besonderen  Teile  aufgestellt  und  auf  einzelne  Delikte  und  Deliktsgruppen 
beschränkt  2),  in  einzelnen  Abschnitten  werden  Delikte  gemeinschaftlich  be- 
handelt, die  unter  sich  keinerlei  Beziehung  haben  und  z.  T.  durch  die  Über- 
schrift des  betr.  Abschnittes  gar  nicht  betroffen  werden.^) 


^)  Durch  Gesetz  vom  6.  August  1J^92  ist  inzwischen  die  Strafprozessordnung 
wiederum  abgeändert  und  der  Höchste  Gerichtshof  mit  der  Besorgung  einer  neuen 
Ausgabe  beauftragt  (vgl.  Anuuaire  de  legislatioii  etrangere.    Bd.  22  S.  939). 

-)  Vgl.  z.  B.  die  Bestimmungen  ül)er  Notwehr  und  Wegfall  der  Strafe,  weil  die 
That  nicht  zu  vermeiden  war,  deren  Anwendung  auf  Tötung  und  Körperverletzung 
beschränkt  ist;  Art.  549;  ferner  die  Einreihung  der  Erklärung  einzelner,  im  Gesetz 
ständig  wiederkehrender  Ausdrücke  (wie  „caminos  piiblicos*^,  ,,casa  habitada",  „armas^ 
u.  8.  w.)  in  den  X.  Titel. 

')  So  wird  in  Buch  II  Titel  9  im  ersten  Kapitel  unter  der  Überschrift  „Tötung 
und  Körperverletzung**  die  Gefährdung  eines  Eisenbahnzuges  behandelt. 


§  3.   Der  allgemeine  Teil.  25 


In  dem  drakonischen  Vorgehen  gegen  die  Religionsdelikte  (der  Versuch, 
die  katholische  Religion  als  Staatsreligion  abzuschaffen,  wird  beispielsweise  mit 
Zuchthaus  von  16  Jahren  bedroht)  dürfte  das  Gesetz  unter  den  modernen 
Strafgesetzbüchern  nahezu  einzig  dastehen.^)  Das  Gleiche  gilt  von  den  Vor- 
schriften über  die  Vollstreckung  der  Todesstrafe  (Artt.  13 — 24),  die  an  die 
Blütezeit  der  Inquisition  erinnern. 

b)  §  3.    Der  allgemeine  Teil.') 

Das  erste  Buch  behandelt  die  allgemeinen  Lehren  in  neun  Kapiteln,  die 
sich  folgendermassen  in  Gruppen  zusammenfassen  lassen:  1.  das  Verbrechen 
als  Handlung  (Kap.  I);  2.  die  Strafen  und  strafähnlichen  Mittel  (Kap.  II,  III); 
3.  Rückfall  (Kap.  IV);  4.  Zusammentreffen  mehrerer  Strafthaten  (Kap.  V); 
5.  ThÄterschaft  und  Teilnahme  (Kap.  VI);  6.  Strafausschliessungs-  und  Milde- 
rungsgründe (Kap.  Vn,  VIII);  7.  Wegfall  der  Strafe  (Kap.  IX).  Ausserdem 
enthält  der  Art.  117  eine  allgemeine  Vorschrift  des  Inhalts,  dass  auch  auf  die 
in  Spezialgesetzen  enthaltenen  Strafandrohungen  die  Vorschriften  des  allge- 
meinen Teiles  des  Strafgesetzbuches  Anwendung  finden,  sofern  nicht  etwas 
anderes  bestimmt  ist;  dieses  gilt  jedoch  nicht  für  die  Umwandlung  solcher  Geld- 
strafen, die  zur  Sicherung  des  Einganges  der  Staatseinnahmen  angedroht  sind. 

1.  Das  Verbrechen  als  Handlung,  a)  Einteilung.  (Kap.  I.  De 
las  infracciones,  Artt.  1 — 11).  In  Übereinstimmung  mit  dem  französischen  Code 
pönal  von  1810  und  dem  Deutschen  Reichs-Strafgesetzbuche  von  1870  teilt  das 
Gesetz  die  strafbaren  Handlungen  ein  in  Verbrechen  (crimenes).  Vergehen 
(delitos)  und  Übertretungen  (contra venciones).  Welcher  von  diesen  drei  Klassen 
eine  Handlung  zuzurechnen  ist,  bestimmt  sich  lediglich  nach  der  wider  sie 
angedrohten  Strafe:  Verbrechen  sind  die  mit  einer  „pena  criminal'S  Vergehen 
die  mit  einer  „pena  correccional",  Übertretung  die  mit  einer  „pena  de  policia" 
bedrohten  Thatbestände  (Art.  1;  vgl.  unten  unter  „Strafen",  S.  26). 

b)  Begriff.  Das  Gesetz  spricht  nirgends  (wie  z.  B.  Cckiigo  peual  del  Peru 
V.  1862  Art.  1,  siehe  No.  V  dieses  Bandes)  den  Grundsatz  aus,  dass  nm*  die 
„vorsätzliche"  und  „böswillige"  That  als  straf  bare  Handlung  angesehen  wird,  giebt 
aber  bezüglich  der  Verbrechen  und  Vergehen  im  Ai-t.  2  diesem  Prinzip  mittelbar 
Ausdruck.  Es  heisst  dort:  „Jedes  Verbrechen  und  Vergehen  gilt  als  vorsätz- 
lich (voluntario)  und  böswillig  (malicioso),  solange  nicht  das  Gegenteil  feststeht. 


^)  Die  Behandlung  der  Religionsdelikte  erklärt  sich,  wie  in  fast  allen  Staaten,  so 
auch  in  Ecuador,  aus  der  Geschichte  des  Landes.  Als  1850  der  klerikale  Diego  Noboa 
zum  Präsidenten  gewählt  wurde,  war  eine  seiner  ersten  Uegierungshandhingen  die 
Zurückberufung  der  aus  dem  Lande  vertriebenen  Jesuiten.  Im  Jalire  1869  kam  der 
konservative,  aber  sich  auf  die  Klerikalen  stützende  Chemiker  Professor  Dr.  Gabriel 
Garcia  Morcno  an  die  Spitze  der  Regierung.  Bei  Eröffnung  des  Kongresses  am 
10.  August  1873  erklärte  er,  in  den  Gesetzbüchern  müsse  auch  die  letzte  Spur  von 
Feindseligkeit  gegen  die  Kirclie  getilgt  und  das  Land  der  ungehinderten  Wirksam- 
keit des  Jesuitenordens  geöffnet  werden.  Eine  in  Übereinstimmung  hiermit  erlassene 
Verfügung  des  Handelsministers  (über  die  strenge  Bestrafung  der  Veröffentlichung 
und  Emfimrung  von  Gegenständen,  welche  dem  Dogma  und  der  Moral  zuwider  seien, 
d.  h.  von  Büchern  und  Zeitungen,  die  von  den  Jesuiten  nicht  genehmigt  würden) 
unterstellte  Presse  und  Buchhandel  völlig  der  Herrschaft  der  Jesuiten.  Durch  Kon- 
gressbeschluss  vom  18.  Oktober  1873  weihte  sich  die  Republik  dem  heiligsten  Herzen 
Jesu  und  Ende  November  1874  wurde  bestimmt,  dass  jährlich  10  Prozent  der  Staats- 
einnahmen dem  Papst  ausgezahlt  werden  sollten.  Wenn  man  diese  Thatsachen  be- 
rücksichtigt, wird  man  über  die  Quelle  zahlreicher  kulturfeindlicher  Bestimmungen 
des  Strafgesetzbuches  von  1873  kaum  im  Zweifel  sein. 

*)  Aus  praktischen  Gründen  ist  im  Folgenden  die  Legcalanordnung  des  allge- 
meinen Teils  beibehalten  worden,  obgleich  sie  vom  Standpunkte  der  Systematik 
keineswegs  einwandsfrei  ist. 


26  Ecuador.  —  II.  Das  Strafgesetzbuch  von  1873. 


c)  Zeitliches  und  räumliches  Geltungsgebiet   der  Strafgesetze. 
Nur  die  zur  Zeit  ihrer  Begehung  bereits  mit  Strafe  bedrohte  That  kann 

bestraft  werden  (Art.  4  Abs.  Ij,  die  analoge  Anwendung  der  Strafvorschriften 
auf  strafwürdig  erscheinende,  aber  nicht  mit  Strafe  bedrohte  Handlungen  ist 
verboten;  jedoch  sind  die  Gerichte  vei'pflichtet ,  dem  Höchsten  Gerichtshofe 
von  dem  Vorkommen  solchtT  Handlungen  Mitteilung  zu  machen  (Art.  4 
Abs.  3).  Bei  Verschiedenheit  der  Bestimmungen  zur  Zeit  der  Begehung  und 
im  Augenblick  der  Aburteilung  ist  das  dem  Angeklagten  günstigere  Gesetz 
anzuwenden  (Art.  4  Abs.  1  und  2). 

Sehr  einfache  Grundsätze  stellt  das  Gesetz  in  Art.  5  und  6  bezüglich  des 
„internationalen  Strafrechtos"  auf:  jede  von  einem  In-  oder  Ausländer  im  Ge- 
biete der  Republik  begangene  strafbare  Handlung  wird  nach  ecuadorianischeni 
Recht  bestraft,  die  im  Auslande  von  Ecuadorianern  oder  Ausländem  verübten 
nur  in  den  gesetzlich  besonders  vorgesehenen  Fällen.  Diese  letzteren  zählt 
die  Strafprozessordnung  in  Artt.  2 — 5  auf. 

d)  Vollendung  und  Versuch.  Ein  strafbarer  Versuch  liegt  vor,  wenn 
der  Entschluss,  ein  Verbrechen  oder  Vergehen  zu  verüben,  durch  äussere  Hand- 
lungen bethätigt  ist,  welche  einen  Anfang  der  Ausführung  (principio  de  ejecuciön) 
des  Verbrechens  oder  Vf»rgehens  bilden,  vorausgesetzt,  dass  die  Fortsetzung 
der  Ausfühining  bezw.  der  Eintritt  des  Erfolges  unterblieben  ist  lediglich  auf 
Grund  von  Umständen,  die  von  dem  Willen  des  Thäters  unabhängig  waren 
(Art.  7  Abs.  Ij.  Bilden  vorbereitende  Handlungen  und  solche  Versuchshand- 
lungen, deren  Vollendung  infolge  freiwilligen  Entschlusses  des  Handelnden 
unterblieben  ist,  den  Thatbestand  einer  anderen  mit  Strafe  bedrohten  Hand- 
lung, so  unterliegen  sie  der  hierfür  beistimmten  Strafe  (Art.  7  Abs.  2,  Art.  8). 

Der  Versuch  einer  Übertretung  ist  niemals  (Art.  11),  der  eines  Verbrechens 
immer  (Art.  9),  der  eines  Vergehens  nur  in  den  vom  Gesetz  bestimmten  Fällen 
(Art.  10)  strafbar.  Die  Versuchsstrafe  ist  für  Vergehen  in  jedem  Einzelfalle 
bestimmt:  bei  Verbrechen  beträgt  sie  mindestens  ein  Viertel  und  höchstens 
die  Hälfte  der  für  die  vollendete  Handlung  angedrohten  Strafe  (Art.  9  Abs.  1); 
dabei  gilt  die  für  das  vollendete  Verbrechen  angedrohte  Todesstrafe  zum 
Zwecke  der  Bt^rechnung  als  ausserordentliche  (d.  h.  sechzehnjährige;  Art.  26) 
schwere  Zuchthausstrafe  (Art.  9  Abs.  2). 

2.  Die  Strafen  und  strafähnlichen  Mittel.  Das  Strafensvstem  des 
Landes  beruht  z.  T.  auf  der  Verfassung.  Nach  den  vom  Kongresse  im  Jahre 
1886  beschlossenen  Reformen  ^)  ist  die  Anwendung  der  Prügelstrafe  und  der 
Konfiskation  überhaupt  und  die  der  Todesstrafe  bei  politischen  Delikten  aus- 
geschlossen; jedoch  ist  einerseits  die  letztere,  trotz  der  politischen  Natur  der 
Strafthat,  zulässig  gegen  bewaffnete  und  militärisch  organisierte  Personen,  die 
mit  Waffengewalt  die  Verfassung  zu  stürzen  suchen;  andererseits  gelten  Landes- 
verrat, Tötung  naher  Angehöriger,  Brandstiftung,  Plünderung  und  die  Straf- 
t baten  aktiver  Militärpersonen  selbst  dann  nicht  als  politische  Delikte,  wenn 
sie  zu  politischen  Zwecken  begangen  werden.  Mit  diesen  Ginindsätzen  sind 
1886  die  Vorschriften  des  Strafgesetzbuches  in  Einklang  gebracht. 

Das  Strafgesetzbuch  unterscheidet:  Strafen  (penas,  Kap.  II)  und  andere 
Folgen  der  strafbaren  Handlungen  (otras  condenaciones  que  pueden  ser  im- 
puestas  por  crimenes,  delitos  y  contravenciones,  Kap.  III).  Ausser  der  Todes- 
strafe werden  I?>eiheitsstraf en ,  Verbannung,  Geldstrafe,  Verlust  gewisser  Be- 
fugnisse, Stellung  unter  Polizeiaufsicht  und  Einziehung  einzelner  Gegenstände 
angedroht.  Diese  Strafen  sind  teils  nur  Verbrechens-,  teils  nur  Vergehens-, 
teils  nur  Übertretungsstrafen,  teils  finden  sie  gegen  Verbrechen  und  Vergehen, 


*)  Vgl.  hierüber  Aniiiiaire  de  legiHlation  etrangere  Bd.  17  S.  BoO. 


§  3.    Der  allgemeine  Teil.  —  Strafen.  27 


teils  gegen  alle  Arten  von  Delikten  Anwendung  (vgl.  die  Übersicht  in  Art.  12). 
Die  wegen  einer  Strafthat  erlittene  Untersuchungshaft  wird  auf  eine  wegen 
dieses  Deliktes  erkannte  Freiheitsstrafe  in  vollem  Umfange  angerechnet 
(Art.  44). 

a)  Ausschliesslich  Verbrechonsstrafen  sind:  Todesstrafe,  schweres  und 
leichtes  Zuchthaus.  Ein  auf  Verbrechensstrafe  lautendes  Urteil  darf  gegen  eine 
schwangere  Frauensperson,  einen  Geisteskranken  („que  ce  halle  en  estado  de 
verdadera  dcmencia")  sowie  gegen  solche  Personen,  die  wegen  grosser  körper- 
licher Schwäche  in  Lebensgefahr  schweben,  nicht  verkündet  werden;  die  Voll- 
streckung an  der  ersteren  ist  erst  nach  der  Entbindung  zulässig  (Art.  38). 
„Aus  Achtung  vor  dem  geistlichen  Stande"  (por  honor  al  sacerdocio)  dürfen 
die  zu  Freiheitsstrafen  verurteilten  Priester,  Diakonen  und  Subdiakonen  zu 
Arbeiten,  die  mit  ihrer  geistlichen  Würde  unvereinbar  sind,  nicht  angehalten 
werden  (Art.  37). 

Von  der  Todesstrafe  (pena  de  muerte,  Artt.  13 — 24)  macht  der  Gesetz- 
geber in  folgenden  acht  Fällen  Gebrauch:  Landesverrat  (Art.  118),  schwerer 
Seeraub  (Art.  130),  gewaltsamer  Verfassungsbruch  und  Aufruhr  (Artt.  143  und 
145),  Notzucht  mit  tötlichem  Ausgange  (Art.  398),  Mord  in  acht  besond(»rs 
schweren  Fällen  (asosinato,  Art.  428),  Tötung  naher  Angehöriger  (parricidio, 
Art.  430),  Totschlag,  der  begangen  wird,  um  die  Ausführung  eines  Dit^bstahls 
oder  einer  Erpressung  zu  erleichtern  oder  um  sich  der  Bestrafung  wegen 
einer  dieser  Handlungen  zu  entziehen  (Art.  512),  endlich  qualifizierte  Brand- 
stiftung (Art.  548j.  G(»gen  Personen,  die  zur  Zeit  der  Begehung  des  Ver- 
brechens das  17.  Lebensjahr  noch  nicht  vollendet  haben ,  darf  nicht  auf 
Todesstrafe  erkannt  werden;  an  ihre  Stelle  tritt  ausserordentliche  schwere 
Zuchthausstrafe  (Art.  21). 

Die  Vollstreckung  erfolgt  durch  Erschiessen  (por  las  armas),  und  zwar 
öffentlich  im  weitestcui  Sinne  des  Wortes.  Das  dabei  zu  beobachtende  Cere- 
moniell  dient  zur  Abschreckung  der  Zuschauer  und  ist  vom  Gesetz  (in  sechs 
umfangreichen  Artikeln)  in  behaglicher  Breite  vorgeschrieben.  Alle  Äusser- 
lichkeiten  sind  genau  geregelt:  über  dem  Schaff ot  sind  Name,  Herkunft  und 
That  des  Delinquenten  mit  grossen  deutlichen  Buchstaben  (con  letras  grandes 
y  lesibles)  anzugeb(»n ;  der  Mörder  wird  in  weiss  und  blutrot,  der  Landesverräter 
in  schwarz  gekleidet,  der  Vatermörder  geht  in  blutbeflecktem  zerrissenem 
Gewände  (tunica  blanca  ensangrentada  y  desgarrada)  mit  Ketten  belastet,  das 
Haupt  mit  einem  schwarzen  Schleier  umhüllt  und  mit  auf  dem  Rücken  zu- 
sammengebundenen Händen  zum  Blutgerüst.  Sein  Leichnam  ist  an  einem  ab- 
gelegenen Orte  ausserhalb  des  Kirchhofes  zu  beerdigen,  kein  äusseres  Zeichen 
darf  den  Ort  angeben,  an  dem  er  ruht. 

Auch  das  Strafgesetzbuch  von  Ecuador  enthält  (in  Artt.  22 — 24)  die,  in 
anderen  südamerikanischen  Gesetzen  häufiger  wiederkehrende  Vorschrift,  dass 
von  mehr  als  drei  wegen  derselben  That  in  ein  und  demselben  Verfahren 
zum  Tode  Verurteilten  nur  ein  Teil  hingerichtet  werden  soll.  In  erster  Linie 
werden  diejenigen  ausgewählt,  deren  That  als  eine  besonders  schwere  (de 
mayor  gravedad)  erecheint  (Rädelsführer,  der  Thäter,  wenn  die  anderen  ledig- 
lich Beihülfe  geleistet  haben,  der  wegen  mehrerer  Strafthaten  Verurteilte,  der 
bereits  einmal  zum  Tode  Verurteilte  aber  Begnadigte).  Sind  besonders  schwer 
belastete  Verurteilte  nicht  vorhanden,  so  werden  diejenigen,  an  denen  die 
Todesstrafe  vollzogen  werden  soll,  durch  das  Los  ermittelt;  die  übrigen  werden 
zwar  zu  „ausserordentlichem  schwerem  Zuchthause"  (reclusiön  mayor  extra- 
ordinaria;  s.  unten)  begnadigt,   müssen  aber  der  Hinrichtung  beiwohnen. 

Jede  Verurteilung  zum  Tode  schliesst  den  Verurteilten  von  der  Befugnis, 
sein  Vermögen  zu  verwalten,  aus  (Art.  31). 


28  Ecuador.  —  IT.  Das  Strafgesetzbuch  von  1873. 


Die  Zuchthausstrafe  (pena  de  reclusiön)  ist  entweder  eine  schwere 
(mayor)  oder  eine  leichte  (menor);  die  Dauer  der  ersteren  beträgt  entweder 
4 — 8  oder  8 — 12  Jahre  —  reclusiön  mayor  ordinaria  —  oder  16  Jahre  — 
reclusiön  mayor  extraordinaria  (Art.  261)  — ;  die  der  letzteren  3  —  6  oder 
6  —  9  Jahre  —  reclusiön  menor  ordinaria  —  oder  12  Jahre  —  reclusiön 
menor  extraordinaria  (Art.  28).  Da  das  Gesetz  in  Art.  27  ausdrücklich  vor- 
schreibt, dass  beide  Strafen  in  denselben  Anstalten  verbtisst  werden  sollen, 
da  femer  der  Arbeitszwang  (Art.  29)  für  beide  Kategorieen  der  nämliche  ist, 
so  besteht  anscheinend  der  einzige  gesetzliche  Unterschied  zwischen  beiden 
Strafarten,  abgesehen  von  der  noch  zu  erwähnenden  Verschiedenheit  der 
Wirkung  auf  dem  Gebiete  des  Privatrechts,  in  der  verschiedenen  Höhe  des 
dem  Gefangenen  zustehenden  Anteils  am  Arbeitsverdienst;  nach  Art.  30  darf 
sich  dieser  bei  den  zu  schwerem  Zuchthause  Verurteilten  auf  nicht  mehr  als 
drei  Zehntel,  bei  leichtem  Zuchthause  auf  nicht  mehr  als  vier  Zehntel  des 
Arbeitsvertrages  belaufen.  Der  Staat  kann  über  die  Hälfte  des  dem  Gefangenen 
reservierten  Betrages  verfügen,  um  dessen  Familie  zu  unterstützen,  vorzugs- 
weise aber,  um  die  durch  die  That  verletzten  Personen  zu  entschädigen;  der 
Rest  wird  dem  Sträfling  bei  seiner  Entlassung  ganz  oder  ratenweise  aus- 
gehändigt (Art.  30). 

Jede  Verurteilung  zu  schwerem  und  zu  leichtem  ausserordentlichem  Zucht- 
hause, sowie  die  bei  vorliegendem  Rückfalle  oder  bei  Zusammentreffen  mehrerer 
Strafthaten  ausgesprochene  Verurteilung  zu  leichtem  ordentlichem  Zuchthause 
bewirkt  von  der  Rechtskraft  des  Urteils  an  für  den  Verurteilten  die  „inter- 
dicciön  que  administre  sus  bienes",  d.  h.  er  darf  über  sein  Vermögen  nur 
noch  von  Todeswegen  verfügen,  erhält  einen  Vormund  mit  den  durch  das 
bürgerliche  Recht  hieran  geknüpften  Wirkungen,  von  seinen  Einkünften  darf 
ihm  nichts  verabfolgt  werden  (Artt.  32 — 35). 

Die  Zuchthausstrafe  darf  bei  über  70  Jahre  alten  Personen  nicht  an- 
gewendet werden  und  wird  bei  diesen  durch  Gefängnis  von  gleicher  Dauer 
ersetzt;  Sträflinge,  die  zur  Zeit  der  Vollendung  des  siebzigsten  Lebensjahres 
eine  Zuchthausstrafe  verbüsscn,  werden  in  das  Gefängnis  überführt  (Art.  36). 

b)  Ausschliesslich  Vergehensstrafe  ist  die  Gefängnisstrafe.  Ihre  Dauer 
beträgt  regelmässig,  d.  h.  falls  das  Gesetz  nicht  ausdrücklich  etwas  anderes 
vorschreibt,  8  Tage  bis  zu  5  Jahren  (prisiön  correccional,  Artt.  12,  39 — 41). 
Der  Tag  wird  zu  24  Stunden,  der  Monat  zu  30  Tagen  gerechnet.  Die  Ver- 
büssung  geschieht  in  den  Bezirksgefängnissen  (cärceles  del  cantön) ;  es  herrscht 
Arbeitszwang,  jedoch  können  durch  die  Anstaltsordnungen  Ausnahmen  zu- 
gelassen werden.  Von  dem  höchstens  fünf  Zehntel  betragenden  Arbeits- 
verdienstanteile der  Gefangenen  kann  der  Staat  die  Hälfte  in  der  bei  Zucht- 
haus zulässigen  Weise  verwenden;  die  andere  Hälfte  dient  zur  Bildung  eines 
bei  der  Entlassung  auszuhändigenden  Kapitals,  kann  aber  von  solchen  Ge- 
fangenen, die  sich  gut  geführt  haben,  teilweise  zur  Beschaffung  von  Genuss- 
mitteln verwendet  werden  (Art.  41). 

c)  Die  Haftstrafe  (Polizeigefängnis,  prisiön  de  policfa,  Artt.  12,  42,  43) 
findet  ausschliesslich  auf  Übertretungen  Anwendung.  Mindestbetrag  ein  Tag, 
Höchstbetrag  sieben  Tage,  falls  nicht  das  Gesetz  ausdrücklich  etwas  anderes 
bestimmt.  Die  Strafe  ist  lediglich  Freiheitsentziehung  ohne  jeden  Arbeitszwang; 
das  Gesetz  sagt  von  den  Gefangenen:   „no  serän  obligados  ä  ningun  trabajo". 

d)  Verbrechen- und  Vergehensstrafen  sind:  Landesverweisung,  Aus- 
schluss von  der  Ausübung  gewisser  politischer  und  privatrechtlicher  Befugnisse 
und  Stellung  unter  Polizeiaufsicht.  ^) 


^)  Der  Gesetzgeber  hat  sich  einer  Inkongruenz  schuldig  gemacht,  indem  er  die 


§  8.    Der  allgemeine  Teil.  —  Strafen.  29 


Die  Landesverweisung  (extraüamiento,  Art.  45)  besteht  in  der  zwangs- 
weisen Entfernung  des  Verurteilten  aus  dem  Gebiete  der  Republik;  wer  vor 
Ablauf  der  im  Urteile  bestimmten  Zeit  zurückkehrt,  wird  abermals  ausgewiesen 
und  muss  zwei  Jahre  länger  in  der  Verbannung  bleiben,  als  die  im  ersten 
Urteile  bestimmte  Zeit  betrug. 

Der  Ausschluss  von  der  Ausübung  gewisser  politischer  und 
privatrechtlicher  Befugnisse  (la  interdicciön  de  ciertos  derechos  politicos  y 
civiles)  besteht  nach  Art.  46  in  dem  Verlust  der  staatsbürgerlichen  Rechte  (perdida 
de  los  derechos  de  ciudadania)  und  kommt  sowohl  als  Haupt-  wie  als  Nebenstrafe 
vor.  Als  letztere  ist  sie  von  Rechtswegen  eintretende  Folge  einer  Verurteilung: 
zum  Tode,  zu  Zuchthaus  oder  zu  Gefängnis  von  längerer  als  sechsmonatiger 
Dauer;  der  Verlust  ist  in  diesem  Falle  dauernd.  Ausserdem  kann  in  den  vom 
Gesetze  bestimmten  Fällen  vom  Gerichte  der  Verlust  für  den  Zeitraum  von 
3  —  5  Jahi-en  ausgesprochen  werden  (Art.  47).  Die  in  Übereinstimmung  mit 
der  Verfassung  erfolgende  Wiederverleihung  der  politischen  Rechte  setzt  den 
Verurteilten  auch  wieder  in  den  Genuss  der  ihm  durch  das  Urteil  entzogenen 
privatrechtlichen  Befugnisse  ein  (Art.  48). 

Die  Stellung  unter  Polizeiaufsicht  (sujeciön  ä  la  vigilancia  especial 
de  la  policia,  Artt.  49 — 51)  ist  bei  Verurteilung  wegen  eines  Vergehens  nur 
in  den  vom  Gesetze  ausdrücklich  angegebenen  Fällen,  bei  Verurteilung  wegen 
eines  Verbrechens  ganz  allgemein  zulässig;  Dauer  im  letzteren  Falle  5 — 10 
Jahre,  bei  erneuter  Verhängung  einer  Verbrechensstrafe  auf  Lebenszeit.  Die 
Strafe  bewirkt  für  den  dazu  Verurteilten  gewisse  Beschränkungen  der  Frei- 
zügigkeit, insbesondere  kann  der  Richter  ihm  das  Betreten  bestimmter  Ort- 
schaften untersagen. 

e)  Die  bei  allen  strafbaren  Handlungen  zur  Verwendung  kommen- 
den Strafen  sind:  Geldstrafe  und  Einziehung.^) 

Die  Höhe  der  Geldstrafe  (multa)  ist,  wenn  nicht  das  Gesetz  ausdrück- 
lich etwas  anderes  anordnet:  bei  Übertretungen:  mindestens  0,2  Sucres  (1  Sucre 
=  4  deutsche  Reichsmark  =  5  Francs)  und  höchstens  8  Sucres;  bei  Ver- 
brechen und  Vergehen  beträgt  sie  mindestens  8  Sucres;  ein  allgemeines  Höchst- 
mass  ist  nicht  normiert.  Die  wegen  einer  Übertretung  erkannten  Geldstrafen 
fliessen  in  die  Gemeindekasse,  alle  übrigen  fallen  dem  Staate  zu  (Art.  52). 
Sind  mehrere  wegen  ein  und  derselben  That  angeklagt,  so  wird  die  Strafe 
für  jeden  besonders  festgesetzt  (Art.  53).  Die  Geldstrafe,  welche  nicht  binnen 
drei  Tagen  nach  ergangener  Aufforderung  gezahlt  ist,  wird  in  Freiheitsstrafe 
umgewandelt,  deren  Dauer  im  Urteile  zu  bestimmen  ist  und  deren  höchstes 
zulässiges  Mass  6  Tage  (Übertretungen),  bezw.  3  Monate  (Vergehen)  bezw. 
6  Monate  (Verbrechen)  beträgt.  Der  Angeklagte  kann  durch  Zahlung  seine 
Freilassung  bewirken,  hat  aber,  wenn  er  zahlungsfähig  ist,  nicht  das  Recht, 
an  Stelle  der  gegen  ihn  erkannten  Geldstrafe  die  Umwandlung  in  Freiheits- 
strafe zu  verlangen  (Artt.  54,  55). 

Der  Einziehung  (comiso  especial)  unterliegen  Gegenstände,  welche  ent- 
weder 1.  Objekt  der  strafbaren  Handlung  oder  Mittel  zu  ihrer  Begehung  ge- 
wesen und  Eigentum  des  Thäters,  oder  2.  durch  das  Delikt  hervorgebracht 
sind.  Sie  ist  bei  Verbrechen  und  Vergehen  stets,  bei  Übertretungen  nur  in 
den  vom  Gesetze  besonders  bezeichneten  Fällen  zulässig  (Artt.  56,  57). 


Stellung  unter  Polizeiaufsicht  in  Art.  12  als  für  alle  Deliktsarten  zulässiges  Strafmittel 
bezeichnet,  während  sie  später  richtig  in  dem  von  den  Verbrechens-  und  Vergehens- 
strafen handelnden  fünften  Abschnitt  des  II.  Kap.  behandelt  wird.  Thatsftchlich  ent- 
hält der  besondere  Teil  des  Gesetzes  keine  Vorschrift,  welche  diese  Strafe  gegen  eine 
Übertretung  androht. 

*)  Wegen  der  Stellung  unter  Polizeiaufsicht  vgl.  die  vorige  Anm. 


30  Ecuador.  —  IL  Das  Strafgesetzbuch  von  1873. 


Im  Kap.  III  (Artt.  58 — 64)  des  ersten  Buches  handelt  das  Gesetz  von  den 
„otras  condenaciones",  d.  h.  straf  ähnlichen  Übeln,  die  wegen  eines  Delikts 
auferlegt  werden  können,  und  rechnet  zu  diesen  die  Verurteilung  zur  Heraus- 
gabe von  Gegenständen,  zu  Schadensersatz  und  zur  Zahlung  der  Prozesskosten 
an  eine  Partei  oder  an  den  Fiskus.  Zur  Vollstreckung  einer  derartigen  Ent- 
scheidung ist  persönlicher  Zwang  (apremio  personal)  zulässig,  jedooh  gegen  Privat- 
kläger, Denunzianten  und  die  für  die  Folgen  der  That  civilrechtlich  Haftenden 
nur  auf  Grund  einer  besonderen  Anordnung  des  Richters  (Art.  60).  Bei  den 
von  Amtswegen  betriebenen  Sachen  wird  zwar  im  allgemeinen  ebenfalls  der  per- 
sönliche Zwang  solange  fortgesetzt  bis  der  Schuldner  zahlt  oder  entsprechende 
andere  Veiinögensstücke  herausgiebt;  weist  er  aber  seine  Zahlungsunfähigkeit 
nach,  so  wird  er  in  Freiheit  gesetzt  (Art.  61).  Gegen  über  70  Jahre  alte 
Personen  ist  die  Zwangshaft  unzulässig  (Art.  62).  Bei  unzureichendem  Ver- 
mögen des  Verurteilten  erfolgt  die  Zwangsvollstreckung  zunächst  wegen  der 
Herausgabe  von  Sachen  und  der  Schadensersatzleistung,  und  erst  in  letzter 
Linie  wegen  der  Geldstrafe;  bei  Konkurrenz  zwischen  Geldstrafe  und  Kosten, 
die  dem  Fiskus  geschuldet  werden,  sind  die  Zahlungen  zunächst  auf  die 
Kosten  zu  verrechnen  (Art.  63).  Die  durch  ein  und  dasselbe  Urteil  wegen 
Beteiligung  an  ein  und  derselben  Handlung  Verurteilten  haften  für  Kosten, 
Schadensersatz  und  Restitutionen  solidarisch,  jedoch  kann  der  Richter  Aus- 
nahmen machen;  mehrere  durch  verschiedene  Urteile  mit  Strafe  belegte  Per- 
sonen haften  nur  für  die  Kosten  der  gemeinsam  gegen  sie  geführten  sum- 
marischen Untersuchung  solidarisch  (Art.  64).  Der  Erlass,  die  Umwandlung 
und  die  Ermässigung  der  Strafe  im  Wege  der  Gnade  sind  ohne  Einfluss  auf 
die  Verpflichtung  zur  Schadensersatzleistung  u.  s.  w.;  es  können  aber  bei  einer 
von  Amtswegen  verfolgten  Strafthat  auch  die  gerichtlichen  Kosten  erlassen 
werden  (Art.  89  Abs.  2). 

3.  Der  Rückfall  (reincidencia ,  Kap.  IV,  Art.  65 — 68)  bildet  bei  Ver- 
brechen und  Vergehen  (nicht  auch  bei  Übertretungen)  einen  allgemeinen  Straf- 
schärfungsgrund. Rückfällig  ist,  wer  nach  Verurteilung  zu  einer  Verbrechens- 
strafe ein  Verbrechen  oder  Vergehen  oder  nach  Verurteilung  zu  mindestens 
einjähriger  Gefängnisstrafe  innerhalb  fünf  Jahren  nach  Verbüssung  oder  Ver- 
jährung derselben  ein  Vergehen  begeht.  Die  Art  der  Straferhöhung  ist  im' 
Gesetze  sehr  kasuistisch  und  daher  wohl  kaum  praktisch  bestimmt.  Auch 
die  vorhergegangene  Verurteilung  durch  ein  Militärgericht  begründet  den 
Rückfall. 

4.  Zusammentreffen  mehrerer  strafbarer  Handlungen  (Concur- 
rencia  de  varias  infracciones;  Kap.  V,  Artt.  69 — 76).  Das  Gesetz  unterscheidet 
Realkonkurrenz  und  sog.  Gesetzeskonkurrenz. 

Sind  von  einem  Thäter  mehrere  Übertretungen  begangen,  so  werden  die 
für  jede  von  ihnen  zu  erkennenden  Strafen  zusammengezählt  (Kumulations- 
prinzip); in  allen  übrigen  Fällen  dagegen  tritt  entweder  eine  gewisse  Straf- 
ermässigung ein  (Prinzip  der  Gesamtstrafe),  oder  die  geringere  Strafe  geht  in 
der  schwereren  auf  (Absorptionsprinzip).  Das  Gesetz  unterscheidet  folgende 
Fälle : 

a)  Zusammentreffen  von  Vergehen  und  Übertretungen  oder  von  Ver- 
gehen und  Vergehen:  die  Geld-  und  Freiheitsstrafen  werden  allerdings  zu- 
sammengezählt, dürfen  aber  den  doppelten  Betrag  des  Höchstmasses  nicht 
übersteigen  (Artt.  70  und  71); 

b)  Zusammentreffen  von  Verbrechen  mit  Vergehen  oder  Übertretungen: 
es  wird  nur  auf  die   für   das  Verbrechen  verwirkte  Strafe   erkannt  (Art.  72); 

c)  Zusammentreffen  mehrerer  Verbrechen:  es  wird  auf  die  wegen  des 
schwersten  Delikts  verwirkte  Strafe  erkannt  (Art.  73). 


§  3.    Der  allgemeine  Teil.  —  Thäterschaft  und  Teilnahme.  31 


Verletzt  eine  strafbare  Handlung  mehrere  Strafvorschriften  (Fall  der  sog. 
Gesetzeskonkurrenz),  so  findet  die  schwerste  angedrohte  Strafe  Anwendung  (Art.  76). 

Als  schwerste  Strafe  gilt  diejenige,  deren  Dauer  eine  längere  ist;  bei 
gleicher  Dauer  gelten  schweres  und  leichtes  Zuchthaus  für  härter,  als  die 
übrigen  Strafraittel  (Art.  74). 

Die  etwa  erforderliche  Einziehung  von  Gegenständen  ist  bei  jedem  De- 
likte besonders  anzuordnen  (Art  7b). 

5.  Thäterschaft  und  Teilnahme  (Kap.  VI,  Art.  77 — 81).  Das  Ge- 
setz kennt  nur  diese  beiden  Formen  der  strafbaren  Beteiligung  an  einem  De- 
likte; der  besondere  Begriff  der  Anstiftung  ist  ihm  fremd,  und  gewisse  Fälle 
der  Begünstigung  (die  beispielsweise  im  peruanischen  Rechte  eine  allgemeine 
Forni  der  Regelung  einer  Strafthat  ist  —  Cödigo  penal  del  Peru  von  1862, 
Art.  11,  16,  siehe  No.  V  dieses  Bandes)  sind  als  selbständige  Delikte  unter 
Strafe  gestellt  (Art.  353). 

Der  vom  Gesetz  aufgestellte  Begriff  der  Thäterschaft  ist  ein  sehr  weiter  und 
umfasst  ausser  der  Thäterschaft  i.  e.  S.  die  Anstiftung  und  einen  Teil  der  BeihüWe. 

Als  T  hat  er  (autor,  Art.  78)  gilt:  a)  der  Thäter  i.  e.  S.,  d.  h.  der- 
jenige, welcher  die  That  unmittelbar  selbst  ausführt;  b)  der  mittelbare  Thäter 
und  der  Anstifter:  derjenige,  welcher  den  Entschluss  zur  Begehung  der  That 
fasst  und  sie  von  einem  anderen  ausführen  lässt;  c)  derjenige  Gehülfe,  wel- 
cher in  hervoiTagender  Weise  unmittelbar  (de  un  modo  principal  e  directo) 
bei  der  Ausführung  der  That  mitwirkt,  indem  er  böswillig  (maliciosamente) 
eine  Handlung  vornimmt,  ohne  welche  die  That  nicht  vollendet  worden  wäre. 

Ge hülfe  (cömplice)  ist:  a)  der  Gehülfe  i.  e.  S.,  d.  h.  derjenige, 
welcher  vor  oder  während  der  Ausführung  in  mittelbarer,  nebensächlicher 
Weise  (indirecta  e  secundariamente)  bei  der  Ausführung  mitwirkt  (Art.  79); 
b)  der  Begünstiger;  unter  einem  solchen  versteht  das  (resetz  (Art.  80)  den- 
jenigen, welcher  in  Kenntnis  der  verbrecherischen  Lebensführung  (conducta 
criminal)  von  Menschen,  die  Plünderungen  (pillajes),  Gewaltthätigkeiten  gegen 
die  Sicherheit  des  Staates,  den  öffentlichen  Frieden,  die  Person  oder  das 
Eigentum  begehen,  diesen  gewohnheitsmässig  (habitualmente)  Unterkunft  (aloja- 
miento),  Schlupfwinkel  (escondite)  oder  ein  Versammlungslokal  (lugar  de  re- 
uniön)  gewährt.  Die  Gewährung  von  Unterkommen  an  eine  wegen  eines 
Verbrechens  bereits  verurteilte  oder  strafrechtlich  verfolgte  Person  ist  als  be- 
sonderes Delikt  in  Art.  353  unter  Strafe  gestellt. 

Der  Gehülfe  wird  milder  bestraft  als  der  Thäter;  bei  Verbrechen  trifft 
ihn  die  Strafe,  welche  der  Schwere  nach  auf  die  für  den  Thäter  angedrohte 
unmittelbar  folgt;  bei  Vergehen  darf  sie  zwei  Dritteile  der  Thäterstrafe  nicht 
überschreiten  (Art.  81). 

6.  Strafausschliessungs-  und  Milderungsgründe  (Kap.  VII  und 
VIII,  Art.  82—96). 

Im  Gegensatz  zum  peinianischen  Strafgesetzbuche  (vgl.  dessen  Art.  10, 
No.  V  dieses  Bandes)  kennt  das  (xesetz  keine  allgemeinen  Strafschärfungsgründe. 

a)  Strafausschliessungsgründe  (oder  genauer  ausgedrückt:  Recht- 
fertigungs-  und  Entschuldigungsgründe  —  causas  de  justificaciön  y  excusa) 
sind  die  folgenden: 

1.  Vornahme  einer  gesetzlich  vorgeschriebenen  Handlung  auf  Befehl  der 
Obrigkeit  (Art.  82); 

2.  Ausfühnmg  der  That  unter  dem  Einflüsse  unwiderstehlicher  Gewalt 
(fuerza  a  que  non  ha  podido  resistir;  Art.  83); 

3.  mangelnde  geistige  und  sittliche  Reife  infolge  von  Geisteskrankheit 
(demencia,  Art.  83),  oder  jugendlichem  Alter  (Art.  Si — 87)  oder  Taubstumm- 
heit (Art.  88). 


32  Ecuador.  —  II.  Das  Strafgesetzbuch  von  1873. 


Wer  noch  nicht  sieben  Jahre  alt  ist,  kann  nicht  bestraft  werden;  wer 
sieben,  aber  noch  nicht  sechzehn  Jahre  alt  ist,  nur,  wenn  festgestellt  ist,  dass 
er  mit  dem  Unterscheidungsvermögen  (discernimiento)  gehandelt  hat.  Ist 
dieses  als  vorhanden  nachgewiesen,  so  tritt  Strafe,  jedoch  mildere  als  für  Er- 
wachsene, ein ;  ausgeschlossen  sind :  Stellung  unter  Polizeiaufsicht,  Aberkennung 
der  bürgerlichen  Ehrenrechte  (derechos  de  ciudadania)  (Art.  87).  An  Stelle 
der  Todesstrafe  sowie  der  ausserordentlichen  Zuchthausstrafe  tritt  Gefängnis 
bis  zu  6  Jahren,  an  Stelle  der  ordentlichen  Zuchthausstrafe:  Gefängnis  von 
2—3  Jahren  (Art.  85).  Bei  Vergehen  darf  die  Strafe  die  Hälfte  des  für  Er- 
wachsene zulässigen  Masses  nicht  überschreiten  (Art.  86).  Der  wegen  fehlen- 
den Unterscheidungsvermögens  Freigesprochene  kann  seiner  Familie  oder  bis 
zum  vollendeten  einundzwanzigsten  Lebensjahre  einer  Erziehungs-  und  Besse- 
rungsanstalt überwiesen  werden  (Art.  84). 

Ähnliche  Grundsätze  gelten  für  den  über  16  Jahre  alten  Taubstummen 
(sordomudo);  dieser  ist  freizusprechen,  wenn  feststeht,  dass  er  ohne  Unter- 
scheidungsvermögen gehandelt  hat,  und  kann  dann  auf  höchstens  fünf  Jahre  in 
einer  Erziehungsanstalt  untergebracht  werden.  Andernfalls  tritt  die  für  Jugend- 
liche von  7 — 16  Jahren  vorgeschriebene  Straf ermässigung  ein  (Art.  88). 

b)  Mildernde  Umstände  (circonstancias  atenuantes,  Art.  90  bis 
96)  bewirken  Strafermässigung  in  einer  vom  Gesetze  genau  vorgesehenen 
Weise,  deren  Einzelheiten  aber  kein  besonderes  Interesse  bieten.  Nur  sei  er- 
wähnt, dass  bei  Mord  (asesinato)  die  Annahme  von  mildernden  Umständen  un- 
zulässig ist.  Als  strafmindernd  sind  (nach  Art.  90)  ausser  den  im  Gesetze  bei 
einzelnen  Delikten  besonders  hervorgehobenen  alle  Umstände  in  Betracht  zu 
ziehen,  welche  die  Schwere  der  That,  den  Grad  der  Verschuldung  (malicia: 
des  bösen  Willens)  des  Thäters,  das  durch  die  Begehung  erregte  Aufsehen  in 
milderem  Lichte  erscheinen  lassen  (nur  beispielsweise  führt  das  Gesetz  hier  an: 
vorausgegangene  Reizung  durch  den  Verletzten,  Furcht,  Not,  jugendliches  Alter 
oder  andere  in  den  Beweggründen  der  That,  dem  geistigen  oder  körperlichen  Zu- 
stande des  Thäters  oder  in  seinem  Verhalten  nach  der  That  liegende  Entschuldigungs- 
gründe).   Dem  richterlichen  Ermessen  ist  danach  ein  weiter  Spielraum  gelassen. 

7.  Erlöschen  des  Strafanspruchs  und  der  Strafklage. 

Unter  dem  Titel  „De  la  extinciön  de  las  penas"  handelt  das  Gesetz  im 
IX.  Kap.  (Art.  97 — 116)  von  den  Erlöschungsgründen  des  staatlichen  An- 
spruchs auf  Vollstreckung  der  rechtskräftig  erkannten  Strafe  und  dem  Auf- 
hören des  Rechts  zur  Strafverfolgung. 

a)  Der  Anspruch  des  Staates  auf  Verbüssung  der  rechtskräftig  erkannten 
Strafe  erlischt: 

1.  durch  den  Tod  des  Verurteilten  (Art.  97); 

2.  durch  Begnadigung.  Durch  ein  Gesetz  vom  20.  August  1887  ^)  ist 
der  Präsident  der  Republik  in  der  Ausübung  des  Begnadigungsrechts  bedeu- 
tend beschränkt.  Die  Begnadigung  ist  nur  zulässig,  wenn  der  Verurteilte  sich 
in  der  zur  Strafvollstreckung  bestimmten  Strafanstalt  befindet,  sich  seit  der 
Verurteilung  gut  geführt  und  mindestens  ein  Drittel  der  erkannten  Strafe  ver- 
büsst  hat.  Völlig  ausgeschlossen  ist  die  Begnadigung  bei  Verwandtentot- 
schlägern.  Rückfälligen,  Landesverrätern,  welche  der  Armee  angehören,  und 
Personen,  die  sich  auf  Befehl  der  Exekutivgewalt  oder  gegen  das  National- 
vermögen vergangen  haben.  Öffentliche  Beamte,  deren  Ernennung  und  Ab- 
berufung der  Exekutivgewalt  zusteht,  dürfen  nicht  von  demjenigen  Präsidenten 
begnadigt  werden,  dem  sie  ihre  Erneimung  verdanken.  Die  völlige  Begna- 
digung  ist   u.    a.   unzulässig   bei   Seeräubern,    Mördern,  Giftmischern,  Brand- 


*)  Eine  Inhaltsangabe  findet  sich  im  Annuaire  de  legislation  etrangere.  Bd.  17  S.  953. 


§  4.    Der  besondere  Teil.  33 


Stiftern,  Falschmünzern  und  Urkundenfftlschem.  Sie  können  jedoch  einer 
Umwandlung  oder  Ermässigung  der  Strafe  teilhaftig  werden,  wenn  sie  dem 
Vaterlande  einen  hervorragenden  Dienst  geleistet  oder  sich  in  einer  Kunst 
oder  Wissenschaft  besonders  ausgezeichnet  haben.  In  diesem  Falle  kann  dem 
Begnadigten  die  Verpflichtung  auferlegt  werden,  während  einer  bestimmten 
Zeit  in  einer  öffentlichen  Unterrichtsanstalt  unentgeltlich  zu  unterrichten.  — 
Die  Begnadigung  bewirkt  nicht  ohne  weiteres  die  Wiedererlangung  derjenigen 
Befugnisse,  von  deren  Ausübung  der  Verurteilte  ausgeschlossen  war  (Art.  98;. 
Der  Erlass  oder  die  Umwandlung  der  Todesstrafe,  der  schweren  oder  der 
leichten  ausserordentlichen  Zuchthausstrafe  hat,  falls  nicht  im  Begnadigungs- 
dekret etwas  anderes  beistimmt  ist,  zur  Folgt»,  dass  der  Begnadigte  10  Jahre 
lang  unter  Polizeiaufsicht  gestellt  wird  (Art.  99j.  Der  Verurteilte,  dessen 
Strafe  in  eine  solche  umgewandelt  ist,  welche  nach  Art.  33  die  „interdicciön 
civil"  zur  Folge  hat,  erleidet  auch  diese  letztere  (Art.  100).  Anden^rseits 
hört  in  dem  umgekehrten  Falle  die  „interdicciön  civil"  auf  mit  dem  Erlass 
der  Hauptstrafe  oder  durch  ihre  Umwandlung  in  eine  Strafe,  welche  die 
„interdicciön"  nicht  zur  Folge  hat  (Art.  101); 

3.  durch  Verjährung.  Die  Verjährungsfrist  beträgt  für  die  Todesstrafe 
18  Jahre  (Art.  103),  für  alle  Verbrechens-  und  Vergehensstrafen  zwei  Jahre 
mehr  als  die  erkannte  Strafe  (Artt.  103,  105,  109),  für  Cbertretungsstrafen 
6  Monate  (Art.  107);  für  die  allen  drei  Deliktarten  gemeinschaftlichen  Strafen 
(Geldstrafe  und  Einziehung)  hängt  die  Frist  davon  ab,  wegen  welcher  That 
sie  im  Einzelfalle  verhängt  sind  (Art.  107).  Der  Lauf  der  Frist  beginnt 
regelmässig  mit  dem  Tage  der  Rechtskraft  des  Urteils  (Artt.  103,  105,  107), 
wenn  aber  die  Strafvollstreckung  bereits  ihren  Anfang  genommen  hatte,  mit 
dem  Augenblicke,  wo  sich  der  Verurteilte  dieser  entzog  (Art.  110  Abs.  1); 
die  Dauer  der  bereits  erfolgten  Sti'afverbüssung  wird  (nach  Art.  110  Abs  .2) 
auf  die  Verjährungsfrist  angerechnet,  die  also  um  so  viel  verkürzt  wird. 
Der  Lauf  der  Verjährung  wird  durch  die  Ergreifung  des  Verurteilten  unter- 
brochen (Art.  111);  die  Verjährung  ist  wirkungslos  (queda  sin  efecto;  Art.  114), 
wenn  der  Thäter  vor  Ablauf  der  Verjährungsfrist  ein  anderes  gleichartiges 
oder  mit  gleich  schwerer  oder  schwererer  Strafe,  als  das  erste,  bedrohtes 
Delikt  begeht.  —  Der  zum  Tode,  zu  schwerem  oder  zu  leichtem  ausser- 
ordentlichem Zuchthaus  Verurteilte,  dc^ssen  Strafe  verjährt  ist,  wird  für  10  Jahre 
unter  Polizeiaufsicht  gestellt  (Art.  113). 

Die  Verjährung  des  dem  Beschädigten  durch  Urteil  zuerkannten  Rechts 
auf  Schadensersatz  u.  s.  w.  erfolgt  nach  den  Bestimmungen  des  „Cödigo  civil" 
(Art.  115). 

b)  Das  Recht  und  die  Pflicht  des  Staates  zur  Strafverfolgung  ver- 
jährt: bei  Verbrechen  in  10  Jahren  (Art.  102),  bei  von  Amtswegen  zu  ver- 
folgenden Vergehen  in  5  Jahren  (Art.  104),  bei  nicht  von  Amtswegen  zu  ver- 
folgenden Vergehen  in  100  Tagen  inter  praesentes,  in  200  Tagen  inter  ab- 
sentes  (Art.  106),  bei  Übertretungen  in  30  Tagen  (Art.  107).  Die  Frist  beginnt 
zu  laufen:  im  allgemeinen  mit  dem  Augenblicke  der  Vollendung  (desde  la  per- 
petraciön)  der  That  (Artt.  102,  104,  107),  wenn  aber  ein  Strafverfahren  ein- 
geleitet ist,  mit  dem  Tage,  an  welchem  die  letzte  richterliche  Handlung  (la 
ultima  diligencia  judicial)  vorgenommen  wurde  (Art.  108).  Die  Bestimmung 
des  Art.  114  über  den  Einfluss  der  Begehung  einer  neuen  Straf  that  auf  den 
Lauf  der  Verjähining  bezieht  sich  auch  auf  die  Verjährung  der  Strafklage. 

c)  §  4.    Der  besondere  Teil. 

Das  die  einzelnen  Strafthaten  behandelnde  zweite  Buch  des  Strafgesetz- 
buches enthält  die  Artt.  118 — 604  und  zerfällt  in  11  Titel,  von  denen  die  ersten  10 

straf gesetzgebuDg  der  Gegenwart.    II.  3 


34  Ecuador.  —  II.  Das  Strafgesetzbuch  von  1873. 


sich  mit  den  Verbrechen  und  Vergehen  beschäftigen,  während  der  letzte  den 
Übertretungen  gewidmet  ist.  Des  beschränkten  Raumes  wegen  kann  im 
Folgenden  nur  eine  kurze  Inhaltsangabe  unter  Hervorhebung  besonderer  Eigen- 
tümlichkeiten der  Gesetzgebung  von  Ecuador  gegeben  werden. 

Tit.  I.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  Sicherheit  des  Staates 
(Artt.  118 — 153).  Drei  Kapitel.  1.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  äussere 
Sicherheit  des  Staates.  Dieses  Kapitel  umf  asst  alle  Fälle  des  unerlaubten  Verkehrs 
mit  feindlichen  Staaten,  Verrat  von  Geheimnissen  an  diese  u.  s.  w.  Die  an- 
gedrohten Strafen  sind:  Gefängnis,  Zuchthaus  und  Todesstrafe;  letztere  trifft 
in  besonders  schweren  Fällen  den  Landesverräter  —  traidor  (Artt.  118,  123, 
127).  Die  Bestrafung  ist  die  gleiche,  wenn  die  landesverräterischen  Hand- 
lungen u.  s.  w.  gegen  einen  Staat  gerichtet  sind,  der  sich  mit  der  Republik 
Ecuador  zur  Bekämpfung  eines  gemeinsamen  Feindes  verbündet  hat  (Artt.  121, 
122).  —  2.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  das  Völkerrecht  (contra  el  derecho 
internacional).  Die  Strafe  der  hier  behandelten  Delikte  ist  nach  Art.  135  die 
gleiche,  wenn  sie  gegen  Ecuadorianer  und  wenn  sie  gegen  Fremde  begangen 
werden,  die  sich  dauernd  oder  vorübergehend  im  Gebiete  der  Republik  auf- 
halten, selbst  wenn  sie  einem  Lande  angehören,  mit  dem  Ecuador  sich  im 
Kriege  befindet;  dieses  gilt  auch  bezüglich  der  Kriegsgefangenen,  soweit  es 
mit  dem  Rechte  der  Repressalien  und  der  öffentlichen  Sicherheit  vereinbar 
ist.  —  Delikte  gegen  das  Völkerrecht  sind:  a)  Verletzung  eines  mit  dem 
Feinde  geschlossenen,  gehörig  bekannt  gemachten  Friedens  oder  Waffenstill- 
standes (Art.  128);  ß)  Seeraub  (piraterla:  bewaffneter  Überfall  auf  hoher  See 
oder  in  den  Gewässern  der  Republik  —  asalto  cometido  ä  mano  armada  en 
alta  mar  ö  en  las  aguas  ö  rios  de  la  Repüblica)  und  die  diesem  gleichgestellten 
Thatbestände  (Artt.  129 — 134);  die  schweren  Fälle  des  Seeraubes  werden  mit 
dem  Tode  bestraft  (Art.  130);  y)  die  Vornahme  feindlicher  Handlungen  gegen 
auswärtige  Staaten  ohne  Vorwissen  der  Regierung  (Art.  136).  —  3.  Verbrechen  und 
Vergehen  gegen  die  innere  Sicherheit  der  Republik  (gewaltsame  Änderung  der 
Verfassung,  Aufforderung  zum  Ungehorsam  gegen  die  Verfassung,  Aufhetzung 
der  Bevölkeiningsklassen  unter  einander,  Aufruhr,  Landfriedensbinich  u.  s.  w.; 
Artt.  137 — 152).  Die  Teilnehmer  am  bewaffneten  und  militärisch  organisierten 
Aufruhr  und  die  Rädelsführer  beim  Landfriedensbruch  werden  mit  dem  Tode 
bestraft  (Artt.  143,  145).  —  Nach  Art.  153  tritt  bei  einem  Teil  der  in  diesem 
Titel  behandelten  Delikte  für  den  Schuldigen  Straflosigkeit  ein,  wenn  er  vor 
Ausführung  der  That  und  vor  Beginn  der  Strafverfolgung  die  Obrigkeit  von 
dem  geplanten  Verbrechen  und  den  Namen  der  Teilnehmer  in  Kenntnis  setzt. 

Titel  IL  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  von  der  Verfassung 
gewährleisteten  Rechte  (Artt.  154 — 178).  Drei  Kapitel.  1.  Delikte  in  Bezug 
auf  die  Ausübung  politischer  Rechte  (Verliinderung  an  der  Ausübung  der 
StaatsbürgeiTechte,  Wahlbeeinflussimg,  Walüfälschung,  Stimmenkauf;  Strafen: 
(lefängnis,  Geld  und  Entziehung  der  bürgerlichen  Ehrenrechte  auf  die  Dauer 
von  3 — 5  Jahren);  2.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  Religion.  Wie  in 
den  meisten  südamerikanischen  Republiken  ist  die  katholische  Konfession  („la 
religiön  catolica,  apostolica  romana")  Staatsreligion  und  wird  als  solche  im  wei- 
testen Umfange  ^)  auch  strafrechtlich  geschützt.  Die  Bestimmungen  dieses  Kapitels 
bilden  in  ihrer  durchaus  mittelalterlichen  Tendenz  einen  seltsamen  Anachro- 
nismus und  seien  deshalb  ihren  wesentlichen  Bestandteilen  nach  kurz  wieder- 
gegeben. Der  Versuch,  die  katholische  Religion  als  Staatsreligion  abzuschaffen 
oder  zu  verändeni,  wird  in  leichten  Fällen  mit  Gefängnis  von  2 — 3  Jahren,  wenn 


^)  Vgl,  hierzu  oben  S.  25. 


§  4.    Der  besondere  Teil.  35 


im  Rückfall  begangen,  mit  schwerem  Zuchthaus  von  4 — 8  Jahren  und,  wenn 
der  Thäter  öffentlicher  Beamter  ist  und  in  missbräuchlicher  Ausübung  seines 
Amtes  handelte,  mit  schwerem  ausserordentlichem  Zuchthaus  (16  Jahre)  be- 
straft (Art.  159).  Die  öffentliche  Vornahme  von  religiösen  Handlungen,  die 
nicht  dem  katholischen  Ritus  angehören,  zieht  leichtes  Zuchthaus  von  3  bis 
6  Jahren  und  Landesverweisung  für  die  gleiche  Zeitdauer  nach  sich  (Art.  160). 
Mit  leichtem  Zuchthaus  von  3 — 6  Jahren,  zu  welchem  gegen  Rückfällige  noch 
Landesverweisung  für  3 — 6  Jahre  hinzukonm[it,  wird  belegt:  1.  wer  öffentlich 
zum  Ungehorsam  gegen  religiöse  Vorschriften  auffordert,  2.  wer  öffentlich  ein 
Sakrament  oder  Mysterium  (misterio)  der  Kirche  verspottet  oder  zur  Miss- 
achtung eines  solchen  auffordert,  endlich  3.  wer  solche  der  katholischen  Religion 
widersprechende  Ansichten  oder  Grundsätze  fortgesetzt  verbreitet,  die  bereits 
vorher  von  der  kirchlichen  Obrigkeit  (d.  h.  für  Ecuador:  von  den  Jesuiten) 
gemissbilligt  waren  (Art.  161).  Besonders  schwer,  nämlich  mit  16 jährigem 
schwerem  Zuchthaus,  wird  bestraft,  wer  die  Hostie  mit  Füssen  tritt  oder  zu 
Boden  wirft  oder  auf  andere  Weise  die  Form  des  Abendmahls  entweiht  (Art.  162j. 
Wer  in  der  Absicht,  die  Religion  zu  beschimpfen,  die  heiligen  Bilder  und  Ge- 
fässe  mit  i^ssen  tritt  oder  entweiht,  hat  schweres  Zuchthaus  von  4 — 8  Jahren, 
wer  die  gleichen  Handlungen  mit  anderen  zum  Gottesdienst  bestimmten  Gegen- 
ständen vornimmt,  Gefängnis  von  1 — 3  Jahren  zu  gewärtigen  (Art.  163).  Wer 
wörtlich  oder  thätlich  religiöse  Gebräuche  oder  Handlungen  (ritos  ö  präcticas) 
verspottet,  wird  mit  Gefängnis  bis  zu  2  Jahren  und  Geldstrafe  bis  zu  160  Sucres 
belegt  (Art.  164).  Bei  allen  Verurteilungen  auf  Grund  der  Artt.  159 — 164 
muss  ausgesprochen  werden,  dass  der  Thäter  zur  Bekleidung  irgendwelches 
Lehramtes  dauernd  unfähig  ist  (Art.  165).  Die  Artt.  166  und  167  enthalten 
Strafandrohungen  gegen  Angriffe  auf  Geistliche  und  Störung  des  Gottesdienstes. 
Zu  den  Religionsdelikten  gehört  endlich  nach  Art.  168  auch  die  Beteiligung 
an  geheimen  Gesellschaften  (sociedades  secretas),  die  von  der  Kirche  verboten 
sind;  die  Strafen  richten  sich  nach  der  Art  der  Beteiligung  und  bestehen  in 
Gefängnis  von  6  Monaten  bis  zu  3  Jahren  und  Verbannung  von  2 — 6  Jahren 
(Art.  168).  Sonderbarerweise  ist  die  Gotteslästerung  nur  eine  Übertretung 
(Art.  601  Nr.  8).  Die  vorstehenden  Strafbestimmungen  drücken  der  Republik 
Ecuador  den  Charakter  eines  theokratisch  organisierten  Staatswesens  auf;  b(^- 
sonders  bezeichnend  ist  der  Art.  168:  ein  Blankettgesctz ,  dessen  Ausfüllung 
der  Kirche  überlassen  ist;  dadurch,  dass  die  Kirchenbehörde  eine  Gesellschaft 
verbietet,  kann  sie  die  Beteiligung  daran  zu  einer  strafbaren  Handlung 
stempeln.  Der  Abs.  3  des  Art.  161  bedeutet  die  Auslieferung  der  Schule  an 
die  Kjrche  auf  Gnade  oder  Ungnade:  wer  Lehren  verbreitet,  die  von  der 
Kirche  gemissbilligt  werden,  wird  nicht  nur  bestraft,  sondern  auch  zur  Be- 
kleidung des  Lehramts  für  dauernd  unfähig  erklärt.  Die  Artt.  159 — 168  stehen 
in  vollster  Harmonie  mit  den  bereits  erwähnten  Vorschriften  über  die  Voll- 
streckung der  Todesstrafe  und  sind,  wie  diese,  symptomatisch  für  den  Geist  der 
ecuadorianischen  Gesetzgebung.  —  3.  Delikte  der  öffentlichen  Beamten  gegen 
die  von  der  Verfassung  gewährleisteten  Rechte  (Artt.  169 — 178).  Das  Ka])it(d 
enthält  Strafandrohungen  gf^gfui  ungesetzliche  Verhaftungen  (Art.  169),  Haus- 
friedensbruch begangen  in  Ausübung  des  Amtes  (Art.  170;,  Verhetzung  des 
Brief-  und  Telegrammgeheimnisses  (Artt.  171,  172; ,  endlich  in  Art.  173  ganz 
allgemeine  Schutzbestimmungen  gegen  alle  and(Ten  Beeinträchtigungen  der 
oben  bezeichneten  Rechte.  Weist  der  Thäter  nach,  dass  er  lediglich  einen 
von  seinem  Vorgesetzten,  dem  er  Gehorsam  schuldet,  in  d(»sscn  Amtsbereich 
gegebenen  Befehl  ausgeführt  hat,  so  wird  in  den  Fällen  der  Artt.  169 — 173 
nur  der  Vorgesetzte  bestraft  (Art.  114).  Die  Strafen  sind  auffallend  milde 
und  erheben  sich  nicht  über  6  Monate  Gefängnis  und  Geldstrafe.     Schwerere 

3* 


36  Ecuador.  —  IT.  Das  Strafgesetzbuch  von  1873. 


Freiheitsstrafen  drohen  an:  Art.  176  (Begehung  der  vorerwähnten  Handlungen 
mittels  Fälschung  von  Unterschriften;  Strafe:  schweres  Zuchthaus  von  4  bis 
8  Jahren),  Art.  177  (verfassungswidriges  Vorgehen  gegen  gewisse,  der  gewöhn- 
lichen Gerichtsbarkeit  nicht  unterstehende  Personen;  Strafe:  Geldstrafe  von 
40 — 160  Sucres  und  Gefängnis  von  1 — 3  Jahren)  und  Art.  178  (Gefangen- 
halten an  anderen,  als  den  hierzu  bestimmten  Orten;  Strafe:  wie  in  Art.  177). 

Titel  III.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  Treu  und  Glauben  (contra 
la  U  publica;  Artt.  179—246).  Sechs  Kapitel.  1.  Münzfälschung.  2.  Nach- 
ahmung oder  Verfälschung  von  gesetzlich  genehmigten  Aktien,  Obligationen, 
Zinsscheinen  und  Banknoten.  3.  Nachahmung  und  Verfälschung  von  Siegeln, 
Stempeln,  Formen  (punzones),  Marken  u.  s.  w.  4.  Fälschungen  von  Urkunden 
und  Telegrammen;  auch  die  von  Beamten  begangenen  Fälschungen  werden 
an  dieser  Stelle  behandelt.  —  5.  Falsches  Zeugnis  und  Meineid  (Del  falso 
testimoilio  y  del  perjurio).  Das  Gesetz  unterscheidet:  „falso  testimonio":  die 
un eidliche  falsche  Aussage  eines  Zeugen  (strafbar,  wenn  in  einer  „causa  cri- 
minal"  abgegeben,  Artt.  233 — 235)  — ,  „perjurio":  die  unter  Eid  gemachte 
falsche  Angabe  eines  Zeugen  (strafbar  in  allen  Fällen:  materia  correccional, 
de  policia  und  civil;  Artt.  236 — 238;  der  Fall  des  „perjurio  en  materia  crimi- 
nal"  wird  nicht  besonders  erwähnt,  es  ist  deshalb  anzunehmen,  dass  hierauf 
lediglich  die  in  Art.  233  für  falsche  Aussagen  in  Verbrechenssachen  überhaupt 
angedroht^  Strafe  von  3 — 6jährigem  leichtem  Zuchthaus  Anwendung  findet)  — , 
„falsa  declaraciön":  die,  eidliche  oder  im  eidliche,  falsche  Angabe  eines  Sach- 
verständigen (perito)  oder  Dolmetschers  (interprete)  (Art.  239)  und  „juramento 
falso":  der  Falscheid  der  Partei  in  einer  Civilsache  (Art.  242)^).  Die  Vor- 
schriften dieses  Kapitels  stehen  in  engem  Zusammenhange  mit  den  Grundsätzen 
des  Cödigo  de  enjuiciamientos  en  materia  criminal  (vgl.  Artt.  47,  56 — 58,  91  ff.) 
über  die  Beeidigung  der  Zeugen,  Sachverständigen  und  Dolmetscher.  Die 
Höhe  der  Strafe  hängt  teils  von  der  Sache  ab,  in  welcher  das  falsche  Zeugnis 
abgelegt  ist,  teils  von  der  Wichtigkeit  der  Aussage,  teils  von  ihren  Folgen. 
Auch  die  Bestechung  von  Zeugen  u.  s.  w.  ist  strafbar  (Art.  240).  Wer  für 
die  falsche  Aussage  irgendwelche  Vorteile  erhalten  hat,  wird  neben  der  Frei- 
heitsstrafe mit  Geldstrafe  belegt  (Art.  241).  —  6.  Anmassung  von  Aemtem, 
Titeln  oder  Namen. 

Titel  IV.  Verb  rechen  und  Vergehen  gegen  die  öffentliche  Ordnung, 
begangen  von  Beamten  in  Ausübung  ihres  Amtes  (De  los  crimenes  y 
delitos  contra  el  orden  publico  cometidos  por  funcionarios  en  el  ejercicio  de 
sus  funciones);  Artt.  247 — 287;  enthält  in  acht  Kapiteln  den  wichtigsten  Teil 
des  Beamtenstrafrechts,  von  dem  sich  jedoch  einzelne  Bestimmungen  an  anderen 
Stellen  (vgl.  Artt.  169—178,  212,  213,  220,  226,  317  u.  a.  m.)  finden.  Wer 
als  öffentlicher  Beamter  anzusehen  ist,  sagt  das  Gesetz  nicht.  —  1.  Ungehor- 
sam öffentlicher  Beamten  gegen  die  Gesetze  und  die  Befehle  ihrer  Vorgesetzten 
(De  los  funcionarios  pübücos  que  no  obedccen  ö  no  cumplen  las  leyes  y  ördenes 
superiores);  Artt.  247 — 249;  sehr  milde  Strafen.  —  2.  Verbindung  (coligaciön) 
von  öffentlichen  Beamten;  strafbar,  wenn  sie  geschieht,  um  die  Vollziehung 
von  Gesetzen  oder  Anordnungen  der  Vorgesetzten  zu  verhindern;  Artt.  250  bis 
252.  —  3.  Amtsanmassung  (usurpaciön  de  attribuciones) ;  Artt.  253 — 255.  — 
4.  Unterschlagung  und  Erpressung  im  Amte  (abusos  y  concusiones) ;  Artt.  256  bis 
263.  —  5.  Pflichtverletzung  im  Amte  (prevaricaciön),  Artt.  264—269,  umfasst 
u.  a.   die  Rechtsverweigerung,   Rechtsbeugung  und   die  Verletzung  des  Amts- 


*)  Indes  wird  diese  Terminologie  nicht  völlig  kont^equent  durchgeführt:  in 
Art.  285  wird  auch  die  uneidliche  falsche  Angabe  einer  Auskunftsperson  (personas 
llamadas  A  juicio  para  dar  simples  datos)  als  „falsa  declaraciön"  bezeichnet. 


§  4.    Der  besondere  Teil.  37 


geheimnisses;  letztere  wird  mit  Gefängnis  von  1 — 5  Jahren  bestraft;  — 
6.  Passive  und  aktive  Bestechung  von  Beamten  (sobomo  ö  cohecho);  Artt. 
270 — 277;  die  letztere  hat,  obwohl  nicht  zu  den  von  einem  Beamten  be- 
gangenen Delikten  gehörig,  aus  Zweckmässigkeitsgründen  hier  Platz  gefunden. 
Die  zur  Bestechung  verwendeten  Gelder  werden  eingezogen  und  der  Regierung 
zur  Verteilung  an  Wohlthätigkeitsinstitute  überwiesen  (Art.  277).  —  7.  Miss- 
brauch der  Amtsgewalt  (de  los  abusos  de  autoridad);  Artt.  278 — 283.  — 
Art.  284  enthält  eine  gemeinsame  Bestimmung  für  Kap.  1 — 7.  —  8.  Zu 
früher  Anfang  oder  ungesetzliche  Verlängerung  der  Ausübung  des  Amtes 
(del  ejercicio  de  la  autoridad  publica  ilegalmente  anticipado  ö  prolongado); 
Artt.  285  und  286.  —  Art.  287  enthält  eine  generelle  Bestimmung  für  alle 
Amtsdelikte. 

Titel  V.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  öffentliche  Ord- 
nung, begangen  von  Privatpersonen;  Artt.  288  —  335,  acht  Kapitel. 
1.  Rebellion  (rebeliön),  Artt.  288 — 293,  d.  h.  Widerstand  gegen  die  Staats- 
gewalt. —  2.  Thätliche  Angriffe  auf  öffentliche  Beamte,  Artt.  294 — 306.  Der 
gegen  den  Präsidenten  der  Republik  oder  den  Inhaber  der  Exekutivgewalt 
gerichtete  Mordversuch  wird  mit  schwerem  ausserordentlichem  Zuchthause  be- 
straft (Art.  294).  Die  Artt.  302 — 306  handeln  von  der  sogenannten  Sitzungs- 
polizei und  drohen  für  ungebührliches  Verhalten  gegen  Behörden  und  Beamte 
Gefängnisstrafen  bis  zu  3  Monaten  an,  die  von  den  mit  Jurisdiktionsbefug- 
nissen ausgerüsteten  Behörden  und  Beamten  ohne  weiteres  verhängt  werden 
können.  —  3.  Siegelbruch  (rompimiento  de  seilos),  Artt.  307 — 312.  —  4.  Störung 
der  Vornahme  öffentlicher  Arbeiten  (de  los  embarazos  ä  la  ejecuciön  de  las 
obras  püblicas),  Artt.  313 — 315.  —  5.  Verbrechen  und  Vergehen  der  Armee- 
und  Marinelieferantcn  (proveedores),  Artt.  316 — 322.  —  6.  Pressdelikte  (Ver- 
öffentlichung und  Verbreitung  von  Druckschriften  ohne  Angabe  des  Namens 
des  Druckers,  Art.  323.  Straffrei  bleibt,  wer  den  Drucker  nennt,  sowie  der 
Verkäufer  und  Verteiler,  welcher  denjenigen  namhaft  macht,  von  dem  er  die 
Drucksache  erhalten  hat,  Art.  324).  —  7.  Verbotene  Spiele  und  Verlosungen 
(juegos  prohibidos  y  rifas),  Artt.  325 — 329.  —  8.  Strafbare  Handlungen  in 
Bezug  auf  Industrie,  Handel  und  öffentliche  Versteigerungen,  Artt.  330 — 335. 
Dieses  Kapitel  enthält  u.  a.  die  strafrechtliche  Bekämpfung  eines  Falles  des 
unlauteren  Wettbewerbes  und  des  Missbrauchs  des  Koalitionsrechts.  Der  Ver- 
rat von  Fabrikationsgeheimnissen  wird,  und  zwar  auch  wenn  er  nach  Lösung 
des  Dienstverhältnisses  begangen  ist,  mit  Gefängnis  von  3  Monaten  bis  zu 
3  Jahren  und  16—320  Sucres  Geldstrafe  bedroht  (Art.  330). 

Titel  VI.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  öffentliche 
Sicherheit;  Artt.  336 — 359,  fünf  Kapitel.  —  1.  Verbindungen  mehrerer  zu 
Angriffen  auf  Personen  und  Sachen  (de  las  asociaciones  formadas  con  el  objeto 
de  atentar  contra  las  personas  y  las  propriedades),  Artt.  336 — 340.  —  2.  Dro- 
hungen (amenazas)  mit  einem  Angriff  auf  Personen  oder  Sachen,  Artt.  341 
bis  345.  —  3.  Entweichenlassen  von  Gefangenen  (de  la  evasiön  de  los  dete- 
nidos),  Artt.  346 — 351;  die  Selbstbefreiung  wird  nicht  bestraft;  ebenso  bleiben 
Personen,  welche  die  Entweichung  eines  nahen  Angehörigen  befördern,  straflos 
(Art.  349  Abs.  2).  —  4.  Bruch  der  Strafe  und  Verheimlichung  von  Verbrechern, 
Artt.  352 — 355.  Des  Bruches  der  Strafe  —  quebrantamiento  de  condena  — 
macht  sich  der  unter  Polizeiaufsicht  Gestellte  schuldig,  wenn  er  den  ihm  nach 
Art.  49  des  Strafgesetzbuches  obliegenden  Verpflichtungen  (Beschränkungen 
der  Freizügigkeit)  zuwiderhandelt.  —  5.  Landstreicherei  und  Bettelei  (de  los 
vagos  y  mendigos),  Artt.  356 — 359.  Landstreicher  ist  nach  Art.  356,  wer 
weder  festen  Wohnsitz  noch  Mittel  zur  Bestreitung  seines  Unterhalts  hat  und 
wer,  ohne  krank  und  schwach  zu  sein,  eine  regelmässige  Beschäftigung  nicht 


38  Ecuador.  —  II.  Das  Strafgesetzbuch  von  1873. 


hat  oder  ein  festes  Gewerbe  nicht  betreibt.  Strafe:  Stellung  unter  Polizeiauf- 
sicht für  1 — 3  Jahre  (Art.  357).  Der  Bettler  oder  Landstreicher,  der  sich  in 
irgendeiner  Verkleidung  (disfrazado)  betreffen  lässt,  wird  mit  Gefängnis  von 
8  Tagen  bis  zu  2  Monaten  bestraft  (Art.  358).  Schwerere  Strafe  ziehen  nach 
sich:  Benutzung  gefälschter  Pässe,  fälschliches  Vorgeben  von  Krankheiten 
oder  Verstümmelungen,  Betteln  unter  Drohungen  oder  mit  Waffen  (Art.  359). 

Titel  VIL  Kontrebande  (De  los  contrabandos),  Artt.  360 — 368. 
Wie  schon  aus  der  Überschrift  des  einzigen  Kapitels  dieses  Titels:  „De  los 
fraudes  en  la  importaciön  y  exportaciön  y  en  la  elaboraciön  ö  venta  de 
articulos  prohibidos"  hervorgeht,  versteht  das  Gesetz  hierunter  nicht  nur  den 
Schmuggel,  d.  h.  die  Ein-  und  Ausfuhr  von  zollpflichtigen  Gegenständen  ohne 
Kenntnis  der  Zollbehörde,  sondern  auch  die  unerlaubte  Anfeiügung  und  den 
Verkauf  von  Gegenständen,  deren  Anfertigung  und  Verkauf  verboten  oder  von 
der  Erteilung  einer  Genehmigung  abhängig  gemacht  ist.  Art.  366  enthält  eine 
Strafandrohung  gegen  Zollbeamte,  welche  die  vorbezeichneten  Handlungen  be- 
günstigen. 

Titel  Vni.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  Familienordnung 
und  die  öffentliche  Moral  (contra  el  orden  de  las  familias  y  contra  la  moral 
publica),  Artt.  369 — 423;  neun  Kapitel.  1.  Abtreibung  (aborto,  Artt.  369  bis 
374),  besonders  schwer  bestraft,  wenn  von  einem  Arzte,  einer  Hebamme  oder 
von  diesen  gleichgestellten  Personen  begangen  (Art.  374),  milder  angesehen 
bei  der  Schwangeren,  die,  um  ihre  Schande  zu  verbergen,  sich  die  Frucht 
abtreibt  oder  abtreiben  lässt  (Art.  372  Abs.  2).  —  2.  Aussetzung  und  Ver- 
lassen von  Kindern  (exposiciön  y  abandono  de  nilios),  Artt.  375  —  381;  ge- 
schützt werden  Kinder  unter  7  Jahren.  —  3.  Personen  Standsdelikte  (que  ce 
dirigen  ä  impedir  ö  destruir  la  prueba  del  estado  civil  del  nifio),  Art.  382 
bis  387.  —  4.  Entführung  Minderjähriger  (rapto  de  los  menores),  Artt.  388 
bis  391.  Das  Delikt  kann  an  Minderjährigen  beiderlei  Geschlechts  begangen 
werden,  es  setzt  im  allgemeinen  (Art.  388)  voraus,  dass  Gewalt,  hinterlistige 
Kunstgriffe  (artificios)  oder  Drohungen  angewendet  sind;  jedoch  ist  die  Ent- 
führung eines  Mädchens  über  16  Jahren  auch  dann  strafbar,  wenn  diese  ein- 
willigte (Art.  390).  Haben  Entführer  und  Entführte  die  Ehe  geschlossen,  so 
findet  die  Strafverfolgung  nicht  früher  statt,  als  bis  die  Ehe  endgültig  für 
nichtig  erklärt  ist  (Art.  391).  —  5.  Schamverletzung  und  Notzucht  (Del  aten- 
tado  contra  el  pudor,  y  de  la  violaciön),  Artt.  392 — 404.  In  diesem  Kapitel 
werden  behandelt:  Vornahme  unzüchtiger  Handlungen  ohne  Gewalt  mit  oder 
an  Kindern  unter  14  Jahren  (Art.  392),  Verführung  eines  unbescholtenen 
Mädchens  von  14 — 21  Jahren  zum  Beischlaf  (Art.  393),  Vornahme  unzüchtiger 
Handlungen  mit  Gewalt  an  einer  Person  des  anderen  Geschlechts  (Art.  394 j, 
Notzucht  und  Beischlaf  mit  einer  Bewusstlosen  (Art.  396,  mit  dem  Tode  be- 
straft, wenn  mit  tötlichem  Ausgange  verübt,  Art.  398),  Päderastie  (sodomia, 
Art.  399;  Strafe:  schweres  Zuchthaus  zwischen  4  und  16  Jahren),  Sodomie 
(bestialidad,  Art.  400,  wird  mit  16  jährigem  schwerem  Zuchthause  bestraft), 
öffentliches  Zusammenleben  im  Konkubinat  (Artt.  401,  402),  Strafe:  Gefängnis 
von  6  Monaten  bis  zu  2  Jahren,  bis  zu  5  Jahren  aber,  wenn  einer  der  beiden 
Teile  verheiratet  war,  besondere  Verjährungsfrist  von  90  Tagen;  Straflosig- 
keit tritt  ein,  wenn  vor  Verkündung  des  Urteils  die  Beteiligten  die  Ehe 
schliessen  oder  einer  von  ihnen  stirbt  (Art.  404).  —  6.  Ausbeutung  und  Ver- 
führung jugendlicher  Personen  zur  Unsittlichkeit,  Zuhälterei  (De  la  prostituciön 
ö  coiTupciön  de  la  juventud,  y  de  los  rufianes),  Artt.  405 — 410.  Strafbar  ist: 
wer  gewohnheitsmäsöig  die  Ausschweifung  und  die  Unsittlichkeit  von  Minder- 
jährigen beiderlei  (Tesclilechts  veranlasst,  erleichtert  odcT  fördert  (Artt.  405 
bis  408;    die  Strafen    schwanken   zwischen   zweijährigem  Gefängnis  und  acht- 


§  4.    Der  besondftre  Teil.  39 


jährigem  schwerem  Zuchthause,  woneben  auf  Geldstrafe  von  16 — 160  Sucres 
zu  erkennen  ist) ;  ferner  wer  in  seiner  Wohnung  Frauenzimmer  aufnimmt,  damit 
sie  dort  aus  der  Unzucht  ein  Gewerbe  machen  können  (Art.  409,  Gefängnis 
von  1 — 5  Jahren);  endlich  der  gewohnheitsmässige  Dimenbeschützer  (rufian, 
Art.  410;  Strafe:  Gef.  von  2 — 5  Jahren,  daneben  Stellung  unter  Polizeiauf- 
sicht für  die  gleiche  Zeit).  Zum  Nachweis  der  Gewohnheitsmässigkeit  genügen 
zwei  bei  verschiedener  Gelegenheit  in  Bezug  auf  verschiedene  Personen  vor- 
genommene Beschützungshandlungen.  —  7.  Verletzung  der  guten  Sitten,  be- 
gangen durch  Ausstellung,  Verkauf  oder  Verbreitung  von  Drucksachen  u.  s.  w. ; 
Artt.  411,  412.  Der  Gesetzgeber  hat  es  für  nötig  gehalten,  ausdrücklich  zu 
bemerken,  dass  die  Darstellung  des  unbekleideten  menschlichen  Körpers  nur 
dann  strafbar  ist,  wenn  sie  einen  sinnlichen  oder  unanständigen  Akt  wiedor- 
giebt.  —  8.  Ehebruch  (adulterio),  Artt.  413 — 415.  Strafbar  an  der  ehebreche- 
rischen Frau  und  an  ihren  Mitschuldigen  auf  Antrag  des  beleidigten  Ehegatten. 
Der  Strafantrag  ist  unzulässig,  wenn  dieser  eingewilligt  oder  seine  Ehefrau 
Verstössen  oder  verlassen  hatte.  Strafe  für  beide  Teile:  Gef.  von  3 — 5  Jahren; 
sie  erreicht  bei  der  Frau  ihr  Ende,  sobald  der  Ehemann  sich  bereit  erklärt, 
sie  wieder  zu  sich  zu  nehmen.  —  9.  Eingehung  einer  ungesetzlichen  Ehe 
(celebraciön  de  niatrimonios  ilegales),  Art.  416 — 423.  Als  ungesetzlich  gilt 
die  Ehe:  des  bereits  Verheirateten  und  nicht  rechtsgültig  Geschiedenen;  des- 
jenigen, der  die  Weihen  empfangen  oder  das  Keuschheitsgelübde  abgelegt  hat; 
desjenigen,  der  eine  Ehe  schliesst,  obwohl  Umstände  vorliegen,  die  von  der 
Kirche  als  Ehehindernisse  angesehen  werden;  des  Minderjährigen,  der  eine 
Ehe  ohne  die  erforderliche  Genehmigung  seiner  Gewalthaber  eingeht.  In 
allen  Fällen  muss  der  männliche  Teil  die  Frau,  die  in  gutem  Glauben  mit 
ihm  die  Ehe  geschlossen  hat,  ausstatten  (Art.  423). 

Titel  IX.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  Person  (contra 
las  personas);  Artt.  424 — 496;  sechs  Kapitel. 

1.  Vorsätzliche  Tötungen  und  Körperverletzungen;  Artt.  424 — 453.  In 
Art.  424  wird  für  die  vorbezeichneten  Delikte  der  Begriff  der  vorsätzlichen 
(voluntario)  Handlungsweise  bestimmt:  „Als  vorsätzliche  gelten  die  Tötungen 
und  Körperverletzungen,  die  verübt  sind  in  der  Absicht  (con  la  intenciön)  eine 
bestimmte  Person  (persona  detemiinada)  anzugreifen  oder  eine  Person,  welcher 
der  Thäter-  zufällig,  oder  indem  er  sie  suchte,  begegnet  ist,  auch  wenn  die 
Absicht  von  irgendeinem  Unistande  oder  einer  Bedingung  abhängig  war  oder 
der  Thäter  sich  in  der  Person  des  Opfers  g(»irrt  hat".  Danach  ist  der  error 
in  persona  auf  die  Bestrafung  der  That  ohne  Einfluss.  —  Bei  jeder  vorsätzlichen 
Tötung  (homicidio  voluntario)  besteht  eine  Rechtsvennutung  dafür,  dass  der 
Thäter  mit  Tötungsabsicht  (intenciön  de  matar)  gehandelt  hat,  wenn  nicht  die 
Umstände  der  That,  die  Beschaffenheit  der  Wunden  oder  die  angewandten 
Werkzeuge  dagegen  sprechen;  in  allen  anderen  Fällen  liegt  dem  Angeklagtf^n 
die  Beweisführung  ob,  dass  er  ohne  diese  Absicht  thätig  geworden  ist  (Art.  425).  — 
Die  gleiche  Vermutung,  jedoch  ohne  Zulässigkeit  des  Gegenbeweises,  hat  dor- 
jenige  gegen  sich,  der  einen  anderen  mittels  einer  Schusswaffe  oder  mittels 
vergifteter  Pfeile  oder  Waffen  tötet  (Art.  426).  —  Das  Gesetz  unterscheidet  fünf 
Arten  der  vorsätzlichen  Tötung:  Totschlag,  Mord,  Verwandtentötung,  Beihülfe 
zum  Selbstmord  und  Körperverletzung  mit  tötlichem  Ausgange.  Daneben 
findet  die  Tötung  im  Zweikampfe,  von  welchem  später  die  Rede  sein  wird, 
eine  besondere  Behandlung.  Totschlag  (homicidio  simple)  ist  die  in  Tötungs- 
absicht (con  intenciön  de  dar  la  muerte),  jedoch  ohne  Überlegung  (preme- 
ditaciön)  und  ohne  hinterlistige,  verräterische  Handlungsweise  (alevosia)  aus- 
geführte Tötung.  Sie  wird  mit  sechszehnjährigem  schwerem  Zuchthaus  bestraft 
(Art.  427).     Mord  (asesinato)   ist  der  Totschlag,   welcher  unter   einem  der  im 


40  Ecuador.  —  II.  Da»  Strafgesetzbuch  A'on  1S73. 


Art  428  aufgezählten  acht  erschwerenden  Umstände  begangen  wird;  die 
Umstände  sind  (in  der  Reihenfolge  des  Gesetzes):  1.  bewnsster  Vorbedacht 
fpremeditaciön  con  cida);  2.  Gedungensein;  3.  hinterlistige  Vorbereitungs- 
handlungen; 4.  Handeln  aus  dem  Hinterhalt  u.  ä.;  5.  vorsätzliche  Anwendung 
von  giftigen  und  gesundheitsschädlichen  Substanzen;  6.  Benutzung  von  ge- 
meingefährlichen Mitteln  (Explosion,  Überschwemmung  u.  s.  w.)  zur  Erreichung 
des  Zieles;  7.  Anwendung  von  Martern  oder  grausamen  Mitteln;  8.  Ausführung 
in  räuberischer  Absicht  oder  um  die  Entdeckung  einer  anderen  Strafthat  zu 
verhindern.  Strafe :  der  Tod.  Für  den  bei  Gelegenheit  oder  zur  Durchführung 
eines  anderen  Delikts  begangenen  Mord  haften  alle  an  dem  ersteren  beteiligten 
Personen,  wenn  nicht  feststeht,  wer  der  Thäter  ist  und  dass  die  übrigen 
den  Mord  nicht  verhindern  konnten  (Art.  429).  —  Verwandtentötung  (parri- 
cidio)  ist  die  wissentlich  und  vorsätzlich  (ä  sabiendas  y  voluntariamente)  aus- 
geführte Tötung  eines  ehelichen  oder  unehelichen  Aszendenten,  Deszendenten 
oder  des  Ehegatten  und  wird  mit  dem  Tode  bestraft  (Art.  430).  —  Die  Bei- 
hülfe zum  Selbstmord  wird  vom  Gesetze  ebenfalls  als  Unterart  der  Klasse 
„homicidio"  aufgefasst  und  ist  strafbar  (Art.  431;  Gefängnis  von  2 — 5  Jahren). 
—  Körperverletzung  mit  Gesundheitsschädigung  ohne  Tötungsabsicht  (heridas 
ö  golpes  —  sustancias  adminastradas  voluntariamente,  pero  sin  intenciön  de 
dar  la  muerte),  aber  mit  tötlichem  Ausgange  werden  mit  Zuchthaus  bestraft 
(Artt.  435,  438,  442). 

Die  Artikel  432 — 434  dieses  Kapitels  handeln  von  den  übrigen  nicht 
tötlich  verlaufenden  Körperverletzungen  und  Gesundheitsbeschädigungen  und 
bieten  kein  besonderes  Interesse.  Seltsamer  Weise  behandelt  der  Gesetzgeber 
an  dieser  Stelle  (Artt.  440 — 443)  auch  die  Gefährdung  eines  Eisenbahntransports, 
vermutlich  weil  eine  solche  meistens  Tötungen  und  Körperverletzungen  zur  Folge 
hat.  Von  der  vorsätzlichen  Vergiftung,  d.  h.  der  Verursachung  von  Krankheit 
oder  Arbeitsunfähigkeit  durch  Beibringung  von  Substanzen,  die  geeignet  sind, 
die  Gesundheit  zu  zerstören  oder  zu  beschädigen,  handeln  die  Artt.  436 — 439; 
der  Versuch  ist  strafbar. 

Besondere  Strafmilderungs-  und  Strafausschliessungsgründe  bei  Tötungen 
und  Körperverletzungen.  —  Strafmilderung  tritt  ein  in  den  Fällen  wo  diese 
Delikte  „entschuldbar"  (excusables)  (Artt.  445 — 449)  d.  h.  begangen  sind  1. 
auf  Provokation  (Art.  445);  2.  bei  Zurückweisung  eines  bei  Tage  verübten 
Einbruchs  oder  Hausfriedensbruchs,  jedoch  nicht,  wenn  der  Thäter  von 
vorneherein  wissen  konnte,  dass  der  Eindringende  es  auf  einen  Angriff 
gegen  Personen  nicht  abgesehen  habe  (Art.  446);  3.  bei  Ertappung  der 
Tochter,  Enkelin  oder  Schwester  (wegen  des  Ehegatten  siehe  unten)  im  Un- 
zuchtsakte; die  gegen  beide  Beteiligte  begangenen  Gewaltthätigkeiten  gelten 
als  entschuldbar  (Art.  447).  Jedoch  bilden  alle  diese  Umstände  keine  Milde- 
rungsgründe, wenn  die  That  gegen  einen  ehelichen  Aszendenten  oder  die  un- 
ehelichen Eltern  des  Thäters  gerichtet  war  (Art.  449^).  —  Straf  ausschliessung 
findet  statt,  wenn  die  Rechtswidrigkeit  der  That  ausgeschlossen,  die  Handlung 
„gerechtfertigt"  (justificado)  war  (Artt.  450 — 453).  Rechtfertigungsgründe  sind: 
1.  Notwehr,  vom  Gesetze  in  Art.  450  richtig  definiert  als  „gegenwärtige  Not- 
wendigkeit der  rechtmässigen  Verteidigung  seiner  selbst  oder  eines  anderen" 
(necesidad  actual  de  la  legitima  defensa  de  si  mismo  ö  de  otro),  dann  aber 
in  Art.  451  auf  bestimmte  Fälle  beschränkt  (Verteidigung  gegen  Raub  oder 
Plünderung  mit  Gewalt  und  gegen  nächtlichen  Einbruch  oder  Hausfriedens- 
bruch);   2.  Betreffen   eines   Diebes   auf  frischer  That   oder   im  Besitz   der  ge- 


*)  Art.  449  spricht  nicht  nur  von  einem  „padre  naturale",  sondern  auch  von  einer 
.madre  naturale**. 


§  4.    Der  besondere  Teil.  41 


stohlenen   Sache,   jedoch   nur  im   Falle   leichter   Körperverletzung   (Ai't.  452); 
3.  Betreffen  des  Ehegatten  beim  Ehebruch. 

2.  Kap.  2  (Artt.  454 — 459)  behandelt  die  fahrlässigen,  d.  h.  nichtvor- 
sätzlichen (involuntarias)  Tötungen  und  Körperverletzungen.  Fahrlässig  han- 
delt derjenige,  welcher  die  Tötung  oder  Verletzung  aus  Mangel  an  Aufmerk- 
samkeit oder  Vorsicht  (por  falta  de  previsiön  ö  precauciön)  aber  ohne  Tötungs- 
bezw.  Verletzungsabsicht  (sin  intenciön  de  atentar  contra  la  persona  de  otro) 
herbeiführt  (Art.  454).  Art.  457  enthält  die  Strafandrohung  gegen  fahrlässige 
Vergiftung.  Auch  in  diesem  Kap.  kehrt  die  Behandlung  der  Eisenbahntrans- 
portgefährdung (Art.  458)  wieder.  —  Nach  Art.  459  ist  die  Strafbarkeit  aus- 
geschlossen, wenn  die  Tötung  oder  Verletzung  rein  zufällig  (puramente  casuale), 
unvermeidlich  und  unverschuldet  (cometido  de  una  manera  inevitable  6  in- 
culpable)  war.  — 

3.  Zweikampf  (duelo);  Artt.  460 — 466.  Strafbar  ist  auch  die  Heraus- 
forderung zum  Zweikampf  (Art.  460;  nicht  die  Annahme  der  Herausforderung), 
die  öffentliche  Beschimpfung  wegen  verweigerter  Annahme  einer  Forderung 
(Art.  461)  und  die  Beteiligung  als  Zeuge  (Art.  464).  Neben  der  Hauptstrafe 
(Gefängnis)  werden  Geldstrafen  bis  160  Sucres  angedroht.  Erhöhte  Strafe  trifft 
denjenigen,  der  durch  eine  Beleidigung  die  Herausforderung  veranlasst  hat 
(Art.  462).  Die  Strafbarkeit  tritt  ein,  sobald  einer  der  Beteiligten  auch  nur 
von  der  Waffe  Gebrauch  gemacht  hat  (hubiere  hecho  uso  de  sus  armas  contra 
el  adversario,  Art.  463);  die  im  Zweikampfe  verursachten  Tötungen  und  Ver- 
letzungen werden  nach  den  für  diese  gewöhnlich  geltenden  Regeln  bestraft 
(Art.  464).  Die  wiederholte  Begehung  der  in  diesem  Kapitel  behandelten  Straf - 
thaten  binnen  5  Jahren  nach  der  Vollstreckung  oder  Verjährung  der  früheren 
Strafe  hat  die  Verurteilung  zu  dem  Höchstmass  der  angedrohten  Strafen  zur 
Folge;  es  kann  sogar  auf  den  doppelten  Betrag  erkannt  werden. 

4.  Die  von  Privatpersonen  begangenen  Angriffe  gegen  die  individuelle 
Freiheit  (libertad  individual)  und  den  Hausfriedon  (inviolabilidad  del  domicilio); 
Artt.  467 — 475;  Freiheitsberaubung  und  Hausfriedensbruch.  —  Die  Strafen 
des  letzteren  sind  unverhältnismässig  hoch  und  betragen  für  den  einfachen 
Hausfriedensbruch  (Art.  472)  Gefängnis  von  15  Tag(*n  bis  2  Jahren  und  Geld- 
strafe von  8 — 40  Sucres,  für  den  qualifizierten  Hausfriedensbruch  (wenn  be- 
gangen auf  Grund  eines  gefälschten  obrigkeitlichen  Befehh^s,  oder  unter  der 
Maske  eines  Beamten  oder  von  mehreren  Bewaffneten  zur  Nachtzeit,  Art.  473) 
Gefängnis  von  6  Monaten  bis  zu  5  Jahren,  Geldstrafe  von  20 — 80  Sucres  und 
Zulässigkeit  der  Polizeiaufsicht  für  3 — 6  Jahre. 

5.  Ehrverletzungen  (De  los  atentados  contra  la  honra  y  la  consideraciön 
de  las  personas);  Artt.  476 — 490.  Das  Gesetz  (Art.  476)  unterscheidet:  üble 
Nachrede,  calumnia  —  die  Behauptung,  jemand  habe  eine  bestimmt  bezeich- 
nete Handlung  begangen,  die  ihn  einer  Strafverfolgung  wegen  Verbrechens 
oder  Vergehens  aussetzen  oder  für  ihn  Unehre,  Verachtung,  Schande  oder 
irgend  einen  anderen  Nachteil  nach  sich  ziehen  würde  (die  nicht  erweislich 
wahre  Anzeige  bei  einer  Behörde  ist  kein  selbständiges  Delikt,  sondern  ein 
Fall  der  „calumnia";  Art.  480)  —  und  Beleidigung,  injuria:  die  Behauptung 
einer  unbestimmten  Thatsache  (Verbrechen,  Vergehen,  Laster,  Handlung,  Um- 
stand), die  geeignet  ist,  dem  Beleidigten  irgendeine  Verantwortlichkeit,  Schande, 
Kränkung  (afrenta),  Missachtung,  Hass  oder  öffentliche  Verachtung  zuzuziehen; 
ausserdem  gilt  die  thatsächliche  Beleidigung  als  „injuria".  Der  Wahrheits- 
beweis ist  im  allgemeinen  zugelassen,  unterliegt  aber  der  Beschränkung,  dass 
eine  Behauptung  über  das  Leben  des  Beleidigten,  sofern  sie  nicht  dahin  geht, 
dieser  huldige  notorisch  einem  Laster,  führe  einen  unsittlichen  Lebenswandel  oder 
habe  sich  eines  Verbrechens  oder  Vergehens  gegen  das  Eigentum  oder  gegen  das 


42  Ecuador.  —  II.  Das  Strafgesetzbuch  von  1873. 


Leben  schuldig  gemacht,  nur  durch  ein  rechtskräftiges  Urteil  oder  eine  andere 
öffentliche  Urkunde  als  wahr  nachgewiesen  werden  kann  (Art.  484).  Ist  die 
behauptete  Handlung  Gegenstand  einer  an  die  Behörde  gerichteten  Anzeige  oder 
eines  noch  nicht  erledigten  Strafverfahrens,  so  wird  das  Verfahren  wegen  übler 
Nachrede  bis  zur  endgültigen  Erledigung  dieses  Verfahrens  eingestellt  (Art.  485). 
Bei  wechselseitigen  Beleidigungen  Zug  um  Zug  (cuando  las  injurias  fueren  reci- 
procas  en  el  mismo  acte)  ist,  ohne  Rücksicht  auf  die  Schwere  der  Beleidigungen, 
kein  Beteiligter  zur  Stellung  des  Strafantrages  berechtigt  (Art.  482).  Das 
Strafverfahren  ist  femer  unzulässig  wegen  der  bei  Gericht  mündlich  oder  in 
Schriftsätzen  zum  Zwecke  der  Verteidigung  oder  Rechtsverfolgung  gebrauchten 
beleidigenden  Ausdrücke;  sie  können  jedoch  vom  Gericht  auf  der  Stelle  ge- 
tadelt werden  (Art.  488).  Nach  der  —  wohl  zu  weit  gehenden  —  Bestim- 
mung des  Art.  489  können  sich  Eltern,  Vormünder,  Pfleger,  Dienstherren, 
Lehrer,  Vorsteher  von  Erziehungs-,  Besserungs-  und  Strafanstalten  einer  Be- 
leidigung ihrer  Kinder,  Pflegebefohlenen  u.  s.  w.  nicht  schuldig  machen.  — 
In  Art.  490  werden  Handlungen,  welche  die  Pietät  verletzen  (Grabschändung), 
mit  Strafe  bedroht.  — 

6.  Einige  andere  Delikte  gegen  die  Person  (Artt.  491 — 495):  Beimischung 
von  lebensgefährlichen  oder  gesundheitsschädlichen  Substanzen  zu  Gegen- 
ständen, welche  zum  Verkauf  bestimmt  sind,  Verletzung  von  anvertrauten 
Geheimnissen  seitens  der  Ärzte,  Apotheker,  Hebammen  u.  s.  w.,  sowie  des  Brief- 
geheimnisses;  die  für  die  letzteren  angedrohten  Strafen  finden  jedoch  (nach 
Art.  496  Abs.  2)  keine  Anwendung  auf  Ehemänner,  Väter,  Vormünder  oder 
deren  Vertreter  und  geistliche  Obere  bezüglich  der  Korrespondenz  ihrer  Ehe- 
frauen, Kinder,  Pflegebefohlenen  oder  Untergebenen. 

Titel  X.  Eigentumsdelikte  (Artt.  497—589);  drei  Kapitel.  1.  Dieb- 
stahl und  Erpressung;  Artt.  497 — 525.  Diebstahl  (robo)  ist:  rechtswidrige 
Wegnahme  einer  fremden  Sache  in  Aneignungsabsicht  (el  que  sustrajere  frau- 
dulentamente ,  con  Animo  de^apropiarse,  una  cosa  que  no  le  pertenece  — 
Art.  497).  Der  zur  Erleichterung  der  Ausführung  eines  Raubies  oder  einer 
Erpressung  oder  zur  Erlangung  der  Straflosigkeit  begangene  Totschlag  wird 
mit  Todesstrafe  bedroht  (Art.  512).  —  2.  Betrügerische  Handlungen  (fraudes); 
Artt.  526 — 547;  umfasst  u.  a.  Bankerutt  (quiebra),  Vertrauensmissbrauch  und 
Unterschlagung  (abuso  de  confianza,  hierunter  fällt  z.  B.  auch  die  Ausbeutung 
der  Not,  der  Unerfahrenheit  und  der  Leidenschaft  Minderjähriger,  zur  Ver- 
schaffung von  Vermögensvorteilen),  Betrug  und  Täuschung  (estafa  y  engaÄo). 
Die  Materie  ist  durchaus  kasuistisch  geregelt;  es  finden  sich  in  dem  Abschnitt 
über  Betrug  und  Täuschung  Strafandrohungen  gegen  die  Verausgabung  un- 
echter Münzen  und  gegen  die  Verfälschung  von  Is"ahi-ungs-  oder  Genussmitteln, 
die  schon  in  früheren  Abschnitten  des  Gesetzes  behandelt  sind  oder  wenigstens 
hätten  behandelt  werden  sollen.  Einen  besonderen  Deliktsthatbestand  bildet 
die  Verbergung  von  Gegenständen,  die  mittels  einer  strafbaren  Handlung  er- 
langt sind;  Artt.  543,  544.  —  3.  Zerstörung,  Verschlechterung  und  Beschä- 
digung von  Gegenständen  (destrucciones,  deterioros  y  dafios);  Artt.  548 — 589. 
Die  schwersten  Fälle  der  Brandstiftung  (incendio)  werden  mit  dem  Tode  bestraft 
(Art.  548). 

Titel  XL  Übertretungen  (Artt.  590 — 604).  Sie  zerfallen  in  vier 
Klassen,  je  nachdem  sie  bedroht  sind:  mit  Geldstrafe  von  0,2 — 1,6  Sucres  und 
Gef.  von  1 — 3  Tagen  oder  einer  dieser  beiden  Strafen  (I.  Klasse),  1,6  bis 
3,2  Sucres  und  Gef.  von  1 — 4  Tagen  oder  einer  dieser  beiden  Strafen  (IL  Klasse), 
3,2 — 4,8  Sucres  und  Gef.  von  1 — 5  Tagen  oder  einer  dieser  beiden  Strafen 
(III.  Klasse),  Geldstrafe  von  8 — 20  Sucres  und  Gefängnis  von  3 — 7  Tagen 
oder  einer  dieser  beiden  Strafen  (IV.  Klasse).    Aus  der  letzten  Klasse  sind  zu 


§  5.    Spezialstrafrecht.  43 


erwähnen  die  in  Art.  601  unter  Nr.  6 — 9  aufgeführten  Übertretungen:  Aus- 
grabung von  Leichen  um  sie  zu  verstümmeln  oder  sie  zu  entweihen,  Ent- 
w^eihung  von  Kirchen  und  Friedhöfen  durch  unsittliche  oder  unanständige 
Handlungen,  Lästerung  oder  Verächtlichmachung  Gottes,  der  Jungfrau  Maria, 
der  Heiligen,  der  Dogmen  und  geweihten  Gegenstände,  Ruhestörung  in  Kirchen 
oder  zum  Gottesdienst  bestimmten  Räumen  (lugares  religiosos). 

III 

§  5.    Spezialstrafrecht. 

Ausser  dem  Strafgesetzbuche  enthalten  u.  a.  die  im  Folgenden  erwähnten 
Gesetze  Bestimmungen,  welche  für  das  Strafrecht  von  Bedeutung  sind.  Auf  sie 
finden,  wenn  nicht  etwas  anderes  ausdrücklich  angeordnet  ist,  die  Bestimmungen 
des  allgemeinen  Teils  des  Straf gt^setzbuches  Anwendung;  jedoch  gilt  dieser 
Grundsatz  nicht  für  die  Umwandlung  der  in  Zoll-  und  Steuersachen  ange- 
drohten Geldstrafen  (Strafgesetzbuch  Art.  117). 

1.  Die  Strafprozessordnung  (in  der  revidierten  Fassung  vom  9.  September  1889) 
regelt  in  Artt.  2 — 5  das  sog.  internationale  Strafrecht.  Der  Gerichtsbarkeit  der 
Republik  unterliegt  jeder,  Inländer  oder  Ausländer,  der  innerhalb  des  Staats- 
gebietes eine  strafbare  Handlung  begeht  mit  Ausnahme  der  in  Art.  2  No.  1 
Abs.  2  genau  bezeichneten  sog.  „Exterritorialen";  ausserdem  sind  aber  die 
ecuadorianischen  Gerichte  zuständig  für  die  Aburteilung:  a)  der  von  ecuado- 
rianischen  diplomatischen  Beamten,  ihren  Angehörigen  und  ihrer  Begleitung 
(comitiva)  im  Auslande  begangenen,  sowie  der  von  den  Konsularbeamten  der 
Republik  in  Ausübung  ihres  Amtes  im  Auslande  begangenen  Delikte;  b)  der 
von  Inländern  oder  Ausländern,  welche  sich  an  Bord  eines  ecuadorianischen 
Fahrzeuges  befinden,  auf  hoher  See  oder  in  ecuadorianischen  Gewässern,  so- 
wie der  an  Bord  eines  ecuadorianischen  Kriegsschiffes  in  fremden  Gewässern 
begangenen  Delikte;  c)  der  Seeräuber,  welche  von  Gerichten  eines  anderen 
Staates  noch  nicht  abgeurteilt  sind;  d)  gewisser  im  Auslande  von  Ecuadorianern 
oder  Ausländern  begangenen  Delikte  (Angriffe  auf  die  Sicherheit  der  Republik, 
Fälschung  von  Siegeln,  Münzen  und  Papiergeld);  e)  der  von  einem  Ecuadorianer 
begangenen  Verbrechen,  wenn  der  Thäter  das  Gebiet  der  Republik  betritt, 
der  Geschädigte  die  Bestrafung  beantragt  und  nicht  bereits  im  Lande  der 
Begehung  ein  Strafverfahren  stattgefunden  hat. 

2.  Gesetz  vom  17.  April  1884  über  die  Verfolgung  der  von  den  höchsten 
Beamten  der  Republik  begangenen  strafbaren  Handlungen.  Die  Erhebung  der 
Anklage  erfolgt  durch  Beschluss  der  Nationalversammlung,  die  Aburteilung  durch 
den  Höchsten  Gerichtshof.     (Vgl.  Ann.  de  Mgislation  ötrangfere  Bd.  16  S.  910). 

3.  Stempelgesetz  vom  28.  August  1886. 

4.  Gesetz  vom  3.  August  1887  über  das  litterarische  und  künstlerische  Eigen- 
tum (Analyse  desselben  im  Annuaire  16gislation  ^trangfere  Bd.  17  S.  951 — 953). 

5.  Gesetz  vom  20.  August  1887  über  die  Ausübung  des  Begnadigungsrechts. 
Das  Recht  der  Begnadigung  steht  dem  Präsidenten  der  Republik  zu  und  ist 
wegen  bestimmter  Verbrechen  (Seeraub,  Mord,  Brandstiftung,  Münz-  und  Ur- 
kundenfälschung u.  a.  m.)  sowie  gegen  bestimmte  Personen  (öffentliche  Beamte) 
ausgeschlossen  oder  doch  nur  in  Ausnahmefällen  (dem  Lande  geleistete  Dienste, 
hervorragende  künstlerische  oder  technische  Leistungen)  zugelassen.  Sie  ist 
abhängig  davon,  dass  der  zu  Begnadigende  sich  gut  geführt  und  mindestens 
zwei  Dritteile  der  erkannten  Strafe  verbüsst  hat.  (Vgl.  Annuaire  de  lögislation 
^trang^re  Bd.  17   S.  953  und  oben  S.  32.) 


IV. 


VENEZUELA 


Nach  Mitteilungen  von 

Dr.  Francisco  Oclioa, 

UnlTenitAtoprofeBsor  und  Anwalt  in  Maracaibo  (Venezuela), 

bearbeitet  von 

Dr.  Ernst  ßosenfeld, 

GeriehtsasflesBor  und  Privatdozent  in  Halle  a.  S. 


Übersicht. 


§  1.  Geschichtlicher  Überblick. 

§  2.  Die  Abfassung  des  Strafgesetzbuches  von  1873. 

§  3.  Der  allgemeine  Teil:  Das  Verbrechen. 

§  4.  Das  Strafensystem. 

§  5.  Die  einzelnen  Verbrechen. 

§  6.  Die  Übertretungen. 


§  1.    Geschichtlicher  Überblick. 

Seit  seiner  Entdeckung  durch  Columbus  gehörte  Venezuela  zu  den 
spanischen  Kolonieen  und  stand  folglich  unter  spanischer  Gesetzgebung.  Nach 
der  Unabhängigkeitserklärung  vom  5.  Juli  1811  und  der  endgültigen  Los- 
lösung vom  Mutterlande  (1819)  bildete  es  einen  Teil  der  grossen  kolum- 
bischen  Republik,  bestehend  aus  Nueva  Crranada,  Venezuela  und 
Ecuador.  Aus  jener  Zeit  ist  auf  strafrechtlichem  Gebiete  das  Gesetz  vom 
3.  Mai  1826,  über  Verfahren  und  Strafen  beim  Diebstahl,  wegen  seiner  ausser- 
ordentlichen Härte  erwähnenswert,  sowie  die  Verordnung  vom  20.  Februar  1828 
wider  Verschwörer. 

Während  des  weiteren  Laufes  seiner  politischen  Entwickelung,  von  1830 
an,  als  Venezuela  mit  der  Auflösung  Kolumbiens  souverän  wurde,  bis  1864, 
wo  es  durch  ein  neues  Grundgesetz  die  verfassungsrechtliche  Gestalt  eines 
Bundes  von  Freistaaten  erhielt,  kam  ein  umfassendes  Strafgesetzbuch  nicht 
zustande.  Im  Strafprozesse  wurde  als  Teil  der  Prozessordnung  ein  auf  Ge- 
schworenengerichte berechnetes  Gesetz  vom  1.  Juni  1850  erlassen.  Jedoch  sind 
bis  auf  den  Teilstaat  TAchira  auch  jetzt  Geschworenengerichte  in  Venezuela 
unbekannt.  Im  materiellen  Strafrechte  galt  das  gemein  -  spanische  Strafrecht 
weiter,  die  Siete  Partidas,  die  Nueva  und  Novisima  Recopilaciön 
(vgl.  die  Darstellung  des  spanischen  Strafrechts  in  Bd.  1,  namentlich  S.  496  ff.), 
überhaupt  die  Masse  der  abändernden  Gesetze,  Erlasse,  Verordnungen  und 
Patente,  denen  bis  zum  18.  März  1808  die  spanische  Herrschaft  auch  für 
Venezuela  Gültigkeit  gab. 

Daneben  wurden,  je  nach  dem  Bedürfnisse,  durch  Spezialgesetze  die  am 
häufigsten  vorkommenden  Verbrechensarten  geregelt,  besonders  häufig  in  dem 
von  Bürgerkriegen  vielfach  zerrissenen  Lande  die  Materie  des  Hochverrates 
und  der  Staatsverschwörungen.  Den  Gesetzen  vom  14.  Oktober  1830  und 
15.  Juni  1831,  die  für  die  oberste  Klasse  der  traidores  y  conspiradores 
noch  die  Todesstrafe  festhielten,  folgte  das  Gesetz  vom  3.  April  1849,  das 
die  Todesstrafe  abschaffte  und  in  der  neuen  Einteilung  der  erwähnten  Ver- 
brechensgruppe Verbannung  auf  Lebenszeit  als  schwerste  Strafe  kennt.  Auch 
diese  ist  in  den  die  Materie  des  „Hochverrates  und  der  R(ibellion"  abermals 
neu  ordnenden  Gesetzen  vom  13.  Juni  1865  und  18.  Mai  1867  geschwunden: 
höchste  Strafe  ist  die  Zwangsarbeit  Tpresidio).  —  Eine  nahestehende  Ver- 
brechensgruppe behandelt  das  Gesetz  vom  25.  April  1845:  Landfriedensbruch 
und  Aufruhr;  bei  bewaffnetem  Widerstand  gegen  die  Staatsgewalt  treten  die 
Verratsstrafen  ein. 

Die  Unsicherheit  des  Eigentums  und  das  Auftauchen  abenteuernder 
Existenzen  unter  zerrütteten  politischen  Zuständen  erklären,  warum  das  Kapitel 
der  Diebstähle  und  das  Vagantc^nwesen  demnächst  die  volle  Kraft  der  Gesetz- 
gebung in  Venezuela  in  Anspruch  nahmen.  Beides  regelte  das  dem  alten 
kolumbischen  Gesetz    von  1826   derogierende  Gesetz   vom  23.  Mai  1836.     Die 


48  Venezuela.  —  §  2.  Die  Abfassung*  des  Strafgesetzbuches  von  1873. 


Summe    von    100  Pesos    begründete    den   Unterschied    zwischen   kleinem   und 
grossem  Diebstahl;  die  Straf abstufungen  waren: 

bis  zu  100  Pesos:  25  Peitschenhiebe  u.  6  Monate  Zwangsarbeit, 

„     „  500       „  50  „  „  2  Jahre 

r     „  1000       .  50  „  „  4       „ 

über  1000       „  75  „  „  6 

Die  Landstreicher   und  Domizillosen   wurden   auf  2 — 3  Jahre  zum  Strafdienst 
im  Heere  oder  der  Marine  bestimmt. 

Erst  die  zwei  Gesetze  vom  1.  April  1845  behandelten  die  beiden  Delikts- 
gruppen gesondert.  Gegen  die  Beschäftigungs-  und  Domizillosen  (vagos) 
wurde  neben  Haftstrafe  die  Verpflichtung  ausgesprochen,  auf  2  Jahre  als 
Taglöhner,  Knecht  oder  Lehrling  eines  Handwerkes  sich  den  Lebensunterhalt 
zu  gewinnen,  sofern  sie  nicht  öffentliche  Zwangsarbeit  gewärtigen  wollten. 
Das  Diebstahlgesetz  vom  1.  April  1845  kannte  neben  grossem  Diebstahl  (über 
100  Pesos)  4  Arten  schweren  Diebstahls:  Bandendiebstahl,  der  den  öffent- 
liehen  Rechtsfrieden  stört,  bewaffneten  Diebstahl,  Diebstahl  mittels  Einbruchs 
oder  falscher  Schlüssel,  Diebstahl  zur  Nachtzeit  oder  seitens  Mehrerer. 


§  2.    Die  Abfassung  des  Strafgesetzbuches  von  1873. 

Durch  die  Verordnungen  vom  7.  April  1835,  18.  April  1843,  23.  April 
1853,  17.  August  1863,  27.  Oktober  1868  und  9.  September  1872  wurden 
Ausschüsse  zur  Abfassung  nationaler  Gesetzbücher  eingesetzt.  Der  Entwurf 
zu  einem  Strafgesetzbuche  für  Venezuela  wurde  schliesslich  nach  dem  Muster 
des  spanischen  von  1850  von  den  Lizentiaten  Cecilio  Acosta  und  Juan 
Pablo  Rojas  Paul  verfasst  und  von  dem  Präsidenten,  General  Guzmän 
Blanco  am  20.  Februar  1873  bestätigt.  Seit  dem  27.  April  1873  steht  er 
als  Strafgesetzbuch  in  Kraft;  vom  gleichen  Tage  datiert  auch  eine  neue  Straf- 
prozessordnung. 

Die  Basis  des  Strafgesetzbuches  ist,  wie  angedeutet,  das  spanische  von 
1850;  sehr  empfindlich  ist  aber  der  Mangel  an  allem  weiteren  Material.  Pro- 
tokolle der  Kommissionssitzungen,  aus  denen  die  gehaltenen  Diskussionen,  die 
verschiedenen  über  zweifelhafte  Punkte  geäusserten  Ansichten  und  die  end- 
gültigen Beweggründe  des  Gesetzgebers  sich  ersehen  Hessen,  und  die  mannig- 
faches, zum  richtigen  Verständnis  der  Bestimmungen  nötiges  Licht  verbreiten 
würden,  sind  niemals,  wie  in  anderen  Ländern,  veröffentlicht  worden. 

Vier  Abänderungsgesetze  zum  Strafgesetzbuche  sind  seit  1873  ergangen: 
1.  am  20.  März  1882  erhielten  die  §§  115—143  „Verbrechen  gegen  die  Un- 
abhängigkeit, Unversehrtheit  und  öffentliche  Ordnung  der  Nation  und  der 
Einzelstaatcn"  ihre  heutige  Fassung;  3.  das  Gesetz  vom  4.  Juni  1884  änderte 
die  §§  468 — 473  über  Seeräuber  und  Räuberbanden  (agavillamiento)  ab; 
3.  die  §§  238 — 252  über  die  Verantwortlichkeit  der  Beamten  der  Bundes- 
staaten, der  Präsidenten  und  hohen  Beamten  der  Einzelstaaten  wurden  durch 
Gesetz  vom  30.  Juni  1891  umgestaltet;  4.  das  Gesetz  vom  9.  Juli  1891  hat 
die  §§  307 — 311  „Verbrechen  der  Beamten  gegen  Privatpersonen  und  durch 
Verletzung  der  in  der  Verfassung  gewährleisteten  Rechte"  neu  redigiert. 

Der  einzige  bisher  vorhandene  und  auch  der  gegenwärtigen  Darstellung 
zu  Grunde  liegende  Kommentar  zum  Strafgesetzbuche  ist  die  von  Francisco 
Ochoa  verfasste  Exposiciön  del  Cödigo  penal  Venezolano  (Maracaibo  1888. 
549  Seiten).  Dieser  Kommentar  ist  von  der  Regierung  als  offizieller  Studier- 
text für  die  Universitäten  und  Kollc^gien  dos  Bundesstaates  eingeführt  worden. 


§  3.  Der  allgemeine  Teil:  Das  Verbrechen.  49 


Ausser  dem  wörtlichen  Abdruck  des  Gesetzes  enthält  er  eine  Erläuterung  und 
logische  Rechtfertigung,  öfters  auch  eine  Kritik  seiner  Bestimmungen.  Von 
den  Abänderungsgesetzen  sind  die  beiden  ersten  schon  hier  behandelt;  der 
Text  der  letzten  beiden  ist  zu  finden  in  der  Gaceta  Oficial,  No.  5304  und 
5305  (Caracas,  den  15.  und  16.  JuU  1891). 

Von  Literatur  sind  ausser  einigen  Abhandlungen  in  der  Zeitschrift  „Ei 
Mentor"  (Urdaneta  über  Pressfreiheit,  Portillo  und  Monteil  Pulgar  über 
Geschworenengerichte)  nur  die  strafrechtlichen  Aufsätze  in  Ochoa,  Estudios 
juridicos,  Maracaibo  1892  zu  erwähnen.  Mitteilungen  über  die  venezolanische 
Gesetzgebung  seit  1889,  in  denen  teilweise  auch  das  Strafrecht  berücksichtigt 
ist,  enthält  das  von  der  Soci6t6  de  16gislation  compar6e  zu  Paris  herausge- 
gebene Annuaire  de  lögislation  ötrangfere  Bd.  19  S.  957 — 965  (Gesetze  aus 
1889);  Bd.  21  S.  987—990  (Gesetze  aus  1891);  Bd.  23  S.  824—846  (enthält 
die  französische  Übersetzung  der  Verfassung  vom  21.  Juni  1893,  deren  Be- 
stimmungen z.  T.  für  das  Strafrecht  grundlegende  Bedeutung  haben);  Bd.  24 
S.  968—978  (Gesetze  nichtstrafrechtlichen  Inhalts  aus  1894);  Bd.  25  S.  868—871 
(Inhaltsangabe  des  Bankgesetzes  vom  7.  Mai  1895;  Straf bestimmungen:  Art.  33  . 
bis  39).  Eine  Zusammenstellung  der  älteren  Gesetzgebung  enthält:  Recopilaciön 
de  leyes  y  decretos  de  Venezuela  (1830 — 1873)  formada  de  örden  del  General 
GuzmÄn  Blanco;  6  Bde.,  amtliche  Ausgabe,  Caracas  1874. 


§  3.    Der  aUgemeine  Teil:  Das  Verbrechen,    (Buch  I,  Titel  I.) 

I.  Der  enge  Zusammenhang  mit  dem  spanischen  Strafgesetzbuche  von 
1850  rechtfertigt  die  Hervorhebung  nur  der  wichtigsten  Abweichungen  von 
diesem  letzteren,  das  in  dem  heute  geltenden  spanischen  Strafgesetzbuche 
nach  unserer  im  ersten  Bande  (S.  502  ff.)  enthaltenen  Darstellung  nur  eine 
erneute  Redaktion  gefunden  hat,  und  dessen  Grundsätze  somit  unter  Spanien 
zu  ersehen  sind.  —  Die  Zweiteilung  der  strafbaren  Handlungen  in  Verbrechen 
(delitos,  Art.  1,  mit  schwerer  Strafe,  pena  grave,  bedroht)  und  Übertretungen 
(faltas,  Art.  2,  mit  leichter  Strafe,  pena  leve,  bedroht)  ist  konsequenter  als 
im  spanischen  Gesetzbuche  und  ungestört.  Die  fahrlässigen  Strafthaten  stehen 
als  Quasidelikte  erst  am  Schlüsse  des  Strafgesetzbuches  unter  den  „ergän- 
zenden Bestimmungen";  sie  werden  (Art.  575)  mit  Yg — V2  ^^^  ^^^  ^^^  ^^" 
sichtlich  begangene  Straf that  angesetzten  Strafe  geahndet.  Art.  11  (entsprechend 
spanisches  Strafgesetzbuch  Art.  7)  schliesst  die  Spezialdelikte  aus  dem  Straf- 
gesetzbuche aus,  wobei  zu  bemerken  ist,  dass  nach  der  Bundesverfassung 
Art.  14,  No.  16  die  Freiheit  der  Meinungsäusserung  durch  die  Presse  keinerlei 
Einschränkungen  unterliegt,  und  dass  daher  Pressstrafgesetze  unmöglich  sind. 
Demgemäss  hat  dann  auch  eine  Deklaration  des  Hohen  Bundesgerichtshofs 
(Alta  Corte  Federal)  vom  20.  Mai  1885  den  auf  die  Pressdelikte  bezüglichen 
Passus  des  Strafgesetzbuches  Art.  11  als  verfassungswidrig  ausgemerzt.  Soviel 
zu  Titel  I,  Kap.  1:  Von  den  Verbrechen  und  den  Übertretungen. 

II.  Kap.  2  (Von  den  für  Verbrechen  u.  Übertretungen  verantwortlichen 
Personen)  enthält  abweichend  von  den  Grundsätzen  des  spanischen  Strafgesetz- 
buches, wo  diese  Materie  in  das  Gerichtsverfassungsgesetz  verwiesen  ist,  auch 
die  Bestimmungen  über  das  räumliche  bezw.  persönliche  Geltungsgebiet  des 
Strafgesetzbuches  (Art.  17  u.  18  Z.  1 — 13). 

m.  Kap.  3  —  5  behandeln  die  Ausschliessungs-,  Milderungs-  und  Er- 
höhungsgründe der  Strafe.  Art.  21  Z.  1  (span.  Art.  8  Z.  1  Bd.  1  S.  507)  zieht 
ausdrücklich  die  Schlaftrunkenheit  mit  herein  und  beti'achtet  in  allgemeiner 
Wendung    jede    „gänzliche    Beraubung    der    Sinneskraft"    als    entschuldigend, 

Strafgesetzgebimg  der  Gegenwart.    II.  ^ 


50  Venezuela.  —  §  4.  Das  Strafensystem. 


worunter  also  auch  die  höchsten  Grade  der  Trunkenheit  zu  bringen  wftren. 
Die  absolute  Zurechnungsunfähigkeit  erstreckt  sich  bis  zum  Lebensalter  von 
10  Jahren  (Z.  2).  Art.  20  besagt,  dass  Rechtsunwissenheit  nicht  vor  Strafe 
schützt.  Die  genaue  Aufzählung  der  Strafzumessungsgründe  rechtfertigt  Ochoa 
(S.  113)  mit  den  Worten  des  Baco:  Optima  lex  est  quae  minimum  relinquit 
arbitrio  judicis  (vgl.  Bd.  1  S.  508  f.,  514).  Zu  den  mildernden  Umständen  ge- 
hört auch  die  bisherige  Unbestraftheit  (Art.  21  Z.  8).  Von  der  Befugnis 
analoger  Ausdehnung  wird  im  Gegensatz  zur  spanischen  Praxis  häufig  Ge- 
brauch gemacht;  sie  besteht  auch  für  die  erschwerenden  Umstände  (Art.  22 
Z.  22).     Der  Begriff  der  circunstancias  mixtas  (Bd.  1  S.  509)  fehlt. 

IV.  Kap.  6  (Artt.  24 — 29)  handelt  von  den  für  Verbrechen  u.  Über- 
tretungen civilrechtlich  haftenden  Personen;  Kap.  7  (Artt.  30 — 39)  von 
Wirkungen  und  Umfang  dieser  Haftung.  Vgl.  spanisches  Strafgesetzbuch 
Artt.  18—21,  121—128. 


§  4.    Das  Strafensystem.    (Buch  I,  Titel  11.) 

I.  Einem  kraftvoll  wirkenden  Repressivsystem  ist  in  Venezuela  ein  starker 
Riegel  durch  die  Bundesverfassung  vorgeschoben.  Darein,  dass  diese  die  Todes- 
strafen, die  infamierenden  und  alle  lebenslänglichen  Strafen  abschafft,  würde 
man  sich  noch  allenfalls  finden  können;  aber  sie  gestattet  als  Höchstmass 
überhaupt  nur  eine  Freiheitsstrafe  von  10  Jahren  Dauer!  Und  an  diesem 
Prinzip  wird  unverbrüchlich  festgehalten,  in  allen  Fällen  der  Realkonkurrenz 
(Art.  70);  ebenso  bei  Umwandelung  einer  schweren  Freiheitsstrafe  wegen 
physischen  Unvermögens,  sie  zu  überstehen,  in  eine  leichtere  unter  Verlänge- 
rung der  Dauer  um  V* — Vs  i^^-  ^3)-  ^^^  einzige  Ausnahme  bietet  Art.  91 
für  den  Fall  des  Bruches  der  Strafe  (quebrantamiento  de  sentencia,  s.  Bd.  1 
S.  510,  Spanien  §  5  VIII),  wo  die  Gesamtsumme  der  ursprünglichen  und  der 
zusätzlichen  Strafen  auch  bei  mehreren  Ausbrüchen  höchstens  15  Jahre  betragen 
kann.  Daneben  stehen  noch  weitgehende  ÄlUderungen,  wie  die,  dass  bei 
Jugendlichen  unter  15  Jahren  die  Freiheitsentziehungsstrafen  auf  die  Hälfte,  die 
Freiheitsbeschränkungsstrafen  auf  ein  Viertel  sich  verkürzen  (Art.  75);  dass  für 
Greise  über  70  Jahre  das  verfassungsmässige  Höchstmass  von  10  auf  3  Jahre 
sinkt  (Art.  106);  dass  bei  Freiheitsentziehungsstrafen,  wenn  Y^  verbüsst  sind, 
das  letzte  Viertel  durch  ein  nicht  anfechtbares  Urteil  des  Gerichts  auf  Antrag 
des  Verurteilten  erlassen  wird,  wenn  er  keinen  Fluchtversuch  gemacht  hat 
und  Anzeichen  sittlicher  Besserung  vorliegen  (Art.  111,  also  keine  bedingte 
Entlassung). 

Die  Resultate  dieser  stark  beschränkten  Repressivgewalt  des  Staates  sind 
sehr  schlecht.  Dazu  kommt,  dass  Entweichungen  der  gefährlichsten  Verlttecher 
an  der  Tagesordnung  sind,  dass  hygienische  Veranstaltungen  kaum  existieren, 
dass  eine  Trennung  von  anderen  Gefangenen  oft  nicht  einmal  bei  den  ver- 
schiedenen Strafarten  und  weder  bei  politischen  Verbrechern,  noch  bei  Jugend- 
lichen, noch  bei  Untersuchungsgefangenen  stattfindet.  Von  ernstem  Arbeits- 
zwang, von  Erziehungsversuchen  ist  keine  Rede.  Derartige  Zustände  herrschen 
nicht  blos  in  den  in  der  Hauptstadt  jedes  Staates  befindlichen  presidios  abiertos 
(Zwangsarbeitsanstalten  mit  Aussenarbeit),  sondern  auch  in  den  3  Zentral- 
anstalten der  Bundesrepublik  zur  Verbüssung  der  Zwangsarbeit  mit  Innen- 
arbeit (presidio  ccrrado) :  Festung  San  Carlos,  Secciön  Zulia ;  Kastell  Libertador 
in  Puerto  Caballo,  und  Festung  Santiago  in  Aniaya,  Secciön  Cumanä  —  das 
sog.  westliche,  mittere  und  östliche  Penitentiärgefängnis  (Penitenciarias  de 
Oecidente,  del  Centro  y  de  Oriente). 


§  4.    Das  Straf ensvstem.  51 


Schon  zweimal  hat  Ochoa  (in  seiner  Exposiciön  S.  173  und  in  dem  Auf- 
satz Establecimientos  penales  in  den  Estudios  juridicos  S.  79  ff.)  sein  ver- 
nichtendes Urteil  über  das  venezolanische  Gefängniswesen  in  die  Sätze  zu- 
sammengefasst:  „In  diesen  Anstalten  besteht  keinerlei  durchgreifende  Über- 
wachung, um  aus  ihnen  den  schrecklichen  Krebsschaden  des  Hazardspielens 
und  Schnapstrinkens  zu  verjagen,  was  die  hervorstechende,  wenn  nicht  einzige 
Beschäftigung  der  Zwangsarbeitssträflinge  zu  sein  scheint,  und  um  die  Wir- 
kungen dieser  düsteren  Verbrecherschlupfwinkel  abzuschwächen,  in  denen 
immer  neue  Verbrechen  ersonnen  und  Ansteckungen  ausgebreitet  werden,  die 
dem  Sühnegedanken  ins  Gesicht  schlagen."  ^) 

n.  Der  Titel  von  den  Strafen  enthält  im  Kap.  I  Artt.  40 — 46  allge- 
meine Bestimmungen.  Nach  Art.  41  hat  ein  dem  Schuldigen  günstiges  Gesetz 
rückwirkende  Kraft,  auch  wenn  das  Urteil  rechtskräftig  ist  oder  die  Voll- 
streckung begonnen  hat;  dies  bezieht  sich  also  auch  auf  den  Fall,  wo  eine 
bisher  verbrecherische  Handlung  durch  ein  neues  Gesetz  diesen  Charakter 
verliert. 

in.  Kap.  2  Artt.  47 — 63  giebt  die  Aufzählung  der  Strafmittel,  Kap.  4 
Artt.  72 — 80  bestimmt  Dauer  und  Wirkungen,  Kap.  5  Artt.  81 — 86  die  Neben- 
strafen. Körperliche  Strafen  d.  h.  Freiheitsentziehungs-  (vgl.  Artt.  113,  56  bis 
59,  68,  69,  72,  103 — 105)  und  Freiheitsbeschränkungsstrafen  sind  (Art.  48): 
1.  Zwangsarbeit  mit  Innenarbeit  (presidio  cerrado;  Inhalt  Art.  53,  Nebenstrafen 
Art.  81).  2.  Zwangsarbeit  mit  Aussenarbeit  (presidio  abierto,  Inhalt  Art.  53, 
Nebenstrafen  Art.  82).  3.  Gefängnis  (prisiön;  Inhalt  Art.  55,  Nebenstrafen 
Art.  83).  4.  Arbeitshaus  (reclusiön  en  casas  de  trabajo;  Inhalt  Art.  54,  Neben- 
strafen Art.  83).     5.  Ausweisung   (expulsiön)   aus   dem   Gebiete   der   Republik. 

6.  Verschickung  (confinamiento)  in  einen  Bezirk  oder  Ort  eines  andern  Staates. 

7.  Ausweisung  aus  dem  Gebiete  des  Staates.  8.  Verschickung  in  einen  Bezirk 
oder  Ort  desselben  Staates.  (Zur  expulsiön  vgl.  Art.  84,  zum  confinamiento 
Artt.  60,  85).  9.  Haft  (arresto ;  Inhalt  Art.  55,  Nebenstrafen  Art.  86).  Nicht 
körperliche  Strafen  (Art.  49)  sind:  1.  Unfähigkeit  (inhabilitaciön)  zur  Ausübung 
politischer  Rechte  oder  eines  öffentlichen  Amtes.  2.  Unfähigkeit  zur  Ausübung 
eines  Handwerks,  Gewerbes,  Berufs  (Artt.  76,  80).  3.  Amtsentsetzung  (desti- 
tuciön;  Axt,  11 1  nach  dem  Zeitablauf  kann  der  Bestrafte  neu  ernannt  werden). 
4.  Amtsenthebung  (suspensiön;  Art.  78:  nach  dem  Zeitablauf  tritt  der  Bestrafte 
wieder  in  das  Amt  ein,  vgl.  Art.  80).  5.  Geldstrafe  (multa,  Art.  74  Um- 
wandlungsmodus: bei  Verbrechen  1  Tag  Gefängnis  =  5  venezolanos  =  25 
bolivares  =  4  Mark;  1  Tag  Haft  =  3  venez.  :=  15  boliv.  =  2,40  Mark; 
bei  Übertretungen  1  Tag  Haft  =  1  venez.  =  5  boliv.  =  0,80  Mark,  vgl. 
Art.  107).  6.  Sicherheitsleistung  (Art.  62).  7.  Stellung  unter  behördliche 
Aufsicht  (Art.  61).  8.  Einziehung  (Artt.  45,  46).  9.  Verwarnung  oder  Er- 
mahnung (amonestaciön  ö  apercibimiento,  Art.  63).  Notwendige  Nebenstrafen 
(penas  accesorias  necesariamente  inherentes,  Art.  51)  sind  immer  ausser  Ein- 
ziehung: Schadenersatz  und  Prozesskostenpflicht  (vgl.  Artt.  38,  46).  Als  be- 
sondere   Nebenstrafen    (bei   gewissen    Straf ai'ten,    accidentalmente    inherentes, 


*)  Wie  Venezuelas  Staatskörper  ewig  vom  Fieber  der  Revolution  erschüttert  ist, 
zeigt  sich  noch  erschreckender  in  den  folgenden  Worten  Ochoas:  „Seht  doch  die  stete 
Drohung,  die  die  Gesellschaft  in  den  Zwangsarbeitsanstalten  zu  erblicken  glaubt,  da 
sie  jeden  Augenblick  fürchten  muss,  dass  eine  Staatsumwillzung  die  Pforten  ihrer 
Kerker  spreng-t  und  die  Verbrecher  wie  entfesselte  Bestien  herauslässt,  dass  sie  alles 
mit  dem  Dolch  terrorisieren  und  grausame  Rache  nehmen  an  dem  Richter,  der  ihnen 
das  Urteil  sprach,  an  dem  Staatsanwalt,  der  die  Strafe  beantragte,  an  dem  Zeugen, 
der  gegen  sie  aussagte." 

4* 


52  Venezuela.  —  §  5.    Die  einzelnen  Verbrechen. 


Art.  52)   kommen   vor:    Rechtsverlust  (interdlcciön   civil,  Art.  79),  und  femer 
inhabilitaciön,  destituciön,  Suspension  und  behördliche  Aufsicht. 

rv.  Die  Länge  der  Strafdauer  bestimmt  der  besondere  Teil;  es  giebt 
keine  Grade,  Stufen  und  Stufenleitern,  wie  im  spanischen  Strafrecht  (§  6, 
VI,  VII  Bd.  1  S.  5 14 ff.).  Für  die  Bemessung  ist  man  vielmehr  in  Kap.  3 
(Artt.  64 — 71  von  der  Straf anwendung)  zu  der  arithmetischen  Methode  des 
spanischen  Strafgesetzbuches  von  1822,  doch  ohne  dessen  Künsteleien,  zurück- 
gekehrt (vgl.  a.  a.  0.  S.  500).  Je  nach  dem  Gewicht  (mörito  Art.  65,  I)  der 
mildernden  oder  erschwerenden  Umstände  geht  man  vom  arithmetischen  Mittel 
des  Strafrahmens  abwärts  oder  aufwärts.  Die  so  erlangte  Strafe  wird  bei  Fehl- 
schlagung um  Yg»  ^^i  Versuch  um  Ys  verkürzt,  gegen  den  Teilnehmer  wird 
nur  Ys — Vs»  S^S^^  ^^^  Begünstiger  höchsten  Ys  ^^^  ^^  ausgesprochen, 
bei  Verabredung  Y5 — V4  (^^'  ^^>  H — I^)«  i^i®  Bemessungsunterschiede 
fallen  weg  bei  den  unteilbaren  Strafen  der  Amtsentsetzung  und  der  Ver- 
warnung (Art.  67). 

V.  Kap.  6  Artt.  87 — 92,  vom  Bruche  (quebrantamiento)  der  Strafe  und 
Kap.  8  Artt.  107 — 114,  ergänzende  Bestimmungen,  sind  bereits  gewürdigt. 

VI.  Kap.  7  Artt.  93 — 100  zählt  die  Strafaufhebungsgründe  auf,  wobei 
die  auch  von  Ochoa  getadelte  Anomalie  zu  erwähnen  ist,  dass  die  Verjährung 
der  Strafe  kürzer  ist,  als  die  des  Verbrechens;  während  der  Verjährungs- 
frist des  Verbrechens  darf  kein  neues  Verbrechen  begangen  werden. 


§  5.    Die  einzelnen  Verbrechen. 

A.  Die  Verbrechen  gegen  die  Gesamtheit  (Buch  11)  zerfallen  in  9  Titel: 
I.  Verbrechen  gegen  die  Unabhängigkeit,  den  Bestand  und  die  öffentliche 
Ordnung  der  Nation  und  der  Staaten  (Artt.  115 — 143);  die  Ausführlichkeit  und 
Kasuistik  dieser  Bestimmungen  über  traiciön,  rebeliön,  sediciön  (s.  Bd.  1  S.  516, 
Spanien  §  7,  I,  11)  und  deren  gelindere  Formen  (als  motin  ö  asonada.  Auf- 
stand oder  Auflauf  bezeichnet)  wird  durch  die  neuere  Geschichte  Venezuelas 
ohne  weiteres  verständlich.  11.  Gewaltsame  Angriffe  (atentados)  und  Schmä- 
hungen (desacatos)  gegen  die  Staatsgewalt,  Artt.  144—149.  III.  Verbrechen 
gegen  das  Völkerrecht,  Artt.  150,  151.  IV.  Verbrechen  gegen  die  freie  Aus- 
übung eines  Glaubensbekenntnisses  (Kap.  1  Artt.  152 — 159)  und  Grab- 
schändung (Kap.  2  Artt.  160 — 168).  V.  Von  den  verbotenen  Spielen  und 
Lotterieen,  Artt.  164 — 169.  VI.  Verbrechen  gegen  den  öffentlichen  Gesund- 
heitszustand, Artt.  170 — 187  in  4  Kap.  VII.  Verbrechen  des  katholischen 
Klerus  gegen  die  weltliche  Rechtspflege,  Artt.  188 — 192.  VIII.  Fälschungen 
und  sonstige  Verbrechen  gegen  Treu  und  Glauben  im  öffentlichen  und  privaten 
Verkehr,  Artt.  193 — 237  in  7  Kap.  IX.  Das  Beamtenstrafrecht,  dessen  ausser- 
ordentliche Breite  die  demokratisch-liberale  Verfassung  kennzeichnet.  Die  be- 
handelten Materien  sind  nach  Kapiteln :  1.  Verantwortlichkeit  der  Bundesbeamten 
und  der  Präsidenten  der  Staaten,  Artt.  238 — 252,  jetzt  in  der  Fassung  vom 
30.  Juni  1891.  2.  Amtsuntreue,  Artt.  252 — 266.  8.  Verantwortung  für  die  Flucht 
Gefangener,  Artt.  267 — 271.  4.  Verletzung  des  Amts-  und  Schriftengeheimnisses, 
Untreue  in  der  Bewahrung  von  Archiven  und  Urkunden,  Artt.  272 — 277. 
5.  Ungehorsam  gegen  Vorgesetzte,  Artt.  278 — 282.  6.  Weigerung  der  Rechts- 
hülfe oder  Versagung  des  obrigkeitlichen  Schutzes,  Artt.  283 — 291.  7.  Vor- 
eilige und  verlängerte  Amtsausübung  und  Vernachlässigung  des  Amtes,  Artt, 
292 — 295.  8.  Anitsanmassung,  Artt.  296 — 306.  9.  Missbrauch  des  geistlichen 
Amtes,  Artt.  303 — 306.  10.  Verbrechen  gegen  Einzelpersonen  und  durch  Bruch 
der  verfassungsmässigen  Garanticen,  Artt.  307 — 311,  jetzt  in  der  Fassung  vom 


§  5.    Die  einzelnen  Verbrechen.  53 


24.  Juni  1891.  11.  Verstösse  gegen  Ehrbarkeit  und  gute  Sitten,  Artt.  312  bis 
314.  13.  Betrügereien,  ungesetzliche  Erhebungen  und  Entfremdungen  öffent- 
licher Gelder,  Artt.  315 — 330.  13.  Bestechung  (cohecho),  Artt.  331 — 337. 
14.  Gemeinsames,  Artt.  338 — 344. 

B.  Die  Verbrechen  gegen  die  Einzelnen  (Buch  III,  delitos  privados)  zer- 
fallen in  fünf  Titel.  I.  Titel :  Verbrechen  gegen  die  Person  mit  folgenden  Kapiteln : 
1.  Tötung,  Artt.  345 — 362.  Inhalt:  (a)  Vorsätzliche  Tötung,  a)  gewöhnlicher 
Fall,  Art.  348,  Strafe  6 — 8  Jahre  presidio  cerrado;  ß)  schwerer  Fall,  Art.  347 
z.  B.  mit  Arglist  (alevosia),  mit  Vorbedacht  (premeditaciön),  in  der  Wut  (ensafia- 
miento)  —  gemeinspanischer  Assassinat  vgl.  auch  Bd.  1  S.  494  ff.;  Strafe: 
6 — 9  J.  presidio  cerrado;  y)  schwerster  Fall,  Art.  346,  Tötung  von  Aszendenten, 
Deszendenten  und  gewissen  höchsten  Staats-  und  Kirchenbeamten,  Strafe: 
4 — 10  J.  presidio  cerrado.  (b)  Fahrlässige  Tötung,  Art.  349,  Strafe:  1 — 3  J. 
Gefängnis  und  100 — 1000  venezolanos  Geldstrafe,  in  mildem  Fällen  letztere  allein 
oder  Haft.  Die  Geldstrafe  konmit  den  Erben  des  Getöteten  zu  gut.  (c)  Zur 
culpa  dolo  determinato  gehören  folgende  Fälle:  a)  Tötung,  während  man  ein 
geringeres  Übel  zu  verursachen  beabsichtigte,  Art.  350,  Strafe:  die  des  beab- 
sichtigten Übels,  aber  mindestens  die  der  fahrlässigen  Tötung;  ß)  Körperver- 
letzung mit  tödlichem  Ausgange,  Art.  351,  wird,  wenn  die  Wunden  notwendig 
tödlich  waren  (letalitas  absoluta)  als  Tötung,  sonst  als  Körperverletzung 
bestraft;  y)  Raufhandel,  Artt.  354 — 355.  (d)  Straflose  Tötungen:  a)  aus  Zufall 
und  in  Notwehr  und  Notstand,  Art.  345;  ß)  bei  Verfolgung  eines  flüchtigen 
Verbrechers,  Art.  352;  y)  dessen,  der  nächtlich  oder  in  freiem  Felde  gewalt- 
sam die  Behausung  des  Thäters  betritt  oder  ansteckt,  Art.  356.  (e)  Mildere 
Fälle:  a)  Exzess  bei  a,  b,  Art.  352;  ß)  Überschreitung  der  Notwehr  im  Rauf- 
handel, Art.  353;  y)  Ertappung  in  Unsittlichkeit  durch  den  Ehemann,  Vater, 
Grossvater,  Art.  357.  Tötung  im  Duell  ist  für  den  Herausgeforderten  mil- 
dernder Umstand,  Art.  359.  2.  Abtreibung,  Artt.  363 — 367.  3.  Körperver- 
letzungen, Artt.  368 — 378.  4.  Vergiftung,  Artt.  379 — 384.  6.  Raufhandel, 
Artt.  385 — 388.  6.  Gewaltthätigkeiten  (violencias,  Freiheitsverbrechen),  Artt.  389 
bis  398.  7.  Menschenraub,  Artt.  399 — 400.  8.  Aussetzung  von  Kindern  und 
Hülflosen,  Artt.  401 — 407. 

n.  Titel:  Verbrechen  gegen  die  Sittlichkeit  und  Familie.  Kap.  1.  Ent- 
führung (rapto),  Artt.  408 — 414.  2.  Ehebruch,  Artt.  415 — 422.  3.  Notzucht, 
Artt.  423 — 427.  4.  Unzucht  (estupro),  Artt.  428 — 431.  5.  Andere  Verbrechen 
gegen  die  Schamhaftigkeit  und  die  guten  Sitten,  Artt.  432 — 436.  6.  Gemein- 
sames, Artt.  437 — 441. 

in.  Titel:  Verbrechen  bei  der  Eheschliessung,  Artt.  442 — 449. 

rv.  Titel:  Verbrechen  gegen  die  Ehre.  Kap.  1.  Verleumdung,  Artt.  450 
bis  453.     2.  Beleidigung,    Artt.  454 — 459.     3.  Gemeinsames,   Artt.  460 — 467. 

V.  Titel:  Verbrechen  gegen  das  Eigentum  enthält  folgende  12  Kapitel: 
1.  Seeräuberei  und  Räuberbanden,  Artt.  468 — 473.  2.  Raub,  Artt.  474 — 481. 
3.  Diebstahl,  Artt.  482 — 489.  4.  Unbefugte  Besitznahme  von  Immobilien  und 
dinglichen  Rechten,  Artt.  490 — 494.  5.  Brandstiftung  und  andere  Zerstörungen, 
(estragos  —  mit  dem  Sinn  der  Gemeingefährlichkeit),  Artt.  495 — :503.  6.  Sach- 
beschädigung, Artt.  504 — 509.  7.  Betrug  und  andere  Gaunereien,  Artt.  510 
bis  517.  8.  Gemeinsames  zum  Vorstehenden,  Artt.  518 — 521.  9.  Vertrauens- 
missbrauch, Artt.  522 — 530.  10.  Verletzungen  von  Geheimnissen  einschliesslich 
des  Briefgeheimnisses,  Artt.  531 — 535.  11.  Betrügerischer  und  schuldhafter 
Bankerutt,  betrügerische  Handlungen  bei  der  Verwaltung  von  Aktiengesellschaften, 
Zahlungsunfähigkeit  von  Nichtkaufleuten,  Artt.  536  bis  552.  12.  Kindesunter- 
schiebung und  -Verheimlichung,  Artt.  553 — 554. 


54  Venezuela.  —  §  6.    Die  Übertretungen. 


§  6.    Die  Übertretungen. 

I.  Das  Übertretungs- Strafgesetzbuch  (Buch  IV)  hat  in  Kap.  5  daselbst 
einen  allgemeinen,  nur  in  wenigem  vom  Buch  I  des  Strafgesetzbuches  ab- 
weichenden Teil  (Artt.  563 — 573).  So  geht  bei  der  Strafzumessung  der  Richter 
ganz  nach  freiem  Ermessen  vor,  und  werden  die  Teilnehmer  mit  den  Urhebern 
gleich  gestraft.     Rückfall  wird  allgemein  mit  der  doppelten  Strafe  geahndet. 

II.  Die  einzelnen  Übertretungen  sind  in  Artt.  555 — 562  behandelt  und  in 
folgende  Kap.  verteilt:  1.  Gegen  die  öffentliche  Ordnung.  2.  Gegen  gemeine 
und  Verkehrsinteressen.     3.'  Gegen  die  Personen.    4.  Gegen  das  Eigentum. 

III.  Buch  IV,  Kap.  6  enthält  ergänzende  und  Schlussbestimmungen  zum 
Strafgesetzbuche,  Artt.  574 — 582. 


V. 


PERU 


Von 


Dr.  Georg  Grusen, 

Oerichtaassessor  im  Königlich  PreuBsischen  JastisminiBterium  zu  Berlin. 


Übersicht. 


I.  Geschichtliche  Einleitung', 
n.  Das  Sti^afgesetzbuch  vom  23.  September  1862. 

a)  Entstehung,  Grundzüge  und  Litteratur. 

b)  Der  allgemeine  Teil. 

c)  Der  besondere  Teil. 

1.  Von  den  Verbrechen  und  ihrer  Bestrafung. 

2.  Die  Übertretungen. 

in.  Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts. 


L 

§  1.    Geschichtliche  Einleitung. 

Das  Gebiet  der  jetzigen  Republik  Peru  wurde  von  den  Spaniern  zuerst 
1531  unter  Pizarro  betreten,  1547  niit  Waffengewalt  endgültig  erobert  und 
mit  Chile,  Paraguay,  Buenos  Aires  und  Terra  Firma  als  „Vizekönigreich  Peru" 
für  eine  spanische  Kolonie  erklärt.  Im  Laufe  der  Jahre  fanden  verschiedene 
Neueinteilungen  des  spanischen  Kolonialgebietes  statt;  1608  wanderten  die 
Jesuiten  in  Paraguay  ein  und  gründeten  dort  einen  eigenen  Staat;  1739  wurde 
die  Terra  Firma  nebst  Quito  als  eine  besondere  Statthalterschaft  unter  dem 
Namen  Neu-Granada  und  1776  Buenos  Aires  als  besonderes  Vizekönigreich 
Rio  de  la  Plata  von  Peru  getrennt.  Im  südamerikanischen  Revolutionskriege 
fochten  die  Peruaner,  die  bereits  am  28.  Juli  1821  ihre  Unabhängigkeit  pro- 
klamiert hatten,  mehrere  Jahre  mit  verschiedenem  Erfolge  gegen  die  Spanier, 
bis  das  siegreiche  Vorgehen  Simon  Bolivars  und  seines  Untergenerals  Sucre 
das  Geschick  des  Landes  entschied.  Am  10.  Dezember  1824  räumten  die 
Spanier  infolge  der  Kapitulation  von  Ayacucho  das  peruanische  Gebiet  bis  auf 
Callao,  das  sich  noch  bis  zum  22.  Januar  1826  zu  halten  vermochte;  am 
23.  Januar  war  Peru  thatsächlich  frei.  Während  des  Krieges  (am  6.  August  1825) 
hatte  sich  Oberperu  von  den  übrigen  Landesteilen  losgelöst  und  als  selbstän- 
dige Republik  Bolivia  konstituiert.  Die  Verfassung  ist  am  18.  Oktober  1856 
erlassen  und  am  25.  November  1860  revidiert. 


n.  Das  Strafgesetzbuch  vom  23.  Septemlwr  1862. 

§  2.    a)  Entstehung,  Grundzöge  und  Litteratur. 

1.  Entstehung.  —  Das  geltende  peruanische  Strafgesetz  (Cödigo  penal) 
und  die  Strafprozessordnung  (Cödigo  de  enjuiciamientos  en  mat(Tia  penal) 
sind  i.  J.  1862  erlassen.  Die  von  Ramon  Castilla  im  Sommer  1855  einbe- 
rufene Nationalversammlung,  welche  die  gänzlich  verwii'rten  Verhältnisse  des 
Landes  ordnen  sollte,  setzte  am  6.  September  1856  eine  Kommission  ein, 
welche  an  Stelle  des  bis  dahin  geltenden  spanischen  Strafrechts  (Növisima 
Recopilaciön  von  1805^)  ein  neues  Strafgesetzbuch  ausarbeiten  sollte.  Ihre 
fünf  Mitglieder  waren  die  Drn.:  Jose  Simeon,  Tejeda,  Jose  GAlvez,  Santiago 
Tävara,  Ignacio  Xoboa  y  Benavides  und  Tomas  Lama.  Die  Kommissionsent- 
würfe wurden  denn  höchsten  Gerichtshofe  (Corte  Suprema  de  Justicia)  zur 
Kritik   unterbreitet   und   mit   d<?ssen   Bemerkungen    durch   Bcschluss    des    (am 


»)  Vgl.  Bd.  1  S.  41)9.     (Dr.  Ros^enfeld:  Spanien.) 


58  Peru.  —  IT.  Das  Strafgesetzbuch  vom  23.  September  1862. 


28.  Juli  1860  zusammengetretenen  zweiten)  Kongresses  vom  18.  Mai  1861  einer 
besonderen,  aus  sieben  Mitgliedern  bestehenden  Gesetzgebungskommission 
(Comisiön  Codificadora)  überwiesen.  Diese  wurde  ermächtigt,  auch  nach  Schluss 
des  Kongresses  ihre  Beratungen  fortzusetzen  und  die  endgültigen  Entwürfe 
dem  nächsten  Kongresse  zur  Annahme  vorzulegen.  Beide  Entwürfe  wurden 
von  dem  Kongresse  am  23.  September  1862  zu  Gesetzen  erhoben  und  nebst 
dem  gemeinschaftlichen  Einführungsgesetze  vom  gleichen  Tage  durch  den 
Präsidenten  Ramon  Castilla  öffentlich  bekannt  gemacht.  In  dem  Einführungs- 
gesetze war  bestimmt,  dass  beide  Gesetze  am  1.  Januar  1863  in  allen  Teilen 
des  Landes  in  feierlicher  Form  publiziert  werden  und  am  2.  Januar  in  Kraft 
treten  sollten.  Die  Innehaltung  dieses  Termins  stiess  jedoch  auf  Schwierig- 
keiten und  der  Kongress  beschloss  deshalb  am  5.  Januar  1863,  den  Zeitpunkt 
der  Einführung  bis  zum  1.  März  hinauszuschieben,  an  welchem  sie  in  der 
That  erfolgt  ist. 

2.  Grundzüge.  —  Das  Strafgesetzbuch  enthält  400  Artikel  und  zerfällt 
in  drei  Bücher;  das  erste  (De  los  delitos,  de  los  delincuentes  y  de  las  penas 
en  general,  Artt.  1 — 98)  enthält  die  allgemeinen  strafrechtlichen  Vorschriften, 
das  zweite  (De  los  delitos  e  de  sus  penas,  Artt.  99 — 371)  behandelt  die  ein- 
zelnen Verbrechen  und  Vergehen,  das  dritte  (De  los  faltas  y  de  sus  penas, 
Artt.  372 — 400)  die  einzelnen  Übertretungen. 

Da  seit  der  Ausarbeitung  des  Gesetzes  bereits  über  40  Jahre  verflossen 
sind,  so  braucht  nicht  erst  besonders  hervorgehoben  zu  werden,  dass  es  nicht 
auf  der  Höhe  der  modernen  Straf rechtswissenschaft  steht.  Sein  Hauptmangel, 
den  es  übrigens  mit  dem  französischen  Code  ptoal  teilt,  besteht  in  der  Bunt- 
scheckigkeit des  Strafensystems,  das  nicht  weniger  als  19  verschiedene  Straf- 
arten aufweist.  Das  gewiss  lobenswerte  Bestreben  des  Gesetzgebers,  alle 
nur  irgendwie  denkbaren  Fälle  im  voraus  zu  regeln,  hat  eine  kasuistische 
Fassung  des  Gesetzes  veranlasst,  die  beispielsweise  in  dem  Abschnitte  über 
Strafausschliessungs-,  Strafmilderungs-  und  Straferschwerungsgründe,  noch  mehr 
aber  in  vielen  Artikeln  des  besonderen  Teiles  hervortritt.  Ich  verweise  hier 
nur  auf  die  Artt.  127 — 132  (Rebellion),  156—159  (Delikte  in  Bezug  auf  Wahlen) 
168  (Amtsmissbrauch),  346  (Betrug).  Die  Begriffsbestimmungen  der  einzelnen 
strafbaren  Handlungen  sind  nicht  immer  scharf  genug;  einzelne  Delikte,  wie 
z.  B.  der  Diebstahl  (Art.  326  ff.),  werden  überhaupt  nicht  definiert  Die  Straf- 
androhungen sind  durchweg  milde  und  enthalten  sogar  z.  T.  kaum  einen  ge- 
nügenden Schutz  der  Gesellschaft  gegen  strafbare  Handlungen;  so  ist  z.  B. 
der  Versuch  der  gewaltsamen  Verfassungsänderung  nur  mit  sechsjähriger  Ver- 
bannung, Rebellion  nur  mit  Verbannung  auf  die  Dauer  von  3,  6  oder  9  Jahren 
oder  mit  Eingrenzung  (confinamiento)  auf  2  oder  3  Jahre  bedroht.  Völlig 
unzureichend  und  für  europäische  Begriffe  höchst  auffallend  sind  die  Straf- 
androhungen gegen  die  von  öffentlichen  Beamten  begangenen  Delikte;  so 
werden  gewisse  Fälle  des  Amtsmissbrauches  (Art.  168)  nur  mit  Geldstrafe  von 
200 — 2000  Pesos  und  Amtsenthebung  auf  1 — 2  Jahre,  andere  nur  mit  Geldstrafe 
und  Amtsenthebung,  andere  nur  mit  dem  Verlust  gewisser  öffentlich  rechtlichen 
Befugnisse  bestraft  (Art.  169).  Die  Rechtsbeugung  (prevaricato,  Art.  170),  also 
beispielsweise  die  vorsätzliche  Verkündung  eines  ungerechten  Urtjeils  (Ziffer  1 
a.  a.  0.)  hat  lediglich  Enthebung  vom  Amte  für  6  Monate  bis  zu  einem  Jahre 
zur  Folge. 

Die  zahlreichen  Mängel,  die  in  Peru  nicht  unbemerkt  blieben,  haben 
1884  zur  Einsetzung  einer  Kommission  geführt,  deren  Aufgabe  die  Aus- 
arbeitung eines  neuen  Strafgesetzbuches  ist.  Sie  bestand  anfangs  aus  den 
drei  Mitgliedern  Dr.  Jose  Silva  Sansisteban,  Dr.  Miguel  A.  de  la  Lama  und 
Dr.    Octavio   Judela   und   steht  zur   Zeit,  nach  dem  Tode  des  ersteren,  unter 


§  3.   Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches.  59 


dem  Vorsitze  de  la  Lamas.  Der  von  ihr  ausgearbeitete  Entwurf  war  Anfang 
1893  dem  Kongresse  zur  Beschlussfassung  vorgelegt;  veröffentlicht  ist  er  nicht. 
Das  Strafgesetzbuch  ist  nicht  die  einzige,  wohl  aber  die  wichtigste  Quelle 
des  peruanischen  Strafrechtes  und  enthält  einzelne  Bestimmungen  (z.  B.  über 
Verfälschung  von  Nahrungs-  und  Genussmitteln,  Bankeinitt,  Vergehen  gegen 
das  Gesundheitswesen  u.  s.  w.),  die  z.  T.  in  anderen  Ländern  in  Spezialgesetzen 
enthalten  sind.  Auch  in  Peini  sind  neben  dem  Strafgesetzbuche  eine  Reihe 
von  solchen  in  Kraft  (vgl.  §  6  dieser  Darstellung). 

3.  Die  Litteratnr  über  das  peruanische  Straf  recht  ist,  soweit  ich  zu  ermitteln 
vermochte'),  nur  wenig  umfangreich.  Das  umfassendste  Werk  ist:  Miguel  A.  de  la 
Lama:  Diccionario  de  Derecho  Penal,  Lima,  Imprenta  del  Universo  1890;  ausserdem 
sind  zu  erwähnen:  Dr.  Ricardo  Heredia:  Lecciones  de  Derecho  Penal.  —  Dr.  Jose 
Silva  Sansisteban:  Principios  de  Derecho  Correccional.  —  Dr.  Jose  Vitervo 
Arias:  Estudios  sobre  el  C6digo  Penal.  Eine  Textausgabe  des  Strafgesetzbuchs 
und  der  Strafprozessordnung  nebst  einem  Anhang,  enthaltend  die  Strafnebengesetze, 
ist  von  Manuel  A.  Fuentes  herausgegeben  (Lima.  Imprenta  del  Estado,  1880). 
M.  A.  de  la  Lama  hat  ausserdem  einen  Kommentar  zur  Strafprozessordnung  ver- 
öffentlicht. Einzelne  kurze  Mitteilungen  über  die  peruanische  Gesetzgebung  enthält 
das  von  der  Soci6t6  de  K'igislation  comparee  zu  Paris  herausgegebene  „Annuaire  de 
legislation  etrangfere"  Bd.  8  (über  Gesetze  aus  1878)  S.  758  ff.  (von  Pradier-Fodere), 
Bd.  18  (1888)  S.  981  ff.  (von  M.  A.  Theurault),  Bd.  19  (1889)  S.  977  ff.  (von  Fravaton), 
Bd.  21  (1891)  S.  991—994  (von  Daguin),  Bd.  25  (1895). 

Amtliche  Ausgaben  des  Strafgesetzbuchs  und  der  Strafprozessordnung  sind  1862 
in  Lima,  Imprenta  Galle  de  la  Rifa  58,  erschienen. 

§  3.    b)  Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches. 

1.  Begriff  und  Einteilung  der  strafbaren  Handlungen.  —  Wenn 
an  der  Spitze  des  peruanischen  Strafgesetzbuches  der  Satz  steht:  „Las  acciones 
ü  omisiones  voluntarias  y  maliciosas,  penadas  por  la  ley,  constituyen  los  delitos 
y  las  faltas"  (Die  willentlichen  und  böswilligen  Handlungen  und  Unterlassungen, 
soweit  sie  vom  Gesetze  mit  Strafe  bedroht  sind,  bilden  die  Vergehen  und 
Übertretungen),  so  wird  hierdurch  der  Anschein  erweckt,  als  seien  nach  peru- 
anischem Recht  nur  vorsätzliche  Begehungen  und  Unterlassungen  strafbar. 
Dass  dieses  jedoch  nicht  zutrifft,  ergiebt  sich  aus  der  Bestimmung  des  Art.  60, 
wonach  Strafmilderung  nach  richterlichem  Ermessen,  mindestens  aber  um  zwei 
r4rade,  eintritt,  wenn  der  Thftter  nur  aus  leichtsinniger  Unüberlegtheit  oder 
strafwürdiger  Nachlässigkeit  gefehlt  hat  (cuando  el  reo  hubiere  delinquido  por 
impnidencia  temeraria  ö  descuido  punible).  Trotz  der  anscheinend  entgegen- 
stehenden Ausdrucksweise  des  Art.  1  muss  daher  (in  Übereinstimmung  mit 
de  la  Lama,  Diccionario  S.  163  unter  „culpa")  angenommen  werden,  dass  ausser 
der  willentlichen  und  böswilligen  auch  die  auf  Unüberlegtheit  oder  Nachlässig- 
keit beruhende  Handlung  oder  Unterlassung  strafbar  ist,  mit  anderen  Worten : 
dass  auch  der  peruanische  Gesetzgeber  die  Einteilung  der  Delikte  in  vorsätzliche 
und  fahrlässige  anerkennt,  wenngleich  sie  im  Strafgesetzbuche  nicht  zum  deut- 
lichen Ausdruck  gekommen  ist.  Behauptet  der  Angeklagte  nur  fahrlässig  oder 
ohne  strafbares  Verschulden  gehandelt  zu  haben,  so  muss  er  den  Beweis  führen: 
bei  jeder  mit  Strafe  bedrohten  Handlung  oder  Unterlassung  wird  bis  zum 
Nachweis  des  Gegenteils  vermutet,  dass  sie  willentlich  und  in  böser  Absicht 
begangen  ist  (Art.  2).  —  Der  Schwere  nach  unterscheidet  das  Gesetz  zwei 
Arten  von  strafbaren  Handlungen:  delitos  —  Verbrechen,  solche,  welche  mit 
schweren  Strafen  (penas  graves)  und  faltas  —  Übertretungen,  solche  welche 
mit   leichten  Strafen   bedroht   sind  (Art.  1  Abs.  2).     Der   peruanische   Gesetz- 


*)  Die  nachfolgenden  Litteraturangaben  verdanke  ich  teilweise  der  Güte  des  Herrn 
Dr.  M.  A.  de  la  Lama,  Advokat  und  Professor  an  der  Universidad  Mayor  zu  Lima. 


60  Peru.  —  §  3.    Der  allgemeine  Teil  des  StrafgeBetzbuches. 


geber  hat  sich  so  zwar  von  der  Dreiteilung  des  französischen  Rechtes  in 
crimes,  d^lits  und  contraventions  freigemacht,  andererseits  aber  auch  nicht 
versucht,  ein  auf  begrifflichen  Verschiedenheiten  der  Delikte  beruhendes  Ein- 
teilungsprinzip aufzustellen.  —  Strafbar  ist:  das  vollendete,  das  fehlgeschlagene 
und  das  versuchte  Verbrechen,  die  Verabredung  zu  einem  Verbrechen  sowie 
—  unter  gewissen  Voraussetzungen  —  die  vorbereitenden  Handlungen  zu 
einem  solchen.  Übertretungen  werden  nur  als  vollendete  bestraft  (Art.  4). 
Ein  fehlgeschlagenes  Verbrechen  (delito  frustrado)  liegt  vor,  wenn 
der  Thäter  die  von  ihm  gewollte  Handlung  vorgenommen  hat,  aber  aus 
Gründen,  welche  von  seinem  Willen  unabhängig  sind,  der  von  ihm  beabsichtigte 
Erfolg  nicht  eingetreten  ist  (Art.  3  Abs.  1:  cuando,  perpetrado  el  hecho  cri- 
minal,  no  produce  el  mal  que  se  propuso  el  culpable,  por  causas  independientes 
de  SU  voluntad).  —  Ein  versuchtes  Verbrechen  (conato  oder  tentativa) 
liegt  vor,  wenn  die  unmittelbare  Ausführung  der  That  zwar  begonnen  aber 
nicht  vollendet  worden  ist  (Art.  3  Abs.  2:  cuando  se  comienza  y  no  se  con- 
cluye  la  ejecuciön  directa  del  hecho  criminal).  —  Zum  Thatbestande  der  Ver- 
abredung zur  Begehung  eines  Verbrechens  (conf abulacion)  genügt 
es,  wenn  mehrere  Personen  gemeinschaftlich  beschliessen ,  ein  solches  zu  be- 
gehen (se  conciertan  para  cometer  el  delito),  und  zu  diesem  Zwecke  minde- 
stens zwei  Zusammenkünfte  veranstalten  (Art.  3  Abs.  4).  —  Unter  vorbe- 
reitenden Handlungen  (actos  preparatorios)  versteht  das  Gesetz  alle 
Handlungen,  welche  jemand  vor  Beginn  der  unmittelbaren  Ausführung  eines 
Delikts  vorgenommen  hat,  um  diese  letztere  vorzubereiten  (Art.  3  Abs.  3).  Sie 
sind  nur  strafbar,  wenn  sie  auf  Grund  einer  Verabredung  vorgenommen  werden 
(Art.  4  Abs.  2). 

Das  nicht  zur  Vollendung  gediehene  Verbrechen  wird  grundsätzlich 
milder  bestraft  als  das  vollendete.  Wer  ein  fehlgeschlagenes  Verbrechen  ver- 
übt, wird  um  einen  Grad,  wer  sich  eines  versuchten  Verbrechens  oder  der 
Verabredung  zu  einem  Verbrechen  schuldig  macht,  um  zwei  Grade  milder 
bestraft  als  der  Urheber  eines  vollendeten  Delikts  (Artt.  46,  47).  Macht  in 
den  letzteren  beiden  Fällen  der  Thäter  glaubhaft,  dass  er  von  der  vollstän- 
digen Ausführung  des  Verbrechens  aus  freien  Stücken  zurückgetreten  ist,  so 
bleibt  er,  wenn  lediglich  eine  Verabredung  vorlag,  straffrei;  war  durch  vorbe- 
reitende Handlungen  ein  Schaden  entstanden,  so  tritt  Strafe  nach  Verhältnis 
seiner  Höhe  ein  (Artt.  5,  47  Abs.  2).  —  In  gewissen  Fällen  wird  das  ver- 
suchte oder  fehlgeschlagene  Delikt  bezüglich  der  Strafbarkeit  dem  vollendeten 
gleichgestellt;  vgl.  z.  B.  Art.  52  (traiciön,  rebeliön  und  sediciön)  und  Art.  334 
(robo). 

2.  Die  Subjekte  der  strafbaren  Handlung  (Thäterschaft,  Teil- 
nahme, Hehlerei).  Die  bei  der  Begehung  einer  strafbaren  Handlung  mög- 
licherweise thätigen  Personen  werden  unterschieden  in  Thäter  (autores), 
Teilnehmer  (cömplices)  und  Hehler  (encubridores)  (Art.  11).  Der  Begriff 
der  Anstiftung  ist  dem  Gesetze  fremd. 

a)  Thäterschaft.  Der  Begriff  ist  im  peruanischen  Recht  ein  sehr  weiter 
und  umfasst  auch  Handlungen,  welche  nach  den  Anschauungen  der  deutschen 
und  meisten  anderen  Strafrechtslehren  unter  den  Begriff  der  Beihülfe  fallen 
würden,  und  ausserdem  alle  Fälle  der  Anstiftung.  Der  Begriff  der  Thäter- 
schaft ist  verschieden,  je  nachdem  es  sich  um  ein  Begehungs-  oder  ein  Unter- 
lassungsdelikt handelt.  Thäter  eines  Begehungsdeliktes  ist:  1.  wer  es  selbst 
vollführt;  2.  wer  den  Plan  der  Ausführung  fasst  und  diese  durch  andere 
bewirken  lässt.  Zu  dieser  zweiten  Kategorie  gehört  sowohl  der  Fall  der  An- 
stiftung als  der  der  sog.  mittelbaren  Thäterschaft  (Art.  12).  Ausserdem  wird 
als  Thäter  betrachtet:    8.  wer    bei   Ausführung    eines  Deliktes  wissentlich  un- 


§  3.    Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches.  61 


mittelbare  Beihtllfe  leistet,  indem  er  in  böswilliger  Absieht  (maliciosamente 
=  vorsätzlich)  eine  Handlun^g  vornimmt,  ohne  welche  das  Delikt  nicht  hätte 
ausgeführt  werden  können  (Art.  IH).  Thäter  einer  Unterlassung  ist,  wer  die 
Befolgung  einer  gesetzlichen  Vorschrift  unterlässt  oder  wer  die  Unterlassung 
veranlasst  oder  bei  dieser  in  der  vorbezeichneten  (Art.  13)  Weise  mitwirkt 
(Art.  14). 

b)  Teilnehmer  ist,  wer  bei  der  Ausführung  eines  Deliktes  mittelbar  und 
in  nebensächlicher  Weise  mitwirkt,  einerlei  ob  die  Thätigkeit  mit  der  Aus- 
ftlhrungshandlung  gleichzeitig  erfolgt  oder  ihr  vorangeht  (Art.  15).  Bei  allen 
Verbrechen  (sowohl  dem  vollendeten  wie  dem  fehlgeschlagenen,  dem  Versuche 
und  der  Verabredung)  wird  der  Teilnehmer  um  einen  Grad  milder  bestraft 
als  der  Thäter  (Ai-t.  48). 

c)  Die  Hehlerei  (welQbe  im  Folgenden  im  weiteren  Sinne  zu  verstehen 
ist  und  die  Begünstigung  mit  umfasst)  bildet  nach  peruanischem  Recht  (wie  fast 
in  allen  spanisch-amerikanischen  Ländern)  nicht  eine  besondere  strafbare  Hand- 
lung, sondern  eine  Art  der  Begehung  der  strafbaren  Handlungen  überhaupt. 
Hehler  (encubridor)  ist,  wer,  ohne  Thäter  oder  Teilnehmer  einer  strafbaren 
Handlung  zu  sein,  während  oder  nach  der  Begehung  wisseijtlich  1.  sich  ihre 
Früchte  aneignet  oder  dem  Thäter  oder  Teilnehmer  bei  der  Aneignung  be- 
hülflich  ist;  2.  den  Gegenstand  oder  die  Spuren  der  That  oder  die  zu  ihrer 
Verübung  benutzten  Werkzeuge  verbirgt  oder  vernichtet,  um  die  Entdeckung 
zu  verhindern,  8.  die  Thäter  oder  Teilnehmer  verbirgt  oder  ihnen  zur  Flucht 
behülflich  ist  (Art.  16).  Die  unter  2.  und  3.  erwähnte  Thätigkeit  bleibt  straf- 
los, wenn  sie  zu  Gunsten  eines  Angehörigen  (Ehegatten,  Aszendenten,  Des- 
zendenten, Geschwister  und  Verschwägerte  bis  zum  zweiten  Grade)  geschieht 
(Art.  17).  —  Der  Hehler  wird  milder  bestraft  als  der  Thäter  (Art.  49). 

3.  Zeitliches  und  räumliches  Geltungsgebiet  des  Strafgesetzes. 
Der  Grundsatz,  dass  wegen  einer  Handlung  nur  dann  auf  Strafe  erkannt 
werden  kann,  wenn  und  soweit  diese  zur  Zeit  ihrer  Begehung  bereits  mit 
Strafe  bedroht  war,  ist  im  Gesetze  nirgends  ausdrücklich  ausgesprochen.  Da- 
gegen bestimmt  Art.  26,  dass  bei  Verschiedenheit  des  Gesetzes  zur  Zeit  der 
Begehung  und  zur  Zeit  der  Aburteilung  der  That  das  letztere  anzuwenden 
ist,  wenn  es  dem  Angekhig-ten  günstiger  ist.  —  Die  Vorschriften  des  inter- 
nationalen Strafrechts  enthält  nicht  das  Strafgesetzbuch,  sondern  die  Straf- 
prozessordnung. Sie  steht  im  wesentlichen  auf  dem  Standpunkte  des  Natio- 
nalitätsprinzips: inländische  Rechtsgüter  werden  in  allen  Fällen,  ausländische 
gegen  im  Auslande  verübte  Angriffe  nur  ausnahmsweise  geschützt. 

Nach  Art.  2  der  Strafprozessordnung  unterliegen  der  Zuständigkeit  der 
peruanischen  Gerichte  zur  Aburteilung  (und  zwar,  wie  allerdings  nicht  aus- 
drücklich hervorgehoben,  aber  doch  aus  dem  Geiste  des  Gesetzes  zu  schliessen 
ist,  nach  peruanischem  Recht):  a)  alle  innerhalb  des  Staatsgebietes  sowie 
an  Bord  peruanischer  Schiffe  in  peruanischen  Gewässern  oder  auf  hoher  See 
begangenen  strafbaren  Handlungen,  einerlei  ob  der  Thäter  ein  Peruaner 
oder  ein  Ausländer  ist;  die  Vorrechte  der  Exterritorialen  werden  im  Gesetze 
nicht  erwähnt;  b)  die  von  einem  Peruaner  im  Auslande  begangenen  Delikte, 
wenn  1.  der  Thäter  im  diplomatischen  oder  Konsulatsdienste  der  Republik 
steht  und  in  Ausübung  seines  Amtes  gehandelt  hat  oder  2.  die  Straf  that 
gegen  einen  Peruaner  gerichtet  war  und  der  Verletzte  nach  der  Rückkehr 
des  Thäters  in  peruanisches  Gebiet  die  Bestrafung  verlangt,  oder  wenn  3.  die 
Strafthat  LandesveiTat  ist  (für  diesen  Fall  wird  der  naturalisierte  Ausländer 
neben  dem  Peruaner  ausdinicklich  erwähnt);  c)  die  von  einem  Peruaner  oder 
Ausländer  im  Auslande  begangene  Verfälschung  peruanischen  Metallgeldes, 
peruanischer  Ki'editpapiere  oder  peruanischer  öffentlicher  Urkunden  (bezüglich 


62  Peru.  —  §  3.    Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


des  Ausländers  jedoch  nur,  wenn  dieser  sich  auf  peruanischem  Gebiete  betreffen 
lässt),  sowie  die  an  Bord  eines  peruanischen  Kriegsschiffes  in  fremden  Gewässern 
von  einem  Seemanne  in  Ausübung  seines  Berufes  begangene  That,  endlich  wenn 
sich  ein  Inländer  oder  Ausländer  des  Seeraubes  (pirateria)  schuldig  macht. 

In  dem  unter  b)  Nr.  2  erwähnten  Falle,  sowie  bei  den  unter  c)  erwähnten 
Fälschungsdelikten  findet  ein  Strafverfahren  vor  den  peruanischen  Gerichten 
nicht  mehr  statt,  wenn  der  Thäter  bereits  durch  ein  Gericht  des  Landes,  in 
welchem  die  That  begangen  war,  abgeurteilt  worden  ist;  bei  den  strafbaren 
Handlungen  eines  Seeräubers  genügt  es,  dass  die  Aburteilung  durch  irgendein 
anderes  Gericht  erfolgt  ist  (Art.  3  der  Strafprozessordnung). 

4.  Zurechnung.  Gründe,  welche  die  Strafbarkeit  ausschliessen, 
vermindern  oder  erhöhen.  Unkenntnis  des  Strafgesetzes  schliesst  die  Straf- 
barkeit nicht  aus  (Strafgesetzbuch  Art.  6).  Nach  ausdrücklicher  Vorschrift  des 
Art.  7  wird  die  Strafbarkeit  einer  Handlung  nicht  dadurch  ausgeschlossen,  dass 
sie  einen  anderen  als  den  von  dem  Thäter  beabsichtigten  Erfolg  gehabt  hat, 
sei  es,  dass  der  verursachte  Schaden  ein  anderer,  oder  sei  es,  dass  die  verletzte 
Person  eine  andere  ist,  als  die  vom  Thäter  gemeinte.  Dagegen  werden  solche 
straf  erhöhende  oder  strafmildernde  Umstände,  die  in  einem  besonderen  mora- 
lischen oder  intellektuellen  Zustande  des  Schuldigen  ihren  Grund  haben,  nur 
demjenigen  zugerechnet,  in  dessen  Person  sie  vorliegen  (Art.  56),  ebenso  solche 
Umstände,  die  in  der  Art  der  Ausführung  der  That  oder  in  den  dabei  ange- 
wendeten Mitteln  liegen,  nur  demjenigen  Schuldigen,  der  von  diesen  Umständen 
zur  Zeit  der  Begehung  der  That  Kenntnis  gehabt  hat  (Art.  59). 

Die  Grundsätze  über  die  Zurechnung  werden  modifiziert  durch  die  sehr 
kasuistisch  gehaltenen  Bestimmungen  des  Gesetzes  über  die  Umstände,  welche 
die  Strafbarkeit  einer  Handlung  ausschliessen,  vermindern  oder  erhöhen. 

a)  Strafausschliessungsgründe  kennt  das  Gesetz  elf  (Art.  8);  zu 
diesen  gehören:  Geisteskrankheit:  Blödsinn  (demencia)  und  Wahnsinn  (locura); 
jugendliches  Alter  unter  9  Jahren  (absolute  Straflosigkeit)  oder  unter  15  Jahren 
(wenn  nicht  das  Vorhandensein  des  Unterscheidungsvermögens  —  discemi- 
miento  —  nachgewiesen  wird);  Notstand^)  und  Notwehr;  unwiderstehliche 
Gewalt  und  Bedrohung  mit  einem  unmittelbaren,  erheblichen  Übel;  Begehung 
der  Handlung  in  rechtmässiger  Ausübung  des  Amtes  oder  Berufes  oder  auf 
Befehl  eines  Vorgesetzten;  Unterlassung  einer  Handlung  aus  erheblichen,  nicht 
zu  beseitigenden  Hinderungsgründen.  Unter  Notwehr  versteht  das  Gesetz: 
die  Verteidigung  der  eigenen  oder  fremden  Person,  eines  eigenen  oder  fremden 
Rechts,  vorausgesetzt  dass:  1.  ein  rechtswidriger  Angriff  vorliegt;  2.  das  an- 
gewendete Mittel  zur  Abwehr  oder  Verhinderung  des  Angriffs  erforderlich 
(deshalb:  keine  Notwehr  zulässig  gegen  Angriffe,  deren  Beseitigung  mit  Hülfe 
der  Behörden  möglich  ist,  z.  B.  Ehrverletzungen;  de  la  Lama  S.  30)  und  ge- 
eignet war,  und  8.  der  Verteidiger  dem  Angreifer  keinen  Anlass  zum  Angriff 
gegeben  hatte.  Unter  diesen  Voraussetzungen  ist  die  in  Notwehr  begangene 
Handlung  immer  straflos,  wenn  sich  der  Angriff  gegen  die  Person  oder  ein 
Recht  des  Thäters  oder  eines  seiner  nahen  Angehörigen  richtet;  als  solche 
werden  in  Art.  8  No.  4:  aufgezählt:  Ehegatten,  Aszendenten,  Deszendenten, 
Seitenverwandte  bis  zum  vierten  Grade  einschliesslich  und  Verschwägerte 
bis  zum  zweiten  Grade.  Wurde  die  Notwehrhandlung  zum  Schutze  einer 
anderen,  mit  dem  Thäter  nicht  in  einer  der  vorerwähnten  Beziehungen  stehen- 
den Person  vorgenommen,  so  wird  die  Straflosigkeit  nur  unter  der  Voraus- 
setzung gewährt,  dass  sie  nicht  aus  Hass,  Rachsucht  oder  irgendeinem  anderen 


*)  Hauptwörter,   welche  den  deutschen  Ausdrücken  „Notwehr"  und  „Notstand" 
entsprächen,  kommen  im  Strafgesetzbuche  nicht  vor. 


§  3.    Der  allgemeine  Teil  de»  Strafgesetzbuches.  63 


unedlen  Motive  (ödio,  venganza  ü  otro  motivo  innoble)  begangen  wurde 
(Art.  8  No.  5).  —  Die  Strafbarkeit  einer  Handlung  ist  auch  ausgeschlossen, 
wenn  jemand  fremdes  Eigentum  beschädigt,  um  ein  drohendes  grösseres  Übel 
zu  verhüten,  falls  andere,  weniger  schädliche  Mittel  nicht  anwendbar  waren 
(Art,  8  No.  7);  dieser  Straf ausschliessungsgrund  entspricht  etwa  dem  Falle  des 
„Notstandes"  des  deutschen  Strafrechts  (Deutsches  Reichs-Strafgesetzbuch  §  54), 
unterscheidet  sich  jedoch  von  diesem  dadurch,  dass  sein  Anwendungsgebiet 
nach  der  einen  Seite  beschränkt,  nach  der  anderen  dagegen  erweitert  ist. 
Es  ist  sachlich  beschränkt,  denn  die  Strafausschliessung  findet  nur  bei  Eigen- 
tumsdelikten statt;  dagegen  ist  nicht  erforderlich,  dass  das  gefährdete  Rechts- 
gut ein  solches  des  Thäters  oder  eines  seiner  Angehörigen  war. 

Die  Verzeihung  des  Verletzten  bildet  bei  den  von  Amtswegen  zu  ver- 
folgenden Delikten  im  allgemeinen  keinen  Strafausschliessungsgrund  (Art.  27). 

Ausser  diesen  allgemeinen  Strafausschliessungsgrllnden  finden  sich  im 
besonderen  Teil  des  Gesetzes  noch  verschiedene  andere,  die  bei  einzelnen 
Delikten  den  Wegfall  der  Strafe  bewirken  (vgl.  Art.  344,  Bankerutt:  Verzeihung 
des  geschädigten  Gläubigers,  — 369,  Diebstahl,  Betrug  und  Sachbeschädigung: 
verwandtschaftliches  Verhältnis  zwischen  dem  Thäter  und  dem  Beschädigten), 
b)  Strafmilderungsgründe  (circunstancias  atenuantes,  Art.  9)  werden 
in  grosser  Zahl  zugelassen.  Solche  sind:  jugendliches  Alter  zwischen  9  und 
15  Jahren,  wenn  das  Vorhandensein  des  Unterscheidungsvermögens  festgestellt 
wird  (vgl.  Art.  8  No.  3)  und  zwischen  15  und  18  Jahren.  Drohung,  Reizung 
oder  schwere  Beleidigung  des  Thäters  oder  eines  nahen  Angehörigen  seitens 
des  Verletzten;  Verleitung  durch  einen  Vorgesetzten;  unverschuldete  Trunken- 
heit. Endlich  bilden  die  in  Art.  8  aufgeführten  Strafausschliessungsgründe 
mildernde  Umstände,  wenn  sie  zwar  teilweise  vorliegen,  aber  ein  Thatbestands- 
moment  entweder  fehlt  oder  doch  nicht  voll  bewiesen  ist  (Art.  9  No.  1).  Das 
Vorhandensein  eines  mildernden  Umstandes  bewirkt  die  Herabsetzung  der 
vom  Gesetze  für  den  Regelfall  angedrohten  Strafe  um  einen  bis  drei  Unter- 
grade (törminos,  siehe  das  Strafensystem),  in  gewissen  Fällen  nach  billigem 
Ermessen  des  Richters  (Artt.  57,  60).  Besondere,  nur  bei  einzelnen  Delikten 
Anwendung  findende  Milderungsgründe  enthalten  z.  B.  Art.  141  (Grund  zur 
Beschwerde  bei  Auflauf  und  Zusammenrottung),  Art.  143  (der  Umstand,  dass 
die  Versammlungen  der  Aufständischen  ohne  Waffen  stattgefunden  haben). 

c)  Als  straferschwerende  Umstände  (circunstancias  agravantes, 
Art.  10)  gelten:  ein  bestehendes  Respektsverhältnis  zwischen  dem  Thäter  und 
dem  Verletzten  (wenn  dieser  Aszendent  oder  Vorgesetzter  des  crsteren  ist), 
femer  gewisse,  mit  der  Ausführung  der  That  in  Zusammenhang  stehende  Um- 
stände: Begehung  mit  Vorbedacht  (con  detenida  premeditacion,  Art.  10  Z.  2); 
in  hinterlistiger  Weise  (con  alevosia);  gegen  Entgelt;  bei  Gelegenheit  eines 
öffentlichen  Unglücks  (Erdbebens,  Feuersbrunst  u.  a.  m.);  unter  absichtlicher 
Herbeiführung  eines  grösseren  Schadens,  als  zur  Ausführung  an  und  für  sich 
erforderlich  gewesen  wäre;  Vertrauensmissbrauch  oder  grobe  Undankbarkeit 
gegenüber  dem  Beschädigten;  Begehung  der  That  als  Mittel  zur  Vollführung 
eines  anderen  Delikts;  zur  Nachtzeit,  oder  an  einem  geweihten  Orte.  Auch 
der  Rückfall  (d.  h.  die  wiederholte  Begehung  von  Delikten  derselben  Art, 
de  la  misma  naturalezza)  sowie  die  Eigenschaft  des  Thäters  als  Gewohnheits- 
verbrecher (consuetudinario)  —  im  letzteren  Falle  ist  Gleichartigkeit  der  straf- 
baren Handlungen  nicht  erforderlich  —  bilden  einen  allgemeinen  Strafschärfungs- 
grund (Art.  10  Z.  14).  Das  Vorliegen  eines  solchen  bewirkt  die  Erhöhung  der 
Regelstrafe  um  einen  bis  drei  Untergrade  (Art.  57).  Einzelne  Strafschärfungs- 
gründe enthält  der  besondere  Teil;  z.  B.  Art.  121  (Bestrafung  der  von  See- 
räubern begangenen  Delikte).    Liegen  gleichzeitig  mildernde  und  erschwerende 


64  Peru.  —  §  3.    Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


Umstände  vor,  so  soll  sie  der  Richter  nach  vernünftigem  Ermessen  ge^en 
einander  aufrechnen  (Art.  61). 

Eine  nachträgliche  Erhöhung  der  bereits  rechtskräftig  festgesetzten  Strafe  tritt 
ein  im  Falle  des  Unternehmens,  sich  der  Strafvollstreckung  zu  entziehen  (quebran- 
tamiento  de  la  sentencia,  Artt.  62—65),  dieser  Thatbestand  hat  seit  Alters  her  in  den 
spanischen  Strafrechten  eine  besondere  Behandlung  erfahren  (vgl.  Bd.  1  S.  510). 

5.  Das  Strafensvstem.  Der  Richter  darf  nur  auf  die  im  Gesetze  aus- 
drücklich  vorgesehenen  Strafarten  erkennen  (Art.  23).  —  Das  Gesetz  kennt 
Haupt-  und  Nebenstrafen  und  unterscheidet  erstere  in  schwere  und  leichte. 
Die  Untersuchungshaft  sowie  die  etwa  im  Disziplinarwege  erfolgende  Ent- 
hebung vom  Amte  gilt  nicht  als  Strafe  im  Sinne  des  Gesetzes  (Art.  25). 

A.  Hauptstrafen,  a)  Schwere  Strafen  (penas  graves).  1.  Die  Todes- 
strafe (pena  de  muerte),  angedroht  nur  gegen  einige  besonders  strafwürdige 
Fälle  der  vorsätzlichen  Tötung  (Eltemmord,  Art.  231,  und  den  unter  gewissen 
erschwerenden  Umständen  begangenen  Mord,  Art.  232)  wird  durch  Erschiessen 
vollstreckt.  Die  Exekution  ist  hinauszuschieben:  bei  Schwangeren  und  solchen 
Personen,  die  einen  nahen  Angehörigen  durch  den  Tod  verloren  haben.  Eine 
für  das  südamerikanische  Recht  durchaus  charakteristische  Bestimmung  enthält 
Art.  70:  von  mehreren  wegen  ein-  und  desselben  Delikts  zum  Tode  Ver- 
urteilten darf  nur  ein  Teil  und  zwar  dürfen  ausser  dem  Rädelsführer  (cabecilla) 
niemals  mehr  als  fünf  hingerichtet  werden.  Die  Strafe  der  übrigen  wird  in 
Zuchthaus  vierten  Grades  umgewandelt.  Der  Rädelsführer  wird  stets  hin- 
gerichtet, die  übrigen  werden  ausgelost.  Über  das  hierbei  zu  beobachtende 
Verfahren  ist  unter  dem  18.  Januar  1879  ein  besonderes  Gesetz  erlassen 
(abgedruckt  bei  Fuentes,  Cödigo  Penal,  S.  182 — 184).  2.  Zuchthaus  (peni- 
tenciaria)  ist  die  schwerste  Freiheitsstrafe;  Dauer:  4 — 15  Jahre  (Art.  28). 
Sie  ist,  wie  alle  auf  eine  bestimmte  Zeitdauer  erkannten  Strafen,  in  Grade 
(grados)  eingeteilt.  Ihre  Zahl  beträgt  bei  Zuchthaus  vier:  I.  Grad:  Straf- 
dauer von  4,  5  und  6  Jahren,  IL  Grad:  7,  8,  9  Jahre,  III.  Grad:  10,  11,  12 
Jahre,  IV.  Grad:  13,  14,  15  Jahre.  Jeder  Grad  zerfällt  wieder  in  drei  unter 
sich  gleiche  Untergrade,  die  mit  termino  minimo,  termino  medio  und  temiino 
maximo  bezeichnet  werden  (Art.  32),  sodass  beispielsweise  der  Ausdruck  „peni- 
tenciaria  in  termino  medio  del  primer  grado"  bedeutet:  Zuchthaus  auf  die 
Dauer  von  fünf  Jahren.  Diese  bei  anderen  Strafmitteln  analog  wiederkehrende 
Einteilung  ist  deshalb  von  Wichtigkeit,  weil  das  Gesetz  bei  den  Strafandrohungen 
nicht  ein  Mindest-  und  ein  Höchstmass  angiebt,  sondern  die  Strafen  nach 
Graden  und  Untergi-aden  bemisst.  —  Die  Verbüssung  der  Zuchthausstrafe  er- 
folgt in  besonderen  Anstalten  (Art.  71);  der  Arbeitsverdienst  wird  verwendet: 
in  erster  Linie  zur  Bestreitung  der  Haftkosten,  in  zweiter  zur  Erfüllung  der 
durch  die  strafbare  Handlung  entstandenen  civilrechtlichen  Verbindlichkeiten, 
endlich  zur  Bildung  eines  Kapitals,  das  dem  Gefangenen  bei  seiner  Entlassung 
ausgehändigt  wird  (Art.  75).  Die  Veinirteilung  zu  Zuchthaus  bewirkt  die 
,anhabilitaciön  absoluta",  deren  Begriff  später  noch  zu  erläutern  ist,  den 
Verlust  gewisser  Rechte  und  Stellung  unter  Polizeiaufsicht  auf  1 — 5  Jahre 
(Art.  85).  —  3.  Gefängnis  (cärcol),  dauert  4  Monate  bis  5  Jahre  und  zer- 
fällt in  5  Grade  zu  je  3  Untergraden  (Artt.  28,  34).  Die  Verurteilung  zu 
Gefängnis  hat  ähnliche  Rechtsfolgen  wie  die  zu  Zuchthaus  (Art.  37):  Arbeits- 
zwang nach  Massgabe  der  Hausordnung;  besondere  Abteilungen  für  w^eibliche 
Gefangene;  Verwendung  des  Arbeitsverdienstes  wie  bei  Zuchthaus  (Artt.  73, 
75,  76).  —  4.  Einsperrung  (rcclusiön);  Dauer,  Einteilung,  gesetzliche  Folgen 
und  Verwendung  dos  Arbeitsv(»rdienstes  sind  dieselben  wie  bei  Gefängnis 
(Artt.  28,  32,  37,  75).  Da  die  Strafe  ebenfalls  in  den  „Cärceles"  verbüsst 
wird,  so  besteht  der  einzige  Unterschied  zwischen  Einsperrung  und  Gefängnis 


§  3.   Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches.  —  Straf ensy stein.  65 


darin,  dass  die  zu  der  ersteren  Verurteilten  sich  ihre  Beschäftigung  innerhalb 
des  Rahmens  der  Hausordnung  selbst  wählen  können  (Art.  78),  während  die 
Gefängnisgefangenen  eine  der  in  der  Anstalt  eingeführten  Arbeiten  verrichten 
müssen.  —  5.  Schwerer  Arrest  (arresto  mayor);  Dauer:  40  Tage  bis  sechs 
Monate;  5  Grade  zu  je  3  Untergraden.  Arbeitszwang  wii'd  im  Gesetze  nicht 
erwähnt.  Rechtsfolge:  Verlust  der  etwa  bekleideten  öffentlichen  Ämter  sowie 
Unfähigkeit  zu  wählen,  gewählt  zu  werden  oder  ein  Amt  zu  erlangen  für  die 
Dauer  der  Strafverbüssung.  Der  Unterschied  von  schwerem  und  leichtem 
Arrest  besteht  lediglich  darin,  dass  der  erstere  in  den  Provinzial-,  der  letztere 
in  den  Bezirkshauptstädten  vollstreckt  werden  soll,  hat  aber,  wie  de  la  Lama 
(S.  50)  bemerkt,  vorzugsweise  theoretische  Bedeutung,  da  fast  alle  Bezirks- 
hauptstädte, soweit  sie  nicht  zugleich  Provinzialhauptstädtc  sind,  überhaupt 
keine  zur  Vollstreckung  von  Arreststrafen  geeignete  Räumlichkeiten  haben 
(Artt.  28,  32,  88,  74).  —  6.  Verbannung  (expatriaciön) ;  Dauer:  1 — 15  Jahre; 
Einteilung  in  fünf  Grade  zu  je  drei  Untergraden  von  je  1  Jahre  (Artt.  28, 
32 — 34).  Die  Strafe  besteht  in  der  Venveisung  aus  dem  Gebiete  der  Republik 
und  hat  „inhabilitaciön  absoluta"  für  die  Dauer  der  Strafverbüssung  sowie 
nach  deren  Beendigung  Stellung  unter  Polizeiaufsicht  auf  6  Monate  bis  2  Jahre 
zur  Folge  (Artt.  77,  36).  —  7.  Eingrenzung  (confinamiento) ;  Dauer: 
4  Monate  bis  5  Jahre;  Einteilung  in  5  Grade  zu  je  3  Untergraden  von  je 
4  Monaten  (Artt.  28,  32,  33,  84).  Der  Verurteilte  muss  sich  eine  von  dem 
Orte  der  That  in  gewissem  Abstände  befindliche  Stadt  oder  Provinz  auswählen, 
die  er  nicht  verlassen  darf.  Auf  seinen  Antrag  wird  die  Strafe  in  Verbannung 
von  gleicher  Dauer  umgewandelt  (Art.  78).  —  8.  Die  „pena  de  inhabilitaciön 
absoluta"  umfasst:  a)  den  Verlust  der  von  dem  Verurteilten  bekleideten 
öffentlichen  Ämter  einschliesslich  der  durch  Wahlen  erlangten;  b)  die  Un- 
fähigkeit, während  der  im  Urteile  bestimmten  Zeit  ein  ^f entliches  Amt  zu 
erlangen;  c)  die  Entziehung  aller  aktiven  und  passiven  politischen  Rechte; 
d)  die  Entziehung  des  Anspruchs  auf  Ruhegehalt,  Wartegeld  oder  ähnliche 
Bezüge  wegen  fiiiher  geleisteter  Dienste  für  die  im  Urteil  bestimmte  Zeit 
(Art.  79).  Dauer  der  Strafe:  1 — 15  Jahre;  Einteilung  in  5  Grade  zu  je  drei 
Untergraden  von  je  einem  Jahre  (Artt.  28,  82,  38,  34).  —  9.  Die  „pena  de  in- 
habilitaciön especial"  ist  gewissermassen  eine  mildere  Form  der  „inhabili- 
taciön absoluta",  mit  der  sie  Dauer  und  Einteilung  gemein  hat,  und  erscheint 
entweder  als  „inhabilitaciön  para  empleo  ö  cargo  püblico",  d.  h.  Verlust  eines 
im  Urteil  bezeichneten  Amtes  und  Unfähigkeit,  während  der  Dauer  der  Strafe 
ein  anderes  Amt  derselben  Gattung  zu  erlangen  —  oder  als  „inhabilitaciön 
para  derechos  pollticos",  d.  h.  Unfähigkeit,  ein  im  Urteil  bezeichnetes  poli- 
tisches Recht  während  der  Dauer  der  Strafe  auszuüben  (Art.  80).  —  10.  Die 
dauernde  Entfernung  aus  einem  öffentlichen  Amte  oder  einer  öffent- 
lichen Stellung  (destituciön  de  empleo  ö  cargo)  (Art.  81).  —  11.  Der  zeit- 
weilige Ausschluss  von  einem  öffentlichen  Amte  oder  einer  öffent- 
lichen Stellung  sowie  von  der  Ausübung  politischer  Rechte  (suspensiön 
de  empleo,  cargo  ö  derechos  politicos);  Dauer:  1  Monat  bis  2  Jahre,  als  Aus- 
schluss von  der  Ausübung  politischer  Rechte:  4  Monate  bis  5  Jahre;  nur  in 
der  letzteren  Form  ist  die  Strafe  in  Grade,  und  zwar  in  5  zu  je  3  Untergraden 
von  je  4  Monaten,  eingeteilt  (Artt.  28,  32,  33,  34,  82,  29).  —  12.  Geldstrafe 
(multa);  kein  Mindestbetrag;  kein  absoluter  Ilöchstbetrag ;  die  Strafe  soll  den 
fünften  Teil  des  Jahreseinkommens  des  Verurteilten  nicht  übersteigen  (Artt.  23, 
53),  sie  wird  in  erster  Linie  zur  Erfüllung  der  dem  Veinirteilten  obliegenden 
civilrechtlichen  Entschädigungspflicht  und,  wenn  eine  solche  nicht  oder  nur 
in  geringerem  Umfange  besteht,  zum  übcrschiessenden  Teile  für  die  Gefäng- 
nisse des  betreffenden  Bezirks  verwendet  (Art,  86). 

Strafgesetzgebung  der  Gegenwart.    II.  5 


Qß  Peru.  —  §  3.   Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


b)  Leichte  Strafen  (penas  leves).  —  1.  Leichter  Arrest  (arresto 
menor);  Dauer  2 — 30  Tage;  5  Grade  zu  je  3  Untergraden  von  je  2  Tagen 
(Artt.  28,  32,  33,  34),  Arbeitszwang  wird  nicht  erwähnt;  wegen  des  Unter- 
schieds zwischen  leichtem  und  schwerem  Arrest  siehe  oben  S.  65.  2.  Geld- 
strafe (multa)  kann  sowohl  schwere  als  leichte  Strafe  sein;  die  Grundsätze 
sind  in  beiden  Fällen  dieselben  (Artt.  23,  53).  8.  Der  Verweis  (reprensiön) 
wird  von  dem  Richter  vor  Beginn  der  Sitzung  in  Gegenwart  des  Gerichts- 
schreibers und  des  Verletzten  oder  eines  Zeugen  erteilt  (Art.  85).  —  4.  Die 
Verpflichtung  zur  Bürgschaftsleistung  (cauciön).  Obwohl  ihrer  Natur 
wie  ihrem  Zwecke  nach  weniger  eine  Strafe  für  begangene,  als  ein  Mittel  zur 
Verhütung  zukünftiger  Strafthaten,  hat  doch  diese  Massregel  unter  die  eigent- 
lichen Strafmittel  Aufnahme  gefunden. 

B.  Nebenstrafen  (penas  accessorias).  Die  Nebenstrafen  kommen 
nicht  selbständig,  sondern  nur  als  Folge  einer  Hauptstrafe  vor,  müssen  aber 
neben  dieser  im  Urteil  besonders  bezeichnet  werden  (Art.  51).  Die  Dauer  der 
Nebenstrafe  ist  gleich  der  der  Hauptstrafe,  wenn  nicht  das  Gesetz  ausdrücklich 
das  Gegenteil  sagt  (Art.  30).  Ausser  der  „inhabilitaciön",  die  sowohl  Haupt- 
ais Nebenstrafe  sein  kann,  kennt  das  Gesetz  (Art.  24)  folgende  Nebenstrafen: 
1.  Die  civilrechtliche  Handlungsunfähigkeit  (interdicciön  civil);  sie  be- 
wirkt, falls  nicht  das  Gesetz  etwas  anderes  anordnet,  für  den  Verurteilten  den 
Verlust  der  väterlichen  Gewalt,  der  ihm  nach  Massgabe  des  bürgerlichen 
Rechts  zustehenden  Befugnis,  seinen  Ehegatten  zu  vertreten,  sowie  des  Rechts, 
sein  Vermögen  zu  verwalten  und  darüber  unter  Lebenden  zu  verfügen 
für  die  im  Urteil  bestimmte  Zeit  (Art.  83).  —  2.  Die  Einziehung  der  bei 
der  Ausführung  der  That  benutzten  Gegenstände  (p6rdida  de  los  in- 
strumentos  con  que  se  eometiö  el  delito,  art.  34).  —  3.  Leistung  von 
Schadensersatz  und  Tragung  der  Prozesskosten  (pago  de  daüos,  gastos 
y  costas  procesales).  Die  Einreihung  dieser  Massregel  unter  die  Strafen  beruht 
auf  einer  Vermischung  civilrechtlicher  und  strafrechtlicher  Begriffe.  —  4.  Stel- 
lung unter  Polizeiaufsicht  (sujeciön  A  la  vigilancia  de  la  autoridad)  ist 
für  die  Zeit  von  6  Monaten  bis  zu  5  Jahren  zulässig  (Art.  28)  und  hat  für 
den  Verurteilten  gewisse  Beschränkungen  der  Freizügigkeit  zur  Folge  (Art.  84). 

6.  Strafzumessung  und  Strafvollzug.  —  Die  Strafen  sind  vom 
Richter  so  zu  verhängen,  wie  sie  im  Gesetze  angedroht  sind,  d.  h.  nach 
Graden  und  Untergraden.  Dabei  bilden  Todesstrafe,  Zuchthaus  einerseits, 
Einsperrung,  schwerer  Arrest  und  leichter  Arrest  andrerseits  eine  absteigende 
Skala  (Art.  42).  Die  Strafbestimmungen  beziehen  sich,  wenn  nicht  das  Gegen- 
teil gesagt  ist,  auf  das  vollendete  Delikt;  giebt  das  Gesetz  keinen  bestimmten 
Grad  und  Untergrad  an,  so  ist  der  dritte  Grad  und  der  höchste  Untergrad 
gemeint  (Art.  44).  Nach  der  Regelstrafe  ist  die  des  Versuchs,  des  fehl- 
geschlagenen Verbrechens,  der  Verabredung,  sowie  die  der  Teilnahme  an 
dieser  oder  der  Hehlerei  bezüglich  einer  dieser  Handlungen  durch  Ermässigung 
der  Regelstrafe  in  der  bereits  oben  S.  60  und  61  erwähnten  Weise  zu  bestimmen. 
Die  genaueren  Vorschriften  über  die  hierbei  zu  beachtenden  Grundsätze  ent- 
halten die  Artt.  43  und  46 — 50.  Von  der  Strafzumessung  bei  dem  Vorliegen 
mildernder  oder  ei'schwerender  Umstände  handeln  Art.  55 — 61. 

Die  in  diesem  Zusammenhange  zu  erwähnenden  Grundsätze  über  das  Zu- 
sanunentreffen  mehrerer  strafbaren  Handlungen  sind  sehr  einfach.  Das  Gesetz 
berücksichtigt  weder  den  Fall  der  Gesetzeskonkurrenz,  noch  den  der  sog. 
Idealkonkurrenz,  sondern  nur  die  RealkonkuiTenz.  Begeht  jemand  zwei  oder 
mehrere  strafbare  Handlungen,  so  hat  er  die  für  die  schwerste  angedrohte 
Strafe  verwirkt,  und  zwar  wird  das  Vorliegen  des  oder  der  mehreren  anderen 
Delikte  als  strafschärfender  Umstand  betrachtet  (Art.  45). 


§  3.    Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches.  67 


Die  Strafvollstreckung  darf  nur  in  den  vom  Gesetze  vorgeschriebenen 
Formen  und  erst  dann  erfolgen,  wenn  das  Urteil  rechtskräftig  ist  (Art.  66; 
Voraussetzungen  der  Rechtskraft:  Codigo  de  enjuiciamientos  en  materia  penal, 
Alt.  182).  Art.  67  bestimmt,  in  welchen  Fällen  ein  Aufschub  der  Voll- 
streckung zulässig  ist:  Geisteskrankheit  oder  schwere  körperliche  Erkrankung 
des  Verurteilten. 

7.  Verjährung  (prescripciön).  Der  Verjährung  unterliegt  sowohl  die 
Strafverfolgung  wie  die  rechtskräftig  erkannte  Strafe.  Die  Frist  richtet  sich 
im  ersteren  Falle  nach  der  generell  angedrohten  Strafart  und  beträgt  8  Jahre, 
wenn  sie  Todesstrafe,  5  Jahre,  wenn  sie  Zuchthaus  oder  Gefängnis  ist.  Alle 
übrigen  von  Amtswegen  zu  verfolgenden  Verbrechen  verjähren  in  3  Jahren, 
die  nicht  von  Amtswegen  zu  verfolgenden  in  100  Tagen  Inter  praesentes  und 
in  einem  Jahre  inter  absentes,  Übertretungen  in  30  Tagen  (Art.  95).  Die 
Verjährungszeit  rechtskräftig  erkannter  Strafen  beträgt:  fttr  die  Todesstrafe 
18  Jahre,  für  alle  Übertretungsstrafen  6  Monate,  für  alle  Geldstrafen  5  Jahre  und 
für  alle  übrigen  Strafen  ebenso  lange  wie  die  Strafzeit,  vermehrt  um  2  Jahre 
(Art.  96).  Die  Frist  beginnt:  bei  der  Klagverjährung  mit  dem  Tage  der  Be- 
gehung der  That,  bei  der  Vollstreckungsverjährung  mit  dem  Augenblick,  in 
welchem  die  Vollstreckung  unterbrochen  wird.  Die  Verjährung  wird  unter- 
brochen, wenn  vor  Ablauf  der  Frist  der  Schuldige  ein  gleichartiges  oder  mit 
gleich  hoher  oder  härterer  Strafe  bedrohtes  Delikt  begeht  (Art.  97). 

8.  Die  civilrechtlichen  Folgen  der  strafbaren  Handlung.  Das 
Strafgesetzbuch  enthält  im  dritten  und  sechsten  Abschnitt  des  ersten  Buches 
(Artt.  18 — 22,  87 — 94)  sehr  interessante  und  ausführliche  Bestimmungen  über 
die  Entschädigung  des  durch  eine  strafbare  Handlung  Verletzten.  Es  stellt  den 
Grundsatz  auf,  dass  derjenige,  der  für  eine  Handlung  strafrechtlich  verant- 
wortlich ist,  für  ihre  Folgen  auch  civilrechtlich  haftet  (Art.  18).  Das  Vorliegen 
eines  der  allgemeinen  Strafausschliessungsgründe  des  Art.  8  (Geisteskrankheit, 
jugendliches  Alter,  Zwang  u.  s.  w.)  oder  des  besonderen  des  Art.  17  (Hehlerei 
zu  Gunsten  eines  nahen  Verwandten)  bewirkt  keineswegs  das  Erlöschen  der 
civilrechtlichen  Schadensersatzpflicht,  sondern  hat  nur  einen  Übergang  der 
Verpflichtung  auf  andere  Personen  zur  Folge  (Art.  19).  Es  haften  nämlich: 
a)  ftlr  den  Geisteskranken:  diejenigen,  welche  ihn  beaufsichtigen  (guardadores), 
wenn  sie  nicht  nachweisen,  dass  sie  ihre  Schuldigkeit  gethan  haben;  in 
letzterem  Falle,  sowie,  wenn  der  Kranke  keinen  Wärter  oder  dieser  kein 
Vermögen  hat,  erfolgt  die  Entschädigung  aus  dem  Vermögen  des  Kranken, 
dem  jedoch  das  zum  Leben  Notwendige  nach  Massgabe  der  Civilgesetze  belassen 
werden  muss;  b)  für  Minderjährige  unter  15  Jahren:  deren  Eltern  oder  die 
mit   ihrer  Aufsicht  betrauten  Personen   unter   den  gleichen  Voraussetzungen; 

c)  der  Schaden,  den  jemand  angerichtet  hat,  um. einen  grösseren  abzuwenden, 
ist  von  allen  zu  tragen,    die  durch  die  Handlung  vor  Verlust  bewahrt  sind; 

d)  für  die  Beschädigung,  die  jemand  unter  dem  Einfluss  von  Furcht  oder 
Zwang  zufügte,  haftet  derjenige,  der  ihn  in  Furcht  versetzte  oder  den  Zwang 
ausübte,  subsidiär  aber  auch  der  Thäter. 

Das  Gesetz  geht  aber  noch  weiter  und  statuiert  auch  in  gewissen  Fällen, 
in  denen  dem  Thäter  kein  Straf ausschliessungsgrund  zur  Seite  steht,  die 
subsidiäre  Haftung  dritter  Personen,  die  entweder  mit  dem  Urheber  des  Delikts 
oder  mit  dem  Begehungsorte  der  That  oder  mit  den  Umständen,  unter  denen 
sie  begangen  wurde,  in  besonderer  Beziehung  stehen.  Es  haften  nämlich  die 
Eigentümer,  Unternehmer  oder  Leiter  gewerblicher  Anlagen  subsidiär  für  die 
von  ihren  Arbeitern  oder  Angestellten  in  Ausübung  ihres  Berufs  verübten 
Delikte  (Art.  20).  Ebenso  sind  die  Leiter  von  öffentlichen  Etablissements,  wie 
Gastwirtschaften,  Gasthäusern,  Badeanstalten,  Vergnügungslokalen  u.  a.  m.  für 

5* 


68  Peru.  —  Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


die  innerhalb  derselben  begangenen  strafbaren  Handlungen  subsidiär  verant- 
wortlich, wenn  sie  durch  Übertretung  polizeilicher  Vorschriften  zu  der  Begehung 
Gelegenheit  gegeben  haben  (Art.  21).  Endlich  haftet,  wie  bereits  der  alt- 
römische ^,caupo",  so  der  peruanische  „posadero"  (Gastwirt)  fiir  die  ihm  von 
einem  Gaste  in  Verwahrung  gegebenen  Gegenstände,  deren  Wert  er  ersetzen 
muss,  wenn  sie  gestohlen  werden.  Wurde  der  Diebstahl  mit  Gewalt  von  einem 
seiner  Angestellten  begangen,  so  haftet  er  auch  ohne  dass  die  Gegenstände 
seiner  Obhut  anvertraut  waren  (Art.  22).  —  Die  civilrechtliche  Verantwortlich- 
keit für  eine  strafbare  Handlung  umfasst:  1.  die  Rückgewähr  des  abhanden 
gekommenen  Gegenstandes  (auch  wenn  er  im  Besitze  eines  Dritten  ist,  dessen 
Schadensersatzansprüche  gegen  seinen  Vormann  vorbehalten  bleiben)  oder  die 
Erstattung  des  Wertes,  und  zwar  des  Affektionswertes,  wenn  ein  solcher  vor- 
handen ist;  2.  die  Leistung  von  Schadensersatz  für  die  zugefügte  Beschädigung 
nach  dem  Gutachten  Sachverständiger  oder  nach  richterlichem  Ermessen; 
3.  Ersatz  für  alle  uimiittelbaren  oder  mittelbaren  Nachteile,  die  der  Be- 
schädigte oder  dessen  Angehörige  durch  die  strafbare  Handlung  erlitten  haben 
(Artt.  87—90). 

Die  civilrechtliche  Verantwortlichkeit  lastet  auf  allen  Schuldigen  soli- 
darisch; jedoch  kann  der  Richter  für  jeden  von  ihnen  unter  Berücksichtigung 
aller  in  Frage  kommenden  Umstände  eine  Quote  festsetzen,  damit  derjenige, 
der  die  gesamte  Schuld  gezahlt  hat,  gegen  seine  Mitschuldigen  Regress  nehmen 
kann  (Art.  92).  Die  civilrechtliche  Haftung  geht  auf  die  Erben  des  Schuldigen 
über  und  kann  von  den  Erben  des  Berechtigten  geltend  gemacht  werden;  sie 
geht  allen  von  dem  Schuldigen  nach  Begehung  der  That  eingegangenen  ander- 
weiten Vei'pflichtungen  vor  (Artt.  93,  94). 

Die  in  Vorstehendem  kurz  wiedergegebenen  Grundzüge  enthalten  eine 
weitgehende  Bevorzugung  des  Verletzten. 

c)  Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches. 
1.    §  4.    Von  den  Verbi^echen  und  ihrer  Bestrafung. 

Der  besondere  Teil  des  Strafrechtes  ist  im  zweiten  und  dritten  Buche  des 
Strafgesetzbuches  enthalten,  von  denen  das  zweite  die  Vergehen  behandelt. 
Es  umfasst  12  Abschnitte  und  enthält  die  Artikel  99 — 371.  Die  Einteilung 
der  Delikte  ist  nach  der  Verschiedenheit  des  angegriffenen  Rechtsgutes  erfolgt; 
jedoch  ist  dieser  Grundsatz  aus  praktischen  Rücksichten  insofern  durchbrochen, 
als  die  von  Beamten  begangenen  Delikte  im  fünften  Abschnitte  zusammen- 
fassend behandelt  sind.  —  Der  Inhalt  der  einzelnen  Abschnitte  ergiebt  sich  aus 
folgender  Übersicht: 

I.  Abschnitt.  Religionsdelikte  (delitos  contra  la  religiön)  (Artt.  99 
bis  107).  Die  katholische  Konfession  ist  Staatsreligion;  der  Versuch,  sie  abzu- 
schaffen oder  zu  ändern,  wird  mit  Verbannung,  die  öffentliche  Vornahme  von 
Kultushandlungen  einer  anderen  Religion  mit  Einsperrung  bestraft  (Artt.  99, 
100).     In  diesem  Abschnitte  wird  auch  die  sog.  Leichenschändung  behandelt. 

II.  Abschnitt.  Strafbare  Handlungen  gegen  die  äussere  Sicher- 
heit des  Staates  (delitos  contra  la  seguridad  exterior  del  Estado).  Artt.  108 
bis  124;  drei  Titel:  1.  Landesverrat  (traiciön  ä  la  patria);  2.  Delikte,  welche 
die  Unabhängigkeit  des  Staates  gefährden  (delitos  que  comprometen  la  in- 
dependencia  del  Estado).  Die  am  häufigsten  in  diesen  Titeln  angedrohte 
Strafe  ist  die  Verbannung;  Zuchthaus  findet  gegen  rückfällige  Personen  und 
bereits  bei  der  ersten  Begc^hung  gegen  Ausländer  Anwendung.  3.  Strafbare 
Handlungen    gegen    das   Völkerrecht    (delitos    contra   el   derecho   de   gentes). 


§  4.    Von  den  Verbrechen  und  ihrer  Bestrafung.  69 


Unter  dieser  Kategorie  behandelt  das  Gesetz  auch  den  Seeraub  (piraterla), 
der  mit  Zuchthaus  bestraft  wird;  für  die  von  einem  Seeräuber  begangenen 
anderen  strafbaren  Handlungen  wird  die  Strafe  um  2  oder  3  Untergrade  er- 
höht (Artt.  119,  120). 

IIL  Abschnitt.  Strafbare  Handlungen  gegen  die  innere  Sicherheit 
des  Staates  (delitos  contra  la  seguridad  interior  del  Estado).  Artt.  125 — 159, 
sieben  Titel:  1.  Delikte  gegen  die  Staatsverfassung  (delitos  contra  la  constitu- 
ciön  politica  del  Estado).  2.  Rebellion  (rebeliön);  die  Bestimmungen  dieses 
Titels  sind  ergänzt  durch  ein  Gesetz  vom  14.  September  1878  (Fuentes,  S.  177 
bis  179)  und  durch  Gesetz  vom  25.  Oktober  1889  (dieses  letztere  ist  an  Stelle 
der  aufgehobenen  Artikel  131,  132  und  136  des  Strafgesetzbuches  getreten). 
3.  Aufstand   (sediciön);   4.  Auflauf  und  Zusammenrottung   (motin  y  asonada); 

5.  (enthält    gemeinsame   Bestimmungen    für    die   drei   vorhergehenden   Titel); 

6.  Angriffe  und  Mangel  an  Ehrerbietung  gegen  die  Obrigkeit  (atendados  y 
desacatos  contra  la  autoridad);  7.  Delikte  gegen  die  Ausübung  des  Wahlrechts 
(delitos  contra  el  ejercicio  del  sufragio).  Die  angedrohten  Strafen  sind:  Ver- 
bannung, Einsperrung,  schwerer  Arrest,  Eingrenzung  und  Ehrenstrafen. 

IV.  Abschnitt.  Strafbare  Handlungen  gegen  die  öffentliche  Ge- 
sundheitspflege (delitos  contra  la  salubridad  publica);  Artt.  160 — 165. 
Hier  wird  auch  der  VtTkauf  schädlicher  und  verfälschter  Nahruugs-  und  Ge- 
nussmittel mit  Strafe  bedroht.  Nach  Art.  165  ver\\irkt  der  Arzt  oder  Chirurg, 
der  sich  ohne  Grund  weigert,  im  Falle  der  Not  Hülfe  zu  leisten,  eine  Geld- 
strafe von  20 — 200  Pesos  zu  Gunsten  der  geschädigten  Familie. 

V.  Abschnitt.  Die  besonderen  Delikte  der  öffentlichen  Beamten. 
Artt.  166 — 205,  zehn  Titel.  1.  Amtsanmassung  (usurpaciön  de  autoridad); 
2.  Amtsmissbrauch  (abuso  de  autoridad);  3.  Prävarikation;  der  im  Deutschen 
durch  6in  Wort  nicht  wiederzugebende  peruanische  Begriff  des  „prevaricato" 
umfasst  die  Rechtsbeugung  und  Rechtsverweigerung  durch  den  Richter  und 
die  sogen.  Untreue  der  Sachwalter ;  4.  Bestechung  (cohecho) ;  sowohl  die  aktive, 
wie  die  passive  Bestechung  ist  strafbar;  5.  Ungehorsam  und  Nachlässigkeit 
im  Amte  (insubordinaciön  e  inexactitud  en  el  ejercicio  de  sus  funciones); 
6.  Untreue  bei  der  Bewachung  von  Gefangenen  (infidelidad  en  la  custodia 
de  presos);  7.  Untreue  bei  der  Aufbewahining  von  Urkunden  (infidelidad  en 
la  custodia  de  documentos);  8.  Offenbarung  von  Geheimnissen  (revelaciön  de 
secretos);  9.  Veruntreuung  öffentlicher  Gelder  (malversaciön  de  caudales  publi- 
cos);  10.  Betrügerische  Handlungsweise  und  Gebührenüberhebung  (fraudes  y 
exacciones). 

VI.  Abschnitt.  Fälschungsdelikte  (f alsedades) ;  Artt.  206 — 229,  sechs 
Titel.  1.  Fälschung  von  Siegeln,  Unterechriften  und  Stempeln  (falsificaciön 
de  seilos,  firmas  y  marcas);  2.  Urkundenfälschung  im  allgemeinen  (falsificaciön 
de  documentos  en  general);  3.  Fälschung  von  Kreditpapieren  (falsificaciön  de 
documentos  de  credito);  4.  Falschmünzerei  (falsificaciön  de  moneda);  5.  Fal- 
sches Zeugnis  (falso  testimonio);  die  Strafe  ist  verschieden,  je  nachdem  das 
Zeugnis  in  einer  Civil-  oder  einer  Strafsache  abgegeben  ist  und  in  letzterem 
Falle  je  nach  den  Folgen,  die  es  für  den  Angeklagten  gehabt  hat.  Unter 
Zeugen  (testigos)  versteht  das  peruanische  Recht  nur  solche  Personen,  welche 
eidlich  vemonmien  werden  können  (vgl.  Strafprozessordnung  Artt.  60 — 62). 
Titel  6  enthält  allgemeine  Bestimmungen  und  schafft  in  Art.  227  einen  ganz 
allgemeinen  Deliktsthatbestand  der  Fälschung,  nach  dem  alle  in  den  vorigen 
Titeln  nicht  erwähnten  Fälschungsdelikte  fallen. 

VII.  Abschnitt.  Strafbare  Handlungen  gegen  die  Person  (delitos 
contra   las   personas).     Artt.    230 — 263;    fünf    Titel.      1.    Tötung    (homicidio). 


70  Peru.  —  Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


Der  Begriff  umfasst:  Mord  und  Totschlag,  Körperverletzung  mit  tötlichem 
Ausgange  und  Beihülfe  zum  Selbstmord.  Die  ersteren  beiden  werden  im 
peruanischen  Recht  begrifflich  nicht  unterschieden.  Die  Regelstrafe  der  Tötung 
ist  zwölfjähriges  Zuchthaus  (Art.  230);  Eltemtotschlag  und  Tötung  unter  ge- 
wissen erschwerenden  Umständen  sind  jedoch  mit  dem  Tode  bedroht  (Artt.  231, 
232).  Beihtllfe  zum  Selbstmord  hat  Gefängnis  auf  die  Dauer  von  5  Jahren 
zur  Folge  (Art.  238).  —  2.  Kindestötung  (infanticidio)  wird  an  der  bisher 
unbescholtenen,  zur  Rettung  ihrer  Ehre  im  Augenblick  der  Geburt  (en  el 
momento  de  nacer)  handelnden  Mutter  mit  Gefängnis  von  5  Jahren,  an  ihren 
Eltern  mit  Zuchthaus  von  6  und  an  anderen  Personen  mit  Zuchthaus  von 
12  Jahren  bestraft  (Art.  242).  —  3.  Abtreibung  (aborto).  —  4.  Körperver- 
letzung (lesiones  corporales).  —  5.  Zweikampf  (duelo).  Bestraft  werden,  ausser 
den  Kämpfenden  selbst:  die  Sekundanten  (Art.  259)  und  derjenige,  der  einen 
anderen  mit  Erfolg  anstiftet,  jemanden  zum  Zweikampf  zu  fordern  oder  eine 
Forderung  anzunehmen  (Art.  258).  Die  Herausforderung  zum  Zweikampf  ist 
nicht  strafbar;  wer  jedoch  einen  anderen  dadurch  öffentlich  verächtlich  macht, 
dass  er  behauptet,  er  habe  die  Annahme  einer  Forderung  verweigert,  wird 
nach  den  Grundsätzen  der  schweren  Beleidigungen  bestraft  (Art.  258  Abs.  2). 

VIII.  Abschnitt.  Sittlichkeitsdelikte  (delitos  contra  la  honestidad); 
zwei  Titel,  Artt.  264 — 280.  1.  Ehebruch  (adulterio)  liegt  bei  dem  Ehemanne  nur 
dann  vor,  wenn  er  innerhalb  oder  ausserhalb  der  ehelichen  Wohnung  eine  Kon- 
kubine unterhält  (Art.  265).  Die  Strafverfolgung  (unzulässig,  solange  die  Klage 
auf  Trennung  der  Ehe  vor  dem  geistlichen  Richter  schwebt;  de  la  Lama  S.  22 
unter  „adulterio")  findet  nur  auf  Antrag  des  verletzten  Ehegatten  statt,  der 
jederzeit  zuriickgenonmien  werden  kann  und  als  zurückgezogen  gilt,  wenn 
die  Ehegatten  wieder  zusammenleben.  Der  Ehegatte,  welcher  den  anderen 
verlassen  hatte,  kann  dessen  Bestrafung  wegen  Ehebruchs  nicht  verlangen 
(Artt.  266,  267).  —  2.  Notzucht,  Verführung  zum  Beischlaf  und  andere  Sitt- 
lichkeitsdelikte (violaciön,  estupro,  rapto  y  otros  delitos).  Die  in  dieser  Über- 
schrift nicht  ausdrücklich  erwähnten  Strafthaten  sind:  Sodomie  (sodomia,  Art.  272), 
umfasst  anscheinend  widernatürliche  Unzucht  zwischen  Männern  und  Weibern 
und  Päderastie,  nicht  aber  Unzucht  zwischen  Mensch  und  Tier  (bestialidad ; 
vgl.  de  la  Lama  S.  469  unter  „pederastia"  und  S.  89  unter  „bestialidad") 
und  Kuppelei  (Art.  279;  strafbar  nur,  wenn  in  Bezug  auf  Minderjährige  ge- 
wohnheitsmässig  oder  unter  Missbrauch  eines  Autoritätsverhältnisses  oder  einer 
Vertrauensstellung  begangen). 

IX.  Abschnitt.  Ehrverletzungen  (delitos  contra  el  honor).  Artt.  281  bis 
292,  einziger  Titel:  Beleidigung  und  Verleumdung  (iniurias  y  calumnias).  Der 
Beleidigung  macht  sich  schuldig,  wer  durch  Worte,  Schrift  oder  Handlungen 
einen  anderen  beschimpft,  schmäht  oder  ihm  seine  Missachtung  zu  erkennen 
giebt.  Verleumdung  ist  die  unwahre  Behauptung,  dass  jemand  ein  von  Amts- 
wegen zu  verfolgendes  Verbrechen  oder  Vergehen,  oder  dass  ein  Beamter  in 
Ausübung  seines  Amtes  eine  strafbare  Handlung  begangen  habe. 

X.  Abschnitt.  Strafbare  Handlungen  gegen  den  Personenstand 
(delitos  contra  el  estado  civil  de  las  personas).  Artt.  293 — 299,  2  Titel: 
1.  Kindesunterschiebung  und  andei'weite  Beilegung  eines  falschen  Personen- 
standes (suposiciön  de  partos  y  otras  usurpaciones  del  estado  civil);  2.  Ein- 
gehung einer  ungesetzlichen  Ehe  (matrimonios  ilegales). 

XI.  Abschnitt.  Strafbare  Handlungen  gegen  die  persönliche 
Freiheit  und  Sicherheit,  den  Hausfrieden  und  andere  Persönlich- 
keitsrechte (delitos  contra  la  libertad  y  seguridad  personal,  inviolabüidad  del 
domicilio  y  otras  garantias  individualesj.  Artt.  300 — 325;  5  Titel.  I.Angriffe 
auf  die  persönliche  Freiheit  (atentados  contra  la  libertad);  2.  Heimliche  Weg- 


§  5.    Übertretungen.  —  §  6.    Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhaltes.     71 


ftthrung  Minderjähriger  (sustraciön  de  menores);  hier  wird  auch  die  Anssetzung 
(abandono)  von  Kindern  behandelt;  3.  Hausfriedensbruch  (violaciön  del  do- 
micilio);  4.  Bedrohung  und  Nötigung  (amenazas  y  coacciönes);  5.  Offenbarung 
von  Geheimnissen  (violaciön  de  secretos). 

Xn.  Abschnitt.  Strafbare  Handlungen  gegen  das  Privateigentum 
(delitos  contra  la  propriedad  particular);  Artt.  326 — 371;  8  Titel.  1.  Raub 
und  Diebstahl  (robos  y  hurtos).  Der  Begriff  des  Diebstahls  wird  vom  Gesetz- 
geber als  feststehend  vorausgesetzt  und  daher  nicht  ausdrücklich  definiert. 
2.  Gewaltsame  Inbesitznahme  von  Grundstücken  (usurpaciön) ;  3.  Strafbares 
Schuldenmachen  (deudores  punibles);  4.  Betrug  (estafetas  y  otras  def raudaciones) ; 
der  Vertrauensmissbrauch  (abuso  de  confianza)  hat  nur  civilrechtliche  Nach- 
teile zur  Folge  (de  la  Lama,  S.  7).  5.  Brandstiftung  und  andere  gemein- 
gefährliche Beschädigungen  (incendios  y  otros  estragos);  6.  Sachbeschädigung 
(dafios);  7.  Glücksspiele  und  Lotterien  (juegos  y  rifas);  8.  Allgemeine  Be- 
stimmungen über  die  Straflosigkeit  von  Diebstahl,  Betrug  und  Sachbeschä- 
digung unter  nahen  Angehörigen. 

8.    §  5.    Die  Übertretungen. 

Das  dritte  Buch  des  Strafgesetzbuches  behandelt  in  acht  Titeln  und 
29  Artikeln  (Artt.  372 — 400)  die  Übertretungen  (faltasj  und  ihre  Bestrafung. 
Die  Einteilung  ist  folgende:  1.  Übertretungen  gegen  die  Religion;  2.  Über- 
tretungen gegen  die  guten  Sitten;  3.  Verletzungen  der  öffentlichen  Sicherheit 
und  Ordnung;  4.  Beeinträchtigung  der  öffentlichen  Reinlichkeit  und  Beschädigung 
öffentlicher  Anlagen;  5.  Übertretungen  der  Vorschriften  über  das  öffentliche 
Gesundheitswesen;  6.  Leichte  Sachbeschädigung;  7.  Leichte  Körperverletzung 
und  Beleidigung;  8.  (enthält  gemeinsame  Bestimmungen  für  alle  Übertretungen). 


m. 

§  6.    Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhaltes. 

Neben  dem  Strafgesetzbuche  enthalten  verschiedene  peruanische  Gesetze 
Bestimmungen  strafrechtlichen  Inhaltes.  Ein  Teil  dieser  Gesetze  (soweit  sie 
bis  1880  erlassen  sind)  findet  sich  abgedruckt  im  Anhange  der  bereits  mehr- 
fach erwähnten  Ausgabe  des  Strafgesetzbuches  und  der  Strafprozessordnung 
von  Manuel  A.  Fuentes;  einzelne  von  ihnen  sind  bereits  in  den  vorigen 
Paragraphen  erwähnt.  Das  peruanische  Militär-,  Straf-  und  Strafprozessrecht 
befindet  sich  zui*  Zeit  im  Stadium  der  Umbildung.  Eine  im  Jahre  1890  ein- 
gesetzte Kommission  (Mitglieder:  Dr.  M.  A.  de  la  Lama  und  Dr.  Antenor  Arias) 
hat  bereits  das  Strafgesetzbuch  und  die  Strafprozessordnung  für  das  Landheer 
sowie  die  Strafprozessordnung  für  die  Marine  beendigt,  während  das  Straf- 
gesetzbuch für  die  Marine  der  Vollendung  entgegengeht.  Im  Druck  sind  die 
vorerwähnten  Entwürfe  nicht  erschienen.^)  Das  nachstehende  Verzeichnis 
macht  auf  Vollständigkeit  keinen  Anspruch. 

1.  Gesetz  über  die  Presse  vom  3.  November  1823,  ergänzt  und  modi- 
fiziert durch  die  Gesetze  vom  8.  November  1823,  vom  25.  Mai  1861  und  vom 
16.  Dezember  1868.  —  Für  die  in  einer  Druckschrift  enthaltenen  strafbaren 
Handlungen  (abusos  de  la  libertad  de  imprenta)  ist  der  Verfasser  oder  Her- 
ausgeber verantwortlich;  er  muss  das  in  den  Händen  des  Druckers  bleibende 


^)  Nach  Mittellungen  des  Herrn  Dr.  M.  A.  de  la  Lama. 


72  Peru.  —  Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhaltes. 


Original  mit  seinem  Namen  unterzeichnen  (Art.  25).  Für  den  Drucker  (im- 
presor)  besteht  die  Verpflichtung,  den  Verfasser  oder  Herausgeber  auf  Er- 
fordern des  Gerichtes  namhaft  zu  machen;  die  Weigerung  oder  Falschnennung 
zieht  Bestrafung  nach  sich  (Art.  26).  Auf  Veranlassung  der  „Vereinigung  der 
peruanischen  Presse"  (La  Prensa  Asociada  del  Peru)  hat  eine  aus  den  Herren 
Dr.  Cesares  Chacaltana,  Dr.  M.  A.  de  la  Lama  und  Dr.  Abelardo  Gamarra 
bestehende  Kommission  einen  Entwurf  eines  neuen  Pressgesetzes  ausgearbeitet, 
der  jedoch  bislang  nicht  veröffentlicht  ist.^) 

2.  Strafprozessordnung  (Cödigo  de  enjuiciamientos  en  materia  penal)  vom 
23.  September  1862;  amtli3he  Ausgabe  Lima  1862,  Imprenta  Galle  de  la 
rifa  58;  Ausgabe  mit  Kommentar  von  M.  A.  de  la  Lama;  abgeändert  durch 
Gesetz  vom  20.  Dezember  1878,  enthaltend  Bestimmungen  über  Berufung, 
Revision  und  Anrechnung  der  Untersuchungshaft. 

3.  Gesetz  vom  28.  September  1868  über  die  Verantwortlichkeit  der 
öffentlichen  Beamten. 

4.  Gesetze  vom  14.  September  1878  und  25.  Oktober  1889;  enthalten  Be- 
stimmungen über  geii^isse  Delikte  gegen  die  innere  Sicherheit  des  Staates  (Auf- 
ruhr u.  s.  w.)  und  sind  bereits  oben  (S.  69)  erwähnt. 

5.  Gesetz  vom  18.  Januar  1879  über  die  Auslosung  mehrerer  zum  Tode 
verurteilter  Personen  (ist  ebenfalls  bereits  S.  64  erwähnt). 

6.  Gesetz  vom  28.  September  1888  betreffend  die  geschlossenen  (mystischen 
Testamente);  eine  Analyse  findet  sich  im  „Annuaire  de  l^gislation  6trangöre" 
Bd.  18  S.  981. 

7.  Gesetz  vom  9.  Oktober  1888  über  den  Checkverkehr  (französische 
Übersetzung  im  „Annuaire  de  legislation  ötrangöre"  Bd.  18  S.  982). 

8.  Gesetz  vom  25.  Oktober  1892  über  die  Fabrikmarken;  Analyse  im 
„Annuaire  de  legislation  ^trang^re"  Bd.  22  S.  948 — 950. 


')  Nach  Mitteihmgen  des  Herni  Dr.  M.  A.  de  la  Lama. 


VL 


URUGUAY. 


Von 


Martin  C.  Martinez, 

Professor  des  Strafrechts  an  der  Unirersität  Montevideo. 


(Übersetzung  aus  dem  Spanischen 
von  Dr.  Georg  Grusen,  Gerichtsassessor  im  Königlich  Preussischen  Justizministerium  zu  Berlin.) 


Übersicht, 


Litteratur. 
§  1.    Einleitung. 

§  2.    Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches  von  1889.] 
§  3.    Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches  von  1889. 
§  4.    Das  Spezialstrafrecht. 


Litteratur. 

Wie  in  den  meisten  südamerikanischen  Staaten,  so  ist  auch  in  Uruguay  die 
Strafrechtswissenschaft  von  der  europäischen,  und  namentlich  von  der  französischen, 
abhängig  und  die  eigene  Litteratur  nur  gering.  Zu  erwähnen  sind:  Dr.  Gonzalo 
Ramirez,  Proyecto  de  Cödigo  Penal  1874;  Jacobo  Varela,  Denkschrift  über  die 
Gefängnis-Systeme  (über  denselben  Gegenstand  hat  auch  die  mit  der  Ausarbeitung  des 
Strafgesetzbuches  beauftragte  Kommission  ein  Gutachten  veröffentlicht);  Dr.  Al- 
fredo  Vazquez  Acevedo  hat  Kommentare  zum  Strafgesetzbuche  und  zur  Straf- 
prozessordnung verfasst.  Mitteilungen  über  die  Strafgesetzgebung  der  Republik  Uru- 
guay seit  1885  finden  sich  in  dem  von  der  Societe  de  l^gislation  comparee  zu  Paris 
herausgegebenen  Annuaire  de  legislation  etrangfere  Bd.  15  S.  731 — 736  (Gesetze  aus 
1885);  Bd...l7  S.  995—998  (Gesetze  aus  1886);  Bd.  23  S.  870  bis  883  (enthält  eine  fran- 
zösische Übersetzung  des  Berichts,  den  die  Kommission  für  die  Ausarbeitung  des 
Strafgesetzbuches  von  1889  dem  Präsidenten  der  Republik  erstattet  hat);  Bd.  25  (Ge- 
setze aus  1895:  über  die  Personenstandsregister  vom  28.  März  und  über  die  Liquidation 
der  Aktiengesellschaften  vom  31.  Mai). 

§  1.    Einleitung. 

Bis  zur  Erlassung  des  Strafgesetzbuches  vom  17.  Januar  1889  galt  in 
Uruguay  auf  dem  Gebiete  des  Strafrechts  der  alte  „Cödigo  de  las  Siete  Parti- 
das"*),  der  zur  Zeit  der  Lostrennung  des  Landes  von  der  Krone  Spanien 
noch  in  Kraft  war;  jedoch  nur  formell,  da  die  Richter  befugt  waren,  in  allen 
Fällen,  in  denen  das  Gesetz  den  modernen  Kulturanschauungen  nicht  ent- 
sprach, die  Strafen  zu  mildem.  Die  Praxis,  weit  entfernt  von  übertriebener 
Strenge,  auf  die  man  vielleicht  aus  der  fortdauernden  Geltung  des  mittelalter- 
lichen Rechts  schliessen  könnte,  liess  vielmehr  eine  allzugrosse  Milde  walten, 
sodass  bis  1886  die  der  Schwere  nach  auf  die  Todesstrafe  unmittelbar  folgende 
schwerste  Gefängnisstrafe  nur  zehn  Jahre  betrug.  Da  sich  eine  wirksamere 
Verteidigung  der  Gesellschaft  gegen  das  Verbrechertum  als  notwendig  heraus- 
gestellt hatte ,  wurden  durch  ein  besonderes  Gesetz  vom  Jahre  1886  das 
Maximum  der  Gefängnisstrafe  auf  30  Jahre  erhöht  und  aUe  übrigen  Strafen 
dementsprechend  verschärft.  —  Am  18.  Juli  1890  trat  das  neue  Strafgesetz- 
buch in  Kraft,  dessen  Hauptgrundsätzen  die  nachstehende  Abhandlung  ge- 
widmet ist. 

In  der  Einteilung  des  Stoffes  folgt  unser  Strafgesetzbuch  dem  italienischen 
„Codice  penale"  von  Zanardelli;  für  den  allgemeinen  Teil  haben  (nach  dem 
Berichte  der  Kommission)  hauptsächlich  die  Strafgesetzbücher  von  Spanien 
und  Chile  sowie  der  italienische  Entwurf  Mancini,  für  das  Strafensystem  und 
den  besonderen  Teil  in  erster  Linie  die  italienischen  Entwürfe  von  Zanardelli 
und  Savelli  sowie  die  Strafgesetzbücher  von  Spanien,  Chile,  Peru  und  Argen- 
tinien als  Quellen  gedient;  einige  Bestimmungen,  wie  z.  B.  die  über  geistes- 
kranke Verbrecher  und  den  Rückfall  bei  den  Tötungsdelikten,  lassen  den 
Einfluss  der  positivistisch-kriminologischen  Schule  erkennen. 


')  Vgl.  Bd.  1    S.  492  ff. 


76  Uruguay.  —  Das  Strafgesetzbuch  von  1889. 


§  2.    Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches  von  1889. 

1.  Einteilung  der  strafbaren  Handlungen.  Alle  strafbaren  Hand- 
lungen zerfallen  in  Verbrechen  (delitos)  und  Vergehen  (faltas),  wobei  die 
letztere  Bezeichnung  die  Übertretungen  mit  umfasst. 

2.  Räumliches  Geltungsgebiet  der  Strafgesetze.  DaÄ  Strafgesetz- 
buch beschäftigt  sich  im  allgemeinen  nur  mit  den  im  Gebiete  der  Republik 
begangenen  strafbaren  Handlungen,  bestraft  aber  ausnahmsweise  denjenigen, 
welcher  von  fremdem  Gebiete  aus  Angriffe  auf  die  Sicherheit  des  Staates 
unternimmt,  Geld  oder  öffentliche  Kreditpapiere  verfälscht,  sowie  den  Staats- 
bürger, der  im  Auslande  eine  strafbare  Handlung  begangen  hat.  Im  Gegen- 
satze zu  diesem  letzt(»ren  Prinzip  bekannte  sich  der  Südamerikanische  Kon- 
gress  für  internationales  Privatrecht  in  seiner  Versammlung  zu  Montevideo 
(1889)  zu  dem  Gnindsatze,  dass  ein  uruguaischer  Staatsbürger,  der  im  Aus- 
lande ein  Delikt  begangen  und  sich  dann  in  das  Gebiet  der  Republik  ge- 
flüchtet hat,  auszuliefern  sei.  Auslieferungsverträge  sind  u.  a.  mit  Peru 
(17.  März  bezw.  23.  November  1885),  mit  dem  Deutschen  Reiche  (12.  Februar 

1880,  Deutsches  Reichsgesetzblatt  für  1883  S.  287),  mit  England   (30.  Januar 

1881,  abgeändert  durch  Vertrag  vom  29.  April  1891,  Annuaire  de  l^gislation 
ötrangöre  Bd.  23  S.  874) ,  mit  Spanien  (18.  Januar  1886,  Annuaire  de  lögis- 
lation  6trangöre  Bd.  23  S.  874)  abgesclilossen.  Aus  dem  Vertrage  mit  Deutsch- 
land (Alt.  6  Abs.  2)  ist  zu  erwähnen,  dass  der  Angriff  gegen  das  Oberhaupt 
einer  fremden  Regierung  oder  gegen  Mitglieder  seiner  Familie  weder  als 
politisches  Vergehen,  noch  als  mit  einem  solchen  im  Zusammenhang  stehend 
angesehen  werden  soll,  wenn  dieser  Angriff  den  Thatbestand  des  Totschlags, 
Mordes  oder  Giftmordes  bildet.  Nach  dem  Vertrage  mit  Spanien  gilt  dieser 
Grundsatz  für  den  gegen  das  Staatsoberhaupt  gerichteten  Mord  und  Mordversuch. 

3.  Strafausschliessungsgründe.  Nach  Vorschrift  des  Gesetzes  bleiben 
straflos:  1.  Der  Geisteskranke,  falls  er  nicht  während  eines  lichten  Augenblickes 
(intervalo  lucido)  gehandelt  hat,  und  derjenige,  welcher  aus  irgendeinem  von 
seinem  Willen  unabhängigen  Grunde  des  Gebrauchs  seiner  Vernunft  beraubt 
gewesen  ist.  Ein  Geisteskranker,  der  ein  gcuneingefährliches  Delikt  begangen 
hat,  kann  auf  Anordnung  des  Richters  in  einer  besonderen  Anstalt  interniert 
werden,  aus  welcher  er  nur  auf  Grund  erneuter  richterlicher  Verfügung  wieder 
entlassen  wird.  —  Im  Falle  eines  leichten  Delikts  muss  die  Familie  des  geistes- 
kranken Thäters  für  sein  zukünftiges  Wohlverhalten  Sicherheit  leisten.  3.  Kinder 
unter  10  Jahren;  3.  Jugendliche  über  10  aber  unter  14  Jahren,  die  ohne 
Unterscheidungsvermögen  (discernimiento)  gehandelt  haben;  jedoch  kann  der 
Richter  selbst  bei  dessen  Vorhandensein  auf  Unterbringung  in  eine  Erziehungs- 
oder Besserungsanstalt  bis  zur  Dauer  von  2  Jahren  erkennen;  4.  Taubstumme 
unter  14  Jahren;  5.  w(»r  in  Notwehr  gegen  einen  Angriff  auf  seine  eigene 
Person,  seine  Eltern  oder  einen  anderen,  oder  6.  wer  infolge  physischen  oder 
psychischen  Zwanges  handelt. 

4.  Mildernde  Umstände  sind  alle  die  vorerwähnten,  wenn  an  ihrem 
Thatbestande  irgendein  Moment  fehlt,  ausserdem:  Lebensalter  unter  18  Jahren, 
Taubstummheit  in  Verbindung  mit  Schreibensunkunde,  schwere  Beleidigungen 
und  ähnliche  Fälle;  das  Strafgesetzbuch  giebt  also  keine  erschöpfende  Auf- 
zählung der  mildernden  Umstände.  Trunkenheit  ist  niemals  ein  Strafaus- 
schliessungsgrund;  damit  sie  strafmildernd  wirkt,  ist  erforderlich:  dass  der 
Thäter  nicht  bereits  vor  der  Berauschung  zu  der  That  entschlossen  gewesen 
ist,  dass  er  die  Trunkenheit  nicht  absichtlich  herbeig(*führt  hat,  um  sich  Mut 
zu  machen,  und  dass  er  nicht  die  Gewohnheit  hat,  in  diesem  Zustande  straf- 
bare nandlung(»n  zu  begeluMi. 


§  2.  Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches.  77 


5.  Umstände,  welche  die  Strafbarkeit  erhöhen,  sind  diejenigen, 
welche  die  südamerikanischen  Strafgesetzbücher  gewöhnlich  unter  dieser  Rubrik 
aufzählen:  Hinterlist,  unnötige  Grausamkeit,  Überlegung,  Vertrauensmissbrauch, 
Ausführung  des  Verbrechens  gegen  Entgelt  im  Auftrage  eines  anderen,  Beamten- 
qualität des  Thäters  und  Benujzung  dieser  Eigenschaft  bei  Begehung  der  That, 
Rückfall  u.  a.  m.  Der  im  Rückfall  begangene  Mord  wird  besondere  erwähnt 
und  mit  dem  Tode  oder  30jährigem  Gefängnis  bestraft. 

6.  Thäterschaft  und  Teilnahme.  Das  Gesetz  teilt  diejenigen,  welche 
bei  der  Begehung  eines  Delikts  mitwirken  können,  in  drei  Klassen:  Thäter, 
Gehülfen  und  Hehler. 

7.  Privat-  und  Strafklage.  Das  Gesetz  betrachtet  nicht  die  erstere 
als  blosse  Verstärkung,  oder,  wie  eine  Reihe  von  Schriftstellern  für  viele  Fälle 
vorgeschlagen  haben,  als  Ersatz  für  die  Strafklage,  sondern  beide  Arten  von 
Klagen  sind  von  einander  unabhängig.  Die  Erhebung  der  Strafklage  steht 
dem  Vertreter  des  Staates,  die  der  Privatklage  dem  Verletzten  oder  seinen 
Erben  zu. 

8.  Strafensystem.  Die  Strafmittel  des  Gesetzes  sind:  Todesstrafe,  Zuchthaus 
(penitenciaria) ,  Verbannung  (destierro),  gänzliche  oder  teilweise  Unfähigkeit, 
sowie  zeitweilige  Aufhebung  der  Fähigkeit  zur  Bekleidung  öffentlicher  Amter 
und  Ehrenstellen  und  zur  Ausübung  politischer  Rechte,  Gefängnis  (prisiön)  und 
Geldstrafe.  Die  Todesstrafe,  für  deren  Beibehaltung  sich  die  Kommission  nach 
reiflicher  Erwägung  entschieden  hat,  findet  nur  Anwendung  bei  Landesverrat, 
Mord  in  grausamer  Ausführung  und  Mord  im  Rückfalle,  wenn  bei  dem  zweiten 
Morde  mildernde  Umstände  nicht  vorliegen.  Die  Todesstrafe  wird  mittels  Er- 
schiessens  vollzogen,  und  zwar  öffentlich;  jedoch  kann  die  Vollstreckung  auch 
innerhalb  der  Gefängnisse  stattfinden,  wobei  dann  von  der  Hinrichtung  öffent- 
liche Mitteilung  gemacht  wird;  die  Zahl  der  zuzulassenden  Zuschauer  ist  durch 
Beschluss  des  Höchsten  Gerichtshofes  (Superior  Tribunal  de  Justicia)  vom 
September  1895  auf  nicht  mehr  als  zehn  festgesetzt.  —  Die  Strafe  der  Verbannung 
wird  nur  für  politische  Delikte  angedroht.  —  Die  Geldstrafe  findet  bei  geringen 
Vergehen  und  Übertretungen  Anwendung;  ihr  Höchstbetrag  ist  2000  Pesos.  — 
Die  Zuchthausstrafe  hat  eine  Höchstdauer  von  30  Jahren  und  wird  in  An- 
stalten vollstreckt,  die  für  gemeinschaftliche  Arbeit  bei  Tage  und  Einzelhaft 
bei  Nacht  berechnet  sind.  Durch  Gesetz  vom  April  1895  ist  die  Verwendung 
von  Zuchthaussträflingen  zu  Aussenarbeiten  gestattet.  —  Die  Gefängnisstrafe 
beträgt  mindestens  3  Monate  und  höchstens  2  Jahre  und  wird  in  gemeinsamer 
Haft  vollstreckt.  Im  Falle  guter  Führung  des  Verurteilten  kann  dieser  nach 
Verbüssung  von  mindestens  drei  Vierteilen  der  verhängten  Strafe  vorläufig 
entlassen  werden;  die  Entlassung  ist  jedoch  nach  freiem  Ermessen  des  Gerichts 
widerruflich;  der  Entlassene  bleibt  unter  polizeilicher  Aufsicht. 

9.  Abstufung  der  Strafen.  Die  Strafen  sind  in  Grade  eingeteilt. 
Diese  Einteilung  steht  in  Beziehung  zu  der  Unterscheidung  der  strafbaren 
Handlungen  in  solche  mit  erschwerenden  oder  mildernden  Umständen,  in  voll- 
endete, versuchte  oder  fehlgeschlagene,  und  zu  der  Unterscheidung  der  schuldigen 
Personen  in  Thäter  und  Gehülfen.  Das  System  des  Gesetzes  besteht  darin, 
die  angedrohte  Strafe  um  einen  oder  mehrere  Grade  zu  erniedrigen  oder  zu 
erhöhen,  je  nachdem  es  sich  um  den  einen  oder  den  anderen  Fall  handelt. 
So  z.  B.  beträgt  ein  Grad  bei  der  Zuchthausstrafe  2  Jahre;  wenn  also  das 
Gesetz  sagt,  dass  mit  Rücksicht  auf  das  Vorliegen  eines  erschwerenden  oder 
nodldemden  Umstandes  die  Strafe  um  einen  Grad  erhöht  oder  ermässigt  werden 
kann,  so  darf  der  Richter  auf  2  Jahre  mehr  oder  weniger  erkennen.  —  Der 
Fehler  dieses  Systems,  dessen  Vorzug  die  Gesetzgebungskommission  in  der 
dadurch  bewirkten  Beschränkung  der  richterlichen  Willkür  sieht,    liegt  darin. 


78  Uruguay.  —  §  3.  Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches  von  1889. 


dass  ein  Grad  für  die  langdauemden  und  die  kurzzeitigen  Freiheitsstrafen 
denselben  Zeitraum  umfasst;  ordnet  daher  das  Gesetz  die  Erhöhung  oder  Er- 
mässigung einer  Strafe  um  einen  Grad  an,  so  ist  der  Unterschied  der  Straf- 
rahmen bei  einem  mit  langdauernder  Strafe  bedrohten  Delikte  verhältnismässig 
gering,  bei  einem  mit  einer  kurzzeitigen  Strafe  bedrohten  aber  sehr  bedeutend. 


§  3.    Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches  von  1889. 

1.  Einteilung  der  strafbaren  Handlungen.  Delikte  gegen  die 
Gesamtheit.  Die  strafbaren  Handlungen  zerfallen  in  zwei  Hauptgruppen: 
Delikte  gegen  die  Gesamtheit  oder  den  Staat  (delitos  publicos,  delitos  contra 
el  Estado)  und  Delikte  gegen  Einzelne  (delitos  privados,  delitos  contra  los 
particulares).  Die  ersteren  gliedern  sich  in:  Delikte  gegen  die  äussere  Sicher- 
heit des  Staates  (Delikte  gegen  das  Vaterland:  delitos  contra  la  patria)  — 
und  Delikte  gegen  die  innere  Sicherheit  des  Staates;  zu  diesen  gehören:  An- 
griffe auf  die  verfassungsmässigen  Einrichtungen,  Aufruhr,  Aufstand,  Auflauf, 
Zusammenrottung.  Die  strafbaren  Handlungen  gegen  das  Vaterland  werden, 
abgesehen  von  wenigen,  mit  dem  Tode  bedrohten,  FäUen  mit  Verbannung  und 
der  Unfähigkeit  zur  Bekleidung  öffentlicher  Ämter  und  zur  Ausübung  politischer 
Rechte  bestraft.  —  Das  Gesetz  behandelt  in  besonderen  Artikeln  die  öffent- 
lichen, allgemeinen  Aufforderungen  zur  Begehung  von  strafbaren  Handlungen, 
sowie  die  unerlaubten  Verbindungen  und  trennt  diese  Bestimmungen  von 
denjenigen,  welche  sich  auf  die  Unterdrückung  der  —  übrigens  in  unserem 
Lande  glücklicherweise  nicht  vorkommenden  —  Arbeitsausstände  beziehen.  — 
Die  Delikte  gegen  das  Völkerrecht  büden  eine  besondere  Unterabteilung  und 
sind  mit  schweren  Zuchthausstrafen  bedroht.  —  Angriffe  auf  die  freie  Aus- 
übung des  Wahlrechts,  die  Freiheit  des  Kultus,  die  persönliche  Freiheit  und 
das  Briefgeheimnis  werden  mit  Gefängnis  bestraft. 

2.  Die  einzelnen  Delikte.  —  Es  ist  unmöglich,  ein  so  kompliziertes 
Werk  wie  ein  Strafgesetzbuch  im  Rahmen  einer  gedrängten  Abhandlung  genau 
zu  analysieren.  Um  jedoch  von  den  strafbaren  Handlungen,  welche  das  Straf- 
gesetzbuch kennt,  und  ihrer  Einteilung  einen  Begriff  zu  geben,  seien  sie  im 
folgenden  aufgezählt,  und  zwar  in  der  gesetzlichen  Reihenfolge.  Strafbare 
Handlungen  gegen  die  Staatsverwaltung:  Unterschlagung  und  Erpressung 
im  Amte,  Bestechung,  Erkaufung  von  Zeugen,  Missbrauch  der  Amtsgewalt, 
Schmuggel,  Anmassung  eines  öffentlichen  Amtes  oder  Titels,  Siegelbruch,  Mangel 
an  Ehrerbietung  gegenüber  einer  Behörde  oder  einem  Beamten.  Delikte 
gegen  die  Justizverwaltung:  wissentlich  falsche  Anschuldigung  oder  An- 
klage, falsches  Zeugnis,  pflichtwidrige  Begünstigung  seitens  eines  Justizbeamten 
(prevaricato),  Entweichenlassen  von  Gefangenen,  Urfehdebruch  (quebrantamiento 
de  condena;  vgl.  Bd.  1  S.  510).  Strafbare  Handlungen  gegen  Treu 
und  Glauben:  fälschliche  Anfertigung  oder  Verfälschung  von  Geld  oder 
öffentlichen  Kreditpapieren,  Urkundenfälschung  im  allgemeinen,  Verfälschung 
von  Zeugnissen  und  Telegrammen.  Strafbare  Handlungen  gegen  die 
öffentliche  Sicherheit:  Brandstiftung  und  andere  gemeingefährliche  Be- 
schädigungen, Delikte  gegen  die  Sicherheit  der  Eisenbahnen  und  Telegraphen, 
gegen  die  öffentliche  Gesundheit  und  die  öffentliche  Eniährung.  Strafbare 
Handlungen  gegen  den  öffentlichen  Wohlstand:  schuldhafter  Bankerutt 
und  Zahlungseinstellung.  Delikte  gegen  die  guten  Sitten:  Verletzung  des 
Sittlichkeitsgefühls  —  Notzucht,  Blutschande,  gewaltsame  Entführung,  Ver- 
führung Minderjähriger,  Bigamie,  Delikte  gegen  den  Personenstand.  Straf- 
bare Handlungen  gegen  die  Person:    Tötung,   Körperverletzung,  Kinds- 


§  4.    Das  Spezialstrafrecht.  79 


mord,  Abtreibung  der  Leibesfrucht,  Kiudesaussetzung,  Zweikampf.  Strafbare 
Handlungen  gegen  die  Ehre  und  den  persönlichen  Frieden.  Die 
alten  Delikte  der  iniuria  und  calumnia  hat  das  Gesetz  zu  einem  einzigen 
zusammengefasst.  Strafbare  Handlungen  gegen  das  Eigentum:  Dieb- 
stahl, Eaub,  Erpressung,  Betrug,  widerrechtliche  Aneignung,  widerrechtliche 
Inbesitznahme,  Sachbeschädigung.  Zweikampf.  Das  Gesetz  bedroht  die 
Herausforderung  zum  Zweikampf,  selbst  wenn  sie  nicht  angenommen  wird, 
mit  dreimonatigem  Gefängnis  und  die  Annahme  der  Forderung  mit  Geldstrafe 
von  300 — 500  Pesos;  in  gleiche  Strafe  verfällt,  wer  einen  anderen  öffentlich 
oder  durch  die  Presse  in  Verruf  bringt  oder  beleidigt,  weil  er  eine  Heraus- 
forderung nicht  hat  ergehen  lassen  oder  die  Annahme  einer  solchen  ver- 
weigert hat.  Wer  seinen  Gegner  tötet  oder  ihm  Verletzungen  beibringt,  die 
den  Tod  zur  Folge  haben,  wird  mit  Zuchthaus  von  2  bis  zu  4  Jahren  bestraft; 
die  Strafe  ist  entsprechend  niedriger,  wenn  die  Verletzungen  leichter  Art  sind 
oder  kein  Blut  geflossen  ist.  Der  Zweikampf  wird  dem  Totschlag  gleich  er- 
achtet, wenn  er  ohne  Sekundanten  oder  mit  ungleichen  Waffen  stattfindet, 
einer  der  Duellanten  hinterlistige  Mittel  anwendet  oder  aus  den  Bedingungen 
oder  den  begleitenden  Umständen  die  Absicht  hervorgeht,  dass  einer  von  ihnen 
sein  Leben  verlieren  soll.  Milderung  tritt  ein,  wenn  die  Beteiligten  den  Fall 
zunächst  der  Entscheidung  eines  Ehrengerichtshofes  unterbreitet  haben. 

Die  vorstehende  Aufzählung  der  im  Strafgesetzbuch  vorgesehenen  Delikte 
beweist  zur  Geniige,  dass  dieses  zwar  sehr  kasuistisch  gehalten  ist,  Immerhin 
aber  nicht,  wie  manche  anderen  Strafgesetzbücher,  jeden  einzelnen  möglichen 
Fall  im  voraus  speziell  regelt. 


§  4.    Das  Spezialstrafrecht. 

1.  Pressgesetzgebung.  Für  die  mittels  der  Presse  begangenen  straf- 
baren Handlungen  gilt  die  am  31.  Dezember  1879  erlassene  Strafprozessordnung 
(Cödigo  de  instrucciön  criminal).  Sie  zerfaUen  in  zwei  Klassen:  Delikte  gegen 
den  Staat  und  solche  gegen  Privatpersonen.  Als  Missbrauch  der  Presse,  der  sich 
gegen  den  Staat  richtet,  werden  angesehen:  Veröffentlichungen,  die  die  öffent- 
liche Sittlichkeit,  den  Anstand  und  die  guten  Sitten  verletzen;  Aufreizungen 
zur  Revolution  und  zum  Ungehorsam  gegen  die  Gesetze,  sowie  solche  Auf- 
forderungen, durch  welche  die  verfassungsmässigen  staatlichen  Organe  beleidigt 
werden,  und  die  Verherrlichung  von  Handlungen,  welche  als  Verbrechen  oder 
Vergehen  mit  gesetzlicher  Strafe  bedroht  sind;  jedoch  wird  durch  diese  letztere 
Bestimmung  die  Erörterung  über  die  Strafbarkeit  oder  Straflosigkeit  der 
erwähnten  Thaten  nicht  verboten.  —  Ein  Missbrauch  der  Presse  gegenüber 
einer  Privatperson  liegt  vor,  wenn  einer  solchen  persönliche  Laster  oder 
Fehler  vorgeworfen  und  Familiengeheimnisse  oder  ehrenrührige  Handlungen 
an  die  Öffentlichkeit  gebracht  werden,  an  deren  Bekanntwerden  ein  öffent- 
liches Interesse  nicht  besteht;  wenn  Aktenstücke,  Urkunden  oder  Urteüe  ab- 
gedruckt werden,  die  sich  auf  die  uneheliche  Abstammung  jemandes,  die  Be- 
streitung seines  Personenstandes,  einen  Ehebruch,  eine  Ehescheidung  oder  ein 
Strafverfahren  wegen  eines  Sittlichkeitsdelikts  beziehen;  endlich  wenn  jemand 
verleumderischer  Weise  der  Verübung  eines  Verbrechens  oder  Vergehens  be- 
zichtigt wird.  —  Der  Verletzte  kann  wählen,  ob  das  Verfahren  vor  dem 
ordentlichen  (rechtskundigen)  Richter  oder  vor  den  Geschworenen  stattfinden 
soll.  —  Das  Verfahren  vor  dem  Geschworenengericht  zerfällt  in  zwei  Instanzen: 
die  erste  entscheidet  über  die  Eröffnung  des  Verfahrens,  die  zweite  über  Frei- 
sprechung oder  Verurteilung. 


80  Uruguay.  —  §  4.    Das  Spezialstrafrecht. 


2.  Patent gesetz  vom  11.  November  1885  (Annuaire  de  l^gislation  6traii- 
ghre  Bd.  15  S.  735);  die  Anfertigung  patentierter  Gegenstände  wird  mit  Geld- 
strafe von  100 — 500  Piaster  und  Gefängnis  von  1 — 6  Monaten  bedroht. 

3.  Gesetz  über  die  Personenstandsregister  vom  28.  März  1895  (Annuaire 
Bd.  25  S.  908);  Strafbestimmungen:  Kap.  XI. 

4.  Gesetz  über  die  Liquidation  der  Aktiengesellschaften  vom  31.  Mai  1895 
(Annuaire  Bd.  25  S.  928);  Strafbestimmungen:  Kap.  V. 

5.  Gesetz  vom  31.  Dezember  1890  zur  Ausführung  der  internationalen 
Konvention  von  1884  über  den  Schutz  der  unterseeischen  Kabel  (Annuaire 
de  16gislation  6trang^re  Bd.  23  S.  874). 

6.  Das  Wahlgesetz  (ley  electoral)  vom  13.  April  1893  enthält  Straf- 
androhungen gegen  Gewaltthätigkeiten  und  Unredlichkeiten  bei  Aufstellung 
der  Wählerlisten,  Bildung  der  Wahlvorstände  und  Beurkundung  der  Ab- 
stimmungen. 

7.  Ein  Gesetz  vom  Juni  1893  über  die  Liquidation  von  Aktiengesell- 
schaften bedroht  die  Untreue  der  Vorsteher  (administradores)  derartiger  Ge- 
sellschaften mit  Strafe. 

8.  Das  Militärgesetz  ist  am  7.  Juli  1884  publiziert.  Mit  der  Ausarbeitung 
eines  neuen  wurde  Anfang  1889  eine  Kommission  beauftragt,  indes  ist  bislang 
eine  Änderung  des  gesetzlichen  Zustandes  nicht  erfolgt. 


VIL 


P  A  R  A  G  U  A  Y 


Von 


Ernst  lisenmaiiii, 

Königlich  Preassischem  Gerichtsassessor  a.  D., 
AdTokaten  in  Paiii. 


StrafgesetEgebang  der  Gegenwart.    II. 


Übersicht. 


I.  Entstehungsgeschichte  des  Strafgesetzes. 

n.  Inhalt  des  Strafgesetzbuches, 
m.  Die  Grundzüge. 
IV.  Die  einzelnen  Strafthaten. 

V.  Die  sonstigen  Strafgesetze. 


I.  Entstehungsgeschichte  des  Strafgesetzes. 

Die  Republik  Paraguay  hat  unter  dem  21.  Juli  1880  das  heute  geltende 
Strafgesetzbuch  adoptiert.  Anscheinend  ist  dies  unter  dem  Drucke  derselben 
Notlage,  wie  sie  bei  allen  spanischen  Kolonieen  nach  deren  Befreiung  hervor- 
getreten ist,  geschehen.  Nur  mag  die  Unzulänglichkeit  der  veralteten  Gesetz- 
gebung, an  deren  Verbesserungen  im  Mutterlande  die  Republik  seit  ihrer 
Unabhängigkeitserklärung  nicht  mehr  Teil  hatte,  in  dem  fernab  gelegenen 
Staatswesen  erst  neuerdings  hervorgetreten  sein,  wo  die  Berührung  mit  den 
der  Civilisation  mit  allen  ihren  Auswüchsen  erschlossenen  Nachbarrepubliken 
auch  Paraguay  zu  einem  modernen,  demokratisch  -  konstitutionellen  Freistaat 
umgeformt  hat. 

Für  die  Notlage  und  die  Abwesenheit  früherer  einheimischer  Kodifikation 
des  Strafrechtes  spricht  jedenfalls  der  Umstand,  dass  das  Einfühiningsgesetz 
das  sofortige  Inkrafttreten  des  Gesetzbuches  anordnete,  ohne  erst  die  Ein- 
richtung der  in  demselben  vorgesehenen  verschiedenen  Gefängnisanstalten  ab- 
zuwarten,  ja  selbst  ohne  sich  bis  zur  Drucklegung  des  Gesetzes  zu  gedulden. 

Ebendafür  spricht  auch  die  so  ziemlich  en  bloc  erfolgte  Übernahme 
einer  fremden  Arbeit,  nämlich  des  damals  in  den  meisten  Provinzen  von  Argen- 
tinien in  Geltung  befindlichen  Strafgesetzbuches  der  Provinz  Buenos  Aires.  ^) 
Die  an  dem  Texte  dieses  Gesetzes  gemachten  Änderungen  beschränken  sich 
auf  die  notwendigen  Modifikationen  wegen  der  veränderten  politischen  Ein- 
richtungen u.  dgl. 

Da  das  Provinzialgesetzbuch  von  Buenos  Aires  heute  in  seinem  Ursprungs- 
lande nicht  mehr  in  Geltung  ist,  sondern  dem  Bundesgesetzbuche  der  Argen- 
tinischen Republik  von  1863  und  dem  Strafgesetzbuche  von  1886  (s.  oben 
S.  3  ff.)  hat  weichen  müssen,  so  ist  durch  die  Wiedergabe  des  hauptsächlichsten 
Inhalts  und  der  Eigentümlichkeiten  des  paraguayischen  Gesetzbuches  Gelegen- 
heit geboten,  diese  in  vieler  Beziehung  merkwürdige  und  jedenfalls  vielfach 
selbständige  legislatorische  Arbeit  der  Vergessenheit  zu  entziehen. 

Wenn  auch  natürlich  bei  den  einzelnen  Delikten  und  Strafen  die  Ähn- 
lichkeit mit  den  übrigen  Gesetzbüchern  der  spanischen  Kulturwelt  unverkennbar 
ist  und  insbesondere  das  chilenische  ,, Mustergesetz**  (das  aber  erst  lange  nach 
dem  von  Buenos  Aires  geschaffen  wm'de  und  also  allenfalls  auf  diesem  fusst 
wie  auf  dem  spanischen)  nicht  allzu  entfernt  davon  steht,  so  kann  doch  der  all- 
gemeine Teil  als  eine  weit  durchdachtere,  obwohl  kaum  ganz  harmonische  Arbeit 
gelten.  Es  ist  hier  eine  grosse  Unabhängigkeit  in  der  Behandlung  fast  aller 
Grundlehren  des  Strafrechtes  zu  verzeichnen,  die  aus  der  Menge  der  übrigen 
unkritischen  Kopien  europäischer  Muster  hervorleuchtet  und  die  vergleichende 
Strafrechtsforschung  bereichem  wird. 


*)  Eine  neue  mit  dem  offiziellen  Texte  übereinstimmende  Au.s<»*abe  dieses  Gesetzes 
ist  in  der  „Colecciön  de  Cödigos  y  Leyes  usuales**,  Buenos  Aires,  Felix  Lajouane,  1884 
erschienen. 


84  Paraguay.  —  U.  Inhalt  des  Strafgesetzbuches,    m.  Die  Grundzüge. 


IL  Inhalt  des  Strafgesetzbuches. 

Bei  dem  uns  knapp  zugemessenen  Räume  seheint  zunächst  zur  Orientierung 
die  Aufführung  der  Titelfolge  des  Gesetzbuches  angezeigt: 

Einleitungstitel  (§§  1 — 5).    Verbrechen,  Vorgehen  und  Übertretungen. 

Buch  I  (§§  6  — 195).  Allgemeine  Bestimmungen.  I.  Abschnitt. 
Von  Verbrechen,  Vergehen  und  verantwortlichen  Personen.  1.  Ver- 
brecherischer Wille  und  Ausführung  des  Verbrechens.  2.  Vereuch.  3.  Fahr- 
lässigkeit. 4.  Urheber.  5.  Mitschuldige.  6.  Begünstiger.  7.  Civilrechtlich 
verantwortliche  Personen.  II.  Abschnitt.  1.  Strafen  im  allgemeinen.  2.  Arten. 
Dauer,  Vollziehung  und  Wirkungen.  (Kap.  1 — 5:  Arten,  Leibesstrafen,  Ehron- 
strafen,  Geldstrafen,  Geltendmachung  der  Civilverantwortlichkeit.)  3.  Straf- 
ausschliessungsgründe.  4.  Gesetzliche  Strafmilderung.  5.  Gesetzliche  Straf- 
schärfung.    6.  Richterliche  Strafmilderung.     7.  Verjährung. 

Buch  n  (§§  196 — 493;.  Verbrechen,  Vergehen  und  ihre  Strafen. 
I.  Abschnitt.  Private  Verbrechen  und  Vergehen  und  ihre  Strafen. 
1.  Gegen  die  Person.  (Kap.  1 — 7:  Einfache  Tötung,  Meuchelmord,  Verwandten- 
mord, Kindesmord,  Abtreibung,  Selbstmord,  Zweikampf.^  2.  Körperverletzungen. 
3.  Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  Ehrbarkeit.  (Kap.  1 — 5:  Ehebruch, 
Notzucht,  Schändung  und  Verführung  Minderjähriger,  Entführung,  Gemeinsame 
Bestimmungen.;  4.  Ungesetzliche  Ehen.  5.  Vergehen  gegen  den  Personen- 
stand. 6.  Vergehen  gegen  die  gewährleisteten  Rechte  der  Person.  (Kap.  1 — 6 : 
Freiheitsberaubung,  Kindesraub,  Aussetzung,  Hausfriedensbruch,  Drohungen 
und  Erpressungen,  Verletzung  des  Geheimnisses.)  7.  Beleidigungen  und  Ver- 
leumdungen. 8.  Vergehen  gegen  das  Privateigentum.  (Kap.  1 — 7:  Raub  und 
Diebstahl,  Besitzverdrängung,  Bankerotteure  und  andere  strafbare  Schuldner, 
Betrug  und  andere  Defraudationen,  Beschädigung,  Allgemeines.)  11.  Ab- 
schnitt. Öffentliche  Verbrechen  und  Vergehen.  1.  Gegen  die  äussere 
Sicherheit  des  Staates.  (Kap.  1 — 3:  Verrat,  Vergehen  gegen  Frieden  und 
Unabhängigkeit,  gegen  das  Völkerrecht.)  2.  Gegen  die  innere  Sicherheit  des 
Staates  und  die  öffentliche  Ordnung.  (Kap.  1 — 6:  Aufstand,  Aufruhr,  Tumult, 
(jemeinsame  Bestimmungen,  Widerstand  gegen  Behörden,  Pressvergehen.; 
3.  Beamtonvergehen.  (Kap.  1  — 10:  Amtsanmassung ,  Überschreitung  der 
Amtsgewalt,  Untreue,  Bestechung,  Insubordination  und  Nachlässigkeit  in  der 
Amtsausübung,  Untreue  bei  Gefangenenbewahrung,  desgl.  bei  Aufbewahrung 
von  Urkunden,  Bruch  des  Geheimnisses,  Veruntreuung  öffentlicher  Gelder, 
Betrug  und  Erpressung.)  4.  Fälschungsdelikte.  (Kap.  1 — 7:  Fälschung  von 
Siegeln,  Unterschriften  und  Zeichen,  von  Urkunden  im  allgemeinen,  von  Wert- 
papieren, von  Banknoten,  von  Geld,  Falsches  Zeugnis,  Allgemeines.)  5.  Ver- 
gehen gegen  die  Religion.  6.  Gegen  die  Hygiene.  7.  Vagabondage.  8.  Spiele 
und  Lotterieen. 

Buch  III  (§§  494—509).     Übertretungen. 

III.  Die  Grundzfige. 

Was  in  dem  allgemeinen  Teile  zumeist  auffällt,  ist  die  offenbare 
Sorgfalt,  mit  der  der  Gesetzgeber  die  Grundbegriffe  in  scharfen  Definitionen 
festzulegen  bemüht  war ;  so  den  der  Vollendung,  des  Dolus  und  Dolus  eventualis, 
der  Verantwortlichkeit  trotz  eingebildeter  Berechtigung,  trotz  absichtlich  zur 
Ausführung  der  geplanten  That  herbeigeführter  Trunkenheit  u.  dgl.  Hervor- 
zuheben ist  die  Definition  des  Versuches,  welche  die  Vorbereitungshandlungen 
mit  einbegreift,  aber  die  Strafen  auch  bis  zum  Verweise  herabzumildern  er- 
laubt; eigentümlich  ist  die  Präsumtion  der  Freiwilligkeit  des  Rücktritts.    Der- 


III.  Die  Grundzüge.  85 


artige  Rechtsvermutungen,  die  offenbar  ein  Notbehelf  und  Korrektiv  des  an 
strikte  Beweisregeln  gebundenen  Prozessverfahrens  sind,  fallen  in  diesem  Straf- 
rechte mehrfach  auf:  so  wird  der  Dolus  selbst  ganz  allgemein  präsumiert  (!) 
(§  13);  und  nur  bei  der  Todesstrafe  ist  verordnet,  dass  sie  nie  auf  eine 
Präsumtion  hin  erkannt  werden  dürfe,  vielmehr  soll,  wenn  der  Schuldbeweis 
unter  Zuhülfenahme  einer  solchen  zustande  kommt,  die  Überzeugung  von  der 
Schuld  aber  gleichwohl  feststeht,  Festungsbau-  oder  Zuchthausstrafe  von  un- 
bestimmter Dauer  verhängt  werden.     (§§  91,  173.) 

Die  Kulpa  ist  als  eine  besondere  Vergehensart  ausgeschieden  worden, 
nicht  wie  in  den  europäischen  Gesetzbüchern  bei  jeder  Vergehensart  der  dolosen 
That  gegenübergestellt.  Erstere  Gruppierung,  die  dem  Wesen  des  zu  be- 
strafenden Verbrechefischen  Willens  gerechter  wird,  führt  naturgemäss  zu  einer 
geringeren  Korrelation  mit  den  Strafmassen  der  dolosen  Vergehungen,  trotzdem 
eine  Art  proportioneller  Abstufung  beibehalten  ist.  Die  Klassifikation  der 
einzelnen  Abarten  des  Frevelmutes  darf  als  gut  charakterisiert  gelten.  Das 
Komplott  ist  besonders  eingehend  behandelt,  die  civilrechtliche  Verantwortung 
nicht  nur  für  alle  Arten  Urheber,  Mitschuldige,  Begünstiger  in  gerechter  Weise 
festgesetzt,  sondern  auch  (offenbar  mit  Rücksicht  auf  landläufige  Übelstände), 
den  Wirten  für  alle  in  ihrem  Hause  vorkommenden  Vergehen  auferlegt  (§  74), 
sobald  gegen  sie  selbst  nur  die  geringste  Polizeiübertretung  bei  der  That  dar- 
gethan  ist.  Civilvcrantwortung  trifft  auch  die  Meister,  Lehrer  und  Herr- 
schaften für  Vergehen  ihrer  Gesellen  bezw.  Schüler  und  Diener  (§  75).  Der 
Civilanspruch  ist  stets  für  beide  Parteien  vererblich. 

Als  bewusste  Abweichungen  von  sonst  allgemein  anerkannten  Prinzipien 
müssen  folgende  Bestimmungen  auffallen: 

㤠 86:  Niemand  kann  mehr  als  einmal  wegen  derselben  strafbaren  Hand- 
lung oder  Unterlassung  bestraft  werden,  ausgenommen: 

1.  wenn  eine  Handlung  nur  als  Übertretung  bestraft  worden  ist  und 
später  Umstände  entdeckt  werden,  welche  sie  als  Vergehen  erscheinen  zu 
lassen  geeignet  sind;  und  ebenso  wenn  nach  Abstraf ung  als  Vergehen  nach- 
her Gründe  geimg  auftreten,  um  sie  zum  Verbrechen  zu  stempeln; 

2.  wenn  nach  ausgesprochener  Verurteilung  entdeckt  wird,  dass  die 
That  von  einem  anderen  Verbrechen  oder  Vergehen  begleitet  war,  welches, 
wenn  es  bekannt  gewesen  wäre,  dem  Angeklagten  schwerere  Strafen,  wegen 
des  Zusammentreffens  der  Vergehen,  zugezogen  hätte." 

Kann  es  bei  dem  zweiten  Falle  fraglich  sein,  ob  nicht  das  Vorliegen 
einer  zweiten  noch  ungestraften,  selbständigen  That  den  neuen  Prozess  wegen 
beider  Thaten  rechtfertigen  könnte,  so  ist  bei  dem  ersten  Absätze  doch  un- 
zweifelhaft —  und  nach  den  Eingangsworten  des  Artikels  ganz  bewusst  — 
dem  Grundsatze  ,,ne  bis  in  idem"  entgegengehandelt. 

Ähnlich  sind  die  Verstösse  gegen  allgemein  verbreitete  Grandsätze  in 
den  Strafvollzugsbestimmungen,  welche  die  §§97 — 115  enthalten.  Wenn  keine 
Festungsbauanstalt  vorhanden  ist,  soll  statt  dieser  Strafe  auf  Zuchthaus  erkannt 
werden  —  aber  um  die  Hälfte  mehr!  Und  wenn  die  Familie  des  Angeklagten 
durch  eine  Gefängnisstrafe  und  die  dadurch  herbeigeführte  Unterbrechung 
seiner  Erwerbsthätigkeit  leiden  würde,  so  kann  dieser  für  die  Hälfte  der 
Zeit,  jedoch  bei  Zwangsarbeit,  verurteilt  werden!  Es  scheint  doch  kaum  ge- 
recht, gewissen  Angeklagten  wegen  äusserer  Umstände,  die  ihre  That  in  keiner 
Weise  berühren,  eine  abweichende  Behandlung  angedeihen  zu  lassen,  die  unter 
keinen  Umständen  als  milder  wird  angesehen  werden  können. 

Das  Strafensystem  ist  das  allgemeine,  nur  ohne  die  Festungshaft.  Tod, 
Festungsbau  (presidio  mayor,  Bauarbeit  in  Ketten),  Zuchthaus  (presidio  menor, 
Einsperrung    mit   Zwangsarbeit),    Verbannung   (destieiTo),    Bannung   (confina- 


8H  Para^UÄv.  —  IIT.  Die  Gnudzü^e. 


miento;,  Gefängnis,  Haft,  —  Ehrenstrafen:  Unfähigkeitseitiftning,  Absetzung, 
Suspension,  Widermf,  Genugthunng,  Polizeiaufsicht,  Verweis,  —  Vermögens- 
strafen:  Geldstrafe,  Sicherheitsleistung  für  Unterlassung  künftiger  Vergehungen, 
Einziehung,  Kosten-  und  Auslagenerstattung.    ^§  90.; 

Die  Todesstrafe  wird  am  Tage  nachVerkündung  des  endgültigen  Urteils 
vollstreckt:  die  Todesart  ist  nicht  bestimmt.  Die  Hinrichtung  ist  öffentlich; 
sie  findet  nicht  statt  für  Verurteilte  von  unter  21  Jahren  und  über  70  Jahren, 
sowie  bei  schwangeren  Frauen  erst  40  Tage  nach  der  Niederkunft.  —  Der 
Arbeitserlös  der  Zuchthäusler  dient:  1.  zum  Ersatz  der  Unkosten,  2.  zur  Civil- 
entschädigung,  3.  zur  besseren  Verpflegung  des  Sträflings  und  als  Sparanlage. 
Die  beiden  Arten  des  ,,presidio''  werden  entweder  auf  bestimmte  Zeit  (6  bis 
15  Jahre I  oder  auf  unbestimmte  Zeit  verhängt;  in  letzterem  Falle  soll  aber 
dem  Sträfling  die  Hoffnung  auf  Wiedererlangung  der  Freiheit  nach  15  Jahren 
nicht  benommen  werden,  wenn  er  sich  gut  führt.  Auf  Grund  dieses 
schwachen  Lichtschimmers  weist  der  Gesetzgeber  die  Zulässigkeit  lebensläng- 
licher Strafen  von  sich!  In  gleichem  Falle  kann  die  zeitige  Strafe  auf  die 
Hälfte  ermässigt  werden.  Diese  Strafen  entziehen  dem  Sträfling  das  Recht, 
sein  Vermögen  zu  verwalten  und  zu  testieren,  jedoch  nur  während  der  Straf - 
dauer.  Gefängnis  wird  auf  1 — 3  Jahre,  Arrest  auf  15  Tage  bis  zu  3  Monaten 
verhängt;  ehrbare  Frauen,  Greise  und  Kranke  können  letzteren  in  ihrer  Be- 
hausung verbüssen,  —  ebenso  auch  solche  Personen,  die  von  einer  im  Hanse 
betriebenen  Gewerbe-,  Kunst-  oder  Amtsthätigkeit  leben.  Die  zur  Verbannung 
ins  Ausland  oder  Bannung  an  einen  (selbstgewählten},  über  50  Leguas  entfernten 
Ort  VerurteDten  werden  bei  Rückkehr  vor  der  bestimmten  Zeit  (2 — 6  Jahre) 
mit  um  ein  Sechstel  erhöhter  Strafe  belegt.  Geldstrafe  ist  bei  Ver- 
gehen bis  250  Pesos,  bei  Verbrechen  in  unbestimmter  Höhe  zulässig,  doch 
darf  sie  nie  die  Hauptstrafe  sein  (%%  128 — 131^.  Das  an  ihre  Stelle  tretende 
Gefäng^s  darf  6  Monate  nicht  tibersteigen.  Bei  ungenügendem  Ausfall  der 
Zwangsvollstreckung  gehen  der  Schadenersatz  den  Auslagen  des  Anklägers,  diese 
den  Kosten  des  Prozesses,  diese  endlich  der  Strafe  bei  der  Befriedigung  im 
Range  vor  (§  144).  Der  Schadenanspruch  hat  femer  ein  Vorzugsrecht  vor  den 
nach  der  Strafthat  kontrahierten  Schulden.  —  Verweis  und  Widerruf  finden  teils 
öffentlich,  teils  nur  in  Gegenwart  des  Verletzten  und  einer  Urkundsperson  statt. 

Die  Amtsstrafen  treffen  bei  Geistlichen  nur  die  Teniporalien  und  die 
Seelsorgerechte,  nicht  den  geistlichen  Charakter  des  Schuldigen. 

Die  Strafmündigkeit  beginnt  mit  dem  voDendeten  10.  Jahre,  bei  fest- 
gestellter Zurechnungsfähigkeit  werden  dem  Schuldigen  im  Alter  von  10  bis 
14  Jahren  2  Monate  bis  1  Jahr  Gefängnis  auferlegt,  die  Strafe  des  14 — 18- 
jährigen  dagegen  nur  gemindert  und  für  den  18 — 21  Jahre  alten  Verbrecher 
nur  die  Todesstrafe  durch  unbestimmtes  Baugefängnis  oder  Zuchthaus  ersetzt. 
Bis  zum  18.  Jahre  zieht  die  Kulpa  nur  häusliche  oder  obrigkeitliche  Aufsicht 
nach  sich.  Verbrecher  über  70  Jahre  trifft  statt  der  Todesstrafe  Festungsbaustrafe 
oder  Zuchthaus  bis  zum  Lebensende;  jedoch  bleiben  sie  immer  von  Arbeits- 
zwang verschont. 

Die  Untersuchungshaft,  welche  ohne  Verschulden  des  Thäters  6  Monate 
übersteigt,  wird  voll  angerechnet;  übersteigt  sie  2  Jahre,  so  tritt  statt  der 
Todesstrafe  Baugefängnis  oder  Zuchthaus  von  unbestimmter  Dauer  ein. 

Nicht  klar  ist  die  Bestimmung  bei  kumulierten  Vergehen  (reiteraciön) *) ; 
Rückfall  (innerhalb  10  Jahren)  wirkt  in  hohem  Masse  strafschärfend. 


')  Diese  unentzifferbare  Bestimmung  ist  um  so  auffälliger  als  im  übrigen  das 
Gesetzbuch  als  knapp  und  klar  stilisiert  gelten  muss:  ein  wahrlich  seltenes  Lob  bei 
Gesetzen   spanischer  Zunge.     Sonderbarer  Weise  enthält  gerade  auch  der  allererste 


rV.  Die  einzelnen  Strafthaten.  87 


Bei  Eigentumsvergehen  sind  nicht  nur  Aszendenten  und  Deszendenten 
(agnatische  und  kognatische)  straffrei,  sondern  auch  Seitenverwandte  zweiten 
Grades,  sofern  sie  gleichzeitig  Hausgenossen  sind.  Alle  Milderungsgründe, 
selbst  thätige  Reue,  mindern  das  Strafmass  nur  innerhalb  der  ursprüng- 
lichen Strafgrenzen;  nur  an  die  Stelle  der  Todesstrafe  kann  Baugefängnis 
oder  Zuchthaus  auf  unbestimmte  Zeit  treten. 

Die  Verjährung  der  Strafklage  und  der  Entschädigungsklage  tritt  bei 
denjenigen  Strafthaten,  die  mit  Haft  oder  Gefängnis  bedroht  sind,  mit  2  Jahren, 
bei  zeitlich  bestinunter  Zuchthaus-  oder  Baustrafe  mit  8  Jahren,  bei  denselben 
Strafen  von  unbestimmter  Dauer  oder  bei  Todesstrafe  mit  Ablauf  von  12  Jahren 
ein;  die  Verjährung  der  rechtskräftigen  Strafe  erfolgt  in  ersterem  Falle  nach 
einer  der  Strafzeit  gleichen,  um  2  Jahre  verlängerten  Frist,  im  zweiten  nach  20, 
im  dritten  nach  30  Jahren  seit  Unterbrechung  der  Vollstreckung.  Jede  Ver- 
jährung hört  zudem  bei  Begehung  eines  neuen  Vergehens  gleicher  Art  oder 
aber  von  gleicher  Strafbarkeit  auf  zu  laufen. 

IV.  Die  einzelnen  Strafthaten. 

Bei  den  einzelnen  Vergehungen  und  ihrer  Bestr'afung  ist  hervor- 
zuheben, dass  das  Strafmass  durchgängig  ein  mildes  ist;  von  der  Todesstrafe 
ist  massiger  Gebrauch  gemacht,  denn  sie  ist  nur  bei  Meuchelmord,  Tötung 
der  Aszendenten  ersten  Grades  (ehelicher  und  unehelicher,  während  sonst  im 
Gesetz  die  unehelichen  Verwandten  nirgends  erwähnt  sind) ,  Hochverrat, 
Tötung  eines  im  Inlande  w^eilenden  fremden  Souveräns,  und  in  qualifizierten 
Fällen  der  Piraterie  angedroht,  wobei  noch  die  oben  erwähnte  Ausschliessung 
ihrer  Verhängung  bei  nicht  völlig  klarem  Beweise  die  Zahl  der  Fälle  ver- 
mindert. Beim  Kindesmord  ist  das  Alter  des  Neugeborenen  auf  3  Tage 
ausgedehnt.  Die  Ehebruchsklage  ist  nicht  zulässig,  wenn  der  Ankläger  das 
Eheleben  selbst  durch  Verlassung  aufgegeben  hatte.  Der  Ehemann  wird  bei 
Tötung  der  in  flagranti  ertappten  Ehebrecher  mit  1 — 3  Jahren  Verbannung 
bestraft;  der  Vater  und  Bruder  einer  Verführten  mit  3  Jahren.  Minderjährige 
werden  gegen  Aussetzung  bis  zum  7.,  gegen  Raub  bis  zum  9.,  gegen  unsittliche 
Angriffe  bis  zum  vollendeten  12.,  gegen  Verleitung  zur  Flucht  bis  zum  15., 
gegen  Verführung  endlich  bis  zum  20.  Jahre  vom  Gesetze  geschützt.  Vom 
Schutze  des  Hausfriedens  sind  Gastwirtschaften  aller  Art  ausgeschlossen.  Der 
Verrat  von  Erfindungen  und  Geheimnissen  durch  Angestellte,  sowie  der  Nach- 
druck wird  bestraft.  Die  Beleidigungen  gegen  Behörden,  welchen  aus- 
drücklich fremde  Souveräne,  Gesandte  und  Konsuln  gleichgestellt  werden,  sind 
von  Amtswegen  zu  verfolgen.  Die  Erpressung  wird  als  Abart  des  Raubes, 
die  Unterschlagung,  Benutzung  von  Blankounterschriften,  Entwehrung  eigener 
Sachen,  Scheinverträge,  Auktionskomplotte  werden  als  Abarten  des  Betruges 
—  wozu  auch  der  Nachdruck  zählt  —  bestraft. 

Unter  den  Amtsvergehen  findet  sich  auch  die  wissentlich  ungerechte 
Urteilsfindung  durch  den  Richter,  mit  mehreren  spezialisierten  Unterarten. 
Der  Schuldner,  der  seine  Schuld  ableugnet  oder  die  Zwangsvollstreckung 
durch  Wegschaffen  von  Objekten  oder  Scheinbelastungen  vereitelt,  gewärtigt 
Gefängnis  bis  zu  1  Jahre.     Für  Pressvergehen,  für  welche  übrigens  ebenso 


Artikel  einen  Mangel  an  Logik,  indem  er  die  Strafthaten  in  zwei  Klassen,  schwerere 
und  leichtere,  scheidet  und  in  letzterer  Bezeichnung  Vergehen  und  Übertretungen 
zusammenwirft,  während  schon  der  folgende  §  2  die  bekannte  Dreiteilung  wieaer- 
giebt,  ferner  das  II.  Buch  die  Verbrechen  und  Vergehen  durcheinander  behandelt  und 
die  Übertretungen  unlogischer  Weise  einem  (ganz  kurzen)  III.  Buch  zugewiesen  sind. 


88  Paraguay.  —  V.  Die  sonstigen  Strafgesetze. 


wie  für  alle  Verbrechen  das  Geschworenengericht  besteht,  ist  die  Popularklage 
konkurrierend  mit  der  staatsanwaltlichen  Anklage  gewährt. 

Für  die  Vagabondage  war  die  eigentümliche  Bestimmung  getroffen,  dass 
die  Exekutivgewalt  (Regierung)  das  Recht  habe,  die  erkannten  Strafen  zu 
erlassen,  sofern  der  Verurteilte  in  das  Heer  eintrat;  dies  dürfte  seit  der  Ein- 
führung der  allgemeinen  Wehrpflicht  (Gesetz  vom  22.  Juni  1887)  nicht  mehr 
zur  Anwendung  gelangen   können. 

Unter  den  Übertretungen,  deren  Auswahl  als  erschöpfende  luid  ver- 
ständige gerühmt  werden  muss,  finden  sich  auch  einige  begrifflich  entschieden 
hierhergehörige  Straf thaten,  die  anderwärts  zumeist  als  Vergehen  behandelt 
werden:  Lästerung  und  Verspottung  der  staatlichen  und  der  zugelassenen 
Religionsgesellschaften,  Verbreitung  unsittlicher  Schriften  u.  dgl.  Sonst  sind 
bemerkenswert:  Skandale  und  Achtungsverletzung  innerhalb  der  Familien  und 
das  Unterlassen  von  Hülfeleistungen  an  einem  in  öder  Gegend  verwundet 
oder  misshandelt  angetroffenen  Mitmenschen. 

V.  Die  sonstigen  Strafgesetze. 

Das  Strafgesetzbuch  nimmt  ausdrücklich  von  seinem  Wirkungskreise  die 
Disziplinarstrafen  aus.  Die  militärischen  Vergehen,  Zolldefraudationen, 
Vergehen  gegen  die  gesundheitspolizeilichen  Bestimmungen  u.  dgl.  finden 
sich  in  besonderen  Gesetzen;  sie  dürften,  abgesehen  von  den  Militärgesetzen, 
mit  denen  der  Nachbarländer  Paraguays  in  allem  Wesentlichen  übereinstimmen. 

Das  Militärwesen  der  Republik  ist  dagegen  durch  die  drei  Gesetzbücher 
vom  22.  Juni  1887,  mit  Gesetzeskraft  vom  22.  August  1887,  und  durch  das 
Gesetz  (vom  gleichen  Tage)  über  die  Auslosung  der  Wehrpflichtigen  voll- 
kommen abweichend  neu  geordnet.  Entsprechend  dem  modernen  Charakter 
des  für  ein  möglichst  kleines  Volksheer  berechneten  Militärgesetzes  (Ordenanza 
Militär)  sind  das  Militärstrafgesetzbuch  und  die  Militärstrafprozessordnung  auf 
liberalster  Basis  aufgebaut.  Letzteres  Gesetz  ist  vielfach  originell;  das  Militär- 
strafgesetzbuch lehnt  sich  zumeist  an  das  von  Salvador,  hin  und  wieder  an 
das  von  Honduras  an,  auch  das  italienische  Gesetz  ist  von  Einfluss  gewesen. 
Von  einzelnen  Bestimmungen,  die  in  eigentümlicher  Weise  von  denen  des 
allgemeinen  Strafgesetzes  abweichen,  nennen  wir  hier  nur  die,  dass  die  Straf- 
dauer von  der  Verhaftung  ab  gerechnet  wird,  dass  der  Versuch  anders  (nach 
dem  Fortschritte  des  Erfolges)  abgestuft  ist,  und  der  freiwillige  Rücktritt  des 
eigentlichen  Thäters  demjenigen,  der  die  That  befohlen  hat,  nicht  zu  gute 
kommt;  ferner,  dass  das  Alter  unter  20  Jahren  strafmildernd  wirkt,  Trunken- 
heit dagegen  nur  unter  eng  begrenzten  Umständen.  Hehler,  Spione,  Depeschen- 
träger werden  nach  diesem  Gesetze  bestraft,  auch  wenn  sie  nicht  dem  Heere 
angehören;  im  übrigen  werden  Civilisten  nach  dem  Militärstrafi*echt,  Militär- 
personen nach  dem  allgemeinen  Strafgesetz  behandelt,  wenn  sie  au  einer  Straf- 
that  des  betreffenden  Gesetzes  teil  genommen  haben. 


VIII 


COLUMBIA 


Von 


Dr.  Georg  Grusen, 

Gerichtsaasessor  im  Königlich  PreusBischen  Justizministerium  lu  Berlin. 


Übersicht. 


Litteraturübersicht. 
I.    §  1.    Geschichtliche  Einleitung. 
II.    Daß  Strafgesetzbuch  vom  18.  Oktober  1890. 

a)  §  2.    Einteilung  und  Grundzüge. 

b)  §  3.    Der  allgemeine  Teil. 

c)  §  4.    Der  besondere  Teil. 

III.    §  5.    Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts. 


Litteratiirfibersicht. 

Fortlaufende  Berichte  über  die  Gesetzgebung  der  Republik  Columbia  unter  Be- 
rücksichtigung des  Straf  rechts  enthält  das  seit  1872  von  der  „Soci6te  de  legislation 
comparee**  zu  Paris  herausgegebene  „Annuaire  de  legislation  6trangfere".  Vgl.  insbes. 
Bd.  14  S.  857 — 862  (von  Demetrio  Porras,  Staatsrat  und  Professor  an  der  katnolischen 
Universität  zu  Bogota;  enthält  einen  kurzen  Abriss  der  geschichtlichen  Entwicklung 
des  Landes);  Bd.  15  S.  682—685  (von  Porras;  Bericht  über  die  Gesetzgebung  im 
Jahre  1885);  Bd.  16  S.  877—882  (von  Porras;  Bericht  über  die  Gesetzgebung  im  Jahre 
1886);  882—894  (Analyse  der  Verfassung  vom  4.  August  .1886  von  Dr.  Fernand 
Daguin,  Advokat  an  der  Cour  d'appel  zu  Paris);  894—907  (Übersetzung  des  Gesetzes 
vom  26,  Oktober  1886  über  das  litterarische  und  künstlerische  Eigentum  nebst  einer  Ein- 
leitung von  Edouard  Delalande,  Substitut  du  procureur  de  la  Republique  in  Hävre) ; 
Bd.  17  S.  947—949  (Bericht  über  die  Gesetzgebung  im  Jahre  1887  von  dem  ehemaligen 
Richter  Dr.  iur.  A.  Theurault);  Bd.  18  S.  976—980  (desgl.  über  1888  von  Theurault; 
enthält  u.a.  eine  kurze  Analyse  des  Gerichts  Verfassungsgesetzes  vom  1.  Dezember  1888); 
Bd. 20  S.844 — 846  (über Gesetze  aus  1890  von  Jose  Vincente  Concha,  Untersuchungs- 
richter in  Cundinamarca);  S.  847 — 861  (Analyse  des  Strafgesetzbuches  vom  18.  Oktober 
1890  von  Dr.  iur.  Henri  Prudhomme,  Substitut  du  procureur  de  la  Republique  in 
Sens);  Bd.  22  S.  931—937  (über  die  Gesetzgebung  im  Jahre  1892  von  Concha;  erwähnt 
werden  u.  a. :  Gesetz  vom  20.  November  1892  betreffend  die  Abänderung  des  Gesetzes 
No.  62  von  1887  über  das  Verbot  der  Einführung  chinesischer  Arbeiter;  Zusatz- 
bestimmung zum  Konkordat  vom  31.  Dezember  1887,  Auslieferungsvertrag  mit  Spanien); 
Bd.  24  S.  979—983  (Bericht  über  Gesetze  aus  dem  Jahre  1894  von  Dr.  Edmond 
Champeaux,  Professor  an  der  National-Universität  zu  Bogota). 

Schriften  strafrechtlichen  Inhalts:^)  Manuel  J.  Angarita.  Codificaciön 
nacional.  2  Bde.  Bd.  I.  Bogota,  Imprenta  Colombiana  1890  (enthält  eine  Zusammen- 
stellung der  in  Columbia  zeltenden  Gesetze  mit  ausführlichen  Erläuterungen).  Dr.  phil. 
Bernard  Moses.  Constitution  of  the  Republic  of  Colombia  with  an  historical  intro- 
duction  translated.    Philadelphia,  American  Academy  of  Political  and  Social  science,  1893. 

Amtliche  Gesetzes-Ausgaben:  Cödigo  penal  de  Cundinamarca  vom 
16.  Oktober  1858.  Bogota,  Imprenta  de  Pizano,  1886.  —  Cödigo  penal  de  los 
Estados  unidos  de  Colombia  vom  26.  Juni  1873.  BogotA,  Imprenta  de  Medardo 
Rivas,  1873.  —  Cödigo  penal  de  la  Repüblica  de  Colombia  vom  18.  Oktober 
1890.     Bogota,  Imprenta  de  „La  Naciön**,  1890. 

Die  erlassenen  Gesetze  werden  im  amtlichen  Gesetzblatte  —  Diario  oficial  — 
abgedruckt.  Sie  werden  nach  Nummern  und  Jahrgängen  citiert;  die  hinzugefügten 
Daten  bezeichnen  den  Tag  der  Veröffentlichung. 


§  1.    Geschichtliche  Einleitung. 

Die  Länderstriche,  welche  gegenwärtig  die  Republik  Columbia  bilden, 
gehörten  früher  als  Teil  des  Vizekönigreiches  Peru,  der  i.  J.  1663  die  Bezeich- 
nung „Königreich  Neugranada"  erhielt,   zu  den  ausgedehnten  Kolonieen,    die 


*)  Die  Aufstellung  eines  auch  nur  einigermassen  vollständigen  Verzeichnisses 
der  columbischen  Strafrechtslitteratur  war  nicht  möglich,  da  die  Versuche,  von  colum- 
bischen  Juristen  hierüber  Auskunft  zu  erhalten,  vergeblich  gewesen  sind. 


92  Columbia.  —  I.  Geschichtliche  Einleitung. 


Spanien  in  Südamerika  bald  nach  der  Entdeckung  dieses  Erdteiles  am  Ende 
des  XV.  Jahrhunderts  begründet  hatte.  Als  im  Anfange  unseres  Jalirhunderts 
die  Wogen  der  grossen  französischen  Revolution  auch  in  Südamerika  fühlbar 
wurden  und  die  spanischen  Pflanzlande  sich  anschickten,  die  nahezu  drei- 
hundert Jahre  lang  ertragene  spanische  Missregierung  mit  Waffengewalt  von 
sich  abzuschütteln,  fand  auch  in  Neugranada  die  freiheitliche  Bewegung  einen 
fruchtbaren  Boden. 

Die  ersten  erfolgreichen  Unternehmungen,  die  mit  der  Absetzung  des 
Vizekönigs  endigten,  fallen  in  das  Frühjahr  1810.  Die  feierliche  UnabhÄngig- 
keitserklärung  des  Landes  erfolgte  1815,  ohne  dass  jedoch  der  Kampf  zwischen 
Spanien  und  den  von  dem  Kreolen  Simon  Bolivar  geführten  Eingeborenen 
bereits  zu  Gunsten  der  letzteren  entschieden  gewesen  wäre.  Am  17.  Dezember 
1819  vereinigten  sich  Venezuela  und  Neugranada  unter  dem  ruhmvollen  Namen: 
„Repüblica  de  Colombia"  zu  einem  neuen  Freistaate.  Der  von  General  Sucre 
am  9.  Dezember  1824  bei  Ayacucho  über  die  Spanier  errungene  Waffenerfolg 
besiegelte  die  völlige  Unabhängigkeit  aller  ehemaligen  Kolonieen  vom  Mutter- 
lande. Bald  nach  dem  Tode  Bolivars,  des  unermüdlichen  Vorkämpfers  für 
den  columbischen  Einheitsstaat  (f  1830),  zerfiel  dieser  in  die  drei  Republiken 
Neugranada,  Venezuela  und  Ecuador.  Die  inneren  Wirren,  die  in  den  folgen- 
den Jahrzehnten  eine  inihige  Entwickelung  des  Landes  unmöglich  machten, 
verschafften  einzelnen  Provinzen  die  völlige  Unabhängigkeit  und  damit  das 
Recht  eigener  Gesetzgebung.  So  entstanden  in  den  Jahren  von  1855  bis  1861 
die  selbständigen  Republiken  Antioquia,  Bolivar,  Boyacä,  Cauca,  Cundinamarca, 
Magdalena,  Panama,  Santander  und  Tolima,  die  aber  bereits  1861  sich  als 
„Vereinigte  Staaten  von  Columbia"  (Estados  unidos  de  Colombia)  zu  einem 
neuen  Staatswesen  zusammenschlössen.  Die  vom  8.  Mai  1863  datierte  Ver- 
fassung war  der  der  Vereinigten  Staaten  nachgebildet  und  auf  föderativer 
Grundlage  aufgebaut;  die  „souveränen  Einzelstaaten"  hatten  auf  dem  Gebiete 
der  Gesetzgebung  einen  weiten  Spielraum.^)  Indes  scheint  der  unruhige  Geist 
der  Columbianer  eine  ruhige,  friedliche  Entwickelung  der  Verhältnisse  nicht 
ertragen  zu  können.  Der  heftige  Gegensatz  zwischen  den  Anhängern  der 
losen  Konföderation  und  denen  der  Einheitsrepublik  führte  i.  J.  1885  zu 
einem  blutigen  Aufstande  der  radikalen  Partei,  der  mit  ihror  völligen  Nieder- 
lage endete.  Dieses  Ereignis  wurde  der  Ausgangspunkt  für  eine  völlige  Um- 
gestaltung des  Staatswesens;  am  4.  August  1886  wurde  eine  neue  Verfassung 
erlassen,  die  den  Sieg  der  Einheitsbestrebungen  gegenüber  dem  Partikularis- 
mus der  Provinzen  bedeutet.  Ihr  erster  Artikel  lautet:  „Die  columbische 
Nation  rekonstituieit  sich  in  Form  einer  einheitlichen  Republik".  Der  Um- 
schwung der  Verhältnisse  ergiebt  sich  deutlich  aus  einem  Vergleiche  dieser 
Bestimmung  mit  dem  ersten  Artikel  der  Constitution  von  1863,  welcher  besagte, 
dass  die  neun  „selbständig(»n  columbischen  Staaten"  einen  dauernden  Bund 
schliessen  wollten.  Da  die  Einzelstaaten  durch  die  neue  Verfassung  ihre  Selb- 
ständigkeit verloren  hatten,  mithin  auch  die  gesetzgeberische  Gewalt  aus- 
schliesslich auf  die  Organe  des  Gesamtstaates  übergegangen  war,  so  ergoss 
sich  in  den  nächsten  Jahren  eine  wahre  Flut  von  Gesetzen  über  das  Land. 
In  der  Sitzungsperiode  von  1886  erliess  der  Kongi'ess  65  Gesetze,  1887  waren 
es  sogar  153  und  1888  sank  die  Zahl  auf  150.  Zur  Kennzeichnung  der  Hast 
und  Oberflächlichkeit,  mit  welcher  vorgegangen  wurde,  sei  erwähnt,  dass  das 
Gerichtsverfassungsgesetz  (Cödigo  de  organizaciön  judicial)  vom  25.  November 
1886  in  der  Zeit  von  2  Jahren  (nämlich  bis  zur  Erlassung  des  neuen  Gerichts- 


*)  Über  die  verfassung-H-  und  verwaltungsrechtliche  Entwickhmg  der  Republik 
Columbia  vgl.  Moses,  a.  a.  O.  S.  9—19. 


II.  Dag  Strafgesetzbuch  vom  18.  Oktober  1890.  93 


Verfassungsgesetzes  vom  1.  Dezember  1888)  durch  nicht  weniger  als  acht  Ge- 
setze abgeändert  bezw.  ergänzt  wurde.  (Vgl.  das  zuletzt  erwähnte  Gesetz, 
Art.  230.) 

Nach  vorstehendem  Überblick  kann  man  sich  über  die  Geschichte  des 
columbischen  Strafrechtes  kurz  fassen.  Denn  es  bedarf  wohl  keiner  beson- 
deren Ausftlhrung,  dass  ein  Land,  dessen  politische  Geschichte  so  wenig  Stetig- 
keit aufweist,  auch  des  Vorteiles  einer  ruhigen,  geschichtlichen  Entwickelung 
des  Rechtes  selten  teilhaftig  werden,  sondern  gezwungen  sein  wird,  in  seiner 
Gesetzgebung  fremden  Mustern  zu  folgen. 

Solange  das  columbische  Gebiet  unter  spanischer  Herrschaft  stand,  galten 
in  ihm  die  vom  Mutterlande  für  die  südamerikanischen  Kolonieen  erlassenen 
Gesetze,  insbesondere  die  in  allen  Kolonieen  eingeführte  „Novisima  Recopilaciön" 
von  1805,  deren  zwölftes  und  letztes  Buch  das  Strafrecht  behandelt.^)  Das 
erste  im  Gebiete  von  Columbia  geltende  selbständige  Strafgesetzbuch  war  der 
Cödigo  penal  vom  27.  Juni  1837.  An  seine  Stelle  trat  später  der  Cödigo 
penal  de  los  Estados  unidos  de  Colombia  vom  26.  Juni  1873.  Durch  ein 
Gesetz  vom  15.  April  1887  wurden  zur  Herbeiführung  einer  einheitlichen  Gesetz- 
gebung verschiedene  von  den  früheren  Einzelstaaten  erlassene  Gesetze  für  das 
ganze  Staatsgebiet  eingeführt;  zu  diesen  gehörte  auch  das  Strafgesetzbuch 
für  Cundinamarca  vom  16.  Oktober  1858,  das  bis  zum  Erlasse  des  noch 
jetzt  geltenden  Cödigo  penal  vom  18.  Oktober  1890  in  Kraft  blieb. 


II.  Das  Strafgesetzbuch  vom  18.  Oktober  1890. 

a)  §  2.   Einteilung  und  Grundzflge. 

Das  geltende  Strafgesetzbuch  wurde  vom  Senate  und  dem  Hause  der 
Abgeordneten  bereits  am  16.  Oktober  1889  angenommen,  gleichzeitig  aber 
dem  Staatsrate  zur  endgültigen  Feststellung  des  Textes  überwiesen.  Nach 
Beendigung  dieser  Arbeit  erfolgte  die  Veröffentlichung  durch  Verordnung  vom 
18.  Oktober  1890.  Das  Gesetz  schliesst  sich  nach  Anordnung,  Form  und  In- 
halt im  ganzen  an  den  Cödigo  penal  von  Cundinamarca  von  1858  an.  Nach  dem 
Urteil  Conchas*)  ist  er  kaum  als  eine  verbesserte  Auflage  desselben  zu  bezeich- 
nen. Die  Abweichungen  bestehen  in  der  Ermässigung  einiger  Strafandrohungen 
und  der  Hinzufügung  neuer  Strafbestimmungen  zur  Befestigung  der  inneren 
und  äusseren  Sicherheit  der  Republik.  Die  Fortschritte,  welche  in  Europa  auf 
strafrechtlichem  Gebiete  in  den  letzten  Jahrzehnten  gemacht  sind,  haben  keine 
Berücksichtigung  gefunden;  die  Ausdrucksweise  ist  weitschweifig;  manche  Be- 
stimmungen sind  in  lehrbuchartiger  Breite  gegeben,  kurze  und  treffende 
Definitionen  finden  sich  selten,  dagegen  eine  ungeheuere  Fülle  von  Kasuistik, 
die  den  Hauptfehler  des  Gesetzes  bilden  dürfte;  auch  die  systematische  An- 
ordnung ist  wenig  klar,  indem  häufig  Gleichartiges  an  ganz  verschiedenen 
Stellen    behandelt   wird. 8)     Andererseits   verdient    die    verhältnismässige   Ein- 


*)  Vgl.  hierzu  die  Abhandlung  von  Dr.  Rosenfeld  über  Spanien,  in  Bd.  I  S.  483, 

»)  Annuaire  de  l^gislation  Prangere.    Bd.  20  (1890)  S.  846. 

')  Als  Beispiele  seien  erwähnt  die  völlige  Auseinanderreissung  der  Bestimmungen 
über  Straf  ausSchliessung,  Straf  minderuiig  und  Straf  er  höhung.  Man  beachte  auch  z.  B. 
die  Behandlung  der  Brandstiftung  in  Tötungsabsicht  in  einem  besonderen  Kapitel, 
während  es  doch  nahe  gelegen  hätte,  sie  entweder  bei  der  Tötung  oder  bei  der  Brand- 
stiftung zu  erwähnen. 


94  Columbia.  —  II.  Das  Strafgesetzbuch  vom  18.  Oktober  1890. 


fachheit  und  Klarheit  des  Straf ensystemes,  die  Milde  mancher  Bestimmungen, 
die  sich  auch  in  der  Beschränkung  der  Todesstrafe  auf  die  notwendigsten 
Fälle  zeigt,  volle  Anerkennung. 

Das  Gesetz  enthält  wohl  von  allen  geltenden  Strafgesetzbüchern  die  grösste 
Anzahl  von  Artikeln,  nämlich  916,  und  zerfällt  in  drei  Bücher;  von  diesen 
behandelt  das  erste  den  allgemeinen  Teil  des  Straf  rechts,  das  zweite  die 
strafbaren  Handlungen,  welche  gegen  den  Staat  oder  die  Gesellschaft  gerichtet 
sind  oder  von  öffentlichen  Beamten  begangen  werden,  das  dritte  die  gegen 
Privatpersonen  veilibten  Delikte.    Dem  dritten  Buche  folgt  ein  kurzer  Schlusstitel. 

In  der  folgenden  kurzen  Darstellung  ist  aus  Zweckmässigkeitsgründen 
die  vom  Gesetzgeber  gewählte  Anordnung  des  Stoffes  beibehalten. 

b)  §  3.   Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches. 

Das  erste  Buch  ist  überschrieben:  „Von  den  strafbaren  Handlungen, 
den  strafbaren  Pereonen  und  den  Strafen  im  allgemeinen.  —  Abstufung  der 
strafbaren  Handlungen  und  Anwendung  der  Strafen".  Es  umfasst  die  Artt.  1 
bis  149  und  zerfällt  in  vier  Titel. 

I.  Erster  Titel.  Einleitende  Bestimmungen.  Diese  betreffen  fol- 
gende Materien: 

1.  Begriff  und  Einteilung  der  strafbaren  Handlungen.  Das 
Gesetz  kennt  nur  eine  Art  der  strafbaren  Handlungen  und  bezeichnet  sie  mit 
„delito";  im  weiteren  Sinne  bezeichnet  das  Wort  jede  Handlung  und  Unter- 
lassung, welche  die  Bestrafung  des  Thäters  zur  Folge  hat,  d.  h.  vorsätzliche  und 
fahrlässige  Begehung  eines  vollendeten  Delikts,  Versuch  und  die  Verabredung 
zu  einem  Delikt,  sowie  das  fehlgeschlagene  Delikt,  im  engeren  Sinne  dagegen 
nur  die  strafbare  willentliche  (voluntaria)  und  böswillige  (maliciosa)  Gesetzes- 
verletzung (Art.  1).  Für  die  Willentlichkeit  und  Böswilligkeit  einer  Handlung 
spricht  eine  gesetzliche  Vemmtung,  welche  vom  Thäter  zu  widerlegen  ist,  so- 
fern nicht  das  Gegenteil  völlig  klar  ist  (Art.  2).  Fahrlässigkeit  (culpa)  ist  die 
zurechenbare  (imputable),  aber  weder  willentliche  noch  böswiUige,  mit  Strafe 
bedrohte  Gesetzesverletzung  (Art.  3).  Ein  fehlgeschlagenes  Delikt  (delito 
frustrado)  liegt  vor,  wenn  die  Handlungen  des  Thäters  an  und  für  sich  (por 
SU  naturaleza)  geeignet  waren,  die  Vollendung  der  Strafthat  zu  bewirken  und 
diese  lediglich  aus  Gründen,  die  von  seinem  Willen  unabhängig  sind,  nicht 
eingetreten  ist  (Art.  4).  Das  fehlgeschlagene  Delikt  ist  in  allen  Fällen  straf- 
bar; die  Strafe  beträgt  zwei  Drittel  der  für  die  Vollendung  angedrohten 
(Art.  7).  Unter  Versuch  (tentativaj  versteht  das  Gesetz  die  Offenbarung  des 
W^illens,  ein  Delikt  zu  begehen,  durch  Handlungen,  welche,  ohne  unter  den 
Begriff  des  fehlgeschlagenen  Delikts  zu  fallen,  die  That  vorbereiten  oder 
einen  Anfang  der  Ausführung  enthalten  (Art.  5).  Der  Versuch  bleibt  straflos 
im  Falle  des  offenbaren,  freiwilligen  Rücktrittes  ( desistimiento  voluntario  y 
manifiesto)  des  Thäters,  wird  aber  in  allen  anderen  Fällen  mit  einer  Strafe 
belegt,  die  mindestens  ein  Viertel  und  höchstens  zwei  Drittel  der  für  das 
vollendete  Delikt  angedrohten  beträgt  (Art.  8).  Ist  eine  der  den  Versuch 
bildenden  Handlungen  als  selbständiges  Delikt  unter  Strafe  gestellt,  so  tritt 
neben  der  für  den  Versuch  als  solchen  verwirkten  Strafe  auch  die  für  die 
einzelne  Handlung  angedrohte  Strafe  ein  (Art.  9).  Diese  Bestimmung  wider- 
spricht dem  allgemein  anerkanten  Grundsatze,  dass  eine  Handlung,  die  mehrere 
Gesetzesbestinmiungen  verletzt,  nur  auf  Grund  einer  von  diesen  (meist  der- 
jenigen, welche  die  schwerere  Strafe  androht)  zu  bestrafen  ist.  —  Verabredung 
(conjuraciön  ö  conspiraciön)  zur  Begehung  eines  Delikts  ist  die  zwischen  zwei 
oder  mehr  Personen  getroffene  Verabredung,  es  zu  begehen  (Art.  6);  sie  bleibt 


§  3.   Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches.  95 


im  Falle  des  freiwilligen  Rücktrittes  straflos  und  wird  im  übrigen  mit  einer 
Strafe  belegt,  die  mindestens  ein  Achtel  und  höchstens  ein  Viertel  der  für 
das  beabsichtigte  Delikt  angedrohten  betragt  (Art.  10).  —  Die  nicht  ange- 
nommene Aufforderung  zur  Begehung  einer  strafbaren  Handlung  wird  nur  in 
den  vom  Gesetz  ausdrücklich  bestimmten  Fällen  bestraft  (Art.  11). 

2.  Zeitliches  Geltungsgebiet  der  Strafgesetze.  Nur  wegen  einer 
zur  Zeit  ihrer  Begehung  bereits  mit  Strafe  bedrohten  Handlung  kann  eine 
Bestrafung  erfolgen;  bei  Verschiedenheit  des  Gesetzes  zur  Zeit  der  Begehung 
und  zur  Zeit  der  Aburteilung  der  That  ist  das  dem  Angeklagten  günstigere 
Gesetz  anzuwenden;  im  Zweifel  kann  er  wählen,  nach  welchem  Recht  er  ge- 
richtet werden  will  (Art.  12).  —  Von  strafwürdigen  Handlungen,  zu  deren 
Ahndung  das  geltende  Recht  eine  Handhabe  nicht  bietet,  ist  der  Regierung 
Mitteilung  zu  machen,  damit  sie  die  erforderlichen  gesetzgeberischen  Mass- 
nahmen herbeiführen  kann  (Art.  13). 

3.  Die  Begriffe  „gewohnheitsmässig"  und  „Waffe"  werden  in  Artt.  14 
und  15  näher  bestimmt;  unter  Gewohnheitsmässigkeit  (häbito  ö  costumbre) 
versteht  das  Gesetz  die  mindestens  dreimalige  Ausführung  ein  und  derselben 
Art  (especie)  von  Delikten  innerhalb  eines  Zeitraumes  von  einem  Monate. 

4.  Norm  und  Strafgesetz.  Jede  vom  Gesetz  mit  Strafe  bedrohte 
Handlung  gilt  als  verboten;  umgekehrt  stellt  das  Gesetz  damit,  dass  es  die 
Unterlassung  einer  Handlung  mit  Strafe  bedroht,  eine  Verpflichtung  zu  ihrer 
Vornahme  fest  (Art.  16). 

5.  Umfang  der  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit.  Der  Thäter 
haftet  für  seine  That  in  vollem  Umfange  auch  dann,  wenn  die  Folgen  andere 
waren  oder  bei  einer  anderen  Person  eintraten,  als  er  beabsichtigt  hatte 
(Art.  17).  Art.  594  enthält  die  ausdrückliche  Anwendung  der  letzteren  Alter- 
native auf  die  Tötungen. 

6.  Auslieferung.  Wegen  politischer  Delikte,  deren  Begriff  und  Um- 
fang übrigens  nicht  näher  erläutert  wird,  findet  eine  Auslieferung  nicht  statt. 
Bei  gemeinen  Strafthaten  (delitos  comunes)  sind  in  erster  Linie  die  abge- 
schlossenen Verträge  massgebend;  wo  diese  fehlen,  ist  die  Auslieferung  bei 
solchen  Verbrechen  zulässig,  deren  höchste  Strafe  mindestens  fünf  und  deren 
niedrigste  mindestens  vier  Jahre  Zuchthaus  (presidio)  oder  Festung  (reclusiön) 
beträgt;  jedoch  kann  sie  von  der  Regierung  auch  in  anderen  Fällen  zuge- 
standen werden,  wenn  sie  ihrer  Meinung  nach  zu  den  schweren  gehören 
(Art.  18).  Französische  Übersetzung  des  Auslief eningsvertrages  mit  Spanien 
im  Annuaire  de  lögislation  ötrang^re  Bd.  22  S.  934. 

7.  Verhältnis  des  Strafgesetzbuches  zu  den  SpezialStrafgesetzen. 
Während  durch  Art.  911  das  bisher  geltende  Strafgesetzbuch  nebst  allen  er- 
gänzenden oder  abändernden  Gesetzen  mit  dem  Inkrafttreten  des  neuen 
Strafgesetzbuches  aufgehoben  ist,  bleiben  die  besonderen  Gesetze,  Regulative 
und  Verordnungen,  welche  für  einzelne  besondere  Materien  und  Zweige  der 
öffentlichen  Vei'waltung  erlassen  sind,  auch  ferner  in  Geltung  und  zwar  mit 
den  ihnen  eigentümlichen  Grundsätzen  (Art.  19). 

IL  Zweiter  Titel.  Von  den  strafbaren  Personen  (deHncuentes). 
Der  Titel  zerfällt  in  vier  Kapitel  (strafbare  Personen;  entschuldbare  Personen; 
Personen,  welche  für  die  Handlungen  anderer  haften;  Verurteilte,  welche  durch 
die  Flucht  oder  auf  andere  Weise  sich  der  Strafe  entziehen  wollen)  und  be- 
handelt folgende  Materien: 

1.  Die  Grundsätze  über  das  örtliche  Geltungsgebiet  des  colum- 
bischen  Strafgesetzes,  die  im  wesentlichen  denen  des  Strafgesetzbuches 
von  Ecuador   von    1873   (Artt.  5,  6;  vgl.  oben    S.  26)   und   der   peruanischen 


96  Columbia.  —  IT.  Das  Strafgesetzbuch  vom  18.  Oktober  1890. 


Strafprozessordnung  von  1862  (Art.  2;  vgl.  oben  S.  61)  entsprechen.  Neben 
allen  im  Gebiete  der  Republik,  sei  es  von  einem  Inländer^)  oder  von 
einem  Ausländer  (mit  Ausnahme  der  sogenannten  Exterritorialen),  be- 
gangenen Delikten  werden  auch  gewisse  ausserhalb  des  Staatsgebietes  be- 
gangene nach  columbischem  Recht  bestraft.  Es  sind  dieses  nach  Art.  20: 
1.  die  von  einem  Staatsangehörigen  oder  Ausländer  begangenen,  gegen  die 
innere  oder  äussere  Sicherheit  oder  die  Verfassung  des  Staates  gerichteten 
oder  in  der  Fälschung  gewisser  wichtiger  Gegenstände  (Geld,  Urkunden, 
Siegel  u.  s.  w.)  bestehenden  Delikte,  deren  Aburteilung  im  Begehungslande 
noch  nicht  erfolgt  ist;  3,  die  von  einem  columbischen  Staatsangehörigen  gegen 
einen  anderen  Staatsangehörigen  begangene  Handlung,  welche  auch  im  Lande 
der  Begehung  mit  Strafe  bedroht  ist,  vorausgesetzt,  dass  eine  Verurteilung 
wegen  derselben  noch  nicht  stattgefunden  hat,  der  Thäter  sich  im  Gebiete  der 
Republik  Columbia  aufhält  und  der  Verletzte  die  Bestrafung  beantragt;  der 
Schuldige  kann  in  diesem  Falle  verlangen,  mit  derjenigen  Strafe  belegt  zu 
werden,  welche  ihn  bei  der  Aburteilung  im  Lande  der  Begehung  betroffen 
haben  würde,  bezw.  mit  der  dieser  am  nächsten  stehenden,  wenn  erstere  als 
zulässige  Straf  art  im  columbischen  Straf  recht  nicht  anerkannt  ist;  8.  alle  von 
einem  diplomatischen  Vertreter  der  Republik  begangenen  strafbaren  Hand- 
lungen sowie  die  von  einem  anderen  columbischen  Beamten  begangenen,  die 
in  Ungehorsam  oder  Untreue  gegen  die  Regierung  bestehen  oder  in  Ausübung 
des  Amtes  vorgenommen  sind;  4.  alle  Fälle  des  Seeraubes  (actos  de  pirateria), 
wenn  die  Thäter  von  columbischen  Behörden  ergriffen  werden  und  nicht  be- 
reits von  den  Gerichten  eines  anderen  Staates  abgeurteilt  sind;  6.  die  auf 
hoher  See  oder  in  den  Gewässern  einer  fremden  Nation  von  dem  Mitgliede 
der  Besatzung  eines  columbischen  Kriegsschiffes  begangenen  Delikte,  voraus- 
gesetzt, dass  der  Thäter  columbischer  Staatsangehöriger  ist;  der  Begriff  Be- 
satzung ist  hier  im  weiteren  Sinne  zu  verstehen  und  umfasst  auch  Befehls- 
haber und  Offiziere;  6.  die  auf  hoher  See  oder  in  fremden  Gewässern  begangenen 
Delikte  der  Kapitäne,  Passagiere  oder  Mannschaften  eines  columbischen  Handels- 
schiffes, unter  der  Voraussetzung,  dass  nicht  bereits  im  Lande  des  Begehungs- 
ortes eine  Abuiteilung  stattgefunden  hat. 

2.  Die  bei  einer  Strafthat  möglicherweise  beteiligten  Personen 
werden  vom  Gesetz  unterschieden  in:  Thäter,  Gehülfen,  Begünstiger  und  Hehler 
(Art.  21).  Wie  viele  Strafgesetzbücher  spanisch -portugiesischer  Zunge  giebt 
das  Strafgesetzbuch  von  Columbia  keine  Definition  der  Begriffe,  sondern  zählt 
in  äusserst  weitschweifiger  Weise  die  Fälle  auf,  in  denen  eine  Person  der 
einen  oder  der  anderen  Kategorie  zuzurechnen  ist. 

a)  Das  Gesetz  kennt  vier  Arten  der  Thäterschaft  (Art.  22).  Thäter 
(autor)  ist:  1.  wer  die  Strafthat  freiwillig  (espontäneamente),  sei  es  allein  und 
ohne  fremde  Hülfe  (aisladamente) ,  sei  es  in  wechselseitiger  Unterstützung  mit 
einem  oder  mehreren  anderen  begeht;  2.  wer  einen  anderen  zur  Begehung 
gegen  seinen  (des  anderen)  Willen  zwingt;  als  Mittel,  den  anderen  zur  Be- 
gehung zu  veranlassen,  erwähnt  das  Gesetz:  Erteilung  eines  Befehls,  dem  der 
andere  gehorchen  muss,  Anwendung  physischer  Gewalt,  Beraubung  des  freien 
Gebrauchs  der  Vernunft  oder  Benutzung  eines  bereits  vorhandenen  Zustandes 
von  Willenlosigkeit;  Voraussetzung  ist,  dass  diese  Mittel  wissentlich  und  frei- 
willig angewendet  sind,  um  die  Begehung  des  Delikts  zu  veranlassen  und 
dass  sie  diese  auch  zur  Folge  gehabt  haben;  3.  wer  zur  Begehung  des  Delikts 


*)  Vgl.  hierzu  Titel  H  der  Verfassung  von  1886:  Von  den  Einwohnern:  Inländer 
und  Ausländer,  Artt.  7—18  (Angarita  a.  a.  0.  Bd.  I  S.  19 ff.)  und  Gesetz  No.  145  vom 
26.  November  1888  über  die  Naturalisation. 


Der  allgemeine  Teil  des  StrafgeKetzbuche«.  97 


Auftrag  erteilt  und  entweder  die  zur  Begehung  erforderlichen  Gegenstände 
(lo  que  se  necesite  para  cometerlo)  herbeischafft  oder  Mittel  hergiebt,  um  sie 
herbeizuschaffen  oder  zu  bezahlen,  vorausgesetzt,  dass  infolgedessen  die  That 
begangen  wird;  4.  wer  jemand  zur  Begehung  anstiftet,  vorausgesetzt,  dass 
die  Anstiftung  als  einziges  oder  hauptsächliches  Motiv  der  Begehung  erscheint. 

b)  Als  Gehülfe  (cömplice)  gilt  (Art.  23):  1.  wer  freiwillig  und  wissentlich 
(espontÄneamente  y  a  sabiendas)  b<»J  der  Ausfiihrungshandlung  mitwirkt,  ohne 
dass  er  als  Thäter  bestraft  werden  kann;  2.  wer,  ohne  bei  der  Ausführungs- 
handlung unmittelbar  mitzuwirken,  dem  Thäter  freiwillig  Waffen,  Mittel  oder 
Werkzeuge  verschafft,  wissend,  dass  diese  bei  der  Ausführung  verwendet 
werden  sollen;  3.  wer  durch  Reden,  Verleitung,  Rat  oder  Auskunftserteilung 
€»inen  anderen  zur  Begehung  veranlasst  oder  antreibt  oder  ihm  die  Mittel  zur 
Ausführung  angiebt  oder  zugänglich  macht,  vorausgesetzt,  dass  die  That 
wirklich  begangen  ist;  4.  wer,  ohne  als  Thäter  bestraft  werden  zu  können, 
durch  Anstiftung  oder  Bestechung,  Geschenke,  Versprechungen,  Befehlseiteilung, 
Drohungen  oder  hinterlistige  Kunstgriffe  die  Begehung  eines  Delikts  bewirkt, 
das   ohne  diese  nicht  begangen  wäre. 

Der  Gehülfe  wird  milder  bestraft  als  der  Thäter;  die  ihn  treffende  Strafe 
beträgt  nur  zwei  Drittel  der  gegen  den  letzteren  angedrohten  (Art.  27  Abs.  1). 
Ist  der  Hauptthäter  zum  Tode  verurteilt,  so  muss  der  Gehülfe  der  Hinrichtung 
beiwohnen;  nur  Kranke  und  schwangere  Frauen  sind  hiervon  befreit  (Art.  28). 

c)  Helfer  und  Begünstiger  (auxiliador  y  fautorj  ist  nach  Art.  24: 
1.  wer  freiwillig  und  wissentlich  bei  der  Ausführung  einer  strafbaren  Handlung 
beteiligt  gewesen  ist,  ohne  bei  der  Ausführungshandlung  selbst  unmittelbar 
thätig  geworden  zu  sein  und  ohne  als  Gehülfe  (Art.  23)  zu  gelten;  2.  wer 
ohne  zuvorige  Verabredung,  jedoch  wissend,  dass  eine»,  Strafthat  begangen 
werden  soll,  und  ohne  ferner  bei  der  Ausführung  mitzuwirken,  den  Thäter 
freiwillig  zu  der  letzteren  begleitet  oder  sich  mit  ihm  die  Ergebnisse  ders(»lben 
zu  Nutze  macht  (se  aprovechan  con  el  reo  principal  de  las  consecu(»ncias  del 
delito) ;  3.  wer,  nachdem  er  freiwillig  und  wissentlich  die  Begehung  eines  Ver- 
brechens befohlen,  angeraten,  beschrieben  oder  erleichtert,  oder  durch  Verleitung, 
Drohung  oder  Aufforderung  dazu  angestiftet  hat,  nicht  die  Begehung  des  von 
ihm  beabsichtigten  Delikts  bewirkt,  falls  nicht  durch  weitergehende  Thätigkeit 
(exceso)  oder  Absicht  des  Ausführenden  ein  scliwererf»s  oder  von  dem  beab- 
sichtigten verschiedenes  Delikt  begangen  wird;  4.  wer  freiwillig  durch  Reden, 
Anraten,  Auskunftserteilung,  Belehrung,  Befehle  oder  anden^  schuldhafte  Mittel 
zur  Begehung  eines  Delikts  beigetragen  hat,  auch  ohne  unmittelbar  dazu  auf- 
gefordert zu  haben;  5.  wer  vor  Begehung  der  That  freiwillig  mit  einem  der 
Hauptthäter  oder  Gehülfen  verabredet,  dass  (»r  eine  dieser  Personen  oder  die 
bei  der  Begehung  benutzten  Waffen,  Instrumente  oder  Werkzeuge  oder  einen 
durch  die  That  luTvorgebrachten  Gegenstand  bei  sich  aufnehmen  oder  ver- 
bergen oder  die  vorcu'wähnten  Gegenstände  ganz  od(»r  teilweise  kaufen,  ver- 
kaufen oder  verteilen  werde;  6.  wer  freiwillig  und  wissentlich  als  Spion  oder 
Aufpasser  dient  oder  den  Thäter  bei  Ausführung  der  That  beschützt  oder 
ihm  Unterkunft  gewährt,  Nachrichten  verschafft  oder  Hülfe  leistet,  ohne  unter 
die  Bestimmungen  des  Art.  23  (Beihülfe)  zu  fallen,  oder  den  Thäteni  Mittel 
gewährt  um  sich  zu  versammeln  oder  ihnen  vor  der  Begehung,  in  Kenntnis  des 
beabsichtigten  Delikts,  Schutz  oder  Verteidigung  zusichert. 

Die  Strafe  des  „auxiliador"  ist  ebenfalls  geringer  als  die  des  Thäters 
und  beträgt  mindestens  die  Hälfte  und  höchstens  zwei  Drittel  der  letzteren 
(Art.  27  Abs.  2).  D(;r  Begünstiger  eines  zum  Tode  Veinirteilten  muss  ebenso 
wie  der  Gehülfe  der  Hinrichtung  beiwohnen  (Art.  28;  Ausnahmen:  Krank(»  und 
schwangere  Frauen). 

Strafgesetzgfbung  der  Gegenwart.    II.  7 


98  Columbia.  —  Der  allgemeine  Teil  des  Strafg-esetzbucher*. 


d;  Hehlertä  ist  in  Columbia,  wie  in  den  meisten  spanisch-amerikanischen 
Staaten,  nicht  ein  besonderes  Delikt,  sondern  eine  allgemeine  Begehungsfonn 
der  strafbaren  Handlungen.  Hehler  (encubridor)  ist  nach  Art.  25:  1.  wer  frei- 
willig, ohne  vor  der  Begehung  der  That  von  dieser  Kenntnis  gehabt  oder 
über  diese  Verabredungen  getroffen  zu  haben,  nach  der  Begehung  den  oder 
die  Thäter,  Gehiilfen  oder  Begünstiger  bei  sich  aufnimmt,  oder  verbirgt,  sie 
beschützt  oder  verteidigt  od<»r  ihnen  Hülfe  leistet  oder  Nachricht  giebt,  damit  sie 
sich  vorsehen  oder  flüchten  können,  oder  die  bei  Begehung  der  That  benutzten 
Waffen,  Werkzeuge  oder  Geräte  bezw.  die  durch  das  Delikt  hervorgebrachten 
Gegenstände  in  Kenntnis  dieser  Eigenschaften  verbirgt,  kauft,  verkauft  oder 
verteilt;  2.  wer  freiwillig,  wenn  auch  ohne  Kenntnis  des  bestimmten  Delikts, 
das  begangen  worden  ist,  die»  dabei  Beteiligten  in  Kenntnis  dieser  ihrer  Eigen- 
schaft aufnimmt,  verbirgt  oder  beschützt,  ihnen  einen  Vei'sammlungsort  oder  ein 
sicheres  Versteck  gewährt,  ihre  Waffen  versteckt  oder  ihnen  Mittel  und  Wege 
angiebt  um  sich  vor  Ergreifung  zu  schützen;  3.  wer  wissend,  dass  die  Be- 
gehung einer  Strafthat  geplant  ist,  obwohl  er  in  der  Lage  ist,  den  Behörden 
hiervon  Kenntnis  zu  geben,  es  unterlässt,  dieses  derartig  zu  thun,  dass  die 
Verhinderung  möglich  ist;  4.  wer  wissend,  an  welchem  Orte  sich  ein  flüchtigcT 
oder  abwesender  Verbrecher,  der  abgeurteilt  werden  soll,  befindet,  es  unter- 
lässt, hiervon  der  Obrigkeit  Kenntnis  zu  geben. 

Die  Strafe  des  Hehlers  beträgt  mindestens  ein  Viertel  und  höchstens  die 
Hälfte  der  für  den  Thäter  angedrohten  (Art.  27  Abs.  3).  Die  zu  Gunsten 
gewisser  naher  Verwandten  begangene  Hehlerei  bleibt  straflos,  wenn  sie  nicht 
in  gewinnsüchtiger  Absicht  geschah  (Art.  32  j. 

Die  vorstehenden  Bestimmungen  über  Thäterschaft  und  Teilnahme  illustrieren 
den  unwissenschaftlichen  Geist  des  Gesetzes  zur  Genüge:  viele  Worte  aber  wenig 
Klarheit;  die  Begriffe  „Thäter"  und  „Gehülfe"  fliessen  in  einander,  ebenso  sucht 
man  vergebens  nach  einem  begrifflichen  Unterschied  zwischen  dem  „auxiliador"  ^) 
und  dem  „encubridor". 

3.  Fälle  der  Straflosigkeit  (Kap.  2:  Personas  excusables).  Das  Gesetz 
(Art.  29)  kennt  vier  allgemein,  d.  h.  bei  allen  Delikten  wirkende  Strafaus- 
schli(?ssungsgründ(?. 

a)  Geisteskrankheit  (verdadera  demencia  6  locura)  und  dieser  gleich- 
stehende unfreiwillige  Beraubung  des  Vernunftgebrauchs;  selbstverschuldete 
Tninkenheit  hat  weder  Ausschluss  noch  Ennässigung  der  Strafe  zur  Folge; 
dass  sie  selbstverschuldet  ist,  wird  angenommen,  bis  der  Thäter  das  Gegenteil 
erweist;  hat  er  nachweislich  geistige  Getränke  zu  sich  genommen  in  der  Ab- 
sicht, sich  zu  betrinken,  so  ist  er  selbst  für  die  im  Zustande  völliger  Bewusst- 
losigkeit  begangenen  Handlungen  strafrechtlich  verantwortlich  (Art.  30);  du* 
Begehung  der  That  in  voi'sätzlich  herbeigeführter  Tninkenheit  bildet  einen 
ei'schwerenden  Umstand  (Art.  117  Z.  9). 

b)  Unwidei-steh liehe  Gewalt  oder  bindender  B(»f(»lil. 

c)  Lebensalter  unter  7  Jahren;  jug(Midliche  Übelthäter  im  Alter  zwischen 
7  und  12  JahrcMi  werden  ebenfalls  nicht  bestraft,  sondern  ihren  Eltern  und 
Vormündern  zur  Erziehung  übergeben,  oder  wenn  diese  Personen  nach  be- 
gründeter Ansicht  hierzu  ung(»eignet  sind  oder  der  Thäter  unverbesserlich  ist, 
in  eine  Erziehungsanstalt  (casa  de  reclusiön)  untergebracht.  Die  Dauer  der  Unter- 
bringung richtest  sich  nach  der  Schw(»r(»  der  That  und  den  sie  begleitenden 
Umständen,  kann  jc^doch  nicht  über  das  vollendet<»  achtzehnte  Lebensjahr  des 
Thäters  ausged(»hnt  werden  (Art.  31). 


M  Während   da?«   Gesetz   in    Art.  24   von    „auxiliadores   y    fautores*^    spricht,   ist 
später  (vgl.  Artt.  27.  '2S)  nur  noch  von  „aiixiliadores"  die  Kode. 


Das  Strafensystem.  99 


d)  Zufall.  Die  Herbeiführung  eines  nicht  vorherzusehenden  Schadens 
hei  Vornahme  einer  erlaubten  Handlung  oder  Unterlassung  mit  der  nötigen 
Sorgfalt  bleibt  straflos  (Art.  29  Z.  4). 

4.  Civilrechtliche  Haftung  für  die  Handlungen  anderer  Personen 
(Kap.  3,  Art.  38j.  Für  die  Folgen  der  von  Hauskindern,  Mündeln,  Dienstboten 
und  sonstigen  Gewaltunterworfenen  begangenen  Delikte  haften  die  Gewalthaber, 
jedoch  nur  subsidiär,  nach  Massgabe  der  Civilgesetze. 

5.  Von  den  Verurteilten,  die  sich  durch  die  Flucht  oder  auf 
andere  Weise  der  Strafvollstreckung  zu  entziehen  suchen,  handelt 
Kap.  4,  Artt.  84 — 38.  In  diesen  Fällen  tritt  teils  Verlängerung  der  Strafdauer, 
teils  Strafverschärfung  ein. 

HI.  Dritter  Titel.  Von  den  Strafen  und  ihrer  Vollstreckung; 
Artt.  39 — 116;  sieben  Kapitel. 

1.  Einteilung  der  Strafen  und  allgemeine  Grundsätze  (Kap.  1). 
Das  Gesetz  unterscheidet:  körperliche  und  nicht  körperliche  Strafen  (penas 
corporales  —  no  corporales,  Art.  39;.  Körperliche  Strafen  sind:  Todesstrafe, 
Zuchthaus,  Einschliessung  f Festungsgefängnis) ,  Gefängnis,  Haft,  Aufenthalts- 
verbot und  Eingi'enzung.  Mit  Ausnahme  von  Gefängnis,  Haft  und  Eingrenzung 
gelten  sie  sämtlich  als  „penas  aflictivas"  im  Sinne  des  Art.  16  Z.  III  der  Ver- 
fassung von  1886,  d.  h.  sie  haben  den  Verlust  des  Staatsbürgerrechts  zur 
Folge  (Art.  40j.  Die  Verurteilung  zu  Zuchthaus  und  Festungshaft  bewirkt 
ausserdem  den  Verlust  aller  öffentliclien  Ämter,  sowie  der  etwa  bezogenen 
Pensionen  und  den  dauernden  Ausschluss  von  der  Ausübung  aller  politischen 
Rechte  (Art.  42;.  —  Niclit  köi-perliche  Strafen  sind:  zeitiger  oder  dauernder 
Verlust  einzelner  oder  aller  politischen  Rechte;  zeitige  oder  dauernde  Unfähig- 
keit zur  Bekleidung  eines  bestimmten  öffentlichen  Amtes  oder  zur  Ausübung 
eines  bestimmten  Berufes  oder  Gewerbes;  dauernde  oder  zeitweilige  Entziehung 
eines  Amtes  oder  einer  Pension;  Veq)flichtung  zur  Leistung  von  Friedens- 
bargschaft; Stellung  unter  obrigkeitliche  Aufsicht;  Busse;  Verweis  (Art.  41).  — 
Die  Dauer  zeitiger  Strafen  wird  von  der  Verkündung  des  Endurteils  an  ge- 
rechnet (Art.  43;;  ein  Tag  =  24  Stunden,  ein  Monat  =  30  Tagen,  als  Jahr 
gilt  das  Kalenderjahr  (Art.  44).  Einem  Angeklagten,  der  sich  in  unmittelbarer 
Lebensgefahr  befindet  oder  nahe  Angehörige  durch  den  Tod  verloren  hat,  ist 
ein  verurteilendes  Erkenntnis  erst  nach  Beseitigung  der  Gefahr  bezw.  erst  nach 
dem  neunten  Tage  seit  dem  Eintritt  des  Todesfalls  mitzuteilen  (Art.  45).  An 
Geisteskranken  darf  eine  Strafe  nicht  vollstreckt  werden,  auch  soll  einem 
solchen  von  dem  Urteil  keine  Kenntnis  gegeben  werden;  das  Erkenntnis  ist 
nach  Verlauf  von  vierzehn  Tagen  seit  der  Verkündung  dem  für  den  Verur- 
teilten ernannten  Pfleger  zuzustellen  und  wird  alsdann,  jedoch  nur  bezüglich 
der  darin  verhängten  Geldstrafe,  vollstreckbar  (Art.  46;. 

2.  Körperliche  Strafen.  (Kap.  2.)  a)  Die  Todesstrafe  wird  durch 
Erschiessen  (por  las  armas)  vollstreckt,  und  zwar,  nach  Bestimmung  des  Gerichts, 
an  öffentlichem  Platze  oder  im  Inneren  des  Gefängnisses,  stets  aber  öffentlicli 
(Artt.  48,  49;.  An  Sonn-  und  Feiertagen  sowie  während  der  Stillen  Woche  ist 
die  Vollziehung  verboten  (Art.  47).  Das  Ceremoniell  (schwarzes  Gewand,  Be- 
gleitung des  Geistlichen,  Verlesung  der  Urteilsfomiel  u.  s.  w.,  Artt.  50,  51)  ist 
einfach  und  unterscheidet  sich  z.  B.  vorteilhaft  von  Ecuador,  Strafgesetzbuch  von 
1873  Artt.  13 — 19  (vgl.  oben  S.  27).  Bei  Schwangeren  ist  mit  der  Verkündung  und 
Vollstreckung  des  Urteils  bis  zum  vierzigsten  Tage  nach  der  Entbindung  zu 
warten  (Art.  53;.  Die  gegen  einen  noch  nicht  18  Jahre  alten  Angeklagten 
erkannte  Todesstrafe  ist  nach  Art.  54  durch  die  Regierung  in  die  höchste  zu- 
lässige Festungshaft  umzuwandeln.  Wie  bereits  angedeutoit,  macht  der  Gesetz- 
geber von  der  Todesstrafe  im  besond(»ren  Teil  keinen    allzu  umfassendcMi  Ge- 

7* 


100  Columbia.  —  Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


brauch;  sie  wird  angedroht  in  den  Artt.  152  (Landesverrat  eines  öffentlichen 
Beamten),  174  (Körperverletzung  mit  tötlichem  Ausgange,  begangen  bei  Ge- 
legenheit eines  Aufruhrs  an  einem  öffentlichen  Beamten,  der  die  Menschen- 
menge in  der  gesetzlich  vorgeschriebenen  Weise  zum  Auseinandergehen  auf- 
gefordert hat),  196  (schwerer  Seeraub),  252  (bandenmässiger  räuberischer 
Überfall),  598  (schwere  Fälle  des  Mordes),  615  (schwere  Fälle  der  Verwandten- 
tötung), 624,  627  (Vergiftung  mit  tötlichem  Ausgange),  644  (Brandstiftung  in 
Tötungsabsicht).  —  Art.  30  der  Verfassimg  von  1866  besagt:  „No  habrä  pena 
de  muerte  por  delitos  politicos.  La  ley  los  definirA":  „Gegen  politische 
Delikte  darf  die  Todesstrafe  nicht  angedroht  werden.  Das  Gesetz  bestimmt, 
welche  Delikte  als  politische  anzusehen  sind".  Bis  1890  war  ein  diesbezüg- 
liches Gesetz  nicht  ergangen.  Vgl.  Angarita  a.  a.  0.,  Bd.  1  S.  45  ff.  —  b)  Zucht- 
hausstrafe (presidio)  ist  Einsperrung  in  besondere  Anstalten  mit  Verpflichtung 
zu  täglich  mindestens  neunstündiger  Arbeit  nach  Anweisung  der  Behörde; 
beträgt  die  Strafdauer  nicht  mehr  als  6  Monate,  so  kann  die  Vollstreckung 
im  Gefängnis  geschehen.  Bei  einer  Straf dauer  von  weniger  als  einem  Jahre 
wird  der  Verurteilte  nicht  gefesselt,  dagegen  muss  er  bei  mehr  als  einjähriger 
Dauer  den  Fussring  (grillete),  und  bei  mehr  als  fünfjähriger  Dauer  auch  die 
Kette  (cadena)  tragen.  Personen  über  60  und  unter  18  Jahren  sowie  Geist- 
liche, welche  zu  Zuchthaus  verurteilt  werden,  verbüssen  die  Strafe  in  den 
Festungsgefängnissen  (estabelecimientos  de  reclusiön;;  ein  Gefangener,  der  im 
Zuchthause  das  sechzigste  Lebensjahr  vollendet,  wird  auf  seinen  Wunsch  zur 
Verbüssung  des  Restes  seiner  Strafe  in  das  Festungsgefängnis  gebracht  (Art.  56). 
Die  höchste  wegen  einer  Strafthat  zulässige  Dauer  der  Zuchthausstrafe  beträgt 
grundsätzlich  20  Jahre  (Art.  57);  ein  allgemeines  Mindestmass  ist  nicht  fest- 
gesetzt. Ist  in  ein-  und  demselben  Urteil  auf  nu^hr  als  20  Jahre  Zuchthaus 
erkannt,^)  so  ist  der  Rest  im  Festungsgefängnis  zu  verbüssen.  Die  überhaupt 
zulässige  Höchstdauer  einer  Freiheitsstrafe,  die  in  keinem  Falle  überschritten 
werden  darf,  beträgt  25  Jahre  (Art.  71).  —  c)  Festungsgefängnis  (reclusiön; 
unterscheidet  sich  von  Zuchthaus  dadurch,  dass  eine  F(»sselung  der  Gefangenen, 
ausser  wenn  sie  aus  Gründen  der  Sicherheit  od«;r  der  Disziplin  erforderlich 
wird,  nicht  stattfindet,  das  Mindestmass  der  täglichen  Arbeitszeit  nur  8  Stunden 
beträgt  und  die  Gefang<»nen  gegen  ihren  Willen  nur  aus  wichtigen  Gründen 
zur  Beschäftigung  ausserhalb  der  Anstalt  v(»nvendet  werden  dürfen.  Strafen 
bis  zu  6  Monaten  werden  in  Gefängnissen  verbüsst  (Art.  58 j.  Höchstdauer: 
15  Jahre*);  eine  Mindestdauer  ist  auch  hier  nicht  festgesetzt  (Art.  59).  — 
d)  Gefängnis  (prisi6nj  ist  Einsperining  in  Einzelhaft,  soweit  sich  dieses  er- 
möglichen lässt,  mit  Befugnis  der  Wahl  d(»r  B(»schäftigung  und  Anspruch  auf 
den  vollen  Ertrag  der  Arbeit,  j(Hloch  unter  d(»r  V(»ri)flichtung,  sich  selbst  zu 
unterhalten.  AV(»r  dieses  nicht  kann,  ist  zur  Vornahme  der  ihm  innerhalb  oder 
ausserhalb  der  Anstalt  angewiesenen  Arbeit  vei'])flicht(»t  (Artt.  60,  61);  Höchst- 


*)  Der  Wortlaut  des  Anfangs  voii  Art.  71:  ^Cuando  por  un  delito  se  hayaii 
de  imponer  mas  de  veinte  afios  de  j)residio'*  steht  in  unlöslichem  Widerspruche  mit 
Art.  57,  in  welchem  gesagt  ist,  dass  „pcn*  un  delito**  auf  nicht  mehr  als  20jährige  Zucht- 
hausstrafe erkannt  werden  darf.  Anstatt  .,por  un  delito"  müsste  es  richtig  heifiseu 
„en  una  misma  sentencia".  Die  ZulHssigkeit  längerer  als  20jtthriger  Freiheitsstrafen 
(bis  zu  25  Jahren,  und  zwar  im  FnlW  des  Zusammentreffens  mehrerer  strafbarer  Hand- 
lungen) ergiebt  sich  aus  Art.  l^VJ  Abs.  :\:  „En  estos  casos  (Konkurrenz)  el  monto  total 
de  la  pena  impuesta  puede  exceder  del  imiximo  senalado  para  un  delito**  —  und 
Art.  71:  „.  .  .  .  p(^ro  en  ningiin  caso  la  pena  corporal  podra  exceder  de  veinticineo 
anos,  sea  que  el  reo  la  merezca  por  uno  o  por  varios  delitos  calificados  en  una  misma 
sentencia."  —  Das  gleiche  gilt,  mutatis  mutandis,  aucli  für  die  Höchstmasse  dc> 
Festungsgefjlngnisses  und  der  (iefMngnisstrafe. 

*)  ^  n^-  jt*doch  Art.  71  und  die  vorige  Anm. 


Da»  Strafen« vHtem.  101 


mass:  10  Jahre  (Art.  62).  —  e)  Haft  (arresto)  ist  einfache  Freiheitsberaubung 
ohne  Arbeitazwang  für  Bemittelte,  mit  Arbeitszwang  für  Unbemittelte;  die 
Verbüssung  geschieht  gewöhnlich  in  den  Gefängnissen,  kann  aber  „nach  den 
Umständen  der  Örtlichkeit,  der  That,  des  Verschuldens  oder  der  Person"  auch 
in  den  anderen  hierzu  geeigneten  öffentlichen  Gebäuden  erfolgen  (Artt.  63,  66). 
Gewissen  Personen  (anständigen  Frauen,  alten  und  gebrechlichen  Personen, 
Geistlichen)  ist  sogar  gestattet,  die  Hafl  in  Form  des  „Hausarrestes"  in  ihrer 
eigenen  Wohnung  abzusitzen;  sie  müssen  alsdann  Bürgschaft  leisten  dafür, 
dass  sie  das  Haus  während  der  Strafdauer  nicht  verlassen  werden  (Artt.  64, 
65).  Längste  Dauer:  4  Jahre,  abgesehen  von  den  Fällen,  wo  Haft  an  Stelle 
einer  anderen  Strafe  getreten  ist  (Art.  67).  —  f)  Aufenthaltsverbot  (destierro) 
ist  wegen  einer  That  für  höchstens  20  Jahre  zulässig;  wird  in  ein-  und  dem- 
selben Urteil  auf  eine  längere  Strafdauer  erkannt,  so  wird  d(»r  Rest  in  Ein- 
grenzung verwandelt  (Artt.  68,  72)  ^).  Der  mit  dem  Aufenthaltsverbot  Belegte 
wird  an  die  Grenze  des  G(»bietes,  dessen  Betreten  ihm  untersagt  ist,  geführt 
und  dort  in  Freiheit  gesetzt.  Wer  Bürgschaft  dafür  leistet,  dass  er  den  frag- 
lichen Bezirk  verlassen  und  dieses  zu  den  Akten  nachweisen  werde,  kann 
ohne  Begleitung  reisen.  Bei  Jugendlichen  unter  18  Jahren  tritt  an  Stelle  des 
Aufenthaltsverbots  Eingrenzung  von  gleicher  Dauer  (Art.  68).  —  g)  Ein- 
grenzung (confinamieuto)  besteht  in  der  Anweisung  eines  bestimmten  Wohn- 
sitzes im  Inlande,  den  der  Beurteilte  nicht  verlassen  darf;  er  muss  der  Orts- 
behörde von  seiner  W^ohnung  und  seiner  Beschäftigung  Mitteilung  machen  (Art.  70). 
3.  Nicht-körperliche  Strafen  (Kap.  III,  Artt.  73—89).  —  a)  Die 
Artt.  73 — 77  enthalten  sehr  ausführliche  B(»stimmungen  über  die  Wirkungen 
des  Verlustes  aller  oder  einzelner  bürgerlicher  Ehrenrechte,  der  Fähigkeit  zur 
Bekleidung  von  Ämtern  und  der  Entziehung  eines  Amtes.  Diese  Strafen  stehen 
der  Verwendung  des  Verurteilten  im  Kriege  nicht  entgegen.  Ist  jemand  zum 
Verlust  eines  Amtes,  einer  Stellung  u.  s.  w.  vcanirteilt,  welches  er  zur  Zeit  der 
Rechtskraft  des  Urteils  nocli  garnicht  bekk^idet,  so  tritt  an  Stelle  dieser  Strafe 
(reldstrafe,  deren  Höhe  sich  nach  der  Art  des  Amtes,  des  G(»werbes  u.  s.  w. 
riehtet  (Art.  77).  —  b)  Die  Friedensbürgschaft  (fianza  d<^  buena  conducta). 
Der  zu  ihrer  Leistung  V(»rurt(»ilte  nmss  einen  der  Obrigkeit  genehmen  leistungs- 
fähigen Bürgen  (fiador  abonado)  stellen,  der  sicli  verpflichtet,  sämtliche  Kosten 
und  Schadensersatzleistungen,  sowie  eine  Geldstrafe  von  25 — 500  Pesos  zu 
zahlen,  wenn  der  Verurt(»ilt(*  ein  ähnliches  Delikt  begeht,  wie  das,  w<*gen 
dessen  er  verurteilt  ist.  Ist  der  Verurteilte  zur  Herbeischaffang  eines  solchen 
Bürgen  nicht  imstande,  so  wird  di(*  Strafe  in  Aufentiialtsverbot  \imgewandelt : 
er  darf  sein(»n  bislierigen  Wohnsitz  und  die  Umgebung  bis  zu  mind(»stens 
100  Kilometern  (10  Myriameteni)  auf  die  Dau<T  von  6  Monaten  bis  zu  3  Jahren 
nicht  betreten  (Art.  78j.  —  c)  Die  Stellung  unter  obrigkeitliche  Aufsicht 
(sujeciön  k  la  vigilancia  (^special  de»  las  autoridad(»s)  verpflichtt't  den  Ver- 
urteilten, der  zuständig(»n  Ortsbehörde  von  seiner  Wohnung  und  Lebensweise 
Anzeige  zu  machen  und  sich  zu  den  vorgeschrielx^nen  Zeiten  persönlich  zu 
melden;  verletzt  er  diese  Verpflichtungen  oder  macht  er  sich  in  anderer  Weise 
verdächtig,  so  kann  er  eingesperrt  und  zur  Arbeit  ang(»halten  werden;  Ver- 
lassen des  ang(»vvies<Mien  Auf<»nthaltsortes  wird  mit  P'estungsgefängnis  von 
1 — 2  Jahren  bestraft  (Art.  79).  -  d)  (t eidstrafen  sind  entweder  bestimmt, 
d.  h.  auf  eine,  bestimmte  Summe  lautend,  oder  unbestimmt,  d.  h.  auf  eine 
unbestimmte  Sumnu»  oder  auf  das  Vi(»Ifache  einer  unb(»stinunten  Sunnni»  oder 
einen  Teil  d(*s  V(»rmögens  des  Angeklagten  lautend;  im  letzteren  Falle  darf 
die  Quote  höchstens  ein  Fünft(4  des  Vermögens  betragen  (Artt.  80,  81).     (leld- 


»)  Vgl.  Aiiiii.  1  auf  S.  100. 


102  Columbia.  —  Der  allgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


strafen  müssen,  wenn  nicht  Aufschub  (der  bis  za  30  Tagen  gegen  Bürgschaft 
zulässig  ist)  gewährt  ist,  binnen  drei  Tagen  nach  Zustellung  des  verurteilenden 
Erkenntnisses  bezahlt  werden,  widrigenfalls  verhältnismässige  Haft  an  die  Stelle 
tritt.  Bei  unbestimmten  Verurteilungen  wird  vor  der  Zustellung  seitens  des 
Vollstreckungsbeamten  (recaudadorj,  nötigenfalls  mit  Hülfe  von  Sachverständigen, 
der  Betrag  festgestellt  (Art.  83).  Als  einen  Fall  der  „multa"  betrachtet  das 
Gesetz  anscheinend  auch  die  Einziehung  der  bei  der  Strafthat  benutzten  Gegen- 
stände (Art.  85),  so^vie  die  solidarische  (mancomunadamente)  Haftung  aller  bei 
der  That  Beteiligten  für  Strafe,  Kosten  und  Schadensersatz  (Artt.  86,  87,  88).  — 
e)  Der  Verweis  (apercibimiento  jucidial)  ist  die  einfache  Erklärung  des  Richters, 
dass  der  Angeklagte  seine  Pflicht  verletzt  hat  (Art.  89). 

4.  Wiedereinsetzung  in  den  vorigen  Stand  (^rehabilitaciön,  Kap.  IV, 
Art.  90)  ist  bei  Ehrenstrafen  zulässig,  wenn  der  Veinirteilte  die  etwa  ausserdem 
erkannten  anderen  Strafen  verbüsst  und  sich  längere  Zeit  (4  bezw.  8  Jahre) 
tadellos  geführt  hat. 

5.  Verjährung  (prescripciön  de  las  penas,  Kap.  V,  Artt.  92 — 99).  Das 
Gesetz  kennt  sowohl  das  Erlöschen  des  Rechts  der  Strafverfolgung  durch  Ver- 
jährung, wie  die  Verjährung  der  rechtskräftig  erkannten  Strafe.  —  Das  Recht 
zur  Strafverfolgung  (el  derecho  de  imponer  penaj  geht  ausser  durch  den  Tod 
des  Schuldigen  (Art.  92)  unter  durch  Ablauf  von  40  Jahren,  wenn  das  Delikt 
mit  dem  Tode,  von  10  Jahren,  wenn  es  mit  einer  höchstens  fünfjährigen  körper- 
lichen Strafe,  von  4  Jahren,  wenn  es  mit  einer  anderen  Strafe  bedi'oht  ist. 
Bei  Antragsdelikten  beträgt  die  Frist  ein  Jahr,  bei  den  mit  mehr  als  fünf- 
jährigen köi*perlichen  Strafen  bedrohten  Strafthaten  das  doppelte  der  höchsten 
zulässigen  Strafe,  höchstens  aber  35  Jahre  (Artt.  93 — 95,  98).  Die  Verjährung 
der  Strafverfolgung  beginnt  mit  dem  Augenblick,  in  welchem  die  That  voll- 
endet oder  fehlgeschlagen  oder  die  letzte  Versuchshandlung  vorgenommen  ist, 
die  letzte  Verabredung  oder  die  letzte  Aufforderung  zur  Begehung  stattgefunden 
hat;  bei  Dauerdelikten  (delitos  crönicos)  oder  fortgesetztem  Handeln  (delitos 
continuados)  ist  der  Zeitpunkt  des  Aufhören s  bezw.  der  letzten  Begehung  mass- 
gebend (Art.  96).  —  Die  Verjährung  der  erkannten  Strafe  beginnt  mit  der 
Erlassung  des  Urteils;  die  Fristen  sind  dieselben  wie  bei  der  Verfolgungs- 
verjährung;  jedoch    sind   erkannte   dauernde   Strafen   unverjährbar   (Art.  97). 

6.  Amnestie  und  Straferlass  (amnistfa  e  indulto,  Kap.  VI,  Artt.  100 
bis  106)  sind  nur  bei  Delikten  gegen  die  öffentliche  Ordnung  und  nur  bezüg- 
lich bereits  begangener  Thaten,  nicht  auch  für  zukünftige,  zulässig.  Sie  haben 
auf  die  einer  Privatpei*son  gegenüber  etwa  bestehende  Entschädigungspflicht 
nur  dann  Einfluss,  wenn  dic^ses  besondei-s  ausgesprochen  ist;  in  diesem  Falle 
erfolgt  di(^  Entschädigung  von  Staats  wegen.  Die  Amnestie,  deren  Erlass  nur 
dem  Kongresse  zusteht,  fingiert,  dass  die  begangene  That  nicht  begangen  sei; 
der  Straferlass,  der  seitens  des  Kongress(»s  oder  der  Regieining  erfolgen  kann, 
stellt  das  Vorhandensein  einer  Strafthat  fest,  gewährt  aber  Verzeihung  für  sie; 
der  von  dem  Straferlass  Betroffene  kann  ihn  zurückweisen  und  Einleitung 
oder  Fortführung  des  Verfahrens  verlangen,  wenn  nicht  dieses  im  Erlasse  aus- 
drücklich verboten  ist  (Art.  105 j. 

7.  Umwandlung  und  Ermässigung  der  Strafen  ('sustituciön  y  rebaja 
de  penas,  Kap.  VIT,  Artt.  107—116;  durch  die  R(*gierung  oder  einzelne  von 
dies<»r  dazu  ermächtigte  Beamte  ist  in  weitem  Umfange,  teils  ganz  allgemein 
für  bestimmte  Straf  arten  und  b(»i  bestimmten  D(»likten,  teils  aus  einzelnen  be- 
sonderen Gründen  zugelassen.  Solche  Gründe  sind  z.  B.:  körperliche  Verhält- 
nisse des  Sträflings,  gute  Führung,  thatkräftige  Unterstützung  der  Gefängnis- 
beamten bei  ausgebrocliener  Meuterei  u.  s.  w.  Die  (einzelnen  sehr  kasuistisch 
gehaltenen  Voi'sehriften  bieten  kein  besonderes  Inter(»sse. 


Erschwerende  und  mildernde  Umstände.  103 


IV.  Vierter  Titel.  Erschwerende  und  mildernde  Umstände.  — 
Abstufung  der  strafbaren  Handlungen  und  Strafzumessung.  Artt.  117 
bis  149;  drei  Kapitel. 

1.  Erschwerende  Umstände  (circunstancias  agravantes,  Art.  117)  all- 
gemeiner Natur  kennt  das  Gesetz  elf,  damnter  z.  B.:  ])e8ondere  Höhe  des 
Schadens,  des  Aufsehens,  der  hervorgerufenen  Unordnung;  besondere  Häufigkeit 
der  Deliktsart;  besondere  Bosheit,  Arglist  u.  s.  w.  des  Thäters  und  besondere 
Veipflichtung  für  ihn,  die  That  nicht  zu  begehen;  hohe  Zahl  der  bei  der  That 
Beteiligten;  Anwendung  von  Waffen  bei  einer  That,  welche  sonst  ohne  solche 
begangen  zu  werden  pflegt  und  Begehung  der  That  bei  Gelegenheit  eines 
Aufstandes,  einer  Feuersbrunst  und  ähnlicher  Ereignisse;  besondere  Öffentlich- 
keit und  Heiligkeit  des  Begehungsortes;  Missbrauch  des  Ansehens,  welches 
der  Thäter  anderen  bei  der  That  Beteiligten  gegenüber  hatte;  Begehung  der 
That  in  vorsätzlich  herbeigeführter  Trunkenheit;  besondere  Eigenschaften 
(hohes  Alter,  weibliches  Geschlecht,  Krankheit,  Gebrechlichkeit  u.  s.  w.)  des 
Opfers;  tadelnswerte  Führung  des  Thäters  vor  oder  nach  Begehung  der  That. 
Ausserdem  bezeichnet  das  Gesetz  im  besonderen  Teile  zahlreiche  Momente  als 
bei  der  Beurteilung  einzelner  Delikte  erschwerend  ins  Gewicht  fallend.  Nach 
Art.  119  Abs.  1  hat  der  Richter  die  Befugnis,  auch  Umstände,  welche  in 
Art.  117  nicht  erwähnt,  aber  einem  dort  erwähnten  analog  sind,  als  er- 
schwerend anzusehen.  Ausserdem  sind  nach  Artt.  143 — 145  solche  Vorbe- 
strafungen, welche  den  Rückfall  nicht  begründen,  bei  der  Strafzumessung  als 
erechwerende  Umstände  zu  berücksichtigen.  Bei  der  Festsetzung  einer  Geld- 
strafe ist  Reichtum  des  Angeklagten  als  ei'schwerender  Umstand  zu  berück- 
sichtigen (Art.  119  Abs.  2). 

2.  Mildernde  Umstände  (circunstancias  atenuantes)  von  allgemeiner 
Bedeutung  werden  in  Art.  118  sechs  aufgeführt:  jugendliches  oder  hohes  Alter 
sowie  mangelhafte  Einsicht  dos  Thäters;  Begehung  der  That  unter  dem  Ein- 
flüsse mächtiger  Affekte,  Gefühle  oder  Zustände  (Not,  Liebe,  Freundschaft, 
Dankbarkeit,  Provokation,  plötzliche  leidenschaftliche  Aufwallung);  Begehung 
infolge  von  Drohungen  oder  von  Verführung,  ohne  dass  diese  die  That  straf- 
los machen  (vgl.  Art.  29  Z.  2j;  erstmalige  Straffälligkeit  bei  bisheriger  guter 
Führung;  freiwillige  Gestellung  bei  der  Obrigkeit  und  wahrheitsgemässes  Ge- 
ständnis; unvei-schuldete  Trunkenheit  bei  Begehung  der  That.  Analoge  Aus- 
dehnung dieser  Thatbestände  ist  auch  hier  zulässig  (Art.  119  Abs.  1);  Ammt 
des  Angeklagten  ist  bei  Ausmessung  einer  Geldstrafe  mildernd  in  Betracht 
zu  ziehen  ('Art.  119  Abs.  2). 

3.  Einteilung  der  strafbaren  Handlungen  in  (irade.  Das  Gesetz 
unterscheidet  bei  jedem  Delikt  drei  Grade:  den  ersten  (seh weitsten),  den  zweiten 
(mittlerenj  und  den  dritten  (leichtesten)  Grad  (Art.  121j.  Der  Richter  muss 
in  jedem  einzelnen  Falle,  wenn  nicht  das  Gesetz  eine  absolut  bestimmte  Strafe 
androht,  feststellen,  welcher  (irad  der  That  als  vorliegend  zu  erachten  ist; 
dabei  sind  alle  Nebenumständc;  der  That,  besondei-s  die  etwa  vorhandenen 
erschwerenden  und  mildernden  Umständen  in  Betracht  zu  ziehen  (Artt.  120, 
122,  125).  Das  (lesetz  giebt  in  Art.  123  die  starre  und  wenig  praktische 
Vorschiift,  dass  b(4  Vorliegen  von  erschwerenden  und  F(»hlen  von  mildernden 
Umständen  stets  der  erste  Grad,  bei  Vorhandensein  von  mildernden  und  Ab- 
wesenheit von  erschw(irenden  stets  der  dritte  Grad,  und  bei  Zusammentreffen 
beider  Arten  stets  der  zweite  (irad  als  vorlic^gend  anzunehmen  ist.  Von  der 
Feststellung  des  Grades  hängt  die  Strafzumessung  ab.  Die  Strafe  (Art.  124) 
beträgt:  bei  einem  Delikte  ei-sten  Grades:  das  vom  Gesetze  angedrohte  Höchst- 
mass,  das  um  den  sechsten  Teil  der  Differenz  zwischen  dem  Höchst-  und  dem 
Mindestmass    (hasta   una   sexta    parte   d(»   la   dif(4'encia   entn»   el  maximo  y  el 


104  Columbia.  —  Der  aUgemeine  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


minimo)  ermässigt  werden  kann;  bei  einem  Delikte  zweiten  Grades  ist  zu  ver- 
hängen: der  Durchschnitt  zwischen  dem  angedrohten  Höchst-  und  Mindestmass, 
der  nur  um  ein  Sechstel  der  Differenz  zwischen  beiden  vermindert  oder  er- 
höht werden  kann;  —  bei  einem  Delikte  dritten  Grades:  das  Mindestmass  der 
angedrohten  Strafe,  das  um  ein  Sechstel  des  Unterscliiedes  zwischen  Mindest- 
und  Höchstmass  erhöht  werden  kann.  In  allen  diesen  Fällen  soll  die  Straf- 
zumessung nach  vernünftigem  Ermessen  des  Richters  (al  prudente  juicio  de 
los  Jueces)  geschehen.  In  den  Fällen,  in  denen  das  Gesetz  Teile  einer  Strafe 
androht,  werden  gewisse  ihrer  Natur  nach  unteilbare  Strafen  (Todesstrafe, 
Entfernung  aus  einem  Amte  und  dauernde  Aberkennung  von  Rechten)  dadurch 
zu  teilbaren  gemacht,  dass  die  Todesstrafe  als  einer  20  jährigen  Zuchthaus- 
strafe für  gleichwertig  erachtet  und  die  Dauer  der  Entfernung  vom  Amte  als 
4  jährig,  die  der  Aberkennung  von  Rechten  als  20  jährig  fingiert  wird  (Art.  126;. 
Das  Gesetz  hebt  aber  ausdrücklich  hervor,  dass  Verweis  und  Friedensbürg- 
schaft stets  unteilbar  sind  (Art.  127).  Bruchteile  von  Tagen,  die  sich  bei  der 
Berechnung  einer  Strafe  ergeben,  sind  nach  unten,  wenn  es  sich  aber  um  die 
Berechnung  einer  Strafermässigung  handelt,  nach  oben  auf  volle  Tage  abzu- 
runden (Art.  128).  Im  Zweifel  ist  die  mildere  Strafe  anzuwenden  (Art.  129). 
Zwischen  mehreren  vom  Gesetze  zur  Wahl  gestellten  Strafarten  soll  der  Richter 
nach  seinem  Ermessen  die  geeignete  auswählen,  niemals  aber  dem  Angeklagten 
die  Auswahl  überlassen  (Art,  130). 

4.  Zusammentreffen  mehrerer  strafbarer  Handlungen  (Aitt.  IHl 
bis  135).  Wird  jemand  wegen  mehrerer  Strafthaten  gleichzeitig  abgeurteilt, 
von  denen  eine  mit  dem  Tode  bedroht  ist,  so  sind  auss(»r  der  Todesstrafe 
stets  alle  anderen  von  ihm  verwirkten  Strafen  im  Urteil  einzeln  aufzuführen; 
in  der  Regel  wird  nur  die  erstere  und  daneben  die  etwa  erkannte»  Geldstrafe 
vollstreckt,  die  übrigen  Strafen  gelangen  nur  zur  Vollstreckung,  wenn  die 
Todesstrafe»  in  eine  andere  Strafe  umgewandelt  wird  (Art.  131j.  Treffen 
Aufenthaltsverbot,  Eingrenzung,  Verpflichtung  zur  Stellung  von  Friedensbürg- 
sehaft  und  Stellung  unter  obrigkeitliche  Aufsicht  einerseits  —  und  Zuchthaus, 
Festungsgefängnis,  Gefängnis  und  Haft  andererseits  zusammen,  so  werden  die 
letzteren  zuerst  und  dann  (»rst  die  ersteren  vollstreckt;  treffen  nur  die  ei*steren 
unter  sich  zusammen,  so  gelangen  sie  in  der  angegebenen  Reihenfolge  zur 
Vollziehung  (Art.  132).  Treffen  die  h^tzteren  unter  sich  zusammen,  so  findet 
eine  Erhöhung  der  Dauer  der  schwersten  Strafe  statt,  indem  2  Jahre  Zucht- 
haus =  3  Jahre  Festungsgefängnis  =  4  Jahren  Gefängnis  =  8  Jahre  Haft 
gereciniet  w(»rden;  in  diesem  Falle  darf  das  gesetzlich  zulässige  Höchstmass 
übei*sch ritten  wenh'u  (Art.  133).  Diese  Bestimmung  findet  auch  dann  An- 
wendung, wenn  die»  Aburteilung  in  mehreren  Proz(»ssen  erfolgt  (Art.  134). 
Besondere  Besthnmungen  treffen  die  Artt.  135 — 137  für  di<'  Umwandlung  einer 
nicht  beig(^tri(»b(»nen  Geldstrafe»;  dies<»  gesciiieht,  wenn  der  Schuldige  ausserd(*m 
zu  Zuchthaus  oder  Gefängnis  bezw.  zu  Aufenthaltsverbot,  Eingrenzung  oder 
Friedensbürgschaft  verurteilt  war,  in  diejenige  Straf art,  welche  gegen  ihn  nach 
den  Vorschriften  der  Artt.  132,   133  und   134  vollstreckt  wird. 

5.  Rückfall  (^reincidencias,  Kap.  III,  Artt.  140—149).  Rückfällig  im 
Sinnen  des  Strafgesetzbuches  ist,  wer,  nachdem  er  bereits  mit  Zuchthaus  oder 
Festungsgefängnis  bestraft  ist,  aufs  n<»u(*  (mu  mit  (»iner  dii'ser  Strafen  bedrohtes 
Delikt  begeht  (Artt.  140  Abs.  1,  148,  149).  Es  ist  dabei  einflusslos,  ob  er  als 
Thät<*r,  Geliülfe  oder  in  anderer  Weist'  bet<»iligt  ist,  sowie  ob  es  sich  um  eine 
vorsätzliche  oder  fahrlässige  Begehung,  eine  volh*ndete,  fehlg(\schlagene  oder 
versuchte  That  handelt.  Jedoch  werden  einzelne  Delikte  hol  der  Feststellung 
des  Rückfall(»s  nicht  mitgerechnet,  nämlich:  gewisse  privilegierte  Fälle  der 
Tötung  (Artt.  601—604,  606—608,  617),  fahrlässige  Tötung  (Art.  613),  fahr- 


§  4.   Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuchen.  105 


lässige  Vergiftung  von  Wasserleitungen,  Brunnen  u.  s.  w.  (Alt.  626;,  gewisse 
Fälle  der  Körperverletzung  (Artt.  660,  661,  668 — 665;.  Ausserdem  kommen 
nicht  in  Betracht:  die  Verurteilungen  wegen  Verabredung  zur  Begehung  eines 
Deliktes  (conjuraciön)  (Art.  144)  und  wegen  Übertretung  eines  Polizei-,  Steuer- 
oder anderen  Spezialgesetzes  (contravenciön  k  las  leyes  de  policia,  fiscalc»s 
y  otras  especiales).  Die  dieserhalb  erlittenen  Vorstrafen,  sowie  vorher  erfolgte 
Verurteilungen  zu  anderen  Strafarten  als  Zuchthaus  und  Festungsgefängnis, 
die  also  Rückfall  nicht  begrtlnden,  sind  indes  bei  der  Strafzumessung  als  er- 
schwerende Umstände  zu  berücksichtigen  (Artt.  143,  144,   145). 

Rückfall  bewirkt  Erhöhung  der  regelmässigen  Strafe;  die  Berechnung 
ist  hierbei  genau  vorgeschrieben  und  für  die  theoretisierende  Neigung  des 
columbischen  Gesetzgebers  so  bezeichnend,  dass  ich  mir  nicht  versagen  kann, 
den  betr.  Teil  des  Art.  142  in  wörtlicher  Übersetzung  hier  anzuführen:  „Man 
nimmt  die  für  das  neue  Delikt  verwirkte  Strafe  und  die  in  den  bereits  voll- 
streckten Urteilen  ausgesprochenen  Strafen  abzüglich  etwaiger  wegen  Rückfalls 
erfolgter  Straf erhöhungen ,  teilt  die  Summe  dieser  Strafen  durcli  die  Anzahl 
der  Delikte  und  multipliziert  den  Quotienten  mit  der  Anzahl  der  Rückfälle,  i) 
Das  Produkt  ergiebt  die  bei  der  verwirkten  Strafe  vorzunehmende  Erhöhung. 
Bei  dieser  Berechnung  wird  das  Jahr  zu  12  Monaten  und  der  Monat  zu 
30  Tagen  gerechnet.  Ist  bei  einem  ersten  Rückfall  der  Betrag  der  Erhöhung 
grösser  als  der  Betrag  der  zu  erhöhenden  Strafe,  so  bildet  die  letztere  d<»n 
Multiplikand,  der  mit  der  Anzahl  der  Rückfälle  zu  multiplizieren  ist,  um  den 
endgültigen  Betrag  der  Erhöhung  zu  erhalten.  Um  diese  Operationen  vor- 
nehmen zu  können,  sind  die  früher  erkannten  Strafen  nach  Massgabe  d(»s 
Art.  133 -)  umzurechnen". 

Ist  die  nach  diesen  Grundsätzen  zu  verhängende  Zuchthaus-  oder  Festungs- 
gefängnisstrafe grösser  als  das  gesetzlich  zulässige  Höchstmass,  so  wird  nur 
dieses  letztere  in  der  eigentlich  verwirkten  Strafart,  der  Rest  aber  in  der  der 
Schwere  nach  unmittelbar  darauf  folgenden  Strafart  vollstreckt;  die  Reihen- 
folge der  Strafen  ihrer  Schwere  nach  ist:  Zuchthaus,  Festungsgefängnis,  (tc- 
fängnis,  Haft  (Art.  147);  letztere  dürfte  j<»doch ,  obwohl  sie  das  Gesetz  aus- 
drücklich an  dieser  Stelle  mit  erwähnt,  praktisch  nicht  in  Frage  kommen. 
Im  Falle  des  Zusammentreffens  mehrere  I)(*likt(^  sind  ausserdem  die  Bestim- 
mungen des  Art.   133  zu  beachten. 

c)  §  4.    Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches. 

Der  den  einzelnen  Deliktcni  und  ihrer  Bestrafung  gewidmete  Teil  des  Straf- 
gesetzbuches umfasst  die  Artt.  150 — 916  und  zerfällt  in  zwei  Bücher  (Buch  IT 
und  III  des  Gesetzes).  Der  Stoff  ist  unt(»r  diese  derart  verteilt,  dass  Buch  II 
die  gegen  die  Nation  und  die  Gesellschaft  g(»richt(»ten,  sowie  die  von  öffent- 
lichen Beamten  begangenen  Delikte,  Buch  III  die  strafbaren  Handlungen  gegen 
Privatpersonen  behandelt;  ausserdem  bilden  (li(^  Artt.  911 — 91()  einen  Schluss- 
titel, der  einige  allgemeine  Vorschriften  enthält. 


^)  Die  Anzahl  der  Rückfälle  entsprk-Iit  der  Anzahl  von  Bestrafungen,  welche 
der  Angeklagte  innerhalb  der  letzten  10  Jahre  vor  der  Regelung  des  in  Frage  stehen- 
den Delikts  erlitten  hat,  sodass  z.  B.  die  zweite  That  als  erster,  die  dritte  als  zweiter 
Rückfall  u.  s.  w.  bezeichnet  wird.  Diese  Terminologie  beruht  auf  positiver  Vorschrift 
des  Art.  141.  Natürlich  konunen  hei  dieser  Berechnung  nur  Verurteilungen  zu  Zwangs- 
arbeit und  Zuchthaus  in  Frage  —  ein  Grundsatz,  der  sich  bereits  aus  Art.  140  ergiel)t, 
aber  von  dem  vorsichtigen  Gesetzgeber  in  Art.  141  Abs.  ^  noch  ausdrücklich  wieder- 
holt wird. 


2)  Vgl.  oben  S.  104. 


106  Columbia.  —  §  4.  Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


Noch  störender  als  im  allgemein(»n  Teil  macht  sich  ])ei  der  Behandlung 
der  einzelnen  Delikte  die  Kasuistik  benuTkbar;  fast  in  allen  Fällen  werden 
nicht  die  Delikte  definiert,  sondern  die  Gestaltungen  aufgezählt,  die  sie  mög- 
licherweise annehmen  können;  jeden  möglichen  Fall  will  der  Gesetzgeber  im 
voraus  regeln,  für  jeden  eine  besonders  abgestufte  Strafe  androhen.  Häufig 
werden  die  an  und  für  sich  schon  verwickelten  Thatbestände  durch  Unter- 
scheidungen in  schwere,  weniger  schwere  und  leichte  Fälle,  alle  mit  besonderen 
Strafrahmen,  bis  ins  Unendliche  kompliziert.  Erscheint  unter  diesen  Umständen 
eine  wissenschaftliche  Analyse  des  columbianischen  Strafrechts  ausserordentlich 
schwierig,  wenn  nicht  gar  unmöglich,  so  musste  jedenfalls  für  den  Zweck  der 
vorliegenden  Darstellung  auf  das  Eingehen  in  Einzelheiten  möglichst  verzichtet 
werden  und  die  Thätigkeit  des  Verfassers  sich  auf  eine  genaue  Wiedergabe 
der  Überschriften  unter  Hinzufügung  einiger  weniger  Andeutungen  beschränken. 

Das  zweite  Buch  (Delitos  que  afectan  principalmente  ä  la  Naciön  ö  a 
la  sociedad,  ö  que  sean  cometidos  por  empleados  püblicos)  behandelt  die  De- 
likte gegen  die  Rechtsgüter  der  Gesamtheit  und  die  Verbrechen  im  Amte. 
Es  enthält  die  Artt.  150 — 582  und  zerfällt  in  10  Titel,  die  z.  T.  wieder  in 
Kapitel  eingeteilt  sind. 

Titel  I.  Strafbare  Handlungen  gegen  die  Nation.  Vier  Kapitel. 
1.  Landesverrat  (traiciön)  und  ähnliche  Delikte  (Artt.  150 — 166);  Strafe  des 
von  einem  öffentlichen  Beamten  begangenen  Landesverrats:  der  Tod  (Art.  152 
Abs.  Ij.  —  2.  Strafbare  Handlungen  gegen  den  äusseren  Frieden  und  die  äussere 
Sicherheit  des  Staates  (Artt.  167  und  168j.  —  8.  Delikte  gegen  den  inneren 
Frieden,  die  vorhandene  Regierung  und  die  Verfassung  (Artt.  169 — 194);  wer 
einem  Beamten,  welcher  die  Aufrührerischen  in  der  vom  Gesetze  vorgeschriebenen 
Fonn  zum  Auseinandergehen  auffordert,  eine  Körperverletzung  zufügt,  die  den 
Tod  des  Angegriffenen  zur  Folge  hat,  wird  nach  Art.  174  mit  dem  Tode  be- 
straft. —  4.  Seeraub  (pirateriaj,  d.  h.  Begehung  eines  gewaltsamen  Diebstahls, 
einer  Sachbeschädigung  oder  einer  strafbaren  Handlung  gegen  die  Person 
durch  Personen,  welche  sich  bewaffnt^  auf  Schiffen  befinden  und  nach  völker- 
rechtlichen Grundsätzen  als  Seeräuber  anzusehen  sind  (Art.  195).  Die  Strafe 
ist  für  leichte  Fälle  8 — 12  jährige  Zwangsarbeit,  für  schwere  Fälle  (d.  h.  wenn 
gewisse  besonders  schwere,  vom  Gesetze  bezeichnete  Delikte  begangen  sind) 
der  Tod  (Artt.  196,  197). 

Titel  II.  Strafbare  Handlungen  gegen  die  Religion  und  die 
Kultusfreiheit  (Artt.  198 — 209).  Obwohl  nach  Art.  38  der  Verfassung  von 
1886  die  katholische  Religion  Staatsreligion  ist,  so  werden  doch  auch  die 
Bekenner  aller  anderen  Konfessionen  in  ihren  religiösen  Gefühlen  und  deren 
freier  Bethätigung  in  weitestem  Umfange  geschützt.  Die  Störung  des  Gottes- 
dienstes ist  ganz  allgemein  strafbar,  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  die  Religion, 
um  deren  Übung  es  sich  handelte,  staatlich  zugelassen  ist  (Artt.  198 — 202), 
während  z.  B.  die  öffenth'che  Verhöhnung  und  Schmähung  von  Dogmen  nur 
unter  dieser  Voraussetzung  strafbar  ist  (Artt.  204,  205).  Immerhin  tritt  der 
Charakter  der  katholischen  Konfession  als  Staatsreligion  insofern  auch  im 
Strafgesetzbuche  hervor,  als  die  Strafen  erhöht  werden,  wenn  eines  der  im 
zweiten  Titel  ei*M'ähnten  Delikte  sich  gegen  diese  richtete  (Art.  209). 

Titel  IIL  Strafbare  Handlungen  gegen  die  öffentliche  Ruhe 
und  Ordnung.  Sechs  Kapitel.  1.  Sedition,  Aufstand  (sediciön;  Artt.  210 — 216), 
d.  h.  lännende  Zusammenrottung  von  mindestens  40  Personen,  in  der  Absicht, 
die  Ausführung  eines  Gesetzes  oder  irgendeiner  anderen  verfassungsmässigen 
Handlung  oder  der  Anordnung  einer  Behörde  zu  verhindern,  oder  einem  Be- 
amten mit  (iewalt  Widerstand  zu  leisten  (Art.  210).  Die  Rädelsführer  werden 
härter   bestraft,    als   die   übrigen    Beteih'gten.  —    2.    Störung   der   öffentlichen 


§  4.  Der  besondere  TeU  des  Strafgesetzbuches.  107 


Ruhe  und  Ordnung  durch  Volkshaufen  (motines  ö  tumultos  y  otras  commociones 
populäres,  Artt.  217 — 229);  die  wichtigsten  hier  behandelten  Delikte  sind: 
„motin"  oder  „tumulto"  und  „asonada".  „Motin"  und  „tumulto"  sind  am 
besten  durch  „Aufruhr"  wiederzugeben;  das  Delikt  entspricht  i.  g.  dem  „Auf- 
ruhr" des  deutschen  Straf  rechts  ^j ,  jedoch  ist  der  Begriff  des  „motin"  enger; 
das  Delikt  liegt  vor  (Art.  217),  wenn  mindestens  20  Pei'sonen  sich  ohne  ge- 
setzmässigen  Grund  in  lärmender  und  ungeordneter  Weise  zusammenrotten, 
um  mit  Gewalt,  Geschrei,  Beleidigungen  oder  Drohungen  von  einer  Behörde 
oder  einem  öffentlichen  Beamten  die  Vornahme  oder  die  Unterlassung  einer 
rechtmässigen  oder  unrechtmässigen  Handlung  zu  verlangen,  ohne  dass  jedoch 
ein  Fall  der  „sediciön"  vorliegt.  Das  Vergehen  der  „asonada"  (Art.  219) 
entspricht  etwa  dem  „Landfriedensbruch"  des  deutschem  Strafrechts*)  und  liegt 
vor,  wenn  mindestens  10  Personen  ohne  gesetzlichen  Grund  sich  zusammen- 
rotten, um  durch  Geberden,  Beleidigungen  und  Drohungen  irgendein  öffent- 
liches Fest  oder  einen  öffentlichen  Akt  zu  stören  oder  zu  beeinträchtigen,  um 
sich  selbst  Recht  zu  verschaffen,  um  andere  zu  belästigen,  zu  beleidigen  oder 
einzuschüchtern  oder  sie  mit  (lewalt  zu  irgend  einer  rechtmässigen  oder  un- 
rechtmässigen Handlung  zu  zwingen ,  oder  um  irgendeinen  Aufruhr  oder 
Tumult  im  Volke  zu  erregen ,  ohne  dass  jedoch  ein  Fall  des  Aufstandes 
(sediciön)  oder  Aufruhrs  (motin  6  tumulto)  vorliegt.  —  3.  Gemeinsame  Be- 
stimmungen für  die  beiden  vorhergehenden  Kapitel  (Artt.  230 — 284 j.  — 
4.  Ungesetzliche  Bewaffnung  von  Truppen  (Artt.  285—287).  --5.  Personen, 
welche  der  Ausführung  von  Gesetzen  oder  der  Vollstreckung  gerichtlicher  oder 
obrigkeitlicher  Anordnungen  Widerstand  leisten  oder  sie  zu  verhindern  suchen 
oder  zum  Widerstände  gegen  sie  auffordeni  f  Artt.  238 — 247).  —  6.  Vereinigung 
von  Verbrechern  (Art.  248  255).  Als  „Cuadrilla  de  malhechores"  bedroht 
das  Gesetz  mit  Strafe  jede  Vereinigung  oder  Gesellschaft  von  mindestens  vier 
Personen,  die  sich  zusammengethan  haben,  um  gemeinschaftlich  oder  einzeln, 
jedoch  im  gegenseitigen  Einverständnis,  eine  oder  meln*ere  strafbare  Hand- 
lungen gegen  das  Eigentum  zu  begehen  (Art.  248).  Schon  die  Thatsache  der 
Zugehörigkeit  zu  einer  derartigen  Bande,  ohne  dass  sie  irgendein  Delikt  be- 
gangen hat,  macht  strafbar;  die  Strafe  beträgt  für  die  Anführer  2 — 5jährige, 
für  die  übrigen  Teilnehmer  1— 8jährige  Zwangsarbeit  (Artt.  249,  250).  Der 
unvermutete  Überfall  seitens  einer  Verbrecherbande  (asalto  en  cuadrilla  de 
malhechores),  bei  dem  mindestens  3  Mitglieder  beteiligt  gewesen  sind,  wird 
in  schweren  Fällen  (wenn  dabei  eine  vorsätzliche  Tötung,  Notzucht  oder 
schwere  Verstümmelung  verübt  wurde)  mit  dem  Tode  bestraft  (Art.  252j. 
Interesse  verdient  Art.  255;  er  lautet  in  wörtlicher  Übersetzung:  ,,Strassen- 
räuber  (salteadores  de  caminos),  die  nicht  als  Mitglieder  einer  Verbrecher- 
bande (cuadrilleros)  anzusehen  sind ,  werden  lediglich  wegen  dieser  ihrer 
Eigenschaft  mit  1—8 jähriger  Zwangsarbeit  bestraft". 

Titel  IV.  Strafbare  Handlungen  gegen  öffentliche  Angestellte 
oder  Beamte.  Artt.  256 — 281;  zwei  Kapitel.  1.  Delikte  gegen  die  Person 
der  öffentlichen  Beamten  (Artt.  256 — 270);  2.  Amtsanmassung  und  Widerstand 
gegen  die  amtliche  Thätigkeit  der  öffentlichen  Beamten  (Artt.  271 — 281). 

Titel  V.  Erstürmung  von  Gefängnissen  und  anderen  Straf- 
oder Besserungsanstalten;  Entweichen  von  Gefangenen;  Artt.  282  bis 
292;  drei  Kapitel.  Die  mittels  Übersteigens  einer  Mauer,  Sachbeschädigung  oder 
Gewalt  bewirkte  Selbstbefreiung  eines  Gefangenen  ist  in  Art.  284  als  beson- 
deres Delikt  unter  Strafe  gestellt. 


^)  Deutsches  Reichs-Strafgesetzbuch  vom  15.  Mai  1871  §  115. 
»)  A.  a.  0.  §  125. 


108  Columbia.  —  §  4.  Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


Titel  VI.  StrafbareHandlungen  gegen  die  öffentlicheGesundheit; 
Aitt.  293— 314;  drei  Kapitel.  Dieser  Titel  enthalt  auch  einige  Normen  gesundheits- 
polizeilicher Natur  (Artt.  295,  297  und  313:  Anzeigepflicht  der  Ärzte  und  Familien- 
oberhäupter bei  gewissen  Erkrankungen).  1.  Von  den  Ärzten  und  Chirurgen. 
(Artt.  293 — 299) ;  2.  von  den  Apothekern  und  anderen  Personen,  die  Arzneimittel 
verkaufen  (Artt.  300 — 306);  3.  von  denjenigen,  welche  die  öffentliche  Gesund- 
heit der  Einwirkung  von  Seuchen  und  Krankheiten  aussetzen  (Artt.  307 — 314). 

Titel  VII.  Strafbare  Handlungen  gegen  Treu  und  Glauben 
(Delitos  contra  la  fe  publica);  Artt.  315 — 414;  12  Kapitel.  1.  Münzfälschung 
(falsificaciön  de  monedas,  Artt.  315 — 328)  und  2.  Manzbeschneidung  (cercena- 
miento,  Artt.  329 — 332);  die  Höhe  der  Strafe  ist  verschieden,  je  nachdem  es 
sich  handelt  um  Münzen,  die  im  Lande  geprägt  werden,  Kurs  haben,  oder 
keinen  Kurs  haben.  —  3.  Gemeinsame  Bestimmungen  zu  Kap.  1  und  2  (Artt.  333 
bis  335).  —  4.  Fälschung  von  Kreditpapieren  (Artt.  336 — 344).  —  5.  Fälschung 
von  staatlichen  Siegeln  (seilos),  Stempelpapier  (papel  sellado)  oder  Stempeln 
(estampillas)  (Artt.  345 — 355).  —  6.  Fälschung  öffentlicher  amtlicher  Urkunden 
(documentos  officiales  y  püblicos)  (Artt.  356 — 365);  amtliche  Telegramm  gelten 
als  öffentliche,  Privattelegramme  als  Privaturkunden  (Artt.  365  und  375).  — 
7.  Fälschung  von  Privaturkunden  (Artt.  366 — 375).  —  8.  Fälschung  von  Massen 
und  Gewichten  (Artt.  376 — 378).  —  9.  Verletzung  des  Briefgeheimnisses  (violencia 
de  la  correspondencia  i)üblica;  Artt.  379 — 393).  —  Das  10.  Kapitel  (Artt.  394  bis 
402)  behandelt  eine  Reihe  verschiedenartiger  Delikte :  Entwendung,  Beschädigung 
und  Zerstörung  von  Urkunden  oder  Gegenständen,  die  in  öffentlichen  Archiven 
oder  anderen  Verwahrungsräumen  aufbewahrt  werden;  ungesetzliche  Eröffnung 
von  Testamenten  oder  anderen  verschlossenen  Urkunden;  Arrest-  und  Siegel- 
bruch. —  11.  Anmassung  von  Titeln  und  Eigenschaften  (Artt.  403 — 406).  — 
12.  Falsches  Zeugnis  und  Meineid.  Der  Meineid  wird  besonders  schwer  bestraft, 
wenn  er  in  einem  Civilprozess ,  noch  schwerer,  wenn  er  in  einer  Strafsache 
geleistet  ist.  Der  eidlichen  Aussage  wird  die  uneidliche  Bekundung  solcher 
Personen  gleich  erachtet,  die  nach  den  Vorschriften  ihrer  Religion  zur  Ab- 
leistung eines  Eides  nicht  gezwungen  werden  können  (Artt.  407 ,  410).  Da- 
neben ist  jede  der  gesetzmässigen  Obrigkeit  gegenüber  bei  amtlicher  Gelegen- 
heit gemachte  uneidliche  falsche  Aussage  strafbar,  abgesehen  von  den  Fällen, 
in  denen  eine  wahrheitsgemässe  Aussage  nicht  erwartet  wird  (Angaben  zu 
Ungunsten  der  eigenen  Person  oder  naher  Angehöriger)  (Art.  412).  Auch  der 
Versuch  der  Verleitung  zum  falschen  Zeugnis  wird  bestraft  (Art.  414). 

Titel  VIII.  Strafbare  Handlungen  gegen  die  öffentliche  Sitt- 
lichkeit; Artt.  415 — 457;  5  Kapitel.  —  1.  Unsittliche  Worte,  Handlungen, 
Schriften,  Gemälde  und  andere  Erzeugnisse  (Artt.  415 — 423);  zu  den  unsitt- 
lichen Handlungen  gehört  auch  der  geschlechtliche  Verkehr  zwischen  erwachsenen 
Personen  desselben  Geschlechts  (Art.  419).  —  2.  Kuppelei  (alcahueteria,  Artt.  424 
bis  428)  treibt,  wer  Frauenzimmer  in  seiner  Wohnung  aufnimmt,  damit  sie  dort 
aus  ihrem  Körper  ein  (lewerbe  machen  (Ai*t.  424);  Gewerbs-  oder  Gewohu- 
heitsmässigkeit  ist  nicht  erforderlich;  ferner:  wer  eine  Frauensperson  veranlasst, 
sich  geschlechtlich  gebrauchen  zu  lassen  oder  hierzu  wissentlich  Hülfe  leistet 
(Zuhälter)  (Art.  427  i.  Auch  die  Frauensperson,  welche  sich  gewohnheitsmässig 
geschlechtlich  g(*brauchen  lässt,  macht  sich  strafbar  (Art.  426).  —  3.  Verfüli- 
rung  fcoiTupcion,  Artt.  429 — 438).  Dieses  Kapitel  will  die  unerwachseue 
Jugend  beiderlei  Geschlechts  vor  Verführung  zu  Unzucht  und  Ausschweifung 
bewahren;  die  Verführten  bleiben  straflos  (Art.  429  Z.  3);  ausser  den  eigent- 
lichen Verführern  sind  auch  strafbar:  Eltern,  Vormünder,  Anstaltsleiter  und 
ähnliche  Personen,  die  durch  Unaufmerksamkeit  und  Nachlässigkeit  die  Ver- 
führung ihrer  Pflegebefohlenen  ermöglicht  haben  (Artt.  435,  437),  sowie  Ehe- 


§  4.  Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches.  109 


männer,  die  ihren  Frauen  gestatten,  sich  zu  prostituieren  (Art.  436).  — 
4.  Doppelehe  und  Eheschliessung  trotz  Vorhandenseins  von  Ehehindernissen 
oder  ohne  Beobachtung  der  vorgeschriebenen  Formalitäten  (Artt.  439 — 450). 
Eine  Doppelehe  liegt  nicht  vor  in  denjenigen  Fallen,  in  denen  durch  die 
kirchliche  Eheschliessung  eine  vorher  geschlossene  Civilehe  ipso  iure  aufgelöst 
wird  (Art.  439  Abs.  2).  —  5.  Konkubinat  (amancebamientos ;  Artt.  451 — 457). 
Das  Leben  im  öffentlichen  Konkubinat  ist  strafbar,  wenn  dadurch  Ärgernis  erregt 
wird  (Art.  451);  schliessen  dieSchuldigen  vor  Erlassung  des  UrteilesdieEhe,  so  erfolgt 
Einstellung  des  Verfahrens  (Art.  452).  Gegen  öffentliche  Beamte  ist  auf  Amtsent- 
setzung und  zeitige  Unfähigkeit  zur  Bekleidung  von  Ämtern  zu  erkennen  (Art.  457). 

Titel  IX.  Strafbare  Handlungen  gegen  das  Staatsvermögen; 
Artt.  458 — 484;  4  Kapitel.  —  1.  Abhandcnkommenlassen  (extravio),  wider- 
rechtliche Aneignung  (usurpaciön),  Veruntreuung  (malversaciön)  oder  schlechte 
Verwaltung  (mala  administraciön)  der  Erträge  und  Bestände  des  Staatsvermögens 
(Artt.  458 — 473).  —  2.  Von  den  Beamten,  welche  betrügerische  Handlungen 
gegen  die  Staatseinkünfte  begünstigen,  unterstützen,  verheimlichen  oder  ver- 
hehlen (Artt.  474,  475).  —  3.  Von  den  Lieferanten  (asentistas  ö  proveedores) 
und  Beamten,  die  Sachen  zum  Nachteil  des  Staates  liefern,  kaufen  oder  ver- 
kaufen, annehmen  oder  verwalten  (Artt.  476 — 479).  —  4.  Strafbare  Handlungen 
zum  Nachteil  des  Vermögens,  der  Einkünfte  oder  Sachen  der  Bezirks-  oder 
Gemeindeverwaltungen,  der  öffentlichen  Anstalten  und  Einrichtungen  oder  der 
obrigkeitlich  sequestrierten  Gegenstände  (Artt.  480 — 484). 

Titel  X.  Strafbare  Handlungen  der  öffentlichen  Beamten  bei 
Ausübung  des  Amtes  und  der  mit  der  Wahrnehmung  amtlicher  Funk- 
tionen beauftragten  Privatpersonen;  Artt.  485 — 582;  9  Kapitel.  Dieser 
sehr  umfangreiche  Titel  behandelt  das  Beamtenstraf-  und  Disziplinarrecht.  — 
1 .  Prävarikation  (Artt.  485 — 487 ;  keine  Definition,  sondern  Aufzählung  der  einzelnen 
Fälle  in  11  Nummern).  - —  2.  Von  denjenigen,  welche  in  Ausübung  eines  öffent- 
lichen Amtes  sich  bestechen  lassen  oder  Geschenke  annehmen  (Artt.  488 — 494).  — 

3.  Erpressungen  (extorsiones),  Betrügereien  (estafas)  und  Bedrückungen  (vejä- 
menes),  die  seitens  eines  öffentlichen  Beamten  verübt  werden  (Artt.  495 — 504).  — 

4.  Abschluss  von  Verträgen  und  Eingehung  von  Verbindlichkeiten,  die  mit  der 
Stellung  des  öffentlichen  Beamten  unvereinbar  sind  (Artt.  505 — 514).  —  5.  Von 
den  öffentlichen  Beamten,  welche  die  Gesetze  und  die  Anordnungen  der  Vor- 
gesetzten nicht  beachten,  oder  die  Ausführung  gerichtlicher  Anordnungen  ver- 
hindern oder  erschweren  oder  sich  zu  solcher  Verhinderung  oder  Erschwerung 
verabreden  oder  in  anderer  Weise  ungehorsam  oder  bei  Nichterfüllung  von 
Pflichten  behülflich  sind  (Artt.  515—528).  —  6.  Nachlässigkeit,  Verzögerung 
oder  anderweite  Pflichtwidrigkeit  eines  öffentlichen  Beamten  bei  der  Verfol- 
gung von  Verbrechern,  bei  der  Justizverwaltung  sowie  bei  der  Leistung  oder 
der  Beaufsichtigung  von  öffentlichen  Diensten  (Artt.  529 — 546).  —  7.  Schlechter 
Lebenswandel  eines  öffentlichen  Beamten  (Artt.  547 — 550);  strafbar  ist  der 
Beamte,  welcher  eine  P>au  verführt,  die  er  als  Richter,  Gefängnisbeamter  u.  s.  w. 
in  seiner  Gewalt  hat  (Artt.  547-549).  Beamte,  welche  dem  Trunk  oder  dem 
Spiel  ergeben  sind,  oder  einen  unsittlichen  Lebenswandel  führen  oder  ihren  Dienst 
vernachlässigen,  werden  ihres  Amtes  entsetzt  und  sind  für  6  Jahre  unfähig,  ein^ 
anderes  Amt  zu  erhalten  (Art.  540).  —  8.  Missbrauch  der  Amtsgewalt  (abusos  de 
autoridad;  Artt.  551 — 569).  —  9.  Angi'iffe  auf  Individualrechte  (atentados  contra 
los  derechos  individuales;  Artt.  570 — 582);  wichtigster  Fall:  Freiheitsberaubung. 

Das  dritte  Buch  (Delitos  contra  los  particulares  y  sus  penas,  Artt.  583 
bis  910)  behandelt  in  drei  Titeln  die  strafbaren  Handlungen  gegen  die 
privaten  Rechtsgüter:  Leib  und  Leben,  Ehre  und  persönliche  Ruhe  und 
Sicherheit,  Eigentum. 


110  Columbia.  —  §  4.  Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches. 


Titel  I.  Strafbare  Handlungen  gegen  die  Person,  Artt.  583  bis 
742;  11  Kapitel.  —  1.  Tötung  (homicidio,  Artt.  583—623).  Das  Gesetz  (Art.  583) 
definiert  den  „homicidio"  als:  Tötung  eines  anderen  ohne  vorherigen,  mit  den 
Gesetzen  in  Einklang  stehenden  obrigkeitlichen  Auftrag  und  unterscheidet 
folgende  Fälle:  a)  Der  Regelfall  ist  die  Tötung  mit  Vorbedacht  (h.  pre- 
meditado)  d.  h.  die  willentlich  (voluntariamente)  und  nach  vorhergegangener 
Überlegung  oder  Entschliessung  ausgeführte  Tötung  (Strafe:  Zuchthaus  von 
12 — 18,  in  milderen  Fällen  von  8 — 12  Jahren,  Artt.  595,  596).  Dass  Vor- 
bedacht vorliegt,  wird  bei  jeder  Tötung  vermutet,  bis  erwiesen  ist,  dass  der 
Fall  zu  einer  anderen  Klasse  von  Tötungen  gehört  (Art.  585).  b)  Ein 
schwererer  Fall  ist  der  Mord  (asesinato,  Art.  586),  d.  h.  die  mit  Vor- 
bedacht verübte  Tötung,  welche  unter  besonders  erschwerenden  Umständen 
begangen  wurde  (gegen  Entgelt,  mit  besonderer  Hinterlist  oder  Grausamkeit, 
mit  besonders  gefährlichen  Mitteln,  wie  Gift,  Explosion  oder  Brandstiftung, 
oder  als  Mittel  zur  Begehung  einer  anderen  strafbaren  Handlung,  bei  Ge- 
legenheit eines  öffentlichen  Unglücks,  wie  z.  B.  einer  Eisenbahnkatastrophe, 
oder  in  einem  Streite,  den  der  Thäter  absichtlich  veranlasst  hat;  in  Art.  586 
werden  die  einzelnen  Umstände  unter  No.  1 — 9  sehr  kasuistisch  aufgezählt); 
Strafe:  in  schwereren  Fällen  der  Tod,  in  leichteren  Zuchthaus  von  18 — 20 
Jahren  (Artt.  597,  598).  c)  Leichtere  Fälle  sind:  «)  d^r  Totschlag,  d.  h. 
die  einfache  willentliche  Tötung  (homicidio  simplemente  voluntario,  Art.  587;. 
Im  Gegensatz  zu  anderen  Gesetzgebungen,  die  den  Totschlag  als  den  Regel- 
fall der  Tötungsdelikte  ansehen,  werden  hier  in  Art.  587  acht  Fälle  auf- 
gezählt, in  denen  der  homicidio  voluntario  als  vorliegend  zu  erachten  ist  (Be- 
gehung auf  Provokation,  im  Affekt,  zur  Abwehr  eines  noch  bevorstehenden 
Angriffes  oder  eines  Deliktes  gegen  die  Verfassung,  die  Sicherheit  des  Landes, 
die  öffentliche  Ordnung  oder  das  Leben,  in  Überschreitung  des  Züchtigungs- 
rechtes in  gerechtem  Zorn).  Ausserdem  wird  in  Art.  606  der  Fall  hervor- 
gehoben, dass  der  Thäter  eine  ihm  nahe  stehende  weibliche  Person,  die  nicht 
seine  Ehefrau  oder  Tochter  ist,  bei  unsittlichen  Handlungen  überrascht  und 
willentlich  tötet.  Strafe,  je  nach  der  Lage  des  Falles:  viermonatiges  Ge- 
fängnis bis  zwölfjähi-iges  Zuchthaus  (Artt.  600 — 607,  617).  —  ß)  Die  nicht 
willentliche,  fahrlässige  Tötung  (homicidio  involuntario,  Art.  589),  d.  h. 
die  Verursachung  des  Todes  ohne  Tötungsabsicht.  Das  Gesetz  unterscheidet 
zwei  Fälle,  je  nachdem  der  Thäter  zwar  dem  Getöteten  ein  übel  zufügen, 
nicht  aber  ihn  töten  wollte,  oder  überhaupt  nicht  die  Absicht  hatte,  ein  Delikt 
zu  begehen,  die  Tötung  also  lediglich  auf  Fahrlässigkeit  beruht  (Art.  590;. 
Strafe:  Zuchthaus  von  3 — 11  Jahren  (Artt.  610 — 613);  völlige  Straflosigkeit 
tritt  ein,  wenn  die  Tötung  ausschliesslich  auf  Zufall  oder  unvermeidliche  Umstände 
zurückzuführen  ist  (Art.  614).  —  y)  Kindestötung,  d.  h.  Tötung  eines  noch 
nicht  drei  Tage  alten  Kindes  seitens  der  Mutter  oder  deren  Eltern  zur  Verdeckung 
der  Schande  der  ersteren;  Strafe:  Gefängnis  von  1 — 3  Jahren  für  die  Mutter, 
von  3 — 6  Jahren  für  die  Grosseltem  (Art.  615).  d)  Eine  besondere  Stellung  hat 
die  Verwandtentötung  (parricidio,  Art.  593),  d.  h.  die  Tötung  eines  Aszen- 
denten oder  Deszendenten  oder  des  Ehegatten,  die  sowohl  Mord,  als  Totschlag 
oder  fahrlässige  Tötung  sein  kann;  die  Bestrafung  erfolgt  nach  den  all- 
gemeinen Regeln,  nur  für  die  schwersten  Fälle  (casos  mAs  graves):  willent- 
liche oder  mit  Vorbedacht  ausgeführte  Tötung  eines  Aszendenten  und  der 
Ehefrau  und  mit  Vorbedacht  verübte  TiHung  eines  Deszendenten,  wird  in 
Art.  615  der  Tod  angedroht,  e)  Fälle  der  straflosen  Tötung  zählt  das 
Gesetz  in  Art.  591  elf  auf;  der  wichtigste  ist  der  der  Notwehr  im  weiteren 
Sinne  (No.  2 — 4  des  Art.  591);  als  Notwehr  im  engeren  Sinne  (defensa  legitima 
y  natural,  Art.  591  No.  1)  gilt  nur  die  Verteidigung  des  eigenen  oder  fremden 


§  4.  Der  besondere  Teil  des  Strafgesetzbuches.  Hl 


Lebens  gegen  widerrechtlichen,  gegenwärtigen  Anginff,  dessen  Zurückweisung 
durch  andere  Mittel  nicht  möglich  war.  —  Die  Verurteilung  wegen  Tötung 
kann  nur  erfolgen,  wenn  der  Tod  des  Verlotzton  binnen  60  Tagen  eintritt 
(Artt.  619 — 621).  —  Die  Begriffsbestimmungen  des  Gesetzes  auf  dem  Gebiete 
der  Tötungsdelikte  sind  keineswegs  klar,  die  Grenzen  der  einzelnen  P^'älle 
f Hessen  zum  Teil  in  einander.  —  Kapitel  2.  \'ergiftung  (envenenamiento, 
Artt.  624 — 633);  bei  tötlicher  Wirkung  der  Vergiftung  von  Wasserleitungen, 
Brunnen  u.  s.  w.  sowie  der  Vergiftung  einer  Person  ist  auf  Todesstrafe  zu 
erkennen  (Artt.  624,  627).  —  3.  Kastration  (Art.  634 — 637)  und,  dieser  gleich- 
stehend, Herbeiführung  der  Zeugungsunfähigkeit  auf  andere  Weise;  bei 
Kastration  einer  erwachsenen  Person  mindert  deren  Einwilligung  die  Strafbar- 
keit, ohne  sie  aufzuheben  (Art.  635).  —  4.  Abtreibung  (aborto,  Artt.  638  bis 
643);  mildere  Strafe  trifft  die  bislang  unbescholtene  Frauensperson,  die  sich 
lediglich  um  ihre  Schwangerschaft  zu  verbergen  die  Leibesfrucht  abtreibt 
(^irt.  642).  —  5.  Brandstiftung  in  Tötungsabsicht,  Art.  644;  Strafe:  wenn  der 
Tod    eingetreten    ist:     Todesstrafe,    sonst    Zuchthaus    von    2  —  3    Jahren.    — 

6.  Körperverletzung  (heridas,  golpes  y  malos  tratamientos,  Artt.  645 — 666).  — 

7.  Zweikampf  (rifias  ö  peleas,  Artt.  667 — 675);  genauer  niüsste  man  sagen: 
Kampf,  da  das  Kapitel  7  auch  auf  den  Kampf  zwischen  mehr  als  zwei  Per- 
sonen Anwendung  findet;  es  ist  gleichgültig,  ob  der  Kampf  durch  besondere 
Herausforderung  oder  nur  in  gegenseitigem  Einverständnis  oder  durch  blossen 
Zufall  herbeigeführt  wird  (Art.  667).  —  8.  Entführung  und  gewaltsame  Hand- 
lungen gegen  die  Person,  Verletzung  von  Gräbern  (raptos,  fuerzas  y  violen- 
cias  contra  las  personas,  violaciön  de  los  enterramientos,  Artt.  676 — 711).  An 
dieser  Stelle  wird  auch  die  Notzucht  behandelt.  —  9.  Ehebruch,  Erschleichung 
des  Beischlafs  und  Verführung  (adulterio,  estupro  alevoso  y  seducciön,  Artt. 
712 — 724).  Der  Ehebruch  als  solcher  wird  nur  an  der  ehebrecherischen  Frau 
und  ihrem  Mitschuldigen  bestraft,  nicht  auch  an  dem  schuldigen  Ehemanne. 
Strafe:  für  beide  Zuchthaus  nach  Belieben  des  hintergangenen  Ehemannes, 
jedoch  nicht  über  4  Jahre,  für  den  Mitschuldigen  ausserdem  Aufenthaltsverbot 
(Artt.  712,  713).  Straflosigkeit  tritt  ein:  wenn  der  Ehemann  den  unsittlichen 
Verkehr  seiner  Frau  billigte,  wenn  er  sich  von  ihr  getrennt  hatte,  wenn  er 
eine  Konkubine  in  der  ehelichen  Wohnung  unterhielt,  endlich,  wenn  er  ver- 
zeiht (Art.  714).  Das  Kapitel  behandelt  ferner  die  Erschleichung  des  Bei- 
schlafs durch  Täuschungen  verschiedener  Art  (Artt.  715  —  723)  und  die 
„seducciön":  die  Weigerung  eines  Verlobten,  seine  Verlobte,  mit  welcher  er 
bereits  geschlechtlich  verkehrt  hat,  zu  heiraten;  Bc^strafung  tritt  nur  auf  An- 
trag ein,  die  thatsächliche  Schliessung  der  Ehe  zwischen  den  Verlobten  be- 
wirkt Einstellung  des  Verfahrens  einschliesslich  der  etwa  bereits  begonnenen 
Strafvollstreckung  (Art.  724).  —  Kapitel  10  behandelt  in  Artt.  725 — 738 
Kindesaussetzung  und  Vergehen  gvgeii  den  Personenstand.  —  Kapitel  11 
(Artt.  739 — 742)  enthält  einige  B(»stimmungen  vermischten  Inhalts. 

Titel  IL  Strafbare  Handlungen  gegen  die  Ehre,  den  guten 
Ruf  und  den  Frieden  der  Privatpersonen,  Artt.  743 — 770,  drei  Kapitel. 
—  1.  Verleumdung  (calumnia,  Artt.  743 — 754),  d.  h.  die  Behauptung  einer 
falschen  Thatsache  in  Beziehung  auf  (»inen  anderen,  die,  wenn  sie  wahr  wäre, 
diesem  Strafe,  Verachtung,  Hass  oder  Schande  zuziehen  würde  (Art.  743).  — 
2.  Beleidigung  (injuria,  Artt.  755 — 764);  hier  verzichtet  das  Gesetz  auf  eine 
kurze  Begriffsbestimmung,  zählt  vielmehr  in  Art.  755  die  einzelnen  Fälle  der 
Beleidigung  auf.  —  3.  Offenbarung  von  Geheimnissen  und  Bedrohung  (reve- 
laciön  de  secretos;  amenazas,  Artt.  765—770). 

Titel  III.  Eigentumsdelikte,  Artt.  771  --910,  11  Kapitel.  —  1.  Raub 
(robo,  Artt.  771 — 791):     Wegnahme    von  Gegenständen   in  Aneignungsabsicht 


112  (Columbia.  —  ITI.  Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts. 


mit  Gewalt  gegen  Personen  oder  Sachen  (Artt.  771  und  772);  schwere  FÄlle: 
Art.  791.  —  2.  Diebstahl  (hurto,  Artt.  792 — 802):  rechtswidrige  (fraudulent»- 
mente)  Wegnahme  einer  fremden  Sache  in  Aneignungsabsicht  ohne  Gewalt 
gegen  Personen  oder  Sachen,  die  Aneignungsabsicht  wird  bis  zum  Nachweise 
des  Gegenteils  als  vorhanden  angenommen  (Art.  792).  —  3.  Gemeinsame  Vor- 
schriften zu  Kapitel  1  und  2  (Artt.  803 — 809).  —  4.  Bankerutt  (quiebra,  Artt. 
810 — 819).  —  5.  Betrügerische  Handlungen  (estafas  y  engalios,  Artt.  820  bis 
835).  —  6.  Vertrauensmissbrauch  (abuso  de  confianza,  Artt.  836 — 857).  — 
Kapitel  7  behandelt  Vergehen  gegen  den  Markenschutz  und  Verletzung  ver- 
liehener Privilegien  durch  unbefugte  Dritte  (Artt.  858 — 860).  —  8.  Brand- 
stiftung und  andere  Fälle  der  Beschädigung  (Artt.  861 — 893).  —  9.  Gewalt- 
same Handlungen  gegen  das  Eigentum,  gewaltsame  Besitzentsetzung  (fuerzas 
y  violencias  contra  las  propriedades.  —  Despojos,  Artt.  894 — 903).  —  10.  Un- 
erlaubte Benutzung  fremder  Gegenstände  (Uso  de  las  propriedades  ajenas  sin 
el  consentimiento  del  dueflo,  Artt.  904 — 907).  —  11.  Grenzverrückung  (mu- 
danza  ö  alteraciön  de  los  t^rminos  de  las  heredades,  ö  de  la  divisiön  terri- 
torial en  la  Naciön,  Artt.  909  und  910). 

Der  dem  dritten  Buche  angehängte  Schlusstitel  (Artt.  911 — 916)  ent- 
hält verschiedene  Bestimmungen.  Der  Tag  des  Inkrafttretens  des  Gesetzes 
sowie  der  Erlass  von  Gefängnisordnungen  wird  der  Regierung  überlassen 
(Artt.  911,  912).  Von  verschiedenen  Artikeln  sind  Sonderabdrücke  anzu- 
fertigen und  teils  in  den  Gefängnissen,  teils  in  den  Apotheken,  teils  in  den 
öffentlichen  Gerichtsräumen  auszuhängen  (Artt.  913 — 915).  Die  endgültige 
Fassung  und  Einteilung  des  Gesetzes  wird  dem  Staatsrat  überlassen  (Art.  916). 

IIL 

§  5.    Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts. 

Von  den  im  Jahre  1890  geltenden  besonderen  Strafgesetzen  sind  durch 
Art.  911  des  Strafgesetzbuches  alle  diejenigen  materiell-rechtlicher  Natur  auf- 
gehoben, welche  zur  Abänderung  oder  Vervollständigung  des  damals  gelten- 
den Strafgesetzbuches  von  1858  (ursprünglich  für  Cundinamarca  erlassen,  seit 
1887  für  die  ganze  Republik  gültig)  dienten.  Eine  ausdrückliche  Aufhebung 
der  anderen  SpezialStrafgesetze  hat  nicht  stattgefunden,  es  ist  daher  anzu- 
nehmen, dass  sie  in  Kraft  geblieben  sind. 

Von  den  kleineren  Gesetzen  strafrechtlichen  Inhalts   sind   zu   erwähnen: 

1.  Gesetz  No.  32  vom  26.  Oktober  1886  über  das  Eigentum  an  Schriften 
und  Kunstwerken.  Strafbestimmungen:  Artt.  63 — 73;  französische  Übersetzung 
im  Annuaire  de  legislation  etrangere  Bd.  16  S.  894 — 907. 

2.  Gesetz  No.  36  vom  28.  Oktober  1886  über  die  Zölle. 

3.  Gesetz  No.  56  vom  18.  November  1886  über  die  Ausübung  des  dem 
Präsidenten  der  Republik  nach  Art.  119  No.  6  der  Verfassung  zustehenden 
Rechts  der  Strafumwandlung. 

4.  Gesetz  No.  3  vom  20.  Januar  1887  über  die  Stempelabgaben.  Ygl^ 
hierzu  Stempelgesetz  vom  24.  November  1888. 

5.  Gesetz  No.  57  vom  15.  April  1887  über  die  Einfülu"ung  verschiedener 
Gesetze  für  die  ganze  Republik.  Dieses  Gesetz  sollte  die  Einheitlichkeit  auf 
dem  Gebiete  der  Gesetzgebung  herstellen. 

6.  Gesetz  No.  67  vom  10.  Mai  1887  über  die  Vollstreckung  der  Ge- 
fängnisstrafen. 

7.  Gesetz  No.  62  vom  6.  November  1894  über  die  Redaktion  der  Prozess- 
ordnung, wodurch  der  Staatsrat  beauftragt  wird,  alle  bestehenden  Vorschriften 
über  Gerichtsverfassung,  Civil-  und  Strafprozoss  zu  einem  Gesetze  zu  verarbeiten. 


IX. 


MEXIKO 


Von 


Ernst  Eisenmaiiii, 

Königlich  PreuBBiBchem  GerichtsasBeBsor  a.  D.,  Advokaten  In  Paris. 


Strafgesetzgebung  der  Gegenwart.    II. 


Übersicht. 


§   1.  Vor  der  Kodifikation. 

§   2.  Kodifikationen  der  Einzelstaateu. 

§   3.  Bundesstrafgesetzbuch  vom  7.  Dezember  1871.  —  Entstehung. 

§   4.  Ergänzungen. 

§   5.  Geltungsbereich  des  Bundesstrafrechts. 

§   6.  Einteilung  des  Strafgesetzbuches. 

§   7.  System  des  Gesetzes. 

§   8.  Strafarten. 

§   9.  Strafvollzug. 

§10.  Entschädigung  des  Verletzten. 

§11.  Entschädigung  unschuldig  Verhafteter. 

§  12.  Amtsvergehen. 

§13.  Bemerkungen  zum  Allgemeinen  Teil. 

§14.  Sonstige  Strafgesetze. 

§  15.  Litteratur. 


§  1.    Vor  der  Kodifikation. 

In  dem  gesamten  Gebiete  der  Vereinigten  Staaten  von  Mexiko  waren 
zur  Zeit  der  spanischen  Herrschaft  ausschliesslich  die  Strafgesetze  des  euro- 
päischen Mutterlandes  in  Geltung;  wenigstens  dem  Namen  nach.  Die  Zer- 
setzung der  in  die  Zeiten  Alonso*s  des  Weisen  (vgl.  Bd.  1  S.  489)  zurück- 
reichenden Gesetzbücher  ging  in  den  amerikanischen  Kolonieen  indes  in  be- 
schleunigtem Masse  vor  sich,  seitdem  die  Erklärung  der  Unabhängigkeit  (1823) 
die  Einführung  fortschrittlicher  und  freiheitlicher  Gedanken  begünstigtCi  und 
die  mancherlei  Verfassungsversuche  oder  Regierungsprogramme  der  zur  Herr- 
schaft gelangenden  wechselnden  Richtungen  und  Personen  stets  wenigstens  in 
dem  einen  Punkte  übereinstimmten,  die  Abänderung  der  aus  spanischer  Zeit 
stammenden  Einrichtungen  zu  wünschen,  zu  planen  oder  in  Angriff  zu  nehmen. 
Der  Zustand  vor  Schaffung  des  nationalen  Rechtes  wird  von  den  Motiven 
zum  Bundesstrafgesetzbuch  treffend  dahin  gekennzeichnet,  dass  seit  langem 
die  spanische  Gesetzgebung  gänzlich  ausser  Übung  sei  und  kein  anderes  Gesetz 
gelte,  als  das  bald  billig  denkende,  bald  launenhafte  richterliche  Ermessen. 

§  2.    Kodifikationeil  der  Einzelstaaten. 

Nachdem  die  Verfassung  von  1857  nach  Niederwerfung  der  letzten  in- 
ländischen Gewaltherrschaft  des  Diktators  Antonio  Lopez  de  Santa  Ana  der 
Organisation  der  einzelnen  Bundesstaaten  eine  festere  Grundlage  gegeben 
hatte,  begannen  diese  zum  Teil  selbst  die  Gesetzgebung  in  die  Hand  zu 
nehmen,  welche  in  Bezug  auf  das  Strafrecht  bedauerlicher  Weise  nicht  der 
Kompetenz  des  Bundes  übertragen  war.^) 

Die  meisten  Staaten  überliessen  dagegen  die  Initiative  dieses  Fortschrittes, 
ein  den  nationalen  Verhältnissen  angepasstes  und  aus  nationaler  Geistesarbeit 
erflossenes  Strafrecht  zu  schaffen,  der  Bundesregieining,  welche  mit  rühmlicher 
Zähigkeit  diese  Aufgabe  während  der  drangvollen  Zeit  der  Fremdherrschaft 
nicht  aus  dem  Auge  verloren  und  unmittelbar  nach  deren  Beendigung  wieder 
aufgenommen  hat.  Seitdem  ist  das  Strafgesetzbuch  der  Bundesregierung,  obwohl 
es  formell  nur  für  das  kleine  Stadtgebiet  der  Bundeshauptstadt  und  das  schwach- 
bevölkerte Territorium  Nieder-Kalifomien  (zusammen  etwa  eine  halbe  Million 


*)  Das  Verhältnis  des  Bundes  zu  den  Einzelstaaten  ist  dem  der  Vereinigten 
Staaten  von  Nordamerika  nachgebildet  und  ähnlich  dem  des  Deutschen  Reichs.  Obige 
Abweichung  besteht,  wie  weiter  unten  gezeigt  wird,  mehr  der  Form  als  dem  Wesen  nach. 
—  Das  erste  der  Strafgesetzbücher  der  Einzelstaaten  war  da»  von  Veracruz-Llave  vom 
18.  12.  1868,  das  ebenso  wie  das  von  Guauajuato  vom  15.  7.  1871  in  der  Anordnung 
des  Stoffes  selbständig  auftritt,  aber  doch  auch  die  bereits  vorliegenden  Grundlehren 
des  Bundesgesetzentwurfes  sich  angeeignet  hat.  Abweichend  ist  bei  beiden  Gesetzen, 
ebenso  wie  bei  Yucatan  u.  a.,  die  Abschaffung  der  Todesstrafe  und  die  Einführung 
der   Polizeiarbeit ,    d.  h.   strafweise    BesciUlftigung   mit    Strassenreinigimg ,   Hospital- 


arbeiten u.  dergl. 


8^ 


116  Mexiko.  —  §  3.  Bundesßtrafgesetzbuch.    §  4.  Ergänzungen. 


Einwohner  umfassend)^)  gilt,  insofern  als  gemeines  Recht  anzusehen,  als  die 
Mehrzahl  der  Einzelstaaten  2)  durch  ihre  Gesetzgebung  ein  gleichlautendes  oder 
doch  unwesentlich  abweichendes  Strafgesetz  als  Sonderrecht  angenommen  haben. 
Diese  thatsächliche  Rechtseinheit  ist  es,  welche  uns  autorisiert,  der  fol- 
genden Betrachtung  das  Bundesstrafgetzbuch  zu  Grunde  zu  legen,  umsomehr, 
als  bei  der  ungeteilten  Anerkennung,  deren  es  sich  erfreut,  kein  Zweifel  bestehen 
kann,  dass  bei  dem  allmählichen  Verschwinden  der  separatistischen  Gelüste 
auf  allen  nicht  rein  politischen  Gebieten,  nur  die  Behutsamkeit  der  Zentral- 
regierung, Konflikte  mit  dem  Partikularismus  zu  vermeiden,  der  Umwandlung 
des  Gesetzbuches  in  ein  für  die  ganze  Republik  gültiges  Bundesgesetz  ent- 
gegensteht. 

§  3.    Bundesstrafgesetzbuch  vom  7.  Dezember  1871.  —  Entstehung. 

Am  6.  Oktober  1862  ernannte  die  Bundesregierung  eine  Kommission  zur 
Ausarbeitung  eines  Strafgesetzbuches,  welches  den  in  der  Verfassung  enthaltenen 
Grundzügen  entsprechen  und  die  dort  gewährleisteten  Bürgerrechte  mit  Straf- 
schutz umgeben  sollte.  Bis  zur  Fertigstellung  des  allgemeinen  Teiles  gelangt, 
wurden  die  Arbeiten  gezwungenermassen  infolge  des  Elrieges  abgebrochen. 
Unmittelbar  nach  Wiederherstellung  der  nationalen  Ordnung  erteilte  Präsident 
Juarez,  der  grosse  Reformator  des  Landes,  einer  neuen  Kommission  den  Auf- 
trag zur  Fortführung  jenes  Gesetzes  Werkes;  nach  Jahresfrist  bereits  waren  die 
beiden  ersten  Bücher  fertiggestellt,  und  am  15.  März  1871  überreichte  der 
Vorsitzende  der  Kommission,  Antonio  Martinez  de  Castro,  dem  Ministerium 
das  fertige  Gesetz  nebst  kurzgef assten ,  nur  die  Prinzipien  und  Neuerungen 
hervorhebenden  Motiven. 

Unverändert  von  dem  damals  nur  aus  einer  Kammer  bestehenden  Land- 
tage des  Bundes  am  7.  Dezember  1871  angenommen,  wurde  es  noch  am  selben 
Tage  von  Juarez  gezeichnet  und  trat  mit  dem  1.  April  1872  in  Kraft. 

§  4.    Ergänzungen. 

Zeitlich  vorhergehend  und  dennoch  als  blosse  Ergänzung  des  Strafgesetz- 
buches zu  betrachten  ist  das  am  3.  November  1870  ergangene  Gesetz  über 
die  Oberbeamten  des  Bundes,  dessen  Inhalt  unten  im  System  mitbehandelt 
werden  soll.  Einige  wenige  offensichtliche  Unebenheiten  in  Definitionen  und 
Strafmassen  sind  seither  durch  eine  Novelle,  die  mit  Genehmigung  des  Land- 
tages vom  Pi'äsidenten  erlassene  Verordnung  vom  26.  Mai  1884,  berichtigt. 
Im  übrigen  ist  das  Gesetzbuch  durch  die  frühere  Strafprozessordnung  vom 
15.  September  1880,  an  deren  Stelle  jetzt  die  neue  vom  6.  Juli  1894  getreten 
ist,  das  Gerichtsverfassungsgesetz  vom  gleichen  Tage,  sowie  durch  einige  Aus- 
führungsverordnungen erst  zu  voller  Wirksamkeit  als  abgerundetes  Gesetzes- 
werk gelangt;  unter  den  letztgedachten  Bestimmungen  sind  die  wichtigsten 
die  Ausführungsverordnung  zum  Strafgesetzbuch,  vom  20.  Dezember  1871, 
und  die  zum  Gerichtsverfassungsgesetz,  vom  26.  Oktober  1880. 


*)  Seither  ist  das  blühende  Territorium  von  Tepic  von  dem  Nachbarstaate  ab- 
«fezweigt  und  der  Biindesgesetzgebiing  unterstellt  worden.  Die  Regelung  der  dortigen 
Kriminaljustizpflege  erfolgte  durch  Verordnung  vom  12.  6.  IHH.'). 

*)  Folgendes  sind  diese  Staaten  mit  den  Daten  der  betreffenden  Einführungs- 
gesetze, soweit  sie  (bis  1880)  ermittelt  werden  konnten: 

Yucatan  .  .  .  .  r>.  10.  1871  Chiapas  .  .  13.  12.  1872  Hidalgo  5.  2.  1875 
Guerrero  .  .  .  2(>.  6.  1872  Tamaulipas  .  12.  6.  1873  Puebla  .  30.  11.  1875 
(^ampeche  .  .  .  21.  10.  1872  Coahuila  .  .  20.  8.  1874  Colima  .  22.  6.  1878 
Zacatecas  ...  2.  12.  1872  Sinaloa  ...  11.  11.  1874  Oaxaca  15.  12.  1878 
San  Luis  Potosi   7.  12.  1872        Mexico  ...  12.     1.  1875       Morelos  30.    5.  1879 


§  5.   Geltungsbereich.    §  6.  Einteilung  des  Strafgesetzbuches.  117 


§  5.    Geltungsbereich  des  Bundesstrafrechts. 

Die  Zwiespältigkeit  der  Bundeskompeteiiz  bringt  es  mit  sich,  dass  der 
Geltungsbereich  der  Strafbestimniungen  ein  zwiefach  verschiedener  ist.  Dies 
gelangt  zu  klarem  Ausdruck  in  dem  Titel  des  Gesetzbuches:  „Strafgesetz- 
buch für  den  Bundesdistrikt  und  das  Territorium  Nieder-Kalifornien 
über  gemeine  Vergehen,  und  für  die  ganze  Republik  über  Ver- 
gehen gegen  den  Bund."^) 

§  6.    Einteilung  des  Strafgesetzbuches. 

Das  Gesetzbuch  zerfällt  in  4  Bücher,  nebst  einem  Einleitungsabschnitt 
und  dem  als  Übergangsgesetz  bezeichneten  Schlussteil,  sowie  endlich  einem 
Übergangsartikel  über  den  Geltungsbeginn;  es  umfasst  1181  Artikel,  deren 
Mehrzahl  von  beträchtlicher  Länge  und  wiederum  in  Absätze  gegliedert  ist, 
und  ist  von  seltener  Reichhaltigkeit,  ohne  irgendwelche  eigentlich  fremde  Materie 
hineinzumischen. 

Wir  geben  zunächst  die  Inhaltsübersicht,  weil  aus  derselben  vorstehendes 
Urteil  kontrolliert  werden  kann  und  es  bei  dem  uns  zugemessenen  Räume  nur 
so  möglich  wird,  einige  wenige  Hauptpunkte  noch  besonders  erläutern  zu  können. 

Einleitung  Artt.  1 — 3. 

Erstes  Buch:  Von  Vergehen,  Übertretungen,  Verbrechen  und  Strafen 
im  allgemeinen.  Artt.  4 — 300.  I.  I.Vergehen  und  Übertretungen  im 
allgemeinen.  2.  Stufen  des  absichtlichen  Vergehens.  3.  Häufung  und  Rückfall.  — 
IL  1.  Strafrechtliche  Verantwortung.  2.  Ausschliessende,  3.  4.  5.  Mildernde 
und  erschwerende  Umstände.  G.Verantwortliche  Personen.  —  III.  1.  Strafen 
im  allgemeinen.  Gefangenenarbeit  und  Verteilung  ihres  Erlöses.  2.  Strafarten 
und  Vorbeugungsmassregeln.  3.  Straf-Milderungen  und  -Schärfungen.  4.  Vorbe- 
reitende Freiheit. — IV.  Strafarten  und  Vorbeugungsmassregeln:  1.  Ein- 
ziehung. 2.  VerAveis,  Warnung.  3.  Geldstrafe.  4.  Kürzere  und  längere  Haft. 
5.  Besserungsanstalt.  6.  Ordentliches  Gefängnis.  7.  Bannung.  Einfache  Ein- 
schliessung.  Verbannung  vom  Wohnort.  Verbannung  ausser  Landes.  Todes- 
strafe. Ausserordentliches  Gefängnis.  8.  Verlust  bürgerlicher,  Familien-  und 
politischer  Rechte.  Unfähigkeit  zur  Ausübung  eines  dieser  Rechte.  9.  Zeit- 
weilige Enthebung  und  Absetzung  von  Ämtern  und  Ehrenämtern.  Unfähigkeit 
zu  deren  Erlangung  und  zu  jeder  Art  derselben.  10.  Vorbeugende  Einschlies- 
sung  in  eine  Zwangserziehungs-,  Taubstummen-  oder  Heilanstalt.  11.  Sicher- 
heitsleistung für  Unterlassung  künftiger  Frevel.  Versicherung  künftigen  Wohl- 
verhaltens. Ermahnung.  12.  Polizeiaufsicht.  Verbot  des  Betretens  eines 
bestimmten  Ortes  oder  Landesteiles  oder  des  Wohnens  daselbst.  —  V.  Straf- 
zumessung. 1.  Allgemeines.  2.  Bei  Fahrlässigkeitsvergehen.  3.  Bei  Ver- 
such, unternommenen,  vereitelten  und  vollendeten  Vergehen,  4.  bei  Häufung 
und  Rückfall,  5.  für  Mitschuldige  und  Hehler,  6.  bei  Personen  von  9 — 18 
Jahren  und  Taubstummen,  die  mit  Unterscheidungsvermögen  handeln,  7.  bei 
mildernden  und  ei'schwerenden  Umständen.  8.  Vertauschung,  Verminderung 
und  Umwandlung  der  Strafen.  9.  Vollstreckung  der  Urteile.  —  VI.  1.  Erlöschen 
der  Straf  klage,  2.  durch  Tod,  Amnestie,  3.  Verzeihung  und  Einwilligung 
des  Verletzten,  4.  Verjährung.  —  VII.  1.  Erlöschen  der  Strafen,  2.  durch 
Tod,  Amnestie,  Rehabilitation,  3.  Straferlass,  4.  Verjährung. 


^)  Eine  von  dem  Verfasser  dieser  Darstelhuio^  bearbeitete  deutsche  Übersetzung 
erBchien  als  Beilage  zu  Bd.  14  der  Zeitschrift  für  die  gesamte  Strafrechtswissenschaft; 
eine  Einleitung  dazu  in  demselben  Bande  S.  19. 


•» 


118  Mexiko.  —  §  6.  Einteilung  des  Strafgesetzbuches. 


Zweites  Buch:  Civilrechtliche  Haftpflicht  in  Strafsachen.  Artt.  301 
bis  367.  1.  Ausdehnung  und  Voraussetzungen.  2.  Bemessung.  3.  Haftpflichtige 
Personen.  4.  Verteilung  bei  mehreren  Haftpflichtigen.  5.  Vollstreckung. 
6.  Erlöschung  der  Haftpflicht  und  der  Klagen  zu  ihrer  Geltendmachung. 

Drittes   Buch:   Von    den  Vergehen   insbesondere.     Artt.  368 — 1139. 

1.  Vergehen  gegen  das  Eigentum:  1.  Diebstahl.  2.  Diebstahl  ohne 
Gewaltthätigkeit.  3.  Diebstahl  mit  Gewaltthätigkeit.  4.  Veruntreuung.  5.  Be- 
trug. 6.  Betrügerischer  Bankerutt.  7.  Besitzentziehung  bei  Immobilien  und 
Wasserrechten.  8.  Wörtliche  und  thätliche  Drohungen.  Vergewaltigung.  9.  Zer- 
störung und  Beschädigung  fremden  Eigentums  durch  Brandstiftung,  10.  durch 
Überschwemmung  und  11.  durch  andere  Mittel.  —  IL  Vergehen  von  Privat- 
personen gegen  diePerson:  1.  Schläge  und  andere  einfache  Thätlichkeiten. 

2.  Verletzungen;  allgemeines.  3.  Einfache  und  4.  qualifizierte  Verletzungen. 
5.  Tötung;  allgemeines.  6.  Einfache  und  7.  qualifizierte  Tötung.  8.  Eltern- 
mord. 9.  Abtreibung.  10.  Kindesmord.  11.  Zweikampf.  12.  Aussetzung  und 
Verlassung  von  Kindern  und  Kranken.  13.  Menschenraub.  14.  Freiheits- 
beraubung   und    Hausfriedensbruch.    —   III.    Vergehen    gegen    den    Huf: 

1.  Beleidigung.     Verleumdung.      Aussergerichtliche   falsche  Beschuldigung.  — 

2.  Gerichtliche  falsche  Beschuldigung.  —  IV.  Falschheit:  1.  Falschmünzerei 
und  Münzverfälschung.  2.  Fälschung  von  Wertpapieren,  3.  von  Siegeln, 
Stempeln,  Massen  und  Gewichten,  4.  von  öffentlichen  und  Privaturkunden, 
5.  von  Bescheinigungen,  6.  von  Schlüsseln.  7.  Falsche  Erklärungen  vor  Gericht 
und  Gutachten  für  Behörden.  8.  Verheimlichung  des  Namens  oder  Angabe 
eines  falschen.  9.  Fälschung  bei  Telegrammen.  10.  Anmassung  von  Amts- 
oder Berufsrechten,  unbefugter  Gebrauch  von  Orden  und  Uniformen.  —  V.  Ent- 
hüllung von  Geheimnissen.  —  VI.  Vergehen  gegen  die  Familien- 
ordnung, öffentliche  Sittlichkeit  und  den  Anstand:  I.Vergehen  gegen 
den  Civilstand  von  Personen.    2.  Ausschreitungen  gegen  Sittlichkeit  und  Anstand. 

3.  Angriffe  gegen  die  Scham.  Schändung.  Notzucht.  4.  Verführung  Minder- 
jähriger. 5.  Entführung.  6.  Ehebruch.  7.  Doppelehe  und  sonstige  ungesetz- 
liche Ehen.  8.  Aufreizung  zu  einem  Vergehen.  Beschönigung  eines  solchen 
oder  eines  Lasters.  —  VII.  Vergehen  gegen  die  öffentliche  Gesund- 
heit. —  VIII.  Vergehen  gegen  die  öffentliche  Ordnung:  1.  Land- 
streicherei, Bettelei.  2.  Lotterieen.  3.  Verbotene  Spiele.  4.  Vergehen  gegen 
die  Vorschriften  über  Begräbnisse.  5.  Grabschändung.  Entweihung  eines 
menschlichen  Leichnams.  6.  Siegel bruch.  7.  Widerstand  gegen  Vornahme 
öffentlicher  Arbeiten.  8.  Vergehen  von  Armeelieferanten.  9.  Ungehorsam  und 
Widerstand  von  Privaten.  10.  Ausschreitungen  und  Angriffe  gegen  öffentliche 
Beamte.  11.  Zusammenrottung.  Tumult.  12.  Gewohnheitstrunkenheit.  13.  Vergehen 
gegen  Gewerbfleiss,  Handel  und  die  Freiheit  bei  öffentlichen  Versteigerungen.  — 
IX.  Vergehen  gegen  die  öffentliche  Sicherheit:  1.  Entweichung  Gefangener. 
2.  Vereitelung  der  Verurteilung.  3.  Verbotene  Waffen.  4.  Bandenbildung  zur 
Verübung  von  Vergehen  gegen  die  Person  oder  das  Eigentum.  —  X.  Vergehen 
gegen  die  verfassungsmässig  gewährleisteten  Rechte:  1.  Vergehen  bei 
Volkswahlen,  2.  gegen  die  Pressfreiheit,  3.  gegen  die  Freiheit  der  Religionsübungen, 

4.  gegen  die  Gewissensfreiheit.  5.  Verletzung  und  Unterdrückung  von  Briefen 
und  Telegrammen.  6.  Freiheitsberaubung  und  Hausfriedensbruch,  begangen 
durch  Beamte.  Durchsuchung  und  Wegnahme  von  Papieren.  7.  Verletzung 
einiger  anderer  verfassungsmässig  gewährleisteter  Rechte.  —  XI.  Amtsvergehen 
der  öffentlichen  Beamten:  1. Verfrühte  oder  unberechtigt  fortgesetzte  Amts- 
führung. Anmassung  nicht  zustehender  Amtshandlungen.  Entweichung  vom  Amte. 
2.  Missbrauch  der  Amtsgewalt.    3.  Verbündung  von  Beamten.    4.  Bestechung. 

5.  Untersehleif  und    Erpressung   im   Amte.     6.  Vergehen    in  Civil-   und   Straf- 


§  7.    System  des  Gesetzes.  119 


Sachen.  7.  Besondere  Vergehungen  der  Oberbeamten  des  Bundes.  —  XII.  Ver- 
gehen der  Rechtsanwälte,  Bevollmächtigten  und  Konkursverwalter. — 
XIII.  Vergehen  gegen  die  äussere  Sicherheit  der  Nation.  —  XIV.  Ver- 
gehen gegen  die  innere  Sicherheit:  1.  Aufstand.  2.  Aufruhr.  —  XV.  Ver- 
gehen gegen  das  Völkerrecht:  1.  Seeräuberei.  2.  Verletzung  der  Unver- 
letzlichkeit gewisser  Sachen  und  Personen.   3.  Sklavenhalterei  und  Sklavenhandel. 

4.  Verletzung  der  Menschlichkeitspflichten  gegen  Kriegsgefangene,  Geiseln,  Ver- 
wundete oder  Lazarethe. 

Viertes  Buch:  Von  den  Übertretungen.  Artt.  1140 — 1152.  1.  All- 
gemeines.   2.  Übertretungen  erster  Klasse,  3.  zweiter  Klasse,  4.  dritter  Klasse, 

5.  vierter  Klasse. 

Übergangsgesetz.     Artt.  1 — 28.  —  Übergangsartikel. 

§  7.    System  des  Gesetzes. 

Kein  Artikel  des  Gesetzes  lässt  die  Absicht  des  Gesetzgebers  verkennen, 
eine  bis  ins  genaueste  fest  zum  voraus  bestimmte  Strafe  für  jeden  denkbaren 
Fall  zu  schaffen,  um  jeder  Möglichkeit  einer  Willkür  vorzubeugen;  hiervon  ist 
nur  bezüglich  der  Geldstrafen  und  sonst  noch  an  etlichen  nicht  zahlreichen 
Stellen  eine  unwesentliche  Ausnahme  unter  ausdrücklicher  Anrufung  des  richter- 
lichen Ermessens  gemacht.  Diese  Reaktion  gegen  den  vorhergehenden  Rechts- 
zustand ist  durch  die  Eigentümlichkeit  der  politischen  und  gesellschaftlichen 
Verhältnisse  des  Landes,  in  welchem  Einflüsse  von  Freundschaft  mehr  noch 
als  von  Feindschaft  so  mächtig  sind,  dass  sie  den  verwandtschaftlichen  gesetz- 
lich gleichgestellt  werden^),  in  erhöhtem  Masse  geboten;  eben  diese  gesetz- 
liche Einräumung  der  Existenzberechtigung  bestätigt,  dass  es  ein  Irrtum  wäre, 
diesen  Zustand  mit  dem  Koteriewesen  anderer  Länder  verwechseln  und  daraus 
Rückschlüsse  gegen  die  Rechtssicherheit  ziehen  zu  wollen.  In  Ausführung 
dieses  Systems  ist  bei  jeder  Vergehensart  eine  Reihe  von  zumeist  mit  grosser 
Schärfe  abgegrenzten  Einzeldelikten  aufgestellt  und  jedes  von  diesen  mit  einem 
mittleren  Strafmass  versehen;  die  einzelnen  Strafnormen  sind  untereinander 
in  einem  Verhältnis  gehalten,  das  nur  in  seltenen  Fällen  zu  Befremden  An- 
lass  bieten  kann,  und  auch  für  manche  scheinbare  Inkongruenzen  dieser  Art 
ist  eine  Erkläning  aus  gewissen  im  Lande  herrschenden  Neigungen  zu  dieser 
oder  jener  Vergehensart  zu  finden.  Auf  dieses  Normalmass  der  Strafe  finden 
dann  die  zumeist  aus  dem  allgemeinen  Teil,  manchmal  auch  noch  aus  den 
generellen  Bestimmungen  des  betreffenden  Abschnittes  zu  entnehmenden  Steige- 
rungen und  Zusätze,  Minderungen  imd  Umwandlungen  Anwendung,  so  dass 
das  Urteil  zum  grossen  Teil  als  das  mathematische  Resultat  einer  Reihe  fest- 
bestimmter Faktoren  erscheint.  Die  Ausdrucksweise  des  Gesetzes  wird  da- 
durch oft  schwerfällig  und  erscheint  durch  die  Nebeneinanderstellung  dieser 
Rechnungsanweisimgen  und  der  klar  stilisierten  Begriffsbestimmungen  bunt 
und  ungleich;  für  die  Anwendung  des  Gesetzes  durch  Richter  jedoch,  die  aus 
Volkswahlen  hervorgehen^),  ist  in  der  Festlegung  des  Strafmasses  ein  rechts- 


*)  Art.  13:  „Die  Verpflichtung,  der  Behörde  zur  Feststellung  eines  Vergehens 
oder  zur  Ergreifung  der  Schuldigen  Hülfe  zu  leisten,  betrifft  nicht  deren  Ehegatten, 
Aszendenten,  Deszendenten  oder  Seitenverwandte,  noch  auch  diejenigen  Personen, 
welche  ihnen  Achtung,  Dankbarkeit  oder  Freundschaft  schuldig  sind.**  So  auch  bei 
positiver  Begünstigung  xmd  Hehlerei,  Art.  59,  und  anderwärts. 

*)  Alle  Richter  und  sogar  alle  Gerichtssekretäre  müssen  jedoch  aus  den  Advokaten 
gewählt  werden.  In  der  Praxis  hat  sich  trotz  des  Wablmodus  und  ohne  übermässigen 
Einfluss  der  Politik  in  den  langen  Jahren  friedlicher  Entwicklung  ein  eigener  Richter- 
stand gebildet. 


120  Mexiko.  —  §  8.  Straf  arten.    §  9.  Strafvollzug. 


sicherndes  Moment  von  einer  jenen  Schönheitsfehler  weit  überwiegenden  Be- 
deatong  zu  erblicken.  Besonders  für  die  Nachprüfung  der  Oberinstanzen, 
welcher  bei  der  erschwerten  Verbindung  der  Gerichtsorte  untereinander  eine 
Wiederholung  der  Verhandlungen  nur  beschränkt  zu  Grunde  gelegt  werden 
kann,  ist  das  Wegfallen  der  schwer  zu  fixierenden  Nuancen  der  That  und 
ihrer  Beurteilung  durch  den  Vorderrichter,  sowie  der  dem  letzteren  auferlegte 
Zwang,  seine  Gründe  unter  die  vorhandenen  Kategorieen  einzuordnen,  von 
Wert.  Es  sind  dadurch  jene  Dehnungen  und  Verrenkungen  der  Thatbestands- 
momente  bezw.  ihrer  gesetzlichen  Auffassung  ausgeschlossen,  welche  die  Rechts- 
pflege einiger  mit  angeblich  idealen  Gesetzen  ausgestatteter  europäischer 
Länder  aufweist.  Jede  Willkür  innerhalb  dieser  Schranken  ist  durch  eine 
erhöhte  Anspannung  der  kasuistischen  Voraussicht  des  Gesetzgebers,  der  in 
diesem  Falle  sich  als  hervorragender  Denker  bewährte,  überflüssig  zu  machen 
gesucht  worden.  Für  ausserordentliche  Fälle,  die  jeder  Voraussicht  spotten, 
schafft  ausdrücklich  (Alt.  43)  das  in  Abschnitt  VI  und  VII  des  Ersten  Buches 
ausgebildete  System  von  Begnadigungen  Rat. 

§  8.    Strafarten. 

Dieser  Berechnungsart  der  Strafe  entspricht  das  Strafensystem.  Es  mag 
angesichts  der  langen  Reihe  der  in  Titel  IV  des  Ersten  Buches  aufgezählten 
Strafarten  paradox  erscheinen  zu  behaupten,  dass  ausser  der  meist  als  Zusatz 
auferlegten  Geldstrafe  ganz  wesentlich  nur  eine  Straf art  in  Frage  kommt, 
die  Gefängnisstrafe,  welche  sich  zu  jenen  rein  numerischen  Operationen  be- 
dingungslos eignet.  Die  Grenzen  zwischen  Haft  und  Gefängnis  sind  un- 
bedeutend und  verwischen  sich  mehrfach  vollkommen;  erstere  dauert  bis  zu 
11  Monaten,  letzteres  von  1 — 12  Jahren  (im  Mittelmass).  Für  politische  Ver- 
gehen tritt  an  Stelle  des  Gefängnisses  die  Einschliessung,  für  jugendliche  Ver- 
brecher Zwangserziehung  und  Besseiningshaus.  Das  „ausserordentliche"  Ge- 
fängnis unterscheidet  sich  nur  durch  seine  Zeitdauer  von  20  Jahren  und  dient 
als  an  die  Stelle  der  Todesstrafe  tretende  Strafart  überall  da,  wo  bei  einer 
mit  dem  Tode  bedrohten  Strafthat  strafmindemde  Modifikationen  Platz  greifen. 
Eine  Erschwerung  der  Todesstrafe  oder  deren  Anwendung  auf  Männer  über 
70  Jahre  und  auf  Frauen,  sowie  deren  Vollstreckung  nach  Ablauf  von  fünf 
Jahren  seit  dem  Vergehen  ist  unzulässig;  bei  alledem  ist  sie  überhaupt  nur 
für  wenige  Vergehen  schwerster  Art  angedroht.  Bannung  an  einen  bestimmten 
Ort  und  Verbannung  aus  solchen  sind  ausser  bei  politischen  noch  besondere 
bei  Gewaltthätigkeitsvergehen  als  Zusatzstrafen  zur  Beruhigung  des  Bedrohten 
oder  Verletzten  angewandt,  der  durch  harte  Ahndung  jeder  Art  Drohungen 
und  durch  eine  Reihe  vorbeugender  Massregeln  überhaupt  weit  wirksamer 
vom  Strafrechte  geschützt  wird,  als  in  den  Polizeistaaten  Europas,  wo  die 
Staatshülfe  erst  nach  geschehenem  Frevel  eingreift.  Verbannung  aus  der 
Republik  ist  nur  für  die  Hauptschuldigen  eines  Verrats  oder  politischen  Ver- 
g(^hens,  die  dauernd  gefährlich  erscheinen,  statt  der  Gefängnis-  oder  Ein- 
schliessungsstrafe  zulässig.  Die  Aberkennung  von  Rechten  erstreckt  sich  auch 
auf  die  väterliche  Gewalt,  Erbrechte  u.  dergl.  und  ist  vielfach  gesetzlich,  zum 
Teil  auch  nach  richterlichem  Ermessen,  teilbar,  abgestuft  und  nuanciert,  ebenso 
der  Aratsverlust. 

§  9.    Strafvollzug. 

Über  die  Vollstreckung  der  Strafen  sind  präzise,  fast  eine  vollständige 
Gefängnisordnung  dai'stellende  Bestimmungen  aufgenommen,  Avelche  durchweg 


§  10.  Eiitschftdigung  des  Verletzten.   §  11.  Entftchädigung  unschuldig  Verhafteter.     121 


von  grosser  Humanität  zeugen.  Strengste  Trennung  der  verschiedenen  Straf- 
arten, sowie  der  Geschlechter  und  der  Altersklassen  ist  angeordnet.  Der 
Strafzweck  der  Besserung  tritt  hier  in  keiner  weichlich  -  nachsichtigen  Form, 
sondern  in  einer  werkthätigen  Anleitung  zur  Hebung  besonders  der  Erwerbs- 
fähigkeit des  Sträflings  hervor,  welchem  Ziele  weitgehende  Konzessionen  ge- 
macht sind:  z.  B.  die  Erlaubnis  zum  Aufsuchen  der  Arbeit  ausserhalb  der 
Anstalt.  Die  Verkehrsentziehung  kann  als  Zusatzstrafe  oder  als  Disziplinar- 
mittel  zur  Anwendung  gelangen,  aber  in  beschränktem  Masse;  bei  schlechter 
Führung  ist  dagegen  die  einer  Mehrzahl  von  Urteilen  ex  lege  beizufügende 
Berechtigung,  die  Strafe  um  ein  Bruchteil  zu  verlängern,  in  Vollzug  zu  setzen. 
Ebenso  hält  sich  das  Gesetz  bei  der  Verwendung  des  Arbeitserlöses  von  der 
einseitigen  Fürsorge  für  den  Sträfling  und  Vernachlässigung  seines  Opfers 
fem,  ebenso  wie  von  den  alles  absorbierenden  fiskalischen  bevorrechteten 
Ansprüchen :  eine  Hälfte  des  Erlöses  beansprucht  der  Staat  für  den  Gefängnis- 
fonds, ein  Viertel  dient  zur  Deckung  der  Ansprüche  des  Geschädigten  und 
ein  Viertel  gehört  dem  Sträfling  als  unpfändbarer  Reservefonds  zum  Wieder- 
eintritt in  die  Freiheit,  kann  aber  in  Notfällen  auch  schon  während  der  Haft 
teilweise  zur  Unterstützung  seiner  Familie  verwandt  werden.  Diesen  Wieder- 
eintritt in  die  Gesellschaft  zu  beschleunigen  und  zu  erleichtem  wird  bei  guter 
Führung  eine  „vorbereitende  Freiheit"  gewährt,  die,  widerruflich  und  mit 
einer  nicht  lästigen  Polizeiaufsicht  verbunden,  dem  Sträfling  schon  bei  Beginn 
der  Strafzeit  voraus  verlautbart  wird,  um  ihn  zu  rascherem  Streben  nach 
einem  Erwerbe  anzuspornen.  Zwei  besondere  städtische  Kommissionen,  deren 
Mitgliedschaft  ein  Ehrenamt  ist,  überwachen  und  besorgen  die  eine  den  ge- 
samten Gefängnisdienst,  die  andere  alles  auf  die  sittliche  und  materielle 
Hebung  der  Sträflinge  Bezügliche,  einschliesslich  der  Führungslisten,  Dis- 
ziplinarmassregeln  u.  dergl.  —  eine  Organisation,  welche  vorteilhaft  von  der 
platonischen  und  ohnmächtigen  Einwirkung  europäischer  Vereine  zum  Besten 
der  Strafgefangenen  abweicht;  die  Thätigkeit  der  berufsmässigen  Gefängnis- 
beamten ist  auf  ein  Mindestmass  beschränkt  und  jeder  Willkür  vorgebeugt.^) 

§  10.    Entschädi^ng  desJVerletzten. 

Ausser  dem  Viertel  des  Arbeitserlöses  haftet  natürlich  dem  Geschädigten 
noch  das  übrige  Vennögen  des  Thäters,  wobei  sein  Schadensanspruch  den 
Vorzug  vor  den  Gerichtskosten  und  der  Geldstrafe  hat.  Ausser  dem  Schuldigen 
haftet  noch  eine  Reihe  von  Personen,  unter  denen  hervorzuheben  sind:  Staat 
und  Gemeindeverwaltung  für  Amtsvergehen  ihrer  Beamten,  wenn  auch  nui* 
subsidiär  verpflichtet. 

§  11.    Entschädigung  unschuldig  Verhafteter. 

Auf  der  vorgenannten  Haftpflicht  des  Staates  beruht  die  vielleicht  inter- 
essanteste Bestimmung  des  Gesetzes,  welche  um  viele  Jahre  den  fortgeschritten- 
sten europäischen  Gesetzgebungen  voranging,  die  des  Art.  344: 

„Wenn  der  von  Amtswegen  Angeklagte  nicht  wegen  Mangel  an  Be- 
weisen, sondern  wegen  erwiesener  völliger  Unschuld  an  dem  ihm  zur  Last 
gelegten  Vergehen  freigesprochen  wird,  und  nicht  durch  seine  frühere  Auf- 
fühining  Grund  gegeben  hat,  ihn  für  schuldig  zu  halten,  so  wird  dies  in  dem 
Endurteil   von  Amtswegen   zum  Ausdruck  gebracht;    und  auf  Antrag  des  An- 


')  Vgl.  §  15  (Litteratur)  a.  E. 


122  Mexiko.  —  §  12.  Amtsvergehen. 


geklagten  wird  darin  der  Betrag  des  Schadens  und  entgangenen  Gewinns, 
der  ihm  durch  den  Prozess  erwachsen  ist,  nach  vorheriger  Anhörung  des  Ver- 
treters der  Staatsanwaltschaft  festgesetzt.  In  diesem  Falle  wird  die  civil- 
rechtliche  Haftpflicht  aus  dem  gemeinen  Entschädigungsfonds  erfüllt,  sofern 
nicht  gemäss  Art.  358  die  Richter  haftpflichtig  sind  oder  sofern  diese  keine 
Mittel  zur  Befriedigung  des  Anspruchs  haben." 

Der  genannte  Entschädigungsfonds  wird  aus  einem  Drittel  der  Geld- 
strafen und  ähnlichen  Einkünften  gebildet  und  ist  ein  Teil  der  Staatskasse. 
Es  wird  kaum  zu  leugnen  sein,  dass  die  gegebene  Begrenzung  dieses  Rechts 
des  Angeklagten  den  Ansprüchen  der  Billigkeit  dennoch  gerecht  wird,  zumal 
die  bezüglichen  thatsächlichen  Voraussetzungen  dem  Wahrspruche  einer  Ge- 
schworenenbank unterliegen.  Die  Verleihung  eines  gesetzlichen,  positiven 
Anspruchs  gewährt  dem  Unschuldigen  in  einem  Rechtssystem,  das  dem  Richter 
keine  Wahl  lässt,  eine  ausserordentliche  Sicherheit.  Es  ist  nicht  jenes  halb 
gnadenweise  arbiti'äre  Almosen  wie  es  in  europäischen  Gesetzesvorschlfl^en 
neuerdings  als  höchstes  erreichbares  Ziel  einer  Forderung  erscheint,  die  zag  als 
philanthropisches  Desiderat  und  als  bestrittene  Neuerung  im  Gesamtsystem  des 
Rechts  auftritt,  sondern  einfach  ein  folgerichtiger  Ausfluss^)  des  alle  Zweige 
des  bürgerlichen  und  öffentlichen  Rechts  des  mexikanischen  Freistaats  durch- 
dringenden Systems  der  Regresspflicht  des  Beamten  und  seines  Auftraggebers, 
des  Staats. 

§  12.    Amtsvergehen. 

Dieses  System,  welches  im  Strafrechte  das  Zweite  Buch  des  Gesetzes 
wiederspiegelt,  ist  verschärft  und  ergänzt  durch  die  hochgespannte  strafrecht- 
liche Verantwortlichkeit,  die  das  Dritte  Buch  für  die  Beamten  begründet. 
Gegen  die  unmöglichen  Regresse  und  das  unerreichbare  Disziplinareinschreiten 
in  europäischen  Ländern  stechen  Strafen  für  offensichtlich  ungerechte  Urteile, 
Prozessverschleppung  u.  dergl.,  ja  die  Hehlereistrafe  für  laxe  Verfolgung  eines 
Vergehens  erheblich  ab.  Eine  besondere  Kategorie  von  Amtsvergehen  ist 
durch  Verfassung  und  Spezialgesetz*)  für  die  Oberbeamten  der  Republik  ge- 
schaffen, welche  während  ihrer  Amtsdauer  und  ein  Jahr  danach  vor  be- 
sonderen Gerichtshöfen  wegen  Vergehen  und  Übertretungen  gegen  die  Ver- 
fassung und  wegen  Unterlassung  von  Amtspflichten  abgeurteilt  werden  können. 

Es  ist  durch  die  Gesamtheit  dieser  Bestimmungen  ein  Straf-  und  Dis- 
ziplinarrecht für  die  Beamten,  speziell  auch  die  Richter,  geschaffen,  dessen 
Vollständigkeit  nicht  leicht  irgendwo  anders  erreicht  worden  sein  dürfte.  Man 
wolle  dagegen  nicht  einwenden,  dass  das  Disziplinarrecht  nicht  ins  Sti'afrecht 
gehöre:  der  gewählte  Richter  steht  den  Verwaltungsvorgesetzten  vollkommen 
unabhängig  gegenüber  und  kann  für  Amtsnachlässigkeiten  u.  dergl.  (die  be- 
grifflich sich  in  nichts  von  Amtsvergehen  unterscheiden  zumal  da,  wo,  wie  in 
Mexiko,  die  Prozessordnungen  jede  Amtshandlung  genau  vorschreiben)  nui* 
vor  seinem  ordentlichen  Richter  zur  Verantwortung  gezogen  werden,  nicht 
zum  Nachteil  der  Rechtspflege. 


*)  So  sehr^  dass  die  Motive  die  Bestimmung  gar  nicht  besonders  erwähnen. 

')  Siehe  oben  §  4  und  Artt.  103—108  der  Bundesverfassung.  —  Als  Oberbeamte 
gelten:  die  Landtagsmitglieder,  die  Richter  am  Obersten  Gerichtshof  und  die  Minister; 
ferner  in  Angelegenheiten,  die  zur  Bundeskompetenz  gehören,  die  Gouverneure  der 
Staaten.  Endlich  auch  der  Präsident  der  Republik,  der  jedoch  während  seiner  Amts- 
dauer nur  wegen  Vaterlandsverrats,  ausdrücklicher  Verletzung  der  Verfassung  oder 
der  Wahlfreiheit  oder  wegen  schwerer  Verbrechen  angeklagt  werden  darf.  Anklage- 
jury ist  der  Landtag,  Spruchjury  das  Oberste  Gericht. 


§  13.   Bemerkungen  zum  Allgemeinen  Teil.  123 


§  13.    Bemerkungen  zum  Allgemeinen  Teil. 

Da  der  Rauin  ein  Mehr  verbietet,  so  sei  den  vorstehenden  charakte- 
ristischen Eigenheiten  des  Gesetzbuches  nur  eine  gedrängte  Aufzählung  einiger 
bemerkenswerter  Züge  des  Allgemeinen  Teils  angeftlgt: 

Die  Einleitung  bringt  die  während  der  Bürgerkriege  stark  in  Ver- 
gessenheit geratene  Bürgerpflicht  zur  Verhinderung  beabsichtigter  Vergehen 
und  zur  Gewährung  behördlich  erforderter  Unterstützung  bei  deren  Verfolgung 
in  Erinnerung,  unter  Androhung  gelinder  Strafen.  Sie  stellt  femer  die  An- 
wendbarkeit des  Gesetzes  trotz  Unkenntnis  desselben  seitens  des  Thäters,  sowie 
auf  Fremde  fest  und  bestimmt  endlich  die  Geltung  des  Allgemeinen  Teils  auch  für 
die  Beurteilung  der  in  besonderen  Gesetzen  verstreuten  Strafbestimmungen. 

Die  Trennung  von  Verbrechen  und  Vergehen  existiert  nicht,  ebenso- 
wenig die  Schärfung  der  Gefängnisstrafe  in  Zuchthaus;  die  alten  Festungs- 
baustrafen sind  abgeschafft.  —  Der  Versuch  ist  in  drei  Begriffe  gespalten: 
versuchtes,  unternommenes  und  vereiteltes  Vergehen;  das  zweitgenannte  um- 
fasst  den  Versuch  mit  untauglichen  Mitteln,  das  unmögliche  und  das  ab- 
geirrte Vergehen.  Versuch  bei  absolut  unmöglicher  Ausführung  wird  mit  10  bis 
1000  Pesos  Geldstrafe,  alle  übrigen  Fälle  werden  mit  Bruchteilen  der  Vollendungs- 
strafe belegt.  —  Bei  Häufung  von  Vergehen  wird  die  höchste  der  zustehen- 
den Strafen  angewandt,  welche  um  ein  Drittel  erhöht  werden  kann.  —  Rück- 
fall, auch  in  ein  anderweites  Delikt  als  das  erste,  bewirkt  Straf erhöhung  um 
ein  Sechstel  bis  zu  einem  Drittel;  doppelt  so  viel,  wenn  die  frühere  Strafe 
erlassen  worden  war  und  beim  wiederholten  Rückfall.  —  Als  Urheber  werden 
auch  Anstifter  bestraft,  die  mehr  als  wörtlicher  Anreizung  sich  bedienen,  so- 
wie diejenigen,  welche  unvermeidliche  oder  gefährliche  Vorarbeiten  zur  Er- 
möglichung der  Ausführung  leisten;  ferner  Beamte,  die  ihr  Gewähr enlassen 
oder  Straflosigkeit  versprechen.  —  Als  Mitschuldige  gelten  u.  a.  die  Be- 
günstiger und  Hehler  im  Falle  vorheriger  Vereinbarung,  sowie  die  in  der 
Verfolgung  säumigen  Beamten.  Hehler  trifft  Haft  und  bei  gewinnsüchtiger 
Absicht  zusätzlich  erhebliche  Geldstrafe.  —  Der  Anstifter  bleibt  straffrei, 
wenn  er  reuig  das  Vergehen  rechtzeitig  hindert;  gelingt  ihm  dies  trotz  er- 
wiesener Anstrengung  nicht,  so  trifft  ihn  nur  ein  Viertel  der  Strafe.  Ge- 
horsam gegen  Vorgesetzte  schliesst  Strafe  nicht  aus  bei  Kenntnis  des  befohlenen 
Vergehens  als  eines  solchen.  —  Das  Alter  unsicheren  Unter  sc  heidungs- 
vermögens  reicht  vom  vollendeten  9.  bis  18.  Jahre;  bis  zum  14.  wird  ver- 
mutet, dass  der  Thäter  ohne  Unterscheidungsvermögen  gehandelt  hat.  Die 
Taubstununen  erfahren  gleiche  Beurteilung.  —  Trunkenheit  wirkt  nur  dann 
strafausschliessend,  wenn  sie  den  Thäter  gänzlich  der  Vernunft  beraubt  und 
dieser  1.  weder  Gewohnheitstrinker  ist,  noch  auch  2.  vorher  bereits  in 
trunkenem  Zustande  ein  Vergehen  verübt  hat.  Liegt  eins  dieser  beiden  Be- 
denken vor,  so  tritt  die  Fahrlässigkeitsstrafe  ein.  Gewohnheitstrunkenheit,  die 
zu  ernstem  Ärgernis  Anlass  giebt,  wird  mit  2 — 6  Monaten  Haft  und  Geld- 
strafe belegt  und  bei  vorhergegangenem  schwerem  Vergehen  unter  dem  Ein- 
fluss  von  Trunkenheit  mit  5 — 11  Monaten  Haft  und  Geldstrafe.  —  Mildernde 
und  erschwerende  Umstände  sind  erschöpfend  bestimmt  und  je  in  vier 
Klassen  von  einer  bis  zu  vier  "Werteinheiten  verteilt:  das  Resultat  der  Auf- 
rechnung der  vorhandenen  Einheiten  beider  Arten  bestimmt  die  Erhöhung 
oder  Minderung  des  Normalmasses  der  Strafe  bis  zu  deren  Maximum  und 
Minimum,   welches  je  um   ein  Drittel   von   dem  mittleren  Strafmass  abweicht. 


124  Mexiko.  —  §  14.  Sonstige  Strafgesetze.    §  15.  Litteratur. 


§  14.    Sonstige  Strafgesetze. 

Die  schon  oben  betonte  und  aus  der  Inhaltsangabe  (§  6)  ersichtliche 
Reichhaltigkeit  des  Strafgesetzbuches  lässt  es  natürlich  erscheinen,  dass  neben 
demselben  keine  erheblichen  anderweiten  Strafbestimmungen  Platz  greifen. 
Zu  erwähnen  sind  die  Stempel-  und  Zollstrafen,  ^)  Geldstrafen  von  ungeheurer 
Härte,  weil  sie  die  wesentlichsten  Einnahmequellen  des  Staates  zu  sichern  be- 
stimmt sind.  Der  Zinsfuss  ist  frei,  ebenso  die  Presse,  über  deren  Spezialver- 
gehen,  wie  Verweigerung  der  Berichtigung  u.  dergl.  jetzt  die  ordentlichen 
Gerichte,  nicht  mehr  eine  eigene  Geschworenenbank  wie  nach  dem  Gesetz  von 
1868,  urteilen.  Jagd  und  Fischerei  sind  ebenfalls  keinen  Strafbestimmungen 
unterworfen.  Das  Militärstrafi'echt  ist  durch  ein  besonderes  Gesetzbuch  vom 
16.  September  1892  geordnet.  Das  Postgesetz  vom  23.  Oktober  1893  schützt 
das  Briefgeheimnis. 

§  15.   Litteratur. 

Die  Gesetze  werden  veröffentlicht  im  Diario  oficial.  Vollständig  und  genau 
sind  dieselben  auch  abgedruckt  in  der  von  dem  Advokaten  Miguel  Macedo  heraus- 

fegebenen  Zeitschrift  Anuario  de  legislaciön  y  jurisprudencia ,  welche  in  anderen 
bteilungen  auch  die  wichtigsten  Entscheidungen  der  Gerichte  und  wisseuBchaftliche 
Abhandlungen  enthält.  Ähnlich  die  Zeitungen  El  Foro  und  El  Derecho.  —  Text- 
ausgabe des  Bundes-Straf^esetzbuches  von  1871  mit  einer  Vorrede  von  Antonio 
Maria  de  Prida,  Magigtraao  del  Tribunal   Supremo.    Madrid,  Establecimiento  Tipo- 

frÄfico  de  Pedro  Nunez,  Espiritu  Santo  18,  1890.  —  Deutsche  Übersetzunpf  des 
undes-Strafgesetzbuches  von  1871  von  Eisenmann  in  der  Zeitschrift  für  die  ge- 
samte Straf rechtswissenschaft  Bd.  14,  Beilage;  eine  Einleitung  dazu  ebenfaUs  von 
Eisenmann  in  demselben  Bande  S.  19.  —  Arrillaja:  Recopilaciön  oficial  completa  y 
correcta  de  leyes,  decretos,  bandos,  reglamentos,  circulares  y  providencias  del  poder 
supremo  del  Imperio  Mexicano,  y  de  otras  autoridades,  que  se  consideran  de  interes 
commun  4  Bde.,  Mexiko  1863—65.  —  Zaldivar,  S.  G.:  Diccionario  de  la  legislaciön 
mexicana,  que  comprende  las  leyes,  decretos,  bandos,  reglamentos,  circulares  y  provi- 
dencias del  supremo  gobierno  y  otras  autoridades  de  la  nacion.  Mexiko.  1.  Publicados 
desde  el  31  de  Mavo  de  1863,  hasta  el  30  de  Setiembre  de  1868.  —  1868;  2.  Publicados 
desde  el  1°  de  Octubre  de  1868,  hasta  el  31  de  Diciembre  de  1869.  —  1870.  Derecho 
penal  mexicano,  das  als  klassisch  geltende  Lehrbuch,  in  Form  des  kommentierten  Ge- 
setzestextes, von  Jose  Maria  Lozano,  Mexiko  1874.  —  Cödigo  penal  mexicano,  sus 
motivos,  concordancias  y  leyes  complementarias ,  von  Antonio  A.  de  Medina  y 
Ormaechea,  2  Bde.,  Mexiko  1880,  noch  heut  das  sorgfältigste  Werk  über  die  Gesetz- 
gebung der  Einzelstaaten,  die  auf  Grund  amtlicher  Quellen  (bis  1880)  voUstÄndig  ab- 
gedruckt ist. 

Fortlaufende  kurze  Berichte  über  die  mexikanische  Gesetzgebung  unter 
Berücksichtigung  des  Straf  rechts  enthält  das  von  der  Societe  de  legislation  comparee 
zu  Paris  herausgegebene,  bei  ('otillon  &  Cie.  erscheinende  Annuaire  de  legislation 
etrangftre;  vgl.  Bd.  4  S.  705—718  (kurze  Darstellung  der  geschichtlichen  F^ntwickhing 
und  der  Verfassungsverhältnisse);  Bd.  10  S.  717  (kurze  Analyse  der  Strafprozessordnung 
von  1880);  Bd.  12  S.  1042 — 1043  (Auslieferungsvertrag  zwischen  Mexiko  und  Belgien 
vom  14.  März  1882);  Bd.  14  S.  817—828  (Auslieferungsvertrag  mit  Spanien  vom  4.  März 
1883;  Analvse  des  Berggesetzes  vom  22.  November  1884);  Bd.  15  S.  667—6(^8  (Zollgesetz 
vom  24.  Januar  1885);  Bd.  17  S.  919-9^)8  (Stempelgesetz  vom  31.  März  1887,  Zollgesetz 
vom  1.  März  1887);  Bd.  19  S.  941—952  (Auslieferungsvertrag  mit  Grossbritannien  vom 
27.  Januar  1889);  Bd.  21  S.  964—986  (Patent-Gesetz  vom  7.  Juni  1890,  Bestimmung  über 
die  vorläufige  Entlassung  der  Strafgefangenen,  Zollgesetz  vom  12.  Juni  1891 ,  Gesetz 
vom  24.  Juni  1891  über  Einrichtung  und  Befugnisse  der  Jury  im  Bundesbezirk);  Bd.  24 
S.  924 — 949  (Strafj)rozessordnung  vom  6.  Juli  1894,  Militär-Justiz-Gesetz  vom  16.  September 
1892  nebst  Ergänzungs- Verordnungen  vom  1;,  Januar  und  1.  August  1893,  Postgesetz 
vom  23.  Oktober  1893).  Eine  französische  Übersetzung  der  in  §  9  erwähnten  Be- 
stimmungen über  die  Gefängnissverwaltung  mit  einer  Einleitung  von  Eisenmann 
erschien  im  Bulletin  de  la  Societe  des  Prisons  Paris,  1895. 


')  Vgl.  Ordenanza  general  de  aduanas  maritinias  y  fronterizas,  Mexiko  1887. 


X. 


MITTEL-AMERIKA. 


1.  Einleitung. 


2.  Nicaragua.  3.  Honduras. 

Von  Dr.  Buonaventura  Selva,  von  Dr.  All3erto  TIcl6s, 

Präsidenten  des  Höchsten  Gerichtshofes  zu  Managua.         Präsidenten  des  Höchsten  Uerichtshofes  zu  Tegucigalpa. 

(Obersetzung  auB  dem  Spanischen 
von  Dr.  Qeorg  Cmsen,  Gerichtsassessor  im  Königlich  Preussischen  Justizministerium  zu  Berlin.) 


4.  Costa  Rica.  5.  Guatemala. 

Von  Ernst  Eisenmann,     von  Staatsrat  Antonio  Gonzalez  Saravia, 

Königlich  Preusslschem  Gerichtsassessor  a.  D.,  Guatemala. 

Advokaten  in  Paris.  (Übersetzung  aus  dem  Spanischen  von  Dr.  Georg  Cnuen, 

Gerichtsassessor  im  Königlich  Preussischen  Justizministerium 

zu  Berlin.) 


6.  Salvador. 

Von  Ernst  Eisenmann, 

KOuiglieh  Preusslschem  Gerichtsassessor  a.  D.,  Advokaten  in  Paris. 


Übersicht, 


1.  Einleitnnif:. 

2.  Nicarai^aa. 

§  1.  Das  Strafrecht  bis  zur  Unabh%ngigkeit8erklärung.  —  §  2.  Die  Bundesverfassung 
von  1824.  -r-  §  3.  Das  Strafgesetzbuch  von  1837.  —  §  4.  Grundzüge.  —  §  5.  Das 
geltende  Straf  recht.  —  §  6.  Schluss.  —  §  7.  Anhang:  Die  Strafnebengesetze. 

3.  Hondnras. 

§  1.  Die  Ent Wickelung  bis  zum  Jahre  1880.  —  §  2.  Das  Strafgesetzbuch  vom  27.  August 
1880.  —  §  3.  Die  übrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts.  —  §  4.  Reformbestrebungen, 

4.  Costa  Rica. 

Litteratur.  —  §  1.  Früheres  Recht.  —  §  2.  Das  geltende  Straf  recht. 

5.  Guatemala. 

§  1.  Die  Entwickelung  bis  zum  Erlasse  des  geltenden  Strafgesetzbuches.  —  §  2.  Das  Straf- 
gesetzbuch vom  15.  Februar  1889.  —  §  3.  Besondere  Strafgesetze.  —  §  4.  Litteratur. 

6.  Salvador. 

Litteratur.  —  §  1.  Kodifikationen-  —  §  2.  Das  Strafgesetzbuch  von  1881.  — -  §  3.  Grund- 
lage. —  §  4.  Einteilung.  —  §  5.  Allgemeine  Grundzüge.  —  §  6.  Strafen.  — 
§  7.  Einzelne  Vergehen.  —  §  8.  Übertretungen.  —  §  9.  Andere  Strafgesetze. 


1.  EiDleitang. 


Mittelamerika  ^) ,  dessen  Ostküste  von  Columbus  bereits  1502  entdeckt 
wurde,  bildete  bis  zum  Anfange  dieses  Jahrhunderts  als  Generalhauptmann- 
schaft Guatemala  eine  spanische  Kolonie,  die  seit  1796  in  die  vier  Intendanzen 
Leon,  Chiapa,  Comagagna  und  Salvador  zerfiel.  In  dem  schlecht  verwal- 
teten Lande  regte  sich  zuerst  1808  das  Verlangen  nach  Lostrennung  von 
dem  Mutterlande,  wurde  aber  zunächst  durch  den  energischen  Gouverneur 
Don  Jori  Bustamente  y  Guerra  unterdrückt.  Erst  im  September  1821  gelang 
es,  der  spanischen  Herrschaft  durch  eine  kurze  unblutige  Revolution  ein  Ende 
zu  bereiten;  am  15.  September  erfolgte  die  feierliche  Unabhängigkeits- 
erklärung Mittelamerikas.  Im  Jahre  1822  versammelten  sich  Vertreter  der 
Provinzen  Guatemala,  Honduras,  Nicaragua,  Salvador  und  Costa  Rica,  die 
das  Gebiet  der  ehemaligen  Generalhauptmannschaft  Guatemala  unter  dem 
Namen  „Vereinigte  Staaten  von  Centralamerika"  (Estados  Federados  de  Centro- 
America)  für  unabhängig  erklärten  und  sich  eine  Verfassung  gaben.  Aber 
bereits  1826  brachen  Unruhen  aus,  die  die  völlige  Auflösung  des  Bundes 
zum  Ziel  hatten  und  auch  allmählich  herbeiführten.  1842  bildete  die  mittel- 
amerikanische  Republik  nur  noch  einen  geopraphischen  Begriff.  Wenn  auch 
eine  förmliche  Auflösung  des  Bundes  nicht  erfolgt  war,  sondern  im  Gegenteil 
zahlreiche  z.  T.  von  vorübergehenden  Erfolgen  gekrönte  Versuche  zu  seiner 
Reorganisierung  gemacht  wurden,  so  hatte  doch  jeder  der  fünf  Staaten  eine 
völlig  unabhängige  Regierung. 

Neuerdings  sind  die  Staats-  und  völkerrechtlichen  Verhältnisse  Mittel- 
amerikas dadurch  in  ein  anderes  Stadium  gelangt,  dass  die  Vertreter 
der  Republiken  Nicaragua,  Honduras  und  Salvador  am  20.  Juni  1895  in 
Amapala  die  Bildung  einer  Union  beschlossen  haben.  Nachdem  dieser  Be- 
schluss  die  Zustimmung  der  gesetzgebenden  Körperschaften  der  drei  Staaten 
gefunden  hatte,  ist  am  15.  September  1895  die  Dieta  der  Repüblica  Mayor 
de  Centro  America  zusammengetreten  und  hat  die  Führung  der  auswärtigen 
Angelegenheiten  des  neuen  Staatengebildes  übernommen.  Die  vertrag- 
schliessenden  Staaten  haben  die  Beglaubigungen  ihrer  bisherigen  diplomatischen 
Vertreter  für  erloschen  erklärt  und  ihre  Ministerien  für  auswärtige  Angelegen- 
heiten aufgelöst.  Der  Bundestag  besteht  aus  drei  Mitgliedern,  von  denen 
die  gesetzgebenden  Körperschaften  jedes  Staates  eines  ernennen,  und  tagt 
abwechselnd   in    Salvador,    Managua   und   Tegucigalpa.      Seine  Hauptaufgabe 


*)  Eine  kurze  Darstellung  der  Geschichte  von  Centralamerika  seit  1821  (von 
Jose  Maluquer  v  Salvador  in  Madrid)  fmdet  sich  im  Annuaire  de  legislation 
otrangere  Bd.  18  (1889)  S.  965. 


128  Mittel-Amerika.  —  1.  Einleitung. 


besteht  in  der  Unterhaltung  guter  Beziehungen  zwischen  den  drei  Ländern 
unter  sich  und  zu  den  fremden  Staaten.  Ausserdem  hatte  er  binnen  drei 
Jahren  einen  Entwurf  für  eine  endgiltige  Verschmelzung  der  verbündeten 
Staaten  auszuarbeiten,  der  einer  aus  je  20  Abgeordneten  bestehenden  kon- 
stituierenden Versammlung  zur  Beschlussfassung  unterbreitet  [werden  sollte. 
Falls  Guatemala  und  Costa  Rica,  was  angestrebt  wurde,  dem  Bunde  beitreten 
sollten,  würde  dieser  den  Namen  „Centralamerikanische  Republik"  annehmen. 

Die  innere  Selbständigkeit  der  Staaten  war  durch  den  Abschluss  des 
Bundesvertrages  nicht  berührt.  Insbesondere  war  auch  auf  strafrechtlichem 
Gebiete  jeder  Staat  von  dem  anderen  unabhängig. 

Am  3.  September  1896  nahm  die  Regierung  von  Guatemala  die  Einheits- 
bestrebungen auf,  indem  sie  zu  einem  diplomatischen  Kongress  für  1897  einlud, 
auf  welchem  die  Bevollmächtigten  vom  6.  Juni  bis  1.  Juli  eine  Reihe  von  Staats- 
verträgen zum  Abschluss  brachten,  deren  Ratifikation  bis  zum  1.  September  1897 
erfolgen  sollte.  Von  diesem  Datum  an  verwandelten  sich  die  fünf  Republiken 
wiederum  in  Staaten  eines  Bundes,  der  Republik  von  Central-Amerika,  und  zwar 
bei  aller  Wahrung  ihrer  inneren  Selbständigkeit  mit  durchgreifender  mindestens 
prinzipiell  einheitlicher  Organisation  der  wichtigsten  Rechtseinrichtungen. 

Speziell  für  das  Strafrecht  sind  von  wesentlicher  Bedeutung  der  Vertrag 
vom  27.  Juni  1897  über  Straf  recht  und  Auslieferung,  und  der  vom  23.  Juni 
1897  über  Prozessrecht.  Beide  enthalten  Bestimmungen,  welche  das  an  sich 
fortbestehende  Recht  der  Einzelstaaten  durchbrechen  und  modifizieren,  so  dass 
die  in  den  nachfolgenden  Abhandlungen  wiedergegebenen  Einzelgesetze  mit 
den  aus  dem  folgenden  sich  ergebenden  Einschränkungen  zu  lesen  sind,  die 
zum  Teil  sie  vollständig  denaturieren. 

Die  Strafen  oberen  und  unteren  Grades  werden  in  feste  Einheitsstrafen 
(nach  dem  Vorbilde  von  Guatemala)  verwandelt,  deren  Abstufung  mit  grösserer 
Freiheit  bis  herab  zu  einem  Fünftel,  bei  vereiteltem,  versuchtem,  vollendetem 
Vergehen  und  für  Thäter,  Gehülfen,  Hehler,  Anstifter,  bei  erschwerenden  und 
mildernden  Umständen  nach  allgemein  angegebenen  Bruchteilen  zu  bemessen 
ist.  Lebenslängliche  und  ehrlosmachende  Strafen,  Konfiskation  und  Inkapazität 
werden  abgeschafft.  Dauernder  und  zeitweiser  Verlust  gewisser  Rechte  darf 
die  Dauer  der  Hauptstrafe  nicht  übersteigen.  Für  die  Zukunft  soll  das  Ge- 
fängnis die  wesentlichste  Strafart  bilden  und  vorläufige  Entlassung  bei  guter 
Führung  eintreten,  auch  die  Gefangenenarbeit  entsprechend  geregelt  werden. 
Die  Auslieferung  wird,  ausser  bei  Zweikampf,  Ehebruch,  Beleidigung  und  Ver- 
leumdung, Vergehen  gegen  die  Religion  und  Pressvergehen,  nur  bei  Anklagen, 
die  mehr  als  zwei  Jahr,  oder  auf  Urteile,  die  mehr  als  ein  Jahr  Gefängnis 
zur  Folge  haben  können,  gewährt;  es  muss  aber  das  mildere  Gesetz  von  den 
beiden  in  Frage  stehenden  Staaten  in  Anwendung  kommen  und  darf  nicht  auf 
Todesstrafe  erkannt  werden.  Das  Auslieferungsverfahren  ist  bis  ins  einzelne 
und  sehr  sachlich  geordnet,  ein  Wiederaufnahmeverfahren  als  ausserordent- 
liches Rechtsmitt(»l  neben  allen  übrigen  Einrichtungen  der  modernsten  Rechts- 
anschauungen eingeführt.  Es  ist  zweifellos,  dass  diese  Grundlagen,  die  zum 
Teil  veralteten,  vielfach  engherzig(»n  Bestimmungen  der  Einzelgesetzgebungen, 
die  sämtlich  die  Fehler  des  chilenischen  Gc^setzes,  dem  sie  nachgearbeitet  sind, 
veiTaten,  belebend  und  vergeistigend  b(ieinflussen  müssen,  und  die  zu  erwartenden 
neuen  Gesetze  einen  Höhei)unkt  modemer  Gesetzesarbeit  darbieten  werden,  falls 
sie,  wie  zu  hoffen  steht,  von  den  hervorragenden  Rechtsgelehrten,  die  den 
Kongress  bildeten,  bearbeitet  werden. 


2.  Nicaragua, 


Litteratur 

über  das  Strafrecht  von  Nicaragua  ist  nicht  bekannt  geworden.  Eine  kurze  Notiz 
(über  die  Kosten  der  Strafvollstreckung)  findet  sich  in  dem  Annuaire  de  l^gislation 
etrangere  Bd.  18  S.  974. 

§  1.    Das  Strafrecht  bis  zur  Unabhängigkeitserklärung. 

Während  und  noch  kurze  Zeit  nach  Beendigung  der  spanischen  Herr- 
schaft galten  auch  in  Nicaragua  die  Strafgesetze  des  Mutterlandes,  wenn  auch 
der  gutartige  Charakter  der  Bevölkerung,  die  milderen  Sitten  des  Landes  und 
der  Einfluss  der  christlichen  Kultur  dazu  beitrugen,  die  strengen  Strafen  des 
damaligen  spanischen  Rechts  erheblich  abzuschwächen.  So  wurde  die  An- 
wendung der  in  Spanien  in  zahlreichen  Fällen  angedrohten  Todesstrafe  auf 
wenige  der  schwersten  Delikte  beschränkt,  auf  Verstümmelung,  Kastration  und 
andere  grausame  und  entehrende  Strafen  überhaupt  nicht  erkannt  und  bei 
anderen,  wie  Zwangsarbeit  (trabajos  püblicos),  Aufenthaltsverbot  (destierro), 
Festungshaft  (presidio)  und  Gefängnis  (prisiön)  die  ursprünglich  lebensläng- 
liche Dauer  auf  10  Jahre  herabgemindert.  Die  meisten  dieser  Straf  arten  ge- 
rieten völlig  in  Vergessenheit,  und  die  Anwendung  der  übrigbleibenden  war 
dem  billigen  Ermessen  des  Richters  überlassen,  insofern  als  dieser,  wenn  er 
auch  nicht  in  der  Lage  war  neue,  bisher  nicht  übliche  Strafen  zu  verhängen, 
doch  beim  Vorliegen  mildenider  oder  erschwerender  Umstände  die  gesetzliche 
Strafe  ermässigen  oder  erhöhen  durfte. 

§  2.    Die  Bundesverfassung  von  1824. 

Mit  dem  Anschlüsse  an  den  Mittelamerikanischen  Bund  trat  auch  für 
Nicaragua  die  Bundesverfassung  vom  22.  November  1824  in  Kraft.  Sie  ent- 
hielt einige  Grundsätze  des  Strafrechts  und  Strafprozesses.  Die  Todesstrafe 
sollte  nur  zulässig  sein  bei  unmittelbaren  Angriffen  gegen  das  Staatswesen, 
ausserdem  bei  Mord  (asesinato)  und  bei  dem  mit  Vorbedacht  (premeditado) 
oder  aus  dem  Hinterhalt  (següro)  verübten  Totschlage  (homicidio).  Alle 
Bürger  und  Einwohner  der  Republik  waren  ohne  Unterschied  nach  demselben 
Verfahren  und  ausschliesslich  von  dem  gesetzlich  bestimmten  Richter  abzu- 
urteilen; sobald  als  möglich  sollten  Geschworenengerichte  eingeführt  werden; 
Verhaftungen  waren  nui*  zulässig  auf  Grund  eines  schriftlichen  Haftbefehls 
des  zuständigen  Beamten,  der  einen  solchen  nur  ausstellen  durfte,  wenn  der 
zu  Verhaftende  der  Begehung  eines  mit  schwererer  als  korrektioneller  Strafe 
bedrohten  Delikts   verdächtig   und  seine  Identität  mit  dem  Thäter  mindestens 

Strafgesetzgebung  der  Gegenwart.    II.  9 


130  X.  Mittel- Amerika.  —  2.  Nicaragua. 


durch  die  Aussage  eines  Zeugen  bestätigt  war;  die  Festnahme  des  Thäters 
war  nur  gestattet,  wenn  begründeter  Fluchtverdacht  vorlag  und  er  auf  frischer 
That  betroffen  war;  in  diesem  Falle  war  binnen  48  Stunden  ein  Haftbefehl 
zu  erlassen  oder  der  Festgenommene  in  Freiheit  zu  setzen.  Der  Alkade  durfte 
keine  Person  in  das  Gefängnis  aufnehmen,  ohne  gleichzeitig  in  das  Gefängnis- 
register den  Haft-  oder  Aufnahmebefehl  einzutragen.  Jeder  Verhaftete  musste 
binnen  24  Stunden  vernommen  werden,  und  der  Richter  war  verpflichtet, 
innerhalb  weiterer  24  Stunden  über  die  Fortdauer  der  Haft  zu  beschliessen. 
Diese  Bestimmungen  bildeten  unter  der  Bezeichnung  „verfassungsmässig  ge- 
währleistete Rechte"  (Garantias  de  la  Constituciön  Federal)  einen  Teil  der 
Bundesverfassung  und  kehren  in  fast  allen  Verfassungen  wieder,  die  sich 
Nicaragua  nach  Erlangung  der  völligen  Selbständigkeit  gegeben  hat. 

§  3.    Das  Strafgesetzbuch  von  1837. 

Die  Bundesregierung  hat  in  den  vierzehn  Jahren  ihrer  Wirksamkeit  zur 
Schaffung  eines  Strafgesetzbuches  für  den  ganzen  Bund  keine  Zeit  gefunden. 
Dagegen  gab  sich  Nicaragua  im  April  1837,  also  zwei  Jahre  vor  der  Los- 
lösung vom  Bunde,  sein  erstes  Strafgesetzbuch  (nach  dem  Muster  des  von 
Edward  Livingstone  für  den  Staat  Louisiana  verfassten).  Da  aber  die  Straf- 
gesetzgebung Livingstones  aus  vier  selbständigen  Gesetzen:  dem  Strafgesetz- 
buche, der  Strafprozessordnung,  dem  Gesetze  über  das  Beweisverfahren  und 
dem  Gefängnisreform-  und  Disziplinargesetze,  sowie  ausserdem  einem  „ge- 
setzlichen Definitionsbuche"  —  bestand,  während  in  Nicaragua  nur  das 
erstere  eingeführt  wurde,  so  entstanden  durch  das  Fehlen  der  übrigen  erheb- 
liche Schwierigkeiten  und  Hindemisse  für  die  Strafrechtspflege,  welche  erst 
allmählich  durch  sachgemässe  Reformen  beseitigt  werden  konnten. 

§  4.    Grundzüge. 

Die  Veröffentlichung  und  Inkraftsetzung  des  vorerwähnten  Strafgesetz- 
buches erfolgte  durch  Gesetz  vom  2.  Juli  1839.  Es  zerfällt  in  drei  Bücher. 
Das  erste  Buch  enthält  die  Vorschriften  über  Wirksamkeit  und  Geltungs- 
gebiet der  Strafgesetze,  Kreis  der  strafbaren  Personen,  Strafverfahren,  das 
Delikt  und  seine  Unterarten,  Strafen,  Rückfall.  Das  zweite  Buch  behandelt 
die  strafbaren  Handlungen  gegen  den  Staat  und  die  verschiedenen  Zweige 
der  Staatsverwaltung,  das  dritte  die  Strafthaten  gegen  Privatpersonen.  Eine 
unbefangene  Prüfung  des  Gesetzbuches  ergiebt,  dass  es  weder  mit  den 
Grundsätzen  der  Wissenschaft  noch  mit  den  Sitten  und  Gewohnheiten  unseres 
Landes  in  allen  Punkten  übereinstimmte.  Zum  Beweis  genügt  ein  kurzer 
Blick  auf  das  Strafensystem.  Es  enthielt:  1.  die  Todesstrafe;  2.  lebenslängliche 
oder  zeitliche  Zwangsarbeit  (trabäjos);  3.  Deportation;  4.  lebenslängliches  oder 
zeitliches  Verbot,  sich  an  einem  bestimmten  Orte  des  Bundesgebietes  aufzuhalten 
(destierro  temporal  ö  perpetuo  de  un  pueblo  de  territorio  del  Estado) ;  5.  Festungs- 
haft (presidio);  6.  Verschickung  in  einen  bestimmten  Bezirk  oder  Ort  (confina- 
miento  ä  distrito  ö  pueblo  determinado) ;  7.  dauernde  Unfähigkeit  zur  Be- 
kleidung öffentlicher  Ämter  und  Ausübung  öffentlicher  Funktionen  (inhabilitaciön 
perpetua  para  ejercer  empleo  ö  cargo  püblico);  8.  dauernde  oder  zeitweilige 
Entziehung  des  öffentlichen  Amtes,  der  öffentlichen  Stellung  oder  der  Befugnis 
zur  Ausübung  des  Berufs  (privaciön  ö  Suspension  de  empleo,  profesiön  6  cargo 
püblico);  9.  dauernde  oder  zeitweilige  Unfähigkeit  zur  Ausübung  politischer 
und  i)rivatrechtlicher  Befugnisse  (perdida  Ö  susponsiön  de  los  derechos  politicos 


§  4.  Grundzüge.     §  5.  Das  geltende  Straf  recht.  131 


ö  civiles);  10.  Widerruf  (retractaciön) ;  11.  einfaches  Gefängnis  (simple  prisiön); 
12.  Geldstrafe;  13.  Verlust  der  Produkte  des  Verbrechens  (p6rdida  de  los 
efectos  prohibidos)  in  besonders  bestimmten  Fällen;  14.  Verlust  des  Rechts 
auf  selbständige  Verwaltung  des  eigenen  Vermögens  für  bestimmte  Zeit. 

Wie  man  sieht,  sind  einige  dieser  Strafen  lebenslänglich,  und  schon  dieser 
Umstand  allein  lässt  sie  als  ungeeignet  erscheinen,  da  sie  dem  Verurteilten 
selbst  im  Falle  der  Bessemng  keine  Aussicht  auf  Befreiung  von  der  Strafe 
eröffnen.  Die  Verhängung  der  Todesstrafe  war  vom  Gesetzgeber  auf  das 
Verbrechen  des  Mordes  (asesinato),  d.  h.  der  mit  Vorbedacht  ausgeführten 
Tötung  (homicidio  premeditado) ,  beschränkt;  dabei  war  aber  ein  schwerer 
logischer  Fehler  untergelaufen,  der  in  der  Praxis  zu  grosser  Verwirrung  An- 
lass  gegeben  hat.  Es  wird  nämlich  gesagt,  dass  die  Tötung  (homicidio)  ent- 
weder gerechtfertigt  (justificable),  oder  fahrlässig  (culpable)  oder  vorsätzlich 
begangen  (voluntario)  wird,  und  die  letztere  Art  in  die  im  Affekt  begangene 
(violento)  und  die  mit  Vorbedacht  begangene  (premeditado)  zerlegt.  Damit 
ist  aber  implicite  zum  Ausdruck  gebracht,  dass  Begehung  mit  Vorbedacht  in 
allen  Fällen  der  Tötung  anzunehmen  ist,  wo  keine  Umstände  vorliegen,  die 
sie  entweder  als  gerechtfertigt  oder  entschuldbar  (excusable),  oder  nur  vor- 
sätzlich (voluntario)  oder  auf  Fahrlässigkeit  beruhend  (negligente)  erscheinen 
lassen;  in  allen  Fällen,  wo  keiner  dieser  Umstände  vorliegt,  musste  demgemäss 
auch  auf  Todesstrafe  erkannt  werden.  Diese  Konsequenz  war  aber,  da  es  nicht 
angängig  ist,  aus  negativen  Voraussetzungen  eine  positive  Folgerung  herzu- 
leiten, ungerechtfertigt  und  um  so  weniger  zu  billigen,  als  ihre  praktische 
Folge  (die  Verhängung  der  Todesstrafe  in  den  bezeichneten  Fällen)  von  grosser 
Tragweite  war. 

§  5.    Das  geltende  Strafrecht 

Die  Mängel  des  Strafgesetzbuches  von  1837  traten  bald  in  der  Praxis 
derart  hervor,  dass  eine  Reform  unabweislich  wurde.  Sie  erfolgte  im  Jahre 
1879;  das  damals  erlassene  Strafgesetzbuch  wurde  indes  durch  Gesetz  vom 
6.  Dezember  1891  abgeändert  und  gilt  in  dieser  Form  seit  dem  1.  Februar  1894. 
Die  bemerkenswerteste  Neuerung  dieses  Gesetzes  besteht  darin,  dass  es  die 
Todesstrafe  nur  bis  zur  Fertigstellung  der  Strafanstalt  bestehen  liess.  In- 
zwischen ist  in  dieser  wichtigen  Frage  ein  weiterer  Fortschritt  zu  verzeichnen. 
Die  zur  Zeit  (September  1896)  geltende  Verfassung  vom  10.  Dezember  1893 
bestimmt  in  Art.  27:  „Die  Todesstrafe  wird  in  Nicaragua  abgeschafft"  und 
garantiert  damit  in  unzweideutiger  Weise  die  Unverletzlichkeit  des  mensch- 
lichen Lebens.  Damit  ist  die  Todesstrafe  aus  unserem  Strafensystem  ver- 
schwunden; ein  erst  im  Sommer  1896  von  der  Regierung  an  die  Gesetzgebende 
Versammlung  (Asamblea  Constituyente)  gerichteter  Antrag  auf  Aufhebung  des 
Art.  27  der  Verfassung  ist  abgelehnt  worden. 

Das  geltende  Strafgesetzbuch  zerfällt  in  drei  Bücher;  das  erste  enthält 
die  allgemeinen  Bestimmungen  über  Vergehen  und  Übertretungen,  das  zweite 
behandelt  die  Vergehen  (delitos)  und  ihre  Bestrafung,  das  dritte  die  Über- 
tretungen (faltas)  und  ihre  Bestrafung.  Es  regelt  in  klarer  und  präziser 
Sprache  das  Gebiet  des  gesamten  Strafrechts  nach  vernünftigen,  leicht  anzu- 
wendenden Grundsätzen. 

Das  Strafensystem  enthält,  abgesehen  von  der  jetzt  abgeschafften  Todes- 
strafe, an  schweren  Strafen:  Zuchthaus  (reclusiön),  Festungshaft  (presidio),  Ge- 
fängnis (prisiön),  Landesverweisung  (expatriaciön) ,  absolute  Unfähigkeit  zur 
Bekleidung  von  öffentlichen  Ämtera,  Unfähigkeit  zur  Bekleidung  einzelner 
Ämter   (inhabilitaciön   especial),    Verbannung   (relegaciön) ;    ferner   als  weniger 

9* 


132  X.  Mittel- Amerika.  —  2.  Nicaragua. 


schwere  Strafen:  Verschickung  (confinamiento),  Aufenthaltsverbot  (destierro), 
schweren  Arrest  (arresto  mayor);  endlich  als  leichte  Strafen:  leichten  Arrest 
(arresto  menor),  öffentlichen  und  nicht  öffentlichen  Verweis  (reprensiön  publica, 
reprensiön  privada).  Allen  drei  Kategorieen  von  Strafen  gemeinsam  ist  die 
Geldstrafe.  Die  Strafen  erfüllen  sämtlich  alle  Anforderungen  der  Wissen- 
schaft: sie  sind  rein  persönlich  und  treffen  nur  den  Schuldigen,  ohne  ihre  un- 
mittelbaren Wirkungen  auf  andere  Personen  zu  erstrecken;  sie  sind  teilbar 
und  können  in  längerer  oder  kürzerer  Dauer,  in  grösserer  oder  geringerer 
Intensität  verhängt  werden;  sie  sind  gleichmässig  und  bestimmt  insofern,  als 
die  Güter,  die  sie  entziehen,  für  alle  davon  Betroffenen  annähernd  den  gleichen 
Wert  haben;  endlich  lassen  sie  eine  Wiederaufhebung  ihrer  Folgen  zu,  deren 
Möglichkeit  mit  Rücksicht  darauf,  dass  die  Rechtsprechung  irren  kann,  durch- 
aus erwünscht  ist. 

§  6.    Schluss. 

Im  Vorstehenden  habe  ich  eine  kurze  Übersicht  über  das  Strafrecht  der 
Republik  Nicaragua  gegeben.  Entstanden  zu  der  Zeit,  wo  das  Land  anfing, 
seine  Geschicke  selbst  zu  bestimmen,  war  es  zunächst  mit  allen  Mängeln  be- 
haftet, die  jeder  neuen  Einrichtung  anhaften.  Inzwischen  aber  ist  es  durch 
die  eifrigen  Studien  der  einheimischen  Juristen  und  die  sorgfältige  Benutzung 
der  in  der  Praxis  gesammelten  Erfahrungen  zu  einem  höheren  Grade  der 
Vollkommenheit  emporgestiegen.  Immerhin  ist  es  noch  keineswegs  frei  von 
Mängeln,  und  es  wird  noch  angestrengter  Arbeit  bedürfen,  bis  man  von  ihm 
sagen  kann:  „es  ist  die  stärkste  Garantie  der  persönlichen  Sicherheit  und  Un- 
verletzlichkeit, der  sicherste  Damm  gegen  Übergriffe  der  Gewalt,  der  natür- 
liche Schutz  der  Interessen  der  Nation,  die  gesetzmässige  Verteidigung  des 
Eigentums  und  der  materiellen  Güter,  und  nach  alledem  der  vornehmste  und 
am  höchsten  entwickelte  Teil  des  Rechts". 

§  7.    Anhang  \):  Die  Straf nebengesetze. 

Ein  besonderes  Patentgesetz  ist  nicht  erlassen;  jedoch  ist  nach  der  Ver- 
fassung der  Kongress  befugt,  den  Erfindern  nützlicher  Gegenstände  Privilegien 
auf  bestimmte  Zeit  zu  verleihen.  Gewisse  Eingriffe  in  ein  derart  verliehenes 
ausschliessliches  Recht  sind  im  Strafgesetzbuche  mit  Strafe  bedroht. 

Auch  ein  Spezialgesetz  über  die  Presse  ist  nicht  vorhanden;  unter  dem 
Begriffe  „Attentate  gegen  die  Pressfreiheit ^*  (atentados  contra  la  libertad  de 
imprenta)  sind  aber  gewisse  Handlungen  im  Strafgesetzbuche  unter  Strafe  ge- 
stellt; hierher  gehört  die  Verhinderung  der  Verbreitung  von  Drucksachen  oder 
Zeitungen  durch  einen  öffentlichen  Beamten,  ferner  die  von  einem  Beamten 
ausgehende  Festsetzung  von  Gefängnis-  oder  Haftstrafen  wegen  angeblicher 
Pressdelikte  oder  das  Verlangen  der  Herausgabe  des  Originales  einer  Ver- 
öffentlichung, bevor  der  für  die  Aburteilung  von  Pressvergehen  zuständige 
Geschworene  sie  angeordnet  hat.  Endlich  gelten  als  Attentate  gegen  die 
Pressfreiheit  der  Gebrauch  unzüchtiger  Worte,  die  Verbreitung  von  Äusse- 
rungen, die  offenkundig  unmoralisch  sind,  oder  zum  Landesverrat,  zum  Auf- 
ruhr (rebeliön)  oder  zum  Aufstand  (sediciön)  auffordern  oder  die  eine  Be- 
leidigung oder  Verleumdung  enthalten. 


^)  Nach  einer  gütigen  Mitteilung  des  Ministeriums  der  auswärtigen  Angelegen- 
heiten der  Republik  Nicaragua  vom  21.  Januar  1893. 


3.  Honduras. 


§  1.    Die  Entwicklung  bis  zum  Jahre  1880. 

Das  geltende  Strafgesetzbuch  von  Honduras  ist  auf  der  Grundlage  des 
chilenischen  Cödigo  penal  von  1874  von  einer  aus  Adolf o  Züniga,  Jerö- 
nimo  Zelaya  und  Alberto  Ucl^s  bestehenden  Kommission  ausgearbeitet 
und  am  27.  August  1880  von  dem  damaligen  Präsidenten  der  Republik,  Marco 
A.  Soto,  publiziert.  Die  Republik  Honduras  hatte  sich,  wie  alle  ihre  hispano- 
amerikanischen  Schwestern,  zunächst  mit  dem  altspanischen  Rechte  und  den 
später  an  seine  Stelle  getretenen  arbiträren  Strafen  i)  beholfen.  Als  man  zur 
Kodifikation  schritt,  galten  in  Honduras  die  Siete  Partidas  Alfonsos  X.  und  die 
Novisima  Recopilaciön  Carlos*  IV.  Zwar  war  bereits  in  der  Verfassung  von 
1848  (Art.  70)  dem  Zuge  der  Zeit  durch  gänzliche  Abschaffung  der  Todes- 
strafe Rechnung  getragen  worden,  aber  diese  verfrühte  und  einseitige  Neuerung 
wurde  durch  die  reformierte  Verfassung  von  1865  (Art.  87)  widerrufen,  welche 
die  Todesstrafe  für  Verwandten-  und  Meuchelmord  ausdrücklich  wiederherstellte. 
Indes  wurde  eine  vollständige  Umschaffung  des  Strafrechtes  immer  unabweis- 
barer. Bereits  im  Jahre  1866  hatte  der  Präsident  Jos6  Maria  Medina  einen 
Entwurf  veröffentlicht,  der  Carlos  Madrid  zum  Verfasser  hatte  und  sich  an 
das  spanische  Strafgesetzbuch  anlehnte,  aber  niemals  Gesetzeskraft  erhalten  hat. 
Ein  noch  früherer  Entwurf  von  Inocente  Bonilla,  Martin  Ucl6s,  Pio  Ariza 
und  Valentin  Duron  ist  leider  verloren  gegangen  und  nicht  einmal  zum 
Abdruck  gelangt.  Auch  auf  dem  Gebiete  der  Rechtswissenschaft  ist  Spanien 
unser  Mutterland;  aber  unsere  freiheitlichere  Entwickelung  hat  seine  starren 
Gesetze  überwunden.  Die  geschichtliche  Grundlage  unserer  Strafrechtspflege 
büdet  das  durch  eine  Stelle  der  Siete  Partidas  (ley  8,  titulo  31,  Partida  7) 
sanktionierte  freie  richterliche  Ermessen,  das  indes  durch  das  geltende  Straf- 
gesetzbuch erhebliche  Einschränkungen  erfahren  hat. 

§  2.    Das  Strafgesetzbuch  vom  27.  August  1880. 

Das  Strafgesetzbuch  teilt  die  strafbaren  Handlungen  ein  in  Verbrechen 
(delitos  graves).  Vergehen  (delitos  simples)  und  Übertretungen  (faltas).  Bei 
letzteren  wird  nur  das  vollendete,  bei  den  beiden  ersteren  auch  das  fehlge- 
schlagene und  das  versuchte  Delikt  bestraft.  Die  Verabredung  und  das  Er- 
bieten zu  einer  strafbaren  Handlung  sind  nur  strafbar,  wenn  diese  gegen  den 
Staat  gerichtet  ist.  Zu  den  Straf ausschliessungsgründen  gehören:  Blödsinn 
(imbecilidad)   und   Wahnsinn   (locura),   Notwehr   (defeusa   legitima),    Notstand 


^)  Vgl.  die  Darstellung  des  mexikanischen  Strafrechts  von  Eisenmann  S.  115. 


134  X.  Mittel- Amerika.  —  3.  Honduras. 


(necesidad),  Zufall  (casualidad),  auf  frischer  That  entdeckter  Ehebruch,  Amts- 
pflicht und  Verpflichtung  zum  Gehorsam.  Die  Periode  der  völligen  Straf- 
unmündigkeit geht  bis  zum  vollendeten  zehnten  Jahre;  von  da  an  bis  zum 
vollendeten  sechzehnten  Lebensjahre  bleibt  der  Thäter  straflos,  wenn  er  ohne 
das  erforderliche  Unterscheidungsvermögen  (sin  discernimiento)  gehandelt  hat; 
das  Alter  von.  sechzehn  bis  einundzwanzig  Jahren  bildet  einen  mildernden 
Umstand.  Neben  dem  Thäter  (autor)  wird  der  Gehülfe  (cömplice)  und  der 
Begünstiger  (encubridor)  zur  Verantwortung  gezogen.  Als  Begünstiger  gilt 
(nach  Art.  18  Nr.  5)  auch  das  Familienhaupt,  das  nachts  der  Gerichtsbehörde 
den  Zutritt  ins  Haus  behufs  Ergreifung  des  Schuldigen  verweigert.  —  Illegi- 
time Verwandtschaft  kommt  in  Betracht,  auch  wenn  sie  nicht  offenkundig 
oder  anerkannt  ist. 

Rückwirkende  Kraft  können  Gesetze  nur  zu  Gunsten  des  Angeschuldigten 
haben.  Die  Straf  klage  ist,  abgesehen  von  strafbaren  Handlungen  gegen  die 
Ehre  und  die  geschlechtliche  Sittlichkeit,  Popularklage.  Gegen  Verbrechen 
sind  als  Strafen  vorgesehen:  schweres  Zuchthaus  (presidio  mayor),  schweres 
Gefängnis  (reclusiön  mayor),  schwere  Verbannung  (confinamiento  mayor), 
schwere  Landesverweisung  (estrafiamiento  mayor),  schwere  Bannung  (relegaciön 
mayor)  und  Unfähigkeit  zur  Bekleidung  aller  oder  einzelner  öffentlicher  Ämter 
(inhabilitaciön  absoluta  und  especial).  Vergehen  werden  mit  denselben  Strafen 
in  leichterer  Form  (en  calidad  de  menores)  sowie  mit  Ortsverweisung  (destierro)  ^) 
und  zeitweiser  Enthebung  vom  Amte  bestraft.  SpezialStrafe  für  Übertretungen 
ist  die  Haft  (prisiön).  Geldstrafe  und  Einziehung  (conmiiso)  der  bei  der  That 
gebrauchten  oder  durch  sie  hervorgebrachten  Gegenstände  sind  allen  drei 
Deliktsarten  gemeinsam.  Nebenstrafen  bei  Verbrechen  und  Vergehen  sind 
Kettenstrafe  (cadöna)  oder  Fussring  (grillete),  Einzelhaft  (celda  solitaria)  und 
Verbot  des  Verkehrs  mit  allen  nicht  der  Strafanstalt  angehörigen  Personen 
(incomunicaciön).  Unfähigkeit  zur  Bekleidung  von  Ämtern  und  zeitweilige 
Amtsenthebung  können  sowohl  als  Haupt-,  wie  als  Nebenstrafen  verhängt 
werden.  Bürgschaft  (cauciön)  und  Polizeiaufsicht  (vijilancia)  sind  als  Neben- 
strafen und  als  Präventivmittel  zulässig.  Die  Verurteilung  zu  Kosten  und 
Schadensersatz  ist  immer  eine  Nebenfolge  der  Verurteilung  in  der  Hauptsache. 
Die  Todesstrafe,  deren  anscheinend  verfrühte  Abschaffung  (in  Art.  70  der 
Verfassung  von  1848)  später  durch  die  reformierte  Verfassung  von  1865 
(Art.  87)  widerrufen  war,  ist  nunmehr  durch  die  Verfassung  von  1894  beseitigt. 

Die  Strafvollstreckung  wird  von  der  Verhaftung  des  Verurteilten  an  ge- 
rechnet. Die  Maximaldauer  der  Freiheitsstrafen  beträgt  bei  korrektioneilen 
Strafen  (penas  correccionales)  sechzig  Tage,  bei  leichten  Strafen  (penas  menores) 
drei  Jahre,  bei  schweren  (mayores)  zehn  Jahre.  Der  Höchstbetrag  der  Geldstrafe 
ist  bei  Übertretungen  60,  bei  Vergehen  (delitos  simples)  500,  bei  Verbrechen 
(delitos  graves)  2500  Pesos 2);  im  Falle  der  Zahlungsunfähigkeit  tritt  an  Stelle 
eines  jeden  Peso  ein  Tag  Gefängnis  bis  zum  Höchstbetrage  von  einem  Jahre. 
Die  Höhe  der  Bürgschaftsleistung  bestimmt  sich  nach  der  Höhe  der  Geldstrafe; 
die  Bürgschaft  ist  für  drei  Jahre  zu  stellen.  Nebenstrafen,  wie  die  Anlegung 
von  Ketten  u.  s.  w. ,  sind  für  höchstens  drei  Jahre  zulässig.  Alle  Freiheits- 
strafen haben  zugleich  dauernde  oder  zeitweilige  Unfähigkeit  zur  Bekleidung 


*)  Verbannung  und  Landesverweisung  unterscheiden  sich  dadurch,  dass  bei  der 
ersteren  der  ausländische  Wohnsitz  angewiesen,  bei  letzterer  dagegen  frei  gewählt  wird. 
Derselbe  Umstand  imterscheidet  (nur  dass  es  sich  hier  um  den  inländischen  Wohnsitz 
handelt)  die  Bannung  von  der  Ortsverweisung. 

'')  Der  Peso  von  Honduras  entspricht  dem  silbernen  Fünffrankenstücke  der 
lateinischen  Münzkonvention;  Honduras  hat  nach  dem  Dekret  vom  2.  April  1879 
Silberwährung. 


§  2.  Das  Strafgesetzbuch  vom  27.  August  1880.  135 


von  Ämtern  zur  Folge.  Die  Unfähigkeit  erstreckt  sich  auf  öffentliche  Ämter 
und  Würden  sowie  auf  die  Ausübung  der  politischen  Rechte  und  solcher  Be- 
ruf sarten,  die  einer  besonderen  Genehmigung  bedürfen.  Die  Zuchthausstrafe 
ist  mit  Arbeitszwang  verbunden;  Gefängnis  und  Haft  bestehen  in  einfacher 
Freiheitsentziehung.  Landesverweisung  und  Verbannung  werden  im  Auslande, 
Ortsverweisung  und  Bannung  im  Inlande  verbüsst.  Als  beschimpfende  Strafen 
(penas  aflictivas)  gelten  die  schweren  Strafen  und  die  höchsten  Grade  der  leichten 
Strafen.  Die  Prozesskosten  umfassen  sowohl  die  sachlichen  wie  die  persönlichen 
Kosten  des  Verfahrens.  Die  Bewachung  des  Sträflings  wird  richterlich  angeordnet. 

Die  vom  Gesetz  für  das  vollendete  Delikt  normierten  Strafmasse  werden 
bei  dem  fehlgeschlagenen  um  einen,  bei  dem  versuchten  um  zwei  Grade 
ermässigt.  Entsprechend  wird  der  Thäter  (autor)  mit  der  vollen  Strafe 
des  Gesetzes,  der  Gehülfe  (cömplice)  mit  der  um  einen  Grad,  der  Hehler 
(encubridor)  mit  der  um  zwei  Grade  ermässigten  belegt.  Bei  der  Strafthat 
werden  Vorsatz  (intenciön)  und  Veränderung  der  Aussenwelt  (acciön)  unter- 
schieden. Jede  Strafe  hat  drei  Grade:  den  mittleren  (medio),  niedrigsten 
(minimo)  und  höchsten  (maximo),  entsprechend  dem  gesetzlichen  Thatbe- 
stande  des  Delikts  sowie  dem  Delikt  beim  Vorliegen  strafmildernder  Um- 
stände einerseits  und  straf  erhöhender  Umstände  andrerseits.  Die  Geldstrafe 
gilt  als  die  leichteste  Strafe  und  ist  entsprechend  abgestuft.  Für  solche 
Jugendliche  unter  sechzehn  Jahren,  bei  denen  die  Verantwortlichkeit  als 
vorhanden  angenommen  wird,  ist  das  Strafmass  dem  richterlichen  Ermessen 
überlassen;  für  solche  von  achtzehn  bis  zu  einundzwanzig  Jahren  findet  eine 
Ermässigung  bis  zu  drei  Graden  unter  die  niedrigste  gesetzliche  Strafe  statt. 
Hat  ein  Angeklagter  mehrere  strafbare  Handlungen  begangen,  so  werden  die 
einzelnen  Strafen  ohne  Abzug  zusammengerechnet:  jedoch  kann  die  Gesamt- 
dauer der  Freiheitsstrafen  zwanzig  Jahre  nicht  überschreiten.  Die  Strafvoll- 
streckung findet  auf  Grund  eines  rechtskräftigen  Urteils  statt.  Die  Reform 
des  Gefängniswesens  ist  bislang  nicht  erfolgt.  Die  geltende  Zuchthausordnung 
(reglamento  de  presidios)  stammt  aus  dem  Jahre  1875. 

Der  Bruch  der  Strafe^)  (el  quebrantamiento  de  la  condena),  d.  h.  das 
Unternehmen,  sich  der  Strafvollstreckung  zu  entziehen,  hat  Strafschärfungen 
zur  Folge.  Zu  Zuchthaus,  Gefängnis  und  Haft  treten  Verkehrsverbot,  Einzel- 
haft oder  Kettenstrafe  hinzu;  neben  dauernder  oder  zeitweiliger  Unfähigkeit 
zur  Bekleidung  von  Ämtern  wird  auf  Gefängnis  oder  Geldstrafe  erkannt; 
Polizeiaufsicht  wird  durch  Gefängnis  verschärft.  Die  Dauer  der  Verschärfungen 
darf  die  Hälfte  der  ursprünglichen  Strafzeit  nicht  übersteigen.  Die  Begehung 
einer  neuen  Strafthat  während  der  Strafvollstreckung  steht  dem  Rückfall  gleich. 

Der  Strafanspruch  des  Staates  erlischt  durch  den  Tod  des  Schuldigen, 
Strafvollstreckung,  Amnestie,  Begnadigung,  Verzeihung  des  Verletzten  und 
Verjährung,  sei  es  der  Strafklage,  sei  es  der  Strafvollstreckung.  Die  Strafklage 
verjährt  im  allgemeinen:  bei  Übertretungen  in  sechs  Monaten,  bei  Vergehen 
in  zehn  Jahren,  bei  Verbrechen  in  zwanzig  Jahren;  eine  Ausnahme  machen 
Verleumdung  und  Beleidigung,  die  in  einem  Jahre  verjähren.  Rechtskräftig 
erkannte  Strafen  verjähren  in  derselben  Zeit,  wie  die  entsprechende  Strafklage. 
Der  Lauf  der  Verjährung  beginnt  mit  dem  Tage  der  Begehung  der  strafbaren 
Handlung  beziehungsweise  mit  dem  Tage  der  Verurteilung  oder  dem  Bruch 
der  Strafe  und  wird  durch  die  Begehung  einer  neuen  Strafthat  unterbrochen. 
Der  Ablauf  der  Verjährungsfrist  wird  von  Amtswegen  berücksichtigt.  Die 
civilrechtliche  Verantwortlichkeit  für  die  Folgen  eines  Delikts  ist  im  Bürger- 
lichen Gesetzbuch  geregelt. 


*)  Siehe  hierüber  Rosenfeld  in  Bd.  I  S.  510. 


136  X.  Mittel- Amerika.  —  3.  Honduras. 


Im  einzelnen  behandelt  das  Strafgesetzbuch  die  strafbaren  Handlungen 
gegen  die  äussere  Sicherheit  und  die  Unabhängigkeit  des  Staates,  gegen  die 
innere  Sicherheit,  gegen  die  verfassungsmässig  gewährleisteten  Rechte,  gegen 
den  öffentlichen  Glauben  (contra  la  t6  publica:  Fälschung,  falsches  Zeugnis 
und  Meineid),  die  Delikte  der  öffentlichen  Beamten  in  Ausübung  ihres  Amtes, 
die  Strafthaten  der  Privatpersonen  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ord- 
nung, den  Personenstand  und  die  öffentliche  Sittlichkeit,  gegen  die  Person 
und  das  Eigentum,  ausserdem  die  Quasidelikte.  Landstreicherei  und  Bettelei 
sind  unter  die  Vergehen  aufgenommen.  Die  Strafandrohungen  für  Wahl-  und 
Pressdelikte  stehen  in  den  Verfassungsgesetzen  von  1894. 

Von  den  Übertretungen  behandelt  das  Strafgesetzbuch  nur  diejenigen, 
welche  den  Charakter  besonders  leichter  Vergehensfälle  tragen.  Für  die  eigent- 
lichen Polizeiübertretungen  ist  ein  besonderes  Gesetz  von  1888  vorhanden; 
ihre  Bestrafung  erfolgt  im  Verwaltungswege. 

§  3.    Die  fibrigen  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts. 

1.  Die  Strafprozessordnung  ist  i.  J.  1880  erlassen.  Sie  enthält  die 
allgemeinen  Grundsätze  des  Strafverfahrens,  die  Vorschriften  über  das  sum- 
marische Verfahren  und  die  Erfordernisse  der  Anklageschrift,  über  Urteil, 
Berufung  und  Kassation,  Fristen,  Sicherheitsleistung,  Beschlagnahme  und  Durch- 
suchung. Die  Beweiserhebung  erfolgt  nach  den  für  den  Civilprozess  gelten- 
den Vorschriften.  Über  die  Beschlagnahme  gilt  jetzt  ein  besonderes  Gesetz 
(Ley  constitutiva  de  amparo)  von  1894.  Es  giebt  eine  erkennende  Jurj-  für 
alle  nicht  eine  Übertretung  bildenden  strafbaren  Handlungen  und  eine  An- 
klagejury für  alle  Pressdelikte.  Das  Gesetz  über  die  Schwurgerichte  ist  am 
1.  Januar  1895  in  Kraft  getreten. 

2.  Das  Militär-Strafgesetzbuch  (Cödigo  penal  Militär)  ist  ebenfalls 
vom  Präsidenten  Soto,  und  zwar  am  31.  Mai  1881,  publiziert  worden.  Es 
ist  von  einer  besonderen,  aus  Enrique  Guti^raez,  Alfonso  Züniga  und 
Alberto  Ucl^s  bestehenden  Kommission  nach  dem  Muster  des  italienischen 
vom  28.  November  1869  ausgearbeitet,  und  an  die  Stelle  der  spanischen 
Verordnungen  Carlos'  III.  getreten.  Das  Militär-Strafgesetzbuch  behandelt  nur 
die  Verbrechen  und  Vergehen;  die  Bestrafung  der  Übertretungen  geschieht  auf 
Grund  einer  an  demselben  Tage  erlassenen  Verordnung.  Das  Militärreglement 
ist  vom  25.  Juli  1885.  Unter  den  Strafen  fehlt  die  Geldstrafe;  ausserdem 
hat  die  Verfassung  von  1894  die  Todesstrafe  auch  für  das  Geltungsgebiet 
des  Militär-Strafgesetzbuches  abgeschafft. 

Von  den  besonderen  militärischen  Strafen  haben  Militärgefängnis  (reclusiön 
militar)  und  Militärarrest  (cArcel  railitar),  Enthebung  vom  aktiven  Dienst  (se- 
paraciön  del  servicio),  Entfernung  aus  der  militärischen  Charge  (remociön  del 
grado)  und  zeitweilige  Suspendierung  vom  Dienste  (suspensiön  del  empleo) 
die  Unwürdigkeit,  dem  Heere  noch  ferner  anzugehören,  nicht  zur  Folge;  da- 
gegen ist  dieses  bei  schwerem  Zuchthaus,  Degradation  (degradaciön)  und  Aus- 
stossung  aus  dem  Heere  (destituciön)  der  Fall.  Die  Militärgefängnisstrafe  wird 
in  einer  Staatsfestung  verbüsst,  verpflichtet  zur  Arbeit  und  dauert  von  einem 
bis  zu  zehn  Jahren;  bis  zur  Dauer  von  drei  Jahren  zieht  sie  zeitweilige,  bei 
längerer  Dauer  endgültige  Enthebung  vom  Dienst  nach  sich.  Die  Militär- 
arreststrafe wird  in  einer  militärischen  Korrektionsanstalt  verbüsst,  ist  mit 
ArbeitszAvang  verbunden,  dauert  zwei  Monate  bis  zu  einem  Jahre  und  hat 
zeitweilige  Suspendierung  vom  Dienste  oder  Verlust  der  militärischen  Charge 
zur  Folge.  Die  Enthebung  vom  aktiven  Dienste  (separacion)  be%virkt  Verlust 
der  Charge,    die  Entfernung  aus   der  militärischen  Charge   (remociön)   Degra- 


§  3.  Die  übriß-en  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts.  137 


dierung  zum  gemeinen  Soldaten;  die  zeitweilige  Suspendierung  vom  Dienste 
(Suspension)  hebt  den  Anspruch  auf  Löhnung  und  militärische  Ehren  auf  und 
dauert  als  Hauptstrafe  zwei  Monate  bis  zu  einem  Jahre;  die  „degradaciön" 
ist  Nebenstrafe  bei  Ausstossung  aus  dem  Heere  und  schwerem  Zuchthaus. 

Bei  den  spezifisch  militärischen  Strafen  giebt  es  teils  vier,  teils  fünf 
Grade.  Die  im  Gesetz  vorgesehene  Strafe  ist  für  das  vollendete  Delikt  be- 
stimmt; sie  wird  beim  fehlgeschlagenen  um  einen  Grad  und  beim  versuchten 
Delikt  um  zwei  oder  drei  Grade  ermässigt.  Entsprechend  findet  auf  den 
Thäter  die  gesetzlich  vorgesehene,  auf  den  Gehtllfen  aber  entweder  die  gleiche 
oder  eine,  je  nach  den  Umständen,  um  zwei  oder  drei  Grade  verminderte 
Strafe  Anwendung.  Die  Berücksichtigung  der  Minderjährigkeit  des  Thäters 
hat  eine  Herabsetzung  um  drei  Grade  zur  Folge.  Wahnsinn  und  Blödsinn 
sind  entweder  straf ausschliessende  oder  strafmindemde  Umstände;  von  der 
höheren  Gewalt  (fuerza  mayor)  gilt  dieses  nicht  in  allen  Fällen.  Nicht  be- 
sonders vorgesehene  mildernde  Umstände  bewirken  Strafminderung  um  einen 
Grad.  Der  Strafanspruch  erlischt  durch  den  Tod  des  Schuldigen,  Strafvoll- 
streckung, Begnadigung  und  Verjährung.  Die  Fristen  betragen  für  die  Ver- 
jährung der  Straf  klage  und  der  rechtskräftig  erkannten  Strafen  zehn,  fünfzehn 
und  zwanzig  Jahre,  je  nachdem  die  Dauer  der  Strafe  bis  zu  drei  Jahren,  von 
drei  bis  zu  fünf  Jahren  oder  mehr  als  fünf  Jahre  beträgt. 

Das  Militär-Strafgesetzbuch  behandelt  nur  die  spezifisch  militärischen 
Delikte:  Landesverrat  (traiciön),  Spionage  (espionaje),  unerlaubte  Anwerbung 
zum  Kriegsdienst  (enganche) ;  Verletzung  der  Dienstpflichten ;  Ungehorsam  (des- 
obediencia),  Rebellion  (revuelta),  Aufstand  (motin)  und  Insubordination ;  Fahnen- 
flucht (deserciön),  Aufwiegelung  (soborno)  und  Missbrauch  der  Autorität;  ge- 
waltthätige  Handlungen  bei  der  Ausführung  von  Befehlen  (actos  de  violencia 
en  ejecuciön  de  orden  6  consigna);  Körperverletzungen  von  Militärpersonen 
untereinander,  Selbstverstümmelung  (mutilaciön),  Verleumdung  und  Schmähung 
(calumnia  und  diffamaciön) ;  Fälschung  (falsedad),  Dienstuntreue  (prevaricaciön) 
und  Treulosigkeit  (infidencia) ;  Bestechung  (corrupciön)  und  Überschreitung  der 
Amtsbefugnisse  (trasgresiones)  im  Militärdienst  oder  in  der  Militärverwaltung; 
Verkauf,  Verpfändung  oder  anderweite  Veräusserung  von  Dienstgegenständen; 
Diebstahl  (hurto).  Betrug  (estafa)  und  andere  unzulässige  Aneignungshandlungen 
(apropriaciones) ;  Brandstiftung  (incendioj  an  und  Beschädigung  (deterioro) 
von  militärischen  Gebäuden,  Werken  und  anderen  Gegenständen;  Missbrauch 
militärischer  Abzeichen  (abusos  de  divisas  y  honores  militares).  Diese  Straf- 
thaten  können  sowohl  im  Frieden  wie  im  Kriege  begangen  werden.  Ob  die 
an  einem  derartigen  Delikte  beteiligten  Civilpersonen  nach  Militär-  oder  Civil- 
strafrecht  abgeurteilt  werden,  richtet  sich  nach  der  Besonderheit  des  einzel- 
nen Falles. 

Während  des  Kriegszustandes  werden  auch  gewisse  gemeine  Verbrechen 
nach  dem  Militärstrafgesetzbuch  bestraft,  nämlich:  Brandstiftung  (incendio), 
Verwüstung  (dcvastaci(3n)  und  Totschlag  (homicidio),  Verletzungen  der  staat- 
lichen Autorität  (lesiones  y  atentados  contra  la  autoridad  publica);  Notzucht 
(estupro)  und  andere  unzüchtige  Handlungen ;  Strassenraub  (salteaniiento), 
Raub  (rapina)  und  Brandschatzung  (saqueoj;  unbefugte  Bedrückungen  oder 
Abnötigungen  von  Zwaugslieferungen  (imposiciones  6  prestaciones  arbitrarias) 
und  Plünderung  fpillaje);  Diebstahl  (hurto)  und  Betrug  (estafa  ö  fraude);  fal- 
sches Zeugnis  (falso  testimonioj  und  Verleitung  von  Zeugen  (soborno  de  testi- 
gos).  Hieriier  gehören  auch  die  Fälle  des  Aufruhrs  und  der  Rebellion  (motin 
und  revuelta)  von  Kriegsgefangcnien. 

Im  Militär-Strafgesetzbucli  wird  auch  das  militärische  Strafverfahren  ge- 
regelt. 


138  X.  Mittel- Amerika.  —  3.  Honduras. 


Die  für  die  Friedenszeit  gegebenen  Vorschriften  beziehen  sieh  auf  fol- 
gende Punkte:  1.  Zusammensetzung  der  Militärgerichte:  Untersuchungsrichter, 
Bezirksgerichte,  Garnisongerichte,  Gerichte  für  die  Generalität,  Oberstes  Kriegs- 
gericht (Tribunal  Supremo  de  Guerra);  2.  Zuständigkeit:  Personen,  welche 
der  Militärgerichtsbarkeit  unterworfen  sind;  allgemeine  Grundsätze  über  die 
sachliche  Zuständigkeit  der  Militärgerichte;  Zusammentreffen  von  militärischen 
und  gemeinen  Delikten;  Zuständigkeit  des  obersten  Kriegsgerichts  und  Befug- 
nisse der  Staatsanwaltschaft;  3.  Regelung  des  Verfahrens:  Ermittelungsverfahren 
und  förmliche  Voruntersuchung;  erste  Verhandlung  vor  dem  Militärgericht; 
Verhandlung  vor  den  Plaidoyers;  Plaidoyers,  Beratung  und  Urteilsfällung;  Ver- 
fahren vor  dem  obersten  Kriegsgericht;  Sitzungspolizei;  Verfahren  gegen  Ab- 
wesende und  gegen  aufgegriffene  Deserteure;  Rechtsmittel  (recurso  de  casa- 
ciön  y  revisiön,  recurso  de  casaciön  en  interes  de  la  ley). 

Die  Vorschriften  für  Kriegszeiten  umfassen:  1.  Zusammensetzung  der 
ordentlichen  und  ausserordentlichen  Kriegsgerichte;  2.  Zuständigkeit  und  Ver- 
fahren während  des  Krieges.  —  Daneben  sind  allgemeine  und  Übergangsvor- 
schriften vorhanden.  Das  Gesetz  über  den  Belagerungszustand  (Ley  consti- 
tutiva  del  estado  de  sitio)  von  1895  beschränkt  für  nichtmilitärische  Delikte 
die  Zuständigkeit  der  Militärgerichte  auf  die  Aburteilung  von  Landesverrat, 
Rebellion  und  Aufruhr  sowie  der  strafbaren  Handlungen  gegen  den  Frieden, 
die  Unabhängigkeit,  die  Souveränität  des  Staates  und  gegen  das  Völkerrecht. 

Gegenwärtig  wird  die  Militärgerichtsbarkeit  in  Friedenszeiten  ausgeübt 
durch  die  örtlichen  Befehlshaber,  welche  als  Untersuchungsrichter  fungieren, 
durch  die  „Comandantes  de  Armas",  die  in  erster  Instanz  urteilen,  ausserdem 
durch  die  Berufungsgerichte  und  den  obersten  Gerichtshof  (Corte  Suprema  de 
Justicia).  In  Kriegszeiten  wird  die  Militärgerichtsbarkeit  durch  Militär-Terri- 
torialgerichte oder  durch  Militär-Feldgerichte  versehen;  bei  beiden  giebt  es  in 
der  Regel  nur  eine  Instanz;  in  Ausnahmefällen  ist  jedoch  dem  Oberst-Kom- 
mandierenden  der  Annee  über  das  Urteil  Vortrag  zu  halten.  Die  Militär- 
Strafprozessordnung  (Ley  de  Enjuiciamiento  Militär}  vom  31.  August  1885 
hatte  das  Militärstrafverfahren  dem  bürgerlichen  Strafprozess  genähert  und 
bezüglich  der  Zuständigkeit  das  Personalprinzip  aufgestellt;  sie  ist  aber  in 
dieser  Beziehung  durch  die  Verfassung  von  1894  geändert. 

3.  Endlich  ist  hier  noch  das  Zollgesetz  (Cödigo  de  Aduanas)  von  1882 
zu  erwähnen;  es  enthält  zwar  auch  Straf bestimmungen,  ist  aber  im  eigentlichen 
Sinne  kein  Strafgesetz.  Das  Gesetz  über  Schmuggel  und  Steuerdefraudationen 
ist  von  1888;  eine  Novelle  dazu  ist  1893  erlassen. 

4.  Besondere  Arbeiter-,  Gewerbe-  und  Sprengstoffgesetze  sind 
nicht  vorhanden. 

Alle  vorhandenen  Gesetzesausgaben  sind  authentisch  und  in  der  „Im- 
prenta  Nacional"  zu  Tegucicalpa  gedruckt;  die  erlassenen  Gesetze  gelangen 
in  der  Zeitschrift  „La  Gaceta"  zum  Abdruck.  Systematische  Darstellungen, 
Kommentare  oder  Monographieen  auf  dem  Gebiete  des  Strafrechts  von  Hon- 
duras sind  bislang  nicht  veröffentlicht. 

Die  Strafgesetzgebung  von  Honduras  hält  sich  von  extremen  Ansichten 
fem.  Das  gleiche  gilt  von  der  Rechtsprechung,  die  ihren  Ausdruck  in  der 
Entscheidung  des  höchsten  Gerichtshofes  und  des  obersten  Kriegsgerichts  findet. 
Die  Erkenntnisse  beider  Gerichtshöfe  werden  in  dem  amtlichen  Anzeiger  publi- 
ziert. Im  Jahre  1892  ist  ein  „Repertorio  A]fab(5tico  de  Jurisprudencia"  von 
Alberto  Membrefto  erschienen. 


§  4.  Reformbe«trebungen.  139 


§  4.    Reform bestrebungen. 

Die  konstituierende  Versammlung  (Asamblea  Constituyente)  von  1894  hat 
auf  Grund  der  neuen  Verfassung  die  Umarbeitung  der  Gesetzgebung  beschlossen 
und  den  Präsidenten  Policarpo  Bonilla  mit  der  Publikation  beauftragt.  Der 
neue  Entwurf  des  Strafgesetzbuchs  ist  nach  dem  Muster  des  spanischen  von 
1870  bereits  von  Leandro  Volladares  und  Alberto  Ucl^s  fertiggestellt. 
Die  Verfasser  haben  über  die  Ausführung  ihres  Auftrages  dem  Präsidenten 
der  Republik  einen  Bericht  erstattet,  der  in  der  Gaceta  Judicial  (No.  100  vom 
14.  August  1897)  abgedruckt  ist.  Der  Entwurf  ist  nach  dem  Vorbilde  des 
spanischen  Cödigo  Penal  von  1870  gearbeitet.  Von  den  wichtigsten  Neue- 
rungen gegenüber  dem  geltenden  Recht  seien  hervorgehoben:  die  Hinaus- 
schiebung des  Beginns  der  Strafmündigkeit  vom  vollendeten  zehnten  bis  zum 
vollendeten  zwölften  Lebensjahre,  Abschaffung  der  nicht  in  der  That  selbst 
liegenden  mildernden  Umstände  (z.  B.  tadellose  Führung,  freiwilliges  Geständnis), 
Vereinfachung  des  Strafensystems  durch  Beseitigung  der  doppelten  (schweren 
und  leichten)  Form  der  Bannung,  Landesverweisung,  Ortsverweisung  und  Ein- 
grenzung, Erhöhung  der  Höchstdauer  der  Freiheitsstrafen  auf  12,  bei  Zu- 
sammentreffen mehrerer  Strafthaten  sogar  auf  30  Jahre,  Einführung  der  Mög- 
lichkeit der  Verlängerung  oder  Verkürzung  der  Freiheitsstrafen  um  ein  Viertel 
je  nach  der  Führung  des  Verurteilten. 

Der  Entwurf  des  Militär-Strafgesetzbuchs  wird  von  Rafael  Alvarado 
und  Dionisio  Guti^rrez  ausgearbeitet.  Die  neuen  Gesetze  werden  wahr- 
scheinlich am  15.  September  1898,  dem  Jahrestage  der  Unabhängigkeits- 
erklärung der  mittelamerikanischen  Republiken,  in  Kraft  treten. 


4.  Costa  Rica. 


Litteratnr. 

Rafael  Orozco,  Elementort  del  derecho  penal  de  Costa  Rica  precedidos  de  un 
prologo  del  Dator  don  Antonio  Zainbrana,  San  Jose  1882.  —  Ramirez,  Codigo  g^neral 
de  la  Repüblica  de  Co^^ta  Rica  emitido  en  30  de  julio  de  1841,  2.  ed.  revis.  e.  correg.  con- 
forme  &  las  leyes  vigentes  posteriores  hasta  el  31  de  diciembre  de  1857,  Nueva  York 
1856  (drei  Teile,  von  denen  der  zweite  das  Strafrecht  behandelt). 

Kurze  Notizen  über  die  Strafgesetzgebung  von  Costa  Rica  finden  sich  im  An- 
nuaire  de  l^gislation  etran^(;re  (herausgegeben  von  der  Societe  de  legislation  comparee 
zu  Paris);  vgl.  Bd.  15  S.  6y2— 681  (kurze  Notiz  über  den  Cödigo  Penal  von  1880  und 
die  Reform  des  Gefängnis wesens) ,  Bd.  16  S.  867—876  (Gesetz  von  1885  über  die  Aus- 
führung der  internationalen  Konvention  zum  Schutze  der  unterseeischen  Kabel;  Bd.  17 
S.  939—946  (Gesetz  vom  29.  August  1887  über  das  Glücksspiel);  Bd.  18  S.  970  (Ge- 
fängniswesen); Bd.  24  S.  956—959  (Pressgesetz  vom  15.  Juni  1894,  Gesetz  vom  31.  Ok- 
tober 1894  über  die  Pflichten  der  Medizinalbeamten). 

§  1.    Früheres  Recht 

Der  Freistaat  Costa  Rica  hatte  bereits  unter  dem  30.  Juli  1841  ein  Straf- 
gesetzbuch erhalten,  welches  der  Herrschaft  der  gänzlich  veralteten  spanischen 
Gesetze  Alonsos  des  Weisen,  des  Gesetzes  der  Sieben  Teile,  mit  seinen  zum 
Teil  allgemein  barbarischen,  zum  Teil  wenigstens  für  ein  nicht  monarchisch 
und  hierarchisch  geleitetes  Volk  unmöglichen  Bestinmmngen  ein  Ende  machte. 
Einige  nachträgliche  Gesetze  tiefeinschneidender  Natur  treten  hinzu:  so  die 
Abschaffung  der  Todesstrafe  und  der  lebenslänglichen  Zuchthausstrafe.  Das 
Strafgesetzbuch  von  1841  emiangelte  indessen  der  Vorzüge  einheitlicher  An- 
ordnung und  scharfer  Definitionen,  wie  solche  die  modernen  Gesetzbücher  in 
der  Regel  auszeichnen,  und  deshalb  übertrug  die  Regierung  des  Präsidenten 
Tomas  Guardia  dem  hervorragendsten  Juristen  des  Landes,  Dr.  Rafael  Orozco, 
Präsidenten  des  Obersten  Gerichtshofes,  die  Ausarbeitung  eines  neuen  Straf- 
kodex. Unter  Mitwirkung  der  Räte  des  von  ihm  geleiteten  Gerichts  wurde 
das  jetzige  Strafgesetzbuch  hergestellt,  welches  in  526  Artikeln  am  22.  April  1880 
vom  Grossen  Nationalrate  (Reichstag)  mit  geringen  Abweichungen  beschlossen 
und  am  27.  April  desselben  Jahres  vom  Präsidenten  Guardia  vollzogen  wurde. 
Gesetzeskraft  erhielt  es  vom  1.  Juli  1880  ab. 


§  2.    Das  geltende  Strafi'echt 

Neb  enge s(»tze.  Das  Strafgesetzbuch  hebt  alle  sonstigen  Straf bestim- 
mungen  auf  L\rt.  526 j  ausser  den  üblichen  Ausnahmen  für  militärische,  kirch- 
liche, Zoll-  und  Polizei-V(irgeliungen  (Art.  126),  sowie  Disziplinarstrafen  (Art.  21). 


§  2.  Das  geltende  Straf  recht.  141 


Die  früheren  Spezialbestimmungen  über  Pressvergehen  waren  schon  durch  das 
Dekret  vom  24.  September  1877  wieder  aufgehoben,  so  dass  trotz  der  schein- 
bar widersprechenden  Bezugnahme  auf  ein  besonderes  Gesetz  in  Art.  159  jetzt 
nur  das  gemeine  Strafrecht  zur  Geltung  kommt. 

Grundlagen  des  Strafgesetzbuches  von  1880.  Als  Grundlage  der 
Reform  wurde  das  chilenische  Strafgesetzbuch  vom  12.  November  1874  gewählt, 
das  seinerseits  sich  als  eine  Überarbeitung  des  spanischen  Strafgesetzbuches 
von  1870  charakterisiert.  Wenn  aber  schon  die  unter  der  Leitung  des  Staats- 
anwalts Robustiano  Vera  fünf  Jahre  lang  tagende  chilenische  Kommission  das 
spanische  Vorbild  in  nicht  unwesentlichen  Teilen  verändert  und  namentlich 
aus  dem  belgischen  Strafgesetzbuche  eine  Reihe  fortschrittlicher  Bestimmungen 
aufgenommen  hatte,  so  hat  der  costaricensische  Redaktor  seinerseits  zu  weiteren 
Abweichungen  umsomehr  Veranlassung  gehabt,  als  ihm  bereits  den  modernen 
Ideen  weite  Rechnung  tragende,  inländische  Gesetze  vorlagen,  die  zu  über- 
treffen seine  Aufgabe  war. 

Eine  landsmännische  Kritik^)  bespricht  diese  Bearbeitung  treffend  in 
folgenden  Worten:  „Der  chilenische  Kodex,  den  Dr.  Orozco  unter  der  ein- 
sichtigen und  gewissenhaften  Mitarbeit  des  höchsten  Gerichtshofes  unserem 
Lande  angepasst  hat,  besitzt  Begriffsbestimmungen,  Anordnung  und  ein 
Strafzumessungssystem,  welche  als  geeignete  Schablonen  für  die  Reform  er- 
scheinen durften,  die  in  unserem  Rechte  vorgenommen  werden  sollte.  Wohl 
wäre  es  kindisch  gewesen,  die  Entlehnung  da  zu  vermeiden,  wo  es  sich  um 
scharfe  Definitionen  und  um  die  grossen  Grün dzttge  des  Systems  handelt;  aber 
wahrlich  nicht  durch  blosse  Entlehnung  fremden  Rechts  wurde  uns  zu  einem 
vorzüglichen  Gesetze  verhelfen.  Vielmehr  ist  der  Verbrechensbegriff  schärfer 
herausgebildet  worden  durch  detailliertere  und  philosophischere  Bestimmung 
der  drei  Gruppen  von  Umständen,  welche  die  kriminelle  Verantwortlichkeit 
ausschliessen,  vermehren  oder  veimindem ;  bewusste  Abänderungen  in  manchen 
Begriffen  oder  Einzelumständen  sind  eingeführt,  namentlich  aber  ist  als  gene- 
relle Massregel  die  Strafe  gemildert  und  die  Eigenart  unserer  Verhältnisse  ist 
ohne  Übertreibung,  aber  auch  ohne  Übei'sehen,  zur  Geltung  gebracht  worden." 

Inhalt.  Um  die  von  dem  Strafgesetzbuche  behandelten  Materien  kurz 
und  doch  erschöpfend  zur  Kenntnis  zu  bringen,  lassen  wir  hier  das  Wesent- 
liche der  Titel-  und  Kapitelüberschriften  folgen.  2) 

I.Buch.  Allgemeine  Bestimmungen  über  Vergehen,  Verantwort- 
lichkeit der  Personen,  und  Strafen.  Titel  1.  Vergehen  (Kapitel  1)  und 
Umstände,  welche  die  strafrechtliche  Verantwortlichkeit  ausschliessen  (2), 
mindern  (3)  oder  erschweren  (4).  —  Umstände,  welche  je  nach  der  Natur 
des  Falles  erschwerend  oder  mindernd  wirken  (5).  —  Titel  2.  Verantwort- 
liche Personen.  —  Titel  3.  Strafen.  —  Allgemeines  (1),  Abstufungen:  Strafen 
für  Verbrechen,  Vergehen,  Übertretungen;  Strafen  für  alle  drei  Arten  von 
Vergehungen  gemeinsam;  Nebenstrafen  (2),  Grenzen,  Anrechnung^),  Art  und 
Wirkung  der  Strafen  (3),  Zumessung  derselben  (4),  Vollstreckung  und  Ver- 
büssung  (5).  —  Titel  4.  Civilrechtliche  Verantwortlichkeit.  —  Titel  5.  Be- 
strafung derjenigen,    welche   den  Vollzug  ihrer  Verurteilung  vereiteln  (1)  und 


^)  Antonio  Zambraua,  Rechtsgelehrter  und  Schriftsteller,  in  seiner  Vorrede 
zu  Orozcos  Grundriss  des  costaricensischeu  Straf  rechts.     (San  Jose  1882.) 

'^)  Dies  empfiehlt  sich  um  so  mehr,  als  es  in  dem  vorhergehenden  Artikel  über 
Chile  nicht  geschehen  ist  und  die  Übersicht  auch  für  das  Gesetzbuch  dieses  Landes 
fast  überall  zutrifft. 

')  Hier  ist  die  Anrechnung  der  Untersuchungshaft  behandelt,  wofür  eine  be- 
sondere Tabelle  aufgestellt  ist.  ^ 


142  X.  Mittel-Amerika.  —  4.  Costa  Rica. 


derer,  die  während  eines  Urteilsvollzuges  abermals  sich  vergehen  (2).  — 
Titel  6.  Erlass  (1),  Verwandlung  und  Ermässigung  der  Strafen  und  Re- 
habilitation der  Verbrecher  (2).  —  Titel  7.  Erlöschen  der  Verantwortlich- 
keit (1)  und  allgemeine  Bestimmungen  (2). 

n.  Buch.  Vergehen  und  Verbrechen  und  ihre  Strafen.  Titel  1. 
Verbrechen  und  Vergehen  gegen  die  äussere  Sicherheit  und  Souveränetät 
des  Staates.  —  Titel  2.  Desgl.  gegen  die  innere  Sicherheit.  —  Titel  3. 
Desgl.  gegen  die  verfassungsmässig  gewährleisteten  Rechte,  —  gegen  Aus- 
übung politischer  Rechte  und  Pressfreiheit  (1),  gegen  Freiheit  der  bestehen- 
den oder  künftigen  Kulte  (2).  Desgl.  von  Privatpersonen  gegen  die  Frei- 
heit und  Sicherheit  (3),  Beeinträchtigungen  der  verfassungsmässig  gewähr- 
leisteten Rechte  durch  Beamte  (4).  —  Titel  4.  Vergehen  gegen  den 
öffentlichen  Glauben,  Fälschungen,  falsches  Zeugnis  und  Meineid.  —  Falsch- 
münzerei (1),  Fälschung  von  Wertpapieren  (2),  von  Siegeln,  Stempeln  u.  dergl.  (3), 
von  öffentlichen  Urkunden  (4),  von  Privaturkunden  (5),  von  Pässen,  Waffen- 
scheinen und  Attesten  (6).  Falsches  Zeugnis  und  Meineid  (7).  Anmassung 
von  Ämtern  und  Namen  (8).  —  Titel  5.  Amtsvergehungen.  —  Unerlaubter 
Beginn  oder  Fortsetzung  einer  Amtsthätigkeit  (1).  Ungesetzliche  Ernennung  (2). 
Amtsanmassung  (3).  Prävarikation  (4).  Unterschleif  (5).  Betrug  und  Er- 
pressung (6).  Urkundenveruntreuung  (7).  Verletzung  von  Geheimnissen  (8). 
Bestechung  (9).  Widerstand  und  Ungehorsam  (10).  Verweigertes  Einschreiten 
und  Verlassen  des  Amtes  (11).  Übergriffe  gegen  Private  (12).  Allgemeines 
(13).  —  Titel  6.  Vergehungen  von  Privatpersonen  gegen  die  öffentliche 
Ordnung  und  Sicherheit.  —  Angriffe  und  Ungehörigkeiten  gegen  die  Obrig- 
keit (1).  Öffentliche  Unordnungen  (2).  Siegelbruch  (3).  Verhinderung  öffent- 
licher Arbeiten  (4).  Vergehungen  der  Staatslieferanten  (5),  gegen  die  Lotterie-, 
Spielhaus-  und  Pfandleih-Reglements  (6),  in  Bezug  auf  Industrie,  Handel  und 
Versteigerungen  (7),  verbotene  Waffen  (8),  Seuchen  (9),  verbotene  Gesell- 
schaften (10).  Angriffsdrohungen  gegen  Personen  und  Eigentum  (11).  Ent- 
weichung Gefangener  (12).  Landstreicherei  und  Bettelei  (13).  Vergehungen 
gegen  die  Hygiene  (14),  Beerdigungsordnung  (15),  mit  Bezug  auf  Eisenbahnen, 
Telegraphen-  und  Korrespondenzbeförderung  (16).  ^-  Titel  7.  Vergehungen 
gegen  die  Familienordnung  und  öffentliche  Sittlichkeit.  —  Abtreibung  der 
Leibesfrucht  (1).  Aussetzung  von  Ejindem  und  Hülflosen  (2).  Vergehungen  gegen 
den  Personenstand  (3).  Entführung  (4).  Notzucht  (5).  Schändung,  Incest, 
Verführung  Minderjähriger  und  sonstige  unsittliche  Handlungen  (6).  Gemein- 
same Bestimmungen  zu  4—6  (7).  Öffentüche  Unsittlichkeit  (8).  Ehebruch  (9). 
Ungesetzliche  Eheschliessung  (10).  —  Titel  8.  Vergehungen  gegen  die  Person. 
—  Tötung  (1).  Kindesmord  (2).  Körperverletzungen  (3).  Zweikampf  (4). 
Falsche  Anschuldigung  (5).  Beleidigungen  (6).  —  Titel  9.  Vergehungen 
gegen  das  Eigentum.  —  Entwendung  fremder  Sachen  (1).  Raub  mit  Gewalt 
oder  Einschüchterung  von  Personen  (2),  mit  Gewalt  gegen  Sachen  (3);  Dieb- 
stahl (4).  Gemeinsame  Bestimmungen  zu  2 — 4  (5).  Besitzanmassung  (6) ;  Unter- 
schlagungen (7);  Betrug  (8);  Brandstiftung  und  andere  Unthaten  (9);  Be- 
schädigung (10).     Allgemeines  (11).  —  Titel  10.     Quasidelikte. 

III.  Buch.  Titel  1.  Übertretungen.  —  Titel  2.  Gemeinsame  Bestim- 
mungen über  Übertretungen.  —  Schlusstitel.    Geltung  des  Gesetzbuches.  — 

Strafensy Stern.  Die  Eigenart  des  costaricensischen  Gesetzbuches  be- 
steht wesentlich  in  seinem  Strafensystem,  welches  von  dem  seiner  Vorbilder  wie 
überhaupt  von  dem  der  übrigen  hispano-amerikanischen  Staaten  erheblich  ab- 
weicht, vor  allem  durch  die  Aufhebung  nicht  nur  der  Todesstrafe,  sondern 
sogar  aller  lebenslänglichen  Strafen.  Die  höchste  Strafe  ist  die  (stets  zehn- 
jährige) Deportation    zur   Zwangsarbeit    auf    der   fernab   im   Ozean   gelegenen 


§  2.  Das  geltende  Strafrecht.  143 


Kokosinsel,  deren  Klima  aber  als  durchaus  gesund  gerühmt  wird  und  die 
keineswegs  öde  ist.  Die  Strafschärfung  besteht  lediglich  in  ihrer  Entfernung 
vom  Weltverkehr,  da  sie  nur  viermal  des  Jahres  von  einem  Schiffe  der 
Kegierung  angelaufen  wird.  Die  Zuchthausstrafe  auf  der  Insel  San  Lucas 
gilt  darum  als  milder,  weil  diese  Insel  vor  dem  Festlande  und  in  Sicht  des- 
selben gelegen  ist;  die  „innere"  Zuchthausstrafe  wird  in  der  Strafanstalt  vor 
den  Thoren  der  Hauptstadt  verbüsst.  Ausserdem  giebt  es  Einschliessung  und 
Haft,  beide  ohne  Arbeitszwang;  Geldstrafe;  Landesverweisung,  Bannung  und 
Ausweisung;  Verlust  aller  oder  bestimmter  Ämter,  Würden  und  politischer 
Rechte  und  Unfähigkeit  zu  deren  Erlangung  (diese  auffälligerweise  auch 
lebenslänglich,  jedoch  durch  ein  Recht  auf  Rehabilitation  bei  Wohl  verhalten 
abgeschwächt). 

Strafmasse.  Die  Dauer  .bezw.  Höhe  der  Strafe  ist,  ganz  wie  im  spani- 
schen und  chilenischen  Kodex,  eigentämlich  abgestuft  und  in  Tabellen  nach 
Graden  geordnet,  derart,  dass  für  Anstiftung,  Beihülfe,  Versuch  u.  dergl.  stets 
entsprechend  geringere  Stufen  zugemessen  werden  als  für  das  Verbrechen 
selbst.  Der  Grundmassstab  ist  natürlich  dadurch  von  jenen  Vorbildern  wesent- 
lich verschoben  worden,  dass  die  Dauer  der  variablen  Freiheitsstrafen  (San 
Lucas,  Zuchthaus,  Einschliessung)  bei  Verbrechen  4 — 10  Jahre,  die  der  beiden 
letztgenannten  bei  Vergehen  2  Monate  bis  4  Jahre,  die  der  Haft  1 — 60  Tage  be- 
trägt, die  Höhe  der  Geldstrafe  bei  Verbrechen  bis  5000,  bei  Vergehen  bis  1000, 
bei  Übertretungen  bis  100  Pesos  sich  beläuft.  Innerhalb  der  tabellarischen 
Grenzen  ist  den  Richtern  freies  Ermessen  bewilligt;  ein  umfangreiches,  fast 
uneingeschränktes  und  darum  im  spanischen  Amerika  ungewöhnliches  Recht 
zu  Straf-Erlass  und  -Umwandlung  tritt  ergänzend  zu  den  ausgleichenden 
Mitteln  für  aussergewöhnliche  Fälle  hinzu. 

Sonstige  Grundlehren,  Im  übrigen  folgen  die  allgemeinen  Grund- 
züge des  Strafrechts  mit  nicht  zu  bedeutenden  Ausnahmen  dem  chilenischen 
und  somit  dem  spanischen  Kodex.  Eine  Ausnahme  ist  es  z.  B.  betreffs  des 
letzteren,  dass  von  Bürgern  der  Republik  im  Auslande  begangene  Ver- 
gehungen im  Inlande  nicht  strafbar  sind,  folgerichtig  also  bei  Rückkehr  solcher 
Verbrecher  Auslieferung  erfolgen  müsste  (Art.  56  =  Artt.  3  und  4  des  belgi- 
schen Gesetzes).  —  Nicht  übernommen  ist  die  sonderbare  chilenische  Strafe 
des  Confinamiento,  Landesverweisung  unter  Anweisung  eines  bestimmten 
Wohnsitzes  im  Auslande.  —  Die  Altersstufen  der  Strafbarkeit  sind  10  Jahre 
für  die  gänzliche,  16  für  die  speziell  festzustellende  Straf  Unmündigkeit:  für  Ver- 
brecher unter  16  Jahren  ist  diskretionäre  Strafe,  für  solche  zwischen  16  und 
18  Jahren  Strafmilderung  angeordnet;  auch  noch  das  Alter  unter  21  Jahren 
gilt  als  ein  mildernder  Umstand.  —  Eigentümliche  Vorrechte  sind  auch  hier 
den  Geistlichen  eingeräumt,  obwohl  Costa  Rica  auf  dem  Standpunkte  der  ab- 
solutesten Kultusfreiheit  steht  und  diese  Bestimmungen  daher  den  Beamten 
aller  Religionsgemeinschaften  zu  Gute  kommen:  so  z.  B.  die  Ausnahme  vom 
Arbeitszwange,  wogegen  sie  im  Zuchthause  geistliche  Funktionen  wahrnehmen 
sollen.  Der  Gesetzgeber  ^)  erklärt  dies  Privileg  als  nicht  im  Interesse  des  Ver- 
brechers, sondern  um  der  Aufrechterhaltung  der  Achtung  willen  gegeben,  welche 
die  Gesellschaft  den  Kulten  bewahrt  wissen  will.  —  Der  Erlös  der  Zwangs- 
arbeit ist  bestimmt  für  Anstaltskosten,  Aufbesserung  der  Verpflegung,  Ent- 
schädigung des  Verletzten  und  Reservefonds  des  Sträflings  —  jedoch  ist  leider 
nichts  über  simultane  und  proportioneile  oder  successive  Zuwendung  zu  diesen 
Zwecken  bestimmt.  Der  schon  citierte  Konmientar  des  Gesetzes  Verfassers  schweigt 


')  In  soiueiii  oben  citicrten  „Orundriss". 


144  X.  Mittel -Amerika.  —  4.  Costa  Rica. 


darüber  und  verweist  nur  den  Reservefonds  auf  etwaigen  Überschuss.  Somit 
ist  diese  Einteilung  als  lediglich  auf  dem  Papier  stehend  zu  betrachten.  — 
Die  prinzipielle  Arbeitsbefreiung  der  zu  Einschliessung  und  Arrest  Verurteilten 
erleidet  dadurch  eine  Einschränkung,  dass  bei  ungenügendem  Ertrag  der 
selbstgewählten  Arbeit  (oder  beim  Mangel  einer  solchen)  sie  behufs  Deckung 
der  Anstaltskosten  und  Entschädigung  des  Verletzten  zu  Anstaltsarbeiten  an- 
gehalten werden.  —  Neben  dem  Versuch  ist  das  vereitelte  Verbrechen  als 
besonderer  Grad  beibehalten.  —  Bei  Realkonkurrenz  werden  alle  Strafen  un- 
vermindert nacheinander  verbüsst.  —  Der  Kreis  der  illegitimen  Verwandten, 
deren  Verteidigung  strafausschliessend  wirken  kann,  ist  gegen  das  chilenische 
Gesetz  erweitert  und  statt  „anerkannter"  illegitimer  Verwandter  und  Ver- 
schwägerter sind  „notorisch  als  solche  bekannte"  in  Betracht  gezogen  — 
ebenso  freilich  erschwerend  beim  Morde.  —  Nicht  gewohnheitsmässige  oder 
ad  hoc  herbeigeführte  Trunkenheit  ist  den  Milderungsgründen  zugefügt,  ebenso 
Altersschwäche.  —  Die  Prozesskosten,  welche  Chile  in  übelverstandenem  Gleich- 
heitsdrange dem  Staate  auch  bei  Verurteilung  auferlegt,  fallen  dem  Verbrecher 
zur  Last,  wenn  auch  angeblich  nur,  „Avenn  das  Gericht  dies  als  Erschwerung 
der  Strafe  anordnet".  —  Die  Bestimmungen  über  die  civilrechtliche  Haftpflicht 
sind  verallgemeinert;  der  Anspruch  geht  in  et  ad  heredes  über. 

Einzelne  Vergehen.  Bei  den  einzelnen  strafbaren  Handlungen  ist  nur 
hier  und  da  eine  Verbesserung  oder  Ergänzung  gegenüber  dem  chilenischen  und 
spanischen  Muster  zu  verzeichnen.  —  Übernommen  ist  in  Art.  130  von  Chile 
(Art.  108)  der  Eroberungsversuch  eines  Privaten,  den  das  spanische  Recht  nicht 
besonders  aufgeführt  hat:  ausser  dem  Angriff  des  berüchtigten  Grafen  Raoul  de 
Boulbon  auf  Kalifornien  und  des  Engländers  Dr.  Jameson  auf  die  Südafrikanische 
Republik  (Ende  1894)  ist  wohl  in  der  ganzen  neueren  Geschichte  kein  solcher 
Fall  vorhanden  und  heut  schier  undenkbar.  —  Aus  den  volkswirtschaftlichen 
Verhältnissen  erklärt  sich  eine  von  Chile  nach  belgischem  Cluster  eingeführte 
starke  Bedrohung  der  Fälschung  fremden  Geldes})  und  ausländischer  Wert- 
papiere, Stempel,  Marken  u.  s.  w.  —  Derselben  Quelle  entstammt  die  Bestrafung 
des  Vertriebes  absolut  verbotener  Waffen  2),  der  Vergebungen  bei  Seuchen, 
Beerdigungen  etc.,  der  Aussetzung  von  Kindern  und  Hülflosen,  Schamver- 
letzung und  Verkauf  unsittlicher  Schriften  u.  dergl.  —  Abweichend  von  Chile 
und  selbständig  verordnet  ist  z.  B.  die  Ausdehnung  der  Prävarikationsstrafen 
auf  Winkelkonsulenten  und  derjenigen  der  Geheimnisverletzung  auf  Geist- 
liche; die  Bestrafung  der  Bestialität;  der  Ausschluss  der  Ehebruchsklage  des 
Mannes  im  Falle  seiner  Einwilligung  in  den  Ehebruch;  die  leichte  Bestrafung 
der  Injurie,  wenn  der  Verletzte  dem  ihm  vorgeworfenen  Laster  öffentlich  oder 
gewohnheitsmässig  fröhnt;  die  Bestrafung  des  furtum  usus;  die  Nichtquali- 
fizierung  der  Brandstiftung  durch  den  Tod  von  Rettungsmannschaften.  — 
Spezifisch  ist  besonders  die  strengere  Bestrafung  des  Diebstahls  von  Kaffee, 
als  dem  Hauptprodukt  des  Landes;  fast  alle  übrigen  nicht  genannten  Ab- 
weichungen sind  in  veränderten  Verhältnissen,  insbesondere  der  Gerichts- 
verfassung, begründet  oder  aber  sonst  ohne  Interesse  für  die  vergleichende 
Rechtswissenschaft. 

Gesamturteil.  Im  ganzen  erscheint  das  Strafrecht  von  Costa  Rica  als 
ausserordentlich   mildes.     Es  mag   dabei  darauf  hingewiesen  werden,    dass  in 


*)  D.  h.  nicht  nur  der  in  Costa  Rica  gesetzlichen  Kurs  habenden  Münzen,  wie 
einiger  der  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,  mexikanischer  und  columbianiöcher 
Pesos,  englischer  Pfunde  u.  dergl.,  deren  Fälschung  wie  die  der  Landesmünze  be- 
handelt wird. 

*)  Durch  Dekret  vom  5.  Mai  1881  sind  als  solche  bezeichnet:  „Windbüchsen  und 
solche,  deren  äussere  Gestalt  ihre  Natur  verbirgt*^. 


§  2.    Das  geltende  Strafrecht.  145 


einer  abgeschlossenen,  numerisch  kleinen  Gesellschaft,  wie  der  von  Costa  Rica, 
diese  Mittel  der  Repression  wohl  ausreichen  mögen;  und  es  ist  anzuerkennen, 
dass  der  Gesetzgeber  des  Landes  den  Scharfblick  besessen  hat,  diese  Möglich- 
keit zu  entdecken,  und  den  Mut,  seine  Überzeugung  in  Praxis  umzusetzen. 
Es  ist  nichts  gegen  den  berechtigten  Stolz  zu  erinnern,  mit  dem  der  oben 
citierte  Kritiker  ausruft:  „Ein  Gesetzbuch  ohne  Schaf fot,  ein  Gesetz  ohne 
lebenslängliche  Strafen,  und  in  welchem  sich  an  der  Stelle,  die  der  Henker 
inne  hatte,  nur  das  Zuchthaus  erhebt,  wie  in  dem  unsrigen,  ist  das  einzige, 
das  auf  seinem  Titelblatt  ohne  Widersinn  das  Datum  dieses  Jahrhunderts 
tragen  darf,  weil  es  in  dessen  Lichte  geboren  und  von  seinen  grossen  Ideen 
durchweht  ist." 


Strafgesetzgebung  der  Gegenwart.    II.  20 


5.  Guatemala. 


§  1.    Die  Entwicklung  bis  zum  Erlasse  des  geltenden 

Strafgesetzbuches. 

Die  Strafgesetzgebung  von  Guatemala  zerfällt,  vom  geschichtliehen  Stand- 
punkte aus  betrachtet,  in  drei  Perioden,  die  durch  die  Herrschaftsdauer  der 
eingeborenen  Monarchie,  die  spanische  Kolonisation  und  die  autonome  republi- 
kanische Regierung  gebildet  werden. 

Unter  den  autochthonen  indianischen  Herrschern  waren  die  Strafen  im 
allgemeinen  streng.  Körperliche  Züchtigung,  Todesstrafe,  Sklaverei  und  Geld- 
strafe waren  zulässig;  dazu  war  man  eifrig  bestrebt,  keine  Strafthat  ungesühnt 
zu  lassen.  Die  Grausamkeit  der  Strafvollstreckung,  bei  welcher  Galgen,  Würg- 
schraube Tgarrote),  Scheiterhaufen  und  ^despeüadero**  ihre  Rolle  spielten,  er- 
scheint vielleicht  weniger  verwunderlich,  wenn  man  bedenkt,  dass  um  dieselbe 
Zeit  auch  Staaten,  die  zu  den  civilisierten  gehören  wollten,  nicht  mehr  Achtung 
vor  der  menschlichen  Persönlichkeit  hatten. 

Die  Entdeckung  von  Amerika  wandelte  auch  Guatemala  in  eine  spanische 
Kolonie  um  und  brachte  die  Strafgesetze  des  Mutterlandes^)  —  die  Siete 
Partidas  und  die  Recopilaciones  —  auch  hier  zur  Geltung.  Sie  Hessen  dem 
richterlichen  Ermessen  einen  übertriebenen  Spielraum  und  gingen  hierin  so 
weit,  in  einzelnen  Fällen  sogar  die  Verhängung  der  Todesstrafe  von  dem  Be- 
lieben des  Richters  abhängig  zu  machen.  Die  erschwerenden  und  mildernden 
Umstände  waren  nicht  gesetzlich  bestimmt,  und  bei  der  Unmöglichkeit,  die 
Höchst-  und  Mindestmasse  der  Strafen  festzustellen,  fehlte  es  an  jedem  ratio- 
nellen Massstabe  für  die  Strafzumessung. 

Am  15.  September  1821  erlangte  auch  Guatemala  seine  Unabhängigkeit 
und  damit  das  Recht  autonomer  Gesetzgebung.  Indes  wurde  an  der  Geltung 
der  durch  die  Eroberer  eingeführten  Gesetze  zunächst  nichts  geändert.  Die 
Leyes  de  los  Fueros,  die  Siete  Partidas,  die  Leyes  de  las  Indias  und  die 
Recopilaciones,  ja  sogar  die  von  den  spanischen  Cortes  erlassenen  Gesetze 
bildeten  die  Grundlage  der  von  der  Gesetzgebung  nicht  angetasteten  Rechts- 
ordnung, die  Richtschnur  für  die  Praxis  der  Gerichtshöfe,  den  Gegenstand 
des  Studiums  der  Juristen  und  das  Thema  der  Vorlesungen  an  den  Universi- 
täten. In  vielen  Fällen  im  Widerstreit  mit  der  herrschenden  politischen 
Richtung,  wurden  sie  oftmals  übertreten  und  machten  der  Herrschaft  des  Gre- 
wohnheitsrechts,    so   wie   es   in   der  Gerichtspraxis  zum  Ausdruck  kam,   Platz. 


*)  Vgl.  die    Darstellung   de>    spanischen    Strafrechts    von  Rosenfeld   in   Bd.  1 
S.  4HH-b34. 


§  1.   Die  Entwicklung  bis  zum  Erlasse  des  geltenden  Strafgesetzbuches.       147 


Der  dringende  Wunsch  nach  einer  Kodifikation  führte  dazu,  dass  das 
von  Livingstone  für  Louisiana  verfasste  Gesetzbuch  übersetzt  und  im  Jahre 
1836  mit  einigen  Modifikationen  für  Guatemala  in  Kraft  gesetzt  wurde.  Es 
stand  aber  mit  den  Anschauungen  und  Sitten  des  Landes  so  wenig  im  Ein- 
klang, dass  sich  bald  die  Notwendigkeit  ergab,  es  wieder  aufzuheben  und  zu 
der  früheren  Praxis  zurückzukehren. 

Die  Fortschritte  anderer  Staaten  auf  dem  Gebiete  der  Strafgesetzgebung 
blieben  indes  auch  in  Guatemala  nicht  unbekannt,  und  so  wurde  nach  dem 
Muster  des  spanischen  Cödigo  Penal  von  1850  und  seiner  Novellen  von  1870 
und  1876  das  Strafgesetzbuch  für  die  Republik  Guatemala  vom 
4.  Juli  1877  geschaffen. 

Die  Strafenfolge  der  Strafen  war:  Todesstrafe,  Festung  (presidio  con 
calidad  de  retenciön),  Gefängnis  (prisiön  ordinaria),  Zuchthaus  (reclusiön), 
Landesverweisung  (extrafiamiento),  völlige  Unfähigkeit  (inhabilitaciön  absoluta) 
zur  Bekleidung  von  öffentlichen  Ämtern,  sowie  zur  Ausübung  von  bürger- 
lichen, staatsbürgerlichen  und  familienrechtlichen  Befugnissen  oder  von  Pro- 
fessionen, die  mit  einem  Titel  verbunden  sind  (profesiones  titulares),  besondere 
Unfähigkeit  (inhabilitaciön  especial),  schwerer  und  leichter  Arrest  (arresto 
mayor,  menor),  Geldstrafe  (multa),  Warnung  (apercibimiento)  und  Einziehung 
(comiso).  Die  Todesstrafe  war  nur  gegen  eine  beschränkte  Anzahl  von  Straf- 
thaten  angedroht  und  sollte  nur  solange  zur  Anwendung  konmien,  als  die 
Gefängnisreform  nicht  durchgeführt  war.  Alle  zeitigen  Freiheitsstrafen  zer- 
fielen in  drei  Grade  (grados)  und  diese  wieder  in  Unterabteilungen  (t^rminos), 
welche  als  mittlere,  schwerste  und  leichteste  (grado  bezw.  törmino  medio, 
mäximo,  minimo)  bezeichnet  wurden.  Der  mittlere  Grad  fand  Anwendung, 
wenn  weder  mildernde,  noch  erschwerende  Umstände  vorlagen  oder  ein  Um- 
stand der  einen  Art  durch  einen  solchen  der  anderen  aufgehoben  wurde. 
Die  Bildung  der  Grade  und  Unterabteilungen  erfolgte  auf  die  Weise,  dass 
der  gesamte  gesetzliche  Strafrahmen  in  drei  gleiche  Teile  geteilt  wurde. 
Die  mildernden  und  erschwerenden  Umstände  waren  zwar  im  Gesetze  auf- 
geführt; bezüglich  der  ersteren  war  aber  dem  Eichter  gestattet,  auch  andere 
zuzulassen  oder  den  gesetzlichen  Milderungsgründen  höheren  Wert  beizulegen; 
hielt  er  die  vorliegenden  Umstände  für  besondei's  berücksichtigenswert,  so 
konnte  er  die  gesetzliche  Strafe  um  einen  oder  mehrere  Grade  ermässigen  und 
auf  die  nächst  geringere  Strafe  übergehen. 

Diese  Bestimmungen  boten  den  Gerichten  bei  der  praktischen  Hand- 
habung mannigfache  Schwierigkeiten;  ausserdem  war  das  Strafensystem  in- 
sofern verfehlt,  als  es  das  Vorhandensein  zahlreicher  verschiedenartiger  Ge- 
fängnisse voraussetzte.  Diesen  Mängeln  suclite  man  durch  die  Schaffung  des 
jetzt  geltenden  Strafgesetzbuches  vom  15.  Februar  1889  abzuhelfen. 


§  2.    Das  Strafgesetzbuch  vom  15.  Februar  1889. 

Das  geltende  Strafgesetzbuch  geht  davon  aus,  dass  die  Strafe  den  Ver- 
urteilten bessern  soll,  und  hat  zur  Erreichung  dieses  Zweckes  ein  Progressiv- 
system aufgestellt,  das  ihn  allmählich  auf  die  Wiedererlangung  der  Freiheit 
vorbereitet.  Strafanstalten  zur  Durchführung  dieses  Systems  sind,  und  zwar 
nach  dem  Radialsystem,  gebaut  worden. 

Unter  den  Hauptstrafen  finden  wir  das  korrektionelle  Gefängnis  (prision 
correccional),  femer  schweren  und  leichten  Arrest  (arresto  mayor,  menor), 
einfache    Freiheitsentziehung    (prisiön    simple)    und    Geldstrafe.      Nebenstrafen 

10* 


148  X-  Mittel- Amerika.  —  5.  Guatemala« 


sind  dauernder  oder  zeitweiliger  Verlust  gewisser  Befugnisse,  Einziehung  und 
Tragung  der  Prozesskosten.  Korrektionelles  Gefängnis  dauert  höchstens  15 
Jahre  und  wird  in  den  Strafanstalten  (etablecimientos  penitenciarios)  voll- 
streckt. Führt  sich  der  Verurteilte  während  der  zweiten  Hälfte  der  Straf- 
dauer schlecht,  so  wird  diese  um  den  vierten  Teil  verlängert,  unbeschadet 
der  etwa  eintretenden  Bestrafung  wegen  der  von  ihm  während  der  Verbüssung 
begangenen  Strafthaten.  Hat  er  sich  dagegen  während  eines  drei  Viertel 
der  erkannten  Strafe  entsprechenden  Zeitraums  gut  geführt,  so  wird  er  vor- 
läufig in  Freiheit  gesetzt  mit  dem  Vorbehalt,  dass  der  nicht  verbüsste  Teil 
in  verschärfter  Form  vollstreckt  wird,  wenn  er  sich  während  dieser  Zeit  straf- 
fällig macht.  —  Der  schwere  Arrest  hat  eine  Höchstdauer  von  einem  Jahre 
und  wird  in  den  Bezirksgefängnissen  (cArceles  departementales)  vollstreckt. 
Leichter  Arrest  dauert  höchstens  sechs  Monate  und  wird  in  den  Orts-  oder 
Gemeindegefängnissen  (cArceles  locales  ö  municipales)  verbüsst;  auf  einfache 
Freiheitsentziehung  kann  bis  zur  Dauer  von  einem  Monat  erkannt  werden; 
die  Vollstreckung  erfolgt  in  den  Polizeiwachen  oder  Arrestlokalen  (secciones 
de  policia  ö  lugares  de  detenciön).  Die  Geldstrafe  hat  einen  rein  persön- 
lichen Charakter  und  beträgt  höchstens  150  Pesos.  Das  Gericht  ist  befugt, 
die  einmalige  Umwandlung  einer  Freiheitsstrafe  in  Geldstrafe  zuzulassen,  und 
zwar  (ganz  oder  teilweise)  ohne  Beschränkung  bei  einfacher  Freiheitsentziehung 
und  Arrest;  bei  korrektioneil em  Gefängnis  nur,  wenn  es  5  Jahre  nicht  über- 
steigt, und  auch  dann  nur  für  zwei  Drittel  der  Strafdauer.  Die  Umwand- 
lung geschieht  nach  dem  Massstabe  von  zwei  Realen  bis  zu  fünf  Pesos  für 
je  einen  Tag  Freiheitsstrafe,  je  nach  den  Verhältnissen  des  Verurteilten ;  Bürg- 
schafts- und  Schadensersatzverpflichtungen  müssen  zuvor  erfüllt  sein.  Die 
Beschäftigung  der  Gefangenen  zu  Zwangsarbeit  oder  öffentlichen  Arbeiten 
ausserhalb  der  Anstalt  ist  unzulässig.  Die  Dauer  des  Verlustes  gewisser  Rechte 
und  Befugnisse  beschränkt  sich  auf  die  im  Urteile  bestimmte  Zeit;  der  bürger- 
liche Tod  (muerte  civil)  ist  unbekannt.  Der  Einziehung  unterliegen  sowohl 
die  bei  der  Begehung  des  Verbrechens  benutzten  wie  die  durch  dieses  hervor- 
gebrachten Gegenstände.  Die  Vermögenskonfiskation  ist  dem  Gesetze  fremd. 
Die  wichtige  Frage  der  Gefangenenarbeit  ist  sachgemäss  geregelt;  die  Arbeit 
muss  mit  dem  Geschlecht,  dem  Alter,  dem  Berufe  und  den  körperlichen  Ver- 
hältnissen des  Verurteilten  vereinbar  sein.  Die  zu  korrektionellem  Gefängnis 
Verurteilten  werden  nach  Massgabe  der  für  die  Strafanstalt  vorhandenen 
Arbeitsordnung  beschäftigt;  wer  schwere  Arreststrafe  verbüsst,  muss  solche 
Arbeiten  verrichten,  welche  für  die  öffentliche  Verwaltung  erforderlich  sind 
und  zu  deren  Leistung  er  im  Stande  ist.  Im  leichten  Arrest  kann  der  Ver- 
urteilte sich  nach  seiner  Wahl  mit  Arbeiten  beschäftigen,  die  ihm  die  Ver- 
waltung oder  Privatunternehmer  übertragen,  und  bei  der  einfachen  Freiheits- 
entziehung darf  er  seiner  gewohnten  Beschäftigung  nachgehen. 

Die  im  Gesetze  normierten  Strafen  gelten  für  die  Fälle,  in  denen  weder 
mildernde  noch  erschwerende  Umstände  vorliegen.  Sind  strafschärfende  Um- 
stände vorhanden,  so  wird  die  Strafe  bis  um  ein  Drittel  erhöht,  beim  Vor- 
liegen mildernder  Umstände  aber  in  demselben  Masse  vermindert.  Treffen 
Umstände  beider  Art  zusammen,  so  heben  sie  sich  möglicherweise,  je  nach 
Lage  des  Falles,  gegenseitig  auf.  Liegen  zwei  oder  mehr  mildernde  Um- 
stände vor,  ohne  dass  erschwerende  Umstände  konkurrieren,  so  tritt  Ermässi- 
gung der  Strafe  bis  um  zwei  Drittel  ein;  dasselbe  gilt  bei  einer  That,  die 
nur  um  deswillen  strafbar  ist,  weil  es  bei  einem  Strafausschliessungsgrunde 
an  irgendeinem  gesetzlichen  Merkmale  fehlt;  liegen  aber  diese  letzteren  zum 
grössten  Teile  vor,  so  findet  Herabsetzung  der  Strafe  bis  zu  einem  Viertel 
oder  Fünftel  statt. 


§  2.  Das  Strafgesetzbuch  vom  15.  Februar  1889.  149 


Der  Thäter  eines  fehlgeschlagenen  Delikts  und  der  Gehillfe  bei  einer 
vollendeten  Strafthat  werden  mit  zwei  Dritteln,  der  Thäter  bei  einem  ver- 
suchten und  der  Gehülfe  bei  einem  fehlgeschlagenen  Delikte  mit  einem  Drittel 
der  vom  Gesetze  für  das  vollendete  Verbrechen  angedrohten  Strafe  belegt. 
Für  diejenigen,  welche  bei  einem  Versuche  Beihülfe  geleistet  oder  sich  der 
strafbaren  Verabredung  (conspiraciön)  oder  des  strafbaren  Erbietens  (pro- 
posiciön)  zu  einem  Delikt  schuldig  gemacht  haben,  beträgt  die  Strafe  den 
sechsten  Teil  der  Normalstrafe.  Die  Strafe  des  Begünstigers  (encubridor)  ist 
auf  ein  Drittel  der  Strafe  des  vollendeten,  versuchten  oder  fehlgeschlagenen 
Deliktes,  auf  welches  sich  die  Begünstigung  bezieht,  festgesetzt. 

Jugendliches  Alter  bis  zu  10  Jahren  ist  absoluter  Straf ausschliessungs- 
grund;  Jugendliche  von  10  bis  zu  15  Jahren  werden  (und  zwar  je  nach  Lage 
des  Falles)  mit  dem  fünften  bis  vierten  Teile  der  Normalstrafe  belegt,  wenn 
das  Gericht  feststellt,  dass  sie  mit  dem  erforderlichen  Unterscheidungsvermögen 
(discemimiento)  gehandelt  haben.  Unter  17  oder  über  60  Jahre  alte,  sowie 
kranke  und  lahme  Verurteilte  verbüssen  ihre  Strafe  in  besonderen  Anstalten. 

Im  Falle  des  Zusammentreffens  mehrerer  Strafthaten  werden  die  für 
jede  von  diesen  verwirkten  Strafen  verhängt,  ohne  dass  im  allgemeinen  eine 
Verkürzung  stattfindet;  nur  darf  die  Gesamtdaucr  mehrerer  korrektioneilen 
Gefängnisstrafen  die  doppelte  Dauer  der  längsten  Einzelstrafe  und  jedenfalls 
30  Jahre  nicht  überschreiten;  diese  Beschränkung  gilt  jedoch  nicht,  wenn  ein 
Verurteilter  während  der  Strafvollstreckung  ein  Delikt  begeht. 

Erfüllt  eine  einzige  Handlung  den  Thatbestand  mehrerer  Delikte,  oder 
ist  eine  Strafthat  das  notwendige  Mittel  zur  Begehung  einer  anderen,  so 
kommt  nur  die  dem  schwersten  Verbrechen  entsprechende  Strafe,  und  zwar 
unter  Verlängerung  bis  um  ein  Drittel  zur  Anwendung. 

Die  Strafklage  verjährt  bei  den  mit  korrektionellem  Gefängnis  bedrohten 
Delikten  in  einem  Zeiträume,  der  die  angedrohte  Strafe  um  drei  Jahre  über- 
steigt, bei  allen  übrigen  Verbrechen  und  Vergehen  in  drei  Jahren,  bei  Über- 
tretungen in  zwei  Monaten.  Die  Vollstreckung  der  in  einem  rechtskräftigen 
Urteile  erkannten  Strafen  verjährt  in  einem  Zeitraum,  welcher  der  doppelten 
Dauer  der  schwersten  in  dem  Urteile  festgesetzten  Strafe  gleich  ist,  spätestens 
aber  in  30  Jahren.  Für  die  Verjährung  einiger  Delikte,  wie  der  Verleumdung 
und  Beleidigung,  gelten  besondere  Vorschriften. 

Die  bisher  erörterten  allgemeinen  Bestimmungen  bilden  den  Inhalt  des 
ersten  Buches  des  Strafgesetzbuches.  Im  zweiten  Buche  werden  die  einzelnen 
Verbrechen  und  Vergehen  (delitos)  und  im  dritten  die  Übertretungen  (faltas) 
behandelt,  und  zwar  beide  Kategorieen  unter  einzelnen  Titeln  in  Gruppen 
geordnet.  Ausserdem  enthält  das  Strafgesetzbuch  in  einem  einleitenden  Titel 
Vorschriften  über  die  bindende  Wirkung  der  Gesetze  und  einige  Grundsätze 
des  internationalen  öffentlichen  Rechts. 

Die  Abschaffung  der  Todesstrafe  sowie  aller  lebenslänglichen  und  ent- 
ehrenden Strafen  drückt  dem  Strafgesetzbuche  den  Charakter  der  Milde  auf, 
der  sich  auch  in  dem  Bestreben  widerspiegelt,  durch  die  Strafvollstreckung 
die  Besserung  des  Verurteilten  herbeizuführen.  Das  Strafensystem  ist  leicht 
und  praktisch  zu  handhaben  und  ermöglicht  durch  die  Teilbarkeit  der  Straf- 
rahmen, für  jedes  Delikt  die  angemessene  Strafe  zu  verhängen. 

In  Übereinstinunung  mit  diesen  Grundsätzen  steht  auch  die  neue  Straf- 
prozessordnung (Ley  de  procedemientos  criminales),  in  der  die  Prinzipien  der 
Öffentlichkeit  und  Mündlichkeit  des  Verfahrens  mit  gewissen  Einschränkungen 
durchgeführt  sind,  die,  ohne  die  Verteidigung  in  unzulässiger  Weise  zu  be- 
schränken, eine  sachgemässe  Strafjustiz  eimöglichen. 


150  X.  Mittel -Amerika.  —  5.  Guatemala. 


§  3.    Besondere  Strafgesetze. 

Die  wichtigsten  Strafnebengesetze  sind  das  Militärgesetz,  das  Pressgesetz 
und  das  Steuergesetz. 

1.  Das  Militärgesetz  (Cödigo  militar)  ist  seit  dem  1.  Angust  1878  in 
Kraft.  Die  allgemeinen  Vorschriften  stimmen  mit  denen  des  Civilstrafgesetz- 
buches  im  wesentlichen  überein;  dagegen  weist  das  Strafensystem  erhebliche 
Abweichungen  auf:  Todesstrafe,  Festungshaft  (presidio) ,  Verpflichtung  zu 
öffentlichen  Arbeiten  (obras  püblicas)  sind  beibehalten  und  ausserdem  be- 
sondere militärische  Strafen,  wie  Degradation  u.  s.  w.,  verwendet. 

Die  Todesstrafe  ist  bei  den  schwersten  Verbrechen  angedroht  und  wird 
durch  Erschiessen  vollstreckt.  Die  zeitigen  Freiheitsstrafen  dauern  höchstens 
10  Jahre.  Die  Strafen  sind  meistens  nur  nach  Höchst-  und  Mindestmass  be- 
stimmt, sodass  der  Kichter  innerhalb  dieses  Rahmens  die  dem  Einzelfalle  an- 
gemessene zu  bestimmen  hat. 

Der  zweite  TeU  des  Gesetzes  enthält  die  Militärstrafprozessordnung.  An 
erster  Stelle  stehen  die  Vorschriften  über  das  Verfahren  im  Felde,  in  Festungen 
und  belagerten  Orten  bei  gewissen  besonders  schweren  Verbrechen  sowie  die 
Grundsätze  über  die  Kriegsgerichte  (Consejos  de  Guerra)  und  sonstige  Be- 
sonderheiten des  Verfahrens. 

2.  Das  Pressgesetz  (Ley  de  Imprenta)  vom  10.  Mai  1894  überträgt  die 
Entscheidung  über  die  Schuldfrage  und  über  das  Vorliegen  mildernder  oder 
strafschärfender  Umstände  in  Presssachen  den  Geschworenen.  Der  Gerichts- 
hof wird  gebildet  durch  fünf  Bürger,  die  aus  einer  grösseren  Anzahl  durch 
das  Los  bestimmt  werden.  Sie  können  abgelehnt  werden  und  geben  ihren 
Spruch  mit  absoluter  Stimmenmehrheit  ab.  Auf  Grund  des  verurteilenden 
Verdikts  bestimmt  das  Gericht  erster  Instanz  die  entsprechende  Strafe;  nur 
gegen  diese  Straffestsetzung  ist  die  Berufung  (recurso  de  apelaciön)  an  eine 
Kammer  der  „Corte  de  Justicia"  und  der  Kassationsrekurs  (recurso  de  casaciön) 
an  das  hierfür  zuständige  Gericht  zulässig. 

Strafbar  sind  aufrührerische,  verleumderische  und  beleidigende  somc 
unsittliche  Veröffentlichungen.  Auf  die  Verhängung  der  Strafen  (die  hier  fest 
bestimmt  sindj  finden  die  Vorschriften  des  Strafgesetzbuches  Anwendung.  Die 
Präventivcensur,  die  Verpflichtung  zur  Hinterlegung  von  Sicherheit  oder  Bürg- 
schaftsleistung, Zeitungsstempel,  Verbot  des  Weitererscheinens  und  andere 
Massregeln,  die  den  Charakter  der  Willkür  tragen,  sind  dem  Gesetze  unbekannt. 
Die  Druckschrift  muss  den  Namen  des  verantwortlichen  Herausgebers,  die 
Bezeichnung  der  Druckerei  und  den  Tag  der  Ausgabe  enthalten.  Jede  Zeitung 
ist  verpflichtet,  die  ihr  von  den  Beteiligten  übersandten  Aufklärungen,  Be- 
richtigungen und  Auseinandersetzungen  aufzunehmen.  Die  Besitzer  oder  Leiter 
einer  Druckerei  müssen  bei  jedem  zum  Druck  übergebenen  Schriftstück  die 
Unterschrift  des  Verfassers  verlangen,  widrigenfalls  sie  ebenfalls  verantwortlich 
werden.  Verleumdung  und  Beleidigung  öffentlicher  Beamten  in  Beziehung  auf 
Amtshandlungen  sind  straflos. 

Der  Grundzug  des  Gesetzes  geht  dahin,  in  der  möglichst  geringen  Ein- 
schränkung der  Pressfreiheit  zugleich  das  beste  Korrektiv  gegen  ihren  Miss- 
brauch zu  erblicken,  da  die  öffentliche  Meinung,  um  sich  dieses  wertvolle 
Gut  zu  erhalten,  bemüht  sein  wird,  Beleidigungen  und  Verleumdungen  mög- 
lichst zu  verhindern. 

3.  Das  Steuergesetz  f Cödigo  fiscal)  ist  eine  Zusammenstellung  der 
geltenden  Bestimmungen  des  Zoll-  und  Steuerrechts  unter  Berücksichtigung 
der  Veränderungen,  welche  auf  den  Verordnungen  vom  28.  Mai  1894  und 
dem  Abgabengesetz  (Ley  de  contribucionesj  vom  10.  Mai  1894  beruhen.     Die 


§  4.  Litteratur.  151 


Vei'waltung  des  Zoll-  und  Steuerwesens  liegt  in  der  Hand  von  grösseren  und 
kleineren  Zoll-Ämtern  unter  Leitung  der  „Direcciön  General  de  Aduanas  y 
Administraciones  subaltemas".  Der  strafrechtliche  Teil  des  Gesetzes  enthält 
Strafandrohungen  gegen  Kontrebande  und  Steuerhinterziehung.  Eine  häufig 
angedrohte  Strafe  ist  die  Einziehung.  Die  Bezeichnung  der  Strafen  entspricht 
der  im  Strafgesetzbuch  angewendeten.  Die  Übertretungen  werden  mit  Geld- 
strafen geahndet,  deren  Festsetzung,  wenn  sie  nicht  im  Gesetz  absolut  be- 
stinmit  sind,  dem  vernünftigen  Ermessen  des  zuständigen  Beamten  überlassen 
ist.  Die  Entrichtung  der  Zölle  erfolgt  nach  dem  im  Jahre  1894  veröffent- 
lichten Tarife.  Die  Bemessung  erfolgt  nach  Einheitssätzen  und  im  allgemeinen 
in  Abstufungen  von  einem  Peso.  Das  Steuergesetz  regelt  die  Stempelsteuer, 
die  Abgaben  von  dem  Verkauf  von  Gegenständen,  von  Erbschaften  und 
Schenkungen,  die  Konsumsteuer,  die  Immobiliar- Abgabe,  die  Wegesteuer,  die 
Wehrsteuer  u.  s.  w. 

4.  Besondere  Arbeiter-  und  Industrie-Gesetze  sind  nicht  vorhanden;  in 
dieser  Beziehung  gelten  ausser  den  betreffenden  Bestimmungen  des  Bürger- 
lichen Gesetzbuches  einige  ergänzende  Gesetze  über  die  Verhältnisse  der 
Arbeiter  und  gewerbliche  Patente.  Indes  ist  zur  Zeit  eine  Kommission  mit 
der  Ausarbeitung  eines  Agrar-  und  Arbeitergesetzes  beschäftigt,  das  diese 
Lücke  ausfüllen  wird.  Auf  Strafthaten,  welche  unter  Benutzung  von  Spreng- 
stoffen begangen  sind,  findet  lediglich  das  allgemeine  Strafgesetz  Anwendung; 
ein  Spezialgesetz  ist  nicht  vorhanden. 


§  4.    Litteratur. 

Wer  sich  ein  klares  und  vollständiges  Bild  von  der  Strafgesetzgebung  der  Re- 
publik Guatemala  machen  will,  der  sei  ausser  auf  die  Gesetze  selbst,  auf  die  geschicht- 
lichen Arbeiten  von  Milla,  Montüfar,  Batres  JÄuregin  und  Gomez  Carillo,  auf 
die  Darstellnnff  des  Civilrechts  von  Dr.  Cruz  und  auf  die  Studien  über  das  Straf- 
gesetzbuch und  die  Staatsverwaltung  von  Gonzalez  Saravia  verwiesen. 


6.  Salvador, 


Litteratar. 

Kurze  Notizen  über  die  Strafgesetzgebung  von  Salvador  finden  sich  in  dem  von 
der  Soci^t^  de  legislation  comparee  zu  Paris  herausgegebenen  Annuaire  de  l^gislation 
etrang^re  Bd.  14  (Übersetzung  der  Verfassung  vom  4.  Dezember  1883,  die  in  Artt,  18, 
22,  25  und  26  Bestimmungen  über  das  Strafensystem  enthält)  und  Bd.  24  S.  964—967 
(Übersetzung  des  Gesetzes  über  die  Ehescheidung  vom  20.  April  1894). 

Von  dem  früheren  Strafgesetzbuche  vom  z8.  September  1859  ist  eine  zu  New 
York  1860  gedruckte  Ausgabe  vorhanden.  Eine.. amtliche  Ausgabe  des  Strafgesetz- 
buches von  1881  mit  den  bis  1890  vorgenommenen  Änderungen  ist  1893  in  San  Salvador 
(Tipografia  „La  Luz",  Calle  de  Moraz4n  31)  erschienen. 

§  1.    Kodifikationen. 

Der  Freistaat  Salvador  hat  in  den  Jahren  1880 — 1883  das  gesamte  Ge- 
biet seiner  Staats-  und  Rechtseinrichtungen  neu  geordnet.  Unter  der  Präsi- 
dentschaft von  Rafael  Zaldivar  wurden  auf  Grund  genereller  Ermächtigangen 
des  konstituierenden  Landtages  von  1880  und  spezieller  Bestätigungsgesetze 
der  gesetzgebenden  Versammlungen  zunächst  1880  das  bürgerliche  Gesetzbuch 
und  die  dazu  gehörige  Prozessordnung,  sowie  das  Handelsgesetzbuch}  im  fol- 
genden Jahre  das  Strafgesetzbuch  und  die  Strafprozessordnung  fertiggestellt. 
Diese  Gesetzeswerke  sind  auch  bei  der  Verfassungsänderung  von  1883  unbe- 
rührt geblieben;  der  neue  Präsident  Menendez  hat  seinem  Vorgänger  auf 
diesem  Gebiet  nichts  weiter  vorzuwerfen  gewusst^),  als  dass  er  die  Prügel- 
strafe als  Tortur-  und  Strafmittel  gegen  Humanität  und  Gesetz  habe  anwenden 
lassen;  die  übrigen  „Reformen"  sind  unbedeutend. 

§  2.    Das  Strafgesetzbuch  von  1881. 

Das  erste  am  13.  April  1826  publizierte  Strafgesetzbuch  für  Salvador 
war  nach  dem  Muster  des  damals  in  Spanien  geltenden  gearbeitet.  Ihm  folgte 
am  28.  September  1859  ein  anderes,  das  Werk  einer  Konmiission  von  Advo- 
katen, das  ebenfalls  lediglich  ein  Abklatsch  des  damaligen  spanischen  Straf- 
gesetzbuches war.  Das  jetzt  geltende  Strafgesetzbuch ,  welches  mit  541  Para- 
graphen nach  dem  Ent\^Tirfe  einer  Spezialkommission  (Trigueros,  Ruiz  und 
Castellanos)  am  19.  Dezember  1881  vollzogen  wurde,  stützte  sich  auf  die  Ge- 
setze  des   konstituierenden  Landtages  vom    12.  März  1880   sowie  der  gesetz- 


0  Gesetz  vom  22.  Mai  1885,  Einleitung. 


§  2.  Das  Strafgesetzbuch  von  1881.    §  3.  Grundlage.    §  4.  Einteilung.         153 


gebenden  Versammlung  vom  28.  Februar  1881  und  trat  sofort  in  Kraft 
(Art.  542).  Durch  einige  keineswegs  grundsätzliche  Änderungen,  welche  durch 
Spezialgesetze  und  Verordnungen  vom  22.  Mai  1885,  22.  September  1885, 
14.  JuH  1886,  20.  Juli  1886,  14.  April  1887,  27.  März  1888,  9.  April  1888, 
10.  April  1888,  26.  März  1889,  10.  Aprü  1889,  19.  März  1890,  18.  April  1890 
bei  einzelnen  Paragraphen,  namentlich  bezdglich  der  Eigentumsvergehen,  vor- 
genommen wurden,  war  die  Zahl  der  Paragraphen  auf  546  angewachsen. 
Neuerliche  Änderungen  sind  uns  nicht  bekannt  geworden. 


§  3.    Grundlage. 

Wie  den  ungefähr  zu  derselben  Zeit  erschienenen  Gesetzbüchern  der 
SchwesteiTepubliken  Honduras  und  Costa  Rica  hat  auch  dem  Strafgesetz- 
buche von  Salvador  das  chilenische  als  Vorbild  gedient.  Immerhin  sind 
die  Abweichungen,  namentlich  in  der  Anordnung  der  Materien,  in  die  Augen 
fallend  —  oft  so  sehr,  dass  die  darauf  verwandte  Mühe  gegenüber  dem  fast 
identischen  Inhalte  nicht  gerechtfertigt  erscheint.  Zu  loben  ist  der  Versuch, 
sich  von  den  Tabellen  und  Tabulaturen  der  chilenischen  Strafzumessungs- 
maschinerie wenigstens  äusserlich  loszusagen  und  diese  Tabellen  aus  dem 
Gesetzestext  wegzulassen;  da  aber  das  System  beibehalten  ist,  wird  die  Hand- 
habung der  Strafmasse  durch  diese  Unterdrückung  sicherlich  erschwert,  und 
die  Berechnung  einer  zu  verhängenden  Strafzeit  muss  als  komplizierte  alge- 
braische Aufgabe  angesehen  werden. 

Wichtiger  als  diese  formellen  Abweichungen  ist  die  erhebliche  Herab- 
setzung aller  Strafmasse;  die  Milde  der  Straf bestimmungen  ist  eine  ganz 
ausserordentliche.  ^) 

Da  wir  an  anderer  Stelle*)  das  System  des  chilenischen  Gesetzbuches 
skizziert  haben  und  die  eigene  Gedanken-  und  Kulturarbeit  der  Republik  Sal- 
vador nur  in  den  an  jenem  gemachten  Änderungen  besteht,  so  wird  mit  Rück- 
sicht auf  den  knapp  zugemessenen  Raum  die  folgende  Darstellung  sich  wesent- 
lich auf  die  Wiedergabe  der  veränderten  Anordnung  des  Gesetzes  und  die 
Hervorhebung  besonders  derjenigen  Bestimmungen  beschränken,  welche  das 
chilenische  Muster  mit  Recht  oder  Unrecht  verlassen  haben.  Es  mag  dabei 
wiederholt  werden,  dass  fast  jede  chilenische  Definition  einige  Zusätze  oder 
Änderungen  erfahren  hat,  deren  Tragweite  zumeist  nicht  über  die  einer  blossen 
redaktionellen  Umformung  hinausgeht  und  keineswegs  immer  den  Vorzug  vor 
dem  hinreichend  klaren,  stets  knappen  Texte  des  Vorbildes  verdient. 


§  4.    Einteilung. 

I.   Buch.      Allgemeine    Bestimmungen    über    Vergehen    und 
Übertretungen,    verantwortliche  Personen   und  Strafen.     Titel  I 


*)  Ein  hervorragender  Jurist,  Manuel  CÄceres,  charakterisiert  (in  einer  auf  Ver- 
anlassung des  Kaiserlich  Deutscheu  Auswärtigen  Amtes  ausgearbeiteten,  bislang  nicht 
veröffentlichten  Denkschrift)  das  Strafgesetzbuch  seines  Landes  folgendermassen :  „Das 

f  eltende  Strafgesetzbuch  ....  bedeutet  einen  wesentlichen  Fortschritt  auf  dem  Gebiete 
er  Straf gesetzgebung.    Seine  Besonderheit  liegt  in  der  philanthropischen  Tendenz :  es 
verwirft  die  gehässige  Auffassunff  der  Strafe  als  eines  Mittels  zur  Befriedigung  des 
Rachegefühles  der  Gesamtheit  una  erstrebt  daher  in  erster  Linie  nicht  die  Vernichtung, 
sondern  die  Besserung  des  Verbrechers  und  den  Schutz  der  menschliclien  Gesellschaft*. 
•)  In  der  Abhandlung  über  Costa  Rica,  oben  S.  141. 


154  X.  Mittel -Amerika.  —  6.  Salvador. 


(Kapitel  1)  Vergehen  und  Übertretungen,  (2)  die  Verantwortlichkeit  ausschliessende, 
(3)  mildernde,  (4)  erschwerende  Umstände.  —  II.  Strafrechtlich  verantwort- 
liche Personen.  —  III.  Strafen  (1)  im  allgemeinen;  (2)  Einteilung,  (3)  Dauer 
und  Inhalt  der  Strafen:  (Abteilung  1)  Dauer;  (2)  Wirkung;  (3)  Strafen,  welche 
andere  nach  sich  ziehen.  (4)  Anwendung  der  Strafen  (1)  bei  vollendetem,  fehl- 
geschlagenem und  versuchtem  Vergehen,  bei  Mitschuld  und  Begünstigung, 
(2)  bei  mildernden  und  erschwerenden  Umständen;  (3)  gemeinsame  Bestim- 
mungen. (5)  Strafvollstreckung  und  Verbüssung:  (1)  Allgemeine  Regeln; 
(2)  Hauptsächlichste  Strafen.  —  IV.  Civile  Haftverbindlichkeit.  —  V.  Strafen  der- 
jenigen, welche  den  Vollzug  ihrer  Verurteilung  vereiteln.  —  VI.  Erlöschen  der 
Verantwortlichkeit.  —  VII.  Straferlass  und  Strafum^vandlung. 

IL    Buch.      Vergehen    und    ihre    Strafen.      Titel    I.     Volksverrat 
und   Hochverrat.  —  II.  Vergehen   gegen   die   äussere   Sicherheit   des   Staates: 

(1)  Verrat.  (2)  Gefährdung  des  Friedens  oder  der  Unabhängigkeit  des 
Staates.  (3)  Verletzung  des  Völkerrechtes.  —  III.  Vergehen  gegen  die  innere 
Sicherheit  des  Staates  und  die  öffentliche  Ordnung:  (1)  Vergehen  gegen  die 
Souveränetät  des  Staates.  (2)  (1)  Aufstand  und  (2)  Aufruhr;  (3)  gemein- 
same Bestimmungen.  (3)  Angriffe  auf  und  Widerstand  gegen  die  Civil- 
behörde  und  sonstige  öffentliche  Unordnungen.  (4)  Unerlaubte  Versamm- 
lungen und  Verbindungen.  —  IV.  Fälschungsvergehen:  (1)  Fälschung  von 
Siegeln,  Marken  und  Unterschriften.  (1)  Fälschung  von  Siegeln  des  Staates 
und   der   obersten  Behörden    und  von   Unterschriften   der   obersten   Beamten, 

(2)  von  sonstigen  öffentlichen  Siegeln,  (3)  von  Marken  und  Siegeln  von  Pri- 
vatleuten. (2)  Fälschung  von  Geld,  (3)  Banknoten,  Krediturkunden,  Stempel- 
papier, Telegraphen-  und  Briefmarken  und  sonstigen  gestempelten  Wertzeichen, 
deren   Ausgabe   dem   Staate   vorbehalten   ist.      (4)  Fälschung  von  Urkunden: 

(1)  von  öffentlichen,  amtlichen,  Handels-  und  Telegraphenurkunden,  (2)  von 
Privaturkunden,  (3)  von  Pässen  und  Zeugnissen.  (5)  Gemeinsame  Bestim- 
mungen. (6)  Falsches  Zeugnis  und  falsche  Anschuläigung  und  Anklage. 
(7)  Anmassung  vom  Amtsbefugnissen,  Amtscharakteren  und  Titeln  und  ange- 
masster  Gebrauch  von  Namen,  Uniformen,  Abzeichen  und  Orden.  —  V.  (1)  Ver- 
letzung der  Gesetze  über  Beerdigungen,  Grabschändung  und  (2)  Vergehen  gegen 
die  öffentliche  Gesundheitspflege.  —  VI.  Spiel  und  Lotterieen.  —  VII.  Amts- 
vergehen der  öffentlichen  Beamten:  (1)  Prävarikation.  (2)  Untreue  bei  Be- 
wachung Gefangener,  (3)  bei  Bewahrung  von  Urkunden.  (4)  Verletzung  von 
Geheinmissen.  (5)  Ungehorsam  und  Beistandsvei'weigerung.  (6)  Unerlaubter 
Beginn,  Fortsetzung  oder  Aufgabe  von  Amtsbefugnissen.  (7)  Anmassung  von 
Machtbefugnissen  und  ungesetzliche  Ernennungen.  (8)  Amtsmissbrauch  gegen- 
über Privaten,  (9)  unter  Verletzung  der  Sittlichkeit.  (10)  Bestechung.  (11)  Ver- 
bringung öffentlicher  Gelder.  (12)  Betrug  und  Erpressungen.  (13)  Gemein- 
same Bestimmung.  —  VIII.  Vergehen  gegen  die  Person:  (1)  Verwandtenmord, 

(2)  Meuchelmord.  (3)  Tötung.  (4)  Kindesmord.  (5)  Abtreibung.  (6)  Ver- 
letzungen. (7)  Allgemeine  Bestimmung.  (8)  Zweikampf.  —  IX.  Vergehen  gegen 
die  Sittlichkeit:  (1)  Ehebruch.  (2)  Notzucht  und  unsittlicher  Missbrauch.  (3) 
Erregung  öffentlichen  Ärgernisses.  (4)  Schändung  und  Verführung  Minder- 
jähriger. (5)  Entführung.  (6)  Gemeinsames  (zu  2  bis  5).  —  X.  Vergehen 
gegen  die  Ehre:  (1)  Verleumderische  Bezichtigung.  (2)  Beleidigungen.  (3)  All- 
gemeine Bestimmungen.  —  XI.  Vergehen  gegen  den  Personenstand:  (1)  Kindes- 
unterschiebung und  Anmassung  eines  Personenstandes.  (2)  Ungesetzliche  Ehe- 
schliessung. — '  XII.  Vergehen  gegen  Freiheit  und  Sicherheit:  (1)  Ungesetzliche 
Haft.  (2)  Entziehung  Minderjähriger.  (3)  Kindesaussetzung.  (4)  Gemein- 
sames (zu  1  bis  3).  (5)  Hausfriedensbruch.  (6)  Drohungen  und  Nötigung. 
(7)   Enthüllung  von   Geheimnissen.   —  XIII.  Vergehen   gegen   das  Eigentum: 


§  5.   Allgemeine  Grundzüge.  155 


(1)  Raub:    (1)   mit   Gewaltthätigkeit   gegen   Personen,    (2)  von   Gegenständen. 

(2)  Diebstahl.  (3)  Besitzanmassung.  (4)  Betrug:  (1)  Strafbarer  Eigennutz  und 
Bankern tt;  (2)  Schwindelei  und  sonstige  Täuschungsvergehen.  (5)  Veranstal- 
tungen zur  Änderung  der  Warenpreise.  (6)  Brandstiftung  und  andere  Ver- 
heerungen. (7)  Sachbeschädigung.  (8)  Allgemeine  Bestimmungen.  —  XIV,  Fre- 
velhafte Unvorsichtigkeit. 

IIL  Buch.  Übertretungen  und  deren  Strafen.  Titel  I.  Über- 
tretungen gegen  die  öffentliche  Ordnung.  —  II.  Gegen  das  allgemeine  Inter- 
esse und  die  Ordnung  der  Ortschaften.  —  III.  Gegen  die  Person.  —  IV.  Gegen 
das  Eigentum.  —  V.  Gemeinsame  Bestimmungen. 

Allgemeine  Bestimmung.  —  Übergangsbestimmungen. 

§  5.    Allgemeine  Gnindzfige. 

Zu  den  bemerkenswerten  grundsätzlichen  Bestimmungen  zählt  vor  allem 
die  von  Chile  übernommene  generelle  Präsumtion  des  dolus;  logischer  als  das 
Vorbild  rechnet  das  Gesetz  die  dem  Thäter  unbekannt  gebliebenen  Umstände 
auch  dann  ihm  nicht  zu,  wenn  sie  mildernd  wirken,  und  nicht  nur,  wenn  er- 
schwerend. Eigenartig  ist  die  Neuerung  (§  2),  dass  bei  Vorkommen  eines 
strafwürdig  scheinenden  Thatbestandes ,  der  im  Gesetze  nicht  sanktioniert  ist, 
der  Richter  durch  Vermittelung  des  Obersten  Gerichtshofes  die  gesetzgebende 
Gewalt  mit  der  Sache  befassen  soll;  auf  derartige  Anregungen  führen  die 
oben  citierten  Novellen  ihre  Entstehung  ausdrücklich  zurück,  so  dass  dieses 
Gesetz  kein  toter  Buchstabe  geblieben  ist. 

Die  Dreiteilung  der  strafbaren  Handlungen  ist  zwar  infolge  Unter- 
scheidung der  Vergehen  in  schwere  und  minder  schwere  nicht  so  gänzlich 
verschwunden,  es  sind  aber  zwischen  diesen  beiden  Kategorieen  keine  wesentlichen 
Unterschiede  generell  beibehalten,  und  von  der  Einteilung  ist  sparsamer  Ge- 
brauch gemacht.  Der  Name  Quasidelikte  für  die  kulposen  Vergehen  ist  ebenso 
aufgegeben;  die  Vereuchsdefinition  ist  unwesentlich  modifiziert.  Grosse  Nach- 
sicht, zuweilen  Strafaufhebung  und  immer  Strafmilderung  ist  generell  und  bei 
einzelnen  Delikten  nochmals  ausdrücklich  für  freiwilligen  Rücktritt  und  thätige 
Reue  angekündigt.  Die  chilenische  Bestimmung,  im  Auslande  begangene  Ver- 
gehen der  Einheimischen  straffrei  zu  lassen,  welche  zur  Auslieferung  der 
letzteren  an  fremde  Staaten  führen  muss,  ist  vermieden.  Die  natürliche  Ver- 
wandtschaft ist  der  gesetzlichen  überall  ganz  allgemein  gleichgestellt.  Der  Straf- 
ausschluss  ist  neben  dem  Wahnsinnigen  auch  dem  Blödsinnigen  gewährt; 
während  aber  alle  vorstehenden  Neuerungen  als  Verbesserungen  gelten  können, 
erregt  die  Bestimmung  (§  9),  dass  der  unzurechnungsfähige  Thäter  wenn  mög- 
lich im  Hospital,  sonst  aber  im  Gefängnis  verwahrt  werden  soll,  schweres 
Bedenken.  Unter  den  strafausschliessenden  Umständen  findet  sich  auch  spe- 
ziell hervorgehoben  die  den  Gefangenentransporteuren  erteilte  und  von  ihnen 
befolgte  Instruktion,  den  entfliehenden  Häftling,  der  auf  Anrufen  nicht  steht, 
niederzuschiessen  —  die  berüchtigte  „ley  fuga",  die  regelmässig  das  Schicksal 
der  in  den  politischen  Wirren  gefangenen  Gegner  zu  besiegeln  pflegt.  Unter 
den  erschwerenden  Umständen  —  nicht  wie  in  Chile  bald  strafmildernd  bald 
erschwerend  —  steht  die  Verwandtschaft,  sofern  sie  mit  Mundschaft  oder 
Pflege  gepaart  ist,  neben  den  sonstigen  Autoritäten  des  Lehrers,  Pflegevaters, 
Vormundes  etc.  Femer  ist  hier  die  Rückfälligkeit,  die  aber  auf  Vergehen  der- 
selben Art  und  die  Frist  von  3,  2  und  1  Jahr  bei  schweren  und  leichten  Ver- 
gehen bezw.  Übertretungen  beschränkt  ist,  untergebracht;  durch  den  Wegfall 
der  besonderen  Straferhöhungen  für  während  der  Strafvollstreckung  erfolgen- 


156  X.  Mittel -Amerika.  —  6.  Salvador. 


den  Rückfall  ist  die  unverständige  Bestimmung  des  chilenischen  Gesetzes,  ge- 
legentlich selbst  die  Todesstrafe  als  Resultat  solcher  Strafschärfungen  zu  ver- 
ordnen, unmöglich  gemacht.  Unter  den  mildernden  Umständen  fällt  vor  allem 
die  generelle  Einreihung  des  weiblichen  Geschlechtes,  dann  auch  die  Leistung 
wichtiger  Dienste  für  den  Staat  auf.  Durch  eine  Generalklausel  ist  die  in 
Chile  geschlossene  Reihe  der  Milderungsgründe  der  diskretionären  Erweiterung 
zugänglich  gemacht. 

Die  in  Betracht  kommenden  Altersstufen  sind  8  Jahre  für  die  Straf- 
mündigkeit, 8  bis  15  Jahre  als  Periode  der  ausdrücklich  festzustellenden  Unter- 
scheidungsfähigkeit, während  welcher  jedoch  stets  auf  mildere  Strafarten  zu 
erkennen  ist,  —  auch  das  Alter  von  15  bis  18  Jahren  (sowie  Taubstummheit) 
wirkt,  wenn  auch  in  geringerem  Masse,  sti'af mildernd,  das  von  18  bis  21  nur 
als  mildernder  Umstand.  Bei  der  Schändung  sind  12  Jahre,  bei  Verführung 
12  bis  21  Jahre,  bei  Kindesentführung  und  Aussetzung  7  Jahre  die  kritischen 
Altersstufen. 

Die  milderen  Bestimmungen  des  Gesetzbuches  sollen  auch  noch  während 
der  Verbüssung  der  früher  nach  strengerem  Gesetz  erkannten  Strafen  dem 
Sträfling  zu  Gute  kommen  —  sonderbarerweise  findet  jedoch  die  Strafumwand- 


lung nur  auf  Antrag  statt. 


§  6.    Strafen. 


Einige  der  Grundfragen  des  Strafensystems  sind  sozusagen  theoretisch 
in  der  Verfassung  vom  4.  Dezember  188H  (vgl.  Annuaire  de  l^gislation  ^tran- 
göre  Bd.  14  S.  908 — 931)  gelöst.  Die  Konfiskation  ist  abgeschafft  (Art.  18). 
Die  Strafen  sollen  der  Art  und  der  Schwere  der  Strafthat  angemessen  sein; 
ihr  Zweck  ist  Besserung,  nicht  aber  Vernichtung  des  Schuldigen,  alle  lebens- 
länglichen und  beschimpfenden  Strafen  werden  daher  verworfen;  die  Todes- 
strafe (vom  Militär-Strafrecht  abgesehen)  ist  nur  bei  Hochverrat,  Mord,  Auf- 
stand mit  bewaffneter  Hand  und  Brandstiftung  mit  tötlichem  Ausgange  zu- 
lässig, bei  politischen  Delikten  aber  ausgeschlossen  (Art.  22).  Die  Gefängnisse 
sind  Besserungs-,  nicht  Züchtigungsanstalten;  strenge  Behandlung  wird  daher 
nur  soweit  gebilligt,  als  sie  zur  Bewachung  der  Gefangenen  erforderlich  ist 
(Art.  25  Abs.  2).  Es  herrscht  Arbeitszwang  mit  Ausnahme  der  kirchlichen 
und  nationalen  Feier-  und  Festtage. 

Im  Strafgesetzbuche  ist  die  Bezeichnung  der  Strafarten  gegen  die  in 
Chile  gebrauchten  verändert,  ohne  dass  ihr  Wesen  im  ganzen  berührt  worden 
wäre.  Immerhin  tritt  an  Stelle  der  lebenslänglichen  Freiheitsstrafen  eine  8 
bis  12  jährige  Oberstufe  über  dem  grossen  und  kleinen  Zuchthaus  oder  Ge- 
fängnis (5  bis  7  und  2  bis  4  Jahre);  das  Maximum  kann  aber  selbst  durch 
die  beibehaltene  kumulative  Bestrafung  mehrerer  Vergehen  nicht  mehr  als 
20  Jahre  erreichen.  Die  Untersuchungshaft  wird  nicht  ganz,  sondern  ver- 
hältnismässig angerechnet;  die  von  Chile  humanerweise  angeordnete  Anrech- 
nung der  Krankheitszeit  bei  Geisteskrankheit  Verurteilter  ist  nicht  über- 
nommen. Die  Oberstufen  des  Zuchthauses  und  Gefängnisses  ziehen  Entmündigung 
und  Ernennung  eines  Kurators  nach  sich. 

Die  Todesstrafe,  die  nur  bei  Meuchelmord  und  erfolgreicher  Anzettelung 
eines  Krieges  eintritt,  wird  öffentlich  nach  feierlichem  Aufzuge  durch  Er- 
schiessen  vollstreckt,  der  Leichnam  bis  zum  Abend  ausgestellt.  An  Schwangeren 
wird  die  Strafe  erst  40  Tage  nach  der  Entbindung  vollzogen.  Bei  mehreren 
im  selben  Urteil  ausgesprochenen  Kapitalstrafen  (§  81)  findet  ein  Losverfahren 
statt,  wonach  von  2  bis  3  Verurteilten  nur  einer,  von  4  bis  6  zwei,  von  7 
bis  9  drei,  von  10  bis  19  vier,  von  20  bis  29  fünf  u.  s.  w.  hingerichtet  werden. 


§  6.  Strafen.    §  7.  Einzelne  Vergehen.  157 


Das  Urteil  hat  zu  bestimmen,  wer  als  Rädelsführer  oder  besonders  Belasteter 
von  der  Auslosung  vorweg  ausgeschlossen  wird;  aus  den  übrigen  werden  so- 
viele,  als  zur  Vervollständigung  der  gesetzlichen  Zahl  der  Hinzurichtenden 
erforderlich  sind,  ausgelost. 

Die  Zuchthäusler  sind  zu  je  zweien  mit  Ketten  verbunden;  ihre  Zwangs- 
arbeit kann  bei  allen  Staatsarbeiten  verwandt  werden.  Frauen  verbüssen  diese 
Strafe  in  besonderen  Anstalten.  Wegen  Alters  und  Schwäche  kann  das  Ge- 
richt, bei  60  Jahren  muss  es  Gefängnis  dafür  substituieren. 

In  den  Strafen,  welche  in  Ortsveränderung  bestehen,  ist  durch  das  Auf- 
geben der  chilenischen  unhaltbaren  Strafe  der  Anweisung  eines  zwangsweisen 
bestimmten  W^ohnsitzes  im  Auslande  anscheinend  einige  Verwirrung  eingetreten; 
die  Unterscheidungen  einzelner  Strafarten  haben  keinen  rechten  Sinn  mehr. 
Neben  der  Verbannung  aus  der  Republik  (extraftamiento  ^)  steht  die  Bannung 
in  die  Hauptstadt  des  entferntesten  Bezirkes  (relegaciön) ,  Bannung  an  einen 
bestimmten  Ort  auf  20  (confinamiento  mayor)  und  10  (c.  menor)  leguas  Ent- 
fernung und  die  Verbannung  aus  einem  Umkreise  von  15  leguas  (destierro). 
Für  die  leichte  Haftstrafe  kann  bei  Frauen  und  Kranken  Hausarrest  eintreten.  — 
Die  Geldstrafe  soD  in  allererster  Linie  mit  Rücksicht  auf  das  Vermögen  des 
Thäters  bemessen  werden. 

Die  Verjährung  der  Strafklage  tritt  bereits  in  10,  5  bezw.  1  Jahren,  die 
der  Injurienklage  in  dreissig  Tagen  ein;  die  Verjährungsfrist  erkannter  Strafen 
ist  bei  Todesstrafe  20,  bei  Vergehen  15  und  10,  bei  Übertretungen  5  Jahre. 
Letztere  Fristen  werden  nicht  nur  durch  jedes  neue  Vergehen,  sondern  selbst 
durch  eine  Übertretung  unterbrochen;  bei  Abwesenheit  aus  der  Republik 
zählen  zwei  Tage  nur  für  einen. 

Neu  ist  die  Einrichtung  des  Straferlasses  und  der  Strafumwandlung, 
welche  auf  Empfehlung  (im  Urteil)  durch  das  Obergericht  von  der  vollziehen- 
den Gewalt  angeordnet  wird.  Dieses  Gnadenrecht  (welches  als  solches  aus- 
drücklich bezeichnet  wird)  ist  auf  bestimmte  Fälle  beschränkt;  die  republi- 
kanische Staatsform  will  den  Gewalthabern  missbräuchliche  Eingriffe  in  den 
Rechtsgang  unmöglich  machen. 

§  7.    Einzelne  Vergehen. 

Bei  der  Aufstellung  der  einzelnen  Vergehen  macht  sich  fast  noch  mehr 
als  im  allgemeinen  Teile  das  Bestreben  geltend,  an  Stelle  der  in  grossen 
Zügen  gehaltenen  Definitionen  des  chilenischen  Gesetzbuches  die  in  denselben 
enthaltenen  Einzelfälle  zu  spezialisieren.  Es  lässt  sich  kaum  behaupten,  dass 
dieses  Verfahren  nennenswerte  Vorzüge  des  Gesetzbuches  herbeigeführt  hätte; 
vielleicht  ist  die  beabsichtigte  Wirkung  Erleichterung  der  Urteilsfindung 
gewesen. 

An  die  Spitze  und  noch  vor  den  Landesverrat  treten  zwei  Vergehungen 
des  Präsidenten  der  Republik:  Auflösung  oder  Verhinderung  des  Zusammen- 
tretens  der  gesetzgebenden  Versammlung  und  ungesetzliche  Verlängerung  eines 
Belagerungszustandes. 

Die  Vergehen  gegen  die  äussere,  namentlich  aber  auch  gegen  die  innere 
Sicherheit  des  Staates  sind  mit  grosser  Sorgfalt  bis  ins  einzelne  —  speziell 
auch  gegen  Einmischungen  des  Papstes  und  der  Geistlichkeit  —  geordnet. 
Die  obersten  Beamten  und  Volksvertreter  finden  gegen  Attentate  wie  gegen 
Beleidigungen  einen  besonderen  Schutz  —  was  in  anderen  Republiken  zumeist 


0  Die  Namen  weichen  von  den  chilenischen  ab,  bezw.  dieselben  Namen  bezeichnen 
je  eine  andere  der  ebenfalls  wesentlich  gleichgebliebenen  Strafarten. 


158  X.  Mittel- Amerika.  —  6.  Salvador. 


nicht  der  Fall  ist  —  ebenso  die  fremden  Gesandten  unter  der  Bedingung  der 
Gegenseitigkeit.  Injurien  gegen  Vorgesetzte  werden  als  solche  auch  bestraft, 
wenn  sie  unter  dem  Scheine  eines  Duells  auftreten.  Das  geistliche  Amt  er- 
höht immer  die  Verantwortlichkeit;  alle  Kulte,  die  in  Salvador  Anhänger 
haben,    sind   in   jeder  Beziehung   dem  katholischen  ausdrücklich  gleichgestellt. 

Unter  den  Fälschungsvergehen  ist  die  sorgfältige  Behandlung  der  Fälschung 
von  Handelsmarken,  Ursprungsbezeichnungen  u.  dergl.  bemerkenswert. 

Beim  falschen  Zeugeneide  ist  eine  mindere  Stufe:  „böswillige  Verschwei- 
gungen oder  Ungenauigkeiten"  —  unterschieden. 

Unter  den  Amtsvergehen  ist  das  ganze  Disziplinarrecht  der  Richter  und 
Beamten  mit  behandelt,  naturgemäss  unvollkommen. 

Der  Verwandtenmord  wird  nicht  als  solcher  (wie  in  Chile),  sondern  nur 
bei  Hinzutreten  der  Merkmale  des  Meuchelmordes  mit  dem  Tode  bestraft;  die 
thätige  Hülfe  zum  Selbstmord  ist  nach  drei  Abstufungen  strafbar.  Für  den 
Kindesmord  ist  die  Begehungszeit  auf  drei  Tage  festgesetzt  und  das  Merkmal, 
dass  die  That  die  Verbergung  der  Schande  bezwecke,  verlangt. 

Entgegen  dem  chilenischen  Gesetz  ist  dem  Ehegatten  und  dem  Vater 
eines  Mädchens  unter  21  Jahren  das  Eecht,  die  in  flagranti  ertappten  schuldigen 
Paare  straflos  zu  tödten  oder  zu  verwunden,  gewährt. 

Beim  Zweikampf  ist  der  Behörde,  die  dessen  Bevorstehen  erfährt,  zur 
Pflicht  gemacht,  die  Beteiligten  bis  zum  ehrenwörtlichen  Verzicht  auf  ihre 
Absicht  in  Haft  zu  nehmen ;  der  Bruch  des  Ehrenwortes  wird  mit  Verbannung 
vom  Thatorte  bestraft. 

Die  Ehebruchsklage  kann  von  dem  Gatten  nicht,  wie  in  Chile,  beliebig 
unterbrochen,  sondern  nur  zurückgenommen  werden. 

Die  verleumderische  Bezichtigung  wird  auch  bestraft,  wenn  sie  mittels 
Veröffentlichung  im  Auslande  erfolgt.  Bei  Verleumdung  und  Beleidigung  steht 
dem  Gericht  zu,  die  Genehmigung  zur  Anklage  zu  versagen,  wenn  dem  Be- 
leidigten Genugthuung  und  Widerruf  in  einem  Vorverfahren  angeboten  werden. 
Da  in  Salvador  die  Ehe  geschieden  werden  kann,  ist  das  chilenische  Gesetz 
bei  der  Bigamie  entsprechend  umredigiert;  neu  ist  die  Bestrafung  des  Haus- 
friedensbruchs und  die  Zulässigkeit  der  Verbannung  vom  Thatorte  bei 
Drohungen  neben  der  Sicherheitsleistung. 

Die  Verletzung  von  Geheimnissen,  speziell  auch  von  Fabrikationsgeheim- 
nissen, die  Ausdehnung  der  Bestrafung  des  betrügerischen  Konkurses  auf 
nicht  immatrikulierte  Kaufleute  und  sogar  auf  Nichtkaufleute,  der  strafrecht- 
liche Schutz  des  litterarischen  und  künstlerischen,  sowie  des  industriellen  Eigen- 
tums entsprechen  den  Bedürfnissen  der  Neuzeit.  Der  Wucher  ist  nur  Minder- 
jährigen gegenüber  strafbar. 

Der  Strafausschluss  bei  Eigentumsvergehen  der  Verwandten  ist  etwas 
anders  begi^enzt  als  in  Chile. 

§  8.    Übertretungen. 

Wie  aus  der  obigen  Inhaltsangabe  ersichtlich,  ist  bei  den  Übertretungen 
der  Versuch  gemacht  worden,  dieselben  nach  Art  der  Gruppierung  der  Ver- 
gehen nach  allgemeinen  Gesichtspunkten  einzuteilen;  die  Idee  ist  logisch  und 
erfolgreich  durchgeführt. 

Unter  den  Überti'etungen  gegen  die  Person  ist  bemerkenswert  die  An- 
drohung von  Geld-  und  Verweisstrafen  für  gegenseitige  Misshandlungen  von 
Ehegatten  u.  dergl. 


§  9.  Andere  Strafgesetze.  159 


§  9.    Andere  Strafgesetze. 

Das  Strafgesetzbuch  lässt  ausdrücklich  (in  §§  8  und  541)  die  Anordnung 
von  Strafen  durch  Spezialgesetze  zu;  es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  dass  solche 
in  der  Zoll-,  Steuer-,  Berg-,  Hafengesetzgebung  u.  dergl.  sich  analog  den- 
jenigen anderer  Länder  vorfinden. 

Der  Strafprozess  ist  durch  eine  am  3.  April  1882  auf  Grund  der  Gesetze 
vom  12.  März  1880  und  28.  Februar  1881  erlassene  Verordnung  von  641 
Artikeln  geregelt.  Durch  Novellen  ist  die  Zahl  der  letzteren  bis  zu  der  Neu- 
ausgabe von  1893  auf  630  vermindert  worden.  Das  Werk  ist  von  denselben 
obengenannten  Mitgliedern  der  Kommission  hergestellt,  welche  das  Strafgesetz- 
buch verfasst  hatten.  Wie  letzteres  ist  auch  die  Strafprozessordnung  sofort 
in  Kraft  getreten. 


XL 


BOLIVIA 


Von 


Ernst  Eisenmann, 

Königlich  FreusBischem  GerichtsasBessor  a.  D.,  AdTokaten  in  Paris. 


Straf gesetzgebung  der  Gegenwart.    11.  H 


übersieht. 


§  1.      I.  Einleitung. 

II.  Das  Strafgesetzbuch  von  1834. 
§  2.     a)  Inhaltsüber.sicht. 
§  3.     b)  Die  strafbare  Handlung. 
§  4.      c)  Strafensystem. 

§  5.     d)  Sonstige  allgemeine  Bestimmungen. 
§  6.      e)  Der  besondere  Teil. 
§  7.  ni.  Litteratur. 


I. 

§  1.    Einleitung. 

In  dem  Preistaate  Bolivia  hat  sich  eine  reformatorische  Thätigkeit  auf 
strafrechtlichem  Gebiete  schon  weit  frühzeitiger  als  in  den  meisten  übrigen 
hispano-amerikanischen  Staaten  entwickelt.  Bereits  am  2.  April  1831  wnrde 
ein  Strafgesetzbuch  promulgiert,  welches  jedoch  schon  am  3.  November  1834 
unter  dem  Präsidenten  Santa  Cruz  durch  das  noch  heute  geltende  Gesetz 
ersetzt  wurde.  Nur  das  Strafprozessrecht,  das  jenes  frühere  Gesetz  mit  geregelt 
hatte,  blieb  noch  femer  in  Geltung,  während  das  neue  Recht,  soweit  es  milder 
war,  sofort,  und  im  übrigen  nach  einer  zweimonatlichen  Frist  in  Kraft  trat. 
Die  Novellen,  welche  dazu  aus  Anlass  aufgefundener  Lücken  erlassen  wurden, 
haben  einige  wesentliche  Änderungen  herbeigeführt ;  so  das  Gesetz  vom  3.  No- 
vember 1840,  das  die  Ersatzstrafe  für  die  (durch  die  inzwischen  abgeänderte  Ver- 
fassung eingeschränkte)  Todesstrafe  auf  10  Jahi'e  Zuchthaus  festsetzt,  was  auch 
unter  der  Herrschaft  der  neuerlichen  Verfassungen  vom  24.  November  1871, 
vom  Jahre  1878 1)  und  28.  Oktober  1880  Geltung  behalten  hat;  das  Gesetz 
vom  6.  November  1840,  das  die  Strafen  für  leichte  Beleidigungen  und  kleine 
Diebstähle  und  Betrügereien  ermässigt;  das  Gesetz  vom  3.  September  1883 
über  gewisse  Arten  des  Meineides.  Weniger  erheblich  sind  die  Dekrete  vom 
4.  Juni  1858  über  Ordnungsstrafen  der  Advokaten,  vom  4.  November  1858 
über  Totschlag,  vom  27.  August  1859  über  WinkelkonsVilenten,  vom  1.  Mai  1860 
über  den  Vorbehalt  des  Bestätigungsrechtes  der  Regierung  bei  Todesurteilen, 
vom  18.  Juli  1860  über  Beleidigungen  durch  die  Presse.  Die  Pressverord- 
nungen, welche  auf  Grund  des  von  der  konstituierenden  Nationalversammlung 
beschlossenen,  am  15.  August  1861  verkündigten  Gesetzes  die  Geschworenen- 
gerichte für  Pressvergehen  einführten  (24.  März  1861,  26.  Oktober  1863, 
Gesetz  vom  4.  August  1881),  enthalten  die  neuesten  Modifikationen  des  Straf- 
prozessrechtes, das  nach  der  obenerwähnten  ältesten  Kodifikation  in  der  Straf- 
prozessordnung und  dem  Zusatzgesetz  dazu  vom  20.  März  1877  niedergelegt 
worden  war.  Ein  Gesetz  vom  18.  November  1887  regelt  zumeist  die  Ennässigung 
erkannter  Strafen. 

IL  Das  StrafgesetzMcli  von  1834. 

§  2.    a)  Inhalteübei'sicht. 

Wie  schon  das  Alter  dieser  Gesetze  und  ihre  immerhin  auf  eine  rege 
Entwickelung  der  Strafrechtspflege  hindeutende  Zahl  voraussetzen  lässt,  ist 
diese  Gesetzgebung  ziemlich  selbständig  und  in  der  Ausdrucksweise  originell, 
indem  unter  Vermeidung  einer  scharfen  Nomenklatur  eine  allgemein  verständ- 
liche,  hier  und   da   etwas   breite   Redaktion   gewählt  ist.     Es  lässt   sich   dies 


*)  Analyse  im  Annuaire  de  legislation  etrangöre  Bd.  8  S.  764. 

ir 


164  Bolivia.  —  II.  Das  Strafgesetzbuch  von  1834.    §  2.  Inhaltsübersicht. 


schon  aus  nachstehenden,  wenngleich  stark  verkürzten  Überschriften  der  ein- 
zelnen Abteilungen  des  Strafgesetzes,  die  zur  Kennzeichnung  des  Umfanges 
und  Inhaltes  seiner  695  Artikel  hier  folgen  mögen,  erkennen,  wobei  die  Über- 
zahl der  politischen  und  Amtsvergehen  die  unruhigen  Regierungsverhältnisse 
wiederspiegelt. 

Buch  I.  Titel  1.  Allgemeine  Bestimmungen.  1.  Vorsätzliche  und 
fahrlässige  Vergehen.  2.  Schuldige.  3.  Umstände,  welche  die  Schuld  aus- 
schliessen.  4.  Mildernde  und  erschwerende  Umstände.  5.  Schadensersatz. 
Titel  2.  Strafen.  1.  Strafen  und  deren  Abstufung  und  VoUzug.  2.  Rückfall. 
3.  Strafumwandlung.  4.  Strafermässigung  und  Rehabilitation.  5.  Verjährung  von 
Strafe  und  Ersatzpflicht;  Asylrecht  der  Fremden.  6.  Entschädigung  Unschuldiger. 

Buch  II.  Vergehen  gegen  den  Staat.  Titel  1.  Gegen  die  Ver- 
fassung und  Rechtsordnung.  1.  gegen  die  Freiheit  der  Nation.  2.  gegen  den 
Präsidenten,  den  Vizepräsidenten  und  die  Staatsminister.  3.  gegen  die  Staats- 
religion. 4.  gegen  die  Freiheit  der  Bürger.  Titel  2.  Gegen  die  äussere 
Sicherheit  des  Staates.  1.  Gefährdung  der  Staatsexistenz.  2.  Vergehen  gegen 
das  Völken^echt.  Titel  3.  Gegen  die  innere  Sicherheit  des  Staates  und  die 
öffentliche  Ruhe  und  Ordnung.  1.  Rebellion  und  Truppenbewaffnung.  2.  Auf- 
stand. 3.  Aufruhr,  Unruhe  etc.  4.  Parteibildung  und  Geheimbündelei.  5.  Wider- 
stand gegen  Ausführung  der  Gesetze,  Gerichtsakte  oder  Verwaltungsmassregeln, 
Aufreizung  dazu  und  Angriffe  gegen  die  Regierungsrechte.  6.  Widerstand  gegen 
Behörden,  Amtsanmassung  und  dergl.  7.  Bandenbildung.  8.  Beraubung  von 
Staatsgütern,  Posten,  Kirchengütern,  sowie  Schmuggel.  9.  Gefangenenbefreiung 
und  Lynchjustiz.  10.  Anfertigung,  Einfuhr  und  Gebrauch  verbotener  Waffen. 
Titel  4.  Vergehen  gegen  die  Volksgesundheit.  1.  Unerlaubte  Ausübung  des 
Arzt-,  Apotheker-  und  Hebammengewerbes.  2.  Gifthandel.  3.  Arzneihandel. 
Titel  5.  Vergehen  gegen  den  öffentlichen  Glauben.  1.  Fälschung  von  Münzen. 
2.  von  Staatssiegeln,  Papiergeld  etc.  3.  von  öffentlichen  Urkunden.  4.  von 
Privaturkunden.  5.  von  Massen  und  Gewichten.  6.  Verletzung  des  Amts-, 
Berufs-  und  Briefgeheimnisses.  7.  Falsche  Anschuldigung  und  falsches  Zeugnis; 
Meineid.  8.  Vergehen  gegen  amtlich  verwahrte  Urkunden,  gegen  Siegelungen, 
Sequester  etc.  9.  Falsche  Titel  und  Orden.  Titel  6.  Amtsvergehen.  1.  Prä- 
varikation und  Bestechung.  2.  Unterschlagung  im  Amt.  3.  Betnig  und  Er- 
pressung. 4.  Unerlaubte  Geschäfte.  5.  Widersetzlichkeit.  6.  Gewaltthätigkeit. 
7.  Übergriffe.  8.  Rechtsverweigerung.  9.  Übergriffe  der  kirchlichen  Gerichte. 
10.  Vergehen  der  Richter.  11.  Vergehen  der  Staatslieferanten.  Titel  7. 
Vergehen  gegen  die  Sittlichkeit.  1.  durch  Reden,  Schrift  und  Bild.  2.  durch 
Förderung  der  Unzucht.  3.  Doppelehen  und  Ehen  der  Geistlichen.  4.  Heim- 
liche Ehen.  5.  Widersetzlichkeiten  der  Kinder  gegen  Eltern  und  Pfleger. 
6.  Vergehungen  in  der  Ehe.  Titel  8.  Weigerung  gebotener  Leistungen  an 
den  Staat.  Titel  9.  Äfissbrauch  der  Pressfreiheit.  1.  Seitens  der  Schrift- 
steller.    2.  Seitens  der  Drucker. 

Buch  III.  Vergehen  gegen  Private.  Titel  1.  Gegen  die  Person. 
1.  Tötung.  2.  Verwundungen  und  Misshandlungen.  3.  Schlägerei.  4.  Menschen- 
raub und  Gewaltthätigkeiten;  Vergehen  bei  Beerdigungen.  5.  Ehebruch  und 
Notzucht.  6.  Kindesaussetzung  und  Unterschiebung  etc.  Titel  2.  Vergehen 
gegen  die  Ehre,  den  Ruf  und  die  Ruhe  der  Person.  1.  Verleumdungen  und 
Schmähschriften.  2.  Beleidigung  und  Verrat  anvertrauter  Geheimnisse.  3.  Todes- 
drohungen und  sonstige  Schädigung.  Titel  3.  Vergehen  gegen  das  Eigentum. 
1.  Raub.  2.  Diebstahl.  3.  Bankerutt.  4.  Betrug  und  Schwindelei.  5.  Unter- 
schlagung. 6.  Nachahmung  fremder  Geisteswerke  und  Schädigung  industrieller 
Rechte.  7.  Brandstiftung  und  andere  Schädigungen.  8.  Gewaltthat  gegen 
fremdes  Eigentum.     9.  Grenzverschiebungen.  —  Übergangsbestimmungen. 


§  3.  Die  strafbare  Handlung.    §  4.  Strafensystem.  165 


§  3.  b)  Die  strafbare  Handlung. 

Wie  schon  aus  dieser  Inhaltsübersicht  hervorgeht,  ist  dem  Gesetze  die 
sonst  übliche  Drei-  oder  Zweiteilung  der  Strafthaten  fremd;  die  Übertretungen 
sind  bei  dem  ihnen  sachlich  verwandten  Vergehen  mit  eingereiht,  wie  z.  B. 
das  Halten  wilder  Hunde  bei  den  Verwundungen.  Auch  Disziplinarstrafen 
der  Gerichtsbeamten  sind  bei  den  Amtsvergehen  angedroht.  Die  Unter- 
scheidung der  öffentlichen  und  privaten  Vergehen  ist  lediglich  prozessualer 
Natur,  da  sie  von  der  Populär-  oder  Privatklage  abhängt.  Der  dolus  wird 
präsumiert.  Der  mit  minderem  Strafmass  geahndete  Versuch  umfasst  auch 
die  Vorbereitungshandlungen  und  selbst  bei  mangelnder  Handlung  kann  der 
Plan  mit  Polizeiaufsicht  gestraft  werden;  freiwilliger  Rücktritt  befreit  von 
Strafe.  Von  den  üblichen  Strafausschliessungsgründen  ist  ausdrücklich  aus- 
geschlossen die  sinnlose  Betrunkenheit,  welche  nur  in  seltenen  Fällen  als 
mildernder  Umstand  gilt.  Verwandte  werden  bei  Mitthäterschaft  nur  als  Ge- 
hülfen, bei  Beihülfe  nur,  ebenso  wie  Freunde,  Dienstboten  etc.,  wie  Hehler 
bestraft,  d.  h.  mit  ^4 — ^/j,  bezw.  ^/g — y^  und  Yg — 7^  der  Strafe  des  Haupt- 
thäters.  Das  Überwiegen  der  mildernden  oder  erschwerenden  Umstände  be- 
wirkt Anwendung  des  Minimums  oder  Maximums  der  Strafe,  sonst  kann  nur 
noch  auf  das  Mittelmass,  nicht  aber  auf  andere  Zwischenzeitstufen  erkannt 
werden.  Der  Rückfall  binnen  zwei  Jahren  nach  Erlass  oder  Verbüssung  einer 
Strafe  erhöht  in  mannigfachen  Abstufungen,  die  genau  berechnet  sind,  die 
Strafe  selbst  über  das  sonst  zulässige  Höchstmass,  das  bei  den  schweren 
Freiheitsstrafen  übrigens  nur  10  Jahre  beträgt;  doch  ist  die  Substitution  der 
Todesstrafe  für  80  Jahre  Festungsbaustrafe  durch  die  Verfassung  von  1878 
wieder  abgeschafft.  Im  übrigen  ist  die  Umrechnung  der  Todesstrafe  in 
10  Jahre  Festungsbaustrafe  bei  den  Bruchteilen  für  die  Nebenpersonen, 
Versuch  etc.  weit  milder  als  die  Umrechnung  eines  Jahres  der  genannten  in 
anderthalb  Jahre  der  milderen  Zuchthausstrafarten,  welche  auch  beim  blossen 
Mangel  geeigneter  Strafanstalten  erfolgen  kann. 

§  4.    c)  Strafeusystem. 

Die  Zahl  der  Strafarten  beträgt  nicht  weniger  als  24,  deren  Schwere 
mit  folgender  Numerierung  Schritt  hält:  (1)  Tod,  durch  Erhängen,  eventuell 
durch  Erschiessen  zu  vollstrecken,  und  zwar  öffentlich  vor  dem  Thore  des 
Thatortes  und  mit  allerhand  Feierlichkeiten.  Diese  Strafe  ist  jetzt  auf  Mord 
der  Aszendenten,  Hochverrat,  Landesverrat  während  eines  Krieges,  und 
Meuchelmord  beschränkt  und  dadurch  gemildert,  dass  von  je  1 — 9  zugleich 
verurteilten  Personen  nur  eine,  von  10 — 19  zwei,  von  20 — 29  drei  Personen 
wirklich  hingerichtet  werden,  welche  entweder  als  Hauptschuldige  dies  vor- 
züglich verdienen  oder  bei  gleicher  Schuld  durch  das  Los  bestimmt  werden; 
die  übrigen  werden  zu  der  Strafe  (6)  des  Zuschauens  bei  der  Hinrichtung  — 
wobei  sie  bei  etwaiger  Ungeberdigkeit  einen  Knebel  in  den  Mund  bekommen  ^- 
und  (2)  Festungsbaustrafe  verurteilt.  Diese  letztere  besteht  wie  die  (4)  Staats- 
arbeiten und  (5)  das  Zuchthaus  in  Detention  mit  Arbeitszwang  von  ver- 
schiedener Strenge;  erstere  beiden  sind  für  Minderjährige  und  Greise,  Inhaber 
der  höheren  Weihen  und  Frauen  dui'cli  letztere  Strafart  zu  ersetzen.  Sonstige 
Freiheitsstrafen  sind  (7)  die  Festungshaft  und  (14)  Haft;  letztere  kann  für 
Frauen,  Kranke,  Greise,  ja  selbst  für  Arbeiter,  die  zur  Ernährung  der  Ihrigen 
oder  zur  Abarbeitung  des  Schadens  ihrer  Werkstatt  bedürfen,  durch  Haus- 
arrest ersetzt  werden.  Der  Bannbruch  bei  (3)  Verbannung  aus  dem  Staate 
für  immer  oder  auf  Zeit,  bei  (9)  Verbannung  aus  dem  Umkreise  von  20  leguas 


166     Bolivia.  —  §  5.  Sonstige  allgemeine  Bestimmungen.    §  6.  Der  besondere  Teil. 


vom  Thatorte  und  (8)  Bannuiig  in  einen  bestimmten  Ort  oder  Bezirk  wird 
durch  Freiheitsstrafen  geahndet  und  dann  weitere  Verbüssung  durch  Ab- 
schieben erzwungen.  Bei  allen  vorhergehenden  Strafen  ausser  der  Haft  tritt 
von  selbst  als  Zusatzstrafe  die  (11)  Unfähigkeit  für  Ämter  und  diplomierte 
Berufsarten  ein,  die  auch  als  selbständige  Strafe,  zum  Teil  nur  auf  einen 
bestimjnten  Beruf  beschränkt,  vorkommt,  ebenso  (13)  als  Suspension  auf  Zeit. 
Ähnlich  ist  die  (12)  Aberkennung  von  Ehrenämtern;  die  oft  angedrohte  In- 
famie (10)  mit  ihren  Nebenformen:  „Unwürdigkeit,  den  Namen  eines  Boli- 
vianers zu  tragen"  und  „das  Vertrauen  der  Nation  zu  geniessen"  ist  seit  1878 
abgeschafft.  Die  (15)  Polizeiaufsicht,  die  (16)  Biirgschaftsstellung  für  Besse- 
rung, (17)  der  Widerruf,  (18)  die  Genugthuung,  welche  in  einer  Art  Abbitte 
besteht,  (19)  die  Verwarnung  und  (20)  Ennahnung,  das  (21)  Anhören  der 
Urteilsverlesung  reihen  sich  an.  Die  (22)  Besserungsanstalt,  im  Höchstzeit- 
mass  von  6  Jahren,  ist  für  Frauen  und  Minderjährige  reserviert,  welch  letztere 
aber  nur  bis  zum  20.  Jahre,  also  bis  ein  Jahr  vor  der  Grossjährigkeit,  dort 
behalten  werden  dürfen.  Statt  der  (23)  Geldstrafe,  deren  Betrag  unbeschränkt 
nach  den  Verhältnissen  bemessen  werden  soll,  kann  bei  Zahlungsunfähigen 
72 — 6  Monate  Haft  zum  Abarbeiten  der  Strafe  eintreten;  die  (24)  Konfis- 
kation schliesst  diese  lange  Reihe  der  Strafarten,  in  der  das  einfache  Gefängnis 
ohne  Arbeitszwang  eigentümlicherweise  fehlt  und  zu  welcher  eigentlich  noch 
der  Verlust  des  Erbrechts,  der  z.  B.  in  §  579  angeordnet  ist,  hinzutreten  müsste. 
Mit  Ausnahme  der  Todesstrafe,  deren  Umwandlung,  wenn  sie  einmal 
erkannt  ist,  durch  ein  besonderes  Gesetz,  das  oben  erwähnte  von  1887,  be- 
sonders erschwert,  ja  fast  immer  verboten  ist,  können  die  meisten  Strafen 
nach  Verbüssung  von  zwei  Jahren  um  Y^ — V3  verkürzt  werden,  wenn  der 
Bestrafte  es  durch  sein  Betragen  verdient. 

§  5.  d)  Sonstige  allgemeine  Bestimmungen. 

Die  Verjährung  tritt  bei  Beleidigungen  in  30  Tagen,  sonst  in  l — 8  Jahren 
ein;  Anklage  und  Rückfall  bilden  Unterbrechungsmomente. 

Schon  in  diesem  frühen  Gesetzbuche  (§  110)  findet  sich  das  Prinzip 
der  Entschädigung  unschuldig  Angeklagter,  wenn  auch  in  reclit  zweifelhafter 
Anordnung;  es  ist  beschränkt  auf  die  für  „absolut  unschuldig"  Erklärten; 
die  bei  Privatanklagen  dem  Ankläger  obliegende  Entschädiguugspflicht  wird 
bei  öffentlichen  Anklagen  dem  fehlerhaft  prozedierenden  Beamten  und  nur  in 
Ermangelung  eines  solchen  dem  Staate  auferlegt. 

Eine  starke  Schadensersatzpflicht,  welche  allen  späteren  Reclitsverbindlich- 
keiten  des  Thäters  vorhergeht  und  als  Legalhypothek  auf  sein  gesamtes  Ver- 
mögen sich  erstreckt  und  auf  die  Erben  übergeht,  ist  noch  wirksamer  durch 
die  Ausdehnung  der  Mithaftung  auf  Eltern,  Pfleger,  Lehrherren  etc.  der  Minder- 
jährigen und  Irren. 

Die  Altersstufen,  die  das  Gesetz  berücksichtigt,  sind:  10  Jahre  als  Be- 
ginn der  Strafmündigkeit,  17  Jahre  als  Grenze  der  Zeit  fraglicher,  speziell  zu 
ermittelnder  Erkenntnis  der  Strafbarkeit,  20  Jahre  als  Ende  der  Besserungs- 
einsperrung und  21  Jahre  als  Volljährigkeit.  14  Jahre  ist  das  Pubertätsalter 
und  17  Jahre   die  Grenze   des   Schutzes   für  Mädchen   gegen  Verführung   etc. 

§  6.  e)  Der  besondere  Teil. 

Im  speziellen  Teile  fallen  die  ausserordentlich  harten  Strafen  für  Ver- 
gehen gegen  die  katholische  Staatsreligion  auf;  vorteilhaft  berührt  der  be- 
sonders  geordnete   Schutz    der   Gesandten,    Kriegsgefangenen,    der  im   Lande 


§  6.   Der  besondere  Teil.    §  7.  Litteratur.  167 


lebenden  Angehörigen  einer  feindlichen,  kriegführenden  Nation,  sowie  das 
stark  betonte  Asylrecht  politischer  Verbrecher  und  der  nach  Bolivien  —  wo 
die  Sklaverei  bereits  abgeschafft  war  —  geflüchteten  Sklaven.  Dieser  ganze 
Abschnitt  der  Vergehen  gegen  das  Völkerrecht  würde  jedem  modernen  Straf- 
gesetz zur  Zierde  gereichen. 

Beinah  dasselbe  Lob  gebührt  den  Anordnungen,  welche  angesichts  der 
übermässig  strengen  patria  potestas  und  der  Unauflöslichkeit  der  Ehe  bei 
Streitigkeiten  in  den  Familien  getroffen  sind. 

Unter  den  Tötungen  wird  die  des  Kindes  in  den  ersten  drei  Tagen  nach 
der  Geburt  durch  die  Mutter  milder  beurteilt.  Strafausschliessend  wirkt  es, 
wenn  eine  Tötung  bei  Abwehr  eines  Angriffs  auf  ein  Familienmitglied,  aber 
auch  auf  eine  fremde,  ehrbare  Frau  erfolgt.  Dagegen  ist  bei  Tötung  der 
Ehefrau  oder  weiblicher  Verwandter  oder  deren  Verführer  bei  Ertappung  in 
flagranti  dieser  Umstand  nur  strafmildernd.  Das  Duell  ist  bei  tötlichem  Aus- 
gange mit  mehrjähriger  Festungsbausti'afe  und  Verbannung,  sonst  wie  andere 
Verwundungen  bedroht,  und  mangels  einer  Verwundung  kann  ein  Zwang  zur 
Abbitte  und  Sicherheitsleistung  für  Unterlassung  weiterer  Ungebühr  angeordnet 
werden.  Ehebrecher  werden  bis  zum  Tode  des  beleidigten  Ehegatten  Landes 
vei'wiesen. 

Unter  den  Bestimmungen  füi*  Beleidigung  fällt  diejenige  auf,  dass  Be- 
schimpfungen eines  Staatsbeamten  nicht  zugleich  als  solche  des  Präsidenten 
angesehen  werden  dürfen. 

Die  überaus  harten  Diebstahlstrafen  sind  durch  die  Novelle  vom  6.  No- 
vember 1840  durch  eine  mildere  Bestimmung  für  Bagatelldiebstähle  abge- 
schwächt. 

Bemerkensweit  ist  endlich  angesichts  des  Alters  des  Gesetzbuchs  die 
Bestrafung  der  Verletzung  des  geistigen  Eigentums,  und  zwar  sowohl  des  Ur- 
heberrechts an  Schrift-  und  Kunstwerken  als  des  Patent-  und  Markenschutz- 
rechtö  und  der  Fabrikgeheimnisse. 


m, 

8  7.     Litteratur. 

Intereusante  Mitteilungen  über  das  Strafrecht  der  vor«pani8chen  Zeit,  des  Reichea 
der  Inkas,  enthält  Matzenauer:  Bolivia,  Wien  lö97.  Ebenda  sind  auch  die  Polizei- 
Htrafen  bei  Übertretungen  der  eigentümlichen,  den  Bergwerksberechtigungen  Ähnlichen 
Konzessionen  zur  AuKoeutung  der  wilden  (TUinniibäUTne  aufgeführt. 


XE 


BRASILIEN 


Unter  Benutzung  von  Mitteilungen  des 

Dr.  Joäo  Vieira  de  Araüjo, 

Professora  des  Strafrechts  an  der  Universität  Rccife  (Pemambueo), 

bearbeitet  von 

Dr.  Georg  Grusen, 

Gerichtaasscssor  im  Königlich  Preussischen  Justisministerium  zu  Berlin. 


Übersicht. 


I.  Bibliographie. 
II.  Geschichtliches. 

III.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890. 

a)  Übersicht  und  Gruiidzüge. 

b)  Der  allgemeine  Teil. 

c)  Der  besondere  Teil. 

IV.  Die  Strafnebengesetze. 
V.  Refonnbestrebungen. 


I.  Bibliographie. 

a)  Für  das  ältere  Recht  vergleiche  die  Übersicht  über  das  frühere  portu- 
giesische Straf  recht  in  der  Darstellung  von  Tavares  deMedeiros  in  diesem  Werke 
Bd.  1  S.  535.  Ausser  den  dort  anffeführtcn  Werken  ist  noch  zu  erwähnen:  d'Azevedo 
('astello  Branco:  Notice  sur  l'evolution  du  droit  p^nal  portugais,  Lissabon  1888. 

b)  Litteratur  zum  Strafgesetzbuche  vom  16.  Dezember  1830.  Foucher: 
Observations  sur  le  code  criminel  du  Bresil;  1831.  Dr.  Thomas  Alvez:  Annotacöes 
theoricas  e  praticas  ao  Codigo  criminal;  Rio  de  Janeiro  1864—1883,  4  Bde.  Liberato 
Barroso:  Questöes  praticas  de  direito  criminal;  Rio  1866.  Dr.  Braz:  LicjÖes  de  direito 
criminal ;  Pernambuco  1872.  D  i  d  i  m  o  junior :  Da  autoria ;  Rio  de  Janeiro  1876.  M  a  c  e  d  o 
Soarez:  Estudos  forenses;  Rio  1877.  Dr.  Paulo  Pessöa:  Codigo  criminal  annotado; 
Rio  1877.  Silva  Costa:  A  satisfafjäo  do  damno;  Rio  1878.  Dias  de  Toledo:  Li<;öes 
academicas  sobre  artigos  do  Codigo  criminal;  Rio  de  Janeiro  1878.  Camargo: 
Direito  penal  Brasileiro;  Saö  Paulo  1881—82,  2  Bde.  Carlos  Perdigao:  Manual  do 
Codigo  penal  Brasileiro.  Estudos  syntheticos  e  praticos;  Rio  de  Janeiro  1883,  2  Bde. 
M ende 8  da  Cunha:  Codigo  criminal  com  obser va<;öes ;  Recife  1851.  Dr.  Francisco 
Luiz:  Codigo  criminal  annotado;  Maceio  1885.  Antonio  Luiz  Ferreira  Tinoco: 
Codigo  criminal  do  Imperio  do  Brazil;  Rio  de  Janeiro,  Imprensa  Industrial  1886  (ent- 
hält in  einem  Anhang  die  wichtigsten  strafrechtlichen  Gesetze  und  Verordnungen  aus 
den  Jahren  1831 — 1885).  Tobias  Barreto:  Menores  e  loucos;  Recife  1886.  Dr.  Joäo 
Vieira  de  Araüjo:  Leis  Judiciarias  annotadas;  Recife  1877.  Derselbe:  Ensaio 
de  Direito  Penal;  Recife  1884.  Derselbe:  O  estupro  violento;  Recife  1889.  Der- 
selbe: Nova  Ediccäo  Official  do  Codigo  criminal;  Recife  1889.  Derselbe:  Codigo 
Criminal  Brasileiro,  commentario  philosophico-scientifico;  Recife  1889.  Derselbe:  Le 
scienze  criminali  al  Brasile  in  „La  scuola  positiva*;  Jahrgang  III.  Napoli  1891. 
Martins  junior:  Theses  e  dissertacäo;  Recife  1887.  —  Vgl.  auch  Ferräo  da  Silva: 
Theoria  de  direito  penal  applicada  ao  Codigo  penal  portuguez  comparado  com  o  Codigo 
do  Brazil,  lei»  patrias,  codigos  e  leis  criminalea  des  povos  antigos  e  modemos; 
Lisböa  1856. 

c)  Litteratur  zum  Strafgesetzbuche  vom  11.  Oktober  1890:  Manoel 
Godofredo  d'Alen Castro  Antra n:  Codigo  penal  dos  Estados  Unidos  do  Brazil 
annotado  segundo  a  legislacäo  vigente  para  uso  dos  juizes  e  jurados,  com  a  graduacäo 
das  penas;  Rio  de  Janeiro,  Laemmert  &  C»<^-  1892.  Tobias  Barreto:  Estudos  de 
direito;  Rio  de  Janeiro  1892.  Oliveira  Escorel:  Codigo  Penal  Brasileiro;  Saö  Paulo 
1893.  Nina  Rodriguez:  As  ra^as  humanas  e  a  responsabilidade  penal  no  Brazil; 
Bahia  1894.  Dr.  (-osta  Doria:  Medicina  legal  de  traumatismos  e  o  Codigo  penal; 
Bahia  1894.     Ferrer:  Notas  ao  C'odigo  penal  Brasileiro;  Recife  1894. 

d)  Aus  dem  Gebiete  des  Militärstrafrechts  sind  zu  erwähnen:  San  tos 
Titara:  Auditor  Brasileiro;  Rio  de  Janeiro  1860.  Thomas  Alves  Junior:  Curso 
de  direito  militar;  2  Bde.,  Rio  de  Janeiro  1866—68.  Oliveira  Freitas:  Elementos 
de  direito  international  maritimo;  Rio  de  Janeiro  1884. 

e)  Der  Entwurf  eines  neuen  Strafgesetzbuches  von  der  unter  dem  V'or- 
sitze  Vieira  de  Araüjo's  gebildeten  Kommission  von  1893  ist  nebst  der  Begründung 
abgedruckt  in  der  „Revista  Academica  da  Faculdade  de  Direito  do  Recife",  Bd.  3  S.  49. 
Vieira  de  Araüjo:  0  projecto  do  Codigo  penal  e  a  Faculdade  de  S.  Paulo,  Separat- 
Abdruck  aus  der  Revista  Academica  da  Faculdade  do  Recife,  Jahrgang  IV,  Recife  1895. 


172  Brasilien.  —  I.  Bibliographie.    IL  Geschichtliches. 


sieht  und  Gesetze  aus  1875);  Bd.  7  S.  825—855  (von  Vicomte  d'Ouröm,  ehemaligem 
brasilianischen  Gesandten  zu  London,  der  auch  die  folgenden  Berichte  bis  Bd.  20  ein- 
schliesslich verfasst  hat;  Gesetze  aus  1877);  Bd.  8  S.  724—755  (Gesetze  aus  1878); 
Bd.  9  S.  905—958  (Gesetze  aus  1879);  Bd.  10  S.  721—740  (Entwurf.,  von  1880  betr. 
Änderung  des  Art.  266  des  Strafgesetzbuches);  Bd.  HS.  846—899  (Übersetzung  des 
Wahlgesetzes  vom  9.  Januar  1881);  Bd.  12  S.  1052—1099  (Übersetzunff  des  Patent- 
gesetzes vom  14.  Oktober  1882  und  des  Gesetzes  vom  4.  November  1882  betr.  die  Er- 
richtung von  Aktiengesellschaften);  Bd.  13  S.  878—902  (Auslieferungsverträge  mit 
Uruguay  und  Österreich-Ungarn);  Bd.  14  S.  863-886  (Gesetze  aus  1884);  Bd.  15  S.  686 
bis  723  (Gesetze  aus  1885);  Bd.  16  S.  916-962  (Gesetze  aus  1886);  Bd.  17  S.  957—989 
(Gesetze  aus  1887);  Bd.  18  S.  1007-1041  (Gesetze  aus  1888);  Bd.  19  S.  989—1027  (Mit- 
teilung über  den  Entwurf  des  Strafgesetzbuches  von  Vieira  de  Araüjo  und  dessen 
Prüfung  durch  die  Kommission);  Bd.  20  S.  884—940  (Kritik  und  kurze  Analvse  des 
Strafgesetzbuches  von  1890);  Bd.  24  S.  1057  (Gesetze  aus  1891—94,  vom  Vicomte 
de  Cavalcanti,  Bd. .25  S.  942—961  (von  Cavalcanti,  Gesetze  aus  1895). 

Vgl.  auch  die  Übersicht  über  die  brasilianische  Gesetzgebung  im  Jahre  1895 
von  Rechtsanwalt  Dr.  Vergueiro  Steidel  in  Saö  Paulo  und:  Die  Gesetzgebung 
Brasiliens  seit  Begründung  der  Republik  von  Professor  Dr.  Monteiro  in  Saö  Paulo, 
beide  in  dem  Jahrbuch  der  Internationalen  Vereinigung  für  vergleichende  Rechts- 
wissenschaft und  Volkswirtschaftslehre  zu  Berlin,  Bd.  2  S.  169—189. 

g)  Verschiedenes.  Sammelwerke:  Colleccjäo  das  leis  da  Republica  dos 
Estados  Unidos  do  Brazil,  Rio  de  Janeiro,  Imprensa  Nacional;  Arestos  do  Supremo 
Tribunal  de  Justica,  herausgeg.  von  Candido  und  Fernando  Mendes  de  Almeida; 
Rio  de  Janeiro  1885.  —  Zeitschriften:  Revista  juridica;  Gazeta  juridica;  Revista 
Academica  da  Faculdade  de  Direito  do  Recife:  0  Direito,  Rio  de  Janeiro  (seit  1873): 
Revista  do  Instituto  da  Ordem  dos  advogados  Brasileiros;  Rio  de  Janeiro.  —  Die 
Gesetze  werden  seit  1890  in  der  amtlichen  Getzsammlung  „Diario  official"  publi- 
ziert (Verordnung  vom  12.  Juli  1890,  Annuaire  Bd.  20  S.  938). 

IL    Geschichtliches. 

1.  Brasilien  als  portugiesische  Kolonie.  In  der  ersten  Zeit  nach 
seiner  Entdeckung  durch  Cabral  im  Jahre  1500  wurde  Brasilien,  oder,  wie 
es  anfangs  hiess:  „Ilha  da  vera  Cruz",  von  den  Portugiesen  als  Deportations- 
ziel für  Verbrecher  und  durch  die  Inquisition  Verurteilte,  1548  auch  als  An- 
siedlungsort  für  die  aus  der  Heimat  verbannten  Juden  verwendet.  In  dem 
Streite  Spaniens  und  Portugals  über  die  Teilung  von  Südamerika  kam  es 
1549  durch  Schiedsspruch  des  Papstes  Alexander  VI.  an  Portugal,  später  (1580) 
mit  der  Krone  von  Portugal  unter  spanische  Herrschaft,  wo  es  bis  zur  Wieder- 
besteigung des  portugiesischen  Thrones  durch  das  Haus  Braganza  im  Jahre 
1640  verblieb.  Während  der  Besetzung  Lissabons  durch  die  Franzosen  (1808) 
verlegte  die  portugiesische  Regierung  ihren  Sitz  nach  Rio  de  Janeiro  und 
verlieh  Brasilien  den  Titel  eines  Königreichs.  Dieses  war  der  erste  Schritt 
zur  Trennung  vom  Mutterlande;  alle  späteren  Versuche,  Brasilien  wieder  auf 
den  Standpunkt  einer  von  Europa  aus  regierten  Kolonie  herabzudrücken, 
scheiterten  an  dem,  energischen  Widerstände  der  autonomistischen  Partei. 
Kurze  Zeit,  nachdem  König  Johann  VI.  nach  Europa  zurückgekehrt  war, 
wurde  am  7.  September  1822  die  Unabhängigkeit  des  Landes  proklamiert  und 
am  12.  Oktober  der  bisherige  Regent  als  Dom  Pedro  I.  zum  konstitutionellen 
Kaiser  von  Brasilien  erklärt. 

Bis  zu  diesen  Ereignissen  stand  Brasilien  unter  den  Gesetzen  des  Mutter- 
landes. Es  galten  also  wie  in  Portugal^)  die  bereits  unter  Johann  I.  vor- 
bereiteten, aber  erst  durch  Alphons  V.  abgeschlossenen  sogenannten  „Alphon- 
sinischen  Ordonnanzen"  von  1446  mit  ihren  späteren  Änderungen  und  Um- 
bildungen,   den   „Ordena^oes   Manuelinas"   von    1521    und   den    „Ordena90es 

*)  Vgl.  die  Darstellung  des  portugiesischen  Straf  rechts  von  Tavares  de  Medeiros 
in  Bd.  1  S.  5;^— 578. 


n.  Geschichtliehe».  173 


Filippinas"  von  1603,  deren  grausame  und  namentlich  den  humanen  An- 
schauungen des  ausgehenden  achtzehnten  Jahrhunderts  zuwiderlaufende  Be- 
stimmungen allerdings  durch  die  Gerichtspraxis  erheblich  gemildert  waren. 

2.  Brasilien  als  selbständiges  Kaiserreich.  —  Das  Strafgesetz- 
buch vom  16.  Dezember  1830  und  seine  Nebengesetze.  Bald  nach 
der  Lossagung  vom  Mutterlande  machte  sich  in  Brasilien  das  Verlangen  nach 
einer  umfassenden,  den  besonderen  Bedürfnissen  des  Landes  besser  ent- 
sprechenden eigenen  Gesetzgebung  geltend.  In  kurzer  Zeit  entwickelte  sich 
eine  lebhafte  Thätigkeit,  namentlich  auf  dem  Gebiete  des  Straf  rechts,  des  Straf - 
prozessrechts  und  der  Rechtsverhältnisse  der  Sklaven.  Als  Ergebnisse  sind 
eine  ganze  Reihe  von  Gesetzen  zu  nennen:  das  Strafgesetzbuch  (16.  Dezember 
1830),  die  Strafprozessordnung  (29.  November  1832,  mit  zahlreichen  späteren 
Änderungen  und  Zusätzen),  Gesetze  über  den  Missbrauch  des  Vereinsrechts, 
Waffentragen,  Landstreicherei,  Sklavenhandel  (1831),  Verfälschung  von  Münzen 
und  Papiergeld  (1833).  Indes  blieben  auch  von  den  früheren  Gesetzen  einige 
wichtige  in  Kraft,  so  die  provisorische  Verordnung  vom  20.  Juni  1796  über 
die  Disziplin  an  Bord  der  Kriegsschiffe  und  das  Strafgesetzbuch  (Artiguos  de 
guerra)  für  die  Marine  vom  26.  April  1800,  die  trotz  wiederholter  Versuche, 
sie  abzuschaffen,  erst  1890  aufgehoben  wurden^). 

Das  Strafgesetzbuch  vom  16.  Dezember  1830  enthält  313  Artikel 
und  zerfällt  in  vier  Bücher:  I.  Strafbare  Handlungen  und  Strafen;  II.  strafbare 
Handlungen  gegen  den  Staat;  III.  strafbare  Handlungen  gegen  die  Rechte 
der  Einzelnen;  IV.  Polizei  vergehen.  Das  Gesetz,  das  von  Our^m^)  als  eines 
der  hervorragendsten  der  damaligen  Zeit  gerühmt  wird,  beruht  im  wesent- 
lichen auf  dem  französischen  Recht  des  Code  pönal,  das  seines  sozusagen 
internationalen  Charakters  wegen  zur  Einführung  in  anderen  Ländern  be- 
sonders geeignet  war,  weist  aber  eine  Reihe  individueller  Züge  auf.  Vom 
Standpunkte  der  europäischen  Gesetzestechnik  kann  auch  diesem  Strafgesetz- 
buche, wie  den  meisten  südamerikanischen,  der  Vorwurf  grosscT  Weitschweifig- 
keit und  übermässiger  Kasuistik^)  nicht  erspart  werden.  Das  Gesetz  über- 
trifft in  dieser  Beziehung  wohl  alle  anderen,  und  zwar  hauptsächlich  infolge 
der  im  besonderen  Teile  angewandten,  ihm  eigentümlichen  Methode  der  Straf- 
androhung; sie  besteht  darin,  dass  bei  jedem  Delikt  im  einzelnen  angegeben 
wird,  welche  Strafe  zu  verhängen  ist,  wenn  es  vorsätzlich  begangen  ist,  wenn 
es  sich  um  Beihülfe  oder  Versuch  oder  Beihülfe  zum  Versuch  handelt,  wenn 
mildernde  oder  erschwerende  Umstände  vorliegen  u.  s.  w.  Für  jeden  einzelnen 
dieser  Fälle  sind  drei  verschiedene  Strafgrade  vorgesehen.  Die  Folgen  dieses 
Verfahrens  lassen  sich  z.  B.  an  Art.  106  (Widerstand  oder  Drohungen  gegen 
eine  Gemeindebehörde)  erläutern:  die  Aufzählung  der  möglicherweise  vor- 
kommenden Strafmasse  umfasst  (in  der  Ausgabe  von  Tinöco)  nicht  weniger 
als  88  Zeilen.  Andererseits  enthält  der  allgemeine  Teil  zahlreiche  gute  und 
praktisch  brauchbare  Bestimmungen,  in  denen  vielfache  Abweichungen  von 
dem  französischen  Recht  enthalten  sind.  Die  Dreiteilung  der  Strafthaten  ist 
aufgegeben  und  durch  die  Einteilung  in  „crimes"  (umfassend  Verbrechen  und 
Vergehen)  und  „crimes  policiaes"  (Polizeiübertretungen)  ersetzt.  Die  Straf- 
mündigkeit  beginnt    mit    dem   vollendeten    vierzehnten   Lebensjahre;    jüngere 


')  Siehe  hierüber  Annuaire  de  K^gisl.  ^tranffere  Bd.  13  S.  892  und  893,  Bd.  20  S.  904. 

')  Im  Annuaire  de  leffislation  ^trangfere  Bd.  20  S.  922. 

')  Vgl.  z.  B.  die  von  den  erschwerenden  und  mildernden  Umständen  handelnden 
Artt.  15—18  und  dazu:  portugiesisches  Strafgesetzbuch  vom  14.  Juni  1884,  Artt.  30—49 
(Tavares  de  Medeiros  in  Bd.  1  S.  542),  peruanisches  Strafgesetzbuch  vom  1.  Oktober 
1862,  Artt.  8 — 10  (Crusen  oben  S.  62  und  63),  spanisches  Strafgesetzbuch  vom  1.  Januar 
1871,  Artt.  8—10  (Rosenfeld  in  Bd.  1  S.  508). 


174  Brasilien.  —  IL  Geschichtliches. 


Übelthäter  können,  wenn  ihnen  die  Kenntnis  der  Unerlaubtheit  ihrer  Hand- 
lungsweise nachgewiesen  wird,  in  eine  Erziehungsanstalt  geschickt  werden; 
die  Dauer  der  Unterbringung  wird  vom  Gerichte  bestimmt,  aber  durch 
die  Vollendung  des  siebzehnten  Lebensjahres  begrenzt  (Art.  13).  Wer  wegen 
Geisteskrankheit  freigesprochen  ist,  wird  entweder  seiner  Familie  oder  einer 
Anstalt  zur  Pflege  überwiesen  (Art.  12j.  Die  Entschädigung  des  Opfers  einer 
strafbaren  Handlung  ist  in  den  Artt.  21 — 32  sachgemäss  geregelt.  Das  Strafen- 
system (Artt.  33 — 60)  ist  einfach  und  übersichtlich;  unter  den  Strafen  findet 
sich  auch  die  durch  den  Strang  zu  vollziehende  Todesstrafe;  schwerste  Frei- 
heitsstrafe ist  die  ,,pena  de  gales",  bestehend  in  Zwangsarbeit  in  Eisen  unter 
Ankettung  mehrerer  Gefangener  an  einander  (Art.  44).  Prügelstrafe  (aQoites) 
kann  in  einigen  Fällen,  jedoch  nur  gegen  Sklaven,  verhängt  werden  (Art.  60). 
Die  rechtskräftig  erkannte  Strafe  unterliegt  nicht  der  Verjährung  (Art.  65). 
Die  Thatsache,  dass  bei  der  Begehung  eines  Delikts  mehrere  Personen  mit- 
gewirkt haben,  bildet  für  sich  allein  schon  einen  Strafschärfungsgrund 
(Art.  16  §  17). 

Dass  die  Vorschriften  des  allgemeinen  Teils  den  Bedürfnissen  des  Landes 
im  wesentlichen  entsprachen,  ergiebt  sich  daraus,  dass  sie  während  einer 
sechsjährigen  Geltungsdauer  nur  geringe  Änderungen  erfuhren.  Dagegen 
wurde  der  besondere  Teil  in  zahlreichen  Punkten,  und  zwar  zum  Teil  schon 
kurz  nach  dem  Inkrafttreten  des  Gesetzes,  modifiziert.  Die  teils  seiner  Er- 
gänzung, teils  seiner  Verbesserung  dienenden  Gesetze  betreffen  u.  a.  folgende 
Materien :  Missbrauch  des  Versammlungsrechts,  Waffentragen,  unbefugtes  Tragen 
von  Abzeichen,  Landstreicherei,  Sklavenhandel  (1831);  Anfertigung  falscher 
Münzen  und  falschen  Papiergeldes  (1833);  strafbare  Handlungen  gegen  Pflanzer 
und  deren  Aufseher  (1835);  Bankerutt  und  Sklavenhandel  flSSO);  strafbare 
Handlungen  in  Bezug  auf  Militärdienst,  Gesundheitspolizei,  Eisenbahnen  und 
Telegraphen  (1851),  Lotterien  (1860),  Trunksucht,  fahrlässige  Tötung  und 
Körperverletzung  (1871),  im  Auslände  begangene  strafbare  Handlungen,  Nach- 
ahmungen von  Fabrik-  und  Handelsmarken  (1875),  Erfindungspatente,  Aktien- 
gesellschaften (1882),  Abschaffung  der  Prügelstrafe,  Sachbeschädigung,  Brand- 
stiftung und  ähnliche  Delikte  (1886),  unterseeische  Kabel  (1888). 

Zahlreiche  Wünsche  nach  Refonnen  auf  anderen  Gebieten,  wie  dem 
Marinestrafrecht,  und  nach  Abschaffung  der  Todesstrafe  blieben  zur  Zeit 
der  Monarchie  unerfüllt.  Am  15.  November  1889  erlag  das  seit  langer 
Zeit  wankende,  unter  den  Republiken  des  Kontinents  völlig  isolierte  Kaiser: 
tum  der  Abneigung  der  Bevölkeining  gegen  die  monarchische  Staatsform 
und  durch  die  Verfassung  vom  24.  Februar  1891  erhielt  Brasilien  end- 
gültig die  Form  eines  Bundesstaates  mit  weitgehender  Selbständigkeit  der  zu 
Staaten  umgewandelten  ehemaligen  Provinzen.  Schon  in  den  letzten  Jahren 
der  Monarchie,  namentlich  aber  infolge  der  Abschaffung  der  Sklaverei  im 
Jahre  1888,  war  die  Notwendigkeit  einer  gründlichen  Durchsicht  und  Kodi- 
fikation der  gesamten  Strafgesetzgebung  fühlbar  geworden  ^) ;  nun  konnte  sie 
zur  That  werden.  Um  die  Arbeit  zu  erleichtem  und  zu  beschleunigen, 
arbeitete  Dr.  J.Vieira  de  Araüjo,  Professor  des  Straf  rechts  an  der  juristischen 
Fakultät  zu  Recife  (Pernambuco)  einen  „Vorentwurf  einer  neuen  amtlichen 
Ausgabe  des  Strafgesetzbuches"  aus  und  überreichte  ihn  der  provisorischen 
Regierung.  Diese  überwies  ihn  am  22.  Juli  1889  zur  Prüfung  an  eine  Kom- 
mission von  drei  Mitgliedern,  die  zwar  den  grossen  Wert  der  Arbeit  anerkannte, 
ihre  Ansicht  aber  dahin  aussprach,  dass  nicht  nur  eine  einfache  Revision, 
sondern  eine  völlige  Neuschaffung  der  Strafgesetzgebung  erforderlich  sei,  um 


*)  Vgl.  Aniiuaire  de  legislation  etrangfere  Bd.  IH  S.  1026. 


in.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890.   a)  Übersicht  und  Grundzüge.     175 


dieses  Gebiet  der  Gesetzgebung  mit  den  veränderten  Verhältnissen  des  Landes 
in  Einklang  zu  bringen.  Mit  der  Lösung  dieser  Aufgabe  wurde  von  der 
provisorischen  Regierung  der  Advokat  Baptista  Pereira  betraut,  dessen 
Entwurf  als  „Codigo  penal  dos  Estados  Unidos  do  Brazil"  am  11.  Oktober 
1890  Gesetzeskraft  erhielt.^)  Der  Zeitpunkt  des  Inkrafttretens  wurde  durch 
Verordnung  vom  6.  Dezember  1890  bestimmt;  er  ist  verschieden,  je  nach  der 
grösseren  oder  geringeren  Entfernung  der  Bezirke  von  der  Bundeshauptstadt.*) 


IIL  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890. 

a)  Übersioht  und  Grundzüge. 

a)  Übersicht  und  Grundzüge.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober 
1890  enthält  412  Artikel  und  zerfällt  in  vier  Bücher  mit  folgendem  Inhalt: 
I.  Strafbare  Handlungen  und  Strafen;  II.  Vergehen;  III.  Übertretungen; 
IV.  allgemeine  Bestimmungen.  Die  allgemeinen  Grundsätze  sind  zum  grössten 
Teile  im  ersten,  zum  kleineren  im  letzten  Buche  untergebracht,  das  ausserdem 
Übergangs-  und  Ausftihrungsvorschriften  enthält. 

Das  Gesetz  hat  sich  von  der  geschichtlichen  Grundlage  des  brasilianischen 
Strafrechts,  wie  sie  in  dem  Kriminalgesetzbuch  von  1830  verkörpert  war, 
keineswegs  völlig  losgesagt,  schliesst  sich  aber  in  der  Einteilung  des  Stoffes 
eng  an  das  italienische  Strafgesetzbuch  von  1889  an.  Gewisse  Unebenheiten 
in  der  Zusammenfassung  der  Delikte  in  Gruppen  erklären  sich  leicht  aus  der 
Schnelligkeit,  mit  der  das  Gesetz  entstanden  ist.  Im  übrigen  aber  enthält  es, 
wie  Our6m  mit  Recht  hervorhebt,  wichtige  Fortschritte  und  entspricht  in 
vieler  Beziehung  den  Anforderungen,  welche  die  Gegenwart  an  ein  Straf- 
gesetzbuch stellen  darf.  Die  Fassung  ist  klar,  präzise  und  erreicht  gerade 
bei  der  Definition  wichtiger  Delikte  zuweilen  eine  bemerkenswerte  Schärfe. 
Zwar  finden  sich  hier  und  da  Bestimmungen,  die  auf  einen  viel  geringeren 
Raum  hätten  zusammengedrängt  werden  können,  so  bei  der  Aufzählung  der 
straferhöhenden  und  mildernden  Umstände.  Indes  fällt  ein  Vergleich,  beispiels- 
weise mit  dem  portugiesischen  Straf ges(»tzbuche  von  1866  (Artt.  34  und  39; 
vgl.  Bd.  1  S.  541,  o42j,  das  nicht  weniger  als  34  erschwerende  und  23  mil- 
dernde Umstände  kennt,  zu  Gunsten  des  brasilianischen  Gesetzgebers  aus, 
dem  man  das  Lob  nicht  vorenthalten  dari,  dass  er  sich  durch  die  Einschränkung 
der  sonst  in  den  südamerikanischen  Ländern  üblichen,  für  europäische  Begriffe 
völlig  unerträglichen  Kasuistik  ein  grosses  Verdienst  um  die  Rechtswissen- 
schaft seines  Vaterlandes  erworben  hat.  Besonders  wichtig  ist  es,  dass  die 
oben  geschilderte  Methode  der  alle  einzelnen  Gestaltungen  der  Strafthat  im 
voraus  berücksichtigenden  Strafandrohungen,  wie  sie  im  Strafgesetzbuche  von 
1830  angewendet  war,  vollständig  verlassen  ist.  Die  Ordnung  des  Strafen- 
systems lässt  das  Bestreben  erkennen,  unter  Beseitigung  des  herkömmlichen 
Unterschiedes  zwischcni  entehrenden  und  nichtentehrenden  Freiheitsstrafen 
(Zuchthaus  —  Gefängnis),  alle  Strafthaten  im  allgemeinen  mit  ein  und  der- 
selben Strafe,  dem  „prisäo  cellular"^),  d.  h.  Einsperrung  mit  Arbeitszwang  und 
teilweiser  Einzelhaft,  zu  belegen  und  andere  Strafmittel  nur  dann  zu  ver- 
wenden, wenn  die  Androhung  dieser  regelmässigen  Strafe  aus  besonderen 
Gründen  nicht  angezeigt  erscheint.     Andrerseits  sind,   und  hier  dürften  wohl 


*)  Annuaire  de  legiälation  etrangere  Bd.  19  S.  1012. 
*)  Annuaire  de  legislation  etrangere  Bd.  20  S.  922. 

')  Zur  Abkürzung  und  zur  Unterscheidung  des  „prisäo  cellular"  von  den  beiden 
anderen  Arten  des  prisÄo  ist  diese  Strafe  im  folgenden  stets  als  Zuchthaus  bezeichnet. 


176  Brasilien.  —  III.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890. 


die  Bestrebungen  der  „Internationalen  Kriminalistischen  Vereinigung"  nicht 
ohne  Einfluss  gewesen  sein,  die  kurzzeitigen  Freiheitsstrafen  aus  dem  System 
des  Gesetzes  nahezu  vollständig  verschwunden.  Strafen  von  geringerer  als 
einmonatiger  Dauer  kommen,  selbst  bei  den  Übertretungen,  nur  vereinzelt 
vor;  wohl  aber  kehrt  das  Mindestmass  von  einem  Jahre  häufig  wieder.  Über 
den  praktischen  Erfolg  dieser  Vorschriften  liegen  Mitteilungen  nicht  vor;  die 
Ergebnisse  dürfen  auf  allgemeine  Beachtung  umsomehr  Anspruch  machen,  als 
der  Gesetzgeber  es  nicht  für  erforderlich  gehalten  hat,  die  Strenge  seiner 
Strafandrohungen  durch  Zulassung  der  bedingten  Verurteilung  zu  mildem. 
In  der  Behandlung  der  Geldstrafe  ist  ein  Fortschritt  nicht  zu  verzeichnen; 
bedauerlich  ist  namentlich  die  in  zahlreichen  Fällen  erfolgte  Beschränkung  ihres 
Höchstmasses  auf  20  Prozent  des  durch  die  That  verursachten  Schadens. 

b)   Der  allgemeine  TeiL 

Die  allgemeinen  Grundsätze  des  Strafrechts  sind  teilweise  im  Prinzip 
schon  durch  die  Bundesverfassung  vom  24.  Februar  1891  festgestellt  und  von 
dort  ohne  Veränderungen  in  das  Strafgesetzbuch  übernommen.  Hier  sind  sie, 
abgesehen  von  den  Artt.  405 — 409  des  vierten  Buches  im  ersten  Buche  des 
Gesetzes  enthalten,  das  unter  der  Überschrift  „Dos  crimes  e  das  penas"  in 
sechs  Titeln  die  Artt.  1 — 86  umfasst,  und  dessen  Anordnung  im  Folgenden  der 
Hauptsache  nach  beibehalten  ist. 

I.  Anwendung  und  Wirkung  des  Strafgesetzes  (Titel  I.  Da  appli- 
ca9äo  e  dos  effeitos  da  lei  penal,  Artt.  1 — 6).  In  Übereinstimmung  mit  Art.  72 
der  Staatsverfassung  stellt  das  Gesetz  an  seine  Spitze  den  Grundsatz:  nuUum 
crimen,  nulla  poena  sine  lege  poenali;  infolgedessen  wird  auch  die  ausdehnende 
Anwendung  des  Strafgesetzes  auf  analoge,  aber  nicht  ausdrücklich  mit  Strafe 
bedrohte  Fälle  für  unzulässig  erklärt  (Art.  1).  Die  Verurteilung  eines  An- 
geschuldigten darf  nur  bei  nachgewiesener  Schuld,  niemals  auf  Grund  von 
Vermutungen  erfolgen  (Art.  67).  Rückwirkende  Kraft  kann  das  Strafgesetz 
nur  zu  Gunsten  des  Angeklagten  äussern  (Art.  3).  Bezüglich  des  internationalen 
Strafrechts  steht  das  Gesetz  auf  dem  Standpunkte  des  Territorialitätsprinzips 
und  erklärt  sich  daher  in  Art.  4  für  anwendbar  gegen  alle  Personen  ohne 
Unterschied  der  Staatsangehörigkeit,  die  auf  brasilianischem  Gebiete  (wozu  auch 
brasilianische  Kriegsschiffe  in  fremden  Häfen,  fremde  Schiffe  in  brasilianischen 
Häfen  und  brasilianische  Schiffe  jeder  Art  auf  hoher  See  gehören)  eine  straf- 
bare Handlung  begehen.  Ausserdem  aber  unterliegen  der  Bestrafung  nach 
brasilianischem  Recht  gewisse,  von  einem  Brasilianer  oder  Ausländer  im  Auslande 
begangene  Delikte  (gegen  die  Unabhängigkeit,  die  Unversehrtheit,  die  Ver- 
fassung und  die  Regierungsform  der  Republik,  femer  Falschmünzerei,  an  der 
Grenze  verübter  und  im  Begehungslande  nicht  abgeurteilter  Mord  und  Raub), 
sofern  der  Thäter  demnächst  das  brasilianische  Gebiet  betritt.  Abweichende 
Bestimmungen   der  Auslieferungsverträge  bleiben  jedoch  unberührt^)   (Art.  5). 

Das  Gesetz  findet  keine  Anwendung  auf  Handlungen,  welche  der  Präsident 
der  Republik  in  Ausübung  seiner  Funktionen  begeht  2),  auf  rein  militärische 
Delikte  (was  hierunter  zu  verstehen  ist,  crgiebt  sich  aus  den  Gesetzen  No.  359 
vom  20.  Oktober  1824  und  Xo.  631  vom  18.  September  1851;  strafbare  Hand- 


*)  Brasilien  hat  Auslieferungsverträge  u.  a.  abgeschlossen  mit  England  (13.  No- 
vember 1872,  dazu  Deklaration  vom  19.  Februar  1887),  Deutschland  (17.  September 
1877),  Belgien  (12.  Dezember  1877),  den  Niederlanden  (1.  Juni  1881),  Österreich-Ungarn 
(31.  Mai  1883). 

^)  Über  die  strafrechtliche  Verantwortlichkeit  des  Präsidenten  für  diese  Hand- 
lungen ist  unter  dem  8.  Januar  1892  ein  besonderes  Gesetz  ergangen;  vgl.  unten  S.  193. 


b)  Der  allgemeine  Teil.  177 


langen  von  Militärpersonen ,  die  weder  in  den  Kriegsartikeln  noch  in  den 
Militärverordnungen  mit  Strafe  bedroht  sind,  werden  nach  dem  Civilstrafgesetz- 
buche  bestraft;  d'Alencastro  Autran,  Anm.  9  zu  Art.  6),  endlich  auf  die  in 
den  Polizei-  und  Finanzgesetzen  der  einzelnen  Bundesstaaten  mit  Strafe  be- 
drohten Handlungen  (Art.  6).  Die  Aufrcchterhaltung  der  auf  diese  letzteren 
bezüglichen  Bestimmungen  ist  übrigens  auch  noch  in  Art.  410  ausgesprochen, 
wahrend  Art.  412  alle  dem  Strafgesetzbuche  zuwiderlaufenden  Gesetze  für 
aufgehoben  erklärt.^) 

II.  Verbrechen  und  Verbrecher  (Titel  IL  Dos  crimes  e  dos  criminosos, 
Artt.  7 — 23).  Sowohl  in  einer  Handlung  (ac9ao),  wie  in  einer  Unterlassung 
(omissHo)  kann  eine  Verletzung  des  Strafgesetzes  liegen  (Art.  2). 

1.  Nach  ihrer  Schwere  unterscheidet  das  Gesetz  die  Delikte  in  Ver- 
gehen (crimes),  d.  h.  zurechenbare  schuldhafte  Verletzungen  des  Strafgesetzes, 
und  Übertretungen  (contra ven9Öes) :  die  willentlichen,  nur  in  der  Verletzung 
oder  Ausserachtlassung  von  Ordnungsvorschriften  bestehenden  Gesetzesver- 
letzungen (Art.  7.  Crime  6  a  violagäo  imputavel  e  culposa  da  lei  penal. 
Art.  8.  Contraven^ao  6  o  facto  voluntario  punivel  que  consiste  unicamente 
na  violagao,  ou  na  falta  de  observancia  das  disposi^öes  preventivas  das  leis  e 
dos  rogul  amen  tos).  Nach  den  Bestimmungen  des  besonderen  Teiles  muss  an- 
genommen werden,  dass  fahrlässige  (d.  h.  auf  imprudencia,  impericia  oder 
inobservancia  zurückzuführende)  Handlungen  nur  dann  bestraft  werden,  wenn 
das  Gesetz  dieses  ausdrücklich  vorschreibt.^) 

2.  Nach  dem  Grade  der  Verwirklichung  des  verbrecherischen 
Entschlusses  unterscheidet  das  Gesetz  die  Strafthaten  in  vollendete  und 
versuchte.  Ein  vollendetes  Delikt  (crime  consummado,  Art.  12)  liegt  vor, 
wenn  seine  sämtlichen  gesetzlichen  Thatbestandsmerkmale  gegeben  sind; 
namentlich  muss  also,  wenn  hierzu  der  Eintritt  eines  bestimmten  Erfolges 
gehört,  auch  dieser  vorliegen  (Art.  11).  Die  Strafbarkeit  des  Versuchs 
(tentativa,  Art.  13)  hängt  davon  ab,  dass  in  der  Absicht,  eine  Strafthat  zu 
veinlben,  äussere  Handlungen  vorgenommen  sind,  die  vermöge  ihrer  direkten 
Beziehung  zur  That  einen  Anfang  ihrer  Ausführung  enthalten,  und  dass  diese 
letztere  lediglich  aus  Gininden,  die  von  dem  Willen  des  Thäters  unabhängig 
sind,  unterblieben  ist.  Als  derartige  von  dem  Willen  des  Thäters  unabhängige 
Umstände  werden  immer  angesehen:  die  auf  Irrtum  oder  Unüberlegtheit  be- 
ruhende Verwendung  oder  die  ungeschickte  Benutzung  an  sich  tauglicher 
Mittel  (o  emprego  errado  ou  irreflectido  de  meios  julgados  aptos  para  a  con- 
secu^ao  do  fim  criminoso  ou  ö  mao  emprego  desses  meios);  bei  völliger  Un- 
tauglichkeit  des  angewandten  Mittels  sowie  bei  absoluter  UneiTeichbarkeit  des 
dem  Thäter  vorschwebenden  Ziels  bleibt  der  Versuch  straflos  (Art.  14).  Aus 
diesen  positiven  Vorschriften  ergiebt  sich,  dass  der  Versuch,  ein  nur  in  con- 
creto unerreichbares  Resultat  herbeizuführen,  sowie  der  zur  Erlangung  eines 
an  sich  möglichen  Resultats,  aber  mit  ungenügenden  Mitteln  unternommene 
Versuch  strafbar  ist.  Da  der  Versuch  nur  unter  der  Voraussetzung  bestraft 
wird,  dass  die  vollständige  Ausführung  des  Vorhabens  infolge  von  Umständen, 
die  von  dem  Willen  des  Thäters  unabhängig  waren,  unterblieben  ist,  so  bleibt 
er  als  solcher  straflos,  wenn  der  Thäter  von  der  Ausführung  seines  Vorhabens 
freiwillig  zurücktritt.  Indes  kann  die  Bestrafung  aus  einem  anderen  recht- 
lichen Gesichtspunkte  erfolgen,  wenn  nämlich  die  vorgenommenen  Handlungen 


*)  Wegen  der  Einzelheiten  vgl.  unten  S.  191. 

')  Man  vgl.  z.  B.  Art.  148  (fahrlässige  Begehung  gewisser  gemeingefährlicher  De- 
likte), Art.  151  (fahrläsBige  Herbeiführung  eines  Eisenbahnunglücks),  Art.  153  §  1  (fahr- 
lässige Beschädigung  von  Telegraphenanlagen). 

Strafgesetzgebung  der  Gegenwart.    II.  X2 


178  Brasilien.  —  III.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890. 


den  Thatbestand  eines  besonderen  Delikts  darstellen  (Art.  15);  dasselbe  gilt 
von  blossen  Vorbereitungshandlungen  (actos  exteriores,  que  näo  constituirein 
come90  de  execu9äo,  Art.  10).  Der  Versuch  einer  Übertretung  und  eines  mit 
höchstens  einmonatigem  Arbeitshaus  bedrohten  Vergehens  wird  ausdrücklich 
für  straffrei  erklärt  (Art.  16). 

3.  Die  an  einer  Strafthat  möglicherweise  beteiligten  Personen 
sind:  Thäter  und  Gehülfen  (Art.  17).  Der  besondere  Begriff  des  „encubridor" 
(Begünstiger  und  Hehler),  der  in  den  meisten  südamerikanischen  Strafgesetz- 
büchern vorkommt,  ist  dem  geltenden  brasilianischen  Recht  unbekannt.  Als 
Thäter  (autor)  gilt  ausser  demjenigen,  der  die  That  allein  ausgeführt  hat, 
und  den  Mitthätern  auch  der  Anstifter  und  derjenige  Gehülfe,  ohne  dessen 
Beistand  die  That  nicht  ausgeführt  worden  wäre  (Art.  18).  Wer  einen  anderen 
zur  Begehung  einer  strafbaren  Handlung  bestimmt,  haftet,  auch  wenn  jener 
seinen  Auftrag  überschritten  hat,  für  die  von  diesem  begangene  That  als  Ur- 
heber, falls  er  sich  nicht  rechtzeitig  von  ihm  losgesagt  hat  (Art.  19  und  20). 
Als  Gehülfe  (complice)  gilt  auch  der  Begünstiger  und  Hehler  (Art.  21). 

4.  Bei  Prossdelikten  ^)  gelten  über  Thäterscliaft  und  Teilnahme  be- 
sondere Vorschriften;  es  haften  solidarisch:  der  Verfasser,  Drucker,  Verleger, 
unter  gewissen  Voraussetzungen  auch  der  Verkäufer  und  Verbreiter.  Der  Ge- 
schädigte kann  wählen,  gegen  welche  dieser  Personen  er  klagbar  werden 
wül  (Artt.  22,  23). 

III.  Strafrechtliche  Verantwortlichkeit;  Straf ausschliessungs- 
und  Rechtfertigungsgründe  (Titel  III.  Da  responsabilidade  criminal; 
das  causas  que  derimen  a  criminalidade  e  justificam  os  crimes,  Art  24 — 35). 
Dem  Gesetze  zuwiderlaufende  Handlungen  oder  Unterlassungen,  welche  weder 
in  strafbarer  Absicht  (inten^äo  criminosa '-) )  begangen  noch  die  Folge  von 
Nachlässigkeit,  Unvorsichtigkeit  oder  Unerfahrenheit  (negligencia,  imprudencia 
ou  impericia)  sind,  werden  nicht  bestraft  (Art.  24  und  in  sachlicher  Über- 
einstinmiung  hieimit  Art.  27  §  6).  Die  sti-afrechtliche  Verantwortlichkeit  ist 
rein  persönlich  und  geht  nicht  von  dem  eigentlich  Schuldigen  auf  andere  über; 
die  Verantwortlichkeit  der  juristischen  Personen  und  der  Personen-Vereine 
wird  ausdrücklich  verneint  durch  die  Bestimmung,  dass  bei  strafbaren  Hand- 
lungen, an  denen  Mitglieder  von  Korporationen,  Vereinen  oder  Gesellschaften 
teilgenommen  haben,  nur  die  eigentlichen  Schuldigen  zur  Rechenschaft  gezogen 
werden  sollen  ^j  (Art.  25).  —  Der  Irrtum  des  Thäters  über  das  sachliche  oder 
persönliche  Ziel  des  rechtswidrigen  Angriffes,  die  Unkenntnis  des  Strafgesetzes 
und  die  Einwilligung  des  Verletzten  (diese  jedoch  mit  Ausnahme  der  aus- 
schliesslich im  Wege  der  Piivatklage  verfolgbaren  Handlungen)  sclüiessen  die 
verbrecherische  Absicht  und  damit  die  Bestrafung  nicht  aus  (Art.  26).  Der 
Wegfall  der  Strafbarkeit  einer  Handlung  bringt  nicht  ohne  weiteres  die  Be- 
freiung von  der  civürechtlichen  Haftung  für  die  civilrechtlichen  Folgen  der 
That  mit  sich  (Art.  31). 

Die  Zurechenbarkeit  der  That  ist  ausgeschlossen,  wenn  der  Thäter 
infolge   unwiderstehlichen   physischen  Zwanges,    unter    dem  Drucke   einer   vis 


*)  Genauer:  Delikten,  welche  in  dem  Missbrauch  der  Freiheit  des  Gedanken- 
austausches bestehen ;  auch  die  Mitteilung  ungedruckter  Schriften  an  mehr  als  15  Per- 
sonen gehört  hierher. 

*)  Von  der  „inten^äo  criminosa"  wird  in  Art.  ;39  §  2  die  „premedita^ao"  unter- 
schieden, die  vorliegt,  wenn  zwisclien  dem  Entschlüsse  zur  That  und  der  Ausführung 
mindestens  24  Stunden  liegen. 

'')  Allerdings  widerspricht  diesem  Grundsatze  Art.  103,  indem  er  die  Auflösung 
der  Korporation  anordnet,  „si  este  crime  (nämlich  die  Anerkennung  eines  ausländischen 
Oberen  durch  <'inen  hrasilianischtMi  Staatsangehörigen)  för  commettido  por  corpora^äo**. 


b)  Der  allgemeine  Teil.  179 


absoluta,  handelte  (Art.  27  S.  5).  Die  Fälle  der  Unzurechnungsfähigkeit 
werden  in  Aitt.  27 — 30  des  Gesetzes  behandelt.  1.  Das  Alter  der  absoluten 
Strafunmündigkeit  geht  bis  zum  vollendeten  neunten,  das  der  bedingten  Straf- 
unmündigkeit vom  vollendeten  neunten  bis  zum  vollendeten  vierzehnten  Lebens- 
jahre; das  Alter  zwischen  9  und  21  Jahren  bildet  einen  mildernden  Umstand 
(Art.  42  §  11).  Jugendliche  zwischen  9  und  14  Jahren  können,  wenn  sie  im 
Besitze  des  Unterscheidungsvermögeiis  waren,  für  eine  vom  Richter  zu  be- 
stimmende Zeit,  jedoch  nicht  über  das  vollendete  siebzehnte  Lebensjahr  hinaus, 
in  besondere  Erziehungsanstalten,  „estabelecimentos  disciplinares  industriaes", 
untergebracht  werden  (Art.  30).  —  2.  Bei  den  krankhaften  Geisteszu- 
ständen unterscheidet  das  Gesetz:  angeborenen  Schwachsinn  und  greisenhafte 
Entartung,  welche  die  Zurechnungsfähigkeit  vollständig  aufheben,  vollständige 
Beraubung  des  Gebrauches  der  Sinne  und  der  Intelligenz  bei  Begehung  der 
That,  endlich  angeborene  Taubstummheit;  im  letzteren  Falle  wird  jedoch  ge- 
straft, wenn  der  Taubstumme  das  Unterscheidungsvermögen  besass.  Wer 
seines  geistigen  Zustandes  wegen  nicht  bestraft  werden  kann,  wird  seinen 
Angehörigen  überwiesen  oder,  wenn  es  im  Interesse  der  Sicherheit  [des 
Publikums  erforderlich  ist,  in  eine  IiTenanstalt  gebracht  (Art.  29). 

Die  Strafbarkeit  der  Handlung  wird  ausgesclilossen  durch  bindenden 
Befehl  eines  rechtmässigen  Vorgesetzten,  den  zu  befolgen  der  Handelnde  ge- 
setzlich verpflichtet  ist,  vorausgesetzt,  dass  dieser  den  Befehl  weder  durch  die 
That  selbst  noch  durch   die  Art  ihrer  Ausführung  überschritten  hat  (Art.  28). 

Nicht  nur  die  Strafbarkeit,  sondern  auch  die  Rechtswidrigkeit  der 
Handlung  entfällt,  wenn  sie  begangen  ist  infolge  von  Drohungen,  im  Notstande 
oder  in  der  Notwehr.  1.  Drohungen  (ameaQas)  heben  die  Rechtswidrigkeit 
nur  dann  auf,  wenn  sie  mit  gegenwärtiger  Gefahr  verbunden  sind  (acom- 
panhados  de  perigo  actual,  Art.  27  S.  5);  das  Gesetz  sagt  nicht,  ob  nur  die 
dem  Thäter  selbst,  oder  ob  auch  die  einem  Dritten  di'ohende  Gefahr  berück- 
sichtigt wird.  Die  Schwere  der  begangenen  Straf  that  mrd  nicht  berücksichtigt; 
auch  bei  Mord,  Notzucht  u.  s.  w.  hat  demnach  Straflosigkeit  einzutreten.  — 
2.  Als  im  Notstände^)  begangen  gilt  die  zur  Veimeidung  eines  grösseren 
Übels  zugefügte  Rechtsverletzung  unter  der  Voraussetzung,  dass  a)  das  zu 
vermeidende  Übel  sicher  zu  erwarten  war  (certeza  do  mal  que  se  propoz 
evitar),  dass  femer  b)  ein  anderes  weniger  schädliches  Mittel  zur  Abwehr 
nicht  zu  Gebote  stand,  und  endlich,  dass  c)  von  dem  angewandten  Mittel  ein 
Erfolg  mit  Wahrscheinlichkeit  zu  erwarten  war.  Im  Urteil  muss  das  Vor- 
handensein aller  dieser  Umstände  ausdrücklich  festgestellt  werden.  2)  Dass 
der  Notstand  den  Thäter  nur  dann  von  Strafe  befreit,  wenn  dieser  sich  selbst 
vor  einem  Nachteil  schützen  wollte,  folgt  mittelbar  daraus,  dass  in  der  Definition 
der  Notwehr  den  Worten  „defesa  legitima  propria"  der  Zusatz  „ou  de  outrem" 
ausdrücklich  hinzugefügt  ist.  —  3.  Notwehr  (defesa  legitima,  Art.  32  §  2)  ist 
diejenige  Verteidigung,  welche  erforderlich  ist,  um  von  sich  oder  einem  anderen 
einen  Angriff  abzuwenden,  vorausgesetzt,  dass  a)  der  Angriff  gegenwärtig  und 
b)  nicht  von  dem  Angegriffenen  provoziert  war,  dass  ferner  c)  die  Erlangung 
anderweiter  Hülfe,  insbesondere  durch  Anrufung  der  Obrigkeit,  unm()glich  und 
d)  die  angewandte  Verteidigung  sachgemäss  war  und  in  richtigem  Verhältnis 
zu  dem  Angriffe    stand;    das  Gesetz   verlangt    „emprego    de  meios   adequados 


^)  Ein  dem  deutschen  Worte  „Notstand"  oder  dein  französischen  „etat  de  neeessitt^*' 
entsprechendes  Hauptwort  ist  der  portugiesischen  Sprache,  oder  doch  jedenfalls  dem 
brasilianischen  Strafgesetzbuche  fremd,  sodass  es  IJiiischreibungen  anwenden  muss; 
vgl.  Art.  32  §  1. 

*)  Autran,  Codigo  penal  Anm.  24a  zu  Art.  ?5.*J. 

12* 


180  Brasilien.  —  III.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890. 


para  evitar  o  mal  e  em  propor9äo  da  aggressao"  (Art.  34).  Auf  die  Natur 
desjenigen  Rechtsgutes,  dessen  Verletzung  durch  die  Notwehrhandlung  ver- 
hindert oder  zurückgewiesen  werden  soll,  kommt  es  nicht  an;  das  Gesetz 
sagt  ausdrücklich  in  Art.  32  §  2:  „A  legitima  defesa  näo  6  limitada  unicamente 
ä  protecQ^o  da  vida;  ella  comprehende  todos  os  direitos  que  poderem  ser 
lesados".  Der  Angriff  auf  jedes,  auch  auf  das  geringfügigste  Rechtsgut,  kann 
daher  unter  Umständen  straflos  zurückgewiesen  werden.  In  gewissen  Fällen, 
nämlich  bei  Abwehr  nächtlichen  Einbruches  und  bei  Widerstand  gegen  un- 
gesetzliche Anordnungen,  wird  das  Vorhandensein  der  Notwehr  präsumiert 
(Art.  35).  1) 

IV.  Erschwerende  und  mildernde  Umstände  (Titel  IV.  Das  cir- 
cumstancias  aggravantes  e  attenuantes,  Artt.  36 — 42).  Mildernde  Umstände 
bewirken  Ermässigung,  erschwerende  die  Erhöhung  der  Regelstrafe  (Art.  36), 
letztere  jedoch  nur,  sofern  sie  nicht  zum  gesetzlichen  Thatbestande  des  Delikts 
gehören  (Art.  37).  Der  Fall  des  Zusammentreffens  beider  Arten  ist  in  Art.  38, 
wie  überhaupt  die  ganze  Materie,  sehr  kasuistisch  geregelt.  Aus  den  er- 
schwerenden Umständen,  von  denen  das  Gesetz  nicht  weniger  als  22  kennt, 
sind  hervorzuheben:  Begehung  zur  Nachtzeit,  mit  besonders  gefährlichen  Mitteln, 
infolge  einer  erhaltenen  oder  versprochenen  Belohnung,  in  der  vom  Thäter 
zu  diesem  Zwecke  betretenen  Wohnung  des  Opfers  oder  an  besonders  zu  re-^ 
spektierenden  Orten  (z.  B.  an  Gerichtsstelle),  unter  Anwendung  von  mehreren 
Mitteln,  unter  Benutzung  eines  öffentlichen  Unglücks.  Auch  der  Rückfall  ist 
allgemeiner  Strafschärfungsgrund,  jedoch  nur  der  gleichartige  im  engsten 
Sinne,  wenn  der  Thäter  wegen  Verletzung  desselben  Artikels  des  Straf- 
gesetzbuches bereits  früher  rechtskräftig  verurteilt  war  (Art.  40).  Zu  den 
mildernden  Umständen  (im  ganzen  11,  Art.  42)  gehören  u.  a.:  schwere 
Reizung  des  Thäters  oder  seiner  Angehörigen  und  alle  den  Strafausschliessungs- 
gründen  nahestehenden  Thatbestande,  dem  Vaterlande  geleistete  Dienste,  ge- 
ringer Grad  von  Trunkenheit,  die  nicht  absichtlich  herbeigeführt  ist,  um  in 
diesem  Zustande  die  That  zu  begehen. 

V.  Die  Strafen,  ihre  Wirkungen,  Verhängung  und  Vollstreckung 
(Titel  V.  Das  penas  e  seus  ef feitos;  da  sua  applicafjäo  e  modo  de  execugäo, 
Artt.  43—70). 

a)  Strafen  und  Strafvollstreckung.  Todesstrafe,  entehrende  und 
lebenslängliche  Strafen  sind  dem  brasilianischen  Recht  unbekannt;  die  Dauer 
der  längsten  Freiheitsstrafe  beträgt  30  Jahre  (Art.  44).  Die  bedingte  Verurteilung 
wird  im  Strafgesetzbuch e  nicht  erwähnt.  Nicht  als  Strafen  im  Sinne  des  Ge- 
setzes gelten:  die  Enthebung  von  einem  Amte  im  Verwaltungswege  (suspensao 
administrativa) ,   die  Untersuchungshaft  (prisäo  preventiva  dos  iudiciados),  die 

^)  Bei  Notstand  und  Notwehr  spricht  das  Gesetz  von  „entschuldbarer  That** 
(crime  justificavel  oder  justificado),  während  in  den  anderen  Fällen  der  Straflosigkeit 
davon  die  Rede  ist,  dass  die  Thäter  „keine  Verbrecher  sind"  (näo  säo  criminosos, 
Artt.  27,  82)  oder  dass  ein  Umstand  „von  Strafe  befreit**  (isentarÄ  da  pena,  Art.  28), 
oder  dass  jemand  „frei  von  Schuld"  (isento  de  culpabilidade,  Art.  29,  bei  Geistes- 
krankheit) ist.  In  einem  Falle  (Art.  31)  wird  der  Ausdruck  gebraucht,  dass  die  „Ab- 
wesenheit der  strafrechtlichen  Verantwortlichkeit"  (a  isen^äo  da  responsabilidade 
criminal)  die  civilrechtliche  nicht  ausschliesst.  Endlich  sei  erwähnt,  dass  in  dem  Falle 
der  weder  auf  Vorsatz  noch  auf  Fahrlässigkeit  beruhenden,  also  rein  zufälligen  That, 
wo  nach  deutscher  Terminologie  von  „Nichtzurechnung  zur  Schuld"  gesprochen  wird, 
das  Gesetz  sagt :  „sie  soll  nicht  mit  Strafe  belegt  werden"  (näo  seräo  passiveis  de  pena, 
Art.  24).  Bei  dieser  Mannigfaltigkeit  der  Ausdrucksweise,  die  sich  mit  der  Überschrift 
des  Titels  (das  causas  que  derimem  a  criminalidade  e  justificam  os  crimes)  nicht  deckt, 
schien  es  angezeigt,  die  in  der  deutschen  Strafrechtslehre  gebräuchlichen  Unter- 
scheidungen in  Ausschluss  der  Zurechnung  zur  Schuld,  der  Strafbarkeit  und  der 
Rechtswidrigkeit  beizubehalten. 


b)  Der  allgemeine  Teil.  181 


jedoch  auf  die  gesetzliche  Strafe  anzurechnen  ist  (Art.  60).  Die  Strafvoll- 
streckung wird  ausgesetzt,  wenn  der  Verurteilte  in  Geisteskrankheit  verfällt 
(Art.  68).  Gesetzliche  Folgen  der  rechtskräftigen  Verurteilung  zur  Strafe  sind: 
die  Verpflichtung  zur  Kostentragung,  zur  Entschädigung  des  Verletzten  nach 
den  Grundsätzen  des  Civilrechts  (das  in  Brasilien  bislang  nicht  kodifiziert  ist) 
und  die  Einziehung  der  zur  Begehung  der  That  benutzten  Werkzeuge,  sofern 
nicht  etwa  der  Verletzte  auf  sie  einen  Anspruch  hat  (Aiit.  69,  70).  Ein  Ge- 
setz No.  169  vom  19.  Januar  1890  (Art.  3  §  7)  giebt  dem  Staate  sowie  dem 
Verletzten  und  seinen  Rechtsnachfolgern  wegen  der  ihnen  hiernach  zustehen- 
den Ansprüche  ein  gesetzliches  Pfandrecht  an  dem  unbeweglichen  Vermögen 
des  Verurteilten. 

Die  angedrohten  Strafen  sind:  Freiheitsstrafen,  Ehrenstrafen  und  Geld- 
strafen. 

1.  Freiheitsstrafen  (penas  restrictivas  da  liberdade  individual),  deren 
längste  Dauer  30  Jahre  beträgt,  sind:  Zwangsarbeit  mit  Einzelhaft  (Zuchthaus), 
Verbannung,  Festungshaft,  Gefängnis  mit  Arbeitszwang  und  Disziplinargefängnis 
(Art.  43).  Jeder  zu  Freiheitsstrafe  Verurteilte  ist  zu  Arbeiten  innerhalb  der 
Anstalt  nach  Massgabe  seiner  Fähigkeiten  und  seiner  früheren  Beschäftigung 
verpflichtet  (Art.  53).  —  Zu  den  einzelnen  Straf  arten  sei  folgendes  bemerkt: 
1.  Zuchthaus  (prisao  cellular)  ist  die  schwerste  Strafe;  sie  besteht  in  Ein- 
sperrung mit  Arbeitszwang  und  zeitweiliger  Einzelhaft,  die  bei  Strafen  bis  zu 
einem  Jahre  einschliesslich  den  fünften,  bei  längeren  Strafen  den  vierten  Teil 
der  Straf dauer,  höchstens  aber  zwei  Jahre  beträgt;  während  des  übrigen  Teils 
der  Strafvollstreckung  arbeiten  die  Sträflinge  am  Tage  gemeinschaftlich  unter 
Schweigegebot  und  werden  nur  nachts  geti'ennt  (Art.  45).^)  Verurteilte,  die 
mindestens  sechs  Jahre  zu  verbüssen  haben,  können  bei  guter  Führung  nach 
Ablauf  der  Hälfte  der  Strafdauer  für  den  Rest  der  Strafvollstreckung  in  eine 
landwirtschaftliche  Straf  anstalt^)  (penitenciaria  agricola)  gebracht  werden;  wer  sich 
hier  schlecht  führt,  wird  in  das  Zuchthaus  zurückverwiesen,  während  bei  fortge- 
setztem Wohl  verhalten  die  bedingte  Entlassung  (livramento  condiccional)  zulässig 
ist,  wenn  die  Dauer  der  Reststrafe  nicht  mehr  als  zwei  Jahre  beträgt  (Art.  50  §  2). 
Die  bedingte  Entlassung  wird  von  der  Bundesregierung  oder  der  zuständigen 
Provinzialverwaltung  auf  den  begründeten  Antrag  des  Anstaltsleiters  verfügt. 
Der  Entlassene  muss  seinen  Aufenthalt  an  dem  ihm  angewiesenen  Orte  nehmen 
und  untersteht  hier  der  Polizeiaufsicht  (Art.  51).  Zuwiderhandlungen  gegen 
diese  Vorschrift  sowie  die  Begehung  eines  mit  Gefängnis  bedrohten  Delikts 
vor  dem  Zeitpunkt,  an  welchem  die  Strafe  ohne  die  erfolgte  bedingte  Ent- 
lassung verbüsst  gewesen  sein  würde,  haben  den  Widerruf  der  letzteren  und 
die  nachträgliche  Vollstreckung  der  gesamten  Reststrafe  zur  Folge  (Art.  52). 
Verurteilungen  zu  Zuchthaus  von  mehr  als  sechs  Jahren  haben  den  Verlust 
der  bürgerlichen  Ehrenrechte  (interdic^äo ,  vgl.  unten  b  1)  nach  Verbüssung 
der  Ilauptstrafe  zur  P'olge  (Art.  55).  —  2.  Verbannung  (banimento)  besteht 
in  der  Entziehung  des  brasilianischen  Staatsbürgerrechts  (cidadao  brazilelro) 
und  dem  Verbot,  während  der  Dauer  der  Strafe  sich  auf  brasilianischem  Ge- 
biete aufzuhalten ;  Zuwiderhandlungen  gegen  dieses  Verbot  werden  mit  Festung 


^)  Die  Durchführung  der  Vorschriften  de«  fünften  Titels  setzt  eine  umfassende 
Neugestaltung  des  brasilianischen  Gefängniswesens  voraus.  Solange  diese  nicht  er- 
folgt ist,  wird  die  Zuchthausstrafe  in  den  zur  Verbüssung  des  ^prisao  com  trabalho'* 
bestimmten  Anstalten  vollstreckt  und,  wo  solche  fehlen,  in  „prisäo  simples",  jedoch 
unter  Erhöhung  der  Dauer  um  ein  Seclistel,  verwandelt  (Art.  409). 

*)  Eine  derartige  Anstalt  ist  auf  Grund  des  Gesetzes  vom  11.  Juli  1893  im  Staate 
Rio  de  Janeiro  errichtet;  Annuaire  de  legislation  etrangere  Bd.  24  S.  1058. 


182  Brasilien.  —  III.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890. 


bis  zu.  30  Jahren  bestraft,  sofern  nicht  der  Verurteilte  inzwischen  die  Staats- 
angehörigkeit wiedererlangt  hat  CArt.  46).^;  —  3,  Die  Festungshaft  (reclusäo) 
wird  in  einer  Festung,  einem  befestigten  Platze  oder  einem  militärischen  Ge- 
bäude vollstreckt  (Art.  47).  —  4.  Gefängnis  mit  Arbeitszwang  (prisäo  com 
trabalho)  wird  in  eigens  dazu  bestimmten  landwirtschaftlichen  Strafanstalten 
(penitenciarias  agricolas^))  oder  in  Militärgefängnissen  (presidios  militares)  ver- 
büsst  fArt.  49;.  Im  ersteren  Falle  ist  diese  Strafe  zugleich  Zwischenstufe  für 
die  zu  Zuchthaus  Verurteilten,  die  bedingt  entlassen  werden  sollen  (vgl.  oben 
unter  1  und  Codigo  penal  Artt.  50 — 52).  —  5.  Disziplinargefängnisstrafe 
(prisäo  disciplinar;  ist  ein  besonderes  Strafmittel  für  Jugendliche  unter  21  Jahren 
und  wird  in  speziellen  Arbeitshäusern  Testabelecimentos  industriaes  especiaes; 
Art.  50)  vollstreckt. 

2.  Ehrenstrafen  sind  Verlust  der  bürgerlichen  Ehrenrechte  und  Amts- 
cfutsetzung;  werden  sie  als  Nebenstrafen  verhängt,  so  beginnt  ihre  Wirkung 
erst  nach  Verbüssung  der  Hauptstrafe.  1.  Verlust  der  bürgerlichen 
p]hrenrechte  (interdiccao ,  Art.  55)  kommt  nur  als  Nebenstrafe  zu  mehr  als 
sechsjährigem  Zuchthaus  vor  und  hat  die  Untersagung  der  Ausübung  aller 
politischen  Kechte,  den  Verlust  aller  öffentlichen  Ämter  des  Bundes  und  der 
Einzelstaaten,  einschliesslich  der  aus  Wahlen  hervorgegangenen,  nebst  den  da- 
mit verbundenen  Einkünften,  femer  aller  Titel,  Orden  und  Auszeichnungen') 
sowie  aller  öffentlichen  Funktionen  (munus  publicosj  zur  Folge.  —  3.  Die 
Amtsentsetzung  ist  entweder  zeitig  oder  dauernd  (perda  do  emprego,  Art.  56; 
suspensao  de  emprego,  Art.  57). 

3.  Die  Geldstrafe  (pena  de  multa,  Artt.  58  und  59)  fliesst  in  die  Kasse 
des  Bundes  oder  der  Einzelstaaten  und  soU  in  der  Regel  nach  den  Vermögens- 
oder Einkommensverhältnissen  des  Schuldigen  bemessen  werden.  Im  besonderen 
Teile  des  Gesetzes  kommen  jedoch  auch  Fälle  vor,  wo  sie  einen  bestimmten 
Prozentsatz  des  zugefügten  Schadens  (manchmal  nicht  mehr  als  20  Prozent) 
betragen  muss.  Im  Falle  der  Nichtzahlung  binnen  8  Tagen  nach  richterlicher 
Aufforderung  wird  sie  in  Zuchthaus  umgewandelt,  falls  nicht  vom  Verurteilten 
oder  einem  Dritten  Sicherheit  geleistet  wird;  über  die  Grundsätze,  nach  denen 
die  Umwandlung  zu  erfolgen  hat,  sagt  das  Gesetz  nichts. 

b)  Anwendung  der  Strafen.  1.  Allgemeine  Grundsätze.  Der 
Richter  ist  an  die  gesetzlichen  Höchst-  und  Mindestmasse  gebunden,  sofern 
nicht  Abweichungen  ausdrücklich  gestattet  sind  (Art.  61).  Wie  das  Straf- 
gesetzbuch Portugals  und  der  meisten  spanisch-amerikanischen  Staaten  teilt 
auch  der  Codigo  Penal  von  Brasilien  alle  Strafen  in  Grade  ein  und  unter- 
scheidet den  höchsten,  mittleren  und  niedrigsten  Grad  (givlo  maximo,  medio, 
rainimo;  Art.  62).  Zwischen  dem  höchsten  und  mittleren  einerseits  und  dem 
mittleren  und  niedrigsten  andrerseits  liegen  noch  zwei  weitere  Strafstufen,  die 
man  mit  Autran  zutreffend  als  „grAo  submaximo"  und  „grAo  submedio"  be- 
zeichnen kann.  Bringt  man  diese  Einteilung  in  Stufen  mit  den  verschieden- 
artigen Erscheinungsformen  der  strafbaren  Handlungen  in  Beziehung,  so  er- 
giebt  sich  nach  Art.  62  folgendes  Bild: 


*)  Eine  der  Verbannung  ähnliche  Massregel  ist  die  Ausweisung  aus  dem  Bundes- 
gebiete, die  nach  Art.  400  gegen  ausländische  Bettler  und  Landstreicher  angewendet 
wird,  nach  Ansicht  Autrails  (Anm.  zu  Art.  441)  aber  nicht  als  Strafe,  sondern  als 
polizeiliche  Sicherheitsniassregel  aufzufassen  ist.  Hierfür  spricht,  dass  sie  bei  der 
Aufzählung  der  Strafen  in  Art.  43  nicht  erwähnt  wird. 

*)  Siehe  Anm.  2  auf  S.  181. 

^)  Diese  Bestimmung  steht,  wie  Autran  zutreffend  bemerkt,  jetzt  lediglich  auf 
dem  Papier,  da  durch  Art.  72  §  2  der  Verfassung  von  1892  alle  Vorrechte  der  Geburt 
sowie  alle  Adelstitel,  Orden  und  Auszeichnungen  abgeschafft  sind. 


b)  Der  allgemeine  Teil.  183 


I.   a)  ^riio  maximo:    es  liegen  (äner  oder  mehrere  straf  erhöhende  Um- 
stände, dagegen  kein  mildernder  Umstand  vor; 

b)  grAo  submaximo:    es  liegen   straf  erhöhende   und   mildernde   Um- 
stände vor,  erstere  überwiegen  jedoch; 

IL   i\)  grAo    medio :    straf  erhöhende»     und    mildernde    Umstände»    liegen 
überhaupt  nicht  vor  oder  heben  sich  gegenseitig  auf; 

h)  grAo  submedio:  es  liegen  mildernde  und  straf  erhöhende  Umstände 
vor  und  die  letzteren  überwiegen; 

JII.  grAo  minimo:  es  liegen  einer  oder  mehrere  mildernde  Umstände  vor. 

Zum  besseren  Verständnis  dieser  Übersicht  sei  beispielsweise  angenommen, 
das  Gesetz  drohe  für  eine  bestimmte  strafbare  Handlung  Freiheitsstrafe  von 
2 — 4  Jahren  an,  so  Avürde  betragen  der 

grAo  maximo:  4  Jahre, 
grAo  submaximo:  iP/g  Jahre, 
grAo  medio:  8  Jahre, 
grAo  submedio:  2^1^  Jahre, 
grAo  minimo:  2  Jahre. 

2.  Besondere  Fälle.  Der  Versuch  wird  milder  bestraft  als  das  voll- 
endete Verbrechen  mit  Ausnahme  der  Fälle,  wo  er  diesem  bezüglich  des 
Strafmasses  ausdrücklich  gleichgestellt  ist  (vgl.  z.  B.  Art.  360:  Raubversuch 
mit  tötlichem  Ausgange  oder  schweren  Verletzungen,  Art.  87:  Hochverrat, 
Art.  115:  Verschwörung).  Die  Versuehsstrafe  ist  gleich  zwei  Dritteln  der 
Strafe  des  vollendeten  Delikts  (Art.  63).  -  Die  Beihülfe  zum  vollendeten 
Verbrechen  wird  wie  der  Versuch,  die  Beihülfe  zum  Versuch  jedoch  unter 
EiTOässigung  der  Regelstrafo  um  ein  weiteres  Drittel,  also  mit  dem  dritten 
Teile  der  für  das  vollendete  Delikt  angedrohten  Strafe,  geahndet.  Ist  aber 
der  Versuch  als  delictum  sui  gencTis  mit  einer  besonderen  Strafe  bedroht,  so 
findet  diese  auch  auf  den  Teilnehmer  Anwendung  (Art.  64).  —  Minder- 
jährige von  14 — 17  Jahren  gemessen  die  den  Gehülfen  gewährten  Ermäs- 
sigungen (Art.  65).  —  Für  die  Fälle  des  Vorliegens  mehrerer  Strafthaten 
stellt  Art.  66  folgende  Grundsätze  auf:  1.  wer  mehrere  verschiedenartige  straf- 
bare Handlungen  begeht,  erleidet  die  sämtlichen  vei'wirkten  Einzelstrafen; 
2.  wer  an  verschiedenen  Orten  und  zu  verschiedenen  Zeiten  gegen  dieselbe 
P(TSon  oder  gegen  verschiedene  Personen  mehrere  strafbare  Handlungen  der- 
selben Art  (da  mesma  naturaleza)  begeht,  erleidet  den  höchsten  Grad  der 
für  die  schwerste  von  di(»sen  angedrohten  Strafe,  vermehrt  um  ein  Sechstel; 
3)  wer  durch  ein  und  dieselbe  Handlung  und  geleitet  von  ein  und  demselben 
Beweggrunde  mehrere  strafbare  Handlungen  (niais  de  um  crime)  begeht,  wird 
zu  der  schwei*sten  Strafe»  verurteilt,  die  in  den  auf  den  konkreten  Fall  an- 
wendbaren Artikeln  angedroht  ist.  Übersteigt  die  Summe  der  hiemach  zu 
verhängenden  Freiheitsstrafen  30  Jahre ,  so  wird  die  Strafe  am  Ende  des 
dreissigsten  Jahres  für  verbüsst  erachtet. 

VI.  Erlöschen  des  Anspruchs  auf  Strafverfolgung  und  Straf- 
vollstreckung; Aufschub  der  Strafvollstreckung  (Titel  VI.  Da  ex- 
tinc9ao  e  suspensao  da  ac(,*a()  penal  e  da  condemna9ao,  Artt.  71 — 86). 

a)  Das  Recht  auf  Strafverfolgung  und  die  Folgen  der  Ver- 
urteilung erlöschen  nach  Art.  71:  1.  durch  den  Tod  des  Schuldigen,  in 
Übereinstimmung  mit  Art.  25,  der  besagt,  dass  die  strafrechtliche  Verant- 
wortlichkeit lediglich  die  Person  des  Thäters  trifft;  2.  durch  Amnestie  (am- 
nistia),  deren  Gewährung  dem  Kongresse  zusteht,  die  auf  die  civilrechtliche 
Schadensersatzverbindlichkeit   aber    keinen   Einfluss    hat   (Art.   75);    3.    durch 


184  Brasilien.  —  III.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890. 


Verzeihung  des  Verletzten  bei  den  nur  auf  Antrag  verfolgbaren  Vergehen 
(Art.  77,  solche  sind:  Notzucht,  Entführung,  Ehebruch,  Unterschiebung  von 
Kindern,  Verleumdung,  Beleidigung);  jedoch  kann  die  Verzeihung  von  dem 
Verurteilten  zurückgewiesen  werden  und  ist  dann  wirkungslos;  4.  durch  Ver- 
jährung (prescrip9äo).  Sofern  nicht  das  Gesetz  das  Gegenteil  bestimmt, 
finden  auf  die  Verjährung  der  Strafverfolgung  und  die  der  Strafvollstreckung 
die  gleichen  Grundsätze  Anwendung  (Art.  78).  Die  Frage  der  Verjährung  ist 
von  Amtswegen  zu  prüfen  (Art.  82).  Die  Verjährung  der  Strafklage  (prescrip9äo 
da  ac9ao)  beginnt  mit  der  Begehung  der  strafbaren  Handlung  und  wird  dm'ch 
die  Urteilsverkündung  (pronuncia,  Art.  79)  sowie  durch  den  Rückfall  des 
Schuldigen  (Art.  81)  unterbrochen.  Die  Verjährung  der  Urteilsfolgen  (prescripgäo 
de  condemnayäo,  Artt.  80  und  81)  beginnt  mit  Rechtskraft  des  Urteils  oder 
mit  dem  Augenblicke,  in  dem  die  begonnene  Straf voUsti'eckung  unterbrochen 
wird.  Der  Lauf  der  Verjährung  wird  gehemmt  durch  die  Verhaftung  oder 
den  Rückfall  des  Venirteilten.  Die  nach  Art.  78  für  beide  Arten  der  Ver- 
jährung gleichen  Fristen  sind:  ein  Jahr,  wenn  die  angedrohte  oder  erkannte 
Strafe  Geldstrafe  oder  Freiheitsstrafe  unter  sechs  Monaten  ist;  4,  8,  12  oder 
20  Jahre,  wenn  die  Freiheitsstrafe  2,  4,  8,  12  oder  mehr  Jahre  beträgt 
(Artt.  83,  85).  Im  besonderen  Teile  kommen  einzelne  abweichende  Frist- 
bestimmungen vor:  die  Privatklage  wegen  Entfühning  einer  weiblichen  Person 
zu  unsittlichen  Zwecken  (rapto,  Art.  275)  verjährt  in  sechs  Monaten  seit  der 
Begehung  der  That,  die  Klage  der  Ehefrau  gegen  ihren  Ehemann  wegen 
Verführung  zur  Unzucht  (Art.  277)  und  wegen  Ehebnichs  in  drei  Monaten 
(Art.  281). 

Die  Urteilsfolgen  werden  weiter  beseitigt  durch  5.  Strafvollstreckung, 
6.  Begnadigung  und  7.  Rehabilitation.  Die  von  der  zuständigen  Behörde 
gewährte  Begnadigung  (indulto  do  poder  competente)  hebt  auch  die  mit  der 
Strafe  verbundene  Unfähigkeit  zu  Ämtern  u.  s.  w. ,  nicht  aber  die  civil- 
rechtliche  Schadensersatzverbindlichkeit  auf  (Artt.  74  und  75).  Rehabilitation 
ist  die  Wiedereinsetzung  des  Verurteilten  in  alle  ihm  durch  das  Urteil  ge- 
nommenen Rechte;  sie  erfolgt  auf  Grimd  einer  ausserordentlichen  Nachprüfung 
(revisäo  extraordinaria)  des  verurteilenden  Erkenntnisses  durch  das  Oberste 
Bundesgericht  und  giebt  dem  Rehabilitierten  einen  Anspruch  auf  angemessene 
Entschädigung  wegen  aller  infolge  der  Verurteilung  erlittenen  Nachteile  (Art.  86). 

b)  Aufschub  der  Strafvollstreckung  ist  zulässig  im  Falle  der  be- 
dingten Entlassung  (vgl.  oben  S.  181)  oder  wenn  der  Verurteilte  Sicherheit 
leistet. 

c)  Der  besondere  Teil. 

I.  Allgemeines.  Das  Mass  des  zur  Verfügung  stehenden  Raumes  ver- 
bietet eine  ausführliche  Analyse  des  im  zweiten  und  dritten  Buche  des  Ge- 
setzes (Artt.  87—363  bezw.  364 — 404)  behandelten  besonderen  Teiles  des 
Strafrechts.  Im  folgenden  sind  daher  ausser  einer  möglichst  genauen  In- 
haltsangabe der  einzelnen  Abschnitte  nur  kurze  Hinweise  auf  einige  Besonder- 
"heiten  des  brasilianischen  Rechts  gegeben.  Zunächst  sei  auf  eine  sprachliche 
'Eigentümlichkeit  hingewiesen,  die  sich  in  keinem  anderen  Strafgesetzbuche 
finden  dürfte.  Der  gesetzliche  Thatbestand  der  Delikte  wird  nämlich  nicht  in 
Gestalt  eines  selbständigen  Satzes,  sondern  in  Infinitivform  gegeben  und  die 
Strafandrohung  von  diesem  durch  einen  Gedankenstrich  getrennt;  z.B.  Art. 299: 
„Induzir  ou  ajudar  alguem  a  suicidar-se,  ou  para  esse  fim  fomecer-lhe  meios, 
com  conhecimento  de  causa;  pena  —  de  prisäo  cellular  por  dous  o  quatro 
annos".  Um  sich  diese  Bestimmungen  grammatisch  zu  konstruieren,  muss  man 
als  Hauptsatz  ergänzend  hinzufügen:  „Strafbar  ist  es,  .  .  ." 


c)  Der  besondere  Teil.  185 


IL  Die  einzelnen  Vergehen^)  werden  im. zweiten  Buche  in  13  Titeln 
behandelt,  die  wieder  in  Kapitel  zerfallen. 

Erster  Titel.  Vergehen  gegen  die  politische  Existenz  der 
Bundesrepublik;  Artt.  87 — 114;  drei  Kapitel.  1.  Vergehen  gegen  die  Un- 
abhängigkeit, Unversehrtheit  und  Würde  des  Vaterlandes;  Strafen:  prisäo 
cellular  bis  zu  höchstens  15  Jahren  in  verschiedenen  Abstufungen.  2.  Ver- 
gehen gegen  Verfassung  und  Regierungsform  der  Republik;  die  Rädelsführer 
(cabegas)  werden  mit  Verbannung,  andere  Teilnehmer  mit  Festungshaft  be- 
straft.    3.  Beeinträchtigung  der  freien  Ausübung  politischer  Rechte. 

Zweiter  Titel.  Vergehen  gegen  die  innere  Sicherheit  des  Staates; 
Artt.  115 — 136,  fünf  Kapitel.  1.  Vei'schwörung  (conspiracjäo).  2.  Aufstand 
und  unerlaubte  Zusammenrottung  (sedi^äo  e  ajuntamento  illicito).  3.  Wider- 
stand gegen  die  Staatsgewalt  (rcsistencia).  4.  Befreiung  von  Gefangenen  und 
Erstürmung  von  Gefängnissen  (tirada  ou  fugida  de  presos  do  poder  da  justi9a 
e  arrombamento  das  cadeias).  5.  Beleidigung  und  Ungehorsam  gegen  Be- 
hörden und  Beamte  (desacato  e  desobediencia  as  autoridados). 

Dritter  Titel.  Vergehen  gegen  die  öffentliche  Sicherheit;  Artt. 
136 — 164,  drei  Kapitel.  1.  Brandstiftung  und  andere  gemeingefährliche  De- 
likte (crimes  de  perigo  commun).  Der  Versicherungsbetrug  wird  in  Art.  140 
behandelt.  Die  übrigen  gemeingefährlichen  Vergehen  sind:  Herbeiführung 
einer  Überschwemmung,  Anzünden  verwirrender  Lichter  am  Meeresstrande, 
Gefährdung  und  Sinkenlassen  von  Schiffen;  auch  die  fahrlässige  Begehung  ist 
strafbar  (Art.  148).  2.  Vergehen  gegen  die  Sicherheit  der  Transport-  und 
Verkehrsmittel:  Zerstörung  und  Beschädigung  von  Eisenbahnen,  Telegraphen 
sowie  der  zum  Betriebe  dienenden  Maschinen  und  Apparate;  auch  hier  ist 
schon  die  fahrlässige  Begehung  mit  Strafe  bedroht  (Art.  153).  3.  Vergehen 
gegen  das  öffentliche  Gesundheitswesen  (saude  publica,  Artt.  156 — 164);  hierzu 
gehören:  die  unbefugte  Ausübung  der  Heilkunde,  der  zahnärztlichen  Praxis 
und  des  Apothekerberufes  (Art.  156),  Verkauf  und  Verordnung  von  Geheim- 
mitteln (Art.  158),  Verkauf  von  Giften  ohne  Genehmigung  (Art.  159),  Verkauf 
von  verdorbenen  oder  unrichtigen  Heilmitteln  sowie  Abänderungen  der  ärzt- 
lichen Rezepte  durch  Apotheker  und  Drogisten  (Art.  160),  Vergiftung  und 
Verunreinigung  von  Quellen,  Bininnen,  Teichen  und  Lebensmitteln  (Artt.  161 
bis  164).  Eine  besondere  Erwähnung  verdient  Art.  157,  der  Zuchthaus  von 
1 — 6  Monaten  und  Geldstrafe  androht  gegen  die  Ausübung  von  Spiritismus, 
Magie,  Zauberei,  Anwendung  von  Talismanen  und  Kartenlegen  in  der  Ab- 
sicht, Hass  oder  Liebe  hervorzurufen,  heilbare  oder  unheilbare  Krankheiten  zu 
heilen  oder  die  Leichtgläubigkeit  des  Publikums  auszubeuten.  Die  Strafe 
kann  bis  zu  6  Jahren  steigen,  wenn  die  Handlung  die  Gesundlieit  des  Opfei's 
beschädigt  oder  von  einem  Arzte  ausgeht. 

Vierter  Titel.  Delikte  gegen  die  freie  Ausübung  von  Persön- 
lichkeitsrechten; sechs  Kapitel,  Art.  165 — 206.  1.  Vergehen  gegen  die 
Ausübung  politischer  Rechte :  Wahlverhinderung  und  Wahlbeeinflussung, 
Stinunenkauf ,  Wahl  unter  falschem  Namen,  Fälschung  von  Wahlergebnissen 
u.  s.  w.  2.  Vergehen  gegen  die  persönliche  Freiheit:  Beeinträchtigung  der 
Glaubens-  und  Gewissensfreiheit,  Nötigung,  Freiheitsberaubung  (carcere  privado, 
Artt.  181 — 183) ,  Bedrohung  mit  der  Begehung  eines  „crime"  (Art.  184). 
3.  Beeinträchtigung  der  Kultusfreihcit.  Der  Schutz  des  Gesetzes  ei'streckt  sich 
auf   alle  Konfessionen,    nicht   nur   auf   die    katholische;    bestraft   werden:    die 


*)  Die  Bezeichnung  „Vergehen**  umfasst  ausser  den  eigentlichen  Vergehen  auch 
die  Verbrechen,  in  Übereinstimmung  mit  der  Ausdrucksweise  des  Gesetzes,  das  unter 
„crimes**  alle  strafbaren  Handlungen  mit  Ausnahme  der  Übertretunaren  versteht. 


'O 


186  Brasilien.  —  TIT.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890. 


Beleidigung  einer  Konfession  durch  Verächtlichmachung  einer  Kultushandlung 
oder  eines  Kultusgegenstandes  sowie  durch  öffentliche  Beschimpfung  oder 
Entweihung  ihrer  Symbole  (Art.  185),  die  Verhindeining  oder  Störung  einer 
Kultushandlung  (Art.  186),  Bedrohung  oder  Beleidigung  eines  Kultusbeamten 
in  Ausübung  seines  Berufs  (Art.  187).  4.  Verletzung  von  Geheimnissen:  un- 
befugte Unterdrückung  und  Öffnung  von  Briefen  und  Telegrammen,  unbefugte 
Veröffentlichung  von  Briefen  u.  s.  w.  durch  den  Empfänger  ohne  Genehmigung 
des  Absendei's,  Verrat  von  Geheimnissen,  von  welchen  jemand  in  Ausübung  seines 
Amtes,  seiner  dienstlichen  Stellung  oder  seines  Berufes  Kenntnis  erhalten  hat. 

5.  Hausfriedensbnich  (crimes  contra  a  inviolabilidade  do  domicilio);  die  Voraus- 
setzungen, unter  denen  das  Eindringen  in  ein  fremdes  Haus  gestattet  ist,  und 
die  dabei  zu  beobachtenden  Förmlichkeiten  sind  in  Artt.  197  und  199  auf- 
gezählt. 6.  Beeinträchtigungen  der  Arbeitsfreiheit. ^)  Strafbar  ist,  wer  einen 
anderen  zwingt  oder  hindert,  sein  Gewerbe  oder  seinen  Handel  zu  treiben  oder 
seinen  Dienst  zu  versehen,  seinen  Laden  oder  seine  Werkstatt  offen  zu  halten 
oder  zu  schliessen,  an  bestimmten  Tagen  zu  arbeiten  oder  zu  feiern  (Art.  205); 
femer  wer  durch  Drohungen,  Zwang  oder  betrügerische  Handlungen  einen 
Handwerker  oder  Arbeiter  zum  Verlassen  seiner  Arbeitsstelle  verleitet  (Art.  206 ), 
endlich  wer  zur  Herbeifühiiing  der  Erhöhung  oder  Herabsetzung  der  Löhne 
durch  Drohungen  oder  Gewalt  eine  Arbeitsniederlegung  erzwingt  (Art.  206). 

Fünfter  Titel.  Vergehen  gegen  die  öffentliche  Ordnung  und 
Verwaltung;  Artt.  207 — 238,  (*in  Kapitel  in  sieben  Abschnitten  unter  der 
Überschrift:  Veruntreuungen,  Missbräuche  und  strafbare  Unterlassungen  der 
öffentlichen  Beamten,  das  Beamten -Straf  recht  enthaltend.  Wer  als  öffentlicher 
Beamter  (empregado  publico)  anzusehen  ist,  ergiebt  sich  nicht  aus  dem  Straf- 
gesetzbuche. 1.  „Prevarica^So",  ein  Delikt,  das  so  verschiedenartige  That- 
bestände  (17  in  Art.  207  und  6  in  Art.  108)  umfasst,  dass  es  durch  ein  Wort 
nicht  wiederzugeben  ist;  erwähnt  seien:  Ratserteilung  an  eine  Partei  durch  den 
Richter,  Unterlassung  der  Verfolgung  von  strafbaren  Handlungen,  Beförde- 
rung einer  Person  in  ein  Amt,  wozu  dieser  die  gesetzlichen  Voraussetzungen 
fehlen,  Urteilsfällung  durch  einen  gesetzlich  hierv-on  ausgeschlossenen  Richter, 
Anfertigung  von  unrichtigen  Protokollen,  Urkunden  u.  s.  w.  durch  einen  Be- 
amten. 2.  Nachlässigkeit  in  der  Erfüllung  der  Amtspflichten  (falta  de  exac9ao 
no  cumprimento  do  dever);  unter  diese  Bestimmungen  fallen  auch  alle  aus 
Fahrlässigkeit  begangenen  Veretösse  gegen  die  Voi'schriften  des  einsten  Ab- 
schnittes. 3.  Bestechung  (peita  ou  subomo);  den  Bestechenden  trifft  die 
gleiche  Strafe  wi(»  den  bestochenen  Beamten;  die  auf  Grund  der  Bestechung 
vorgenommenen  Amtshandlungen  sind  nichtig.  4.  Erpressung  im  Amte  (con- 
cussäo).  5.  Unterschleife  im  Amte  (peculato);  hierhin  gehört  auch  das  Ge- 
währenlassen eines  anderen  bei  der  unbefugten  Aneignung  von  Staatseigentum. 

6.  Überschreitung  und  Missbrauch  der  Amtsgewalt  und  Anmassung  amtlicher 
Befugnisse.  7.  Unangemessenes  Benehmen  der  öffentlichen  Beamten;  Beamte,  die 
durch  ihr  Benelimen  öffentliches  Ärgernis  erregen,  sich  dem  Spiel  oder  dem 
Trunk  hingeben,  ferner  solche,  die  notorisch  für  ihr  Amt  untauglich  oder  faul 
sind,  werden  mit  Amtsentsetzung  und  Unfähigkeit  zur  Erlangung  eines  anderen 
Amtes  bis  zum  Nachweis  der  Besserung  bestraft  fArt.  238). 

Sechster  Titel.  Vergehen  gegen  den  öffentlichen  Glauben 
(contra  a  f(5  publica;  Artt.  239 — 264,  zwei  Kapitel).  1.  Falschmünzerei  (moeda 
falsa).     Bestraft  wird:  a)  die  unbefugte  Anfertigung  inländischen  oder  solchen 


*)  Die  Artt.  205  und  206  sind  abgeändert  durch  Verordnung  No.  1162  vom 
12.  Dezember  1890,  die  der  Darstellung  im  Text  zu  Grunde  gelegt  und  bei  Antra n 
S.  69  abgedruckt  ist. 


c)  Der  besondere  Teil.  187 


ausländischen  Metallgeldes,  welches  in  Brasilien  gesetzlichen  oder  vertrags- 
raässigen  Kurs  hat,  einschliesslich  der  gleichwertigen  Nachbildung  (Strafe: 
Zuchthaus  von  1 — 4  Jahren,  Art.  239);  b)  die  falsche  Anfertigung  und  Ver- 
fälschung von  öffentlichen  Kreditpapieren,  die  von  den  öffentlichen  Kassen  wie 
Geld  angenommen  werden ;  als  öffentliche  Kredit papiere  (papeis  de  credito  publico) 
im  Sinne  des  Gesetzes  gelten  alle  Sorten  Papiergeld,  die  in  Brasilien  gesetz- 
lichen Zwangskurs  (curso  legal  come  moeda)  haben,  oder  von  der  Regienmg 
bezw.  den  dazu  ermächtigten  Notenbanken  ausgegeben  sind;  Strafe:  Zuchthaus 
von  2 — 8  Jahren  (Art.  240) ;  c)  die  Verausgabung  falscher  Münzen  und  falschen 
Papiergeldes;  Strafe:  Zuchthaus  von  2 — 4  Jahren  (Art.  241);  d)  die  Ver- 
minderung des  Gewichts  oder  Veränderung  echter  Münzen,  um  ihnen  den 
Anschein  eines  höheren  Werts  zu  geben;  Strafe:  wie  zu  c);  e)  die  Beseitigung 
des  Stempels,  durch  den  Staatsschuldscheine  oder  Banknoten  für  unbrauchbar 
erklärt  sind,  sowie  die  Anfertigung  von  Staatsschuldscheinen  oder  Banknoten 
aus  Stücken  von  solchen;  Strafe:  Zuchthaus  von  sechs  Monaten  bis  zu  einem 
Jahre  (Art.  243).  f)  Art.  244  enthält  Strafandrohungen  gegen  die  Beamten 
der  Amortisationskasse  (caixa  da  amortiza^äo),  die  Direktoren  der  Noten- 
banken (bancas  da  emissäo)  und  die  Regierungskommissare  für  den  Fall  der 
Nichtbeachtung  der  Vorschriften  über  die  Ausgabe  und  Ungültigkeitserklärung 
von  Papiergeld  und  Noten.  —  2.  Die  übrigen  Fälschungsvergehen  (falsidades, 
4  Paragraphen)  sind :  a)  Fälschungen  von  solchen  Kreditpapieren  (mit  Einschluss 
der  von  der  Bundesregieiiing  oder  der  Regierung  eines  Einzelstaates  aus- 
gegebenen), die  nicht  die  Eigenschaft  von  Papiergeld  haben,  Nachahmung 
von  Siegeln,  Stempeln,  Postwertzeichen,  Coupons,  Fahrkarten  der  Eisenbahnen 
oder  anderer  staatlicher  Beförderungsmittel,  Checks  oder  anderen  Bankpapieren 
(papeis  de  bancos)  sowie  kaufmännischen  Urkunden  (letras  e  titulos  commerciaes) 
einerlei,  ob  sie  durch  Indossament  übertragbar  sind  oder  nicht;  der  Fälschung 
und  Nachahmung  steht  die  wissentliche  Benutzung  verfälschter  und  nachge- 
ahmter Stücke  gleich  (Artt.  245 — 250).  b)  Fälschung  von  öffentlichen  Zeug- 
nissen, Urkunden  und  Protokollen  (certificados,  documentos  e  actos  publicos, 
Artt.  251 — 257);  hierher  gehören  auch  Telegramme;  die  wissentliche  Benutzung 
gefälschter  Stücke  wird  in  gleicher  Weise  bestraft,  c)  Fälschung  von  Privat- 
urkunden (documentos  e  papeis  particulares,  Artt.  258 — 260).  dj  Falsches 
Zeugnis  und  falsche  Anschuldigung  (do  testemunho  falso,  das  declara^öes,  das 
queixas  e  denuncias  falsas  em  juizo,  Artt.  261 — 264).  Die  Höhe  der  Strafe 
ist  verschieden,  je  nachdem  es  sich  um  eine  Aussage  in  einer  Civil-  oder  einer 
Strafsache  handelt,  und  im  letzteren  Falle  danach  abg(»stuft,  ob  sie  zu  Gunsten 
oder  zu  Ungunsten  des  Angeklagten  gemacht  ist.  Die  Strafe  wird  um  ein 
Drittel  erhöht,  wenn  die  falsche  Aussage  durch  Bestechung  veranlasst  war; 
den  Bestechenden  trifft  die  gleiche  Strafe  (Art.  262).  Widerruf  der  Aussage 
vor  Erlassung  des  Urteils  hat  völlige  Straflosigkeit  zur  Folge  (Art.  263).  Wer 
einen  anderen  wissentlich  ohne  Grund  einer  strafbaren  Handlung  bezichtigt, 
verfällt  in  die  für  diese  Handlung  angedrohte  Strafe  (Art.  264). 

Siebenter  Titel.  Vergehen  gegen  das  Staatsvermögen  (facenda 
publica);  ein  Kapitel,  Art.  265:  Kontrebande,  d.  h.  die  Ein-  oder  Ausfuhr 
verbotener  Gegenstände  sowie  die  Hinterziehung  von  Eingangszöllen,  wird, 
ausser  mit  den  Steuerstrafen,  mit  Zuchthaus  von  1 — 4  Jahren  bestraft. 

Achter  Titel.  Vergehen  gegen  die  Sicherheit  der  Ehre  und 
des  Anstandes  der  Familie  sowie  Verletzung  des  öffentlichen  Scham- 
gefühles; Artt.  266—282,  fünf  Kapitel.  1.  Unzucht  mit  Gewalt,  worunter 
das  Gesetz  versteht:  a)  den  mit  Gewalt  oder  Drohungen  in  der  Absicht  der 
Befriedigung  unsittlicher  Leidenschaften  oder  mittels  moralischer  Vergiftung^ 
begangenen  Angriff   auf   das  Schamgefühl    einer   Person   des   einen   oder   des 


188                Brasilien.  —  III.  Das  Strafgesetzbuch  vom  11.  Oktober  1890. 
$ 

anderen  Geschlechts  (Art.  266;  Strafe:  Zuchthaus  von  1 — 6  Jahren);  b)  die 
Vollziehung  des  Beischlafes  mit  einem  minderjährigen  Mädchen  unter  Anwen- 
dung von  Verführung,  List  oder  Betrug  (Art.  267;  Zuchthaus  von  1 — 4  Jahren); 
c)  die  Notzüchtigung  einer  anständigen  Frau;  dass  nur  der  aussereheliche 
Beischlaf  bestraft  wird,  sagt  das  Gesetz  nicht;  andrerseits  wird  hervorgehoben, 
dass  es  nicht  darauf  ankommt,  ob  das  Opfer  vorher  schon  Geschlechtsverkehr 
gehabt  hatte,  oder  nicht;  die  Regelstrafe  von  1 — 6  Jahren  Zuchthaus  wird 
herabgesetzt,  wenn  das  Verbrechen  an  einer  Prostituierten,  erhöht,  wenn  es 
von  zwei  oder  mehr  Personen  begangen  wurde  (Artt.  268  und  269).  2.  Ent- 
führung (rapto,  Artt.  270—276).  3.  Kuppelei  (lenocinio,  Artt.  277  und  278; 
ist  die  Herbeiführung,  Begünstigung  oder  Erleichterung  der  Prostituierung  einer 
Person,  um  die  unsittlichen  Absichten  oder  unkeuschen  Gelüste  eines  Anderen 
zu  befriedigen;  gewohn  hei  tsmässige  oder  gewerbsmässige  Begehung  ist  zur 
Strafbarkeit  nicht  erforderlich;  erhöhte  Strafe  tiifft  Eltern,  Vormünder  u.  s.  w., 
auch  den  Ehemann.  4.  Ehebruch  (adulterio  ou  infidelidade  conjugal,  Artt.  279 
bis  281)  wird  mit  Zuchthaus  von  1 — 3  Jahren  bestraft.  Die  Strafe  trifft  in 
allen  Fällen  die  ehebrecherische  verheiratete  Frau  und  ihren  Mitschuldigen, 
den  ehebrecherischen  verheirateten  Mann  nur,  wenn  er  sich  eine  Konkubine 
hält,  die  dann  ebenfalls  strafbar  ist.  Die  Strafverfolgung  steht  nur  dem 
beleidigten  Ehegatten  binnen  3  Monaten  seit  Begehung  der  That  zu  und  ist 
ausgeschlossen,  wenn  dieser  einwilligte;  seine  Verzeihung  schliesst  nicht  nur 
die  Bestrafung  sondern  auch  die  Urteilsvollstreckung  aus  (estingue  todos  os 
effeitos  da  accusacjäo  e  condemnagäo).  Der  Beweis  der  Thäterschaft  kann 
gegen  den  Mitschuldigen  des  Ehegatten  nur  durch  Ergreifung  auf  frischer 
That  oder  Urkunden  geführt  werden.     5.  Öffentliche  Schamverletzung. 

Neunter  Titel.  Vergehen  gegen  die  Sicherheit  des  Personen- 
standes; Art.  283 — 293,  vier  Kapitel.  1.  Bigamie;  Strafe:  Zuchthaus  von 
1 — 4  Jahren.  2.  Vornahme  der  kirchlichen  Trauung  vor  Eingehung  der 
Civilehe.  3.  Kindesunterschiebung  und  andere  unlautere  Handlungen  gegen 
den  Personenstand.  4.  Entführung,  Verbergung  und  Verlassen  von  Kindern 
unter  14  Jahren. 

Zehnter  Titel.  Vergehen  gegen  die  Sicherheit  der  Person  und 
des  Lebens;  Artt.  294 — 314,  sechs  Kapitel.  Die  Materie  der  Tötungsdelikte 
ist  verhältnismässig  kurz  behandelt;  Mord  imd  Totschlag  werden  nicht  unter- 
schieden, Körperverletzung  mit  tötlichem  Ausgange  erscheint  nicht  als  besonderes 
Delikt,  sodass  nur  die  beiden  Klassen:  vorsätzliche  und  fahrlässige  Tötung 
übrigbleiben,  woneben  für  Kindesmord,  Beihülfe  zum  Selbstmord  und  Tötung 
im  Zweikampf  besondere  Vorschriften  gegeben  sind.  1.  Mord  (homicidio;  hier 
wird  auch  die  Vergiftung  behandelt);  Strafe:  12 — 30  Jahre  Zuchthaus,  wenn 
einer  der  in  Alt.  294  aufgezählten  erschwerenden  Umstände  vorliegt,  sonst 
Zuchthaus  von  6 — 24  Jahren.  Bei  fahrlässiger  Tötung  beträgt  die  Strafdauer 
2  Monate  bis  2  Jahre.  Der  Tod  gilt  nur  dann  als  Folge  der  Verletzung, 
wenn  diese  entweder  nach  ihrer  Natur  oder  ihrem  Sitze  (per  sua  natureza  e 
8(5de)  absolut  wirkende  Ursache  des  Todes  war  oder,  obwohl  nicht  an  und 
für  sich  absolut  tötlich,  einer  Person  zugefügt  war,  deren  Konstitution  oder 
leidender  Zustand  sie  tötlich  wirken  Hess  (Art.  295).  2.  Kindesmord  (in- 
fanticidio)  ist  die  Tötung  eines  Neugeborenen  in  den  ersten  sieben  Tagen 
nach  der  Geburt  durch  positive  Handlungen  oder  Unterlassung  der  erforder- 
lichen Pflege.  Thäter  kann  jeder  sein;  die  besondere  Straf bestimmung  gilt 
nicht  nur  (wie  z.  B.  im  deutschen  Reichsstrafgesetzbuch  §  217)  für  die  ausser- 
eheliche Mutter;  doch  wird  diese,  wenn  sie  die  That  zur  Verbergung  ihrer 
Schande  begeht,  milder  (mit  Zuchthaus  von  3 — 9  Jahren)  bestraft,  während 
die    Strafdauer   für    andere   Personen   6 — 24   Jahre   beträgt.      3.    Wissentliche 


c)  Der  besondere  Teil.  189 


Anstiftung  und  Beihülfe  zum  Selbstmord  zieht  Zuchthaus  von  2- — 4  Jahren 
nach  sich  (Art.  299j.  4.  Abtreibung  der  Leibesfrucht  (aborto).  Die  Straf- 
losigkeit der  zur  Rettung  des  Lebens  der  Schwangeren  vom  Arzte  oder  der 
Hebamme  vorgenonmienen  Abtreibung  wird  in  Art.  302  ausdrücklich  aner- 
kannt. 5.  Körperverletzung  (lesiio  corporalj.  6.  Zweikampf  (duello).  Ausser 
dem  Zweikampfe  selbst  werden  bestraft:  a)  die  Herausforderung  (Art.  307); 
b)  die  Annahme  (Aj't.  308);  c)  das  Kartelltragen  (Art.  311);  d)  die  Beteiligung 
als  Zeuge  (padrinho,  Art.  311  §§  1,  2);  ej  wer,  ohne  an  dem  dem  Zweikampfe 
zu  Grunde  liegenden  Vorgange  beteiligt  gewesen  zu  sein,  sich  bereit  erklärt 
hat,  sich  für  eine  der  Parteien  zu  schlagen  (Art.  312);  f)  wer  einen  anderen 
öffentlich  um  deswillen  beschimpft  oder  der  allgemeinen  Verachtung  preis- 
giebt,  weil  dieser  die  Annahme  einer  P'orderung  abgelehnt  hat  oder  wer  einen 
solchen  durch  diese  Mittel  zur  Annahme  der  Forderung  zu  bestimmen  sucht 
(Art.  314j.  —  Die  Strafe  des  Zweikampfes  selbst  ist  nach  verschiedenen  Gesichts- 
punkten (Anlass,  Art  der  Waffen,  Kampfbedingungen,  Ausgang)  abgestuft  und 
beträgt  zwischen  14  Tagen  und  24  Jahren  Zuchthaus  (Artt.  309,  310,  313). 
Tötung  des  Gegners  wird  im  allgemeinen  mit  Zuchthaus  von  1 — 4  Jahren 
bestraft,  falls  nicht  wegen  des  Vorliegens  besonders  erschwerender  Umstände 
(Abwesenheit  von  Zeugen,  Ungleichheit  der  Waffen,  betrügerisches  Verhalten, 
gewinnsüchtiger  Beweggrund  u.  s.  w.)  die  Strafen  der  Tötung  Anwendung 
finden. 

Elfter  Titel.  Vergehen  gegen  die  Ehre  und  den  guten  Ruf; 
Artt.  315 — 325,  ein  Kapitel:  Verleumdung  und  Beleidigung.  Das  Gesetz  unter- 
scheidet „calumnia"  und  „injuria",  a)  „Calumnia",  Verleumdung,  ist  die 
unrichtige  Behauptung,  jemand  habe  ein  Verbrechen  oder  Vergehen  (crime) 
begangen.  Die  Fühining  des  Wahrheitsbeweises  ist  im  allgemeinen  gestattet 
und  befreit  von  Strafe  mit  Ausnahme  der  Fälle,  in  denen  das  Recht,  wegen 
des  behaupteten  Delikts  Straf  an  trag  zu  stellen,  ausschliesslich  gewissen  Personen 
zusteht  (Art.  315).  Strafe:  Zuchthaus  von  2  Monaten  bis  zu  2  Jahren  und 
Geldstrafe  von  200 — 1000  000  Reis  in  drei  Abstufungen  nach  der  Begehungs- 
art und  der  Person  des  Beleidigten  (Art.  316;.  b)  „Injuria",  Beleidigung,  liegt 
vor,  wenn  jemand  einem  anderen  1.  ein  Laster  oder  Fehler  nachsagt,  deren 
Bekanntwerden  ihn  dem  öffentlichen  Hass  oder  der  allgemeinen  Verachtung  aus- 
setzt, oder  von  einem  anderen  2.  Thatsachen  behauptet,  deren  Bekanntwerden 
seinen  Ruf,  sein  Ansehen  oder  seine  Ehre  schädigt,  oder  3.  in  Beziehung  auf 
einen  anderen  Worte,  Zeichen  oder  Geberden  anwendet,  die  nach  allgemeiner 
Ansicht  beleidigend  sind  (Art.  317);  ausserdem,  nach  Art.  420,  4.  wenn  jemand 
Fabrik-  oder  Handelsmarken  verwendet,  die  geeignet  sind,  einen  anderen  zu  be- 
leidigen, und  endlich  5.  wenn  jemand  Zeitungen,  Drucksachen  oder  Manuskripte 
beleidigenden  Inhalts  öffentlich  zum  Verkauf  anbietet,  um  Ärgernis  zu  eiTegen. 
Im  Gegensatz  zur  Verleumdung  ist  bei  der  Beleidigung  der  Wahrheitsbeweis 
im  allgemeinen  nicht  gestattet  und  nur  ausnahmsweise  zugelassen,  wenn  ein 
öffentlicher  Beamter  oder  eine  Behörde  in  Beziehung  auf  ihre  amtliche  Thätig- 
keit  beleidigt  worden  sind,  wenn  der  Beleidigte  die  Zulassung  des  Beweises 
genehmigt,  und  wenn  er  wegen  der  behaupteten  Thatsache  bereits  verurteilt 
ist  (Art.  318).  Die  Strafen  sind  etwas  niedriger  als  die  entsprechenden  Strafen 
der  calumnia  (Artt.  319  und  320).  Ist  es  zweifelhaft,  ob  eine  Äusserung 
eine  Verleumdung  oder  eine  Beleidigung  enthält,  so  kann  der  davon  Betroffene 
Aufklärung  vor  Gericht  verlangen;  verweigert  sie  der  Angeklagte  oder  ist 
die  von  ihm  gegebene  Erklärung  ungenügend,  so  erfolgt  die  Bestrafung  wegen 
der  Verleumdung  oder  Beleidigung,  die  man  in  der  Äusserung  finden  kann 
(Art.  321).  Wechselseitige  Beleidigungen  heben  sich  gegenseitig  auf  (Art.  322). 
Beleidigende  Äusserungen  der  Parteien  oder  ihrer  Vertreter  vor  Gericht  geben 


190  Brasilien.  —  III.  Das  Strafgesetzbucli  vom  11.  Oktober  1890. 


keinen  Grund  zu  einem  selbständigen  Strafverfahren,  werden  aber  auf  Antrag 
durch  das  in  der  betreffenden  Sache  erlassene  Urteil  mit  20  000 — 50  000  Reis 
Geldstrafe  geahndet  (Art.  323).  Ist  ein  Verstorbener  beleidigt  oder  verleumdet, 
so  sind  der  überlebende  Ehegatte,  die  Aszendenten,  Deszendenten  und  Geschwister 
des  Verstorbenen  zur  Strafverfolgung  berechtigt  (Art.  324).  Wer  infolge  von 
Bestechung  einen  anderen  verleumdet  oder  beleidigt,  hat  ausser  der  Regel- 
strafe noch  eine  dem  zehnfachen  Betrage  der  erhaltenen  oder  versprochenen 
Belohnung  gleiche  Geldstrafe  zu  erwarten  (Art.  825). 

Zwölfter  Titel.  Eigentumsvergehen  (Dos  crimes  contra  a  propriedade 
publica  e  particular);  Artt.  326 — 355,  fünf  Kapitel.  1.  Sachbeschädigung 
(damno,  Artt.  326—329).  2.  Diebstahl  (furto,  Artt.  330—335);  die  Strafe  ist 
zunächst  nach  dem  Werte  des  gestohlenen  Gegenstandes  abgestuft  (mit  erhöhten 
Strafandrohungen  für  unschätzbare  und  schwer  zu  schätzende  Urkunden,  wie 
Akten,  Testamente  u.  s.  w.j;  ausserdem  kennt  das  Gesetz  eine  Reihe  von 
qualifizierten  Thatbeständen.  Die  Unterschlagung  ist  als  besonderes  Delikt 
dem  brasilianischen  Rechte  unbekannt,  geht  vielmehr  im  Begriff  des  „furto" 
auf.  Die  Strafverfolgung  ist  ausgeschlossen  bei  Diebstählen  zwischen  nahen 
Angehörigen.  3.  Bankerutt  (fallencia).  Kaufleute  und  Nichtkaufleute  werden 
mit  verschiedenem  Masse  gemessen;  während  letztere  nur  strafbar  sind,  wenn 
sie  absichtlich  zum  Nachteile  ihrer  Gläubiger  handeln,  haften  erstere  auch  im 
Falle  des  fahrlässigen  Bankerutts  strafrechtlich.  4.  Betrug,  Untreue  und  andere 
unlautere  Handlungen  (Do  estellionato ,  abuso  de  confianga  e  outras  fraudes; 
Artt.  338 — 341).  Das  Gesetz  giebt  keine  Begriffsbestimmung  des  „estellionato", 
sondern  zählt  in  Art.  338  elf  Fälle  auf,  die  nach  deutschem  Strafrecht  nur 
zum  Teil  unter  den  Begriff  des  B(»truges  fallen,  im  übrigen  aber  als  Dieb- 
stahl, Urkundenfälschung,  Ausbeutung  Minderjähriger  oder  Wucher  bestraft 
werden  würden.  Die  in  Art.  340  behandelten  Fälle  des  „abuso  de  confian9a" 
würden  nach  deutschem  Recht  teils  als  Untreue,  teils  als  Vergehen  gegen 
handeis-  und  aktienrechtliche  Vorschriften  anzusehen  sein.  5.  Strafbare  Hand- 
lungen gegen  das  litterarische,  künstlerische,  gewerbliche  und  kommerzielle 
Eigentum  (Art.  342 — 355j.  Hier  finden  sich  auch  Strafandrohungen  gegen 
den  privaten  Abdruck  von  Gesetzen  und  Verordnungen. 

Dreizehnter  Titel.  Vergehen  gegen  die  Person  und  das  Eigen- 
tum (contra  a  pessoa  e  a  propriedade);  Artt.  356—363,  zwei  Kapitel.  1.  Raub 
(roboj,  zu  dem  auch  Fälle  gehören ,  die  nach  deutschem  Recht  als  schwerer 
Diebstahl  anzusehen  sein  würden.    2.  Erpressung  (extor9äo,  Artt.  362  und  363). 

III.  Die  Übertretungen  (contravengoes)  werden  im  dritten  Buche  in 
dreizehn  Kapiteln  CArtt.  364 — 404)  behandelt  und  bestehen  z.  T.  aus  That- 
beständen, die  in  anderen  Ländern  unter  die  Vergehen  eingereiht  sind,  wie 
z.  B.  Grabschändung  (Art.  365;,  Lotterievergehen  (Ai't.  367),  Glücksspiele 
(Artt.  362 ff.),  Beschädigung  öffentlicher  Denkmäler  und  Anlagen  (Artt.  389, 
390).  Andererseits  sind  die  angedrohten  Strafen,  namentlich  in  ihren  Mindest- 
massen, vielfach  bedeutend  höher,  als  in  anderen  Strafgesetzbüchern. 

Aus  den  zahlreichen  Thatbeständen  seien  nur  die  folgenden,  als  beson- 
deres Interesse  darbietend,  hervorgehoben.  Zu  den  in  Kapitel  6  behandelten 
gemeingefährlichen  Übertretungen  gehört  das  Halten  gefährlicher  Tiere  ohne 
Anwendung  der  nötigen  Vorsichtsmassregeln,  die  ungenügende  Bewachung 
Geisteskranker  von  S(4ten  der  zu  ihrer  Beaufsichtigung  Verpflichteten,  die 
Aufnahme  Geisteskranker  ohne  obrigkeitliche  Genehmigung,  die  Nichtanzeige 
ansteckender  Krankheiten  durch  Ärzte,  die  Versetzung  der  auf  öffentlichen 
Wegen  zur  Verhütung  von  Unfällen  angebrachten  Signale,  die  Hervorrufung 
falschen  Feuerlämis.  Kapitel  12  (Artt.  391 — 398)  beschäftigt  sich  mit  Bettlern 
und  Trunkenbolden.    Die  Bestrafung  der  ersteren  ist  verschieden,  je  nach  dem 


IV.  Die  Straf nebengesetze.  191 


körperlichen  Zustande  des  Thäters  (krank  und  arbeitsunfäliig  —  gesund  und 
arbeitsfähig)  und  der  Art  der  Bettelei  (schärfere  Bestrafung,  wenn  die  That 
von  mehreren,  nicht  verwandten  Personen  begangen  wurde).  Die  Bettelei 
arbeitsunfähiger  Personen  an  Orten  ohne  Verpflegungsstation  ist  nicht  strafbar; 
sonst  beträgt  die  Strafe  Zuchthaus  von  8  Tagen  bis  zu  3  Monaten;  wer  einem 
unter  seiner  Gewalt  stehenden  noch  nicht  14  Jahre  alten  Kinde  zu  betteln 
gestattet,  hat  Zuchthaus  von  1 — 3  Monaten  verwirkt.  Sehr  eingehende  Vor- 
schriften existieren  zur  Bekämpfung  der  Trunksucht.  Strafbar  ist  nicht  nur, 
wer  sich  in  trunkenem  Zustande  öffentlich  zeigt  (selbst  wenn  niemand  daran 
Anstoss  nimmt),  sondern  auch  der  Gewohnheitstrinker  als  solcher;  die  Straf- 
barkeit hängt  nicht  davon  ab,  dass  dieser  infolge  seines  Lasters  seine  Pflichten 
gegen  die  Familie  nicht  erfüllt  oder  etwa  der  öffentlichen  Armenpflege  anheim- 
fällt. Ausserdem  wird  bestraft,  wer  an  einem  vom  Publikum  besuchten  Orte 
einem  anderen  geistige  Getränke  verabreicht,  um  ihn  betrunken  zu  machen 
oder  seine  Trunkenheit  zu  erhöhen.  —  Als  Landstreicher  (vagabundo)  oder 
Arbeitsscheuer  (vadio)  wird  mit  Zuchthaus  von  15 — 30  Tagen  bestraft,  wer 
nicht  im  Besitze  der  nötigen  Mittel  zum  Unterhalt  sowie  eines  festen  Wohn- 
sitzes ist  und  weder  ein  Gewerbe,  noch  einen  Beruf,  noch  ein  Amt  ausübt, 
femer  wer  nachgewiesenermassen  seinen  Lebensunterhalt  durch  gesetzlich  ver- 
botene oder  offenkundig  unsittliche  Mittel  erwirbt.  Im  Urteil  ist  dem  Schuldigen 
aufzugeben,  sich  binnen  zwei  Wochen  nach  Verbüssung  der  Strafe  Arbeit  zu 
verschaffen.  Verurteilte  unter  14  Jahren  werden  in  gewerblichen  Zwangs- 
arbeitsanstalten (estabelecimentos  disciplinares  industriaes;  vgl.  oben  S.  181) 
untergebracht,  wo  sie  bis  zu  21  Jahren  zurückbehalten  werden  können  (Art.  399). 
Verui'teilte ,  die  sich  keine  Arbeit  verschaffen  oder  sich  wiederholt  strafbar 
machen,  werden  in  eine  der  auf  den  brasilianischen  Inseln  oder  an  der  Grenze 
zu  gründenden  Strafkolonien  (colonias  penaes)  geschickt  oder,  wenn  sie  Aus- 
länder sind,  aus  dem  Bundesgebiete  ausgewiesen  (Art.  400 j.  Die  auf  Grund 
der  Art.  399  und  400  ausgesprochene  Bestrafung  erlischt  (ficarä  extincta), 
wenn  der  Verurteilte  den  Besitz  hinreichender  Subsistenzmittel  nachweist;  die 
Vollstreckung  wird  aufgeschoben,  sobald  er  genügende  Sicherheit  leistet  (Art.  401). 
Ähnliche  Strafbestimmungen  gelten  für  die  öffentliche  Ausübung  des  Berufes 
als  Gaukler  1),  (Artt.  402—404). 


IV.  Die  Strafnebengesetze. 

Wie  bereits  bemerkt,  sind  neben  dem  Strafgesetzbuclie  nach  Art.  410 
alle  Gesetze  und  Regulative  auf  dem  Gebiete  des  Finanz-  und  Handelswesens, 
der  allgemeinen  Verwaltung  und  Polizei  sowie  die  Bestimmungen  über  Sitzungs- 
polizei, soweit  alle  diese  Vorschriften  Geld-  oder  Disziplinarstrafen  androhen, 
in  Kraft  geblieben,  sofern  sie  nicht  ausdrücklich  aufgehoben  sind.  Dagegen 
wird  die  weitere  Geltung  aller  dem  Strafgesetzbuche  widersprechenden  Gesetze 
durch  Art.  412  ausdrücklich  ausgeschlossen.  Hiernach  kann  die  Rechtsbestän- 
digkeit der  vor  dem  Strafgesetzbuche  vom  11.  Oktober  1890  erlassenen  Straf- 
nebengesetze in  gewissen  Fällen  Zweifeln  unterliegen.  Ohne  diese  endgültig 
lösen  zu  wollen,  sollen  im  folgenden  lediglich  die  wichtigsten  der  aus  früherer 
Zeit  stammenden  sowie  der  später  erlassenem  Gesetze  zusammengestellt  werden. 

^)  Die  betreffende  Bestimmung  des  Art.  402  bedroht  mit  Strafe:  „Fazer  nas  ruas 
e  pra<;as  publica»  exercicios  de  agilidade  o  destreza  corporal  conhecido»  pela  denomina^Äo 
capoeiragem  .  .  .".  Dieses  letzte,  in  der  portugiesischen  Schriftsprache  anscheinend 
sonst  nicht  vorkommende  Wort  stammt  von  „capoeiro",  d.  h.  Waldmensch,  Landstreicher. 


192  Brasilien.  —  IV.  Die  Straf nebengesetze. 


a)  Ältere  Gesetze  aus  der  Zeit  vor  der  Publikation  des  Strafgesetzbuches. 

1.  Gesetz  betr.  die  strafbaren  Handlungen  in  Beziehung  auf  den  Militär- 
dienst von  1851. 

2.  Gesetz  über  die  Rekrutierung  vom  26.  September  1874;  schafft  die 
körperliche  Züchtigung  in  der  Armee  ab;  vgl.  Annuaire  de  legislation  ötrang^re 
Bd.  7  S.  835. 

3.  Gesetz  über  die  landwirtschaftlichen  Dienstmietverträge  vom  15.  März 
1879;  Diario  official  Nr.  285  vom  23.  Oktober  1879;  französische  Übersetzung 
mit  Bemerkungen  von  Ourem  im  Annuaire  de  legislation  6trangöre  Bd.  9  S.  919 
bis  958;  Straf bestimmungen :  Kapitel  6  Artt.  69 — 80. 

4.  Patentgesetz  vom  14.  Oktober  1882;  französische  Übersetzung  mit 
Bemerkungen  von  Ourem  im  Annuaire  de  l(5gislation  etrang^^re  Bd.  12  S.  1068 
bis  1080;  die  Straf  bestimmungen  (Art.  6  §§  6  und  7)  dürften  durch  Artt.  351 
und  352  des  Strafgesetzbuches  beseitigt  sein. 

5.  Gesetz  über  die  Errichtung  von  Aktiengesellschaften  vom  4.  November 
1882;  französische  Übersetzung  mit  Bemerkungen  von  Ourem  im  Annuaire 
de  legislation  etrang^re  Bd.  12  S.  1080 — 1099.  Die  Strafbestimmungen  dieses 
Gesetzes  (Artt.  26 — 30)  sind  durch  Art.  341  des  Strafgesetzbuches  aufrecht 
erhalten.  Eine  Abänderung  des  Gesetzes  ist  durch  Verordnungen  vom  17.  Januar 

1890  (Annuaire  de  legislation  etrang^re  Bd.  20  S.  932—934)  und  vom  4.  Juli 

1891  (Jahrbuch    der    Internationalen   Vereinigung    für   vergleichende   Rechts- 
wissenschaft und  Volkswirtschaftslehre  zu  Berlin  Bd.  2  S.  183)  erfolgt. 

6.  Internationale  Übereinkunft  über  den  Schutz  der  unterseeischen  Kabel 
vom  14.  März  1884.  Zu  den  27  beteiligten  Staaten  gehört  auch  Brasilien; 
das  zur  Ausführung  der  Übereinkunft  erforderliche  Gesetz  ist  am  14.  Januar 
1888  erlassen;  Annuaire  de  legislation  etrangere  Bd.   18  S.  1007. 

7.  Verordnung  vom  22.  April  1887  betreffend  die  Bekanntmachung  des 
neuen  Zolltarifs;  Annuaire  de  legislation  etrang(!jre  Bd.  17  S.  957. 

8.  Verordnung  vom  14.  Juli  1887  über  die  Einziehung  der  direkten 
Steuera;  Annuaire  de  legislation  etrangere  a.  a.  0. 

9.  Gesetz  vom  14.  Oktober  1887  über  die  Eintragung  der  Fabrik-  und 
Handelsmarken;  französische  Übersetzung  mit  Bemerkungen  von  Our^m  im 
Annuaire  de  legislation  etrang(*re  Bd.  17  S.  973 — 984.  Die  Strafbestimmungen 
Artt.  14 — 22  dürften  durch  Artt.  353 — 355   des  Strafgesetzbuches  ersetzt  sein. 

10.  Gesetz  vom  24.  November  1888  betr.  die  Enteignung  der  zur  Wasser- 
versorgung der  Städte  erforderlichen  Grundstücke  aus  Gründen  des  öffent- 
lichen Wohls;  französische  Übersetzung  von  Our^m  im  Annuaire  de  legislation 
etrangere  Bd.  23  S.  1032—1034;  Straf  bestimmungen  Art.  26. 

11.  Gesetz  vom  24.  November  1888  über  Emissionsbanken;  französische 
Übersetzung  von  Ourem  im  Annuaire  de  legislation  ^trang^re  Bd.  18  S.  1034; 
Strafbestimmungen  Art.  1   S.  4. 

12.  Verordnung  vom  16.  November  1889  über  die  Abschaffung  der  körper- 
lichen Züchtigung  in  der  Kriegsmarine;  Annuaire  de  legislation  etrangere 
Bd.  19  S.  1007. 

13.  Verordnung  vom  18.  Dezember  1889  über  die  Sanitätspolizei;  Annuaire 
de  legislation  etrangere  Bd.  19  S.  997  und  1010. 

14.  Verordnung  vom  21.  Juni  1890  betreffend  die  Bekanntmachung  des 
Disziplinargesetzes  für  die  Flotte.  Das  in  Art.  24  enthaltene  Verzeichnis  der 
gegen  Offiziere  zulässigen  Strafen  ist  durch  Verordnung  vom  28.  November 
1890   wieder   abgeändert;   Annuaire   de   legislation   etrangere   Bd.  20   S.  904. 

15.  Gesetz  vom  24.  Januar  1890  über  die  Civilehe;  Annuaire  de  legislation 
etrangere  Bd.  20  S.  924—929;  Straf  bestimmungen  S.  928. 


V.  Reformbestrebungen.  193 


b)  Neue  Gesetze  seit  dem  11.  Oktober  1890. 

1.  Verordnung  über  die  Veröffentlichung  des  Strafgesetzes  für  die  Marine 
vom  5.  November  1890.  Dieses  Gesetz,  dessen  Geltung  kurz  nach  seiner 
Veröffentlichung  einstweilen  suspendiert  wurde,  ist  inzwischen  einer  Revision 
nvkerzogen  und  in  der  neuen  Fassung  am  7.  März  1891  publiziert.  (Annuaire 
de  l^gislation  ^trang^re  Bd.  24  8.  1011.)  Für  das  Landheer  gelten  noch  immer 
die  veralteten,  mit  dem  Namen  des  Grafen  von  Lippe  verknüpften  portugie- 
sischen Bestimmungen. 

2.  Bundes-Gerichtsverfassungs-Gesetz  vom  11.  Oktober  1890;  Annuaire 
de  16gislation  ötrang^re  Bd.  20  S.  912. 

3.  Konkursordnung  vom  24.  Oktober  1890;  Annuaire  de  l^gislation 
^trangöre  Bd.  20  S.  935. 

4.  Verordnungen  vom  11.  Oktober  und  14.  November  1890  über  die 
Verfassung  der  Ortsgerichte;  Annuaire  de  16gislation  ^trang^re  Bd.  20  S.  912 
und  923. 

5.  Gesetz  vom  12.  Dezember  1890  betreffend  die  neue  Fassung  der 
Artt.  205  und  206  des  Strafgesetzbuches. 

6.  Gesetz  vom  8.  Januar  1892  über  die  strafrechtliche  Verantwortlich- 
keit des  Präsidenten  der  Republik  für  Delikte,  die  er  in  dieser  Eigenschaft 
begangen  hat;  die  einzigen  angedrohten  Strafen  sind  Verlust  des  Amtes  und 
Unfähigkeitserklärung  für  alle  übrigen  Ämter  (das  sogenannte  „empeachment" 
des  amerikanischen  Rechts).  Das  dabei  anzuwendende  Verfahren  ist  durch 
Gesetz  vom  7.  Dezember  1892  geregelt;  Annuaire  de  l^gislation  6trang6re 
Bd.  24  8.  1021. 

7.  Gesetz  vom  30.  Januar  1892  über  die  Auslieferung  von  Verbrechern 
unter  den  brasilianischen  Einzelstaaten;  Annuaire  de  l^gislation  ötrangfere 
Bd.  24  S.  1023. 

8.  Gesetz  vom  12.  Juli  1893  betreffend  die  Gründung  einer  Korrektions- 
anstalt für  Landstreicher  und  Bettler  im  Staate  Rio  de  Janeiro;  Annuaire  de 
legislation  ^trangere  Bd.  24  S.  1058;  vgl.  oben  S.  181  Anm.  2. 


V.  Reformbestrebungen. 

Unter  einem  Teil  der  brasilianischen  Juristen  ist  die  Meinung  verbreitet, 
dass  die  Verfasser  des  geltenden  Strafgesetzbuchs  die  geschichtliche  Grundlage 
des  brasilianischen  Strafrechts  in  grösserem  Umfange,  als  es  erforderlich  ge- 
wesen wäre,  verlassen  haben.  Eine  unter  dem  Vorsitze  von  Vieira  de  Araüjo 
gebildete  Kommission  hat  deshalb  im  Jahre  1893  den  Entwurf  eines  neuen 
Strafgesetzbuches  ausgearbeitet,  der  mehrfach  veröffentlicht  ist  (siehe  die 
Litteraturangaben  S.  171)  und  sich  in  höherem  Grade,  als  das  geltende  Gesetz, 
an  das  brasilianische  Kriminalgesetzbuch  von  1830  anlehnt,  nichtsdesto- 
weniger aber  im  Anschluss  an  die  geltenden  Strafgesetzbücher  von  Deutsch- 
land, Ungarn,  Holland  und  Italien  manche  zeitgemässe  Neuerungen  enthält. 
Unter  die  Strafen  ist,  als  Ersatz  für  die  durch  die  Bundesverfassung  ab- 
geschaffte Todesstrafe,  das  lebenslängliche  Zuchthaus  (ergastulo)  wieder  auf- 
genommen, Unfähigkeit  zur  Bekleidung  öffentlicher  Ämter  und  Stellung  unter 
Polizeiaufsicht  zugelassen,  auch  bedingte  Vemrteilung  und  Entlassung  vor- 
gesehen.    Bislang  ist  der  Entwurf  nicht  Gesetz  geworden. 


Strafgesetzgebung  der  Gegenwart.    II.  23 


xm. 


VEREINIGTE  STAATEN 


VON 


AMERIKA. 


Von 

Joseph  E  Beale, 

Professor  des  Strafrechts  an  der  Harrard-Universitftt  au  Cambridge,  Mass. 

(Übersetzung  aus  dem  Englischen 
von  Dr.  Georg  Cmsen,  Gerichtsassessor  im  Königlich  Preussischen  Justizministerium  zu  Berlin.) 


13* 


Übersicht 


I.  Einleitung. 

§  1.  Geschichte  und  Quellen.    §  2.  Verfassungsrechtliche  Bestimmungen. 
II.  Allgemeine  Grundsätze. 

§  3.  Strafverfahren.   §  4.  Zuständigkeit,   g  5.  Thäterschaft  und  Teilnahme. 
§  6.  Strafausschliessungsgründe.  —  Versuch.    §  7.  Das  Strafensystem. 
III.  §  8.  Die  einzelnen  strafbaren  Handlungen. 


L  Einleitmig. 

§  1.  Geschichte  und  QneUen. 

I.  Die  Verschiedenheit  der  Gesetze  in   den  einzelnen  Staaten. 
In  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  besteht  neben  dem  ^Congress 

of  the  United  States^  in  jedem  der  fünfundvierzig  Staaten  und  drei  Territorien 
eine  gesetzgebende  Körperschaft,  mit  der,  durch  die  Verfassung  der  Vereinigten 
Staaten  und  jedes  einzelnen  Bundesstaates  geregelten  Befugnis,  ohne  Rücksicht 
auf  die  übrigen  Staaten  selbständig  Gesetze  zu  erlassen.  Die  natürliche  Folge 
ist,  dass  es  nicht  zwei  Staaten  giebt,  die  eine  völlig  übereinstimmende  Gesetz- 
gebung haben.  Eine  erschöpfende  Darstellung  der  Strafrechtssysteme  aller 
Staaten  liegt  ausserhalb  des  Rahmens  dieser  Abhandlung.  Indes  besteht  trotz 
aller  Verschiedenheit  im  einzelnen  eine  grosse  Verwandtschaft  der  Rechts- 
systeme in  ihren  Grundlagen.  Der  Umstand,  dass  jeder  Staat  in  der  Lage 
ist,  Bestimmungen,  welche  in  anderen  Teilen  der  Union  oder  in  England  sich 
als  brauchbar  erwiesen  haben,  zu  übernehmen,  ermöglicht  es,  die  allen  oder 
wenigstens  einem  grossen  Teile  der  Gesetzgebungen  gemeinsamen  Grundsätze 
hervorzuheben,  ohne  durch  Berücksichtigung  unwichtiger  Einzelheiten  die  Klar- 
heit und  Übersichtlichkeit  des  Bildes  zu  beeinträchtigen.  In  der  Regel  macht 
sich  die  Verschiedenheit  zwischen  den  Staaten  in  doppelter  Richtung  bemerk- 
bar: einerseits  haben  manche  Staaten  einige  neue  Gesetze  von  anderen  Staaten 
übernommen,  andere  dagegen  für  ihre  eigenen  Bedürfnisse  geschaffen,  die  in 
den  übrigen  Staaten  nicht  gelten;  zweitens  aber  ist  der  Kreis  der  strafbaren 
Handlungen  nicht  überall  gleich:  es  giebt  Thatbestände ,  die  in  dem  einen 
Territorium  mit  Strafe  bedroht,  in  anderen  dagegen  straflos  sind. 

Im  folgenden  sollen  nur  solche  Bestimmungen  berücksichtigt  werden,  die 
entweder  wegen  ihrer  allgemeinen  Geltung  oder  wegen  ihrer  grossen  Wichtig- 
keit besondere  Bedeutung  beanspruchen. 

II.  Besonderes  Recht. 

1.  Militärrecht.  Die  besonderen  Strafgesetze  sind  für  die  Vereinigten 
Staaten  nahezu  bedeutungslos.  Allerdings  bestehen  für  Landheer  und  Flotte 
auf  Grund  von  Kongressbeschlüssen  besondere,  im  wesentlichen  mit  den  eng- 
lischen übereinstimmende  Spezialvorschriften  (martial  law).  Indes  sind  sowohl 
das  stehende  Heer  wie  die  Kriegsmarine  nur  klein  und  die  Abweichungen  des 
für  sie  geltenden  Rechts  vom  gemeinen  unbedeutend.  Soldaten  und  Matrosen 
sind  stets  auch  dem  letzteren  (municipal  criminal  law)  unterworfen.  Eine 
nach  diesem  strafbare  Handlung  wird  nicht  dadurch  straflos,  dass  sie  auf  Be- 
fehl eines  Vorgesetzten  verübt  wurde,  wenigstens  dann  nicht,  wenn  der  Unter- 
gebene die  Ungesetzlichkeit  des  Befehls  hätte  kennen  müssen  (vgl.  United 
States  V.  Jouet,  3  Washington's  U.  S.  Circuit  Court  Reports,  209;  United  States 
V.  Clark,  31  Federal  Reporter  710). 


198  Vereinigte  Staaten  von  Amerika. 


2.  Indianer-Gesetzgebung.  Die  Indianer  haben  die  ihren  Stämmen 
eigentümlichen  Einrichtungen  unter  Aufsicht  des  Bundes  behalten  und  stehen 
bezüglich  ihrer  inneren  Verhaltnisse  unter  ihren  eigenen  Gesetzen.  Auf  die 
von  einem  Indianer  gegen  einen  anderen  Indianer  begangenen  strafbaren 
Handlungen  finden  die  Stammesgesetze  nur  dann  Anwendung,  wenn  beide  im 
Indianer-Gebiete  leben  (Revised  Statutes  of  the  United  States  §  2146).  In 
allen  anderen  Fällen  dagegen  sind  für  die  innerhalb  des  Bundesgebiets  liegen- 
den Indianer -Territorien  die  allgemeinen  Gesetze  der  Vereinigten  Staaten 
massgebend  (a.  a.  O.  §  2145). 

IIL   Geschichte  und  Quellen  des  Strafrechts. 

1.  Die  englischen  Kolonieen.  In  allen  von  den  Engländern  zuerst 
besiedelten  oder  sehr  früh  erworbenen  Staaten  überwog  von  Anfang  an  das 
englische  gemeine  Recht  (common  law  of  England).  So  galt  es  zur  Zeit  der 
amerikanischen  Revolution  in  allen  jetzt  zu  den  Vereinigten  Staaten  gehörigen 
Ländern,  die  östlich  vom  Mississippi  und  nördlich  von  Florida  liegen. 

Die  strafrechtlichen  Bestimmungen  des  common  law  sind  anscheinend  in 
der  Kolonie  Massachusetts  Bay  während  der  Zeit  ihres  Bestehens  (1628 — 1692) 
nicht  in  Geltung  gewesen.  Vielmehr  war  hier  ein  auf  dem  mosaischen  Recht 
beruhendes  Strafgesetzbuch  in  Kraft  (General  Laws  and  Liberties  of  Massa- 
chusetts, Cambridge  1672).  Mit  der  Einführung  der  Provinzialverfassung 
machte  dieses  dem  gemeinen  Rechte  Platz.  Die  Kolonie  Connecticut  hatte  ein 
ähnliches  Gesetz,  dessen  Spuren  sich  noch  im  geltenden  Recht  dieses  Staates 
nachweisen  lassen  dürften.  New  York,  das  zuerst  von  den  Holländern  be- 
siedelt wurde,  stand  zunächst  unter  der  Herrschaft  des  holländischen  Rechts, 
dessen  Einwirkung  auf  die  Strafgesetzgebung  indes  schon  zur  Zeit  der  Re- 
volution nicht  mehr  zu  bemerken  ist. 

2.  Die  spanischen  und  französischen  Kolonieen.  Der  südliche 
und  westliche  Teil  der  Vereinigten  Staaten  wurde  zunächst  von  spanischen 
und  französischen  Kolonisten  besetzt  und  erst  in  diesem  Jahrhundert  dem 
Bunde  angeschlossen.  In  den  Gebieten,  in  welchen  die  französischen  und 
spanischen  Elemente  überwogen,  blieben  auch  nach  dem  Anschluss  die  ent- 
sprechenden Rechtsgrundsätze  massgebend,  bis  sie  durch  die  neuere  Gesetz- 
gebung verdrängt  wurden.  Es  kommen  in  dieser  Beziehung  besonders  die 
Staaten  Louisiana,  Texas,  Florida,  California  sowie  die  Territorien  New-Mexiko 
und  Arizona  in  Betracht.  Obgleich  schon  1805  die  Gesetzgebung  von  Louisiana 
(später  das  Territorium  von  Orleans)  das  englische  criminal  common  law  an- 
nahm (Laws  of  Louisiana  von  1805,  S.  440,  §  3),  überwog  doch  auf  dem 
Gebiete  des  Privatrechts  der  französische  Einfluss.  In  allen  übrigen  von  den 
vorgenannten  Territorien  wurde  das  gemeine  Strafrecht  frühzeitig  durch  Ge- 
setz (Statute)  eingeführt.  Eine  Nachwirkung  des  früheren  Strafrechts  auf  die 
geltende  Gesetzgebung  ist  in  keinem  dieser  Staaten  bemerkbar. 

3.  Nullum  crimen  sine  lege.  Für  die  Bundesgerichte  der  Vereinigten 
Staaten  (federal  courts)  sowie  für  die  Staaten  Ohio  und  Iowa  gilt  der  Grund- 
satz, dass  eine  Handlung  als  Verbrechen  (crime)  nur  dann  bestraft  werden  kann, 
wenn  sie  zuvor  durch  ausdrückliches  Gesetz  (express  statutorj''  provision)  für 
strafbar  erklärt  ist.  Ein  Gesetz  gleichen  Inhalts  ist  in  Indiana  und  anderen 
Staaten  erlassen.  Von  den  Staaten  haben  einige,  wie  später  darzustellen  ist, 
vollständige  Strafgesetzbücher;  in  allen  übrigen  sind  wenigstens  die  wichtigsten 
Delikte,  insbesondere  bezüglich  des  Strafmasses,  gesetzlich  geregelt. 

Für  die  Auslegung  aller  Gesetze  strafrechtlichen  Inhalts  dient  das  „com- 
mon law"  als  gemeinsame  Grundlage. 


I.  Einleitung.  —  §  1.   Geschichte  und  Quellen.  199 


IV.  Gesetzesrecht. 

1.  Beziehungen  zwischen  den  Gesetzgebungen  verschiedener 
Staaten.  Wenn  es  auch,  wie  bereits  erwähnt,  nicht  zwei  Staaten  mit  völlig 
übereinstimmendem  Recht  giebt,  so  lassen  sich  doch  mehrere  Gruppen  auf- 
stellen, deren  Staaten  untereinander  in  zahlreichen  Punkten  eine  Überein- 
stimmung zeigen.  So  ist  das  Strafgesetzbuch  (Penal  Code)  von  New  York 
nahezu  wörtlich  in  Minnesota  nachgeahmt  und  stinmit  im  wesentlichen  mit 
denen  von  California,  Dakota,  Arizona  und  einigen  anderen  westlichen  Staaten 
überein.  Die  Strafgesetze  mehrerer  Südstaaten  (so  u.  a.  Virginia,  Alabama  und 
Texas)  sind  einander  sehr  ähnlich;  das  Strafgesetzbuch  von  Nebraska  ist  ihnen 
nahe  verwandt.  Dagegen  hat  das  Strafgesetzbuch  von  Georgia  —  übrigens 
eines  der  ältesten  amerikanischen  Strafgesetzbücher  —  verschiedene  nur  ihm 
eigentümliche  Bestimmungen.  Massachusetts  und  die  übrigen  New-England- 
Staaten:  New  Jersey,  Pennsylvania,  Delaware,  Ohio,  sowie  verschiedene 
Central-Staaten  haben  das  gemeine  Recht  ohne  wesentliche  gesetzgeberische 
Änderungen  beibehalten. 

2.  Übersicht  über  die  erlassenen  Strafgesetze. 

A.  In  verschiedenen  Staaten  hat  eine  erschöpfende  Kodifizierung 
des  Straf  rechts  stattgefunden.  In  einigen  (Arizona,  California,  Dakota, 
Texas )  können  nur  die  im  Strafgesetzbuche  erwähnten  Handlungen  mit 
Strafe  belegt  werden;  andrerseits  ist  in  Idaho  das  „common  law"  ausdrück- 
lich in  Kraft  belassen.  Die  folgende  Zusammenstellung  giebt  eine  Übersicht 
über  die  erlassenen  Strafgesetzbücher  nebst  den  noch  gültigen  Abänderungs- 
gesetzen. 

a)  Alabama.  Das  Strafgesetzbuch  (Criminal  Code)  bildet  den  II.  Teil 
des  Code  von  1887,  ist  zu  Nashville  (Tennessee)  1887  erschienen  und  wird 
alle  zwei  Jahre  ergänzt  durch  die  Acts  of  Alabama  (letzter  Band:  Mont- 
gomery  1897). 

b)  Arizona.  Penal  Code  of  Arizona  (Prescott  1887).  Wird  alle  zwei 
Jahre  ergänzt;  letzter  Band:  Laws  of  Arizona,  Phoenix  1897. 

c)  California.  Penal  Code  of  California  von  1872;  die  neuesten  Aus- 
gaben sind  von  Desty  (San  Francisco  1881)  und  Deering  (San  Francisco  1885). 
Alle  zwei  Jahre  erscheinen  Nachträge  und  Änderungen  (Statutes  and  Amende- 
ments to  the  Code,  zuletzt  Sacramento  1897). 

d)  Dakota.  Das  Strafgesetzbuch  ist  enthalten  in  den  Compiled  Laws 
of  the  Territory  of  Dakota  (Bismarck  1887).  Nachdem  das  Territorium  ge- 
teilt und  in  der  Form  von  zwei  selbständigen  Staaten  in  den  Bund  auf- 
genommen ist,  erscheinen  die  Gesetze,  und  zwar  alle  zwei  Jahre,  In  zwei  ge- 
trennten Ausgaben:  Laws  of  North  Dakota  (Bismarck,  zuletzt  1897)  und 
Session  Laws  of  South  Dakota  (Pierre  1897);  vgl.  North-Dakota. 

e)  Georgia.  Das  Strafgesetzbuch  ist  von  1895  (Atlanta  1896);  die  laufende 
Gesetzgebung  wird  in  den  Series  of  Georgia  Laws  veröffentlicht. 

f)  Idaho.  Das  Strafgesetzbuch  ist  enthalten  in  den  Revised  Statutes 
(Boise  City  1887).  Spätere  Gesetzgebung:  General  Laws  of  Idaho  (Boise  City, 
«•scheinen  alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

g)  Minnesota.  Das  Strafgesetzbuch  ist  in  den  General  Statutes  (St.  Paul 
1894)  enthalten.  Die  alle  zwei  Jahre  erscheinende  Ausgabe  der  erlassenen 
Gesetze  heisst:  General  Laws  of  Minnesota  (St.  Paul,  zuletzt  1893). 

h)  Nebraska.  Der  Criminal  Code  vonl873  ist  mit  den  bis  1893  erlassenen 
Nachtragsgesetzen  in  den  Compiled  Statutes  of  Nebraska  (Lincoln  1893)  ab- 
gedruckt. 


200  Vereinigie  SUalen  von  Amerika. 


i)  New  York.  Das  Strafgesetzbuch  (Penal  Code;  von  1881  ist  in  zahl- 
reichen Ausgaben  (New  York  und  Albany  1881  — 1893)  erschienen.  Die 
geltenden  Gesetze  enthAlt:  Session  Laws  of  New  York  (erscheint  in  Albany 
alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

k)  North-Dakota.  Das  Strafgesetzbuch  (eine  neue  Ausgabe  des  Dakota- 
Code)  ist  in  den  Revised  Codes  of  1895  enthalten. 

l)  Oklahoma.  Das  Strafgesetzbuch  tou  1893  ist  in  den  Statutes  of 
Oklahoma«  Outhrie  1893,  enthalten. 

m)  Oregon.  Der  Criminal  Code  von  1864  ist  abgedruckt  in  The  Code 
of  Oregon,  second  edition  annotated  (San  Francisco  1892).  Die  geltende  Ge- 
setzgebung wird  alle  zwei  Jahre  in  den  Laws  of  Oregon  (Salem,  zuletzt  1897) 
veröffentlicht. 

n)  Texas.  Penal  Code  of  Texas  (Austin  1895).  Die  geltende  Gesetz- 
gebung bringen  die  in  zweijälirigen  Zwischenrftumen  erscheinenden  Laws  of 
Texas  (Austin,  zuletzt  1897). 

o)  Utah.  Der  Penal  Code  von  1876  ist  in  den  Compiled  Laws  of  Utah 
(Salt  Lake  City  1888)  enthalten.  Die  geltende  Gesetzgebung  wird  alle  zwei 
Jahre  in  den  Laws  of  Utah  (Salt  Lake  City,  zuletzt  1896)  veröffentlicht. 

p)  Virginia.  Das  Strafgesetzbuch  (Penal  Code)  enthält  der  Code  of 
Virginia  (Richmond  1887).  Die  geltenden  Gesetze  bringen  die  in  zweijährigen 
Zwischenräumen  erscheinenden  Acts  of  Assembly  of  Virginia  (Richmond,  zu- 
letzt 1896). 

q)  Washington.  Penal  Code  abgedruckt  in  Annotated  Statutes  and 
Codes  (San  Francisco  1891);  laufende  Gesetzgebung  in  Laws  of  Washington 
(erscheint  alle  zwei  Jahre  —  zuletzt  1897  —  in  Olympia). 

B.  Revision  der  Gesetzgebung.  In  fielen  Staaten  werden  die  vor- 
handenen Gesetze  von  Zeit  zu  Zeit  einer  allgemeinen  Revision  unterzogen, 
indem  die  derzeit  geltenden  Vorschriften  systematisch  geordnet  und  auf  ihre 
Zweckmässigkeit  hin  geprüft  werden.  Die  so  hergestellten  Gesetze  bleiben 
dann  gewöhnlich  die  Grundlage  für  das  geschriebene  Recht,  das  lediglich 
durch  die  laufende  Gesetzgebung  ergänzt  wird,  bis  eine  neue  Revision  ver- 
anstaltet wird.  Bei  diesen  Staaten  sind  daher  die  Strafgesetze  in  der  „Re- 
vision" enthalten  und  bilden  einen  logisch  geordneten  Komplex  von  straf- 
rechtlichen Bestimmungen,  ähnlich  den  englischen  Consolidation  Acts,  nicht 
aber  eine  das  gesamte  Strafrecht  enthaltende  Kodifikation. 

1.  In  einigen  dieser  Staaten  wird  die  „Revision"  amtlich  veröffentlicht, 
bleibt  bis  zur  nächsten  Revision  unverändert  und  wird  ergänzt  durch  die 
laufende  Gesetzgebung. 

a)  Vereinigte  Staaten.  Die  Kongressbeschlüsse  (Acts  of  Congress) 
sind  in  der  angegebenen  Weise  bearbeitet  und  als  Revised  Statutes  of  the 
United  States  (Washington  1874,  zweite  Aufl.  daselbst  1878)  veröffentlicht 
worden.  Die  laufende  Gesetzgebung  erscheint  jährlich  in  den  Statutes  of  the 
United  States  of  America  (Washington,  zuletzt  1897)  und  ist  auch  unter  der 
Bezeichnung  Statutes  at  Large  herausgegeben. 

h)  Connecticut.  General  Statutes  of  Connecticut,  Hartford  1888.  Alle 
zwei  Jahre  erscheint  die  laufende  Gesetzgebung  als  Public  Acts  of  Connecticut, 
Hartford,  zuletzt  1897. 

c)  Delaware.  Revised  Code  of  1852  with  amendments  to  1893,  Wil- 
mington  1893.  Zweijährliche  Übersicht  über  die  Gesetzgebung  unter  dem 
Titel  Laws  of  Delaware,  Dover,  zuletzt  1897. 

d)  Florida.  Revised  Statutes,  Jacksonville  1892.  Laws  of  Florida 
(alle  zwei  Jahre),  Tallahassee,  zuletzt  1897. 


I.  Einleitung.  —  8  1.  Geschichte  und  Quellen.  201 


e)  Maine.  Kevised  Statutes,  Portland  1884.  Laws  of  Maine  (alle  zwei 
Jahre),  Augusta,  zuletzt  1897. 

f)  Maryland.  Code  of  Public  General  Laws,  Baltimore  1888.  Laws 
of  Maryland  (alle  zwei  Jahre),  Annapolis,  zuletzt  1896. 

g)  Massachusetts.  Public  Statutes,  Boston  1882.  Acts  and  Resolves 
of  Massachusetts  (alljährlich),  Boston,  zuletzt  1897. 

h)  Mississippi.  Strafgesetzbuch  mit  Anmerkungen  (Annotated  Code 
of  Mississippi),  Nashville  (Tennessee)  1892.  Laws  of  Mississippi  (alle  zwei 
Jahre),  Jackson,  zuletzt  1896. 

i)  Missouri.  Revised  Statutes  of  Missouri,  Jefferson  1889.  Laws  of 
Missouri,  Jefferson  (alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

k)  Montana.  Compiled  Statutes,  Helena  1888.  Laws  of  Montana,  Butte 
(alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

1)  New  Hampshire.  Public  Statutes,  Manchester  1891.  New  Hampshire 
Laws,  Concord  (alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

m)  New  Jersey.  General  Statutes,  Jersey  City,  1896.  Current  legis- 
lation  of  New  Jersey  (alle  zwei  Jahre,  Trenton,  zuletzt  1897). 

n)  North  Carolina.  North  Carolina  Code  of  1883,  New  York  1883. 
Public  Laws  of  North  Carolina,  Raleigh  (alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

o)  Rhode  Island.  General  Laws,  Providence  1896.  Acts  and  Resolves, 
Providence  (alljährlich,  zuletzt  1897). 

p)  South  Carolina.  Revised  Statutes,  Columbia  1894.  Acts  of  South 
Carolina,  Columbia  (alljährlich,  zuletzt  1897), 

q)  Tennessee.  Code,  Nashville  1884.  Acts  of  Tennessee,  Nash%ille 
(alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

r)  Vermont.  Revised  Laws,  Rutland  1881.  Laws  of  Vermont,  Bur- 
lington (alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1896). 

2.  In  einigen  Staaten  ist  Privatpersonen  die  Befugnis  verliehen  ^  fort- 
laufende Gesetzesausgaben  mit  Anmerkungen  zu  veranstalten,  in  denen  nicht 
nur  die  Ergebnisse  der  letzten  amtlichen  Revision,  sondern  auch  die  später 
erlassenen  Gesetze  berücksichtigt  werden. 

a)  Colorado.  MilFs  Annotated  edition  of  the  General  Statutes  of  1883. 
Chicago  1891;  ein  bis  1896  reichendes  Supplement  ist  in  Denver  1897  er- 
schienen. Die  spätere  Gesetzgebung  findet  man  auch  in  „The  Session  Laws 
of  Colorado",  Denver  (alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

b)  Illinois.  Cothran's  Revised  Statutes,  siebente  Auflage,  Chicago  1891. 
Starr  und  Curtis's  Annotated  Statutes,  zweite  Auflage,  Chicago  1885,  nebst 
Supplement,  Chicago  1892;  Fortsetzung  in  den,  alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897, 
in  Springfield  erscheinenden  Laws  of  Illinois. 

c)  Indiana.  Revised  Statutes  of  1881,  with  all  subsequent  general 
laws,  annotated,  Chicago  1888.  Laws  of  Indiana,  Indianopolis  (alle  zwei 
Jahre,  zuletzt  1897). 

d)  Iowa.  McClain's  annotated  Code  (of  1873)  and  Statutes,  Chicago 
1888.     Laws  of  Iowa,  Des  Moines,  1892. 

e)  Michigan.  Howell's  General  Statutes  of  Michigan,  with  notes, 
Chicago  1883;  Supplement,  Chicago  1890.  Public  Acts  of  Michigan,  Lansing 
(alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

f)  Ohio.  Revised  Statutes  of  1880,  edited  by  Smith  and  Benedict, 
Cincinnati  1890.     Session  Laws,  Columbus  (alljährlich,  zuletzt  1897). 

g)  West  Virginia.  West  Virginia  Code,  dritte  Aufl.,  Charleston  1891. 
Acts  of  West  Virginia,  Charleston  (alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

h)  Wisconsin.  Annotated  Statutes  (including  the  Revised  Statutes  of  1878), 
Chicago  1889.     Laws  of  Wisconsin,   Madison  (alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 


202  Vertfinigte  Staaten  von  Amerika. 


C.  Amtlich  genehmigte  Bearbeitungen.  In  einigen  Staaten  wird 
im  Wege  der  Ge:?etzgebung  ein  Einzelner  oder  ein  Ausschosc?  beauftragt,  die 
vorhandenen  Gej^etze  zu  einem  einh ei t liehen  Werke  zusammenzufassen.  Dieses 
iirt  dann,  obwohl  nicht  au>drücklich  zum  G^-j^-tz  erhoben,  doch  eine  amtliche 
Gei?etzesaiLsgabe  und  leistet  praktisch  dieselben  Dienste,  wie  eine  Revision 
durch  besonderen  ges^*tzlichen  Akt. 

a»  Arkansas.  Sandeis  and  Hills  Digest  of  the  Statutes,  Columbia 
<  Missouri;  1894.  Übersicht  über  die  Gesetzgebung  in  den  Acts  and  Resolves 
of  Arkansas,  Little  Kock,  alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897. 

b;  Kansas.  Taylors  Compiled  Laws  of  Kansas.  Topeka  1889.  Die  er- 
lassenen Gesetze  werden  in  den  Laws  of  Kansas  «Topeka,  zuletzt  1897*  ver- 
öffentlicht. 

C)  Kentucky.  Barbour  and  Carrol's  Kentucky  Statutes,  Louisville  1894. 
Übersicht  über  die  Gesetzgebung  in  den  Kentucky  Acts,  Frankfort,  alle  zwei 
Jahre,  zuletzt  1896. 

d)  Louisiana.  Voorhies'  Revised  Statutes  of  Louisiana,  New  Orleans 
1876.  Zusammenst<^Hung  der  Gesetzgebung  in  den  Acts  of  Louisiana  ^er- 
scheinen alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1896». 

e;  Nevada.  General  Statutes  of  Nevada,  Carson  1885.  Übersicht  über 
die  Gesetzgebung  in  den  Statutes  of  Nevada  '  zwei  jährlich  zu  Carson  erscheinend, 
letzte  Ausgabe  1897*. 

f)  New  Mexico.  Compiled  Laws,  Santa  Fe  1885.  Laws  of  Mexico  (zu. 
Santa  F6  alle  zwei  Jahre,  zuletzt  1897). 

g;  Wyoming.  Revised  Statutes,  Cheyenne  1887.  Laws  of  Wyoming 
falle  zwei  Jahre  zu  Cheyenne  erscheinend,  zuletzt  1897». 

D.  Nichtamtliche  Bearbeitungen.  In  Pennsylvania  hat  weder  eine 
gesetzliche  Revision  der  Gesetze  stattgefunden,  noch  ist  eine  amtliche  Zu- 
sammenstellung veranstaltet;  es  existiert  indes  eine  private  Bearbeitung  des 
Gesetzes:  Brightley's  Purdon's  Digest  of  the  Laws,  zwei  Bände,  Philadelphia 
1894.     Laws  of  Pennsylvania  ^alle  zwei  Jahre,  Harrisbury,  zuletzt  1897;. 

V.  Bibliographie. 

1.  Allgemeine  Abhandlungen.  Ebenso  originell  wie  bedeutend  ist  Bishop^« 
Criminal  Law  (achte  Auflage,  2  Bände,  Chicago  li<92).  Der  Verfasser  war  wohl  der 
erste,  der  das  Gebiet  des  Strafrechts  in  seinem  vollen  Umfange  gründlich  durchforscht 
hat;  sein  Werk  dürfte  die  erschöpfendste  aller  bisher  veröffentlichten  Abhandlungen 
strafrechtlichen  Inhalts  sein.  Von  demselben  Verfasser  erschien:  Treatise  on  Statutory 
Crimes  (jcweite  Auflage,  Boston  1883).  Ebenfalls  sehr  ausführlich  ist  Wh ar  ton 's 
Criminal  Law  (neueste  Auflage,  2  Bände,  Philadelphia  1887).  Die  letzte  vollständige 
und  sehr  zuverlässige  Arbeit  auf  diesem  Gebiete  ist  McClain's  Criminal  Law  (2  Bde., 
Chicago  1897). 

2.  Grundrisse.  Eine  vorzügliche  Darstellung  der  Grundzüge  des  Strafrechts 
ist  May 's  Criminal  Law  (zweite  Auflage,  Boston  1893). 

3.  Monographieen.  W harten  hat  eine,  den  Gegenstand  völlig  erschöpfende 
Abhandlung  über  die  Tötung  (homicide)  veröffentlicht  (dritte  Auflage,  Philadelphia 
1891).  Von  Carson  ist  eine  Ausgabe  von  Wright's  Abhandlung  über  die  strafbare 
Verabredung  (criminal  conspiracy)  nebst  einer  Darstellung  der  darauf  bezüglichen 
amerikanischen  Gesetzgebung  erschienen  (Philadelphia  1887).  Von  Rapalje  ist  eine 
Abhandlung  über  die  widerrechtliche  Aneignung  und  die  dieser  verwandten  Delikte 
(A  Treatise  on  Larceny  and  kindred  Offences,  Jersey  City  1892)  zu  erwähnen. 

4.  Sammlungen  von  Strafrechtsfällen.  Es  giebt  mehrere  Sammlungen 
strafrechtlicher  Fälle,  a)  Bennett  und  Heard:  Leading  Criminal  Cases,  with  notes 
(zweite  Auflage,  2  Bände,  Boston  1869).  b)  Green:  Criminal  Cases  with  notes  (zwei 
Bände,  New  York  1874—7.')).  c)  American  Criminal  Reports  (neun  Bände,  Chicag'o 
1877—92;.  d)  Horrigan  und  Thompson:  Cases  on  Seif  Defence  (St.  Louis  1874). 
e)  Law  so  n:  Defeiu-es  to  Crime  (wozu  die  unter  d  genannte  Sammlung  den  ersten 
Band  bildet;  mit  Nachträgen  (sechs  Bände,  St.  Louis  und  San  Francisco  1874—92). 
{)  Chaplin:  Leading  Cases  in  Criminal  Law  (Boston  1891).  g)  Beale:  Cases  on 
Criminal  Law  (Cambrid«re  1894). 


I.  Einleitung.  —  §  2.   Verfassungsrechtliche  Bestimmungen.  203 


5.  Zeitschrift:  The  Criminal  Law  Magazine  (18  Bände,  Jersey  City  1880—97). 

6.  Spruchsammlungen,  enthaltend  die  Erkenntnisse  des  Höchsten  Gerichts- 
hofes, erscheinen  in  jedem  Staate,  ebenso  werden  die  Entscheidungen  des  Supreme 
Court  of  the  United  States  unter  dem  Titel  United  States  Reports  veröffentlicht.  Auch 
für  die  Urteile  der  unteren  Gerichte  bestehen  verschiedene  Sammlungen,  von  denen 
der  Federal  Reporter  die  wichtigste  ist. 

7.  Das  Annuaire  de  legislation  etrangöre  (herausgegeben  von  der  Societe 
de  legislation  comparee  zu  Paris  seit  1872,  bislang  25  Bände)  bringt  regelmässige  Be- 
richte über  die  Gesetzgebung  der  Vereinigten  Staaten,  in  denen  auch  das  Stralrecht, 
sowohl  des  Bundes  wie  der  Einzelstaaten,  berücksichtigt  wird. 

§  2.    Verfassungsrechtliche  Bestimmungen. 

Sowohl  der  Bund  der  Vereinigten  Staaten  als  auch  die  einzelnen  Staaten 
haben  jeder  eine  geschriebene,  das  Staatsgrundgesetz  bildende,  Verfassung 
(Constitution).  In  den  Territorien  wird  sie  durch  den  die  Erhebung  des  Terri- 
toriums zum  Staate  und  dessen  Organisation  enthaltenden  Kongressbeschluss 
(act  of  Congress)  ersetzt.  Ein  Gesetz,  das  von  einer  der  Verfassung  nicht 
entsprechenden  gesetzgebenden  Körperschaft  (legislature)  erlassen  ist,  darf  von 
den  Gerichten  nicht  angewendet  werden.  Die  Bestimmungen  der  Verfassung 
bilden  daher  einen  Teil  des  positiven  Rechts  und  gehen  den  übrigen  Gesetzen 
vor.  Alle  Verfassungen  treffen  Vorsorge  zur  Sicherung  der  Rechte  solcher 
Personen,  denen  eine  strafbare  Handlung  zur  Last  gelegt  wird,  und  zwar 
stimmen  die  Vorschriften  hierüber  im  grossen  und  ganzen  überein.  Eine  Zu- 
sammenstellung aller  verfassungsrechtlichen  Bestimmungen  enthält  das  Werk 
von  F.  J.  Stinison:  American  Statute  Law  (Band  I,  Boston  1886),  auf  welches 
in  diesem  Abschnitt  Bezug  genommen  wird. 

Die  fast  in  allen  Staaten  gleichartigen  Ginindsätze  der  Verfassungen  in 
Bezug  auf  strafbare  Handlungen  sind  folgende:  a)  Wer  einer  Strafthat  bezich- 
tigt wird,  kann  verlangen,  dass  ihm  vor  dem  Verhör  der  Inhalt  der  Beschul- 
digung mündlich  oder  schriftlich  mitgeteilt  wird.  (Stimson  §  121).  ß)  Bei 
allen  Delikten,  die  nicht  Kapitalverbrechen  sind,  muss  die  Entlassung  aus  der 
Haft  gegen  angemessene,  nicht  zu  hoch  festzusetzende,  Bürgschaft  gestattet 
sein  (Stimson  §§  122,  123).  y)  Die  Habeas-Corpus-Akte  kann  nur  im  Falle 
einer  feindlichen  Invasion  oder  eines  Bürgerkrieges  im  Interesse  der  öffent- 
lichen Sicherheit  zeitweilig  ausser  Kraft  gesetzt  werden  (Stimson  §  127). 
ö)  Niemand  ist  verpflichtet,  sich  wegen  eines  entehrenden  Verbrechens  (in 
einigen  Staaten  überhaupt  wegen  eines  Verbrechens)  zu  verantworten,  bevor 
nicht  ein  schriftlicher  Anklagebeschluss  der  Grossen  Jury  (indictment  by  the 
grand  jury)  ergangen  ist  (Stigison  §  128).  b)  Niemand  darf  seines  Lebens, 
seiner  Freiheit  oder  seines  Eigentums  anders  beraubt  werden  als  durch  einen 
in  gesetzmässigem  Verfahren  gefällten  Spruch  einer  Jury;  gewöhnlich  wird 
weiter  gefordert,  dass  die  Mitglieder  in  der  Nachbarschaft  des  Angeklagten 
wohnen  (Stimson  §§  130,  131,  133).  t)  Jeder  wegen  eines  Verbrechens  An- 
geklagte ist  berechtigt,  sich  eines  Verteidigers  zu  bedienen  und  die  Ladung 
von  Entlastungszeugen  zu  verlangen.  Er  kann  beanspruchen,  den  Belastungs- 
zeugen gegenüber  gestellt  zu  werden.  Niemand  kann  genötigt  werden,  zu 
seinem  eigenen  Nachteile  auszusagen  (Stimson  §§  134,  135,  136).  tj)  Niemand 
darf  wegen  ein-  und  derselben  Handlung  zweimal  unter  Anklage  gestellt 
werden  (Stimson  §  137).  9)  Niemand  soll  durch  die  gesetzgebende  Körper- 
schaft eines  Verbrechens  (treason  oder  felony)  überführt  werden  (Stimson 
§  138).  l)  Übermässig  hohe  Geldstrafen  sowie  grausame  oder  ungewöhnliche 
Strafen  dürfen  nicht  angedroht  werden  (Stimson  §§  1-10,  141).  x)  Es  ist  unzu- 
lässig, einem  Strafgesetz<i  rückwirkende  Kraft  beizulegen  (Stimson  §  142). 


204  Vereinigte  Staaten  von  Amerika. 


n.  Allgemeine  Grundsätze. 

§  3.    StrafverfahreiL 

In  jedem  Orte  wird  ein  öffentlicher  Ankläger  (der  sog.  district  attomey 
oder  county  aolicitor)  gewählt,  zu  dessen  Amtspflichten  die  Einleitung  aller 
strafrechtlichen  Verfolgungen,  die  Vorbereitung  der  von  der  grand  jury  zu 
erlassenden  schriftlichen  Anklagebeschlüsse  (bills  of  indictment)  und  die  Ver- 
tretung der  Staatsgewalt  in  allen  vor  der  Kleinen  Jury  (petit  jury)  stattfinden- 
den Vernehmungen  gehört. 

Gewöhnlich  indessen  ist  die  Verfolgung  geringfügiger  Strafthaten  nicht 
Sache  des  öffentlichen  Anklägers.  Diese  sind  meist  dem  Friedensrichter  (justice 
of  the  peace)  überwiesen  und  werden  summarisch  behandelt.  In  der  Regel 
ist  dabei  die  Erhebung  und  Vertretung  der  Anklagen  den  beteiligten  Privat- 
personen überlassen. . 

§  4.    Zuständigkeit 

I.    Zuständigkeit  der  Bundesgerichte  in  Strafsachen.^) 

1.  Völkerrechtliche  Delikte.  In  allen  auswärtigen  Angelegenheiten 
wird  das  Land  ausschliesslich  durch  die  Bundesregierung  vertreten;  nur  die 
„Vereinigten  Staaten",  nicht  die  einzelnen  Bundesglieder  sind  Rechtssubjekte 
im  Sinne  des  Völkerrechts.  Nur  die  Bundesgerichte  (United  States  courts  oder 
federal  courts  im  Gegensatze  zu  den  Gerichten  der  Einzelstaaten:  State  courts) 
sind  daher  zur  Aburteilung  der  strafbaren  Handlungen  gegen  das  Völkerrecht 
(z.  B.  Seeraub,  Delikte  gegen  befreundete  Nationen)  zuständig. 

2.  Auf  offener  See  begangene  Strafthaten.  Durch  die  Verfassung 
ist  die  Zuständigkeit  des  Bundes  zur  Bestrafung  der  auf  hoher  See  verübten 
Räubereien  und  anderen  Vergehen  (piracies  and  felonies)  begründet.  Ihre 
Aburteilung  erfolgt  daher  ausschliesslich  durch  die  „United  States  courts". 

3.  Verhältnis  zu   den   Gerichten   der  einzelnen   Bundesglieder. 

a)  Staaten.  Jeder  Staat  hat  seine  eigene  Gerichtsbarkeit  und  seine 
eigenen  Gerichte,  die  von  den  Bundesgerichten  in  keiner  Weise  abhängig  sind 
und  durch  deren  Zuständigkeit  diejenige  der  Bundesgerichte  ausgeschlossen  wird. 

b)  Territorien.  Es  giebt  grosse  Länderstriche,  die  zu  den  Vereinigten 
Staaten  gehören,  ohne  Teil  eines  Einzelstaates  zu  bilden.  Es  sind  drei  Arten 
dieser  Gebiete  zu  unterscheiden. 

«)  Organisierte  Territorien  (Territorien^ im  engeren  Sinne):  diejenigen, 
welche  durch  Kongressbeschluss  zu  „Territorien"  erklärt  sind.  Der  an  ihrer 
Spitze  stehende  Statthalter  (Governor)  und  die  Mitglieder  der  Gerichte  werden 
von  dem  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten  ernannt,  die  gesetzgebende 
Körperschaft  dagegen  wird  von  der  Bevölkerung  des  Territoriums  gewälilt. 
Die  legislative  Thätigkeit  des  Kongresses  ist  mit  der  Erhebung  des  Gebietes 
zum  Territorium  und  der  ersten  Organisation  beendigt.  Die  Gerichte  des  Terri- 
toriums sind  zwar  Bundesgerichte,  wenden  aber  die  besonderen  Gesetze  des 
Territoriums  an. 


')  Der  Umstand,  das»  der  Bund  eigene,  von  den  Gerichten  der  Einzelstaaten  un- 
abhängige Gerichte  (United  States  courts)  hat,  ist  die  Quelle  zahlreicher  Verwirrungeu 
bei  Anwendung  des  Ausdrucks  „United  States".  Er  bedeutet  sowohl:  Gesamtheit  der 
verbündeten  Staaten,  als:  die  von  den  Einzelstaaten  unabhängige  Gerichtsbarkeit. 
In  welchem  Sinne  die  Bezeichnung  im  Einzelfalle  gebraucht  ist,  kann  nur  aus  dem 


Zusammenliange  entnommen  werden. 


n.  Allgemeine  Grundsätze.  —  §  4.  Zuständigkeit.  205 


ß)  Nichtorganisierte  Territorien,  von  denen  jetzt  nur  noch  Alaska 
vorhanden  ist,  sind  solche  Landstriche,  die,  solange  sie  nicht  zu  einem  Terri- 
torium i.  e.  8.  erhoben  sind,  durch  einen  vom  Präsidenten  der  Vereinigten 
Staaten  ernannten  Statthalter  nach  Gesetzen  verwaltet  werden,  die  vom  Kongresse 
erlassen  werden.  In  einem  solchen  Territorium  gilt  vorzugsweise  das  Bundes- 
strafrecht (criminal  law  of  the  United  States). 

/)  Bundesdistrikt.  Der  District  of  Columbia  steht  als  Sitz  der  Bundes- 
regierung (Federal  govemment)  unter  der  unmittelbaren  Verwaltung  des  Präsi- 
denten und  des  Kongresses.  Die  Gerichte  des  Distrikts  wenden  die  vom  Kon- 
gresse fttr  ihn  erlassenen  besonderen  Gesetze  an. 

c)  Bundesland  innerhalb  der  Grenzen  eines  Bundesstaates.  Die 
Gerichtsbarkeit  der  Vereinigten  Staaten  eratreckt  sich  auf  einzelne  unbedeutende 
Gebietsteile,  die  innerhalb  der  Grenzen  von  Einzelstaaten  liegen. 

c)  Abgetretenes  oder  gekauftes  Gebiet.  In  allen  Fällen,  wo  die 
Vereinigten  Staaten,  sei  es  durch  Abtretung  seitens  des  Staates,  sei  es  durch 
Kauf  vom  Eigentümer  mit  Genehmigung  des  Staates,  Grundbesitz  erwerben, 
der  innerhalb  eines  Staatsgebietes  liegt,  steht  dem  Bunde  die  uneingeschränkte 
Gerichtsbarkeit  in  diesen  Bezirken  zu,  und  es  gilt  in  ihnen  Bundesrecht.  Der- 
artige Grundstücke  erwirbt  der  Bund  zur  Anlegung  von  Befestigungen,  Schiffs- 
magazinen, Leuchttürmen,  Zollhäusern,  Postanstalten  u.  a.  m. 

ß)  Reservationen.  Der  Kongress  kann  bei  der  Erhebung  eines  Terri- 
toriums zum  Staate  sich  Eigentum  und  Gerichtsbarkeit  über  gewisse  Länder- 
striche (die  sogen.  „Reservations")  im  Interesse  der  Landesverteidigung  oder 
zu  Gunsten  der  Indianer  vorbehalten.     In  diesen  gilt  Bundesrecht. 

4.  Begründung  der  Zuständigkeit  durch  den  Thatbestand  der 
strafbaren  Handlung.  Der  Kongress  und  die  Bundesgerichte  sind  aus- 
schliesslich zuständig  zur  Bestrafung  derjenigen  Delikte,  die  (wie  z.  B.  Betrüge- 
reien bei  der  Wahl  von  Kongressmltgliedem  oder  betrügerischer  Bankerutt) 
in  der  Nichtbefolgung  von  Bundesgesetzen  bestehen.  Ebenso  sind  sie  zuständig 
für  die  Aburteilung  der  von  Beamten  der  Vereinigten  Staaten  in  Ausübung 
ihres  Amtes  begangenen  strafbaren  Handlungen  (May's  Criminal  Law,  zweite 
Auflage  §  82). 

II.  Zuständigkeit  der  Staatsgerichte  in  Strafsachen. 

•  Bezüglich  seiner  inneren  Angelegenheiten  ist  jeder  Staat  dem  anderen 
gegenüber  selbständig.  Jeder  Staat  hat  eigene  Gesetzgebung  und  eigene 
Gerichtshöfe,  die  sowohl  von  denen  der  übrigen  Staaten  wie  von  denen  des 
Bundes  völlig  unabhängig  sind.  Jeder  Staat  hat  deshalb  auch  die  Gerichts- 
barkeit in  Ansehung  aller  innerhalb  eines  Gebietes  begangenen  Strafthaten, 
mit  Ausnahme  der  bereits  erwähnten,  den  Bundesgerichten  überwiesenen. 

Eine  und  dieselbe  Handlung  kann  sowohl  ein  Staats-  wie  ein  Bundes- 
gesetz verletzen;  so  enthält  z.  B.  die  Verausgabung  falschen  Geldes  ein  Münz- 
delikt (Verletzung  eines  Bundesgesetzes)  und  ausserdem  die  Erlangung  von 
Vorteilen  durch  Betrug.  Wegen  einer  derartigen  Handlung  kann  eine  mehr- 
fache Bestrafung  erfolgen,  indes  wird  die  von  einem  Gerichte  der  einen  Kate- 
gorie festgesetzte  Strafe  bei  der  Aburteilung  durch  ein  Gericht  der  anderen 
Gattung  in  Anrechnung  gebracht  (vgl.  May's  Criminal  Law,  zweite  Auflage  §  88; 
Bishop's  Criminal  Law  §  178). 

III.  Zuständigkeit  für  ausserhalb  des  Staatsgebietes  begangene 
Strafthaten.  Für  gewisse  Fälle  haben  die  Gesetze  die  Bestrafung  auch 
solcher  Delikte  vorgesehen,  die  ausserhalb   des  Staatsgebietes   begangen   sind. 

1.  Beihülfe.  Wer  zu  einer  innerhalb  des  Staatsgebietes  begangenen 
strafbaren    Handlung   ausserhalb    desselben    Beihülfe   leistet   (accessory),   wird 


206  Vereiniffte  Staaten  von  Amerika. 


nach  den  Gesetzen  einiger  Staaten  im  Inlande  bestraft  (Penal  Code  von  Ala- 
bama §  3717;  von  California  §  27;  von  Minnesota  §  14;  von  New  York  §  16). 

2.  Mord.  Wenn  jemand  ausserhalb  eines  Staates  verletzt  ist,  dann  in 
das  Staatsgebiet  gebracht  wird  und  hier  stirbt,  so  kann  der  Thftter  nach  den 
Gesetzen  einiger  Staaten  von  den  Gerichten  desjenigen  Staates  bestraft  werden, 
in  welchem  der  Todesort  liegt,  obwohl  nach  den  Grundsätzen  des  common 
law  (vgl.  United  States  v.  Guiteau,  Mackey' s  District  of  Columbia  Reports 
498)  nur  die  Gerichte  des  Staates,  in  welchem  die  Verwundung  erfolgte,  zu- 
ständig sind  (Commonwealth  v.  Macloon,  101  Massachusetts  Reports  1.  In- 
des ist  in  New  Jereey  entschieden,  dass  die  Einzelstaaten  zum  Erlass  einer 
derartigen  Bestimmung  nicht  befugt  sind.  State  v.  Carter,  3  Dutchers  Re- 
ports 499). 

3.  Das  Verlassen  des  Staatsgebietes  in  der  Absicht,  sich  den 
darin  geltenden  Gesetzen  zu  entziehen,  ist  zwar  an  sich  keine  ausser- 
halb des  Staatsgebietes  begangene  Handlung ,  hat  aber  den  Charakter  einer 
solchen.  In  vielen  Staaten  wird  deshalb  das  Verlassen  des  Gebietes  bestraft, 
wenn  es  in  der  Absicht  geschieht,  einen  Zweikampf  oder  Preiskampf  zu  ver- 
anstalten, oder  um  eine  nach  den  Staatsgesetzen  nicht  zulässige  Ehe  zu  schliessen. 

rv.  Auslieferung. 

1.  Zwischen  den  einzelnen  Bundesstaaten.  Die  Verfassung  der 
Vereinigten  Staaten  regelt  die  Auslieferung  eines  flüchtigen  Verbrechers  an 
den  zuständigen  Staat  (Art.  IV  §  2).  Und  da  nach  einer  Bestimmung  der- 
selben Verfassung  (Art.  IV  §  1)  die  von  den  Gerichten  des  einen  Staates 
getroffenen  Massnahmen  von  jedem  anderen  Staate  zu  respektieren  sind,  so 
kann  auf  Grund  der  in  irgendeinem  Staate  ergangenen  Anklage  die  Verhaf- 
tung des  Beschuldigten  durch  die  Gerichte  des  Aufenthaltsortes  erfolgen.  Das 
Verfahren  ist  durch  einen  Kongressbeschluss  geordnet  (Revised  Statutes  of 
the  United  States  §  5278).  Auf  Grund  der  Verfassung  kann  die  Auslieferung 
wegen  jeder  nach  dem  Gesetze  des  ersuchenden  Staates  strafbaren  Handlung 
verlangt  werden,  selbst  wenn  sie  weder  nach  dem  common  law  noch  nach 
den  Gesetzen  des  ersuchten  Staates  mit  Strafe  bedroht  ist  (Kentucky  v.  Denni- 
son,  24  Howard's  United  States  Reports  66). 

2.  Zwischen  amerikanischen  und  auswärtigen  Staaten.  Wie  in 
England  so  ist  auch  in  den  Vereinigten  Staaten  die  Auslieferung  zmschen 
diesen  einerseits  und  auswärtigen  Mächten  andererseits  ausschliesslich  im  Wege 
des  Vertrages  geregelt.  Für  die  Voraussetzungen  und  den  Umfang  der  Aus- 
lieferungspflicht sind  lediglich  die  Bestimmungen  der  einzelnen  Verträge  mass- 
gebend. Nur  den  Vereinigten  Staaten  kommt  die  Auslieferung  an  einen  aus- 
ländischen Staat  zu;  die  Bewirkung  einer  solchen  seitens  eines  Einzelstaates 
würde  eine  Verfassungsverletzung  enthalten  (United  States  v.  Rauscher,  119 
United  States  Reports  407). 

§  5.    Thätei^schaft  und  Teilnahme. 

I.  Anstiftung.  Die  Unterscheidung  zwischen  Hauptthäter  (principal) 
und  Anstifter  (accessory  before  the  fact)  ist  in  verschiedenen  Staaten  aufge- 
hoben, indem  letzterer  als  für  die  That  gleich  dem  ei*steren  verantwortlich 
angesehen  und  dementsprechend  bestraft  wird.  Jeder,  der  bei  einer  straf- 
baren Handlung  beteiligt  ist,  sei  es  dass  er  sie  allein  begangen  oder  die  Be- 
gehung durch  einen  anderen  erleichtert  bezw.  ermöglicht  hat,  einerlei  ob  er 
dabei  zugegen  gewesen  ist  oder  nicht,  femer  jeder,  der  mittelbar  oder  unmittel- 
bar einen  anderen  durch  Ratserteilung,  Befehl,  Verführung  oder  Verschaffung 
von  Gelegenheit  zur  Begehung  einer  strafbaren  Handlung  veranlasst,  ist  Thäter 


II.   Allgemeine  GrundsÄtze.  —  §  6.   Strafau»schliessungsgründe.  —  Versuch.       207 


(principal)  im  Sinne  des  Gesetzes  (Penal  Code  von  New  York  §  29;  Criminal 
Code  von  Illinois  §  2).  Die  Stellung  des  Hehlers  (accessory  after  the  fact) 
ist  in  diesen  Staaten  unberührt  geblieben  (Penal  Code  von  New  York  §  29). 

IL  Die  Bestrafung  des  Anstifters.  Auch  da,  wo  die  Begriffsbestim- 
mung der  Anstiftung  aus  dem  common  law  unverändert  übernommen  ist, 
wird  der  Anstifter  selbst  dann  bestraft,  wenn  der  Thäter  nicht  überführt  oder 
gestorben  ist  oder  wenn  seine  Bestrafung  aus  irgendeinem  anderen  Grunde 
nicht  erfolgen  kann  (Public  Statutes  of  Massachusetts  Kapitel  210  Abschnitt  4). 

§  6.    Strafausschliessungsgr&nde.  —  Versuclt 

I.  Geisteskrankheit  (insanity).  In  der  Unterscheidung  der  Geistes- 
krankheiten, oder  richtiger:  in  der  Bestinmiung  desjenigen  Grades  geistiger 
Erkrankung,  welcher  genügt,  um  den  davon  Befallenen  als  für  seine  Hand- 
lungen nicht  verantwortlich  erscheinen  zu  lassen,  haben  die  Gerichte  der  Ver- 
einigten Staaten  geschwankt. 

1.  In  New  York  und  der  Mehrzahl  derjenigen  Staaten,  deren  Gerichte 
sich  der  englischen  Praxis  angeschlossen  haben,  ist  Geisteskrankheit  dann  kein 
Straf ausschliessungsgrund ,  wenn  der  Thäter  genügende  geistige  Fähigkeiten 
besitzt,  um  die  Bedeutung  seiner  Handlungen  sich  zu  vergegenwärtigen  und 
insbesondere  das  Unrechtmässige  seines  Thuns  zu  erkennen  (Flanagan  v.  The 
People,  52  New  York  Reports  467;  May's  Criminal  Law,  zweite  Auflage  §  40). 

2.  In  Massachusetts  und  verschiedenen  anderen  Staaten  gilt  Geisteskrank- 
heit dann  als  Straf  ausschliessungsgrund,  wenn  der  Thäter,  obwohl  er  das  Ver- 
brecherische seiner  Handlungsweise  kannte,  wegen  seines  geistigen  Zustandes 
nicht  die  Kraft  besass,  die  Handlung  zu  unterlassen,  m.  a.  W.:  wenn  er  unter 
der  Einwirkung  eines  unwiderstehlichen  psychischen  Zwanges  handelte  (Com- 
monwealth V.  Rogers,  7  Metcalfs  Reports  500;  May  §  41). 

3.  In  Alabama  wird  die  Strafausschliessung  wegen  Geisteskrankheit  ledig- 
lich als  Thatfrage  behandelt.  Der  Thäter  wird  mit  der  Strafe  verschont,  wenn 
die  That  lediglich  auf  die  Abnormität  seines  Geisteszustandes  zurückzuführen 
ist,  sei  es,  dass  er  Recht  und  Unrecht  nicht  zu  unterscheiden  vermag,  oder  sei 
es,  dass  er  zwischen  beiden  frei  zu  wählen  nicht  im  Stande  ist  (Parsons  v. 
State,  81  Alabama  Reports  577). 

4.  Beweislast.  In  mehreren  Staaten  muss,  wenn  der  objektive  That- 
bestand  feststeht,  der  Thäter,  um  wegen  Geisteskrankheit  der  Strafe  zu  ent- 
gehen, deren  Vorhandensein  nachweisen  (Commonwealth  v.  Eddy,  7  Gray's 
Massachusetts  Reports  583;  United  States  v.  Guiteau,  10  Federal  Reports  161). 
In  anderen  Staaten  dagegen  ist,  wenn  die  Verteidigung  den  Einwand  der 
Geisteskrankheit  des  Angeklagten  erhoben  hat,  es  Sache  der  Anklagebehörde, 
ausser  dem  objektiven  Thatbestande  auch  die  Zurechnungsfähigkeit  des  Thäters 
darzuthun  (The  People  v.  Garbutt,  17  Michigan  Reports  9). 

II.  Zwang  (Coercion).  Der  Grundsatz  des  common  law,  dass  die  in 
Gegenwart  ihres  Ehemannes  handelnde  Frau  sich  damit  verteidigen  kann,  sie 
sei  von  ersterem  zu  der  That  genötigt  worden,  ist  nicht  in  alle  Gesetzgebungen 
unverändert  übergegangen. 

«)  In  Texas  wird  in  diesem  Falle  die  Ehefrau,  wenn  das  Verbrechen 
an  sich  mit  dem  Tode  bedroht  ist,  zu  lebenslänglichem  Gefängnis  verurteilt; 
in  anderen  Fällen  verwirkt  sie  die  Hälfte  der  an  sich  festgesetzten  Strafe. 
Diese  mildere  Bestrafung  tritt  auch  ein,  wenn  die  Frau  zwar  nicht  in  Gegen- 
wart des  Mannes,  aber  doch  auf  seinen  Befehl  oder  auf  Zureden  von  seiner 
Seite  thätig  geworden  ist  (Penal  Code  §  77). 


208  Vereinigt«  Staaten  von  Amerilca. 


ß)  In  New  York  ist  dieser  besondere  Strafausschliessungsgrund  unbekannt 
(Penal  Code  §  24);  indes  bleibt  jeder  Thäter  straffrei,  dessen  That  veranlasst 
ist  durch  gegenwärtige  Bedrohung  seitens  eines  anderen,  vorausgesetzt,  dass 
im  Falle  der  Unterlassung  nach  vernünftigem  Ermessen  die  Tötung  oder  eine 
schwere  Körperverletzung  des  Genötigten  zu  befürchten  war  (Penal  Code  §  25). 

III.  Die  Schuld.^)  Ausser  bei  Übertretungen  rein  polizeilicher  Vor- 
schriften wird  zur  Strafbarkeit  einer  jeden  Handlung,  wie  in  England,  Schuld 
(guilty  mind)  auf  Seiten  des  Thäters  erfordert.  Wer  an  einer  unerlaubten 
Handlung  (immoral  act)  beteiligt  ist,  hat  deren  Folgen  gegen  sich  gelten  zu 
lassen;  ist  aber  die  Handlung  nicht  an  sich  unerlaubt,  wird  sie  vielmehr  erst 
dann  strafbar,  wenn  sie  unter  gewissen  besonderen  Umständen  vorgenommen 
wird,  so  ist  der  Thäter  nur  dann  zu  bestrafen,  wenn  er  diese  Umstände  kannte 
oder  kennen  musste.  (Bimey  v.  State,  8  Ohio  Reports  230;  Squire  v.  State, 
46  Indiana  Reports  459).  Dieser  Grundsatz  entspricht  der  englischen  Praxis 
(Regina  v.  Tolson,  23  Law  Reports,  Queens  Bench  Division  168). 

In  Massachusetts  dagegen  —  und  dasselbe  dürfte  auch  von  einigen 
anderen  Staaten,  z.  B.  Connecticut,  gelten  —  herrscht  eine  dem  Angeklagten 
ungünstigere  Auffassung.  Man  geht  davon  aus,  dass  in  den  Fällen,  in  welchen 
das  Gesetz  einen  Thatbestand  unter  Strafe  stellt,  ohne  ein  Verschulden  aus- 
drücklich zu  verlangen,  auch  der  in  Unkenntnis  der  Thatumstände  handelnde 
Thäter  strafbar  ist.  So  wurde  eine  Ehefrau  wegen  Bigamie  bestraft,  weil  sie 
eine  Reihe  von  Jahren  nach  dem  Verschwinden  ihres  ersten  Ehemannes  in 
der  Überzeugung,  dieser  sei  verstorben,  wieder  geheiratet  hatte  (Common- 
wealth V.  Mash,  7  Metcalfs  Reports  472). 

IV.  Versuch  (attempt).  Überall  und  zu  jeder  Zeit  ist  man  in  den  Ver- 
einigten Staaten  der  Ansicht  gewesen,  dass  der  mit  offenbar  untauglichen 
Mitteln  untemonmiene  Versuch  der  Begehung  eines  Delikts  strafbar  sei,  wenn 
auch  im  konkreten  Falle  eine  Verwirklichung  des  verbrecherischen  Entschlusses 
unmöglich  war.  So  ist  der  Versuch,  aus  einer  leeren  Tasche  zu  stehlen,  straf- 
bar (Conmionwealth  v.  McDonald,  5  Cushing*s  Massachusetts  Reports  365, 
entschieden  i.  J.  1850).  Die  neueren  englischen  Autoritäten  sind  derselben 
Ansicht. 

§  7.    Das  Straf ensy stein. 

I.  Die  Todesstrafe.  Die  Vereinigten  Staaten  sowohl  wie  die  meisten 
Einzelstaaten  bedrohen  nur  wenige  Verbrechen  mit  dem  Tode. 

1.  Die  mit  dem  Tode  bedrohten  Strafthaten.  In  den  meisten 
Staaten  werden  der  Hochverrat  (treason)  und  das  als  „murder  in  the  first 
degree"  bezeichnete  Tötungsdelikt  mit  dem  Tode  bestraft. 

«)  In  Maine  ist  die  Todesstrafe  völlig  abgeschafft;  in  Michigan  ist  sie 
auf  die  Fälle  des  Hochverrats  beschränkt,  gegen  „murder"  ist  Gefängnisstrafe 
angedroht.  Umgekehrt  wird  in  anderen  Staaten  der  Hochverrat  nur  mit  Ge- 
fängnis, „murder"  dagegen  mit  dem  Tode  gesühnt. 

ß)  Notzucht  (rape)  und  Brandstiftung  (arson)  werden  mit  dem  Tode 
bestraft  in  den  Vereinigten  Staaten,  Delaware,  Virginia,  Georgia,  Louisiana 
und  anderen,  vor  allen  solchen,  die  im  Süden  liegen.  In  Georgia  ist  die 
Todesstrafe  wegen  Brandstiftung  beschränkt  auf  die  Inbrandsetzung  eines 
Wohnhauses  in  einer  Stadt  oder  einem  Dorfe  sowie  auf  die  Fälle,  in  denen 
der  Tod  eines  Menschen  verursacht  ist,  in  Virginia  und  Louisiana  auf  die  An- 
zündung  eines  Wohnhauses  zur  Nachtzeit. 


M  Vgl  Bd.  I  S.  627. 


II.   Allgemeine  Grundsätze.  —  §  7.   Das  Strafensystem.  209 


y)  Nächtlicher  Einbruchsdiebstahl  (burglary)  und  Raub  (robbery)  werden 
in  verschiedenen  Slidstaaten  mit  dem  Tode  geahndet. 

S)  Der  Seeraub  (piracy)  wird  nach  Bundesstrafrecht  mit  dem  Tode  bestraft; 
die  Gerichte  der  Einzelstaaten  sind,  wie  bereits  erwähnt,  zur  Aburteilung  dieses 
Delikts  nicht  zuständig. 

2.  Die  Vollziehung  geschieht  gewöhnlich  durch  Hängen.  In  New  York 
und  Ohio  verwendet  man  Elektrizität.  In  Utah  ist  nach  Ermessen  des  Gerichts 
Hängen,  Erschiessen  und  Enthauptung  zulässig  (Wilkinson  v.  The  People, 
99  United  States  Reports  130).  Die  Vollziehung  der  Strafe  ist  durch  die 
meisten  Verfassungen  insofern  beschränkt,  als  grausame  und  ungewöhnliche 
Strafmittel  unzulässig  sind  (vgl.  Constitution  of  the  United  States,  Amend- 
ment VIII;  früher  §  2). 

3.  Benefit  of  Clergy.  Gegen  Ende  des  Revolutionskrieges  war  die 
englische  Einrichtung  des  Benefit  of  Clergy  (vgl.  Bd.  I,  S.  613  ff.)  auch  in 
den  Vereinigten  Staaten  anerkannt,  indes  von  geringerer  Bedeutung,  weil  die 
Zahl  der  mit  dem  Tode  bedrohten  Verbrechen,  auf  welche  die  Rechtswohl- 
that  Anwendung  fand  (der  sogen,  „clergiable  crimes"),  nur  klein  war.  Bald 
nach  Beendigung  der  Revolution  wurde  die  Einrichtung  durch  die  Gesetz- 
gebung völlig  beseitigt  und  gegen  die  früher  als  „clergiable"  geltenden  Delikte 
Gefängnisstrafe  angedroht. 

II.  Gefängnisstrafe  ist  die  Regelstrafe  für  schwere  Delikte;  sie  kann 
mit  schwerer  Arbeit  verbunden  und  auf  Lebenszeit  verhängt  werden. 

1.  Gefängniswesen.  Es  giebt  im  allgemeinen  in  allen  Staaten  zwei 
Arten  von  Gefängnissen:  Provinzialgefängnisse  (county  jails)  oder  Korrektions- 
häuser (houses  of  correctionj,  in  denen  die  wegen  leichtcirer  Delikte  verhängten 
Strafen  verbüsst  werden,  und  Staatsgefängnisse  (state  prisons)  oder  Arbeits- 
häuser (workhouses;,  welche  der  Abbüssung  langdauernder,  für  schwende  Straf- 
thaten  zuerkannter  Freiheitsstrafen  dienen.  Ausserdem  sind  in  den  meisten 
Staaten  Besserungsanstalten  vorhanden  für  solche  weibliche  und  jugendliche 
(iefangene,  deren  EinspeiTung  mit  erfahrenen  Verbrechern  nicht  angezeigt 
erscheint.  Die  Vereinigten  Staaten  als  solchem  haben  keine  eigenen  Ge- 
fängnisse. Die  von  den  Bundesgerichten  verhängten  P^reiheitsstrafen  werden 
in  bestimmten  Gefängnissen  einzelner  Staaten  vollstreckt,  wofür  letztere  eine 
Entschädigung  erhalten. 

2.  Gefängnisarbeit.  In  verschiedenen  Staatsgefängnissen  werden  die 
Gefangenen  zur  Erlernung  eines  Handwerks  angehalten.  In  einigeln  Staaten 
darf  zufolge  gesetzlicher  Bestimmung  mit  den  in  den  Gefängnissen  hervor- 
gebrachten Fabrikaten  hinderen  Waren  gleicher  Gattung  nicht  Konkurrenz 
gemacht  werden. 

3.  Das  „Convict-Lease "-System.  In  einigen  Südstaaten  wird  die 
Arbeitskraft  der  Gefangenen  an  Privatunternehmer  verdungen.  Nach  dem  in 
Alabama  (Code  §  4556  ff.)  geltenden  System  muss,  wer  Gefangene  beschäftigen 
will,  ein  schriftliches  Angebot  einreichen.  Die  Genehmigung  erfolgt,  je  nach 
Lage  der  Sache,  durch  einen  Staats-  oder  Provinzialbeamten.  Den  Unter- 
nehmern (contractorsj,  deren  Gebote  angenommen  sind,  werden  die  Gefangenen 
durch  das  Los  zugeteilt;  zu  anderen  als  in  dem  Angebote  bezeichneten  Arbeiten 
dürfen  sie  nur  mit  Genehmigung  des  Staats-  bezw.  Provinzial-Aufsichtsbeamten 
verwendet  werden.  Zur  Sicherung  einer  humanen  und  angemessenen  Behand- 
lung der  Gefangenen  sowie  zur  Verhütung  ihres  Entvveichens  sind  ausführliche 
Vorschriften  erlassen. 

III.  Das  Prangerstehen  (pillory)  und  die  Prügelstrafe  (whipping) 
sind  nur  noch  in  Delaware,  und  zwar  für  verschiedene  schwere  Verbrechen, 
zulässig.     Durch  die  neuere  Gesetzgebung  ist  ihre  Anwendung  auf  weibliche 

Strafgcsetzgebiing  der  (Gegenwart.    IT.  ^^ 


210  Vereinigte  Staaten  von  Amerika 


Personen  ausgeschlossen  (Acts  of  1889  Kapitel  682;  und  in  bestimmten  Fällen 
auch  bei  Kindern  für  unzulässig  erklärt  (Acts  of  1883  Kapitel  233);  ausser- 
dem kann  auf  Antrag  der  Jury  das  Gericht  in  jedem  einzelnen  Falle  von 
ihrer  Anwendung  Abstand  nehmen  (Acts  of  1883,  Kapitel  233). 

IV.  Entehrende  Abzeichen.  Bis  vor  kurzem  wurden  in  Delaware 
die  wegen  Diebstahls  oder  Betruges  verurteilten  Personen  nach  Verbüssung 
ihrer  Strafe  gezwungen,  eine  Zeit  lang  besondere  Kleidung  zu  tragen.  Diese 
Strafe  ist  jedoch  1883  abgeschafft  (Acts  of  1883  Kapitel  232). 

V.  Geldstrafe.  Die  Geldstrafe  (finej  ist  überall  gebräuchlich  und  bildet 
die  Regelstrafe  für  leichtere  Vergehen.  Sie  kommt  entweder  allein  oder  in 
Verbindung  mit  Gefängnis  zur  Anwendung. 

VI.  Deportation  (transportation).  Dieses  Strafmittel  scheint  in  den 
Vereinigten  Staaten  niemals  angewendet  zu  sein  (vgl.  State  v.  Bosse,  8  Richard- 
son's  South  Carolina  Reports  276). 

Vn.  Verlust  politischer  Rechte.  In  den  meisten,  wenn  nicht  in  allen 
Staaten  hat  die  Verurteilung  wegen  eines  entehrenden  Verbrechens  den  zeit- 
weiligen oder  dauernden  Verlust  des  Wahlrechts,  der  Fähigkeit  zur  Bekleidung 
von  Ämtern,  der  Zulassung  zu  den  Funktionen  eines  Geschworenen  u.  s.  w. 
zur  Folge. 

VIII.  Vorbeugungsmassregeln.  Wer  nach  Ansicht  des  Gerichts  ver- 
dächtig ist,  einen  gewaltsamen  Angriff  auf  eine  Person  (assault)  oder  irgend 
eine  andere  strafbare  Gewaltthätigkeit  zu  planen,  kann  angehalten  werden, 
sich  —  meist  unter  Stellung  von  Sicherheit  —  zur  Führung  eines  ordentlichen 
Lebenswandels  zu  verpflichten  (enter  into  a  bond  „to  keep  the  peace").  Be- 
geht der  Verdächtige  während  der  Dauer  seiner  besonderen  Verpflichtung  eines 
der  in  Frage  kommenden  Delikte,  so  verfällt  er  nicht  nur  in  die  vom  Gesetze 
angedrohte  Strafe,  sondern  verwirkt  auch  den  hinterlegten  oder  versprochenen 
Geldbetrag. 

IX.  Strafzumessung.  Die  Höhe  der  Strafe  wird,  wenn  nicht  das  Ge- 
setz eine  absolut  bestimmte  Strafe  androht,  in  der  Regel  vom  erkennenden 
Richter  bestinmit. 

I.Beschränkungen  des  richterlichen  Ermessens.  Das  geschriebene 
Recht  hat  die  unverkennbare  Neigung,  die  Freiheit  des  richterlichen  Ermessens 
einzuschränken,  a)  In  einigen  Staaten,  wie  z.  B.  in  Virginia,  ist  allgemein 
bestimmt,  dass  in  den  Fällen,  wo  das  Gesetz  nicht  eine  bestimmte  Strafe  an- 
droht, die  Ausmessung  innerhalb  der  gesetzlichen  Grenzen  durch  die  Jury 
erfolgt.  In  Illinois  gilt  diese  Vorschrift  für  Tötungen,  b)  In  den  meisten 
südlichen  und  in  einigen  westlichen  Staaten  können  die  Geschworenen  an 
Stelle  der  vom  Gesetze  angedrohten  Todesstrafe  auf  Gefängnis,  dessen  Mindest- 
betrag dann  gesetzlich  bestimmt  ist,  erkennen,  c)  In  Georgia  kann  nach 
§§  4323,  4376,  4385  des  Strafgesetzbuches  von  1873  im  Falle  von  Kapital- 
verbrechen an  Stelle  der  Todesstrafe  Gefängnis  treten,  wenn  die  Grcschworenen 
sich  dafür  erklären  oder  —  in  den  Fällen,  wo  die  Verurteilung  lediglich  auf 
Grund  ein(*s  Indizienbeweises  (circumstantial  evidence)  erfolgte  —  wenn  das 
Gericht  es  beschliesst. 

2.  Einteilung  der  strafbaren  Handlungen  in  Grade.  In  New  York 
und  Minnesota,  in  geringerem  Umfange  auch  in  mehreren  anderen  Staaten, 
ist  das  richterliche  Ermessen  dadurch  eingeschränkt,  dass  die  strafbaren  Hand- 
lungen in  Grade  eingeteilt  sind.  Das  Strafgesetzbuch  von  New  York  enthält 
in  dieser  Beziehung  ein  ins  einzelne  ausgearbeitetes  System.  Die  Einteilung 
ist  bei  den  meisten  wichtigen  Verbrechen  (bei  Mord,  Totschlag,  Raub,  nächt- 
lichem Einbinich,  Brandstiftung,  Urkundenfälschung  und  sogar  bei  den  gewalt- 
samen Angriffen    auf   eine   Person)   durchgeführt;    welcher   Grad   anzunehmen 


in.   §  8.   Die  einzelnen  strafbaren  Handlungen.  211 


ist,  hängt  von  den  besonderen  Umständen  der  That  ab.  Fast  alle  Staaten 
haben  die  Einteilung  des  Mordes  (murder)  in  zwei  Grade  angenommen;  der 
erste  Grad  umfasst  die  mit  Überlegung  oder  unter  Anwendung  grausamer 
Mittel  ausgeführte  sowie  die  bei  Gelegenheit  der  Begehung  einer  anderen  gewalt- 
samen Strafthat  vollführte  Tötung.  In  verschiedenen  Staaten  zerfällt  auch  der 
Totschlag  (manslaughter)  in  zwei  Grade.  In  New  York  sind  die  anderen  oben 
bezeichneten  Delikte  sämtlich  in  drei  Grade  zerlegt.  Bei  Raub  und  dem  ge- 
waltsamen Angriff  hängt  die  Höhe  des  Grades  von  dem  Masse  der  angewen- 
deten Gewalt  ab;  bei  nächtlichem  Einbruch  und  Brandstiftung  von  dem  Zu- 
stande des  Gebäudes  im  Augenblicke  der  Begehung  der  That  und  dem  Grade 
der  Gefahr  für  Menschenleben;  bei  der  Fälschung  von  der  Art  des  gefälschten 
Gegenstandes.  Durch  die  Einteilung  in  Grade  wird  das  Ermessen  des  er- 
kennenden Richters  insofern  beschränkt,  als  das  Gesetz  für  jeden  Grad  einen 
verhältnismässig  engen  Strafrahmen  aufgestellt  hat  und  die  Entscheidung 
darüber,  welcher  Grad  vorliegt,  nicht  dem  Richter,  sondern  den  Geschworenen 
zusteht. 

B,  Rückfall  (second  offences).  In  verschiedenen  Staaten  ist  für  solche 
Verbrecher,  die  bereits  wegen  eines  Deliktes  der  gleichen  Art  bestraft  worden 
sind,  eine  Strafschärfung  angeordnet  (Illinois,  Gesetze  von  1883  S.  76).  Ver- 
schiedentlich wird  die  Strafe  für  die  zweite  That  verdoppelt,  für  die  dritte 
verdreifacht.  In  Louisiana  ist  das  Gericht  befugt,  bei  der  vierten  That  auf 
lebenslängliche  Einsperrung  zu  erkennen  (Revised  Statutes  §  974).  In  New  York 
wird  ein  mehrfach  bestrafter  Thäter  für  einen  Gewohnheitsverbrecher  (habitual 
criminal)  erklärt  und  der  Aufsicht  besonderer  städtischer  Beamten  unterstellt 
(Penal  Code  §  690). 


III.  Die  einzelnen  strafbaren  Handlungen.^) 

§  B. 

I.  Da  die  Vereinigten  Staaten  kein  persönliches  Staatsoberhaupt  besitzen, 
fehlen  im  Strafrecht  Bestimmungen  über  Angriffe  gegen  die  Person  des  Monarclien. 
Indes  verlangen  sowohl  der  Bund  wie  die  Einzelstaaten  von  jedermann  ein  loyales 
Verhalten;  eine  Verletzung  dieser  Pflicht  wird  als  Hochverrat  (treason)  gegen 
den  Bund  bezw.  den  Staat  bestraft.  Nach  Bundesrecht  wie  nach  dem  (in  der 
Verfassung  oder  den  Gesetzen  niedergelegten)  Staatsrecht  gilt  als  Hochverrat 
nur  die  Veranlassung  eines  Krieges  gegen  den  Staat  sowie  die  Parteinahme 
für  den  Feind  und  die  Unterstützung  desselben.  Die  Verurteilung  kann  nur 
auf  Grund  des  gerichtlichen  Geständnisses  des  Angeklagten  oder  der  Aussagen 
zweier  Augenzeugen  erfolgen. 

IV.  3.  Der  aktive  Stimmenkauf  bei  öffentlichen  Wahlen  (cheating  und 
bribery;  unter  letzterem  ist  zu  verstehen:  die  Hingabe  oder  das  Versprechen 
von  Vermögensvorteilen  oder  von  Ämtern  in  der  Absicht,  die  Ausübung  des 
Wahlrechts  zu  belohnen,  zu  beeinflussen  oder  zu  verhindern;  vgl.  Bd.  I,  S.  644) 
gilt  überall  als  nach  gemeinem  amerikanischem  Rechte  strafbar  (vgl.  Conmion- 
wealth  V.  Callaghan,  2  Virginia  Gases  460).  Nicht  selten  sind  die  verschie- 
denen   Fälle    dieses    Deliktes    in    den  Wahlregulativen    unter    Strafe    gestellt. 


')  Zur  Erleichterung  der  Übersicht  ist  die  Einteilung  dieses  Abschnitts  mit  der 
des  betreffenden  Kapitels  der  Abhandlung  von  Dr.  Ernst  Schuster  über  das  englische 
Strafrecht  im  I.  Bande  dieses  Werkes  (S.  609  ff.)  in  Übereinstimmung  gebracht.  Be- 
züglich der  dort  behandelten  Delikte,  welche  hier  nicht  besonders  erwähnt  sind, 
stimmt  das  Strafrecht  der  Vereinigten  Staaten  mit  dem  englischen  überein. 

14* 


212  Vereinigte  Staaten  von  Amerika. 


In  ^liehigan  gilt  ein  besonders  strenges  Gesetz  (Comipt  Practices  Act;  vgl. 
General  Statutes  §  9367),  nach  welchem  auch  der  Versuch,  ein  Wahlergebnis 
durch  Angebot  von  Geld  oder  Versprechen  von  Ämtern  oder  durch  Zahlung 
von  Speisen  und  Getränken  für  den  Wähler  (das  sogen,  „treating" ;  vgl.  Bd.  I, 
S.  644)  zu  beeinflussen,  strafbar  ist.  In  Massachusetts  (Acts  of  1892  Kap.  416) 
muss  jeder  Bewerber  um  ein  öffentliches  Amt  und  jedes  Mitglied  eines  Wahlaus- 
schusses nach  der  Wahl  eine  beeidigte  Übersicht  der  von  ihm  für  politische  Zwecke 
verausgabten  Summen  aufstellen,  die  von  jedermann  eingesehen  werden  kann. 
In  einigen  Staaten  ist  das  „Lobbying"  (lobby  =  Vorzimmer)  d.  h.  der 
Versuch,  die  Abstimmung  eines  Mitgliedes  einer  gesetzgebenden  Körperschaft 
durch  unerlaubte  Mittel  zu  beeinflussen,  für  strafbar  erklärt  (z.  B.  Penal  Code 
of  Virginia  §  3677).  Femer  muss  in  Massachusetts  jeder,  der  zu  Gunsten 
eines  im  Interesse  einzelner  Pei'sonen  liegenden  Gesetzentwurfs  agitiert,  nach 
Beendigung  der  Session  ein  eidlich  zu  erhärtendes  Verzeichnis  der  von  ihm 
zur  Durchbringung  des  Entwurfs  verausgabten  Summen  vorlegen  (Acts  of  1890, 
Kapitel  456). 

V.  1.  Das  Bedürfnis  nach  gesetzlichen  Beschränkungen  des  Rechts  zur 
Gründung  von  Vereinen  sozialen,  politischen,  religiösen  oder  anderen  Charak- 
ters ist  in  den  Vereinigten  Staaten  nicht  hervorgetreten.  Im  Gegenteil  sind 
z.  B.  in  verschiedenen  (vornehmlich  im  Westen  und  in  der  Mitte  des  Bundes 
belegenen)  Staaten  Gesetze  erlassen,  die  das  unbefugte  Tragen  von  Abzeichen 
der  „Grand  Amiy  of  the  Republic",  einer  Vereinigung  von  Veteranen  aus 
dem  Bürgerkriege,  mit  Strafe  belegen  (z.  B.  Laws  of  Illinois  von  1891  S.  99) 
und  ihr  auf  diese  Weise  strafrechtlichen  Schutz  gewähren. 

2.  Besondere  gesetzliche  Beschränkungen  der  Pressfreiheit  sind  nicht  vor- 
handen. Die  Zensur  und  alles  was  ihr  gleichsteht  ist  durch  eine  Bestimmung 
der  Verfassung,  in  welcher  die  Freiheit  des  Gedankenausdruckes  in  Wort 
und  Schrift  gewährleistet  wird,  von  vornherein  ausg(*schlossen.  fConstit.  of 
the  U.  S.,  Amend.  I,  Stimson  Bd.  I,  Sect.  60;.  Natürlich  untersteht  auch  die 
Presse  den  allgemeinen  Strafgesetzen,  sodass  z.  B.  der  Herausgeber  einer 
Zeitung  wegen  Beleidigung  bestraft  werden  kann. 

VI.  Die  Freiheit  des  religicisen  Bekentnisses  ist  durch  die  Verfassung 
gc^währleistet  (Stimson  I,  Bd.  I,  Sect.  40);  es  giebt  daher  keine  verbotenen 
Bekenntnisformen  und  die  mit  der  englischen  Einrichtung  der  Staatskirche 
zusammenhängenden  Bestimmungen  des  englischen  Rechtes  sind  dem  ameri- 
kanischen unbekannt.  Indes  wird  die  Verbreitung  gotteslästerlicher  Darstellungen 
durch  Schriftwerke  u.  s.  w.  (blasphemous  libel)  auch  in  den  Vereinigten  Staaten 
bestraft  (People  v.  Ruggles,  8  Johnsons  New  York  Reports  290);  und  ebenso 
ist  jede  der  christlichen  Auffassung  von  einem  würdigen  Begräbnisse  wider- 
sprechende Handlung  strafbar  (Kanavan's  Gase,   1  Maine  Reports  226). 

VII.  a)  Unsittliche  Handlungen  (incontinent  actsj  unterliegen  in 
den  Vereinigten  Staaten  in  grösserem  Umfange  als  in  England  der  strafrecht- 
lichen Verfolgung.  Da  kirchliche  (lerichtshöfe,  zu  deren  Zuständigkeit  diese 
Delikte  in  England  gehören,  in  den  Vereinigten  Staaten  niemals  bestanden 
haben,  war  eine  gesetzliche  Regelung  dieser  Handlungen  unumgänglich.  Nicht 
niu'  widernatürliciie  Unzucht  (sodomy)  und  Blutschande  (incest),  sondern  auch 
Ehebruch  (adultery)  und  einfache  Unzucht  (fornication)  sind  strafbar. 

b;  Instrumente  und  Mittel  zu  unzüchtigen  Zwecken.  In  einigen 
Staaten  ist  die  Verschaffung,  der  Verkauf  oder  die  Ankündigung  von  In- 
strumenten, welche  die  Konzeption  verhindern  oder  die  Abtreibung  der  Leibes- 
frucht bewirken,  sowie  von  Heilmitteln  gegen  geheime  Gewohnheiten  strafbar 
(vgl.  z.  B.  I  Brightley's  Purdon's  Digest  of  the  Laws  of  Pennsylvania, 
S.  416;. 


III.   §  8.   Die  einzelneu  strafbaren  Handlungen.  213 


c)  Verführung.  Die  Verführung  (seduction)  einer  geschlechtlich  un- 
bescholtenen (chaste)  Frauensperson  wird,  wenn  sie  mit  Hülfe  eines  Ehe- 
versprechens erfolgt,  in  den  meisten  Staaten  (vgl.  z.  B.  Penal  Code  of  New 
York,  §  284),  in  einigen  aber  schon  dann  bestraft,  wenn  irgend  welche  falsche 
Vorspiegelungen  (frauds)  angewendet  worden  sind.  (General  Statutes  of 
Michigan.    §  9288.) 

d)  Uneheliche  Geburt  (bastardy).  Wie  in  England  kann  eine  Frauens- 
person, die  ausserehelich  geboren  hat  oder  wenigstens  geschwängert  worden 
ist,  bewirken,  dass  der  Schwängerer  als  Vater  des  Kindes  erklärt  wird 
und  seine  Verpflichtung,  für  den  Unterhalt  des  Kindes  zu  sorgen,  aner- 
kennt. In  einigen  Staaten  kann  namens  der  Mutter  auch  die  Verwaltungs- 
behörde der  Stadt  oder  Gemeinde,  welcher  die  Unterhaltungspflicht  bezüglich 
des  Blindes  obliegt,  das  Verfahren  einleiten  (vgl.  Public  Statutes  of  Massa- 
chusetts, Kap.  85).  In  Georgia  kann  die  Behörde  in  solchen  Fällen  die  Mutter 
zwingen,  entweder  den  Namen  des  Vaters  anzugeben  oder  den  Unterhalt  des 
Kindes  sicherzustellen. 

VIII.  5.  a)  Ausspielungen  und  Lotterieen.  Die  Veranstaltung  von 
Lotterieen  und  Ausspielungen  ist  in  den  meisten  Staaten  mit  Strafe  bedroht, 
in  einigen  auch  der  Abschluss  von  Wetten  (betting)  über  den  Ausgang  öffent- 
licher Wahlen. 

b)  „Options",  „Margins"  und  „Futures".  In  einigen,  meist  im  Westen 
und  im  Zentrum  belegenen  Staaten  sind  sogen.  „Anti-Option -Laws"  erlassen, 
d.  h.  Gesetze,  in  denen  der  Verkauf  und  Ankauf  von  Anteilscheinen  (options) 
über  Getreide,  Aktien  (corporate  stock)  oder  andere  grossen  Wertschwankungen 
ausgesetzte  Gegenstände  mit  Strafe  bedroht  wird  (Revised  Statutes  of  Ohio 
§  6934  a).  Durch  ähnliche  Gesetze  ist  der  Ankauf  oder  Verkauf  solcher 
Gegenstände  dui'ch  Scheine  (margins),  ohne  die  Absicht  die  verkauften  Gegen- 
stände auch  wirklich  abzunehmen  bezw.  zu  liefern,  sowie  das  Halten  von 
„bücket  Shops",  d.  h.  von  Läden,  in  denen  derartige  Verkäufe  abgeschlossen 
werden,  unter  Strafe  gestellt  (Laws  of  Hlinois  von  1887  S.  96). 

6.  Gesetze  über  die  Sonntagsruhe  (Sunday  Laws)  sind  fast  überall 
erlassen.  Am  Sonntag  hat  jedes  Gewerbe  und  jede  Arbeit  zu  ruhen.  Aus- 
nahmen sind  zugelassen:  a)  für  Arbeiten,  die  keinen  Aufschub  erleiden  und 
für  Werke  der  Nächstenliebe;  b)  für  diejenigen  Personen,  welche  gewissenhaft 
und  gleichmässig  einen  anderen  Wochentag  als  Ruhetag  einhalten.  In  Hlinois 
(Criminäl  Code  §§  261,  262)  und  in  einigen  anderen  Staaten  sind  nur  solche 
Arbeiten  und  Vergnügungen  verboten,  durch  welche  die  öffentliche  Ruhe  ge- 
stört wird. 

7.  a)  Tierquälerei  (cruelty  to  animals)  ist,  wie  in  England,  fast 
überall  strafbar. 

b)  Jagd-  und  Fischereigesetze.  In  sehr  vielen  Staaten  sind  Gesetze 
zum  Schutze  der  Jagd  und  des  Fischfanges  erlassen,  deren  Bestimmungen 
jedoch  zu  mannigfaltig  sind,  um  eine  eingehende  Darstellung  zu  ermöglichen 
(vgl.  z.  B.  Penal  Code  von:  Alabama  §  4162;  California  §  626;  Revised 
Statutes  of  Ohio  §  6959;  Public  Statutes  of  Massachusetts  Kap.  91,  92).  Ge- 
wöhnlich zerfallen  sie  in  vier  Klassen:  a)  Gewisse  Tiere  (Wild  und  Fische) 
werden  während  der  Begattungszeit  geschützt,  indem  ihre  Vertilgung  entweder 
während  eines  bestimmten  Zeitraums,  oder  —  bei  Fischen  —  während  ihres 
Zuges  zu  den  Laichplätzen,  verboten  ist.  ß)  Nicht  selten  ist  das  Fangen 
junger  Tiere  verboten,  so  bei  Fischen  und  Hummern  unter  einer  gewissen 
Grösse,  y)  Oft  ist  die  Anwendung  bestimmter  Fangmittel  verboten;  so  der  Fang 
von  Vögeln  mit  Schlingen,  der  von  Fischen  mit  gewissen  Netzen,  ö)  In  einigen 
Staaten   ist   Privatpersonen    die   Befugnis    ausdrücklich   verliehen,    auf   ihrem 


214  Vereinigte  Staaten  von  Amerika. 


eigenen  Grundbesitz  Wild,  Fische  oder  Austern  zu  züchten  und  dem  Publikum 
die  Ausübung  der  Jagd  daselbst  zu  untersagen.  Abgesehen  von  diesen  Fällen 
giebt  es  in  den  Vereinigten  Staaten  keine  besonderen  Bestimmungen  über  Jagd- 
und  Fischereirecht;  kein  Grundeigentümer  braucht  jedoch  das  Betreten  seines 
Eigentums  durch  andere  unter  dem  Vorwande  der  Jagd  oder  des  Fischfang'es 
zu  dulden. 

c)  Die  Vereinigten  Staaten  und  mehrere  an  der  See  belegene  Einzel- 
staaten haben  zum  Studium  der  Lebensgewohnheiten  der  für  die  menschliche 
Nahrung  geeigneten  Fische  und  zur  Beförderung  der  künstlichen  Fischzucht 
besondere  Kommissionen  niedergesetzt. 

9.  Bettelei  und  Landstreicherei.  Gesetze  zur  Bekämpfung  der  Land- 
streicherei sind  in  den  meisten  Staaten  erlassen  (vgl.  z.  B.  Code  of  Louisiana 
§  954;  Revised  Statutes  of  Ohio  §  6994).  Für  eine  besondere  Sorte  von 
Landstreichern,  die  sogen.  „Tramps",  d.  h.  Menschen,  die  bettelnd  von  Ort 
zu  Ort  ziehen,  sind  strenge  Spezialgesetze  gegeben  (vgl.  1  Brightley's  Purdon's 
Digest,  Pennsylvania  S.  425). 

10.  Kinderschutz-Gesetzgebung.  Misshandlungen  von  Kindern  sind 
fast  überall  unter  Strafe  gestellt.  Nicht  selten  sind  an  der  betreffenden  Ge- 
setzesstelle gleichzeitig  eingehende  Vorschriften  über  positive  Schutzmassregeln 
erlassen  (z.  B.  Penal  Code  von  New  York  §§  287 — 292).  In  New  York  macht 
sich  strafbar,  wer  die  Verführung  eines  Kindes  zur  Unsittlichkeit  oder  die 
Verwendung  zu  gefährlichen  oder  unmoralischen  Beschäftigungen,  zur  Bettelei 
oder  zu  theatralischen  Aufführungen  (von  gewissen  Ausnahmen  abgesehen) 
und  zu  ähnlichen  Zwecken  gestattet.  In  den  meisten  Staaten  ist  der  Verkauf 
geistiger  Getränke  an  Minderjährige  strafbar;  für  einige  Staaten  gilt  dasselbe 
bezüglich  des  Verkaufs  von  Tabak  und  von  Zigaretten  (Laws  of  lUionis  von 
1887  S.  298;  Revised  Statutes  of  Ohio  §  6986,  1;  Massachusetts  Acts  von 
1886  Kap.  72),  auch  wird  in  einigen  Staaten  bestraft,  wer  einem  Minder- 
jährigen den  Zutritt  zu  einem  Billardsaal  gestattet  (vgl.  State  v.  Probasco, 
62  Iowa  Reports  400;  Stern  v.  State,  53  Georgia  Reports  229). 

11.  Verhütung  des  Missbrauchs  geistiger  Getränke. 

a)  In  verschiedenen  Staaten  gelten  sogen.  „Prohibitory  Laws",  welche 
den  Verkauf  geistiger  Getränke  vollständig  verbieten.  Ein  Musterbeispiel  für 
solche  Gesetze  bietet  das  seit  1851  in  Maine  geltende  (Revised  Statutes  of 
Maine  Kap.  27).  Fabrikation,  Verkauf  und  Einfuhr  alkoholischer  Getränke 
sind  durch  diese  Gesetze  mit  Ausnahme  gewisser  Fälle  untersagt.  Die  Stadt 
kann  Alkohol  für  medizinische,  gewerbliche  und  technische  Zwecke  anschaffen 
und  verkaufen  lassen;  aber  auch  in  diesen  Fällen  darf  die  Abgabe  nicht  er- 
folgen: an  Minderjährige  (falls  sie  nicht  einen  Bestellzettel  ihrer  Eltern  oder 
Gewalthaber  beibringen) ,  an  Indianer,  Soldaten,  notorische  Trunkenbolde, 
Trunkene  und  an  solche  Personen,  bezüglich  deren  die  Stadtverwaltung  oder 
die  Angehörigen  um  Unterlassung  der  Verabfolgung  gebeten  haben.  Der  An- 
kauf des  gesamten  für  einen  Staat  zu  den  vorbezeichneten  Zwecken  erforder- 
lichen Bedarfs  geschieht  durch  einen  angestellten  Agenten.  In  jeder  Stadt, 
welche  für  den  Verkauf  Vorkehrungen  treffen  will,  wird  ein  Unteragent  an- 
gestellt, der  die  geistigen  Getränke  von  dem  Staatsagenten  bezieht  und  unter 
Aufsicht  von  städtischen  Beamten  weiter  vorkauft.  Jede  auf  gesetzwidrigem 
Wege  bezogene  Quantität  Alkohol  wird  obrigkeitlich  beschlagnahmt  und  nach 
gerichtlicher  Unterauchung  konfisziert. 

b)  Ortsstatuten.  In  einigen  Staaten  gelten  sogen.  „Local  Option  Laws" 
(z.  B.  Public  Statutes  of  Massachusetts  Kap.  100).  In  Massachusetts  wird  in 
joder  Stadt  und  jedem  Flecken  alljährlicli  darüber  abgestimmt,  ob  in  dem 
betreffenden  Orte   während   dos  folgenden  Jahn^s   geistige  Getränke   verkauft 


III.   §  Ö.   Die  einzelnen  strafbaren  Handlungen.  215 


werden  sollen.  Wird  die  Frage  durch  Stimmenmehrheit  verneint,  so  darf  in 
dem  Orte  niemand  geistige  Getränke  feilbieten  mit  Ausnahme  derjenigen 
Drogisten  und  Apotheker,  denen  die  Abgabe  zu  medizinischen,  technischen 
und  chemischen  Zwecken  besonders  gestattet  wird.  Entscheidet  die  Mehrheit 
für  die  Freigabe,  so  werden  von  der  Stadtverwaltung  bestimmte  Personen 
ausgewählt,  die  während  des  folgenden  Jahres  verkaufen  dürfen.  Der  Ver- 
kauf durch  andere  Personen  ist  verboten.  Die  Erlaubnis  wird  nicht  erteilt, 
wenn  der  anstossende  Eigentümer  widerspricht;  femer  weder  innerhalb  einer 
Entfernung  von  400  Fuss  von  einer  Schule  noch  in  einem  Gebäude,  das  auch 
nur  teilweise  zu  Wohnzwecken  dient.  Zwischen  11  Uhr  abends  und  6  Uhr 
morgens  ist  jeder  Verkauf  verboten;  an  Sonntagen,  Wahltagen  und  öffent- 
lichen Feiertagen  ist  er  nur  den  Gasthausbesitzem  ihren  Gästen  gegenüber 
freigegeben.  Durch  Bekanntmachung  des  Bürgermeisters  kann  der  Ausschank 
bei  öffentlichen  Zusammenrottungen  und  in  Zeiten  öffentlicher  Erregung  unter- 
sagt werden.  Endlich  ist  die  Verabfolgung  an  Trunkenbolde,  betrunkene 
Personen  und  Minderjährige  unstatthaft.  Das  zum  Ausschank  benutzte  Haus 
muss  anständig  und  ordentlich  gehalten  werden.  Jede  Zuwiderhandlung  gegen 
irgendeine  Bestinmiung  hat  Verlust  der  Konzession  zur  Folge.  Wie  in  Maine 
wird  jede  auf  unerlaubtem  Wege  bezogene  Quantität  geistiger  Getränke  mit 
Beschlag  belegt  und  konfisziert. 

In  einigen  Staaten  haben  zwar  die  Gemeinden  nicht  das  Recht,  den  Ver- 
kauf innerhalb  ihres  Gebiets  allgemein  zu  verbieten,  indes  bedarf  jeder  Ver- 
käufer einer  besonderen  Konzession. 

c)  Staatsaufsicht.  In  Süd-Karolina  ist  im  Jahre  1892  ein  neues  System 
zur  Annahme  gelangt  (South  Carolina  Act  von  1892  No.  28  ^),  dessen  wesent- 
liche Bestimmungen  sich  aus  folgendem  ergeben. 

Ein  Staatskommissar  kauft  die  gesamte  für  das  Staatsgebiet  erforderliche 
Menge  Alkohol  und  lässt  ihn  prüfe^  und  in  versiegelte  Gebinde  von  Y^  Pint 
bis  zu  5  Gallonen  füllen.  In  jeder  Ortschaft  wird  ein  Gemeinde -Verteiler 
(County  Dispenser)  angestellt.  Die  Anstellung  erfolgt  auf  Grund  eines  von 
der  Mehrzahl  der  angesessenen  Wähler  des  Ortes  unterzeichneten  Gesuches; 
der  Ortsbehörde  steht  es  indessen  frei,  auch  andere  Verteiler  nach  Belieben 
zu  ernennen.  Der  „County  Dispenser"  bezieht  von  dem  Staatskommissar  einen 
VoiTat  von  Alkohol  in  versiegelten  Gebinden  und  verkauft  ihn  auf  Vorzeigung 
eines  von  dem  Käufer  unterschriebenen  Scheines.  Der  Käufer  muss  jedoch 
entweder  selbst  dem  Verteiler  bekannt  sein  oder  durch  eine  andere  zuver- 
lässige Person  rekognosziert  werden.  Die  Abgabe  an  Minderjährige,  an  Be- 
trunkene und  dem  Trünke  ergebene  Personen  ist  verboten.  Wer  nicht  als  Ver- 
teiler angestellt  ist,  darf  geistige  Getränke  nicht  verkaufen;  indes  besteht 
eine  Ausnahme  für  Drogisten  und  Verfertiger  patentierter  Arzeneien,  denen  der 
Ankauf  von  Alkohol  zur  Bereitung  von  Medizinen,  Tinkturen  und  Extrakten 
sowie  der  Verkauf  dieser  Artikel  gestattet  ist. 

12.  Sprengstoffe.  In  Illinois  wurde  bald  nach  dem  Anarchisten- 
krawalle ein  strenges  Gesetz  über  die  Anfertigung  und  den  Gebrauch  von 
Sprengstoffen  erlassen  (Illinois  Laws  von  1887  S.  180).  Die  Bestimmungen 
sind  folgende:  a)  Die  Anschaffung  von  Sprengstoffen  oder  die  Einführung  von 
solchen   in   das  Staatsgebiet   in   der  Absicht,    sie  zu  Beschädigungen  oder  zur 


*)  Das  Gesetz  war  im  April  1894  durch  die  Mehrheit  der  Richter  des  Höchsten 
Gerichtshofes  von  Süd-Karolina  für  verfassungswidrig  erklärt.  Nachdem  indes  ein 
der  Mehrheit  angehörender  Richter  bei  Ablai5  seiner  Amtsperiode  einen  Anhänger 
des  Gesetzes  als  Nachfolger  erhalten  hatte,  nahm  man  an,  dass  das  Gericht  in  dieser 
Zusammensetzung  das  Gesetz  für  der  Verfassung  entsprechend  halte;  es  wurde  daher 


18%  wieder  in  Kraft  gesetzt. 


21ö  Vereinig-te  Staaten  von  Amerika. 


Zerstörung  von  Menschenleben  und  Sachen  zu  verwenden,  wird  als  Verbrechen 
(felony;  bestraft,  ß)  Es  ist  verboten,  Sprengstoffe  innerhalb  des  Umkreises 
einer  halben  Meile  von  einem  Wohnhause  zu  fabrizieren  sowie  in  einer  Stadt 
oder  in  einer  Entfernung  von  weniger  als  300  Yards  von  einem  unbewohnten 
Hause  zu  lagern.  Ähnliche  Vorschriften  bestehen  auch  in  anderen  Staaten. 
y)  Verkäufer  von  Sprengstoffen  müssen  ein  Verzeichnis  ihrer  Lieferanten, 
Frachtführer  ein  solches  ihrer  Auftraggeber  aufstellen,  dj  Jede  Qua^titftt  Spreng- 
stoffe muss,  bevor  sie  einem  Frachtführer  zur  Beförderung  übergeben  wird, 
mit  einem  deutlichen  Hinweis  auf  die  Gefährlichkeit  des  Transportgegenstandes 
versehen  werden.  Diese  Bestimmung  gilt  in  fast  allen  Staaten  (vgl.  z.  B. 
Revised  Statutes  of  Ohio  §  6953,  Public  Statutes  of  Massachusetts  Kap.  102). 
€)  Vielfach  ist  auch  die  Beförderung  von  Sprengstoffen  in  Fuhrwerken,  die 
zur  Personenbeförderung  dienen,  unter  Strafe  gestellt  (Massachusetts  a.  a.  O.; 
Revised  Statutes  of  the  United  States  §  5353;. 

13.  Verschiedene  Bestimmungen.  In  sämtlichen  Staaten  ist  man  be- 
strebt, das  Publikum  vor  Handlungen,  die  das  geschäftliche  Leben  oder  das 
sittliche  Gefühl  erheblich  verletzen,  durch  Strafandrohungen  zu  schützen.  In 
diesen  Bestrebungen  ist  das  Vorgehen  Englands  mit  dem  Erlass  verschiedener 
Gesetze  gegen  Untreue  (embezzlement,  siehe  Bd.  I  S.  660,  661)  und  gegen  die 
Erlangung  von  Eigentum  mit  Hülfe  von  Vorspiegelung  falscher  Thatsachen 
von  grossem  Einfluss  auf  das  Strafrecht  der  Staaten  der  Union  gewesen. 

Wegen  der  von  einander  abweichenden  gewerblichen  und  sozialen  Ver- 
hältnisse hat  dieser  Teil  der  Gesetzgebung  in  den  einzelnen  Staaten  eine  ver- 
schiedenartige Richtung  eingeschlagen. 

er)  In  den  vorwiegend  Handel  treibenden  Staaten  werden  vorzugsweise 
Störungen  des  Handels  im  allgemeinen  oder  des  in  dem  betreffenden  Staate 
speziell  blühenden  Handelszweiges  mit  Strafe  bedroht.  So  sind  in  New  York 
unredliche  Handlungen  in  Beziehung  auf  Gesellschaften  mit  beschränkter 
Haftung  (Limited  Partnerships,  Penal  Code  §  375)  sowie  die  Beilegung  einer 
ein  Gesellschaftsverhältnis  bezeichnenden  Firma  von  Seiten  eines  Einzelkauf- 
mannes rPenal  Code  §  363;  Criminal  Code  von  Hlinois  §  220)  strafbar.  In 
gleicher  Weise  werden  Fabrik-  und  Handelsmarken  (Trade  Markes)  geschützt. 
In  Illinois  werden  die  betrügerische  Ausgabe  von  Lagerscheinen  CWarehouse 
Receipts;  Criminal  Code  §  124)  und  die  künstliche  Färbung  des  Getreides, 
um  es  besser  verkäuflich  zu  machen  «^Laws  of  Illinois  von  1877  S.  91),  bestraft. 

ß)  In  den  vorwiegend  Ackerbau  treibenden  Staaten  sind  gewisse  der 
Landwirtschaft  schädliche  Handlungen  mit  Strafe  bedroht.  So  sind  in  ülinois 
strafbar:  die  Einfuhr  kranker  Schafe  (Criminal  Code  §  258}  sowie  der  „Canada 
Thistle**  (Kanada-Distel,  daselbst  §  40»,  eines  schädlichen  Unkrauts;  die  unter- 
lassene Einzäunung  von  Salpetergruben  (daselbst  §  257;;  die  Nichtanbringung 
von  Vorrichtungen,  welche  dem  Vieh  das  Hineingeraten  in  Biberfallen  un- 
möglicli  machen  ^daselbst  §  42).  Ferner  ist  jeder  Verkäufer  künstlichen 
Düiigei^  ifertilizen  bei  Strafe  verpflichtet,  auf  der  Verpackung  Gewicht  und 
Bestandteile  des  Inhalts  anzugeben  (Laws  of  Illinois  von  1885  S.  197;  vgl. 
auch  Penal  Code  von  Alabama  §  4153i.  —  In  einigen  Südstaaten  wird  der 
An-  und  Verkauf  von  Baumwolle  nach  Sonnenuntergang  bestraft.  (Criminal 
Code  von  Georgia  §  4562  c;  vgl.  Penal  Code  von  Alabama  Art.  VII  Titel  2 
Kaj).  4,  wo  den  mit  dem  Baurawollenhandel  in  Verbindung  stehenden  Delikten 
ein  ganzes  Kapitel  go^^idmet  ist.j 

yi  In  den  früheren  Sklavenstaaten  sind  Mischheiraten  zwischen  Weissen 
und  Xegem  f'Mij^cejrenations.i  strafbar  i.Penal  Code  von  Alabama  §  4018;  von 
Georgia  §  4572;  von  Virginia  §  378Nj. 


III.   §  8.   Die  einzelnen  strafbaren  Handlungen.  217 


8)  Die  Zerstöning  bewaldeten  Landes,  welches  den  Vereinigten  Staaten 
gehört,  ist  strafbar  (Revised  Statutes  of  the  United  States  §  5388);  desgleichen 
das  Inbrandsetzen  von  Baumwolle  in  Louisiana  (Revised  Statutes  §  848)  und 
von  Wäldern  oder  Prärieen  in  Illinois  (Criminal  Code  §  40)  sowie  das  Durch- 
stechen von  Dämmen  in  Louisiana  (Revised  Statutes  §  926).  In  vielen  Staaten 
bestehen  verschärfte  Strafandrohungen  für  den  Pferdediebstahl  (Criminal  Code 
von  Illinois  §  172). 

e)  In  Colorado  wird  bestraft,  wer  die  Gegend  (Felsen,  Brücken  u.  s.  w.) 
durch  Anbringung  von  Anpreisungen  u.  s.w.  verunziert  (General  Statutes  §  913). 

J)  Die  Erfindung  des  pneumatischen  Reifens  für  Fahrräder  und  andere 
Beförderungsmittel  hat  in  verschiedenen  Staaten  (so  z.  B.  Ohio,  Gesetz  vom 
16.  April  1896)  Anlass  gegeben,  das  Wegwerfen  von  Eisen,  Glas  und  anderen 
zur  Beschädigung  dieser  Reifen  geeigneten  Gegenständen  auf  öffentlichen  Wegen 
unter  Strafe  zu  stellen. 

7i)  Eine  neue  und  wichtige  Bestimmung  auf  dem  Gebiete  des  öffentlichen 
Gesundheitswesens  hat  Connecticut  erlassen,  wo  nach  einem  Gesetze  vom 
4.  Juli  1895  bestraft  wird,  wer  sich  mit  einer  epileptischen  oder  schwach- 
sinnigen Person  verheiratet  oder  geschlechtlich  einlässt. 

'9')  In  verschiedenen  Staaten  (z.  B.  in  Massachusetts,  Gesetz  von  1895 
Kap.  115)  wurde  in  den  Jahren  1895  und  1896  das  Hissen  fremder  Flaggen 
auf  öffentlichen  Gebäuden  mit  Strafe  bedroht. 

t)  Das  Zunehmen  der  Fälle  des  Lynchens  von  Personen,  die  eines  Ver- 
brechens verdächtig  waren,  hat  mehrfach  das  Einschreiten  der  Gesetzgebung 
veranlasst.  So  wird  in  Georgia  nach  einem  Gesetze  vom  20.  Dezember  1893 
der  Angriff  und  die  Misshandlung  von  Personen  von  einer  Volksmenge  schwer 
b(^straft;  auch  die  Polizeibeamten  und  die  von  ihnen  zur  Unterstützung  auf- 
geforderten Privatpersonen  machen  sich  strafbar,  wenn  sie  nicht  ihr  Möglichstes 
zur  Zerstreuung  der  Menschenmenge  thun. 

Bd.  1  §  9.  IL  3.  a)  In  einigen  Staaten  wird,  wie  in  England,  bestraft, 
wer  eine  Frauensperson  unter  16  Jahren  der  Gewalt  ihres  Vaters  oder  Gewalt- 
habers entzieht,  um  sie  zur  Ehe  zu  bringen.  (Public  Statutc^s  von  Massachu- 
setts (Kap.  207  §  1). 

ß)  Die  Entführung  einer  unbescholtenen  ledigen  Frauensperson  aus  der 
Gewalt  ihres  Vaters  oder  die  Unterbringung  einer  solchen  in  ein  übelberüch- 
tigtes Haus  zu  unzüchtigen  Zwecken  ist  fast  überall  strafbar  (Public  Statutes 
von  Massachusetts  Kap.  207  §  2;  Penal  Code  von  California  §§  266,  277; 
Illinois  Laws  von  1887  S.   170). 

4.  b)  Die  Doppelehe.  Die  Einführung  der  Polygamie  als  einer  reli- 
giösen Einrichtung  bei  den  Mormonen  in  Utah  hat  zu  einer  Reihe  von  gesetz- 
geberischen Massregeln  des  Kongresses  der  Vereinigten  Staaten  Veranlassung 
gegeben.  In  Utah  selbst  hatten  bald  nach  Beendigung  der  Organisation  dieses 
Staates  die  gesetzgebenden  Faktoren  die  Vielehe  sanktioniert.  Dieses  veran- 
lasste den  ersten  Beschluss  des  Kongresses  der  Vereinigten  Staaten,  der  durch 
Gesetz  vom  1.  Juli  1862  die  Bigamie  in  den  Territorien  verbot  und  das  ent- 
sprechende Gesetz  von  Utah  für  ungültig  erklärte.  Die  Ausführung  dieses 
Beschlusses  begegnete  indes  grossen  Schwierigkeiten,  weil  die  Geschworenen 
in  Utah  sich  weigerten,  die  wegen  Bigamie  angeklagten  Personen  zu  verurteilen, 
sodass  die  auf  Anweisung  des  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten  handelnden 
Richter  sich  vergebens  bemühten,  das  Gesetz  in  Wirksamkeit  zu  setzen.  Zur 
Beseitigung  dieser  Hindernisse  erging  im  Jahre  1882  der  sogenannte  Edmunds- 
Act  (Statutes  at  Large  Bd.  22  S.  30),  wonach  ein  Geschworener  zur  Rechen- 


218  Vereinigte  Staaten  von  Amerika. 


Schaft  gezogen  werden  konnte,  wenn  er  mit  mehr  als  einer  Frau  lebte  oder 
ein  derartiges  Leben  für  erlaubt  hielt.  Er  musste  sieh  alsdann  unter  Eid  vor 
dem  Richter  verantworten,  auch  konnten  Zeugen  vernommen  werden.  Ver- 
weigerte er  die  Auskunft  oder  kam  der  Richter  auf  andere  Weise  zu  der 
Überzeugung,  dass  er  thatsächlich  oder  theoretisch  Anhänger  der  Polygamie 
sei,  so  wurde  er  von  der  Thätigkeit  eines  Geschworenen  ausgeschlossen.  Das 
Gesetz  beraubte  ausserdem  die  Polygamisten  des  Wahlrechts.  Im  Jahre  1887 
wurde  es  insofern  abgeändert,  als  den  Ehefrauen  gestattet  wurde,  gegen  ihre 
Männer  auszusagen. 

Das  Gesetz  hat  auf  dem  Umwege  der  Säuberung  der  Schwurgerichte  von 
Utah  thatsächlich  die  Vielweiberei  unterdrückt.  Im  Oktober  1890  widerrief 
die  Mormonenkirche  ihre  Billigung  der  Polygamie  und  forderte  alle  ihre  Mit- 
glieder zum  Gehorsam  gegen  die  Gesetze  der  Vereinigten  Staaten  auf.  Im 
Jahre  1893  begnadigte  Präsident  Harrison  alle  Mormonen,  die  seit  Erlass  dieser 
kirchlichen  Anordnung  sich  der  Polygamie  enthalten  hatten,  und  schliesslich 
dehnte  1894  Präsident  Cleveland  die  Amnestie  auch  auf  alle  erst  später  Be- 
kehrten aus  mit  der  Begründung,  er  sehe  mit  Befriedigung,  dass  die  Anhänger 
der  mormonischen  Kirche  im  allgemeinen  von  der  Schliessung  mehrerer  Ehen 
sowie  dem  Geschlechtsverkehr  mit  mehreren  Frauen  absähen  und  im  Gehor- 
sam gegen  die  Gesetze  der  Vereinigten  Staaten  lebten.  Demnächst  wurde 
durch  Kongressbeschluss  vom  16.  Juli  1894  das  Territorium  Utah  zum  Staate 
erhoben,  was  mit  Rücksicht  auf  die  erwähnten  Missstände  bis  dahin  immer 
verschoben  war,  und  gleichzeitig  die  Polygamie  als  für  alle  Zeiten  verboten 
erklärt.  (Eingehende  Bemerkungen  über  diesen  Gegenstand  finden  sich  im 
Annuaire  de  l^gislation  ^trang^re  Bd.  HS.  770  und  771,  Bd.  12  S.  997  und 
998,  Bd.  20  S.  795.) 

IV.  A.  1.  Widerrechtliche  Aneignung  von  Sachen  ohne  Anwen- 
dung von  Gewalt  oder  Drohungen  (larceny). 

a)  Die  Grenzen  dieses  Delikts  sind,  meist  im  Anschluss  an  die  englische 
Gesetzgebung,  überall  erweitert  worden.  Allgemein  ist  die  Untreue  (embezzle- 
ment)  dann  strafbar,  wenn  sie  von  dem  blossen  Inhaber  einer  Sache  (possessor 
of  property)  oder  von  demjenigen,  dem  sie  anvertraut  war,  begangen  ist; 
ebenso  die  Erlangung  von  Gegenständen  mit  Hülfe  der  Vorspiegelung  falscher 
Thatsachen  (obtaining  of  property  by  false  pretences).  Der  Thatbestand  der 
^larceny"  ist  derart  erweitert,  dass  das  Delikt  einerseits  an  Urkunden,  Wert- 
papieren u.  s.  w.,  andrerseits  aber  auch  an  Früchten,  Gerätschaften  u.  dergl. 
begangen  werden  kann.  Auch  die  unrechtmässige  zeitweilige  Ingebrauchnahme 
eines  Gegeaistandes  (das  römische  furtum  usus)  ist  unter  Strafe  gestellt. 

ß)  In  sehr  vielen  Staaten  ist  das  gleiche  Resultat  nicht  durch  Aus- 
dehnung des  Thatbestandes  der  „larceny**,  sondern  durch  Schaffung  neuer 
Deliktsthatbestände  erreicht.  Dagegen  hat  man  in  New  York  (Penal  Code 
§  528»  und  in  den  Staaten,  deren  Strafgesetzbuch  demjenigen  von  New  York 
nachgebildet  ist,  die  oben  bezeichneten  Handlungen  dem  Begriffe  „larceny** 
untergeordnet  und  so  zahlreiche  Schwierigkeiten  in  der  Auslegung  und  An- 
wendung des  Gesi^tzes  vermieden. 

y)  Die  Verbringung  gestohlenen  Gutes  aus  dem  Staate,  in  welchem  der 
Diebstahl  veiübt  i\iirde,  in  einen  anderen  durch  den  Dieb  selbst  ist,  und  zwar 
in  verschiedenen  Staaten  durch  Interj>retation  d<*s  Common  Law  (vgl.  Common- 
wealth V.  Holder,  9  Gray's  ^lassaehusc^ts  Reports  7»,  in  anderen  korrekter 
durch  besondere  gesetzliche  Be>t1nnnung  (vgl.  Penal  Code  von  New  York  §  40) 
als  unter  den  Begriff  von   ..larceny"   fallend,  erklärt  worden. 


III.    §  8.   Die  einzelnen  strafbaren  Handlungen.  219 


C.  Beinträchtigung  der  Handelsfreiheit. 

a)  In  sehr  vielen  Staaten  existieren  besondere  Gesetze  zum  Schutze  des 
Handels  gegen  unberechtigte  Übergriffe  der  Konkurrenz.  In  Illinois,  wo  diese 
Materie  wohl  am  ausführlichsten  geregelt  worden  ist,  gelten  folgende  Vor- 
schriften. 

a)  Zwei  oder  mehrere  Personen,  die  sich  verabreden,  um  den  Eigentümer 
oder  Besitzer  eines  Gegenstandes  des  gesetzlichen  Gebrauchs  oder  der  freien 
Verfügung  darüber  zu  berauben,  oder  um  durch  Drohung,  Einschüchterung 
oder  andere  ungesetzliche  Mittel  die  Beschäftigung  einer  Person  von  Seiten 
einer  anderen  zu  verhindern  oder  eine  dem  Willen  der  Beteiligten  nicht  ent- 
sprechende frühzeitige  Beendigung  der  Beschäftigung  herbeizuführen,  werden 
bestraft  (Criminal  Code  §  158;  vgl.  auch  Penal  Code  von  New  York  §  168). 
In  Pennsylvania  sind  die  „Trades  Unions"  ausdrücklich  für  straffrei  erklärt 
(Brightley's  Purdon's  Digest  Bd.  I  S.  442). 

ß)  Bestraft  wird,  wer  versucht  durch  Drohungen,  Einschüchterung  oder 
ungesetzliche  Einmischung  einen  anderen  zu  verhindern,  einer  erlaubten  Be- 
schäftigung nachzugehen  oder  eine  solche  zu  erlangen  (Criminal  Code  von 
Illinois  §  159;  vgl.  auch  Penal  Code  von  Alabama  §  3763). 

y)  Das  Betreten  eines  fremden  Grundstücks  in  der  Absicht,  daselbst  irgend 
eine  strafbare  Handlung  zu  begehen  oder  durch  Drohungen  u.  s.  w.  eine  dort 
beschäftigte  Person  zum  Verlassen  der  Arbeit  zu  bewegen,  wird  bestraft  (Criminal 
Code  von  Illinois  §  160;  ebenso  ist  in  Louisiana  das  Betreten  eines  Schiffes, 
um  die  Mannschaft  zum  Verlassen  desselben  zu  veranlassen,  strafbar;  Revised 
Statutes  §  934). 

b)  Störung  öffentlicher  Beförderungsanstalten.  In  Maine  ist  die  Verab- 
redung von  Eisenbahnangestellten  über  das  Anhalten,  die  Bewirkung  unnötigen 
Aufenthalts,  das  Verlassen  oder  das  Unbrauchbarmachen  von  Lokomotiven  und 
Eisenbahnzügen  mit  Strafe  bedroht  (Revised  Statutes  Kap.  123  §  6).  Ebenso 
wird  bestraft,  wer  allein  oder  in  Verbindung  mit  anderen  Streitigkeiten  zwischen 
einer  öffentlichen  Beförderungsanstalt,  einer  Gasgesellschaft  oder  einer  Tele- 
graphengesellschaft und  deren  Angestellten  begünstigt  oder  letztere  durch  Ein- 
schüchterung oder  auf  andere  Weise  zum  Verlassen  des  Dienstes  oder  zu 
sonstigen  Pflichtwidrigkeiten  veranlasst.  (A.  a.  O.  §  8.)  Dasselbe  Resultat 
wird  erreicht  durch  die  United  States  Interstate  Commerce  Act  von  1887 
(United  States  Statutes  at  Large,  Bd.  24  S.  379),  in  deren  zehnten  Abschnitt 
die  Verletzung  irgendeiner  Vorschrift  dieses  Gesetzes  von  Seiten  einer  bei 
einer  Binnen-  oder  Aussenhandel  treibenden  Gesellschaft  angestellten  Person 
zum  Vergehen  (misdemeanor)  gestempelt  wird.  Danach  machen  sich  Eisen- 
bahnbeamte, die  durch  gemeinsame  Arbeitseinstellung  den  Warenaustausch 
zwischen  den  Eisenbahnen  schädigen,  strafbar  (Toledo  etc.  Railway  Co.  v. 
Pennsylvania;  54  Föderal  Reports  730). 

c)  „Ringbildungen"  („pools"  und  „trusts").  In  Illinois  ist  die  Beteiligung 
an  einem  „Ringe"  („pool"  oder  „trust"),  der  die  Regelung  der  Preise  von 
Waren  oder  anderen  Gegenständen  bezweckt,  die  im  Staatsgebiete  hergestellt, 
durch  Bergwerksbetrieb  gewonnen  oder  verkauft  werden,  ebenso  die  Ver- 
einigung, um  den  Abschluss  von  Geschäften  in  der  Hand  gewisser  Personen 
(trustees)  zu  centralisieren ,  um  Warenpreise  festzulegen  oder  die  Produktion 
zu  regeln,  strafbar  (Laws  of  Illinois  von  1891  S.  206).  Im  wesentlichen  gleiche 
Bestimmungen  sind  auch  für  die  Bundesgebiete  (Gesetz  vom  2.  Juli  1890) 
und  für  verschiedene  andere  Staaten  erlassen  worden.^) 


^)  Vgl.  ParsoiiH,  On  Partnership,  4.  Auflage,  §  454. 


XIV. 


BRITISCH-OSTINDIEN 


Von 

E  A.  D.  Phillips, 

Bczirkfliichter  in  Mongbyr  (Bengalen). 

(Übersetzung  aus  dem  Englischen 
von  Dr.  Georg  Cmsen,  Gericbtsassessor  im  Königlich  Preussischen  JiiRtizministerium  zu  Berlin.) 


Übersicht. 


Litteratur.  —  Abkürzungen. 

I.  §  1.  Die  Entstehungsgeschichte  des  Strafgesetzbuclis  von  1860. 
II.   Das  Strafgesetzbuch  von  1860. 

a)  Der  allgemeine  Teil. 

1.  §  2.  Einleitung. 

2.  §  3.  Grundbegriffe. 

3.  §  4.  Strafen. 

4.  §  5.   Allgemeine  Strafausschliessungsgründe. 

5.  §  6.   Anstiftung  und  Beihülfe. 

b)  Der  besondere  Teil. 

1.  §    7.   Strafbare  Handlungen  gegen  den  Staat. 

2.  §    8.   Strafbare  Handlungen  in  Beziehung  auf  Landheer  und  Marine. 

3.  §    9.   Störung  des  öffentlichen  Friedens. 

4.  §  10.   Strafbare  Handlungen,  welche  von  öffentlichen  Beamten  oder  in  Bezug 

auf  dieselben  begangen  werden. 

5.  §  11.   Missachtung  der  gesetzlichen  Autorität  der  öffentlichen  Beamten. 

6.  §  12.   Falsches  Zeugnis  und  strafbare  Handlungen  gegen  die  Rechtspflege. 

7.  §  13.   Fälschung  von  Münzen  und  öffentlichen  Stempeln. 

8.  §  14.    Strafbare  Handlungen  in  Beziehung  auf  Masse  und  Gewichte. 

9.  §  15.    Strafbare  Handlungen    gegen    die  öffentliche  Gesundheit,  Sicherheit, 

Schicklichkeit,  den  öffentlichen  Anstand  und  die  öffentliche  Moral. 

10.  §  16.   Religionsdelikte. 

11.  §  17.    Strafbare  Handlungen  gegen  Leib  und  Leben. 

12.  §  18.    Strafbare  Handlungen  gegen  das  Vermögen. 

13.  §  19.    Strafbare  Handlungen   in  Beziehung  auf  Urkunden,  Handelsmarken 

und  Eigentumszeichen. 

14.  §  20.   Strafbarer  Bruch  des  Dienstvertrages. 

15.  §  21.    Strafbare  Handlungen  in  Beziehung  auf  die  Ehe. 

16.  §  22.    Verleumdung. 

17.  §  23.    Strafbare  Einschüchterung,  Beschimpfung  und  Belästigung. 

18.  §  24.    Der  Versuch  der  Begehung  einer  strafbaren  Handlung, 
m.  §  25.   Spezial-,  Lokal-  und  andere  Gesetze. 


Litterat  ur. 

Amtliche  Ausgabe  des  ludiaii  Penal  Code  von  1860  unter  Berücksichtigung  der 
bis  zum  1.  Mai  18%  vorgenommenen  Änderungen,  Calcutta,  Office  of  the  Superinten- 
dent of  Government  Printing  1896,  Preis  2  Rupien  8  Annas;  Textausgabe  desselben 
in:  The  pocket  Penal,  Criminal  Procedure  and  Police  Codes.  Thacker, 
Spink  &  Co.,  Calcutta  1879;  Amtliche  Ausgabe  der  Whipping  Act  VI  von  1864  (unter 
Berücksichtigung  der  bis  zum  1.  März  1895  vorgenommenen  Änderungen),  Calcutta 
1895.  Kommentare:  0.  Kinealy:  The  Indian  Penal  Code.  3.  Ausg.  Thacker, 
Spink  &  Co.,  Calcutta.  —  Mayne:  The  Indian  Penal  Code.  —  H.  A.  ü.  Phillips: 
Manual  of  Indian  Criminal  Law.  2.  Ausg.  Thacker,  Spink  &  Co.,  Calcutta.  —  Der- 
selbe:  Comparative  Criminal  Jurisprudence.  Calcutta:  Thacker,  Spink  &  Co.; 
London:  Stevens  &  Sons,  119  Chancery  Lane  (enthält  den  Indian  Penal  Code  und 
Code  of  Criminal  Procedure  mit  Hinweisungen  auf  die  ausländische  Gesetzgebuno^). 

Sammlungen  von  Gesetzen  und  Entscheidungen:  The  Indian  Law 
Reports,  erscheinen  unter  Oberleitung  des  Generalstatthalters  (Governor  General  in 
Council)  bei  Thacker,  Spink  &  Co.  in  Calcutta  und  W.  Thacker  &  Co.  in  London, 
Newgate  Street  87.  —  Bengal  Law  Reports.  Thacker,  Spink  &  Co.,  wie  oben.  — 
Calcutta  Law  Reports  (Privatsaramlung).  —  Bombay  High  Court  Reports.  — 
Madras  High  Court  Reports.  —  Woodman's  Digest  of  Indian  Law  Cases 
from  1836  — 1886;  5  Bde.,  gedruckt  von  dem  Superintendent  of  Government  Printing, 
India  und  bei  Thacker,  Spink  &  Co.  1887  erschienen. 

Kurze  Mitteilungen  über  die  indische  Gesetzgebung  enthält  das  von 
der  Societe  de  l^gislation  compar6e  zu  Paris  herausgegebene  Annuaire  de  16gislation 
etrangfere  in  Bd.  17  S.  999—1007  (Gesetze  aus  1887),  Bd.  18  S.  1049—1051  (aus  1888), 
Bd.  19  S.  1061—1063  (aus  1889),  Bd.  20  S.  961—964  (aus  1890),  Bd.  21  S.  1005,  1006  (aus 
1892),  Bd.  22  S.  1056,  1057  (aus  1893),  Bd.  24  S.  1102—1104  (aus  1894;  enthält  Inhalts- 
angabe des  Gesetzes  IX  vom  22.  März  1894  über  das  Gefängnis wesen),  Bd.  25  S.  988 
bis-  991  (aus  1895).     Vgl.  ferner  Jahrbuch  der  internationalen  Vereinigung  für  ver- 

fleichende  Rechtswissenschaft  und  Volkswirtschaftslehre  zu  Berlin  11.  Jahrgang  1896, 
erlin  1897,  S.  563—565  (Referat  über  Gesetze  aus  1895  von  Biermann,  Kaiserlich 
Deutschem  Konsul  in  Bombav)  und  lEI.  Jahrgang  1897  S.  471  (Referat  über  Gesetze 
aiLs  1896). 

Abkürzungen. 

I.  L.  R.:  Indian  Law  Reports  (der  Bezirk,  für  welchen  das  Gesetz  ergangen  ist, 
ist  in  Klammern  hinzugefügt).  —  W.  R.  Cr.:  Weekly  Reporter,  Criminal  Rulings.  — 
B.  L.  R.:  Bengal  Law  Reports.  —  C.  L.  R.:  Calcutta  Law  Reports.  —  Bom.-Madr.  H.  C. : 
Bombay,  Madras  High  Court  Reports.  —  Stephens:  Stephen's  Digest  of  the  crimi- 
nal law. 

L  Die  Eatsteliuagsgescliiclite  des  StrafgesetzMclies  von  1860. 

§  1. 

Der  erste  Entwurf  eines  Strafgesetzbuches  wurde  seitens  der  indischen 
Gesetzgebungs-Kommission  (Indian  Law  Commission;  sie  bestand  damals  aus 
den  Herren  T.  B.  Macaulay,  dem  späteren  Lord  Macaulay,  Macleod,  Andersen 
und  P.  Millet)  am  14.  Oktober  1837  dem  damaligen  Generalstatthalter  von 
Indien,  Lord  Auekland,  vorgelegt. 

Die  Grundlage  des  Gesetzes  ergiebt  sich  am  klarsten  aus  dem  Bericht, 
welchen   die  Verfasser   yoranschickten ,   in   dem   sie  sagen:     „Ew.  Lordschaft 


224  Britißch-Ostindien. 


werden  bemerken,  dass  die  systematische  Anordnung  des  von  uns  ausgearbeiteten 
Strafgesetzbuchs  mit  der  keines  anderen  geltenden  Gesetzes  übereinstimmt  und 
dass  uns  auch  keines  dieser  letzteren  als  Grundlage  gedient  hat.  Ew.  Lord- 
schaft werden  sicher  hieraus  nicht  den  Schluss  ziehen,  dass  wir,  entgegen 
dem  uns  vom  Parlamente  erteilten  Auftrag,  es  unterlassen  hätten,  die  gelten- 
den Gesetze  nach  dieser  Eichtung  hin  eingehend  zu  prüfen,  oder  dass  wir 
bei  unserer  Arbeit  auch  in  anderer  Beziehung  uns  leichten  Herzens  entschlossen 
hätten,  unnötige  Neuerungen  und  völliges  Abweichen  vom  Althergebrachten 
zu  empfehlen. 

„Im  Gegenteil  sind  wir  von  der  hohen  Bedeutung  altbewährter,  mit  dem 
Volksgeiste  eng  verwachsener  Einrichtungen  völlig  durchdrungen.  Wir  glauben 
sogar,  dass  ein  Gesetzgeber  selbst  die  unbegründeten  Vorurteile  derjenigen, 
für  welche  seine  Gesetze  bestimmt  sind,  nicht  völlig  unbeachtet  lassen  darf. 
Dieser  Grundsatz  scheint  uns  so  wichtig,  dass  wir,  wenn  wir  in  Indien  ein 
völlig  ungerechtes  und  parteiisches  Strafrecht  vorgefunden  hätten,  doch  Be- 
denken getragen  haben  würden,  es  völlig  zu  beseitigen  und  durch  ein  auf 
entgegengesetzten  Prinzipien  beruhendes  System  zu  ersetzen,  sondern  lieber 
den  Vorschlag  gemacht  haben  würden,  es  zunächst  im  grossen  und  ganzen 
beizubehalten  und  nur  im  einzelnen  abzuändern  und  zu  verbessern. 

„Wir  sind  aber  der  Ansicht,  dass  die  in  Britisch-Indien  geltenden  Straf- 
rechtssysteme nur  insofern  Anspruch  auf  Beachtung  erheben  können,  als  sie 
inneren  Wert  besitzen.  Alle  sind  sie  fremden  Ursprungs,  alle  eingeführt  durch 
Eroberer,  die  sich  von  der  gi'ossen  Menge  des  Volkes  nach  Rasse,  Sitte, 
Sprache  und  Religion  wesentlich  unterschieden.  Das  Strafrecht  der  Hindus 
ist  nicht  nur  in  dem  grössten  Teil  der  jetzt  der  Britisch-Ostindischen  Gesell- 
schaft unterworfenen  Gebiete  längst  durch  den  Einfluss  der  Mohamedaner 
verdrängt,  sondern  auch  ausserdem  gewiss  das  letzte  System,  dessen  Wieder- 
belebung eine  einsichtige  und  humane  Regierung  versuchen  würde.  Das 
mohamedanische  Recht  ist  seinerseits  wieder  für  grosse  Gebiete  durch  britische 
Verordnungen  ausser  Kraft  gesetzt.  Für  die  zur  Präsidentschaft  Bombay  ge- 
hörigen Landesteile  ist  sowohl  das  mohamedanische  wie  das  hindostanische 
Strafrecht  nur  noch  für  eine  bestimmte  Klasse  von  Fällen  in  Kraft,  und  auch 
in  diesen  Fällen  ist  der  Richter  nicht  verpflichtet ,  es  anzuwenden.  Die 
britischen  Verordnungen  stammen  aus  drei  verschiedenen  Gesetzgebungsperioden, 
und  enthalten  daher,  wie  leicht  einzusehen  ist,  sehr  mannigfaltige  Bestimmungen. 

„So  weit  sind  die  in  Britisch-Indien  gegenwärtig  geltenden  Systeme  von 
einander  verschieden.  Nun  sind  wir  nicht  in  der  Lage,  eines  von  ihnen  als 
geeignete  Grundlage  für  ein  brauchbares  neues  Strafgesetzbuch  zu  bezeichnen. 
Das  Strafgesetz  für  Bengalen  und  die  Präsidentschaft  Madras  enthält  in  Wahr- 
heit mohamedanisches  Recht,  welches  allmählich  so  enstellt  ist,  dass  die  recht- 
gläubigen Mohamedaner  vor  ihm  keinerlei  Ehrfurcht  mehr  haben,  immer  aber 
noch  genügende  Reste  seiner  ursprünglichen  Besonderheiten  enthält,  um  der 
Justizverwaltung  erhebliche  Schwierigkeiten  zu  machen.  Im  wesentlichen 
weicht  es  von  dem  mohamedanischen  Strafrecht  etwa  ebensosehr  ab,  wie  das 
englische  von  dem  französischen;  nur  einige  technische  Ausdrücke  und  ge- 
suchte Unterscheidungen  sind  noch  aus  der  mohamedanischen  Lehre  bei- 
behalten. Ausserordentlich  häufig  kommt  es  vor,  dass  der  Richter  den  Law 
Officer  fragt,  welche  Strafe  das  mohamedanische  Recht  für  einen  hypothetischen 
Fall  androhen  würde,  mid  dann  diese  Strafe  über  einen  Angeklagten  verhängt, 
auf  den  die  Voraussetzungen  dieses  Falles  gar  nicht  zutreffen,  und  der  nach 
mohamedanischem  Recht  entweder  mit  einer  anderen  Strafe  zu  belegen  oder 
freizusprechen  gewesen  wäre.  Wir  wollen  die  politischen  Ei-wägungen,  welche 
die   englische   Regierung    zu    dieser    allmählichen   Umwandlung    der    von    ihr 


r.   Die  Entstehungsgeschichte  des  Strafgesetzbuches  von  1860.  225 


selbst  für  diese  Provinzen  früher  eingeführten  Rechtsprechung  in  Strafsachen 
veranlasst  haben,  keineswegs  tadeln,  aber  es  liegt  auf  der  Hand,  dass  ein 
auf  dieser  Grundlage  aufgebautes  Gesetzbuch,  lediglich  als  solches  betrachtet, 
erhebliche  Mängel  aufweisen  würde. 

„Das  von  uns  der  Regierung  in  Vorschlag  gebrachte  Verfahren,  das 
einigen  vielleicht  als  zu  gewagt  erscheinen  könnte,  ist  in  Bombay  bereits 
praktisch  erprobt  worden  und  hat  dort  nicht  eine  einzige  von  den  bösen 
Folgen  gehabt,  die  ängstliche  Gemüter  selbst  den  vernünftigsten  Reformen 
gern  zu  prophezeien  pflegen.  Für  einen  ausgedehnten  Bezirk,  dessen  Be- 
wohner erst  kürzlich  mit  Waffengewalt  unterworfen  waren,  wurden  die  bis- 
lang geltenden  Strafrechtssysteme  gleichzeitig  durch  ein  einheitliches  Straf- 
gesetzbuch ersetzt,  ohne  dass  irgendein  Zeichen  der  Unzufriedenheit  in  der 
Bevölkerung  laut  geworden  wäre. 

„Es  würde  uns  zur  besonderen  Genugthuung  gereicht  haben,  wenn  wir 
in  der  Lage  gewesen  wären,  dieses  Strafgesetzbuch  mit  Beruhigung  als  Grund- 
lage für  das  allgemeine  indische  Strafgesetzbuch  zu  benutzen.  Zu  unserem 
Bedauern  müssen  wir  jedoch  bemerken,  dass  das  Strafgesetzbuch  für  die 
Präsidentschaft  Bombay  vor  denjenigen  der  anderen  Präsidentschaften,  ab- 
gesehen davon,  dass  es  besser  durchgearbeitet  ist,  keinerlei  Vorzüge  hat. 

„Zahlreiche  wichtige  Klassen  von  strafbaren  Handlungen  sind  in  dem 
Strafgesetzbuche  für  Bombay  überhaupt  nicht  erwähnt,  und  man  darf  es  wohl 
kaum  als  eine  geschickte  Ausfüllung  dieser  Lücke  bezeichnen,  wenn  das  Ge- 
setz in  einer  sehr  dehnbaren  Bestimmung  dem  Richter  gestattet,  Handlungen, 
welche  nach  den  für  den  Thäter  massgeblichen  religiösen  Vorschriften  Strafe 
verdienen,  als  Delikte  gegen  die  gute  Sitte,  den  allgemeinen  Frieden  oder  die 
Gesellschaftsordnung  nach  Gutdünken  mit  Strafe  zu  belegen.  Denn  diese  Be- 
stimmung ist  unanwendbar  auf  die  Angehörigen  aller  derjenigen  Religionen, 
welche  nicht  gleichzeitig  eine  Regelung  des  Straf  rechts  enthalten,  und  dieser 
Umstand  führt  zu  den  seltsamsten  Konsequenzen.  So  ist  z.  B.  der  Ehebruch 
eines  Mohamedaners  strafbar,  während  ein  Christ  im  gleichen  Falle  frei  ausgeht. 

„Dieses  ist  der  Stand  der  Strafrechtspflege  in  Mofussil.  Inzwischen  ist 
für  die  Bevölkerung,  welche  der  Gerichtsbarkeit  der  auf  Grund  der  Royal 
Charter  gebildeten  Gerichtshöfe  unterworfen  ist,  das  englische  Strafrecht  ein- 
geführt: ein  verwickeltes  künstliches  System,  das  nicht  nur  zum  Lande  in 
keiner  Beziehung  steht  und  ohne  jede  Rücksichtnahme  auf  indische  Verhält- 
nisse ausgebildet  ist,  sondern  auch  in  seinem  Heimatlande  für  dringend 
reformbedürftig  gilt  und  erst  kürzlich  von  einer  Kommission  hervorragender 
englischer  Juristen  als  so  mangelhaft  bezeichnet  worden  ist,  dass  eine  völlige 
Auflösung  und  Umgestaltung  erforderlich  sei,  um  es  brauchbar  zu  machen. 

„Unter  diesen  Umständen  hielten  wir  es  nicht  für  angebracht,  dem  neuen 
Strafgesetzbuche  irgendeines  der  in  Indien  geltenden  Strafrechtssysteme  zu 
Grunde  zu  legen.  Selbstverständlich  haben  wir  sie  alle  nach  bestem  Wissen 
zu  Rate  gezogen  und  von  allen  Anregungen  empfangen;  aber  wir  haben  auch 
nicht  eine  einzige  Bestimmung  in  unseren  Entwurf  aufgenommen,  weil  wir  sie 
in  einem  dieser  Systeme  vorgefunden  haben.  Wir  haben  auch  unsere  Arbeit 
mit  den  hervorragendsten  Werken  der  europäischen  Rechtswissenschaft  ver- 
glichen, soweit  es  uns  die  hierzulande  befindlichen  dürftigen  Hülfsmittel  mög- 
lich machten.  Dem  französischen  Code  pönal  und  den  auf  ihn  bezüglichen 
Entscheidungen  französischer  Gerichtshöfe  verdanken  wir  wertvolles  Material, 
noch  wertvolleres  aber  dem  von  Livingston  verfassten  Strafgesetzbuche  für 
Louisiana.  Unserem  Danke  gegen  diesen  hervorragenden  Juristen  möchten  wir 
an  dieser  Stelle  um  so  lieber  Ausdruck  geben,  als  wir  gerade  in  wichtigen 
Fragen  seinen  Ansichten  entgegentreten  mussten." 

Strafgosetzgebuug  der  Gegenwart.    II.  jr. 


226  Britisch-Ostindien.  —  IL   Das  Strafgesetzbuch  von  1860. 

n.  Das  StrafgesetzMch  von  1860. 
a)  Der  allgremeine  Teil. 

1.   §  2.   Einleitung  (Kapitel  I,  Artt.  1—5). 

Das  indische  Strafgesetzbuch  —  Indian  Penal  Code  —  ist  das 
XLV.  Gesetz  des  Jahres  1860,  das  jedoch  im  Laufe  der  Jahre  mehrfache 
Abänderungen^)  erlitten  hat.  Es  wurde  vom  Generalstatthalter  am  6.  Oktober 
1860  genehmigt  und  ist  am  18.  Januar  1862  für  alle  diejenigen  Gebietsteile 
in  Kraft  getreten,  welche  durch  die  „Act  for  the  better  government  of  India^ 
(Statute  21  und  22  Victoria,  Kap.  106)  Ihrer  Majestät  der  Königin  von  Eng- 
land unterworfen  waren;  jedoch  sind  hiervon  Settlement  of  Prince  of  Wales 
Island,  Singapore  und  Malacca  ausgenommen.  2) 

Artt.^)  2  und  3  behandeln  das  persönliche  Geltungsgebiet  des  Gesetzes; 
Art.  8  des  Auslieferungsgesetzes  (Extradition  Act,  Gesetz  XXI  von  1879)  be- 
stimmt, dass  die  zur  Zeit  in  Indien  geltenden  Gesetze  betreffend  die  straf- 
baren Handlungen  und  das  Strafverfahren  mit  denjenigen  Abänderungen  in 
Beziehung  auf  das  Verfahren,  die  der  Generalstatthalter  (Governor  General  in 
Council)  von  Zeit  zu  Zeit  anordnen  wird,  auch  Anwendung  finden  sollen: 

a)  auf  alle  Europäer,  welche  britische  Staatsangehörige  sind  und  ein 
Gebiet  bewohnen,  dessen  Herrscher  mit  Ihrer  Majestät  (der  Königin  von  Eng- 
land) verbündet  ist;  und 

b)  auf  alle  ausserhalb  Britisch-Indiens  wohnenden  eingeborenen  Indier, 
welche  britische  Unterthanen  sind. 

Die  Frage  der  Zuständigkeit  der  indischen  Gerichte  für  die  Aburteilung 
ausserhalb  Indiens  begangener  Strafthaten  braucht  hier  nicht  weiter  erörtert 
zu  werden.*)     Indes   lassen   einige  englische   Gesetze   (Statutes)   die   Strafver- 


»)  Durch  Gesetz  XIV  von  1870,  XXVII  von  1870,  XIX  von  1872,  X  von  1873, 
XII  von  1881,  VIII  von  1882,  X  von  1882,  X  von  1886,  XIV  von  1887,  XVIII  von  1887, 
I  von  1889,  IV  von  1889,  XHI  von  1889,  IX  von  1890,  X  von  1891,  XH  von  1891, 
III  von  1894,  III  von  1895  und  VI  von  1896. 

-)  Das  indische  Strafgesetzbuch  ist  in  Kraft  gesetzt:  in  den  Santhäl  Parganas 
durch  Reg.  III  von  1872  Art.  3  (abgeändert  durch  Keg.  IH  von  1886,  abgedruckt  im 
Bengal  Code  Bd.  1  Ausg.  von  1889  S.  597),  im  Arakan-Hill  District  durch  lieg.  IX  von 
1874  Art.  3  (abgedruckt  im  Burma  Code,  Ausg.  von  1889  S.  354),  in  Ober-Bunna  all- 
gemein, mit  Axisnahme  der  Shan  Staaten,  durch  Act  XX  von  1886  Art.  6  (im  Burma 
Code,  Ausg.  von  1889  S.  364),  in  British  Baluchistan  durch  Reg.  I  von  1894  Art.  3  (in 
Baluchistan  Code,  Ausg.  von  1890  S.  69),  in  Angul  und  den  Khondmals  durch  Reg.  I 
von  1894  Art.  3,  und  (mit  einigen  Änderungen)  in  den  Kachln  Hill-Tracts  bezüglich 
der  Bergstämme  durch  Reg.  I  von  1895  Art.  3.  Ferner  ist  es  auf  Grund  des  Scheouled 
Districts  Act  von  1874  eingeführt  in  einer  Reihe  der  sog.  Scheduled  Districts  (North 
Western  Provinces  Tarai  Districts  —  Gazette  of  India  vom  23.  September  1876  Teil  I 
S.  505;  ebenso  in  den  Distrikten  von  Hazaribagh,  Lohardugga  und  Mandbum  sowie 
in  Pergunnah  Dhalbhum  und  Kolhan  im  Distrikt  Singbum  —  Gazette  of  India 
vom  22.  Oktober  1881  Teil  I  S.  504).  Das  Geltungsgebiet  des  indischen  Strafgesetz- 
buches umfasst  ausserdem  auch  einen  Teil  der  politisch  unter  der  indischen  Regierung 
stehenden  Landesteile  (s.  unten  §  25),  insbesondere  gilt  es  auch  auf  den  Andamanen 
und  Nikobaren,  sowie  auf  Socotra,  in  Aden  und  auf  Perim.  Dagegen  besitzen  die 
Straits-Settlements  (Wellesley,  Perak,  Malacca  und  Singapore),  die  1866  als  besondere 
Kolonie  von  Indien  abgetrennt  wurden ,  ein  dem  indischen  nachgebildetes  „und  nur 
unwesentlich  von  ihm  abweichendes  Strafgesetzbuch  vom  9.  August  1871.  —  Über  die 
britischen  Schutzstaaten  in  Indien  vgl.  §  z5  dieser  Darstellung. 

^)  Im  folgenden  ist  „section"  stets  durch  „Artikel",  abgekürzt  „Art."  wiedergegeben. 

*)  Eine  sorgfältige  Untersuchung  der  Frage,  ob  die  indische  Gesetzgebung  be- 
fugt ist,  den  indischen  Gerichten  Jurisdiktion  über  ausserhalb  Indiens  begangene 
Delikte  zu  verleihen,  enthält  die  Entscheidung  in  Sachen  R.  v.  Elmestone  vom  Bom- 
bay H.  C.  Cr.  Ca.  100,  110. 


a)  Der  allgemeine  Teil.  —  §  2.   Einleitung.  —  §  3.   Grundbegriffe.  227 


folgung  von  ausserhalb  Britisch-Indiens  begangenen  Delikten  ausdrücklich  zu, 
nämlich:    1.  „Territorial  Watere  Jurisdiction  Act",  41  und  42  Victoria  c.  43; 

2.  „Slave  Trade  Act"  (Gesetz  betreffend  den  Sklavenhandel),  39  und  40  Victoria 
c.  46  Act  1  (macht  die  Begehung  oder  die  Anstiftung  zur  Begehung  von  De- 
likten gegen  Artt.  367 — 371  des  indischen  Strafgesetzbuches  an  irgendeinem 
Orte  in  gleicher  Weise  strafbar,  als  wenn  sie  in  Britisch-Indien  erfolgt  wäre); 

3.  die  Admiralitäts-Gerichtsbarkeit  der  höchsten  Gerichtshöfe  ist  auf  die  „High 
Courts"  und  Mofussil-Courts  übergegangen;  4.  „MerchantShippingAct"  (Handels- 
schiffahrtsgesetz). 

Nach  Art.  4  unterliegt  den  Bestimmungen  des  Gesetzes  jeder  Beamte  der 
Königin  wegen  derjenigen  Delikte,  welche  er  in  einem  Staate  begeht,  der  mit 
der  Königin  auf  Grund  eines  mit  der  „East  India  Company"  oder  mit  der 
indischen  Regierung  abgeschlossenen  Vertrages  verbündet  ist. 

Art.  5  erhält  die  sich  auf  die  Armee  beziehenden  sowie  alle  besonderen 
und  lokalen  Gesetze  aufrecht.  Ein  „besonderes  Gesetz"  —  „special  law"  — 
ist  ein  Gesetz,  welches  nur  auf  einen  einzelnen  Unterthanen  (Art.  41),  ein 
„Lokalgesetz"  —  „local  law"  —  ein  solches,  das  nur  in  einem  abgegrenzten 
Teil  von  Britisch-Indien  Anwendung  findet  (Art.  42).  Eine  Handlung,  welche 
in  einem  special  oder  local  law  mit  Strafe  bedroht  ist,  ist  aber  ausserdem 
auch  nach  dem  Strafgesetzbuche  strafbar,  wenn  sie  unter  einen  der  dort  auf- 
gestellten Deliktsbegriffe  fällt. 

3.    §  3.    Grundbegriffe  (General  explanations.    Kap.  II.    Artt.  6 — 52). 

Die  zahlreichen  Definitionen  von  Ausdrücken  und  Bezeichnungen  und 
die  häufige  Verwendung  von  Beispielen  (illustrations)  zu  ihrer  Erläuterung 
dürfen  wohl  als  das  charakteristische  Merkmal  des  indischen  Strafgesetzbuches 
bezeichnet  werden.  Die  Verfasser  des  Gesetzes  bemerken  in  dieser  Beziehung: 
„Wir  sind  bestrebt  gewesen,  unsere  Definitionen  in  erster  Linie  möglichst 
genau  zu  formulieren  und  sind  auch  vor  unbequemen  und  verwickelten  Sätzen 
nicht  zurückgeschreckt,  wenn  sich  dieses  Ziel  auf  andere  Weise  nicht  erreichen 
liess.  Wenn  wir  glaubten,  dass  unsere  Ausdrucksweise  einen  unbefangenen 
Leser  möglicherweise  verwirren  könnte,  haben  wir  unsere  Gedanken  durch 
Beispiele  zu  erläutern  gesucht.  Der  gesamte  rechtliche  Inhalt  des  Gesetzes 
ist  in  den  Definitionen  und  den  anordnenden  Bestimmungen  enthalten;  die 
Beispiele  schaffen  kein  neues  Recht,  sondern  erläutern  nur  das  in  den  übrigen 
Teilen  des  Gesetzes  bereits  niedergelegte  und  wenden  es  auf  die  Ereignisse 
des  täglichen  Lebens  an.  Das  Gesetz  will  daher  gleichzeitig  ein  Gesetzbuch 
und  eine  Sammlung  von  Entscheidungen  sein.  Letztere  weichen  von  den  in 
den  englischen  Gesetzbüchern  enthaltenen  in  zwei  wichtigen  Punkten  ab.  Zu- 
nächst haben  unsere  Beispiele  niemals  den  Zweck,  eine  Lücke  des  dispositiven 
Teils  des  Gesetzes  auszufüllen,  noch  thun  sie  diesem,  wenigstens  unserer 
Meinung  nach,  jemals  Gewalt  an,  sie  bilden  vielmehr  lediglich  die  praktische 
Anwendung  des  Gesetzes  auf  die  gewöhnlichen  Verhältnisse  des  Lebens. 
Zweitens  aber  enthalten  sie  Fälle,  die  nicht  von  dem  Richter,  sondern  von 
dem  Gesetzgeber  entschieden  sind,  der  besser  als  der  Richter  wissen  muss,  in 
welchem  Sinne  der  Wortlaut  des  Gesetzes  aufzufassen  ist.  Die  Befugnis  der 
Interpretation  in  den  Fällen,  in  welchen  der  Buchstabe  des  Gesetzes  zu  be- 
gründeten Zweifeln  Anlass  giebt,  steht  dem  Gesetzgeber  zu.  Aus  diesem 
Grunde  waren  auch  die  römischen  Juristen  der  Ansicht,  dass  in  allen  zweifel- 
haften Fällen  die  Auslegung  des  Rechts  einen  Akt  der  Gesetzgebung  erfordere. 
Die  gegenteilige  Ansicht  wurde  von  ihnen  mit  Recht  bekämpft  in  Wendungen, 
die   wohl   begründet,    aber   für   die  Sprache  eines  Gesetzes  fast  zu  bitter  und 

15* 


228  Britisch-Ostindien.  —  II.   Das  Strafgesetzbuch  von  1860. 


sarkastisch  sind:  ,Eorum  vanam  scrupulositatem  tarn  risimus  quam  corrigendam 
esse  censuimus^  Si  enim  in  praesenti  leges  condere  soli  imperatori  concessum 
est,  et  leges  interpretari  solo  dignum  esse  imperio  oportet.  Quis  legum  enigmata 
solvere  et  omnibus  aperire  idoneus  esse  videbitur  nisi  is  cui  legislatorem  esse 
concessum  est?  Explosis  itaque  his  ridiculosis  ambiguitatibus  tam  conditor 
quam  interpres  legum  solus  Imperator  iuste  existimabitur.* 

„Die  Fälle  und  Entscheidungen,  die  wir  den  dispositiven  Bestimmungen 
des  Gesetzes  angehängt  haben,  gleichen  den  kaiserlichen  Reskripten  insofern, 
als  sie  ebenfalls  von  derjenigen  Stelle  ausgehen,  von  welcher  auch  das  Gesetz 
seinen  Ursprung  nimmt.  Aber  sie  unterscheiden  sich  von  diesen  durch  den 
überaus  wichtigen  Umstand,  dass  sie  nicht  ex  post  facto  mit  Rücksicht  auf 
einzelne  Personen  oder  bestimmte  Zwecke  erlassen  sind,  sondern  dass  die  in 
ihnen  vorkommenden  Verurteilungen  oder  Freisprechungen  sich  lediglich  auf 
fingierte  Personen  beziehen.  Was  man  daher  auch  immer  über  die  Richtig- 
keit oder  Unrichtigkeit  der  einzelnen  Entscheidung  sagen  mag  —  an  der  Un- 
parteilichkeit der  Richter  zu  zweifeln  liegt  kein  Anlass  vor. 

^Wir  hoffen,  dass  die  Veröffentlichung  dieser  Sammlung  von  Fällen  da2u 
beitragen  wird,  eine  allzu  subjektive  Auslegung  des  Gesetzes  durch  die  Ge- 
richte zu  verhindern." 

Die  Verfasser  des  Gesetzes  verkannten  nicht,  dass  es  trotz  dieser  Vor- 
sichtsmassregeln nicht  möglich  sein  werde,  einander  widersprechende  Ent- 
scheidungen der  in  Indien  bestehenden  acht  von  einander  völlig  unabhängigen 
höchsten  Gerichtshöfe  zu  vermeiden.  Sie  waren  der  Ansicht,  dass  jede  Meinungs- 
verschiedenheit dieser  Gerichte  in  Beziehung  auf  die  Auslegung  des  Straf- 
gesetzbuches sogleich  der  gesetzgebenden  Instanz  vorgelegt  und  von  dieser 
einer  nach  dem  Muster  der  Gesetzgebungs  -  Kommission  zusammengesetzten 
Köi^perschaft  zur  Prüfung  überwiesen  werden  müsse.  Sie  sagen  hierüber: 
„Auf  diese  Weise  wird  jede  neue  Auflage  des  Gesetzes  über  alle  wichtigen 
Interpretationszweifel  Aufschluss  geben,  die  seit  dem  Erscheinen  der  vorher- 
gehenden Ausgabe  aufgetaucht  sind.  Wichtige  Streitfragen,  vor  allem  solche, 
über  welche  die  höchsten  Gerichtshöfe  entgegengesetzte  Entscheidungen  gefällt 
haben,  müssen  erledigt  werden,  und  die  Tragweite  einer  gesetzlichen  Bestim- 
mung darf  nicht  länger  als  drei  oder  vier  Jahre  nach  dem  Zeitpunkt,  an 
welchem  über  sie  von  einem  Gerichte  Bedenken  laut  geworden  sind,  im  Un- 
klaren bleiben.  Ein  nur  wenige  Seiten  umfassender  Nachtrag  zu  dem  Gesetze 
wird  dann  ganze  Bände  von  Spruchsammlungen  ersetzen  und  doch,  weil  von 
dem  Gesetzgeber  selbst  ausgehend,  nicht  nur  wertvoller  sein  als  diese,  sondern 
auch  grössere  Autorität  gemessen,  indem  ein  Urteil  nur  die  für  einen  anderen 
Richter  nicht  bindende  Ansicht  eines  einzelnen  Richters  wiedergiebt." 

Gegenwärtig  giebt  es  in  Indien  vier  Obergerichtshöfe  (High  Courts)  und 
einen  Höchsten  Gerichtshof  (Chief  Court),  die  sämtlich  von  einander  unab- 
hängig sind.  Die  natürliche  Folge  dieses  Zustandes  ist  eine  Fülle  abweichen- 
der Entscheidungen,  die  grosse  Verwirrung  und  Unsicherheit  zur  Folge  haben. 
Der  Plan  der  Verfasser  des  Gesetzes  ist  nicht  zur  Verwirklichung  gelangt  und 
einander  widersprechende  Erkenntnisse  können  Jahre  lang  neben  einander 
bestehen.  Das  Strafgesetzbuch  ist  bereits  ein-  oder  zweimal  in  unwesentlichen 
Punkten  abgeändert  worden,  auch  ist  etwa  alle  elf  Jahre,  eine  neue  Straf- 
prozessordnung erlassen;  es  scheint  indes  der  Regierung  unmöglich  zu  sein,  die 
Rechtsprechung  der  Gerichtshöfe  in  bestimmte  Bahnen  zu  leiten. 

Von  den  gesetzlichen  Definitionen  sind  die  nachstehenden  erwähnenswert. 

„Unrechtmässiger  Gewinn"  —  „wrongful  gain",  Art.  23  —  ist  Eigen- 
tumserwerb ohne  Rechtatitel  und  mit  ungesetzlichen  Mitteln.  Wer  irgend  etwas 
thut,    um   jemandem   „unrechtmässigen   Gewinn"    zu    verschaffen    oder    einem 


■  ■ 


a)  Der  allgemeine  Teil.  —  §  4.   Strafen.  229 


anderen  „unrechtmässigen  Schaden"  (loss)  zuzufügen,  handelt  unehrenhaft  — 
„dishonestly". 

Die  Bezeichnung  „ungesetzlich"  —  „illegal",  Art.  43  —  findet  auf  jede 
Handlung  Anwendung,  die  entweder  strafbar  oder  gesetzlich  verboten  ist 
oder  einen  civilrechtlichen  Ei'satzanspruch  begründet.  Eine  Person  ist  zur 
Vornahme  einer  Handlung  gesetzlich  verpflichtet  —  „legally  bound  to  do"  — , 
wenn  die  Unterlassung  für  sie  ungesetzlich  (illegal)  sein  würde.  Das  Wort 
„Unrecht"  —  „injury",  Art.  44  —  bezeichnet  jeden  einem  anderen  an  Körper, 
Geist,  Ansehen  oder  Vermögen  ungesetzlicherweise  zugefügten  Schaden.  Eine 
Handlung,  die  ohne  die  nötige  Vorsicht  und  Aufmerksamkeit  (without  due  care 
and  attention)  ausgeführt  wurde,  wird  niemals  als  in  gutem  Glauben  —  „in 
good  faith"  —  vorgenommen  angesehen. 

3.    §  4.    Strafen  (Punishments.    Kap.  III.    Artt.  58 — 75). 

Die  im  Gesetze  angedrohten  Straf  arten  sind: 

1.  Todesstrafe; 

2.  Verbannung; 

3.  Zuchthaus  (Strafknechtschaft); 

4.  Gefängnis  in  zwei  Abstufungen: 

a)  schweres,    d.  h.    mit   Zwang   zu   schwerer   Arbeit   verbundenes 
Gefängnis; 

b)  leichtes  Gefängnis; 

5.  Vermögenseinziehung; 

6.  Geldstrafe. 

Ausserdem  kann  nach  dem  Gesetze  VI  von  1864  (Whipping  Act)  in  ge- 
wissen Fällen  auf  Prügelstrafe  erkannt  werden.  Jugendliche  unter  16  Jahren, 
die  zu  Gefängnis  verurteilt  sind,  können  nach  der  „Reformatory  Schools  Act" 
von  1876  in  Besserungsanstalten  untergebracht  werden. 

Die  Todesstrafe  (death)  wird  durch  Hängen  vollstreckt  (Strafprozess- 
ordnung Art.  368).  Sie  wird  angedroht  gegen  murder  (Art.  302,  Mord  und 
gewisse  Fälle  des  Totschlags),  Anstiftung  und  Beihülfe  zum  Selbstmord  einer 
Person  unter  18  Jahren  oder  eines  (wegen  Geisteskrankheit,  Vergiftung  u.  s.  w.) 
Unzurechnungsfähigen  (Art.  305)  und  gegen  Ablegung  oder  Herbeiführung 
eines  falschen  Zeugnisses  in  der  Absicht,  einen  Unschuldigen  eines  Kapitals- 
verbrechens zu  überführen,  wenn  dieser  auf  Grund  des  falschen  Zeugnisses 
verurteilt  und  hingerichtet  ist  (Art.  194).  In  einem  dieser  Fälle,  nämlich 
wenn  ein  zu  lebenslänglicher  Verbannung  Veroirteilter  einen  Mord  begangen 
hat,  muss  auf  Todesstrafe  erkannt  werden  (Art.  303). 

Das  auf  Verbannung  (transportation)  lautende  Urteil  hat  den  Ort, 
nach  welchem  die  Verbannung  erfolgen  soll,  nicht  anzugeben  (Strafprozess- 
ordnung Art.  368  und  Act  IX  von  1882).  Da  sich  herausgestellt  hat,  dass 
von  den  zu  dieser  Strafe  Verurteilten  viele  ihrer  körperlichen  Beschaffenheit 
wegen  zur  Überführung  nach  den  Andaman-Inseln  nicht  geeignet  waren,  ist 
der  Generalstatthalter  durch  Gesetz  IX  von  1882  ermächtigt  worden,  einen 
Verbannungsort  auf  dem  britisch  -  ostindischen  Festlande  zu  bezeichnen.  Als 
solche  sind  die  Centralgefängnisse  („Central  jails")  ausgewählt.  Das  englische 
Markensystem  ist  in  Britisch-Indien  in  etwas  abgeänderter  Form  in  Gebrauch, 
indem  der  Besitz  einer  gewissen  Anzahl  Marken  für  den  Sträfling  einen  An- 
spruch auf  Erlass  eines  Teils  der  Strafe  begründet.  So  konmit  es  vor,  dass 
ein  zu  lebenslänglicher  Strafe  Verurteilter  nach  Ablauf  von  20  Jahren  ent- 
lassen werden  kann. 


.^ 


230  Britisch-Ostindien.  —  11.   Das  Strafgesetzbuch  von  1860. 


Die  Zuchthausstrafe  (Strafknechtsehaft ,  penal  servitude)  ist  durch 
Gesetz  XXIV  von  1855  eingeführt  und  bestimmt,  bei  Europäern  und  Ameri- 
kanern die  Verbannung  zu  ersetzen  (Art.  56). 

Die  zu  leichtem  Gefängnis  (simple  imprisonment)  verurteilten  Personen 
können  während  der  Strafvollstreckung  zur  Arbeit  nicht  gezwungen  werden; 
jedoch  ist  es  zulässig,  sie  auf  ihren  Wunsch  in  irgend  einer,  den  Anstalts- 
ordnungen nicht  widersprechenden  Weise  zu  beschäftigen. 

Die  Einziehung  des  Vermögens  (forfeiture  of  property)  tritt  von 
Rechtswegen  ein  als  Folge  einer  Verurteilung  aus  Artt.  121  und  122  (Führung 
eines  Krieges  gegen  die  Königin).  In  anderen  Fällen  ist  die  Verhängung  in 
das  Ermessen  des  Gerichts  gestellt,  vorausgesetzt,  dass  das  in  Frage  stehende 
Delikt  mit  dem  Tode  bestraft  wird.  Auf  den  Verlust  aller  vom  Staate  her- 
rührenden Einkünfte  und  Vermögensvorteile  kann  als  Nebenstrafe  erkannt 
werden,  wenn  das  Urteil  auf  Verbannung  oder  auf  Gefängnis  nicht  unter 
7  Jahren  lautet  (Art.  62). 

In  einigen  Fällen  ist  Geldstrafe  (fine)  die  einzig  zulässige  Strafe;  meist 
ist  sie  jedoch  wahlweise  mit  einer  anderen  oder  als  Xebenstrafe  angedroht. 
Wo  nicht  ein  bestimmter  Betrag  festgesetzt  ist,  besteht  bezüglich  der  Höhe 
der  Strafe  keine  Beschränkung,  jedoch  soll  diese  nicht  übermässig  sein  (Art.  63). 
Diese  Bestimmung  schliesst  sich  an  die  Bill  of  Rights  und  die  Verfassung  der 
Vereinigten  Staaten  von  Amerika  an.  Die  Verfasser  des  Strafgesetzbuchs 
widersprechen  ausdrücklich  dem  Grundsatze  Livingstons,  dass  eine  Geldstrafe 
niemals  mehr  als  den  vierten  Teil  des  Vermögens  des  Schuldigen  betragen 
dürfe;  sie  verweisen  auf  den  Fall,  dass  jemand  sich  einen  sehr  bedeutenden 
rechtswidrigen  Vorteil  verschafft  hat,  von  dem  man  ihm  dann  drei  Viertel 
belassen  und  nur  ein  Viertel  wieder  abnehmen  könnte.  Denn  möglicherweise 
hat  der  Schuldige,  ausser  dem  unrechtmässig  erworbenen  Gut,  wenig  oder  gar 
kein  Vermögen.  Zweifellos  ist  es  wünschenswert,  dass  er  gezwungen  werden 
kann,  das  Ganze  herauszugeben. 

Nach  dem  Gesetz  VI  von  1864  (Whipping  Act)  kann  wegen  gewisser 
Delikte,  vor  allem  wegen  Diebstahls  und  ähnlicher  Strafthaten,  auf  Prügel- 
strafe als  Zusatzstrafe  erkannt  werden.  Gegen  Jugendliche  („juvenile  offenders") 
ist  sie,  sowohl  bei  der  ersten  wie  bei  jeder  folgenden  Begehung  an  Stelle  jeder 
anderen  Strafthat  zulässig.  Unter  „juvenile  offenders"  sind  Personen  unter 
16  Jahren  zu  verstehen  (Art.  392  Strafprozessordnung);  die  Strafe  wird  an 
ihnen   nach  Art   der  Schulzucht   mittels  eines  leichten  Rohrstockes  vollstreckt. 

Bezüglich  der  Verbannungsstrafe  bemerken  die  Verfasser  des  Gesetzes: 
„Diese  Strafe  wird  von  den  eingeborenen  Indiem,  vor  allem  von  denjenigen, 
die  nicht  an  der  See  leben,  ganz  besonders  gefürchtet Längeres  Ge- 
fängnis mag  im  Augenblick,  in  welchem  es  verbüsst  wird,  härter  sein,  aber 
es  wird  nicht  so  im  voraus  gefürchtet,  und  ein  auf  Gefängnis  lautendes  Urteil 
wirkt  auf  den  Schuldigen  und  das  Publikum  nicht  so  abschreckend,  wie  ein 
Spruch,  der  auf  Verbannung  über  das  „„schwarze  Wasser""  lautet." 

Strafumwandlung  und  Begnadigung.  Nicht  nur  die  indische  Central- 
regierung  sondern  auch  jede  Lokalregiemng  kann  die  Todesstrafe  in  irgend- 
eine andere  Strafe  umwandeln  (Art.  54).  Auch  kann  eine  schwerere  Strafe 
durch  eine  leichtere  ersetzt  werden  (Strafprozessordnung  Art.  402).  Die  Central- 
rogierung  und  die  Lokalbehörden  können  bedingungsweise  oder  unbedingt 
die  Vollstreckung  von  Urteilen  aufschieben  oder  verbieten  (Strafprozessordnung 
Art.  401). 


a)  Der  allgemeine  Teil.  —  §  4.   Strafen.  231 


Gefängnis  an  Stelle  einer  nicht  gezahlten  Geldstrafe.  Wenn  für 
eine  strafbare  Handlung  Gefängnis  neben  Geldstrafe  angedroht  wird,  so  soll  die 
Dauer  der  im  Nichtzahlungsfalle  (nach  Art.  64)  an  Stelle  der  letzteren  treten- 
den Gefängnisstrafe  den  vierten  Teil  des  Höchstmasses  der  principaliter  ange- 
drohten Gefängnisstrafe  nicht  tiberschreiten  (Art.  65).  Ist  das  Delikt  nur  mit 
Geldstrafe  bedroht,  so  beträgt  die  Höchstdauer  der  zulässigen  subsidiären  Ge- 
fängnisstrafe 2  Monate,  wenn  der  Höchstbetrag  der  ersteren  50  Rupien, 
4  Monate,  wenn  er  100  Rupien  ist,  und  in  allen  anderen  Fällen  6  Monate 
(Art.  67).  Die  Geldstrafe  kann  binnen  6  Jahren  nach  Erlassung  des  Urteils  sowie 
jederzeit  während  der  Verbtissung  der  Gefängnisstrafe  gezahlt  werden.  Die 
Verfasser  des  Gesetzes  bemerken  hierzu:  „Wir  sind  nicht  der  Ansicht,  dass 
diese  Gefängnisstrafe  als  volle  Erlegung  der  Geldstrafe  gelten  soll.  Wir  können 
nicht  dem  Übelthäter  die  Befugnis  zugestehen,  zu  wählen,  ob  er  an  seiner 
Person  oder  an  seinem  Vermögen  Strafe  erleiden  will  ....  und  befürworten 
daher,  dass  die  von  einem  Verurteilten  verbüsste  Gefängnisstrafe  ihn  von  seiner 
Verpflichtung  zur  Zahlung  der  Geldstrafe  nicht  befreit.  Allerdings  ist  er  mit 
seinem  Körper  für  die  Beitreibung  fortan  nicht  mehr  verantwortlich,  sein  Ver- 
mögen hingegen  bleibt  es  noch  für  eine  gewisse  Zeit."  Nach  Art.  386  Straf- 
prozessordnung kann  das  Gericht  die  Einziehung  der  Geldstrafe  durch  Be- 
schlagnahme anordnen,  selbst  wenn  das  Urteil  besagt,  dass  der  Verurteilte  im 
Falle  der  Nichtzahlung  gefänglich  eingezogen  werden  soll. 

Schadensersatz  und  Busse.  „Bei  vielen  Delikten",  sagen  die  Ver- 
fasser des  Gesetzes,  „entsteht  nicht  nur  ein  strafrechtlicher,  sondern  auch  ein 
civilrechtlicher  Anspruch.  Das  englische  Recht  versagt,  unseres  Erachtens  sehr 
mit  Unrecht,  die  Privatklage  auf  Schadensersatz  in  den  Fällen,  in  welchen  ein 
Schaden  durch  ein  Delikt  entstanden  ist,  das  einen  Fall  der  „felony"  bildet. 
So  kann  jemand  Ersatz  verlangen,  der  durch  einen  kleinen  Betrug,  nicht  aber, 
wer  mittels  eines  falschen  Wechsels  geschädigt  worden  ist;  ebenso  der,  dessen 
Kleid  zerrissen,  nicht  aber  der,  dessen  Haus  böswillig  in  Asche  gelegt  ist;  ein 
Mädchen  kann  wohl  denjenigen  belangen,  der  ihr  die  Ehe  versprochen  und 
das  Versprechen  nicht  eingelöst  hat,  nicht  aber  den,  der  sie  genotzüchtigt  hat. 
Wir  wünschen,  dass  die  Strafprozessordnung  dem  Verletzten  in  derartigen 
Fällen  die  Möglichkeit  gewähre,  vom  Thäter  Schadensersatz  zu  erlangen.  Wir 
glauben,  dass  sich  ein  Verfahren  einrichten  lässt,  in  welchem  neben  dem 
strafrechtlichen  auch  der  civilrechtliche  Anspruch  seine  Befriedigung  findet." 
Dementsprechend  gestattet  Art.  545  Strafprozessordnung  den  Strafgerichten, 
anzuordnen,  dass  die  verhängte  Geldstrafe  ganz  oder  teilweise  verwendet 
werden  soll:  a)  als  Ersatz  der  Kosten  der  Strafverfolgung,  b)  als  Genugthuung 
(compensation)  für  das  durch  die  strafbare  Handlung  dem  Verletzten  zugefügte 
Unrecht,  wenn  der  Betrag  des  Schadensersatzes  nach  Ansicht  des  Gerichts  im 
Wege  der  Civilklage  beigetrieben  werden  kann. 

Einzelhaft.  Die  Dauer  der  Einzelhaft  (solitary  confinement)  kann 
3  Monate  nicht  übersteigen,  wenn  die  Dauer  der  Strafe  mehr  als  ein  Jahr, 
1  Monat,  wenn  letztere  weniger  als  6  Monate,  und  2  Monate,  wenn  letztere 
mehr  als  6  Monate  und  weniger  als  ein  Jahr  beträgt.  Der  Gefangene  soll 
höchstens  an  14  auf  einander  folgenden  Tagen  in  Einzelhaft  gehalten,  dann 
aber  für  einen  der  Dauer  derselben  gleichkommenden  Zeitraum  mit  anderen 
Gefangenen  zusammengebracht  werden  (Artt.  73,  74). 

Rückfall.  Wer  bereits  wegen  eines  nach  Kap.  XII  (Münzdelikte)  oder 
XVII  (Eigentumsdelikte)  strafbaren  Vergehens  mit  Gefängnis  von  mindestens 
drei  Jahren  bestraft  ist,  verwirkt  für  jede  weitere  Strafthat  lebenslängliche 
Verbannung  oder  die  doppelte  Höhe  der  Strafe,  zu  welcher  er  sonst  ver- 
urteilt sein  würde  (Art.  75).    Es  giebt  weder  in  Indien  noch  in  England'  eine 


232  Britisch-Ostindien.  —  IT.   Das  Strafge^tzbuch  von  18ö0. 


sogenannte  R&ckfallsverjähmng,  d.  h.  eine  Vorschrift,  nach  welcher  ein  Rück- 
fall nicht  als  Torliegend  anzusehen  ist,  wenn  seit  der  Entlassung  des  Thaters 
ans  dem  Gefängnis  eine  gewisse  Reihe  von  Jahren  yerflossen  ist.  Es  scheint, 
dass  in  EIngland  die  Vorstrafe  auch  vollzogen  sein  mnss;  nach  dem  indischen 
Gesetz  genügt  es,  dass  der  Thäter  Yenirteilt  ist.  Nach  dem  Wortlaut 
der  Bestimmungen  findet  sowohl  in  Indien  wie  in  England  die  Rückfallsstrafe 
nur  bei  Diebstahl  Harcenv)  und  Münzdelikten  Anwendung,  in  Russland  (Straf- 
gesetzbuch Art.  131;  dagegen  bei  allen  Delikten. 

In  Beziehung  auf  einige  andere  möglichen  Strafarten  bemerken 
die  Verfasser  des  Gesetzes:  r^ir  haben  es  nicht  für  erforderlich  gehalten,  die 
Unfähigkeit  zur  Bekleidung  von  Ämtern  oder  die  Entfernung  aus  einem  Amte 
in  das  Strafensystem  aufzunehmen,  da  die  Verwaltung  jederzeit  in  der  Lage 
ist,  selbst  solche  Personen,  deren  Schuld  nicht  voll  erwiesen  ist,  von  einem 
Amte  fem  zu  halten  oder  aus  demselben  zu  entlassen."  Bezüglich  des  Pranger- 
stehens z'pillory)  sagen  sie:  „Diese  Strafe  würde  entweder  die  schwerste  aller 
Strafen  oder  überhaupt  keine  Strafe  sein;  für  einen  mit  lebhaftem  Ehrgefühl 
begabten  Menschen  ist  sie  meist  schrecklicher  als  der  Tod;  einem  hartgesottenen 
Sünder,  der  unzählige  Male  vor  Gc  rieht  gestanden  und  nichts  zu  verlieren 
hat,  ist  selbst  eine  Stunde  Tretmühh  unangenehmer.**  Die  Prügelstrafe  (flog- 
ging; ist  nicht  von  den  Verfassern  in  das  Strafensystem  aufgenommen,  sondern 
erst  durch  Gesetz  VI  von  1864,  v.»r  allem  zur  Unterdrückung  der  immer 
häufiger  gewordenen  Eigentumsdelikte  eingeführt  worden. 

Das  indische  Strafrecht  würde  eine  wertvolle  Bereicherung  erfahren  durch 
Aufnahme  des  Verlustes  der  bürgerlichen  Ehrenrechte  (civic  degradation)  und 
der  Veröffentlichung  der  Urteile,  sei  es  mittels  der  Zeitungen  oder  durch 
öffentlichen  Anschlag. 

Im  Gegensatz  zu  anderen  Strafgesetzbüchern,  die  auch  die  Mindestdauer 
der  Freiheitsstrafen  festsetzen,  bestimmt  das  indische  Strafgesetzbuch  nur  ihre 
höchste  zulässige  Dauer.  In  einigen  Fällen  macht  es  die  Verhängung  von  Ge- 
fängnis neben  einer  Geldstrafe  obligatorisch.  In  Indien  hat  der  Richter  ebenso 
wie  in  England  bei  Ausmessung  der  Strafe  einen  zu  grossen  Spielraum.  Den 
Versuch,  die  mildernden  und  erschwerenden  Umstände  nach  dem  Vorbilde 
anderer  Strafgesetzbücher  zu  definieren,  hat  das  indische  Gesetz  nicht  gemacht. 

Ein  Analogon  zu  der  in  England  zulässigen  Behandlung  eines  „Gefängnis- 
sträflings erster  Klasse"  („misdemeanant  of  the  first  division")  ist  in  Indien 
nicht  vorhanden.  Man  hat  die  Einführung  einer  ähnlichen  Bestimmung  ver- 
langt, wie  sie  die  Strafprozessordnung  für  Louisiana  in  Art.  92  giebt,  wo  es 
heisst:  „Leichtes  Gefängnis  (simple  imprisonment)  besteht  lediglich  in  der  Ver- 
wahrung innerhalb  der  Gefängnismauem ;  der  Gefangene  darf  sowohl  lesen 
und  schreiben  als  auch  während  der  in  der  Hausordnung  festgesetzten  Stunden 
Besuch  empfangen." 

4.  §  5.    AUgemeine  StrafausschliessungsgrQnde. 

(General  exceptions.     Kap.  IV  Artt.  76 — 106.) 

Das  vierte  Kapitel  handelt  von  den  Umständen,  welche  die  Schuld  (cri- 
minality)  oder  die  Strafbarkeit  (criminal  liability)  ausschliessen.  Die  Bestim- 
mungen dieses  Kapitels,  das  den  Zweck  hat,  zahllose  Wiederholungen  zu  ver- 
meiden, gelten  für  das  gesamte  Strafgesetzbuch. 

Nachstehende  Handlungen  hat  das  Gesetz  ausdrücklich  für  straflos  erklärt: 
die  Handlung,  zu  der  jemand  gesetzlich  verpflichtet  ist  oder  verpflichtet  zu  sein 
glaubt;  rechtmässige  richterliche  Handlungen;  jede  auf  Grund  eines  Urteils 
oder   des   Befehls   eines  Gerichts  vorgenommene  Handlung;  die  Handlung,   zu 


a)  Der  allgemeine  Teil.  —  §  5.   Allgemeine  Straf ausschliessungsgründe.      233 


welcher  jemand  gesetzlich  berechtigt  ist  oder  auf  Grund  thatsächlichen  Irr- 
tums berechtigt  zu  sein  glaubt;  den  bei  Ausführung  einer  gesetzmässigen  Hand- 
lung eintretenden  Zufall;  eine  Handlung,  welche  ohne  rechtswidrige  Absicht 
(criminal  intent)  begangen  wird,  um  durch  die  voraussichtliche  Zufügung  von 
Schaden  einen  anderen  Schaden  abzuwenden;  die  von  einem  Kinde  unter 
7  Jahren  begangene  That;  die  That  eines  Kindes  über  7  aber  unter  12  Jahren, 
welches  nicht  die  genügende  Verstandesreife  (sufficient  maturity  of  understand- 
ing)  hat^);  Handlungen  eines  Geisteskranken  (person  of  unsound  mind);  Hand- 
lungen eines  Menschen,  der  durch  eine  gegen  seinen  Willen  hervorgerufene 
Vergiftung  des  Gebrauchs  seiner  Urteilsfähigkeit  (judgement)  beraubt  ist;  eine 
mit  Einwilligung  (by  consent)  des  Verletzten  ohne  die  Absicht,  einen  schweren 
Schaden  zu  verursachen,  und  ohne  das  Bewusstsein,  dass  ein  solcher  eintreten 
werde,  vorgenommene  Handlung;  Handlungen,  welche  in  gutem  Glauben  zum 
Vorteil  einer  Person  ohne  Tötungsabsicht  vorgenommen  weixien;  ähnliche 
Handlungen,  welche  im  Einverständnis  des  Wärters  zu  Gunsten  eines  Kindes 
oder  Geisteskranken  ausgeführt  werden;  Handlungen,  die  in  gutem  Glauben 
zu  Gunsten  einer  Person  ohne  deren  Einwilligung  vorgenommen  werden,  wenn 
sie  nach  den  Umständen  des  Falles  nicht  in  der  Lage  waP,  ihre  Zustimmung 
zu  erkennen  zu  geben;  durch  Drohung  erzwungene  Handlungen;  Handlungen, 
die  nur  unbedeutenden  Schaden  verursacht  haben;  endlich  Handlungen,  die 
in  Notwehr  begangen  sind. 

Thatsächlicher  Irrtum  (mistake  of  fact).  In  unkultivierten  Ländern 
bedarf  der  Fall  der  auf  Grund  thatsächlichen  Irrtums  begangenen  Tötung 
einer  besonderen  Regelung.  Es  ist  in  Indien  oft  vorgekommen,  dass  „Hexen" 
und  „Zauberer"  getötet  wurden  von  Personen,  die  dadurch  von  sich  oder 
ihren  Kindern  irgendein  drohendes  Unheil  abwenden  zu  können  glaubten.  In 
diesen  Fällen  sollte  den  Geschworenen  vielleicht  die  Frage  vorgelegt  werden, 
ob  der  Thäter  unter  dem  Einflüsse  eines  thatsächlichen  In'tums  stand  oder  in 
dem  guten  Glauben  handelte,  sich  in  Notwehr  zu  befinden  und  das  gefürchtete 
Übel  auf  anderem  Wege  nicht  abwenden  zu  können. 

Richterliche  Handlung  (judicial  act).  Bezüglich  der  civilrecht- 
lichen  Haftung  bestimmt  das  Gesetz  XVIII  von  1850,  dass  ein  Richter  wegen 
der  in  Ausübung  seines  Amtes  in  gutem  Glauben  angeordneten  oder  vorge- 
nommenen Handlungen  civilrechtlich  nicht  belangt  werden  kann,  selbst  wenn 
er  für  die  in  Frage  kommende  Sache  nicht  zuständig  war. 

Zufall  (accident).  Die  That  muss  verübt  sein:  zufällig,  ohne  straf- 
bare Kenntnis  oder  Absicht  bei  Ausführung  einer  gesetzmässigen  Handlung  in 
gesetzlicher  Weise  mit  gesetzlichen  Mitteln  und  der  erforderlichen  Sorgfalt  und 
Vorsicht.  Das  indische  Gesetz  weicht  von  dem  englischen  Recht  ab:  nach 
letzterem  ist  die  bei  Ausführung  einer  ungesetzlichen  Handlung  veinirsachte 
Tötung  Mord  (murder)  oder  Totschlag  (manslaughter),  je  nachdem  die  unge- 
setzliche Handlung  ein  schwereres  Verbrechen  (felony)  oder  ein  leichteres  mis- 
deraeanour)  ist.^)  Liegt  Unbesonnenheit  oder  Nachlässigkeit  vor,  so  ist  die 
That  strafbar  (Artt.  304A,  336,  337,  338). 

Jugendliches  Alter.  Bei  Feststellung  der  Altersgrenze  für  die  absolute 
Straflosigkeit  folgt  das  Gesetz  dem  englischen  Recht,  setzt  aber  den  Zeitpunkt 
des  Eintritts  der  vollen  Strafmündigkeit  vom  vollendeten  14.  auf  das  voll- 
endete 12.  Jahr  herab.  Zwischen  dem  7.  und  12.  Lebensjahre  wird  das  Vor- 
handensein  der  genügenden   Verstandesreife   vermutet  und    die   Verteidiguujg 


*)  Vgl.  jedoch  Art.  130  des  Eisenbahngesetzes  (Iiidian  Railways  Act,  IX  von  1890, 
amtliche  Ausgabe  1896). 

^)  Vgl.  Beispiel  (illustratioii)  c  zu  Art.  299  des  indischen  Strafgesetzbuches. 


284  Britisch-Oötindien.  —  II.   Das  Strafgesetzbuch  von  1860. 


muss  das  Fehlen  derselben  darthiin,  während  in  England  umgekehrt  die  An- 
klagebehörde den  Beweis  des  Vorhandenseins  zu  erbringen  hat.  Für  abend- 
landische Begriffe  ist  diese  Grenze  zu  niedrig,  indes  gilt  in  orientalischen 
Ländern  der  Satz:  malitia  supplet  aetatem,  und  es  liegen  eine  Reihe  von 
bemerkenswerten  Beispielen  für  eine  aussergewöhnlich  frühe  Verstandesreife 
aus  Indien  vor.^) 

Trunkenheit  (drunkenness).  Wie  im  Civilrecht,  so  bewirkt  auch  im 
Strafrecht  Tininkenheit  eine  Erhöhung  der  Verantwoiüichkeit  nach  der  Regel: 
qui  peccat  ebrius,  luat  sobrius.  Spuren  dieser  strengeren  Anschauungsw^eise 
finden  sich  auch  in  modernen  Gesetzen,  wenn  auch  das  Prinzip  der  Straf- 
schärfung aufgegeben  ist.  Nach  heutiger  Auffassung  bewirkt  selbstverschuldete 
Trunkenheit  keine  Straffreiheit.  In  England  kann  Trunkenheit  mildernd  in 
Betracht  gezogen  werden,  soweit  das  Motiv  des  unter  ihrem  Einflüsse  Handeln- 
den berücksichtigt  wird.  Nach  dem  Wortlaut  des  indischen  Gesetzes  darf  sie 
offenbar  nicht  beachtet  werden  (Art.  86),  die  authentische  Interpretation  (case 
law)  neigt  jedoch  zu  der  englischen  Auffassung. 

Drohung  (compulsion  by  threats).  Die  Drohung  muss  derartig  sein, 
dass  der  Bedrohte  bei  vernünftiger  Überlegung  befürchten  muss,  die  Nicht- 
ausführung der  That  werde  unmittelbar  seinen  Tod  (nach  englischem  Recht 
auch:  schwere  Körperverletzung)  zur  Folge  haben.  Die  Straflosigkeit  tritt 
jedoch  nicht  ein  bei  Mord  und  strafbaren  Handlungen  gegen  den  Staat.  Nach 
indischem  Recht  ist  sie  nicht  davon  abhängig,  dass  bei  der  Ausübung  des 
Zwanges  eine  bestimmte  Anzahl  von  Personen  beteiligt  gewesen  ist,  auch 
besteht  keine  gesetzliche  Präsumption  dafür,  dass  Ehefrauen  unter  dem  Ein- 
fluss  der  Drohungen  ihrer  Ehemänner  gehandelt  haben,  obwohl  die  Stellung 
der  Frau  in  Indien  die  Anwendung  dieses  Grundsatzes  sehr  angezeigt  er- 
scheinen lässt. 

Handlungen,  die  nur  geringen  Schaden  verursachen  (acts  caus- 
ing  slight  härm).  „Eine  Handlung  ist  straflos,  wenn  der  Schaden,  den  sie 
verursacht  oder  verursachen  soll  oder  erfahrungsgemäss  zu  verursachen  pflegt, 
so  unbedeutend  ist,  dass  niemand,  der  mit  normaler  Empfindung  und  Tempe- 
rament begabt  ist,  sich  über  denselben  beklagen  würde"  (that  no  person  of 
ordinary  sense  and  temper  would  complain  of  such  härm;  Art.  95).  Dieser 
Artikel  verkörpert  den  Grundsatz:  de  minimis  non  curat  lex.  Die  Mit- 
glieder der  Gesetzgebungskommission  bemerken:  „Nach  dem  Wortlaut  des  Ge- 
setzes begeht  jemand  einen  Diebstahl,  wenn  er  seine  Feder  in  seines  Nachbars 
Tintenfass  taucht,  Sachbeschädigung,  wenn  er  eines  anderen  Oblate  zerpflückt  etc. 
Dass  diese  Handlungen  nicht  als  Delikte  behandelt  werden  dürfen,  ist  klar, 
und  wir  halten  es  für  besser,  die  Anwendbarkeit  der  Bestimmungen  des  Straf- 
gesetzbuches auf  sie  ausdrücklich  auszuschliessen ,  als  dieses  der  Praxis  zu 
überlassen.  Denn  wenn  das  Gesetz  diesen  Punkt  mit  Stillschweigen  übergehen 
würde,  so  könnte  der  Richter  diese  Fälle  nur  für  straflos  erklären,  indem  er 
entweder  neues  Recht  schafft  oder  dem  Wortlaut  des  Gesetzes  Gewalt  anthut. 
Beides  halten  wir  aber  für  gefährlich." 

Notwehr  (private   defense).     Hierüber   sagen    die  Verfasser   des  Ge- 

s(^tzes:  „Es  könnte  scheinen,  als  hätten  wir  das  Recht  der  Selbstverteidigung 

• 

*)  Der  „Weekly  Reporter"  berichtet  einen  Fall,  in  welchem  ein  zehnjähriges 
Mädchen  ihrem  schlafenden  Ehemanne  den  Kopf  abgeschlagen  hat.  —  Nach  dem 
chinesischen  Strafgosetzbuche  (Art.  22)  sollen  Personen  unter  7  und  über  90  Jahre 
nur  we<^en  Hochverrats  und  Rebellion  bestraft  werden.  Der  Gedanke,  dass  ein  sieben- 
jähri^^es  Kind  einen  Hochverrat  begehen  könnte,  hat  für  europäische  Begriffe  etwas 
Komisches.     (1.  W.  R.  Cr.  43.) 


a)  Der  allgemeine  Teil.  —  §  5.   AUgemeine  Straf ausschliessungsgründe.      235 


zu  weit  ausgedehnt,  und  wir  sind  selbst  der  Ansicht,  dass,  wenn  es  unsere 
Aufgabe  gewesen  wäre,  ein  Gesetz  zu  entwerfen  für  ein  leidenschaftliches, 
hitziges  Volk,  das  gewohnt  ist,  sich  selbst  Recht  zu  verschaffen  und  dabei  die 
Grenzen  der  Gesetzlichkeit  zu  überschreiten,  die  Aufnahme  einschränkender 
Bestimmungen  unerlässlich  gewesen  wäre.  Hierzulande  liegt  aber  die  Gefahr 
auf  der  entgegengesetzten  Seite.  Die  Bevölkerung  ist  ausserordentlich  wenig 
geneigt,  sich  selbst  zu  helfen;  mit  unglaublicher  Langmut  erträgt  sie  die  grau- 
samsten Misshandlungen  und  die  schwersten  Beleidigungen  und  Beschädigungen, 
die  ihr  durch  Banden  von  Räubern  (dacoits)  und  Raufbolden  zugefügt  werden. 
Diese  Thatsache  ist  eines  der  bemerkenswertesten  und  zugleich  betrübendsten 
Symptome  für  die  in  der  indischen  Bevölkerung  heiTschenden  Zustände." 

Das  indische  Gesetz  erlaubt  jedermann  die  Verteidigung:  1.  seiner  eigenen 
oder  einer  fremden  Person  gegen  einen  auf  sie  gerichteten  Angriff;  2.  des 
eigenen  oder  fremden  beweglichen  oder  unbeweglichen  Vermögens  gegen 
Diebstahl  (theft),  Raub  (robbery),  Sachbeschädigung  (mischief)  oder  gesetz- 
widriges Betreten  (trespass).  Im  englischen  Recht  ist  nicht  so  klar  ausge- 
sprochen, dass  alles,  was  zur  Verteidigung  eigener  Rechtsgüter,  auch  zum 
Schutze  fremder  erlaubt  ist. 

Die  Notwehr  ist  nicht  zulässig  gegen  Handlungen,  welche  von  einem 
öffentlichen  Beamten  oder  in  dessen  Auftrage  vorgenommen  werden  und  in 
dem  von  ihnen  Betroffenen  vernünftigerweise  nicht  die  Furcht  vor  Tötung 
oder  schwerer  Körperverletzung  hervorrufen  können,  selbst  wenn  sie  nicht 
vollkommen  gesetzlich  sind.  Femer  liegt  straflose  Notwehr  nicht  vor,  wenn 
der  Thäter  genügende  Zeit  hatte,  obrigkeitliche  Hülfe  herbeizuholen.  Das  Recht 
der  Notwehr  entschuldigt  in  keinem  Falle  die  Zufügung  eines  nicht  unumgäng- 
lich notwendigen  Übels  (Art.  99). 

In  England  steht  gegen  die  thatsächlich  ungesetzliche  Handlung  (Ver- 
haftung u.  s.  w.)  eines  Beamten  das  gleiche  Recht  der  Notwehr  zu,  wie  gegen 
die  rechtswidrige  Handlung  einer  Privatperson.  Der  indische  Beamte  ist  da- 
her erheblich  besser  geschützt.  Die  Unzweckmässigkeit  der  englischen  Be- 
stimmung liegt  darin,  dass  derjenige,  welcher  Widerstand  leistet  oder  Gewalt 
anwendet,  gar  nicht  wissen  kann,  ob  der  Beamte  gesetzlich  handelt,  und  er 
daher  sich  in  Notwehr  befindet,  oder  nicht.  Das  indische  Recht  steht  dem 
französischen  näher. 

Nach  Art.  42  des  Gesetzes  V  von  1861  (Police  Act)  ist  ein  Polizei- 
beamter, der  wegen  einer  Amtshandlung  verfolgt  oder  angeklagt  ist,  freizu- 
sprechen, wenn  er  nachweist,  dass  er  auf  Grund  eines  richterlichen  Voll- 
ziehungsbefehls (Warrant  of  a  magistrate)  gehandelt  hat,  vorausgesetzt,  dass 
der  Richter  zum  Erlass  desselben  zuständig  war.  Auch  in  dieser  Beziehung 
stellt  das  englische  Recht  die  Unterbeamten  ungünstiger. 

Das  Recht  der  Notwehr  dauert  bei  Angriffen  auf  die  Person  so  lange 
wie  die  Gefahr  vorhanden  ist,  bei  Eigentumsverletzungen  so  lange,  bis  der 
Angreifende  seine  Beute  in  Sicherheit  gebracht  hat,  obrigkeitliche  Hülfe  her- 
beigerufen ist  oder  die  Sachen  wieder  in  den  Besitz  des  Eigentümers  gelangt 
sind  (Artt.  102,  105).  Mayne  ist  der  Ansicht,  dass  man  einen  davonjagenden 
Strassenräuber  nach  englischem  Recht  erschiessen  darf,  nach  indischem  da- 
gegen nicht.  Wenn  dieses  aber  auch  nach  Stephen' s  Digest  erlaubt  ist,  so  ist 
es  doch  nicht  der  Fall  nach  den  Grundsätzen  über  Notwehr  oder  die  Ver- 
hütung eines  schweren  Verbrechens,  sondern  nur  nach  denjenigen  über  die 
Festnahme  von  Verbrechern  (Art.  199).  Zu  diesem  Zwecke  würde  nach 
Art.  46  Strafprozessordnung  die  Tötung  erlaubt  sein,  wenn  der  Strassenräuber 
ein  mit  dem  Tode  oder  mit  lebenslänglicher  Transportation  bedrohtes  Delikt 
begangen  hätte. 


236  Britiöch-Ostindien.  ~  IT.    Da»  Strafgesetzbuch  von  1860. 


5.    §  6.    Anstiftung  und  BeihOlfe.     (Abetment.    Kap.  V.    Artt.  107—120.1 

Die  Bestimmimgen  des  indischen  Rechts  über  Anstiftung  und  Beihülfe 
^abetment  ^)  sind  ziemlich  streng.  Eine  Unterscheidung  zwischen  Thatem  ersten 
und  zweiten  Grades,  wie  sie  das  englische  Recht  kennt,  findet  nicht  statt. 
Der  Anstifter,  der  bei  der  Ausführungshandlung  zugegen  gewesen  ist,  wird 
so  angesehen,  als  hätte  er  sie  selbst  begangen.  Da  die  Anstiftung  ein  selb- 
ständiges Delikt  ist,  kann  der  Anstifter,  wie  in  England,  auch  vor  Ergreifung 
des  Thäters  angeklagt  und  verurteCt  werden.  Wer  vor  oder  gleichzeitig  mit 
der  Begehung  einer  That  irgendetwas  thut,  um  die  Begehung  zu  erleichtem 
und  diese  dadurch  in  Wirklichkeit  erleichtert,  macht  sich  der  Beihülfe  und 
damit  nach  der  Definition  des  ^abetment"  (Art.  107)  ebenfalls  dieses  Delikts 
schuldig.  Ein  Polizeibeamter  zum  Beispiel,  der  fortgeht,  obwohl  er  weiss,  dass 
Personen  gefoltert  werden  sollen,  um  ihnen  Geständnisse  zu  erpressen,  ist  des 
„abetment**  für  schuldig  erachtet  worden.*; 

Ist  eine  That  infolge  von  Anstiftung  begangen,  so  wird  der  Anstifter 
mit  der  für  den  Thäter  angedrohten  Strafe  belegt.  Bei  Verschiedenheit  der 
Handlung,  zu  welcher  angestiftet  weixien  sollte,  und  der  thatsächlich  be- 
gangenen haftet  der  Anstifter  für  letztere,  wenn  sie  als  wahrscheinliche  Folge 
der  Anstiftung  vorausgesehen  werden  konnte  (Art.  113).  Die  Strafe  des  An- 
stifters beträgt  ein  Vierteil  der  für  den  Thäter  angedrohten,  wenn  die  That 
nicht  infolge  der  Anstiftung  begangen  wurde.  Die  Anstiftung  einer  Volks- 
menge im  allgemeinen  oder  einer  Anzahl  von  mehr  als  10  Personen  zur  Be- 
gehung eines  Delikts  oder  die  Beihülfe  zu  der  letzteren  wird  mit  Gefängnis 
bis  zu  3  Jahren  bestraft  (Art.  117).  Unter  diese  Bestimmung  fällt  auch  der- 
jenige, der  einen  Volkshaufen  durch  Reden  zur  Begehung  von  Gewaltthätig- 
keiten  gegen  jemand  aufwiegelt.  Auch  wer  es  unterlässt,  von  dem  ihm  be- 
kannt gewordenen  Vorhaben,  gewisse  Delikte  zu  begehen,  Anzeige  zu  erstatten, 
macht  sich  straffällig.  Eine  Erhöhung  der  Strafbarkeit  tritt  ein,  wenn  der 
Thäter  ein  öffentlicher  Beamter  ist,  zu  dessen  Amtspflichten  die  Verhütung^ 
derartiger  Strafthaten  gehört.  In  dieser  Beziehung  sind  die  Kap.  IV  und  XJII 
Strafprozessordnung  zu  vergleichen. 

b)  Der  besondere  Teil. 

1.    §  7.    Strafbare  Handlungen  gegen  den  Staat 

(Offences  against  the  State.  Kap.  VI.   Artt.  121 — 130.) 

Nach  diesem  Kapitel  sind  strafbar:  die  Kriegführung  gegen  die  Königin 
sowie  das  Unternehmen  einer  solchen  Kriegführung  und  die  Anstiftung  und 
Beihülfe  (abetment)  dazu;  Ansammlung  von  Waffen  zu  diesem  Zwecke;  An- 
griffe auf  den  Generalstatthalter  und  andere  hohe  Beamte,  um  sie  zur  Vor- 
nahme oder  Unterlassung  einer  ihnen  auf  Grund  gesetzlicher  Befugnis  zu- 
stehenden Handlung  zu  zwingen;  Kriegführung  gegen  eine  asiatischCi  mit  der 
Königin  von  England  verbündete  Macht;  Raubzüge  in  Gebieten,  die  mit  der 
Königin  im  Frieden  sind;  Entweichenlassen  von  Staatsgefangenen. 


*)  Der  engliische  Ausdruck  „abetment**  lässt  sich  im  Deutschen^  wenigstens*  für 
das  indische  Recht,  nicht  gut  durch  ein  Wort  wiedergeben  und  ist  daher  hier  i.  a. 
durch  „Anstiftung  und  Beihülfe",  an  den  Stellen  aber,  wo  nur  eine  der  beiden  Seiten 
dcH  BegriffeH  in  Trage  kommt,  durch  „Anstiftung**  bczw.  „Beihülfe**  wiedergegeben. 
(Anmerkung  den  Übersetzers.) 

')  21.  W.  R.  Cr.  11. 


b)  Der  besondere  Teil.  —  §  7.   Strafbare  Handlungen  gegen  den  Staat.       237 


Nach  Art,  196  der  Strafprozessordnung  ist  zur  Einleitung  eines  Strafver- 
fahrens auf  Grund  dieses  Kapitels,  mit  Ausnahme  des  Art.  127  (Annahme  von 
Gegenständen,  die  bei  Begehung  der  nach  Artt.  125  und  126  strafbaren  Hand- 
lungen erbeutet  sind)  die  Genehmigung  der  Regierung  erforderlich. 

Da  es  in  Indien  Gesandte  fremder  Staaten  nicht  giebt,  so  enthält  das 
Strafgesetzbuch  keine  Strafandrohung  gegen  die  Verletzung  der  den  Gesandten 
zustehenden  Privilegien.  Schmähschriften  gegen  fremde  Mächte  sind,  wie  in 
England,  nach  den  Grundsätzen  der  einfachen  „defamation"  strafbar.  Was 
die  Einmischung  in  feindselige  Handlungen  gegen  fremde  Staaten  anbetrifft, 
so  bestraft  das  englische  Recht:  1.  die  ohne  Erlaubnis  erfolgte  Annahme  von 
Kriegsdiensten  bei  einem  von  Wei  Krieg  führenden  Staaten,  zwischen  denen 
die  Königin  neutral  ist;  2.  die  Ausrüstung  einer  regelrechten  kriegerischen 
Expedition  (einschliesslich  der  Erbauung  von  Schiffen).  Art.  125  des  indi- 
schen Strafgesetzbuches  spricht  von  „asiatischen"  Mächten  und  bedroht  die 
Verübung  von  Räubereien  auf  deren  Gebiet,  wenn  sie  mit  der  Königin  im 
Frieden  stehen,  mit  Strafe.  Im  englischen  Recht  kommt  dieses  Delikt  nur  in 
den  Auslieferungsverträgen  vor.  Die  Bezeichnung  „Asiatic  power"  dürfte  auch 
teilweise  asiatische  Staaten,  z.  B.  Russland,  Frankreich,  die  Türkei,  einschliessen 
und  bezieht  sich  mindestens  auf  die  in  Asien  liegenden  Gebiete  dieser  Staaten. 
Die  Verfasser  des  Strafgesetzbuches  hielten  das  in  dieser  Beziehung  in  Eng- 
land geltende  Recht  für  zu  milde.  Die  Ausrüstung  eines  Kriegsschiffes  in 
Liverpool,  um  den  Franzosen  gegen  die  Deutschen  zu  helfen,  ist  nur  als  „mis- 
demeanour"  (Verbrechen)  mit  2  Jahren,  dagegen  die  gleiche  That  begangen 
in  Bombay,  um  den  Franzosen  im  Kriege  gegen  die  Chinesen  beizustehen, 
mit  lebenslänglicher  Verbannung  strafbar.  Ob  die  gleiche  Thätigkeit  zu 
Gunsten  der  Chinesen  gegen  Frankreich  strafbar  ist,  hängt  davon  ab,  ob  man 
letzteres  als  asiatische  Macht  ansehen  kann.  Zweifellos  gehören  aber  An- 
griffe auf  die  indischen  Vasallenstaaten  Englands,  deren  Bedeutung  für  die 
Regierung  sich  von  der  der  gegen  sie  selbst  gerichteten  Angriffe  nur  wenig 
unterscheidet,  zu  den  oben  erwähnten  Delikten. 

Bei  der  Beherbergung  von  Staatsgefangenen  (harbouring  of  State  prisoners, 
Art.  130)  wird  eine  Ausnahme  zu  Gunsten  des  Ehemannes  und  der  Ehefrau,  wie  bei 
dem  gewöhnlichen  Vergehen  des  „harbouring"  (Artt.  136, 212,  216),  nicht  gemacht. 

Bis  1870  enthielt  das  Strafgesetzbuch  keinerlei  Strafvorschriften  gegen 
aufrührerische  Handlungen,  die  nicht  geradezu  einen  Fall  des  Friedensbruches 
(breach  of  the  peace)  bildeten.  Der  Grund  für  diese  Unterlassung  ist  aus  folgen- 
der Äusserung  der  Gesetzesverfasser  zu  entnehmen:  „Lange  Zeit  hindurch  galt 
es  als  kluge  Politik,  die  thatsächliche  Oberherrschaft  Englands  in  die  Form 
des  Vasallentums  einzukleiden  und  sowohl  dem  Mogul  wie  seinen  Vizekönigen 
die  ihnen  früher  gebührenden  Attribute  der  Souveränetät,  die  in  Wirklichkeit 
der  Ostindischen  Gesellschaft  zustand,  zu  lassen."  Und  Sir  James  Stephen 
bemerkt  hierzu:  „Die  Ostindische  Gesellschaft  hatte  es  während  der  Dauer 
ihrer  Herrschaft  immer  vermieden,  Verwaltung  und  Gesetzgebung  so  zu  hand- 
haben, wie  es  ein  ungeschickter  Herrscher  wohl  gethan  haben  würde,  und  bei 
dem  Übergange  der  Oberhoheit  auf  die  Krone  hielt  man  es  nicht  für  erforderlich, 
in  dieser  Beziehung  eine  offenkundige  Änderung  eintreten  zu  lassen.  Jetzt  ist 
nach  Art.  124  A  die  Erregung  von  Missstimmung  gegen  die  in  Indien  gesetzlich  er- 
richtete Regierung  mit  lebenslänglicher  oder  zeitiger  Verbannung  in  Verbindung 
mit  Geldstrafe  oder  mit  Gefängnis  bis  zu  3  Jahren  in  Verbindung  mit  Geldstrafe 
oder  mit  letzterer  allein  bedroht.  Als  Missbilligung  (disaffection)  gilt  aber  nicht 
diejenige  Unzufriedenheit  mit  den  Massregeln  der  Regierung,  die  auf  die  Bereit- 
willigkeit zum  Gehorsam  gegen  die  Autorität  der  Regierung  und  zur  Unterstützung 
derselben  gegen  ungesetzliche  Angriffe  und  Widersetzlichkeit  keinen  Einfluss  hat. 


238  Britisch-Ostindien.  —  II.   Das  Strafgesetzbuch  von  1860. 

3;   §  8.    Strafbare  HandluDgen  in  Beziehung  auf  Landheer  und  Marine. 

(Offences  relating  to  the  Army  and  Navy.     Kap.  VII.    Artt.  131 — 140.) 

Da  die  von  Militärpersonen  begangenen  Verstösse  gegen  die  militärische 
Disziplin  ausnahmslos  von  den  Kriegsgerichten  (Courts  MartiaP)  abgeurteilt 
werden,  so  behandelt  dieses  Kapitel  nur  solche  Delikte,  deren  Thäter  Civil- 
personen  sind.  Es  bedroht  die  Anstiftung  und  Beihülfe  (abetment)  zu  Meuterei 
(mutiny),  Angriffen  auf  Vorgesetzte,  Desertion  und  Ungehorsam  im  Dienste 
(Insubordination)  mit  Strafe. 

Diese  Thatbestände  hätten  bereits  in  dem  von  der  Anstiftung  und  Bei- 
hülfe (abetment)  handelnden  Kapitel  V  ihren  Platz  finden  können.  Die  Ver- 
fasser des  Gesetzes  waren  indes  der  Ansicht,  dass  hierin  eine  ungerechtfertigte 
Härte  gelegen  haben  würde,  da  die  Strafe  des  „abettor"  sich  nach  der  des 
Thäters  richtet  und  zum  Teil  dieser  gleichkommt.  Sie  sagen:  „Dieser  Grund- 
satz erscheint  durchaus  richtig,  wenn  seine  Anwendung  auf  die  in  diesem 
Gesetze  behandelten  Delikte  beschränkt  bleibt.  Aber  das  Militärstrafgesetz- 
buch ist,  und  zwar  mit  Grund,  bedeutend  härter  als  dasjenige,  unter  welchem 
die  Menge  des  Volkes  lebt.  Die  Ausdehnung  seiner  Strafbestinmiungen  auf 
Personen,  welche  dem  Soldatenstande  nicht  angehören,  dürfte  sich  unseres 
Erachtens  nicht  rechtfertigen  lassen  ....  Es  würde  sonst  jemand,  der  einen 
Soldaten  anstiftet,  den  Befehl  eines  vorgesetzten  Offiziers  nicht  auszuführen, 
schwerer  bestraft  werden,  als  ein  Strassenräuber,  ein  Mitglied  einer  Räuber- 
bande, Brandstifter,  Notzüchtiger  oder  Menschenräuber". 

3.   §  9.    Störung  des  öffentlichen  Friedens. 

(Offences  against  the  public  tranquillity.    Kap.  VIII.    Artt.  141 — 160.) 

Diese  Delikte  sind  sehr  häufig  und  werden  vorzugsweise  begangen  bei 
Gelegenheit  von  Streitigkeiten  über  Grundbesitz,  die  bei  dem  Mangel  einer 
genauen  Aufzeichnung  desselben  leicht  entstehen.  Vorherrschend  sind  diese 
Strafthaten  in  den  noch  nicht  völlig  geordneten  Provinzen,  in  denen  eine 
Katastrierung  und  aktenmässige  Feststellung  der  Eigentumsverhältnisse  über- 
haupt noch  nicht  erfolgt  ist. 

Die  Beteiligung  an  einer  ungesetzlichen  Versammlung  (unlawful  assembly) 
wird  mit  Gefängnis  bis  zu  6  Monaten  oder  mit  Geldstrafe,  oder  mit  beiden 
zusammen,  bestraft  (Art.  143).  Als  „unlawful  assembly"  gut  jede  Versamm- 
lung von  mindestens  5  Personen,  wenn  deren  Zweck  ist:  1.  einem  Gesetz 
oder  einem  gesetzmässigen  Verfahren  Widerstand  zu  leisten,  2.  eine  strafbare 
Handlung  zu  begehen,  oder  3.  ein  thatsächlich  vorhandenes  oder  vermeint- 
liches Recht  mittels  strafbarer  Gewalt  zu  verwirklichen.  Hat  einer  der  Teil- 
nehmer in  Verfolgung  des  gemeinsamen  Zwecks  Gewalt  gebraucht,  so  werden 
alle  Teilnehmer  wegen  Aufruhrs  (rioting)  mit  Gefängnis  bis  zu  2  Jahren  in 
Verbindung  mit  Geldstrafe   oder  nur  mit   einer   dieser  beiden  Strafen  belegt. 

Die  Artt.  154 — 156  handeln  von  der  Strafbarkeit  der  Eigentümer  oder 
Besitzer  von  Grundstücken  und  deren  Vertreter,  wenn  auf  ihrem  Grund  und 
Boden  eine  ungesetzliche  Versammlung  stattgefunden  hat.  Der  Eigentümer 
ist  strafbar,  auch  ohne  Kenntnis  gehabt  zu  haben,  wenn  sein  Vertreter,  wissend, 
dass  eine  ungesetzliche  Versammlung  auf  dem  Grundstück  voraussichtlich  ab- 
gehalten werden  sollte,  nicht  alles  in  seiner  Macht  Stehende  gethan  hat,  um 
sie  zu  verhindern.  Die  genügende  Rechtfertigung  dieser  harten  Bestimmung 
liegt   in   der   grossen  Häufigkeit  des  „rioting",    sowie   darin,   dass   das  Delikt 


0  Vgl.  Militärgesetz  (Army  Act)  von  1881,  44  und  45  Vict.    Kap.  58. 


b)  Der  besondere  Teil.  —  §  9.    Friedensstörung^.    §  10.   Beamtendelikte.       239 


nur  mit  Geldstrafe  bedroht  ist  und  der  Eigentümer  daher  durch  Erfordern 
von  Kautionsleistung  seitens  des  Vertreters  sich  an  diesem  für  etwaige  Ver- 
luste schadlos  halten  kann.  Diese  Bestimmung  ist  zur  Aufrechterhaltung  des 
Friedens  dringend  erforderlich  und  würde  bei  richtiger  Anwendung  auch  ge- 
nügen, um  das  Vergehen  des  „rioting"  völlig  zu  unterdrücken  oder  wenigstens 
erheblich  einzuschränken.  Da  aber  das  Obergericht  (High  Court)  zu  Calcutta, 
oder  genauer  genommen,  einzelne  der  demselben  angehörenden  Richter,  das 
Delikt  nicht  recht  anerkennen  und  den  wegen  desselben  erhobenen  Anklagen, 
im  Widerspruch  mit  dem  klaren  Willen  des  Gesetzes,  keine  Folge  geben,  so 
ist  die  Staatsanwaltschaft,  wenigstens  in  Bengal,  mit  der  Einleitung  des  Straf- 
verfahrens sehr  vorsichtig.  Bei  dieser  Gelegenheit  sei  bemerkt,  dass  die 
indischen  Richter  sich  nicht  selten  über  den  zweifellosen  Wortlaut  des  Gesetzes 
hinwegsetzen. 

In  England  ist  zum  Thatbestande  des  Aufruhrs  (riot)  nicht  erforderlich, 
dass  Gewalt  gegen  eine  bestimmte  Person  verübt  worden  ist;  es  genügt,  dass 
ruhige  und  besonnene  Personen  beunruhigt  worden  sind.  In  Indien  ist  auch 
der  erstere  Umstand  erforderlich. 

In  Indien  nimmt  die  Aburteilung  wegen  Aufruhrs  einen  nicht  unerheb- 
lichen Teil  der  Zeit  der  Gerichtshöfe  in  Anspruch.  Benachbarte  „Zemindars" 
(Häuptlinge)  nehmen  oft  Banden  von  gewerbsmässigen  „lattials",  d.  h.  er- 
fahrenen Raufbolden  an,  so  dass  die  Streitigkeiten  um  Land  nicht  selten  in 
Körperverletzungen  und  oft  sogar  in  Totschlag  ausarten.  An  dieser  Stelle 
sind  auch  die  Artt.  106  und  107  Strafprozessordnung  zu  erwähnen.  Der 
erstere  ermächtigt  den  Richter,  einer  Person,  die  wegen  Gewaltthätigkeit  ver- 
urteilt ist,  Friedensbürgschaft  (security  to  keep  the  peace)  für  ein  Jahr  auf- 
zuerlegen; und  Art.  107  lässt  die  gleiche  Massregel  bezüglich  desjenigen  zu, 
„von  dem  anzunehmen  ist,  dass  er  einen  Friedensbruch  oder  eine  andere 
Handlung  begehen  wird,  die  eine  Friedensstörung  wahrscheinlich  zur  Folge 
haben  wird". 

Nach  Art.  127  Strafprozessordnung  kann  jeder  als  Polizeibeamter  fun- 
gierende Beamte  oder  Offizier  eine  ungesetzliche  Versammlung  zum  Aus- 
einandergehen auffordern  und,  wenn  die  Zwangsgewalt  der  Civilbehörden 
nicht  ausreicht,  militärische  Hülfe  in  Anspruch  nehmen. 

4.    §  10.    Strafbare  Handlungen,  welche  von  öffentlichen  Beamten 
oder  in  Bezug  auf  dieselben  begangen  werden, 

(Offences  by  or  relating  to  public  servants.     Kap.  IX  Artt.  161 — 171.) 

Gefängnisstrafe  bis  zu  drei  Jahren  und  Geldstrafe  trifft  den  öffentlichen 
Beamten,  der  als  Belohnung  für  die  Vornahme  oder  Unterlassung  irgendeiner 
Amtshandlung  oder  für  die  Gewährung  oder  Entziehung  irgendeiner  dienst- 
lichen Vergünstigung  ausser  der  ihm  gesetzlich  zustehenden  Gebühr  (remuneration) 
irgendwelchen  Vermögensvorteil  (gratification)  annimmt  (Art.  161).  Der  Aus- 
druck „gratification"  beschränkt  sich  nicht  auf  Geldleistungen.  —  Andere  in 
diesem  Kapitel  behandelte  Delikte  sind:  die  Annahme  von  Veimögensvorteilen, 
um  einen  öffentlichen  Beamten  in  ungesetzlicher  Weise  zu  beeinflussen;  An- 
nahme von  Weitgegenständen  seitens  eines  Beamten,  der  darauf  keinen  An- 
spruch hat,  von  einer  Person,  die  in  irgendeine  von  diesem  Beamten  zu  er- 
ledigende Angelegenheit  verwickelt  ist;  die  Nichtbeachtung  einer  gesetzlichen  Vor- 
schrift seitens  eines  Beamten,  um  jemanden  Unrecht  zuzufügen;  das  ungesetzliche 
Betreiben  eines  Handelsgeschäftes,  der  ungesetzliche  Kauf  einer  Sache  oder 
das  ungesetzliche  Bieten  auf  eine  Sache  durch  einen  Beamten.    Ebenso  macht 


I 


I 


240  Britifich-Ostindien.  —  IT.    Das  Strafgesetzbuch  von  1860. 


sich  strafbar,  wer  fälschlich  sich  einen  amtlichen  Charakter  beilegt  oder  amt- 
liche Kleidung  und  Abzeichen  unbefugter  Weise  trägt. 

öffentlicher  Beamter.  Der  gesetzliche  Begriff  des  „public  servant" 
hat  durch  nachträgliche  Bestimmungen  eine  weitere  Ausdehnung  erhalten  und 
umfasst  Eisenbahnbeamte  (Gesetz  IX  von  1890)  und  Telegraphenbeamte  (Ge- 
setz XIII  von  1885),  mit  denen  das  Publikum  thatsächlich  ebensoviel  in  Be- 
rührung treten  muss,  wie  mit  den  Verwaltungsbeamten.  Im  übrigen  beschränkt 
die  Gesetzgebung  den  Begriff  auf  diejenigen  Beamten,  welche  vom  Staate 
direkt  oder  von  solchen  Personen  angestellt  sind,  denen  der  Staat  die  Aus- 
übung obrigkeitlicher  Funktionen  übertragen  hat  (licensees).  Nach  Art.  197 
Strafprozessordnung  darf  ein  Richter  oder  öffentlicher  Beamter,  der  aus  seiner 
Stellung  nicht  ohne  Genehmigung  der  Regierung  entfernt  werden  kann,  auch 
nicht  als  solcher  ohne  deren  Zustimmung  strafrechtlich  verfolgt  werden. 

Die  Hingabe  einer  Belohnung  oder  eines  Geschenkes  seitens  jemandes, 
der  darum  angegangen  worden  ist,  bildet  keinen  Fall  des  „abetment"  (An- 
stiftung), wohl  aber  das  Anerbieten  ohne  vorherige  Aufforderung  des  zu  Be- 
stechenden. Die  Verfasser  des  Gesetzes  bemerken  hierzu:  „Es  giebt  Länder, 
in  denen  der  Geschenkgeber  härter  bestraft  wird  als  der  Empfänger.  In 
einem  Staate  wie  in  England  ist  der  Geber  meist  strafwürdiger  als  der 
Nehmer."  Und  sie  führen  dann  aus,  dass  in  Indien  in  der  Mehrzahl  der 
FÄlle  letzterer  der  Verführer  sein  und  der  Geber  lediglich  in  Notwehr  han- 
deln würde. 

Annahme  von  Geschenken  (acceptance  of  presents).  Die  Annahme 
von  Geschenken  durch  öffentliche  Beamte  der  Krone  oder  der  Ostindischen 
Gesellschaft  war  durch  13  George  III  c.  63  und  33  George  III  c.  52  ver- 
boten. Art.  165  des  Strafgesetzbuches  behandelt  die  Annahme  irgendeines  Wert- 
gegenstandes ohne  jeden  oder  ohne  genügenden  Grund.  Unter  den  angeführ- 
ten Beispielen  findet  sich  folgendes:  „Richter  A.  kauft  von  Z. ,  der  vor  dem 
Gerichte,  dem  A.  angehört,  einen  Prozess  anhängig  gemacht  hat,  Staatsbank- 
noten (Government  Promissory  Notes)  zum  Kurse  unter  Pari,  während  sie  über 
Pari  stehen.  A.  hat  von  Z.  ohne  genügenden  Grund  einen  Vermögeüsvorteü 
erhalten."  Die  Annahme  von  Gesclienken  ohne  irgendwelches  unlautere  Motiv 
wird  im  Strafgesetzbuche  nicht,  wohl  aber  in  Verordnungen  der  Regierung  er- 
wähnt. Letztere  sind  sehr  streng,  und  selbst  die  Entgegennahme  der  gering- 
weitigen  Höflichkeitsgeschenke,  die  die  Zemindars  den  europäischen  Beamten 
bei  ihren  Besuchen  zu  machen  pflegen,  wird  von  der  Regierung  nicht  gern 
gesehen. 

Nichtbefolgung  einer  gesetzlichen  Vorschrift  durch  einen 
Beamten  in  der  Absicht,  jemanden  zu  schaden  (public  servant  disobey- 
ing  a  direction  of  the  law  with  intent  to  cause  injury  to  any  person).  In 
Indien  ist  zum  Thatbestande  dieses  Delikts  die  Nichtbeachtung  einer  beson- 
deren und  ausdrücklichen  Anordnung  einer  Gesetzesbestimmung  erforderlich.^) 
Nach  dem  viel  weitergehenden  englischen  Recht  ist  jede  Vernachlässigung  amt- 
licher Pflichten  strafbar,  ausser  wenn  ihre  Erfüllung  mit  einer  Gefahr  ver- 
bunden war,  der  auch  ein  Mann  von  gewöhnlicher  Festigkeit  und  Energie 
sich  nicht  ausgesetzt  haben  würde.  2) 

')  Vgl.  J.  L.  R.  1  Mad.  266. 

-)  R.  V.  Wyalt,  1  Salk.,  ;J81;  R.  v.  Bembridge,  3  Doug.,  332;  R.  v.  Yones, 
Strange  1146.  In  Stepheirs  Digest  findet  sich  folgendes  Beispiel:  „A.,  Ortsvorsteher  in 
B.,  unterlässt  es,  zur  Unterdrückung  des  in  B.  aiisgebrochenen  Aufruhrs  verschiedene 
Handlungen  vorzunehmen,  deren  Ausführung  ihm  möglich  war  und  von  einem  Manne 
von  normaler  Khiglieit,  Charakterstärke  und  Thatkraft  erwartet  werden  konnte. 
A.  macht  sich  damit  eines  Vergehens  (misdemeanor)  schuldig**. 


b.   Der  besondere  Teil.  —  §  11.   Autorität  öffentlicher  Beamter.  241 


5.  §  11.    Missachtung  der  gesetzlichen  Autorität 

der  öffentlichen  Beamten. 

(Contempts  of  the  lawful  authority  of  public  servants.    Kap.  X.  Artt.  172 — 190.) 

Nach  diesem  Kapitel  macht  sich  strafbar:  wer  sich  verborgen  hält,  um 
einer  Vorladung  zu  entgehen,  wer  sich  nicht  in  vorgeschriebener  Weise  ein- 
findet, um  die  Befehle,  Ladungen  u.  s.  w.  eines  öffentlichen  Beamten  entgegen- 
zunehmen; wer  es  unterlässt,  einem  solchen  die  vorgeschriebene  Auskunft  zu 
erteilen  oder  wer  eine  falsche  Auskunft  erteilt;  wer  der  Inbesitznahme  von 
Gegenständen  durch  einen  zuständigen  Beamten  Widerstand  leistet;  wer  einem 
Beamten  bei  Ausübung  öffentlicher  Funktionen  Widerstand  leistet;  wer  einem 
öffentlichen  Beamten  Beleidigungen  androht,  u.  a.  m. 

Zur  Erläuterung  der  von  der  Auskunftsverweigerung  handelnden  Artikel 
sind  Artt.  44  und  45  Strafprozessordnung  heranzuziehen.  Art.  44  verpflichtet 
jedeimann,  über  gewisse  besonders  schwere  Delikte  Auskunft  zu  geben;  Art.  45 
statuiert  besondere  Verpflichtungen  für  Dorf  älteste,  Dorf  auf  seher,  Eigentümer 
und  Besitzer  von  Land  sowie  deren  Vertreter. 

Art.  188  bedroht  Ungehorsam  gegen  die  gehörig  bekannt  gemachten  An- 
ordnungen eines  öffentlichen  Beamten  mit  Strafe.  Die  in  Frage  konmienden 
Anordnungen  —  Orders  —  sind  Gebote  oder  Verbote,  die  seitens  der  zustän- 
digen Beamten  im  öffentlichen  Interesse  —  for  public  purposes^)  —  erlassen 
sind.  Die  Frage,  ob  sie  vielleicht  unzweckmässig  oder  nur  zur  Chikane  er- 
lassen sind,  hat  das  erkennende  Gericht  zu  entscheiden.  Die  Verfasser  des 
Gesetzes  bemerken  hierzu:  „Einerseits  ist  es  unumgänglich  notwendig,  Anord- 
nungen der  Lokalbehörden  zuzulassen,  die  einer  Bestätigung  durch  die  Ge- 
setzgebung nicht  bedürfen;  andererseits  ist,  wie  wir  durchaus  nicht  verkennen, 
zu  befürchten,  dass  hieraus  häufig  kleinliche  und  lästige  Massregeln  entstehen 
werden,  selbst  wenn  diejenigen,  die  sie  zu  treffen  liaben,  im  allgemeinen  tüchtig 
und  fähig  sind  ....  Unser  Vorschlag  geht  dahin,  die  Ortsbehörden  zu  er- 
mächtigen, Handlungen,  welche  ihrer  Ansicht  nach  die  öffentliche  Ruhe,  Ge- 
sundheit, Sicherheit  und  Schicklichkeit  gefährden  würden,  zu  verbieten  und 
die  wissentliche  Übertretung  dieses  Verbots,  vorausgesetzt  dass  die  Handlung 
wirklich  die  vorbezeichnete  Gefährdung  mit  sich  bringt,  zu  einer  strafbaren 
Handlung  zu  stempeln.  Damit  ist  den  Lokalbehörden  keineswegs  die  Befugnis 
gegeben,  neue  Deliktsthatbestände  völlig  willkürlich  zu  schaffen.  Denn  wenn 
(las  erkennende  Gericht  zu  der  Überzeugung  kommt,  dass  die  vorgenommene 
Handlung  nicht  geeignet  war,  die  öffentliche  Ruhe,  Gesundheit,  Sicherheit  und 
Schicklichkeit  zu  stören,  so  tritt  eine  Bestrafung  des  Thäters  nicht  ein.  Die 
Wirkung  einer  solchen  Anordnung  einer  Lokalbehörde  besteht  daher  lediglich 
darin,  dass  demjenigen,  der  ihr  wissentlich  zuwiderhandelt,  die  Einrede  der 
mangelnden  bösen  Absicht  abgeschnitten  wird.  Er  kann  sich  nicht  damit  ent- 
schuldigen, dass  er,  wenn  er  einen  Schaden  verursacht  oder  die  Besorgnis 
einer  Beschädigung  hervorgerufen  hat,  nicht  vorsätzlich  gehandelt  habe." 

Art.  133  der  Strafprozessordnung  ermächtigt  die  Beamten,  den  Eintritt  schäd- 
licher Ereignisse  zu  verhindern.  Sie  können  zur  Entfernung  von  Hindernissen 
auf  öffentlichen  Wegen  oder  Flüssen  auffordern;  ferner  zur  Einstellung  schäd- 
licher Betriebe,  Einfriedigung  gefährlicher  Brunnen  u.  s.  w.  Nach  Art.  144 
kann  ein  Beamter  in  dringenden  Fällen  eine  vorläufige  Anordnung  erlassen, 
wenn  diese  geeignet  erscheint,  die  Beschädigung,  Störung  oder  Beleidigung 
einer  gesetzlich  angestellten  Person,  die  Gefährdung  des  Lebens,  der  Gesund- 
heit  oder   Sicherheit   eines  Menschen,    oder  die  Entstehung  von  Aufruhr  oder 


')  I.  L.  R.  6  Caicutta  445. 

Strafgesctzgebung  der  Gegenwart.    II.  -^q 


242  Britisch-O^tindieiL  —  II.   Das  Straf^:«etzbach  von  IneO. 


Streit  zu  Terhindem.  Eine  ergiebige  Quelle  von  Streitigkeiten  bilden  die  mit 
einander  konkurrierenden  ^hätä*"  •  Märkten  es  kann  daher  einem  Zemindar 
untersagt  werden,  einen  ^häf*  unmittelbar  neben  dem  eines  benachbarten 
Zemindars  einzurichten.  Religiösen  Prozessionen  kann  der  Umzug  durch  ge- 
wisse Strassen  verboten  werden.  Wenn  ein  Beamter  von  dem  Vorhandensein 
eines  Notstandes,  der  den  Gebrauch  der  ihm  durch  Art.  144  übertragenen 
Befugnisse  erforderlich  macht,  sichere  Kenntnis  erh&lt,  so  kann  er  auch  die 
Ausübung  wohlbegründeter  Rechte  einstweilen  verbieten.*  i  Die  erste  und  vor- 
nehmste Pflicht  der  Verwaltung  ist  die  Sicherung  von  Leben  und  Eigentum, 
und  zur  Erreichung  dieses  Zieles  sind  ihre  Beamten  ermAchtigt,  unter  Um- 
ständen auch  in  die  Privatrechte  der  Gemeindemitglieder  einzugreifen.  Das 
Gesetz  V  von  1861  «Art.  30 — 33/  giebt  der  unter  Aufsicht  der  Bezirksobrigkeit 
(District  Magistrate)  stehenden  Polizei  die  Befugnis,  alle  Prozessionen  und  auf 
öffentlichen  Wegen  stattfindenden  Versammlungen  zu  beaufsichtigen,  die  Marsch- 
richtung vorzuschreiben  und  die  Verwendung  von  Musik  in  den  Strassen  und 
bei  Öffentlichen  Festen  und  Feierlichkeiten  zu  regeln. 

Nach  Art.  195  Strafprozessordnung  ist  die  strafrechtliche  Verfolgung  der 
nach  Artt.  172 — 188  Strafgesetzbuch  strafbaren  Handlungen  von  dem  Antrage 
des  in  Frage  kommenden  Beamten  oder  eines  ihm  vorgesetzten  Beamten 
abhftngig. 

6.  §  12.    Falsches  Zeugnis  und  strafbare  Handlangen 

gegen  die  Rechtspflege. 

(False  evidence  and  offences  against  public  justice.    Kap.  XI  Artt.  191 — 229.J 

Dieses  Kapitel  behandelt  die  Ablegung  und  die  Herbeiführung  eines 
falschen  Zeugnisses,  die  Vorzeigung  falscher  Bescheinigungen,  die  Vernichtung 
der  Beweismittel  einer  Strafthat,  betrügerisches  Verheimlichen  oder  Beiseite- 
schaffen von  Gegenständen,  Geltendmachung  von  Ansprüchen  in  betrügerischer 
Absicht  (fraudulent  Claims^,  falsche  Anschuldigung  (false  Charge  of  offence»  in 
Beleidigungsabsicht,  Verheimlichung  von  Verbrechern  ( harbouring  of  offenders) 
Annahme  und  Gewährung  von  Vermögensvorteilen,  um  eine  Strafverfolgung  zu 
verhindern  (compounding  of  offences »,  verschiedene  Arten  des  Gewaltmissbrauchs 
in  Bestechungsabsicht,  Flucht  und  Entziehung  der  gesetzmässigen  Verhaftung, 
vorsätzliche  Beleidigung  oder  Störung  eines  Beamten  bei  Gelegenheit  eines 
gerichtlichen  Verfahrens. 

Bezüglich  der  Anfertigung  von  Urkunden,  die  falsche  Angaben  enthalten, 
bemerken  die  Verfasser  des  Gesetzes:  „Unseres  Erachtens  liegen  in  der  That- 
sache  der  Aufstellung  falscher  Behauptungen  bei  der  Prozessführung  (false 
pleading;  alle  Momente  vor,  die  einer  Handlung  den  Charakter  der  Strafbar- 
keit aufdrücken.  Dass  diese  Handlungsweise  stets  irgendwelchen  Schaden 
verursacht,  ist  klar.  Selbst  wenn  sich  die  Ablegung  eines  falschen  Zeug- 
nisses nicht  an  sie  anschliesst,  so  hindert  sie  doch  in  allen  Fällen  die  Rechts- 
pflege; dass  sie  einen  zum  Ausgleich  dieses  Nachteiles  geeigneten  Vorteil  mit 
sich  brächte,  ist  unseres  AVissens  niemals  behauptet  worden.** 

Über  die  Ablegung  falschen  Zeugniss(»s  und  die  besondere  Häufigkeit  dieses 
Delikts  in  Indien  sagen  die  Verfasser:  ^In  Ländern  mit  hochentwickeltem 
moralischem  Bewusstsein  der  Bevölkerung  pflegt  der  direkte  Beweis  einer 
Tliatsache  durch  Zeugen  als  der  beste  zu  gelten.  Ganz  anders  in  Indien. 
Der  Richter,  der  eine  Reihe»  von  Personen,  von  denen  ihm  nichts  Nachteiliges 


»)  I.  L.  R.  6  Madras  203. 


b.   Der  besondere  Teil.  —  §  13.   Fälschung  von  Münzen  und  Stempeln.       243 


bekannt  ist,  eingehend  über  eine  Thatsache  vernommen  hat,  deren  Augenzeugen 
gewesen  zu  sein  sie  sämtlich  behaupten,  gerät  nicht  selten  ernstlich  in  Zweifel, 
ob  nicht  das  Ganze  von  Anfang  bis  zu  Ende  ein  Märchen  ist.  Oftmals 
suchen  in  Indien  Personen  dem  Gerichte  durch  phantastische  Schilderungen  zu 
imponieren.  Die  Herbeiführung  eines  falschen  Zeugnisses  umfasst  nach  Art.  192 
auch  die  Herbeiführung  eines  Umstandes  in  der  Absicht,  denselben  bei  Ge- 
legenheit einfer  gerichtlichen  Verhandlung  in  Erscheinung  treten  zu  lassen." 
Die  Ablegung  eines  falschen  Zeugnisses  in  einem  gerichtlichen  Verfahren  wird 
mit  Gefängnis  bis  zu  7,  in  anderen  Angelegenheiten  bis  zu  3  Jahren  bestraft. 
Der  Thäter  kann  jedoch  mit  dem  Tode,  lebenslänglicher  Verbannung  oder  Ge- 
fängnis bis  zu  10  Jahren  bestraft  werden,  wenn  auf  Grund  des  Zeugnisses 
ein  Unschuldiger  verurteilt  und  bestraft  ist. 

Verschiedene  Arten  von  falschen  Bescheinigungen  (false  certificates)  sind 
nach  indischem  Recht  nicht  strafbar. 

Falsche  Anschuldigungen  (false  charges,  Art.  211)  sind  in  Indien 
ausserordentlich  häufig,  und  es  ist  daher  sehr  bedauerlich,  dass  diie  verschie- 
denen gesetzlichen  Bestimmungen  darüber  einander  derartig  widersprechen, 
dass  die  Bestrafung  der  Thäter  nicht  selten  vereitelt  wird.  Der  Punkt,  in 
welchem  die  Vorschriften  von  einander  abweichen,  liegt  darin,  inwiefern  dem 
Anzeigenden  Gelegenheit  zu  geben  ist,  seine  Anschuldigung  zu  beweisen,  bevor 
er  selbst  strafrechtlich  verfolgt  wird.  In  Frankreich  ist  es  dem  richterlichen 
Ermessen  freigestellt,  das  Verfahren  solange  einzustellen,  bis  über  den  Inhalt 
der  Anzeige  ein  Erkenntnis  des  zuständigen  Gerichts  vorliegt  (Cour  de  Cassa- 
tion, Erkenntnisse  vom  17.  April  1846  und  28.  November  1851).  Dieses  Ver- 
fahren dürfte  das  Richtige  treffen. 

Genehmigung  zur  Strafverfolgung.  Ist  die  Abgabe  eines  falschen 
Zeugnisses,  die  Erstattung  einer  falschen  Anzeige  u.  s.  w.  gegen  oder  in  Be- 
ziehung auf  das  Verfahren  vor  einem  Gerichtshof  erfolgt,  so  darf  nach  Art.  195 
Strafprozessordnung  die  Strafverfolgung  wegen  dieser  That  nur  mit  Genehmi- 
gung oder  auf  Antrag  dieses  oder  eines  demselben  übergeordneten  Gerichts 
erfolgen. 

7.    §  13.    Fälschung  von  Münzen  und  öffentlichen  Stempeln. 

(Offences  relating  to  coin  and  governraent  stamps.    Kap.  XII  Artt.  230 — 263.) 

Dieses  Kapitel  behandelt  die  strafbare  Nachahmung  von  Münzen,  Ver- 
ausgabung falscher  Münzen  als  echt,  den  Besitz  solcher  Münzen,  die  Verände- 
rung des  Aussehens  von  Münzen  und  verwandte  Delikte,  sowie  strafbare  Hand- 
lungen ähnlicher  Art  in  Beziehung  auf  obrigkeitliche  Stempel.  Das  Gesetz 
unterscheidet  „Münze"  (coin)  und  „Königliche  Münze"  (Queens  coin). 

Den  fast  in  allen  Ländern  befolgten  Grundsätzen  entsprechend,  bestraft 
das  Gesetz  die  Nachahmung  einheimischer  Münzen  strenger  als  die  auslän- 
discher. „Es  ist  dringend  zu  wünschen",  sagen  die  Verfasser  des  Gesetzes, 
„dass  das  Geld  der  Ostindischen  Gesellschaft  der  Buntscheckigkeit  des  indischen 
Münzwesens,  die  in  den  eigenen  Münzprägungen  der  kleinen  Fürsten  ihren 
Grund  hat,  ein  Ende  machen  wird.  Durch  die  von  uns  vorgeschlagene  Fas- 
sung des  Gesetzes  dürfte  die  Erreichung  dieses  Zieles  erleichtert  werden." 

Die  Unterscheidung  der  Verausgaber  falschen  Geldes  in  solche,  die  zu 
der  Zeit,  als  die  Münze  in  ihren  Besitz  gelangte,  von  der  Verfälschung  Kenntnis 
hatten,  und  in  solche,  denen  diese  Kenntnis  fehlte,  ist  dem  französischen  Code 
penal  entnommen. 

16* 


244  Britisch-Ostindien.  —  11.   Daß  Strafgesetzbuch  von  1860. 


In  einigen  Gegenden  Indiens  sind  kleine  Stücke  (tumps)  ungeprägten 
Kupfers  als  Ersatz  für  Münzen  in  Gebrauch;  die  Anfertigung  dieser  sogen, 
„dubs"  oder  „dumpy  pieces"  (wörtlich:  dicke  Stücke)  ist  nach  dem  Strafgesetz- 
buch straflos. 


8.   §  14.   Strafbare  Handlungen  in  Beziehung  auf  Masse  und  Gewichte. 

(Offences  relating  to  weights  and  measures.    Kap.  XIII.    Artt.  264 — 267.) 

Dieser  Abschnitt  bedroht  mit  Strafe:  den  betrügerischen  Gebrauch  falscher 
Masse  und  Gewichte,  die  Anfertigung  und  den  Verkauf  derselben  und  das 
Innehaben  von  solchen  in  betrügerischer  Absicht. 

Die  Methoden,  auf  die  man  in  Indien  durch  Anwendung  falscher  Masse, 
falscher  Gewichte  und  falscher  Waagen  betrogen  wird,  sind  ausserordentlich 
mannigfaltig  und  nicht  selten  das  Produkt  wahrhaft  erfinderischer  Köpfe. 
Bedauerlicherweise  giebt  es  keine  Normalmasse.  Die  Elle  (yard)  und  das 
„sear"  (Gewicht)  weichen  sogar  an  einzelnen  Orten  desselben  Bezirks  von 
einander  ab.  Art.  153  der  Strafprozessordnung  ermächtigt  die  mit  der  Leitung 
einer  Polizeistation  beauftragten  Beamten  behufs  Prüfung  von  Massen  und 
Gewichten  jeden  Raum  zu  betreten. 

Die  betrügerische  Handhabung  eines  richtigen  Instruments  bildet  einen 
Betrug  nach  Art.  415  des  Strafgesetzbuchs.     2.  W.  R.  Cr.  65. 

Das  Gesetz  XXXI  von  1871  ermächtigt  den  Generalstatthalter  (Govemor 
General  in  Council),  Normalmasse  festzusetzen,  ohne  dass  dieser  bislang  von 
dieser  Befugnis  Gebrauch  gemacht  hätte. 

9.   §  15.   Strafbare  Handlungen 

gegen  die  öffentliche  Gesundheit,  Sicherheit,  Schicklichkeit, 

den  öffentlichen  Anstand  und  die  öffentliche  Moral. 

(Offences  affecting  the  public  health,  safety,  convenience,  decency  and  morals. 

Kap.  XIV.    Artt.  268—294  A.) 

„Der  Schädigung  des  Gemeinwohls  —  public  nuisance  —  macht  sich 
schuldig,  wer  durch  Vornahme  oder  Unterlassung  einer  Handlung  für  das 
Publikum  im  allgemeinen  oder  diejenigen  Personen,  welche  in  der  Nähe 
wohnen  oder  Eigentum  besitzen,  eine  gemeinsame  Beschädigung,  Gefährdung 
oder  Belästigung  hervorruft  oder  das  notwendige  Entstehen  eines  Schadens, 
einer  Zerstörung,  Gefahr  oder  Belästigung  für  diejenigen  Personen  bewirkt, 
die  von  einer  ihnen  zustehenden  öffentlich-rechtlichen  Befugnis  Gebrauch 
machen.  Eine  Schädigung  des  Gemeinwohls  wird  nicht  dadurch  erlaubt,  dass 
sie  irgendeine  Annehmlichkeit  oder  einen  Vorzug  mit  sich  bringt"    (Art.  268). 

Erschwerende  Umstände  bei  Begehung  dieses  Delikts  sind:  Unterlassungen, 
die  die  Ausbreitung  von  Krankheiten  zur  Folge  haben  können,  Übertretung 
von  Quarantänevorschriften,  Verfälschung  von  Nahrungsmitteln  und  Getränken, 
die  zum  Verkauf  bestimmt  sind,  Verkauf  schädlicher  Nahrungsmittel  und  Ge- 
tränke, Verfälschung  von  Apothekerwaren  (drugs),  gesundheitsschädliche  Ver- 
änderung der  Atmosphäre,  schnelles  Fahren  und  Reiten,  schnelles  Fahren  mit 
Schiffen,  Aushängung  falscher  Lichter,  Zeichen  und  Bogen,  Beförderung  von 
Personen  gegen  Entgelt  auf  einem  überlasteten  oder  ungesunden  Schiffe,  Vor- 
nahme gefährlicher  Handlungen  auf  einem  öffentlichen  Land-  oder  Wasser- 
wege, fahrlässiges  Umgehen  mit  Giften,  Feuer,  Sprengstoffen,  Maschinen, 
Nachlässigkeiten   beim  Abreissen   oder  Ausbessem   von  Gebäuden    sowie  beim 


b.   Der  besondere  Teil.  —  §  16.   Religionsdelikte.   •  246 


Halten  von  Tieren.  Femer  werden  als  ,,Schädigung  des  Gemeinwohls"  auch 
die  folgenden  Thatbestände  in  diesem  Kapitel  behandelt:  Verkauf  u.  s.  w. 
unzüchtiger  (obscene)  Schriften,  Gemälde,  Figuren  u.  s.  w.  (Art.  292),  Singen 
oder  Aussprechen  unzüchtiger  Lieder  oder  Gedichte,  sowie  die  Annahme 
irgendeiner  Stellung  bei  einem  Lotterieunternehmer.  Der  Art.  292  bezieht  sich 
jedoch  nicht  auf  bildliche,  figürliche,  malerische  oder  anderweitige  Dar- 
stellungen an  oder  in  Tempeln  oder  an  Wagen,  die  zur  Beförderung  von 
Götzenbildern  bestimmt  sind,  oder  zu  anderen  gottesdienstlichen  Zwecken 
dienen.    Die  geschnitzten  Figuren  einiger  Hindutempel  sind  äusserst  unzüchtig. 

Die  einfache  Schädigung  des  Gemeinwohls  wird  mit  Geldstrafe  von  nur 
200  Rupien  bestraft.  Art.  143  Strafprozessordnung  ermächtigt  aber  gewisse 
Beamte,  jemandem  die  Wiederholung  derartiger  Handlungen  ausdrücklich  zu 
untersagen;  eine  trotzdem  erfolgte  Wiederholung  wird  alsdann  mit  Gefängnis 
bis  zu  6  Monaten  und  Geldstrafe  geahndet  (Strafgesetzbuch  Art.  291).  Weitere 
Vorschriften  über  die  Ermächtigung  zur  Verhinderung  schädlicher  Handlungen 
enthalten  Artt.  133,  144  der  Strafprozessordnung. 

Die  Verfälschung  von  Nahrungsmitteln  und  der  Verkauf  schädlicher 
Nahrungsmittel  ist  in  den  in  den  verschiedenen  Provinzen  geltenden  „Ge- 
meindegesetzen" (Municipal  Acts)  besonders  geregelt.  Vorschriften  über  die 
Handhabung  von  Waffen  und  den  Verkehr  mit  Sprengstoffen  enthalten  die 
Gesetze  I  von  1878  bezw.  IV  von  1884.  Die  indische  Fabrikordnung  (Indian 
Factories  Act  XV  von  1881)  enthält  Bestimmungen  über  die  Beschäftigung 
von  Kindern,  Sicherung  von  Maschinen,  Fabrikaufsicht  u.  a.  m.  „Fabrik" 
(factory)  ist  ein  Betrieb,  in  welchem  mechanische  Kräfte  verwendet  und 
mindestens  100  Personen  beschäftigt  werden. 

* 

10.   §  16.   ReUgionsdelikte. 

(Offences  relating  to  religion.    Kap.  XV.    Artt.  295 — 298.) 

Dieses  Kapitel  ist  trotz  seiner  Kürze  von  grosser  Wichtigkeit.  Die  Be- 
schädigung oder  Entweihung  einer  zum  Gottesdienste  bestimmten  örtlichkeit 
oder  eines  geweihten  Gegenstandes  in  der  Absicht,  die  Religion  irgendeiner 
Klasse  der  Bevölkerung  zu  beschimpfen,  wird  mit  Gefängnis  bis  zu  2  Jahren 
bestraft.  Andere  unter  dieses  Kapitel  fallende  Delikte  sind:  Störung  einer 
religiösen  Versammlung,  Beschädigung  von  Begräbnisplätzen,  Äusserung  von 
Worten  und  Lauten  in  der  Absicht,  das  religiöse  Gefühl  eines  anderen  zu 
verletzen. 

Die  Verfasser  des  Gesetzes  bemerken:  „Eine  sachliche  Erörterung  soll 
die  Ergründung  der  Wahrheit  fördern.  Verletzende  Äusserungen  dagegen  be- 
zwecken etwas  ganz  anderes.  Sie  können  sowohl  gegen  den  reinsten  Glauben, 
wie  gegen  den  verdammenswertesten  Aberglauben  gerichtet  sein  ....  Wenn 
diese  verletzenden  Äusserungen  sich  gegen  irrige  Ansichten  wenden,  so  haben 
sie  selten  eine  andere  Wirkung,  als  die  Meinung,  die  sie  bekämpfen  wollen, 
noch  zu  vertiefen  und  einen  gehässigen  Ton  in  die  theologische  Diskussion 
einzuführen.  Sie  dienen  nicht  der  Erforschung  der  Wahrheit  sondern  der 
Nährung  des  Fanatismus." 

Der  erste  Entwurf  des  Strafgesetzbuchs  enthielt  in  diesem  Kapitel  einen 
Artikel,  der  den  Versuch,  jemanden  der  Zugehörigkeit  zu  seiner  Kaste  ver- 
lustig gehen  zu  machen,  mit  Strafe  bedroht.  Als  Beispiel  war  angeführt,  dass 
jemand  zu  einer  für  einen  Brahmanen  bestimmten  Speise  Fleischbrühe  thut. 
Dieser  Thatbestand  fällt  jetzt  unter  Art.  355,  nach  dem  Angriffe,  die  in  ent- 
ehrender Absicht  verübt  werden,  strafbar  sind. 


246  Britisch-Ostindien.  —  n.   Das  Strafgesetzbuch  von  1860. 

11.   §  17.   Strafbare  HandluDgen  gegen  Leib  und  Leben. 

(Offences   affecting  the  human   body.     Kap.  XVI.     Artt.  299  —  377.) 

In  diesem  Kapitel  werden  nachstehende  Delikte  behandelt:  1.  Delikte 
gegen  das  Leben;  2.  Herbeiführong  einer  Fehlgeburt,  Kindesaussetzong,  Ver- 
heimlichung der  Niederkunft;  3.  Körperverletzung,  ungesetzliche  Freiheits- 
beschränkung, Freiheitsberaubung,  Nötigung,  Angriffe  gegen  die  Person; 
4.  Menschenraub,  Entführung,  Versetzung  in  Sklaverei,  unrechtmassiger  Zwang 
zur  Arbeit;  5.  Notzucht  und  widematOrliche  Unzucht. 

Schuldhafte  Tötung  (culpable  homidde).  „Eine  schuldhafte  Tötung 
verübt,  wer  den  Tod  eines  Menschen  dadurch  herbeiführt,  dass  er  Hand- 
lungen vornimmt  in  der  Absicht  ihn  zu  töten  oder  körperlich  so  zu  verletzen, 
dass  die  Verletzungen  den  Tod  voraussichtlich  zur  Folge  haben  werden,  oder 
Handlungen,  von  denen  er  weiss,  dass  sie  wahrscheinlich  den  Tod  zur  Folge 
haben  werden"  (Art.  199).  Der  so  definierte  Begriff  der  schuldhaften  Tötung 
deckt  sich  im  allgemeinen  mit  dem  des  Mordes  (murder);  doch  zählt  das 
Gesetz  (in  Art.  300)  fünf  Fälle  auf,  in  denen  eine  solche  kein  Mord  ist:  1.  bei 
Verlust  der  Selbstbeherrschimg  infolge  schwerer,  plötzlicher  Provokation;  2.  bei 
Überschreitung  des  Rechts  der  Notwehr;  3.  bei  in  gutem  Glauben  erfolgter 
Überschreitung  der  gesetzlichen  Befugnisse  durch  einen  Beamten;  4.  bei  plötz- 
licher, unter  dem  Einfluss  eines  leidenschaftlichen  Impulses  ohne  Vorbedacht 
(^remeditation)  erfolgter  Handlung;  5.  bei  Tötung  eines  Einwilligenden.  Ein 
besonderer  Abschnitt  des  Strafgesetzbuchs  behandelt  die  Tötung  durch  un- 
überlegte und  unvorsichtige  Handlungsweise.  Die  erheblichen  Verschieden- 
heiten zwischen  englischem  und  indischem  Eecht  sollen  durch  nachstehende 
Übersicht  veranschaulicht  werden: 

England:  Indien: 

A.   Mord  (murder).  A.  Die  als  Mord  geltenden  Fälle  der  schuld- 

haften Tötung  (culpable  homicide). 
IB.    Die   nicht   als   Mord   geltenden   Fälle 
der  schuldhaften  Tötung. 
C.    Tötung  infolge  unüberlegter  und  un- 
vorsichtiger Handlungsweise. 

1.  Einige  Handlungen,  die  in  England  als  Mord  gelten,  fallen  in  Indien 
unter  Klasse  B,  während  imigekehrt  Handlungen,  die  der  indischen  Klasse  A 
angehören,  in  England  nur  als  Totschlag  strafbar  sind. 

2.  Der  Zufall  bei  Begehung  einer  schuldhaften  Tötung  wirkt  in  Indien 
nicht  selten  völlig  strafausschliessend,  immer  aber  in  höherem  Grade  straf- 
mildernd (Art.  80)  als  in  England,  wo  er  nicht  berücksichtigt  wird,  wenn  die 
thatsächlich  gewollte  Handlung  eine  „felony"  ist.^) 

3.  Nach  englischem  Recht  bewirkt  die  nur  durch  Worte  erfolgte  Pro- 
vokation keine  Strafermässigung,  während  in  Indien  nach  Lage  des  Falls  zu 
entscheiden  ist. 

4.  In  England  bewirkt  gutgläubige  Überschreitung  des  Rechts  der  Not- 
wehr nicht,  wie  in  Indien,  dass  lediglich  Totschlag  als  vorliegend  angesehen  wird. 

5.  Die  Tötung  eines  Einwilligenden  ist  in  Indien  nur  Totschlag,  in  Eng- 
land Mord.  Das  Verbrennen  einer  Witwe  mit  dem  Leichnam  ihres  Gatten 
(suttee)  und  die  Tötung  im  Zweikampf  fallen  unter  Art.  300  No.  5. 


^)  A.  schiesst  auf  ein  Stück  Federvieh,  das  er  stehlen  will,  tötet  aber  durch  Zufall  B. 
und  macht  sich  damit  des  Mordes  schuldig.  So  ungeheuerlich  diese  Entscheidung  ist, 
so  entspricht  sie  doch  dem  geltenden  Recht.   Vgl.  Stephen,  Digest,  Art.  223,  S.167  Anm.  4. 


b.  Der  besondere  Teil.  —  §  17.  Strafbare  Handlungen  gegen  Leib  und  Leben.     247 


6.  Dass  der  Getötete  seinen  Verletzungen  binnen  bestimmter  Frist  er- 
liegen muss,  ist  in  Indien  nicht  Thatbestandsmerkmal.  In  England  muss  der 
Tod  binnen  einem  Jahre,  oder  nach  anderer  Ansicht  binnen  Jahr  und  Tag 
eintreten. 

Betrachten  wir  folgendes  Beispiel:  ein  Mensch  ist  unheibar  krank,  weiss 
dass  er  nicht  wieder  besser  werden,  aber  noch  Monate  lang  unter  entsetzlichen 
Schmerzen  leben  kann,  und  bittet  einen  Verwandten,  ihm  ein  schmerzlos 
wirkendes  Gift  in  Speise  oder  Trank  zu  geben.  Soll  man  letzteren,  wenn  er 
der  ernstlichen,  wiederholten  Bitte  des  Kranken  Folge  leistet,  mit  einem  Mörder 
auf  eine  Stufe  stellen?  Das  englische  Recht  bejaht  die  Frage  ^);  das  indische 
bestraft  ihn  wegen  vorsätzlicher  Tötung,  die  jedoch  kein  Mord  ist.  Die  un- 
garischen Juristen  haben  ein  Höchstmass  von  3  jährigem  Zuchthaus  für  aus- 
reichend gehalten  (Strafgesetzbuch  Art.  282);  das  Deutsche  Reichsstrafgesetz- 
buch (§216)  droht  Gefängnis  von  3 — 5  Jahren  an,  in  Holland  (Strafgesetzbuch 
Art.  293)  beträgt  das  Höchstmass  12  Jahre. 

Die  Verfasser  des  indischen  Strafgesetzbuchs  äussern  sich  folgender- 
massen:  „Der  Tötung  eines  Einwilligenden  fehlt  es  an  einer  sehr  wichtigen 
Eigenschaft  der  Verbrechen;  sie  ruft  keine  allgemeine  Rechtsunsicherheit  her- 
vor und  verbreitet  keinerlei  Schrecken  in  der  Bevölkerung  ....  Es  ist  uns 
nicht  unbekannt,  dass  zwei  oder  drei  auf  einander  folgende  nächtliche  Morde 
gentigen,  um  eine  Millionenstadt  für  mehrere  Wochen  in  Aufregung  zu  ver- 
setzen und  Familien  zu  veranlassen,  sich  mit  Waffen  und  Sicherheitsvor- 
richtungen zu  versehen:  wie  gross  müsste  wohl  die  Zahl  der  Selbstmorde  oder 
der  auf  freiwilliges  Verlangen  eines  Menschen  begangenen  Tötungen  sein,  die 
unter  den  Überlebenden  einen  ähnlichen  Schrecken  erregen  könnten?" 

Tötung  durch  einfache  Nachlässigkeit  (simple  Omission).  Nach 
Art.  32  des  Strafgesetzbuches  beziehen  sich  die  für  Handlungen  im  engern  Sinne 
(acts)  gegebenen  Vorschriften  auch  auf  ungesetzliche  Unterlassungen  (Ulegal 
omissions).  Um  ungesetzlich  zu  sein,  muss  eine  Unterlassung  entweder  den 
Thatbestand  einer  strafbaren  Handlung  bilden  oder  gesetzlich  verboten  sein 
oder  einen  civilrechtlichen  Schadensersatzanspruch  begründen.  So  würde  z.  B. 
derjenige,  der  es  unterlässt,  einen  Blinden  darauf  aufmerksam  zu  machen,  dass 
er  im  Begriff  ist,  in  einen  Abgrund  zu  stürzen  (Louisiana  Penal  Code,  Art.  483) 
sich  nach  indischem  Recht  einer  strafbaren  Unterlassung  nicht  schuldig  machen. 
Die  Verfasser  des  Gesetzes  missbilligen  die  Ansicht  Livingstons,  dass  jemand 
sich  der  Tötung  schuldig  macht,  wenn  er  es  unterlässt  ein  Leben  zu  retten, 
das  er  „ohne  persönliche  Gefahr  oder  Vermögensnachteile"  hätte  erhalten 
können.  Sie  führen  als  Beispiel  an,  dass  ein  Arzt  von  Calcutta  nach  dem 
Punjab  gerufen  wird,  um  eine  Operation  auszuführen.  „Er  würde  keinerlei 
Risiko,  sondern  nur  Vorteil  davon  haben,  wenn  er  dem  Rufe  Folge  leisten 
würde.  Aber  er  steht  gerade  im  Begriff  nach  Europa  abzufahren  oder  be- 
absichtigt, seine  mit  dem  nächsten  Schiff  ankommende  Familie  abzuholen  und 
weigert  sich  daher.  Sicher  darf  man  ihn  deshalb  nicht  als  Mörder  bezeichnen. 
Es  würde  widersinnig  sein,  jemanden  zu  bestrafen,  weil  er  nicht  drei  Monate 
in  Indien  bleiben  will,  um  einem  anderen  das  Leben  zu  retten,  dagegen  einen 
anderen  völlig  straflos  zu  lassen,  der,  obwohl  er  sehr  vermögend  ist,  sich 
weigert,  einen  Anna  zu  opfern,  um  einem  Mitmenschen  das  Leben  zu  retten. 
Andererseits  giebt  es  Fälle,  in  denen  es  angebracht  erscheint,  jemanden  als 
Mörder  zu  bestrafen,  weil  er  den  Tod  eines  Menschen  durch  Unterlassung 
(»iner  Handlung  verursacht  hat,  die  ohne  persönliche  Gefahr  oder  Vermögens- 
nachteile   nicht    hätte    ausgeführt   werden    können."      In    einigen    Strafgesetz- 


*)  Vgl.  R.  V.  Sawyer,  1  Riiss.,  C.  und  M.,  670. 


248  Britisch-Ostindien.  —  II.  Das  Strafgesetzbuch  von  1860. 


büchem  wird  die  Verursachung  des  Todes  eines  Menschen  durch  Unterlassung 
als  Übertretung  angesehen.^) 

Artt.  305 — 309  bedrohen  Anstiftung  und  Beihülfe  (abetment)  zum  Selbst- 
mord, versuchten  Mord  und  versuchten  Selbstmord  mit  Strafe.  Verworfene 
und  pflichtvergessene  Frauen  fingieren  in  Indien,  ebenso  wie  in  China,  oft 
Selbstmordversuche,  um  ihre  Männer  zu  erschrecken  oder  einzuschüchtern. 

Das  Verbrechen  des  „thuggre"  wird  mit  lebenslänglicher  Verbannung 
bestraft.  Ein  „thug"  ist  ein  Mensch,  der  sich  mit  einem  oder  mehreren 
anderen  zur  gewohnheitsmässigen  Begehung  von  Raub  oder  Kinderdiebstahl 
mittels  oder  in  Verbindung  mit  Mord  vereinigt  hat. 

Die  Herbeiführung  einer  Frühgeburt  (causing  miscarriage)  wird,  wenn 
sie  nicht  in  gutem  Glauben  erfolgt,  um  das  Leben  der  Schwangeren  zu  retten, 
mit  Gefängnis  bis  zu  3  Jahren,  und  wenn  die  Person  hochschwanger  (quick 
with  child)  war,  mit  solchem  bis  zu  7  Jahren  bestraft  (Art.  312).  Auch  die 
Schwangere  selbst  macht  sich  strafbar.  Aussetzung  oder  völliges  Verlassen 
eines  Kindes  unter  12  Jahren  wird  mit  Gefängnis  bis  zu  7  Jahren  bestraft; 
doch  wird  der  Thäter  gleich  einem  Mörder  oder  dem  Urheber  einer  vorsätz- 
lichen Tötung  bestraft,  wenn  der  Tod  des  Kindes  infolge  der  Handlungsweise 
eingetreten  ist  (Art.  317).  Art.  318  bedroht  die  Verheimlichung  der  Nieder- 
kunft  durch  Beiseiteschaffung   des  Leichnams  eines  Neugeborenen  mit  Strafe. 

Bezüglich  der  Vorschriften  über  den  Thatbestand  der  Abtreibung  sagen 
die  Verfasser  des  Gesetzes,  dass  dieses  Verbrechen  in  Indien  zu  den  ge- 
meinsten Zwecken  benutzt  wird.  „Die  Abtreibung  gehört  zu  den  Delikten, 
die,  selbst  wenn  sie  nicht  voll  bewiesen  sind,  leicht  auf  dem  Schilde  der 
Familienehre  einen  Flecken  zurücklassen.  Die  Möglichkeit,  wegen  einer  solchen 
That  eine  falsche  Anschuldigung  zu  erheben,  ist  deshalb  in  der  Hand  ge- 
wissenloser Menschen  eine  furchtbare  Waffe.  Auch  bei  der  sorgfältigsten 
Rechtspflege  wird  dieser  Teil  des  Gesetzes  nur  zu  wenigen  Verurteilungen 
Anlass  geben,  dagegen  viele  angesehene  Familien  in  Trauer  und  Angst  ver- 
setzen und  eine  ergiebige  Einnahmequelle  für  den  Abschaum  der  mensch- 
lichen Gesellschaft  bilden."  Die  Strafprozessordnung  stellt  die  Abtreibung  in 
die  Klasse  der  „non-cognizable  offences",  d.  h.  derjenigen  Delikte,  bei  denen 
die  Polizei  eine  Verhaftung  nur  auf  Grund  eines  Haftbefehls  (warrant)  vor- 
nehmen darf. 

Die  strafbaren  Handlungen  gegen  den  menschlichen  Körper,  deren  Be- 
trachtung sich  noch  erübrigt,  sind:  Körperverletzung,  ungesetzliche  Freiheits- 
beschränkung, Freiheitsberaubung,  Nötigung,  Bedrohung,  Menschenraub  und 
Entführung,  Verschleppung  in  Sklaverei,  unrechtmässiger  Zwang  zur  Arbeit, 
Notzucht  und  widernatürliche  Unzucht. 

Die  Körperverletzung  (hurt)  wird  (in  Art.  319)  definiert  als  die  Ver- 
ursachung von  körperlichem  Schmerz,  Unbehagen  oder  Krankheit.  Schwere 
Körperverletzung  (grievous  hurt,  Art.  320)  ist  diejenige,  welche  den  Verlust 
eines  Sinnes,  eines  Gliedes,  dauernde  Entstellung  des  Angesichts  oder  der  Gestalt, 
Bruch  oder  Verrenkung  eines  Knochens  oder  Verlust  eines  Zahnes  bewirkt, 
oder  das  Leben  des  Verletzten  gefährdet  oder  ihn  für  20  Tage  unfähig  macht, 
seiner  gewöhnlichen  Beschäftigung  nachzugehen  (Art.  320).  Die  Zufügun^ 
einer  Körperverletzung  in  der  Absicht,  Vennögensstücke  oder  ein  Geständnis 
zu  erpressen,  oder  einen  öffentlichen  Beamten  von  der  Erfüllung  seiner  Pflicht 
abzuschrecken,  wird  mit  verschärfter  Strafe  belegt.  Nach  dem  Wortlaut  des 
Gesetzes  macht  sich  der  Körperverletzung  schuldig,  wer  „einer  Person"  („to 
any  person")  körperlichen  Schmerz  verursacht.     Es  ist  zweifelhaft,  ob  hiermit 


*)  Vgl.  z.  B.  Holländisches  Strafgesetzbuch,  Art.  450. 


b.  Der  besondere  Teil.  —  §  17.  Strafbare  Handlungen  gegen  Leib  und  Leben.     249 


auch  die  eigene  Person  des  Thäters  gemeint  ist.  lu  den  Ländern,  in  denen 
eine  Aushebung  zum  Militärdienst  stattfindet,  ist  meines  Erachtens  die  Selbst- 
verstümmelung stets  strafwürdig.  Den  Fall  der  körperlichen  Züchtigung  durch 
Eltern,  Erzieher  und  Lehrer  erwähnt  das  Gesetz  nicht. 

Ungesetzliche  Freiheitsbeschränkung  und  Freiheitsberaubung 
(wrongful  restraint  and  wrongful  confinement).  In  England  bildet  nur  die 
Freiheitsberaubung  eine  selbständige  Strafthat;  die  einfache  Freiheitsberaubung 
(restraint,  Art.  339)  ist  nur  strafbar,  wenn  sie  mit  Bedrohung  verbunden  ist 
oder  einen  Fall  der  Schädigung  des  Gemeinwohls  (public  nuisance)  oder  der 
böswilligen  Eigentumsbeschädigung  (malicious  injury  to  property)  bildet.  Un- 
gesetzliche Freiheitsbeschränkung  (Art.  340)  liegt  vor,  wenn  man  jemand 
hindert,